vor wem sollte ich mich fürchten?!

Nothing for Tears

Beerdigungsansprache über Ps 27,1

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

für

Gloria von Schubert

03.08.2019

von Pfarrer Matthias  J e n s

Gefragt, wie lange sie noch zu leben gedenke, antwortete Gloria in ihrem 96. Lebensjahr: meine gegenwärtige Lektüre ist so hinreißend, dass ich dieses Buch gern noch zu Ende lesen möchte. Dieser Wunsch verrät nicht nur etwas über ihre geistesgegenwärtige Selbsteinschätzung, ihren feinen Humor, sondern sagt vor allem aus, wie sehr ihr Leben durch die Literatur bestimmt worden ist. Und dies nicht nur in den Jahren, in denen durch Krankheit und Alter ihr Aktionsradius eingeschränkter geworden war und Literatur das Fenster zur Welt bedeutete, sondern von Kindesbeinen an spielt die Welt der Bücher eine entscheidende Rolle in ihrem Leben.

Das kam so.

Gloria wurden ihren Eltern Lally und Fred Horstmann am 21.11.1923 geboren. Sie blieb deren einziges Kind. Und während die Eltern in Berlin am Steinplatz residierten, verbrachte die kleine Gloria sehr viel Zeit bei den Großeltern von Schwabach im Knobelsdorff-Palais in Kerzendorf. Dort fühlte sie sich geborgen, dort erlebte sie glückliche Monate und Sommer, und noch über ihrem Sterbebett hing ein fotografisches Abbild des Gutshauses, wie sie es auch mit Kinderaugen in ihr Herz aufgenommen hatte. Der Ort war zu ihrem Arkadien geworden und blieb bis zum Einzug in Grünhaus ihr Sehnsuchtsort.

Als Tochter eines Botschafters lernte sie schon früh die Regeln des Gesprächs kennen und verstand es seither, eine einbindende Konversation zu führen. Bald schon nicht nur auf deutsch, sondern ebenso auf englisch und französisch, später auch noch auf schwedisch, in jeder dieser Sprachen so bewandert, als sei es ihre Muttersprache.

Geübt für fremde Sprachen war ihr Ohr auch durch die Aufenthalte der Familie in anderen europäischen Ländern. Der Vater war als Diplomat in Brüssel und später nach Lissabon entsandt. Die Villen und Strände von Cascais waren der neun- bis elfjährigen Gloria geschätzte und ebenfalls unvergessene Spielgründe.

So war die Welt von Gloria nun tatsächlich polyglott, denn ihre Mutter, Lally Horstmann, geb. von Schwabach las Literatur grundsätzlich in der Zunge des Autors und gab dieses Erbe an ihre Tochter weiter. Der literarische Salon der Mutter lebte gleichsam in der Literaturbegeistertheit der Tochter weiter, die sie es später schätzte ihrem Mann vorzulesen und dieser ihr, und die eben tatsächlich bis in ihre letzte Lebenswoche anhielt.

Die Kehrseite der Lebenswelt ihrer Eltern ist aber, dass die Botschaftergattin kaum Zeit für ihre einziggeborene Tochter hatte. Sie kümmerte sich um den eigenen Berliner Salon, schätzte und bereicherte gleichzeitig die diplomatische Gesellschaft, führte mit ihrem Mann ein gastfreundliches Haus sowohl in Berlin als auch nach 1942 auf dem Landsitz in Kerzendorf, folgte gesellschaftlichen Einladungen, sammelte Kunst und las. Konversation, Beziehungsnetzarbeit, Kunstbetrachtung, davon verstand sie viel. Muttermilch dagegen, körperliche Wärme und Nähe, Annahme aber hatte sie nicht zu vergeben. Im Buch der Mutter über die bittersten deutschen Jahre kommt ihre Tochter Gloria nicht vor. Diese ging im wahrsten Wortsinn mutterseelenallein zur Blinddarmoperation, einhundert Reichsmark im Schuh versteckt. Denn die Mutter, die Bankierstochter, war ein Kind der Kaiserzeit und von deren Vorstellung von Bildung und Kindererziehung geleitet. Solche Dinge delegierte man an die Amme, an das Kindermädchen, die Erzieherin. Denn Kinder sind nach dem preußischen Erziehungsbild kleine Erwachsene, die beim Klang der Marschmusik nur noch zu dem gemacht werden müssen, was sie bereits angeblich sind. 

So erfolgte für Gloria die erste Bildung in der Privatschule von Fräulein Mommsen, der Tochter des Philosophen; später besuchte sie das Caecilien-Gymnasium in Charlottenburg. Die anderen Bedürfnisse lagen in der Obhut der Erzieherin Hedwig Oldag. Hübsch bettfertig gemacht, war das höchste der Gefühle nicht der Gutenachtkuss, so erinnerte sich Gloria an die abendliche Zeremonie, sondern ein Knicks in Richtung der Eltern. Konsequenter Weise war es Hedwig Oldag, die Gloria später mit nach Schweden nahm; von ihr sprach sie immer mit glaubwürdigster emotionaler Verbundenheit.

So liegt es nahe, dass zunächst das junge Kind, später die junge Frau ihr soziales Leben wärmer, anregender durch die Figuren ihrer Bücher machte. Literaturbegegnungen brachten sie ins Gedankengespräch mit den Protagonisten. Diese wurden ihr zu einem Gegenüber, zu lebendigen Teilnehmern an ihrem Leben, so wie sie, bedingt durch die schmerzlichen Lücken, die die abwesenden Eltern offen ließen, in die Lebenswelt der literarischen Figuren schlüpfte, mit den Helden litt und siegte. Fleischerne Gesprächspartner sah sie umgekehrt gern auch durch die Brille ihrer literarischen Bewandertheit. Ihr Kosmos war durch die Literatur größer geworden, ihr Herz bewohnter. 

Tatsächliche Schicksale aber verschwisterte sie mit der lebhafteren Bühne ihrer Helden. Sie pflegte sich schnell ein Bild von Menschen zu machen. Schnell einerseits durch ihre erfahrene Auffassungsgabe, das geübte gesellschaftliche Auge, andererseits aber auch, weil sie die offen gebliebenen Aussagen und Abschnitte mit ihrer Fantasie füllte. Es gehörte schließlich zu dem trainierten Repertoire ihrer professionellen Gesprächsführung, dass sie von Begegnungen in den buntesten Farben zu berichten verstand. Da entstanden dann Portraits, in denen sich die Beschriebenen nicht immer wiederzufinden vermochten. 

Gehörte Erzählungen wurden lebendiger, dramatischer ausgestaltet wurden. Sie ergänzte ihr fragmentarisch gebliebene Bilder von anderen.

Es mag Familienmitglieder geben, die glaubten, sie würden von ihr gegeneinander ausgespielt. Ich bin aber überzeugt, dass der literaturbegeisterten Gloria das Zusammenleben wie ein Stück von Moliere erschien, durch die Würze ihrer Fantasie erst recht lebens- vielleicht sogar aufführenswert vorkam.

Denn Gloria erlebte das gastfreundliche Elternhaus, später die Berliner Salons als große Bühne. Und in ihrer eigenen Familie führte sie dann gern auch mal die Regie.

Bekanntlich sind die Kriegsberichte Betroffener immer von so mitreißender Lebendigkeit, weil sich der Herzschlag der Erzähler bei den Gedanken an ihre Widerfahrnisse selbst erhöht. So konnte ich es auch bei Gloria erleben.

Aus dem von den Russen fast eingenommenen Berlin flüchtete sie in einem Fahrzeug, das Goldreserven gen Westen zu evakuierten hatte. Sorgsam war Treibstoff gehortet und zusammengetragen worden. In aller Heimlichkeit erfolgte die Abreise. Allein – der Wagen war überladen, die Achse brach. Der Fahrer brachte die junge Gloria in einer Gastwirtschaft unter, versprach, sie nach erfolgreicher Reparatur wieder auszulösen. Die Minuten kamen ihr wie Stunden vor und es waren tatsächlich einige Stunden, ehe der gedanklich bereits aufgegebene Chauffeur tatsächlich wieder auftauchte und sie Richtung Hannover weitertransportierte; eine Flucht, die in Brüggen vorübergehend glücklich strandete im zunächst noch leeren Haus der Familie von Cramm. Bald schon sollte es überfüllt sein vom Strom der Flüchtlinge, viele aus dem Osten.

So wie es dann auch in Grünhaus war als Gloria und Andreas von Schubert dort ihre Familie gründeten.

Andreas kannte sie schon aus ihren Kindertagen. Er war ein langjähriger Freund, der ihr in den Kriegstagen näher kam. Spaziergänge im Tiergarten. Durchtanzte Nächte. Das allgegenwärtige Pervitin kostete die Ledersohlen manches Tanzschuhpaares. Man war sich bewusst, dass es der Tanz auf dem Vulkan war. Unabhängig voneinander erzählten beide von den unvergessenen Begegnungen, aber auch der unvergesslichen Prägung durch die Bombennächte in Berlin. Beide konnten den späteren Sylvesterlärm nicht von den Bildern der brennenden Hauptstadt trennen und mieden, wenn möglich, das laute Geschehen zum Jahreswechsel. Zu Fuß sei er durch die zerstörte Stadt geirrt, um Gloria aufzusuchen und glücklicherweise jedesmal unversehrt am Steinplatz und anderen Wohnorten zu finden.

Doch Andreas wurde Soldat und die Kontakte reduzierten sich auf Feldpostbriefe.

Zu Glorias Flucht gehört nicht nur die aus dem unter Beschuss stehenden, aus dem ruinierten Berlin, sondern auch die aus den unbeholfenen Händen ihrer Mutter. Sie schrieb Briefe an die Söhne einer befreundeten Diplomatenfamilie. Einer der beiden Männer fühlte sich angesprochen und kam zu Besuch an die Spree. Durch die Freundlichkeit eines französischen Generals durfte der junger Schwede drei Tage nach Berlin einreisen. Der französische General traute das junge Paar am 15. September 1947 standesamtlich. Glorias Mutter konnte an der Zeremonie nicht teilnehmen, sie lag an Typhus erkrankt im Seuchenhaus. 

Das junge Ehepaar reiste nach Schweden aus. Axel Edelstam, ein schöner Mann und ein geistreicher Erzähler, bot der gerade 23-Jährigen nicht nur eine Scholle ersehnten Friedens sondern er sprach auch deren geistige Welt gekonnt an. Und Gloria ihrerseits ist die Frau gewesen, die stets das Positive sah, sich sodann entschieden in diese Richtung auf den Weg machte. Bald schon wurde die Frucht der jungen Liebe geboren. Ellinor kam am 30. Juni 1948 auf die Welt.

Die Familie weiß, wie sehr Gloria die Zeit im Gut Älfsjö schätze, wie sie die dortige Familie mochte und wie herzlich sie aufgenommen wurde; sie weiß aber auch, warum Gloria Schweden bereits nach zwei Jahren verließ und ein Jahr getrennt von Tisch und Bett in Hamburg verbrachte. Danach galt sie als geschieden und Andreas von Schubert tauchte wieder auf, er hielt um ihre Hand an und beide heirateten am 15. März 1951.

Prosaisch schreibt Gloria in ihren biographischen Notizen in der dritten Person von sich: „In Deutschland holte sie Andreas von Schubert als seine Frau nach Grünhaus … Hier wurde ihr Sohn Carl … und ein Jahr Später ihre jüngste Tochter Andrea geboren“.

Diese ihre Auflistung von Lebensstationen wird dem bunten Leben in Grünhaus nicht gerecht. Verschweigt das Gedränge im Schloss ob all der hierher in den Westen geflüchteten ehemaligen Gutsbesitzer und Bekannten, rührt nicht an die Zeit der französischen Besatzung mit all den Erlebnissen, die inzwischen zu Anekdoten geraten sind und besonders gern von Andreas zum besten gegeben wurden. Die knapp zweiseitige Biographie überspringt ihre kurze Studienzeit in Göttingen, sie verschweigt den tragischen Hintergrund, warum sie nun doch mit Andreas an die Ruwer ziehen kann. Sie lässt das Leben und Gedeihen der Familie unerwähnt, die hier wuchs. All deren Abenteuer und Anekdoten. Sie summiert lediglich buchhalterisch. „Über 60 Jahre lebte Frau von Schubert in Grünhaus. Sie hat 12 Enkel und 12 Urenkel“. Das sind biblische Zahlen, die vom Segen in ihrem Leben sprechen.  Und lassen uns noch einmal auf den Psalm selbst hören

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meins Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

Denn tatsächlich widerfuhr Gloria bei allem äußeren Unbill Bewahrung, gelang ihr immer der glückliche Ausweg in schwieriger Situation, tatsächlich hielt jemand die Hand bewahrend über sie und schenkte ihr Jahre weit über das ebenfalls biblische Maß von „unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig“.

Denn er segnete sie mit einer zuversichtlichen Haltung, die der Volksmund am besten auf den Begriff bringt mit dem Satz: Hilf dir selbst – dann hilft dir auch der liebe Gott.

So wie innere Haltung und glückliche Fügung ein Bündnis zu ihren Gunsten eingingen, so schloss sich auch rein äußerlich ihr Lebensring zu einem abgerundeten Ganzen.

Die Erinnerungsbilder an das „gemütliche Landhaus“ (wie sie es nannte) von Kerzendorf durften die Brücke schlagen zum Schloss Grünhaus. Das in Jugendtagen vermisste Familienleben gedieh um so lebendiger hier bei Mertesdorf.

Und so konnte sie am Ende tatsächlich mit Mörike danken, beten und loslassen:

Wie heimlicher Weise

Ein Engelein leise

Mit rosigen Füßen

Die Erde betritt,

So nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, ihr Frommen,

Ein heilig Willkommen …

In Ihm sei´s begonnen,

Der Monde und Sonnen

An blauen Gezelten

Des Himmels bewegt.

Du Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

Sei alles gelegt!