Gleich zu gleich – oder Unterschiede ziehen sich an

Trauansprache über 1. Joh 3, 18

Lasst uns nicht lieben mit Worten und mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit

für

Tine und Roman

Wuppertal-Cronenberg, 22. Juni 2019

Zur Auslegung des Trauspruchs darf ich erst einmal Atemholen. Denn es ist ein Partnerschaftsspruch, der auch gut ein ganzes Lebensmotto abgäbe! Nicht in süßen zu säuseln oder in wichtigtuerischen Worten zu schwadronieren, gar falsche Versprechen abzugeben, sondern im ganzen eigenen Verhalten glaubwürdig aufzutreten, eben Taten sprechen zu lassen, die für die Einstellung sprechen. Ein konsequentes Verhalten mit ethischem Fundament – soetwas nennen wir wahrhaftig.

Mit der Entscheidung für diesen Trauspruch im Gepäck kamt Ihr schon zum Vorbereitungsgespräch. Ihr wart Euch einig. Ein starker Aufschlag sozusagen.

Denn sagt der Volksmund nicht „Liebe macht blind“? Liebe Gemeinde, so wahr der Volksmund sonst spricht, so hilfreich es seit Martin Luther ist, dem Volk aufs Maul zu schauen, so klärend und abkürzend es sein kann, mit Volksmundwendungen zu sprechen – hier irrt er!

Liebe macht nicht blind. Verliebtsein macht blind. Es sieht nicht den anderen. Es sieht sich selbst. Fiebert seinen ErgänzmichDu entgegen. Und heißt es nicht, der Verliebte sehe alles durch eine rosarote Brille, also nicht wirklichkeitsgemäß?

Liebe dagegen macht sehend. Sie sieht den anderen so, wie er ist. Sie sieht ihn mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Du, Tine, siehst Roman und schätzt ihn richtig ein, wenn Du meinst, er sei ein Planer, jemand, der gern Entwürfe von seinem Leben, den nächsten Schritten macht, und der sich bevorzugt in ihnen einrichtet. Das gibt ihm Sicherheit. Die Wirklichkeit lieber erst einmal programmatisch skizzieren statt kopflos in unüberschaubare Abenteuer zu stürzen. Er verharrt und schätzt die ruhige Betrachtung. Ein typischer Aquarianer. Als Konstrukteur gelingt es ihm, mögliche Wirklichkeit aufs Papier zu bringen. Die skizzierte Möglichkeit erfüllt ihn und genügt ihm. Aufbruch in andere Welten ist eher nicht seins. Er ist in seinen vertrauten Radien zielstrebig und ein vorbildlicher Arbeiter.

Für ihn ist dieser Trauspruch wie maßgeschneidert und gleichzeitig wie ein Motto.

Du, Roman, siehst Tine und schätzt sie ebenfalls richtig ein, wenn Du ihre Neugier, Experimentierfreudigkeit, ihre Ungeduld auch und ihre plötzliche Eruptivität siehst. Sie kann launisch sein und auf jeden Fall spontan. Sie geht bei weitem nicht so planvoll und vorausschauend mit Geld um wie Du. Ihre Wohnungseinrichtung wird ihr nach kurzer Zeit schon wieder langweilig und sie beginnt alles umzuräumen. Möglichkeiten, Varianten fordern sie heraus. Also keinesfalls ein ruhiger Angler oder Aquarianer. Sie muss in Bewegung sein, im Aufbruch. Jeden Tag ein neues Ziel, das wäre ihr gerade recht. Aufbruch in andere Welten liebt sie.

Australien ist gerade weit genug gewesen als sie sich 2012 auf den Weg begab. Sie zieht große Kreise und bewegt sich leidenschaftlich in ihnen. Für sie ist der Trauspruch eine Landkarte. Er markiert ein Ziel und führt auf die bewegte Wanderung hin zur Wahrhaftigkeit.

Liebe macht sehend! Ihr seht einander jeweils so, wie Ihr seid.

Dabei seid Ihr so unterschiedlich. Jeder ganz anders. Hier könnte nun der Volksmund recht haben, wenn wir ihn zitieren: Gegensätze ziehen sich an.

Der Philosoph Platon nennt ein Unternehmen wie Eures kalos ho kindünos, eine schöne Herausforderung. Dazu lässt er seinen Lehrer Sokrates einen wunderbaren Mythos erzählen, dem vom Kugelmenschen. In Urzeiten sei der Mensch androgyn gewesen, hätte beide Geschlechter in sich vereint; und sei darum glücklich und ausgeglichen gewesen. Habe in sich geruht. So sehr, dass er es nicht für nötig hielt, die Götter um etwas zu bitten und ihnen vor allem deswegen auch nicht opferte. Diese, darüber erzürnte, hätten diesen Kugelmenschen zerschlagen, mit einem Hieb in zwei Hälften getrennt, eine weibliche und eine männliche. Seither suche der Mensch seine andere Hälfte, bliebe von der Sehnsucht nach dem anderen getrieben und strebe nach Vereinigung.

Und tatsächlich: Ihr ergänzt Euch. Du, Roman, bist Tines Ruhepol, Du erdest sie. Du, Tine, belebst Roman, lockst ihn hinaus in die Welt, so wie er Dir umgekehrt Heimat gibt.

„Aus dem Häuschen sein“, das kann er mit Deiner Hilfe, wie gut, dass Du so mitreißend bist.

Du hast seine Zielstrebigkeit als weiterführend erfahren. Seine Methodik als vorbildlich erkannt und in den Zeiten des Referendariats für Dich selbst übernommen.

Ihr beiden ergänzt Euch nicht nur vorteilhaft – im Wort steckt noch einmal wunderbar der Gedanke des platonischen Mythos „ein Ganzer werden“ drin. Vor allem habt Ihr dieselbe Sprache. Ohne diese nämlich kein Verstehen. Ohne sie kein Verständnis füreinander. Mit ihr schwimmt Ihr wie Romans Fische im selben Medium: dem Sport. Genau gesagt der Handballleidenschaft.

Nicht zufällig seid Ihr Euch in einem ähnlichen Umfeld 2012, beim Beachvolleyball nämlich zum ersten mal begegnet.

Kameradschaft (!) könnte das rechte Verständnis dafür öffnen, was es mit der „Wahrhaftigkeit“ in Eurem Trauspruch auf sich hat. Die Tugenden der Kameradschaft wollen buchstabieren, warum es in gelingendem Miteinander geht. Wollen Euer Beziehungsmantra sein und bleiben.

Denn Kameradschaft mußt auf dem unzeitgleichen Ausgleichen. 

Damit ist gemeint, dass mal der eine die Nase vorne hat, mal der andere mit einem Trainigsvorsprung zum Zugpferd wird. Mal der einen den anderen aufbaut, dann wieder der andere den einen trägt – oder einfach auch erträgt.

Mal heißt es bei Euch „los jetzt!“ und Du ziehst ihn aus dem Haus. Mal lädst Du sie in eheliche Häuslichkeit.

Nun könnten Sie alle fragen: gibt es denn kein Rezept, keine Faustformel für den Bestand einer Ehe? Kann man denn keine Überschrift setzen über all das mögliche Hin und Her. Da ist doch noch zu viel offen. So eine Universalformel, die man in fraglichen Stunden beschwört …

(Seiltrick)

1. Ist es die Schnittmenge der Hobbies, der Interessen, der Ähnlichkeiten?

2. Oder sind es die Unterschiede, die sich ergänzen und mit denen beide einander aufhelfen?

3. Oder ist es eben genau diese Wahrhaftigkeit, dass nämlich die Taten und die Worte nicht auseinanderfallen?

1. Also die Gemeinsamkeiten und das Verstehen.

2. Oder das gegenseitige Ergänzen.

3. Oder die Liebe, die immer ganz konkret gelebt werden will …

(Seiltrick wird aufgelöst)

Alle drei sind gleich wichtig! Ehe ist keine Hexerei. Amen.