Ich weiß, dass ich nichts weiß

Predigt über Spr. 9, 1 – 9

Die Weisheit hat ihr Haus bestellt, hat es auf sieben Säulen errichtet. Sie hat geschlachtet und den Wein bereitet, sie hat die Tafel geschmückt und die Mägde ausgesandt, zu rufen oben von den Höhen der Stadt: „Wer noch unverständig ist, der kehre hier ein!“, und zum Toren spricht sie: „Komm, iss von meinem Brot und probiere jenen Wein, den ich gemischt habe! Verlasset die Torheit, so werdet ihr leben; geht auf dem Pfad der Klugheit!“ Die Weisheit ist Anfang der Furcht des Herrn, und den Heiligen erkennen, das ist Verstand.

Vielleicht gehören Sie zu den Schlagfertigen? 

Ich nicht. Wie oft gelingt mir die richtige Verpackung der Worte nicht, die zu sagen sind. Zu plötzlich der Anspruch, zu wenig die Zeit zum Überlegen, zu emotional die erste Reaktion.

Mir gefällt diese Bildrede Salomos über die gastfreundliche Frau Weisheit, weil sie mich an etwas erinnert. Wie wichtig es ist, wie eine Sache daherkommt: wiebestimmte Worte gesagt werden.

Obwohl der Sammler der Weisheitsgeschichten, König Salomo, selbst als Inbegriff der Weisheit gilt, man merke auf: die Weisheit wird von einer Frau personifiziert. Weisheit ist weiblich. Sie bereitet so vorausschauend vor, sie lädt so unwiderstehlich-wirksam ein, sie dekoriert alles so liebevoll, lobt die Bibel.

So werbend möchte auch ich reagieren können.

Offensichtlich kann man am Tisch der Frau Weisheit einiges für sich mitnehmen. Bekanntlich ist man, was man isst. „Du bist, was du isst.“

Vom Lernen ist die Rede. Davon, mich einladen zu lassen, um zu wachsen. Weise Leute sagen: Du musst erst drei mal tief durchatmen ehe du reagierst. Dies schenkt dir Zeit. Nimm dir die Zeit.

Tatsächlich: wer meint, nichts mehr lernen zu können, dem fehlt die Weisheit.

Erstaunlicherweise begegnet es mir oft bei alten Menschen, dass sie nichts mehr verändern wollen, meinen, es müsste so gehen, wie es schon immer gegangen ist. Ein Starrheit, der geradezu als Definition des Alters herhalten kann. Und den Alten wird Weisheit zugesprochen? Ein Automatismus, der an der Festtafel der Frau Weisheit noch einmal zu diskutieren wäre.

Mir gefällt dem gegenüber die Bescheidenheit des Athener Philosophen Sokrates, der immer wieder eingestand: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Unsere heutige Perikope predigt in seinem Sinne als erstes: Seid klug genug zu erkennen, dass ihr noch nicht klug genug seid!

Verblüffend, solche Weisheit. Wie die von Jesus, der oft so ganz anders reagiert, als wir es für gewöhnlich tun. Jesus, mit seiner sogenannten paradoxen Intervention, die ganz unvermutet dem Schläger die andere Wange darbietet; der damit Teufelskreise aufbricht und eben hilft, das Gewöhnliche zu verlassen.

Ein Verhalten, das die Welt verändert.

Und wie nötig hat diese Welt solche Klugheit. Unverhohlen ist die aggressive Machtpolitik der Stärkeren. Egal welcher Couleur. Die einen verleiben sich Teile der Ukraine und die Krim ein, die anderen drohen einer der ältesten Kulturen der Menschheit, dem Iran, einen Angriffskrieg an.

Nimm dir was, so hast´e was, heißt es kritisch bei Wilhelm Busch. Bis heute ist diese Seitenblickkultur das Ferment von Frau Torheit, die als Gegenpol der Weisheit in den folgenden Versen einlädt: „Gestohlenes Wasser ist süß, und heimliches Brot schmeckt fein.“

Wie gut täte der ganzen Welt die Klugheit Jesu. In der Politik wurde sie oft deutlich und gelebt durch die Geduld, das Warten auf Solidarität und die Friedfertigkeit Mahatma Gandhis. Einer, der wie der Mann aus Nazareth gewiss war: das Schönste kommt am Schluss.

Das ist die Verheißung, die mit der Einladung der Frau Weisheit an uns ergeht. Ihr werdet das Leben finden! Weniger nicht.

Leben heißt, in Beziehungen zu leben. Heißt gelingendes Miteinander. 

Vielleicht gehören Sie zu den Schlagfertigen. Aber vielleicht haben sie auch schon erfahren, wie gut es Beziehungen tut, wenn wir erst einmal nachdenken.

Diese Pausen schenken den Heiligen Geist. Weisheit und Geist, das hat miteinander zu tun:

dem guten Gedanken eine Chance zum Kommen zu geben;

der angemessenen Reaktion einen zweiten Gedanken zu widmen;

Fragen zuzulassen wie:

habe ich wirklich richtig gehandelt?;

oder besser noch die:

Wo drückt mein Gegenüber der Schuh?

Du bist, was du isst. Vom Brot des Lebens gern zu nehmen, heißt jemand zu sein, der das Leben auch rezeptiv versteht. Nicht immer alles machen müssen, sich durchsetzen – sondern auch geschehen lassen können. Dem Heiligen Geist die Möglichkeit zu geben zu wirken.

In unserer Welt scheiden sich an dieser Alternative die Geister. Die einen nennen solches Verhalten dumm – die anderen weise.

Je nach Weltanschauung. Je nach spiritueller Ausrichtung. Je nach eigener Positionierung.

Dafür hätten Sie gern eine Entscheidungshilfe? Kriterien?

Liebe Gemeinde, wahre (!) Religion allein schenkt Kraft, uns zu verändern. Wenn Sie dieses Potential in der Einladung der Frau Weisheit erkennen, dann haben Sie die richtige Antwort gefunden. Amen