Konfirmanden an die Quelle!

Konfirmationsansprache über „Wasser des Lebens“, 2019

Ich habe hier eine Flasche „Aquavit“ mitgebracht. Große Feste laden auch gern dazu ein, sich miteinander zuzuprosten. Allerdings geht es bei dieser Flasche nicht um den Inhalt, sondern zunächst nur um den Namen auf dem  Etikett. Und um das zu entziffern brauche ich – so wie überhaupt in diesem Teil des Gottesdienstes – Helfer. Wir brauchen hier, um weiterzukommen, einen Lateiner. Wer kann Latein?

Gut: Aquavit heißt also Lebenswasser.

Es gibt also Getränke, von denen hat man tunlichst eine kleine Reserve im Apothekenschrank. So haben das die Menschen schon lange gemacht. Angefangen bei den irischen Mönchen, die die Kunst des Brennens überhaupt entdeckt haben. Im Schottischen heißt das Getränk ebenfalls Lebenswasser – „uisge beatha“ in der alten Sprache. Und aus „uisge“ ist dann Whisky geworden. 

Weiß jeder. Hat aber nicht jeder heute mehr im Haus.

Was aber jeder im Haus hat ist eine Heizung.

Könnte mir ein weiterer Predigthelfer sagen, was sich bei ihm zu Hause im Heizungskreislauf befindet?

Da haben wir es schon wieder: Wasser. Warum ist Wasser in der Heizung? Weil kein anderer Stoff Wärme so gut aufnehmen und transportieren und wieder gern abgeben kann wie Wasser. Es ist das ideale Medium für unsere moderne Heizung.

Meere wirken temperaturausgleichend, weil sie im Sommer die Wärme aus der Atmosphäre aufnehmen und in der kalten Zeit wieder abgeben. Darum sind die Meere für eine ausgeglichenes Klima so wichtig.

Vielleicht haben Sie nicht nur eine Heizung, sondern auch einen kleinen Fischteich zu Hause. Und in diesem Teich gar Goldfische? So ein Teich sollte dann mindestens 1.20m tief sein. „Warum?“ ist abermals die Publikumsfrage.

Nun, Sie können nicht alles wissen, darum hat man einen Pastor, er weiß gemeinhin über die letzten Dinge des Lebens bescheid. Und Pastoren haben nicht nur mit Schafen zu tun, sondern auch Fische und Fischer spielen in ihrer Hauptlektüre eine bedeutende Rolle.

Die Antwort! Wasser hat seine größte Dichte bei 4°C. Das heißt bei dieser Temperatur ist Wasser am schwersten. Eis dagegen, bekanntlich mindestens 0°C kalt, ist wieder leichter, bleibt weiter oben, wird gleichsam getragen von der schwereren Schichten flüssigen Wassers. Und genau das ist eines der Geheimnisse des Lebens auf dieser Erde. Denn in diesem tieferen Wasser überleben die Fische nicht nur den europäischen Winter sondern auch eine ganze Eiszeit.

Nach der Frage an die Physiker noch eine an die Mediziner. Wie hoch ist der Anteil Wassers im Blut?

(55% des Blutes macht das Blutplasma aus; und dieses besteht zu über 90% aus Wasser)

Warum ist das Wasser im Blut ein so bedeutender Stoff? Weil es durch seine Molekülstruktur: zwei Wasserstoffatome an einem Sauerstoffatom ein V ergibt, das sich in einem Winkel von 105° spreizt. Da verhakt sich nichts, es ist einfach gut flüssig. Das ideale Medium, um andere Stoffe, hier Nährstoffe zwischen sich zu transportieren.

Wo wir schon mitten im Physikunterricht und Sie zu meinen Predigthelfern geworden sind: Kennen Sie die vier Aggregatzustände des Wassers: flüssig, fest, gasförmig und – die Hollandtomate.

Ich fragte also die Konfirmanden: Was ist das denn hier im Text: „lebendiges Wasser“ – und einer sagt: das ist Sprudel, da sind doch die Blasen drin, steigen auf und machen das Wasser lebendig. Das spürt man noch, wenn man es getrunken hat, und mancher lässt es dann auch hören.

Lebendiges Wasser liegt nicht nur einfach so da, so etwas nennen wir Pfütze oder in meiner Heimat Brackwasser. Nein lebendiges Wasser ist etwas Appetitliches. Mindestens also so etwas wie „Tafelwasser“.

Aber auch das ist nur ein Gesicht von Wasser. Denn Wasser kann Freude machen. Warum fahren wir denn im Urlaub an den Bergsee oder ans Meer?

(Wasserspritzer in die Gemeinde – Aufschrei). Na, Sie hören es doch alle selbst: Wasser bereitet Vergnügen!

Schales, abgestandenes Wasser macht keine Freude. Die Frau am Brunnen, sie weiß das. Quellwasser ist so viel besser. Hier am Brunnen gibt es normaler Weise nur das Zisternenwasser. Das mag für Kamele gut genug sein. Aber lebendiges Wasser, also sich bewegendes frisches Wasser, das ist etwas anderes. Da hat auch der Konfirmand recht: stille Wasser mögen tief sein, aber ein Wasser mit Sprudelbubblen kommt meist besser.

So ein mitreißendes Wasser führte auch die Ruwer, in der wir Hannah kurz vor der Konfirmation tauften. Das war ein Moment, den keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird. Hannah wurde drei mal in die Ruwer getaucht. Sie hat „ja“ dazu gesagt, so wie Jesus bei seiner Taufe im Jordan. In diesem Moment an der Hochwasser führenden Ruwer wurde deutlich, um was es hier geht. Jesus hat sich gleichsam ertränken lassen. Der alte Adam wird ersäuft, sagt Martin Luther zu dieser Bedeutungsebene von Taufe. Und Jesus sagte „Ja, Gott, dir traue ich zu, dass du mich empor ziehst, hier auf Erden, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, und darüber hinaus. Denn Gottes Ja gilt seinerseits ein für alle mal und über dieses irdische Leben hinaus.

Weniger nicht. Das wissen diese Konfirmanden, die heute alle Ja zu ihrer Taufe sagen. Als religionsmündige Christen.

Sie stellen dieses Vertrauen, nennen Sie es Glauben, über die Angst. Denn das sind die beiden großen Kräfte in unserem Seelenleben: Vertrauen und Angst.

Darum traktieren wir in diesem Eurem Jahrgang und in diesem Festgottesdienst das Wasser so ausführlich. Weil es nicht weniger als ein Symbol ist für den Menschen, der dadurch definiert ist, dass er im Spannungsbogen zwischen

Mangel und Erfüllung

Angewiesensein und Entgegenkommen

befürchteter Bedürftigkeit und erhofftem Segen

steht.

Johannes, der Philosoph unter den vier Evangelisten, spielt bewusst und an vielen Stellen mit Missverständnissen.

Liebe Gemeinde, jedes von diesen ist eine Herausforderung. Das Missverstehen der Samariterin steht für die Herausforderung jedes einzelnen: nämlich zu entziffern, was das Lebensnotwendige für Sie und mich, für Euch ist.

„Gib mir das Lebensnotwendige!“, auf diese Auflösung läuft das johanneische Rätsel hinaus. Glaube an das Gelingen des Lebens kann nicht erworben – nur geschenkt werden. Wer aber mit ihm beschenkt wurde, der weiß, dass der Glaube auch dann trägt, wenn das ansonsten Nötige fehlt; dass einer das Miteinander gelingen lassen  w i l l, auch wenn es gerade Differenzen gibt; dass ich lieben kann und geliebt werde – unter allen Umständen.

Solcher Glaube zieht Kreise – ganz wie das Wasser.

Weil ihr im Apothekenschrank Eures Lebens solch einen Schluck Lebenswassers stehen habt, weil Ihr dieses Vertrauen in Euch tragen dürft, lasst Ihr Euch heute segnen.

Fast möchte ich sagen „Prost“. Aber hier heißt es immer noch Amen.