Unterwegs das Leben finden

Traueransprache über Gen 12, 1-3

für

Wolfgang Eisel

13.03.2019

Zewen

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass die Bibel ein Buch voller Geschichten von Menschen ist, die unterwegs sind. Den einen wird eine neue Heimat andernorts ans Herz gelegt, wie eben Abraham. Andere sind unfreiwillig unterwegs, weil Krieg oder Hunger sie vertreiben. Ein ganzes Volk macht sich auf die Reise durch karge Gegend um endlich ein Leben in Freiheit führen zu können.

Die Bibel scheint damit sagen zu wollen, das Glück, das, was dich ausmacht, was dich wesentlich sein und leben lässt, das findest du nicht unter einem festen Dach, in einer einzigen Wohnung. Es will unterwegs gefunden werden. Und Heimat ist kein Ort sondern Beziehung und Gefühl.

Vieles davon scheint mir im Leben von Wolfgang Eisel umgesetzt, gelebt worden zu sein.

Als Sie beide sich mit 18 Jahren kennen lernten, da hatte Wolfgang unfreiwillig schon einiges erlebt. Als 1940 in Mülheim Geborener, wurde er im letzten Kriegsjahr mit vielen anderen evakuiert. Seine Mutter, seinen Bruder und ihn führte der Weg nach Breslau. Auch dort hatte er keine bleibende Statt. Was er als Fünfjähriger von Evakuierung, Flucht, Bombardements und Vertreibung mitbekommen hat, wissen wir nicht genau. Viel hat er über diese ersten Eindrücke nicht gesprochen. Er kehrte jedenfalls nach Mülheim zurück, besuchte dort die Schule und begann als Vierzehnjähriger seine Ausbildung als Schlosser. Im Aufzugbau verdiente er sein erstes Brot, um schließlich bei Mannesmann als Industriemeister Kräne zu bauen.

Seine Laufbahn entsprach seinen technischen Interessen und Fähigkeiten. Kein Gewerk war ihm fremd, er liebte nach Männerart seine Werkzeugsammlung, und Konstruktion und Reparatur waren für ihn ein Leben lang schöne Aufgaben, in denen er völlig vertieft für Stunden versinken konnte.

Aber das allein zeichnet nicht seine Persönlichkeit, denn bei ihm gab noch die freundlich-gesellige Ebene. Wolfgang war ein offener, ein an Menschen interessierter Mensch. Zuneigung zu zeigen war ihm nicht fremd. Darum verstand er es, schnell Freundschaften zu schließen; und besonders die Seinen nahm er in den Arm, vermochte seinen Gefühlen für sie Ausdruck zu verleihen.

Darum ist es kein Wunder, dass er mit dieser emotionalen Seite ein guter Tänzer war. Denn hinzu kam noch, dass sein Vater ihm seine Musikalität vererbt hatte.

Damals also, als Sie sich auf dem Tanzboden kennen gelernt haben, war schnell klar, dass Sie beide gut miteinander klar kamen. Sie schätzten es auch weiterhin zu Tanzveranstaltungen zu gehen; und Ihre Mutter ermöglichte das, in dem sie die Tochter hütete. Vom ersten bis zum letzten Tanz hätten Sie diese Abende genutzt und das gemeinsame Hobby bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt, später mit Leidenschaft Tournier-Tanzen betrieben.

Ob Wolfgang, der gute Tänzer dabei immer auch führte, darüber dürfen wir schmunzelnd nachdenken. Denn er war jemand, der sich ganz auf andere einstellen konnte.

Als er sich anschickte, den Industriemeister zu machen, war der Deal der Eheleute, dass er den Meister, Sie den Führerschein erwerben sollten. Wir alle wissen, er machte den Meister, er aber blieb Chauffeur, und besonders nach seinem Rentenbeginn fuhr er seine Frau zu jedem Termin und holte sie ebenso gern auch wieder ab, denn Sie machten den Führerschein nicht.

Wolfgang war ein Mensch, der sich gut in eine Beziehung einfügen konnte. Er war weiterhin mit der Gabe gesegnet, nicht nachtragend zu sein. Also jemand, mit dem ein ersprießliches Zusammenleben gut möglich war.

Und so gestalteten Sie es sich auch. Erst in den Berufsjahren und dann in all den Jahren des Ruhestands, die Ihnen miteinander vergönnt waren. Sie haben etliche Schiffsreisen miteinander unternommen, sind nach Ägypten mit der ganzen Familie verreist, die Fahrräder waren dabei, wenn es um Radurlaub an Mosel und Ruhr entlang ging. Sie liebten es, das Jahr in Mülheim auf sechs Monate zu beschränken und die restliche Zeit woanders zu verbringen, einen großen Teil davon nahmen die Aufenthalte in Fredeburg ein, aber gern sind Sie auch in Zewen gewesen. Oft wechselten Sie mehrmals im Jahr das Quartier.

Also durchaus seit einem Vierteljahrhundert, seit seinem Ruhestand, so etwas wie ein Wanderleben, ein Unterwegssein im eingangs genannten biblischen Sinne. Sie waren gemeinsam auf einem Weg, dessen Ziel bewusstes tägliches Leben ist.

Wolfgang hat das bestätigt „Ja, es war gut und richtig, dass wir hierher nach Zewen gezogen sind“. Er hat jedem Tag mit positivem Geist den Sinn abgerungen.

Auch im Blick auf die Beziehung hat er es gehalten wie die Stachelschweine in des Philosophen Schopenhauers Gleichnis. Dieses geht so: In einem kalten Winter froren die Stachelschweine und so suchten sie die Nähe der anderen, drückten sich aneinander. Aber da fuhren ihnen die Stachel der Nächsten in die Haut. Erschrocken stoben sie auseinander. Aber auf Abstand im kalten Winterwald fror es die Tiere wieder. Und so lernten sie es, den richtigen Abstand zueinander zu finden. Den, bei dem sie sich nicht verletzten und den, der ihnen durch die Nähe der anderen gut tat.

So haben Sie Ihre Beziehung gelebt, den richtigen Abstand immer wieder neu gesucht und gefunden. Wolfgang war ein Mensch, der gerade heraus war, also jemand, von dem man wusste, woran man mit ihm war. Natürlich gab es Differenzen, aber eben auch schnell wieder Frieden. Natürlich gab es Funkenflug und Emotionalitäten, aber eben immer wieder den Abendfrieden, den versöhnlichen Kuss vor dem Zubettgehen.

Und nun ist er ein letztes mal eingeschlafen. Und in einer Genesungsphase nicht wieder aufgewacht, in der niemand damit gerechnet hat, dass er sich auf die Reise zu seinem Schöpfer macht, dass er sich auf den Weg in das Land macht, das von Gottes Liebe erhellt wird. Eben jenes Reich, das weniger in Ort als vielmehr Beziehung selbst ist.

Denn Gott hat Wolfgang lieb. Er schätzt sein lebensfrohes Wesen, seine Art, in der er immer für einen Scherz zu haben war, seine hilfsbereite Gesinnung, sich gern mit seinen Fähigkeiten einzubringen; mit seiner Gabe, schnell zu verzeihen, mit seiner technischen Passion und seiner herzlichen Zuneigung.

Im Land seiner Liebe ist Wolfgang am Ziel angekommen. Dort darf er in Ewigkeit bleiben.