Der Gott der Zwischentöne widerspricht allen Extremisten – auch denen, die ihn verkündigen

Ist unser Evangelium verdeckt, so ist´s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher das Ebenbild Gottes ist. Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn der Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. (2. Kor 4, 3 – 6)

 

Religiöse Erkenntnis durch intellektuelle Einsicht. Das ist das Programm der Aufklärung. Was vernünftig ist, kann geglaubt werden, und was geglaubt wird, muss vernünftig sein. So dachte man von Leibniz bis Goethe.

Im Pendelschlag der Geschichte war dieser Ansatz die Abwendung des klassischen „credo quia absurdum“ (ähnlich Tertullian), der Trennung von Vernunft hier und dem unerklärlichen Glauben dort. Einem Glauben, der geglaubt wird,  w e i l  er nicht logisch ist, weil ihm mit Vernunft nicht auf die Spur zu kommen ist.

 

Zwischen diesen Extremen hat jeder von uns seinen Ansatz für den eigenen Glauben gefunden.

 

Evangelium verstehen, das ist auch das Thema Pauli. Er schreibt den Korinthern, dass es verdeckt, also unverstanden sein kann. Und Paulus webt diese Gruppe von Menschen, die es nicht verstehen, ein in den großen Zusammenhang von Heil und verloren gehen.

Die Guten, das sind wir hier in der Gemeinde, bzw „ihr lieben Gläubigen in Korinth“, die anderen, das sind die Verlorenen. Und ihr Schicksal sei Verblendung. Das ist starker Tabak. Und als Siegel klebt der Apostel gleich noch den Teufel auf die Verpackung. Der Gott dieser Welt verblende die anderen, schreibt er.

 

Das ist ja nicht falsch, dass unsere Haltung über unser Leben, unsere Lebenseinstellung über unser Ergehen mitbefindet, dass unser Glauben Einfluss darauf hat, wie es uns geht und wie wir Situationen verstehen. Und, ganz im Sinne der Kritik des Apostels ist hier oft gesagt worden, dass unsere Sehnsucht nach Sicherheit, unsere Bemühen um größere Scheunen und bombensichere Verstecke für uns und unser Geld, dass unsere Angst als Berater und ihre Instrumente, die Versicherungen und Alarmanlagen schlechte Paten sind für ein Leben in Erfüllung, Offenheit, Gemeinschaft, Gegenseitigkeit und Liebe.

Aber Paulus pauschaliert. Er macht es sich mit seiner plakativen Briefpredigt zu einfach. Und, besonders kritisch zu sehen, er polarisiert.

 

Er hebt die einen in den Himmel und verteufelt die anderen. Ich bin der Ansicht, dass er damit grundsätzlich falsch liegt, dass Kinder des Lichts hier und Kinder der Dunkelheit dort weder der Wirklichkeit entsprechen noch gar diese Schwarzeißzeichnung im Sinne Gottes ist. Nicht seinem Wesen entsprechen würde.

Eines Gottes, der Verbindung in Person ist: Eben Vater und Sohn, bezogen aufeinander durch den Geist.

Und wenn es wahr ist, dass Gott geschieht!, er also ein dynamischer Gott sein will, dann sind Beziehungen, Zwischentöne und Einstellungsänderungen sein Metier. Von wegen „letzte, höchste und alleinseligmachende Wahrheit“! Ein Leben in solchem Glauben bleibt im Gespräch. Sucht das Gegenüber, versucht zu verstehen, kann zuhören. Und bemüht sich, die Augen von Kurzsichtigen zu öffnen.

Da gibt es nicht schwarz und nicht weiß. Die Guten hier und die Verlorenen dort, das ist eine Fabel. Denn gerade nach Weihnachten kamen wir doch dem Gott emotional nah, der Mensch wird, damit wir Menschen endlich verstehen, wie er es meint;

der unsere Sprache spricht, damit wir sein „Du bist mein geliebtes Kind“ hören, seine Liebeserklärung;

damit wir überzeugt sein können, dass Leben sich im Leben für andere und mit anderen erfüllt, auch wenn sie anderer Ansicht oder Grundeinstellung sind.

 

Paulus, der ehemalige Christenverfolger, der vom Hohenpriester abgesegnete Hort der Rechtgläubigkeit, hat die Seiten gewechselt. Er ist zum Zeitpunkt seines Briefes an die Korinther ein ebenso überzeugter und eifernder Christ, jetzt ein Hort christlicher Rechtgläubigkeit. Man nennt ihn einen Konvertiten, jemanden, der seine Religion gewechselt hat. Und manchmal sind Konvertiten wie ehemalige Raucher. Sie werden zu den besonders eifrigen Bekämpfern ihres ehemaligen Lagers. Abgestillte Raucher können die heftigsten Kritiker der Noch-Raucher sein.

Darum ist der Schwarz-weiß-Zeichner Paulus ein Extremist, ein Radikaler.

 

Wir haben ihm viel zu verdanken. Weil er den Geschenkcharakter der Liebe Gottes, den Jesus zeitlebens nicht müde wird zu betonen, konsequent herausgearbeitet hat, weil er selbst immer wieder schreibt, dass man diese Liebe nicht erdienen, nicht erkaufen kann. Auch nicht durch fleißiges Einhalten der jüdischen Gebote.

Aber er hat sich auch als Kritiker des jüdischen Glaubens profiliert und die Zwischentöne nicht gesehen und natürlich die Konsequenz nicht sehen können, dass sich der Antisemitismus seiner Judenkritik bedienen wird.

 

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Denn seine scharfe Grenzziehung im Brief an die Korinther wird abgemildert, ja ihr prinzipiell widersprochen durch seinen Ansatz, dass alle Welt Empfänger der guten Nachricht sein soll. Dass nicht nur ehemalige Juden gute Christen werden können, sondern auch die sogenannten Heiden in Rom.

 

Und da haben wir sie doch erst recht, liebe Gemeinde, diese Dynamik, dass aus solchen, die vielen Göttern geopfert haben, die vor allem auch dem Mammon dienten, eben auch Glaubende werden können, dass das Leben im Sinne Jesu gelebt werden will.

Das wäre doch genau die Brücke: der römische Blick auf die Götter, ihr „do ut des“-Denken, also diese Geschäftsbeziehung: ich opfere, damit du meine Wünsche erfüllst, kann sich ändern zu einer Haltung, die nicht nur geschäftstüchtig sondern von Herzen sozial ist. Aus dem Heiden, der in uns allen steckt, kann der hervortreten, der ein erfülltes Leben durch ein Leben für andere führt. Aus den Slogans „Geiz ist geil“, „Amerika first“ und „nimm dir was, so haste was“ können bessere Tugenden und Prinzipien erwachsen, die zu teilen verstehen, die zu kommunizieren verstehen, die tolerant sind und die auch kein Problem mit Bescheidenheit, Genügsamkeit und einer Regionalität haben, die der ganzen Schöpfung weltweit hilft.