Liebe lässt gelten

Traueransprache für Margret Jahns, geb. Möller

am 28.08.2017 im GHG

über Joh 14, 1 – 6

 

Auch wenn wir heute singen „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“ – wir Menschen sind keine Augenblickswesen. Denn Identität gibt es nicht ohne Geschichte, und Zukunft braucht Herkunft. Wir leben zwar hier und jetzt, aber wir sind bestimmt durch Ideen und Ideale und geprägt durch unsere Vergangenheit. Sie bestimmt unsere Gegenwart.

 

So sagen wir z.B. vom ewig dickfelligen, unerschütterlichen Charakter, er habe als Kind genügend Muttermilch erhalten. Auch andere Charakterzüge führt der Volksmund auf frühkindliche Umstände zurück.

 

Wir alle haben durch Leben, Schicksal und Verhalten unserer Eltern, die politischen Umstände Prägungen in unsere eigene Entwicklung geschrieben bekommen.

So fiel mir das Bild ein, dass Ihr Vater, der in seinem Erstberuf Küfer war, seine Ordnungsvorstellungen wie Fassreifen über die Seinen getrieben hat. Sein Werterigorismus und Kontrollzwang haben seine Frau ebenso geprägt, wie sie den Frohsinn der Kinder beschnitten hat im Sinne von Anpassung.

Die Mitgift ihrer Mutter dagegen ist vielfältig. Sie reicht in einer Breite von der Liebe zur Natur über die zur Freiheit hin zum Stolz der Selbständigkeit. Das Selbstbewusstsein dieser Frau ist keinesfalls unbeeinflusst durch die Alkoholabhängigkeit ihres eigenen Vater. Dieser, häufig arbeitslos, war den Kinder, Margret allzumal nah, denn er war im häufiger im Haus als die Mutter, und Margrets Zuneigung und Verantwortungsgefühl, ja ihre Identifizierung mit dem Vater zeigte ihr einen ebenso langen wie schmerzlichen Lernweg vor.

 

Margret ist in ihren Vorlieben ebenso wie in ihren Schwächen wie jeder Mensch geprägt durch die Gene, Charaktere, das Vorbild und Schicksal der Eltern und ihrer Familie. Zwei tiefe Narben neben vielen wunderbaren Eindrücken sind in ihrer Biografie unübersehbar. Die erste ist der Verlust ihrer Zwillingsschwester Hildegard. Beide Fünfjährige waren 1940 an Diphterie erkrankt. Margret genas, Hildegard erlag der Krankheit. Und es ist, also ob Margret seither nach ihrer anderen Hälfte suche, als sei durch den Verlust des Zwillings ein Stück von ihr selbst genommen.

Suche bleibt seit diesen Kindertagen Programm in ihrem Leben. Suche nach Vervollkommnung, nach Heimat, nach Eigenständigkeit, nach Glück. Die Schatten dieses Ergänzungswillens sind die Selbstzweifel, nach denen sie sich am liebsten aus der Welt nehmen würde.

Ehe, der elterliche Garten, Kinder und eigene Familie sind sicher Glück für sie, doch die Antwort auf die offene Lebensfrage, die Sehnsucht nach Wiedervereinigung der Seelen, die Sehnsucht nach lebendiger Gemeinsamkeit können sie nicht stillen.

 

Das zweite Trauma reimt sich auf das erste. Das Zerbrechen der Ehe. Für sie ist die Abgrenzung, die Enge, auch das Kontrollbedürfnis ihres Mannes aus Misstrauen nicht nachvollziehbar. So gleicht sich für sie der Verlust der Einheit, der Ehe mit dem Verlust der Schwester.

Nicht nachvollziehbar ist ihr, der lebensfrohen Frau, jene Angst, denn sie traut umgekehrt anderen Menschen viel zu. Sie kann gelten lassen. Sie ist bestimmt von sozialer Toleranz. Haltungen, von denen wir heute lernen können.

Denn sind nicht gerade heute die Enge, der Glaube, im Besitz der Wahrheit zu sein, die Skepsis statt der Neugier allem Fremden und allen Fremden gegenüber das Ferment in diesem Lande ebenso wie im Nahen Osten, das in der Gesellschaft Unfrieden sät?

Margret war da ganz anders.

Sie liebte das Leben. Im Singen und Tanzen drückte sie diese Freude zuallererst aus. Aus langen Wanderungen durch die Natur zog sie Lebenskraft, brachte sich ein Blümchen, ein Erinnerungsstück aus diesen frohen Stunden mit zurück in ihr jeweiliges Wohngehäuse.

Sie liebte überhaupt. Zuallererst die Kinder. Und wer liebt, kann lassen. Sie ließ ihre Kinder, ihre Entscheidungen, ihre Lebenswege gelten. Sie tat nach Kräften das beste dazu, kämpfte für den höchsten Schulabschluss und dann den Universitätszugang für ihre Tochter. Eine Innovation in der Familie. Sie scheute aus Überzeugung zu den Gaben der Kinder den Bruch mit der Tradition nicht. So wie sie Neues wagte, war sie überhaupt eine wenn auch vielleicht unbeabsichtigte aber überzeugte Freundin der Emanzipation – und zahlte dafür mit dem Scheitern ihrer Ehe.

Von ihrer Mutter hatte sie das Bild im Herzen, dass eine Frau eine Familie ernähren kann. Nun legte sie selbst sehr viel Wert auf Selbständigkeit und eigenes Leben, auf eigenen Beruf und eigenes Geld. So hoffte sie, der sozialen Kontrolle und der Fremdbestimmtheit zu entkommen. Darum bildete sie sich 1971/72 zur Stenokontoristin aus. Was bis 1977 voll berufstätig bei Caramba-Chemie in Duisburg und bis zum Ruhestand 1996 bei Klöckner Industrie-Anlagen daselbst.

Sie wissen um die Schwierigkeiten und das Auf und Ab ihres Seelenlebens in diesen Jahren. Wir dürfen aber nicht nur die psychosoziale Seite sehen sondern heute auch würdigen, was Margret in den Endachtundsechzigern und danach mit ihrem Lebensbeispiel vorlebte und leistete.

 

Solch ein Mensch ist selten ein einfaches Gegenüber. Ihre Lieben hat sie nicht nur mit der Durchsetzung des Gymnasiumbesuchs gefördert sondern mit ihrer Art gefordert. Ihre eigene Unvollkommenheit blieb eine ständige Herausforderung.

Das Greifen nach Angehörigen, die schwierigen Anrufe, die offenkundige Sehnsucht nach den anderen, dabei das Überschreiten von Grenzen, machte sie zu einem schwierigen Gesprächspartner. Sie provoziert so Rückzug der anderen und manche schlaflose Nacht, Gedanken bis heute darüber, wie man ihr hätte entgegenkommen können.

 

Doch die Antwort hat sie in ihrem Leben und mit ihrer Haltung selbst gegeben. Wer liebt, kann lassen. Sie hat Sie geliebt, also angenommen, dass Sie so sind, wie Sie sind und Ihr Leben so leben, wie Sie es eingerichtet haben. Margret hat selbst ja genau dazu gesagt. Liebe kann das.

 

Das Vermächtnis, das Margret mit auf den Lebensweg und für die Entwicklung ihrer Kinder und Kindeskinder gibt ist im Gegenteil: der Auftrag, sich treu zu sein, vor sich bestehen zu können, die eigene Unvollkommenheit, auch die Begrenztheit anzunehmen.

 

Denn abermals gilt: Zukunft braucht Herkunft. Und die ist immer begrenzt, bestimmt, definiert. Dazu gilt es sich zu verhalten. Das ist die Herausforderung von morgen.

 

U.a. im Blick auf die Trauer. Denn diese kann nicht mit einer Entscheidung be- oder geschlossen werden. Sie ist ein Prozess. Und der braucht Zeit. Oder in den Worten von Margret: In Ruhe abwarten und Tee trinken, also geschehen lassen. Dann verfliegen die Schatten der Nacht. Zum Zeichen für diese Wahrheit werden wir den Gottesdienst am Ende mit der Komposition von Cat Stevens „Morning has broken“ beschließen, zum Zeichen, dass Gott JA zu uns gesagt hat, ein JA, das über die irdische Zeit hinaus gilt, zum Zeichen, dass auf Dunkelheit sein Licht folgt.

 

Ein jeder von uns ist ein guter Gedanke Gottes. Also solcher bleiben wir vor ihm, dem Ewigen lebendig, auch wenn wir hier zeitlich sind.

 

Amen

 

Von der Sehnsucht nach Zusammensein mit anderen geliebten Menschen; von der Sehnsucht nach Zusammensein im Angesicht Gottes spricht der Bibeltext, in dem Jesus Erfüllung denen verheißt, die nach Heimat, die nach Gemeinschaft, die nach Freude auf der Suche sind: Lesung von Joh 14, 1 – 6.