In memoriam: Werner Zschachlitz

Traueransprache Werner Zschachlitz

11.03.2017 Grünhaus

 

über Jes. 41, 10

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit

 

Weichen oder standhalten, gehalten sein oder fallen gelassen werden, schwach werden oder Rückgrat beweisen, das sind Alternativen, die in Werner Zaschachlitz Leben oft eine Rolle gespielt haben.

Für ihn ist dabei nicht maßgeblich, ob Gott hinter dem Zuspruch steht, im Gegenteil, der Glaube ans Transzendente spielte in Werners Leben keine besonders wichtige Rolle.

Das eindeutig Vorfindliche, die Welt der Zahlen auch, die ersichtlichen Prinzipien des kaufmännischen Denkens einerseits, das Herz aber andererseits mit seiner Freude, in jungen Jahren dem ungebremsten Übermut, in den späten die Genugtuung und besonnene Zufriedenheit, das zeichnet eine erste Silhouette.

Ein Menschenleben ist mehr als wir in einer Ansprache ausbreiten könnten. Es hat für uns selbst andere Täler und Höhepunkte als Betrachter sie sehen. Wir meinen, der Kern unserer Antriebe liege im Verborgenen.

Aber eben so, wie Außenstehende unser Leben wahrnehmen und mehr als skizzieren, weil Linien und Charakterzüge sich im Lebensganzen abzeichnen, so will auch Gott sich im Konkreten, im gelingenden Miteinander der Menschen, im Du und im hier und jetzt ausdrücken.

Diese seine haltende Hand hat Werner vielleicht nicht gesehen, aber er hat sie zumindest unbewusst gespürt.

 

Mag Werner Zaschachlitz Lebensbaum mit seinen 95 Jahresringen auf den ersten Blick unumspannbar erscheinen, ist es doch möglich, Persönlichkeit und Lebensstationen zu konturieren. Wie Blitze eine Landschaft erhellen, so sind die Momente und Stationen, die im folgenden sein Leben beleuchten.

 

Da ist zunächst die Geburt am 18. November 1921 in Gotha. Ein Geschenk für den Bankkaufmann Rudolf Zaschachlitz und seine Frau Elisabeth Stumme. Beide Kinder der Kaiserzeit. Werner muss im übertragenen Sinne „genug Muttermilch“ bekommen haben, denn er wuchs fröhlich und im Glauben an seine eigenen Kräfte auf. Die liberalen Kräfte der Weimarer Republik standen gleichsam Pate bei seiner Lebensfreude, wie umgekehrt die Pädagogik der Kaiserzeit es ihm nie erlaubte, seinen eigenen Gefühlen für andere, für die eigenen Kinder beispielsweise, zu trauen, geschweige denn offen zu ihnen zu stehen: Tränen der Freude wie der Trauer blieben ihm lange ein Tabu.

Das Indianer-kennen-keinen-Schmerz-Prinzip der damaligen Männererziehung ließen ihn später unbeholfen erscheinen im Umgang mit Enkeln, aber es hat ihm auch geholfen, in den härtesten Jahren seines Leben zu überleben.

Dazu kam sein „Witz“, mit dem er sich in den Kriegsjahren zwischen Weichen und Standhalten durchwand.

 

Zunächst besuchte Werner in Gotha die Schulen, wo er 1939 sein Abitur machte. Die Abiturfeier liest sich später wie ein Menetekel. Die von den Nazis in ihrem Sinne geordnete Maturafeier sprengte Werner mit seinen Freunden und einem Auftritt als Clown. Hinter der Maske der Lebensfreude wird in diesem Moment nicht nur der Bruder Leichtfuß im Gemüt des jungen Mannes sichtbar, sondern auch sein Charakter: nämlich kritisch zu sein, sich nicht einfach gleichschalten zu lassen und so unbequem und Ferment zu sein.

Seine Kameraden schätzen ihn in den Schuljahren als witzigen Menschen, als belebenden Gesprächspartner, als Freund der Freiheit. Das galt auch für die folgenden Kameradschaften. Für Kameraden in der Kompanie. Es ist eine gern erzählte Anekdote, warum Werner nicht zur Luftwaffe kam, sondern Fahrer, Kradmelder und einfacher Landser wurde. Der Marschbefehl schickte ihn 1940 nach Frankreich. Die missglückte Abwehr der „Invasion“, der deutsche Rückzug, die Ardennenoffensive und Hürtgenwald waren der geschichtliche Hintergrund seiner Kriegswahrnehmung. Niemanden wundert es, dass der kritische Abiturient, der sich nicht gleichschalten ließ, nun nicht freudig im Gleichschritt marschierte. Er hatte nicht nur seinen eigenen Kopf, sondern eben auch diesen Witz des „braven Soldaten Schwejk“, dem es nun einfiel, sich Fahrbefehle geben zu lassen, die ihn immer weg von den Brennpunkten und Massakern führte. Das war seine Form von Widerstand durch Abwesenheit.

 

Sie half ihm allerdings nicht, der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Im Gegenteil, er war dabei, als die hungrigen Landser auf den Rheinwiesen bei Sinzig Wind und Wetter ausgesetzt waren und schlimme Wochen erlebten, sich Höhlen in der Wiese gruben, um Schutz zu finden, sich um eine Kruste Brot prügelten oder mit über den Zaun geworfenen rohen Spaghetti der Gis den Magen verdarben.

Den Güterwagen, der ihn mit anderen nach Gotha bringen sollte, sah er mit Skepsis. Er sprang ab und lief den langen Weg in die Heimat lieber auf eigenen Sohlen.

 

Nach dem ersten Blitzlicht auf den lebensfrohen, widerständigen, den kritisch-unbequemen, eigenwilligen Oberschüler Werner, dürfen wir hier den nächsten Schattenriss festhalten.

Rudolf transportiert Mobilar und Akten der Gothaer Lebensbank Fuhre um Fuhre von Gotha nach Göttingen. Ist oft im Westen. Geblieben aber ist seine Familie. Die findet Werner in unterstützensbedürftiger Situation vor. Er, der als Soldat das „organisieren“ von Lebensmitteln und anderem gelernt hat, fühlt sich berufen, die seinen mit Kohlen, mit Brennholz, mit Kartoffeln zu versorgen. Hier sehen wir den verantwortungsvollen Werner, der sich ganz in den Dienst der Familie stellt. Er findet eine Arbeit an der Quelle, in einer Gemüseabgabestelle.

Sein Rückgrat, seine Gradlinigkeit und sein Verantwortungsgefühl bringt er in dieser Phase zum Tragen.

 

Ein Kohlkopf soll auch dann der Türöffner gewesen sein, mit dem er seine Tanzstundenbekannte und spätere Frau besuchte. 1946 gaben die beiden ihre Verlobung bekannt. 1947 wurde geheiratet. Es waren trotz Jobs in der Ausgabestelle karge Zeiten und von der Hochzeit ist der Ausruf des Entsetzens über die Bankrotterklärung von Küche und Speisekammer überliefert: „Keinen zweiten thüringischen Klos gab es, noch nicht einmal für den Bräutigam!“

 

Werner bleibt der unverhohlen offene und kritische Geist, der er schon zur Schulzeit war. So eckt er mit dem neuen Regime an. Und als er dieses als nicht minder schlimm als das nach 12 Jahren untergegangene tausendjährige Reich charakterisiert, wird das der Staatssicherheit hinterbracht und der werdende Vater verhaftet und wegen Hochverrats zu 25 Jahren Haft verurteilt. Seinen im Dezember 1948 geborenen Sohn Wolfgang sieht er erst nach 6,5 Jahren, als er im Rahmen einer Amnestie entlassen wird.

Im Rückblick bezeichnet er die Jahre der Haft in Bautzen als die schlimmsten seines Lebens, „schlimmer noch als den Krieg“.

Als Soldat hatte er gewisse Freiheiten, bzw. nahm sie sich. Im Zuchthaus leidet er unter der Einzelhaft genau so wie unter den Zwängen in den großen Sälen. Zeit Lebens ist er kein Freund von Vereinsleben geworden, „Musik wird oft nicht schön gefunden,

Weil sie stets mit Geräusch verbunden“. (Dideldum, 1874)

Nicht nur seine Eigenheiten und Ticks hat die Haft herausgearbeitet, sie hat vor allem seine Entschiedenheit kompromisslos gemacht.

Kurze Zeit nach der Entlassung flüchtet er konsequent mit seiner Familie aus der Republik, einen Verwandtenbesuch vortäuschend.

Dort, bei den Verwandten, den Großeltern in Göttingen, wird es eng. Sechs Personen in zwei Zimmern. Wir schreiben das Jahr 1954. Die Ereignisse überschlagen sich, Werner wird aus Bautzen entlassen, für seinen 6,5 jährigen Sohn ist er ein Fremder, er kehrt der DDR den Rücken, Sohn Ralf wird geboren, die wachsende Familie weicht in eine Flüchtlingsunterkunft in Münster aus.

Aus dem Zeugen der Weimarer Republik, des dritten Reiches, der DDR wird nun der des Wirtschaftswunders.

Ein Freund bringt ihn in der Rentenversicherungsanstalt unter. Werner bildet sich zum Diplomverwaltungswirt aus, wird Betriebsprüfer, erhält eine Wohnung zugewiesen. Es geht aufwärts. Zehn Jahre später, Okt 1964 wächst die Familie um Tochter Jutta.

 

Die Disziplin, die er von sich selbst beruflich und menschlich, vor allem im Blick auf Wahrhaftigkeit fordert – eben die, die ihn für viele undiplomatisch erscheinen ließ – diese Disziplin fordert er auch von den Kindern, fördert sie durch die Vorgabe, dass die Hausaufgabenhefte bei seiner Heimkehr vorzulegen seien.

Heraus-Forderung ist das Stichwort in diesem Zusammenhang. So wie ihn das Leben herausgefordert hat, so fordert er seine Kinder. Er fördert ihre Entwicklung, so dass sie heraus kommen ins Leben und gewappnet sind, sich dessen Ansprüchen zu stellen. Alle Kinder behandelt er gleich, alle, Tochter wie Söhne, sollen studieren können.

Das ist nicht nur Gerechtigkeit, das ist seine Form, seine Liebe zu den Kindern zu zeigen.

Eine tiefgründige Zugewandtheit, die sich im Einsatz für den anderen zeigt. Zuerst bei den Seinen, aber nicht minder engagiert auch bei Klienten und Schutzbefohlenen. Zuletzt in seiner Funktion als freiberuflicher Rentenberater. Seine Hilfebereitschaft war nicht oberflächlich, nie war es ihm zu viel, im Zweifelsfall für die Menschen vor das Sozialgericht zu gehen.

Da haben wir sie, die Lebendigkeit Gottes im Einsatz für den Anderen, den sozial Schwachen, den wirtschaftlich Benachteiligten. So will er lebendig sein zwischen den Menschen.

Wenn wir Leben und Person von Werner Zaschachlitz im Licht des Prophetenwortes von Jesaja aufleuchten lassen, dann dürfen wir schließen mit dem Gedanken „ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“. Dem nicht anpassungsbereiten Werner hat der Zeitgeist oft ins Gesicht geweht, Werner hat sich nicht verbiegen lassen. Ihm ist dadurch viel Ungerechtigkeit widerfahren. Krieg, Gefangenschaft und politische Haft sehen wir als dunkle dünne Zeiten seines Lebensschnittes. Aber in der Fülle seiner Jahre überwiegen die breiten Jahresringe. Das sind die inneren der Jugend und die äußeren des Alters. Die Paderborner Jahre mit dem Haus im Wagnerweg, die die Familie in einem halben Jahrhundert ausgekostet hat. „Weil“, so witzelte Werner „wir ja auch zwei mal für dieses Haus angezahlt haben“.

Da ist das Glück über eine Frau, die in den Jahren im Zuchthaus auf ihn gewartet hat. Da ist die Freude am Tanzen miteinander. Die Erfüllung, die die Eheleute miteinander über das Gelingen ihrer Kinder ziehen konnten und die ihm dann aus den Enkelkindern zufloss, auch wenn er erst lernen musste seine Gefühle zu zeigen.

Gerechtigkeit liegt auch in der Tatsache seines Resümees: „So gut ging es uns noch nie!“ bekannte er in den späten Jahren seinen Kindern gegenüber. Oft im Hotel in Bad Lippspringe, wo er die großen Feste auszurichten pflegte. Als Grandseigneur residierte er dort auf Zeit: der Patriarch erfreut sich am Gelingen seiner Kindeskinder. Geschenktes Glück verstand er als eigenes Glück.

Gerechtigkeit widerfuhr dem kantigen Mann so, späte Dividende sozusagen. Sie machte aus dem streitbaren Kollegen und Vater einen altersmilden Großvater.

Schließlich durften die Eheleute Abschied nehmen von der gemeinsamen irdischen Zeit. In diesem Jahr vollenden sie ihr siebzigstes Ehejahr. Auch dies ein Segen.

So erfüllt sich im Lebensganzen von Werner Zaschachlitz die Ermutigung des Jesaja.

Amen