der Geist hilft, vom Tod zum Leben durchzustoßen

Predigt über Joh 5, 21 + 24
am Totensonntag
gehalten am 22. November 2009 in: Gusterath (AM) und Grünhaus (AM)
Lieder: 528, 1.2.8. Lesung: Lk 24, 13-20; 25-32 152
354, 1.3.7. Liturgie: eigene
603
535

Denn wie der Vater die Toten auferweckt und Leben schafft, so schafft auch der Sohn Leben, wem er will. Amen, Amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern hat den Schritt vom Tode in das Leben hinüber schon hinter sich.
Eines der wichtigsten Worte Jesu. Es spricht vom Geheimnis des Lebens. Die Wissenschaftler im CERN und ich wüssten gern, wie es mit der Welt und dem Leben angefangen hat. Fest steht: Gott will und liebt das Leben.
Und Jesus macht durch sein Wirken auch klar, dass wir schon mitten im Leben tot sein können. Solche Menschen hat er ins Leben zurückgeführt.
Auch durch die Trauer können wir fürs Leben wie abgestorben sein.
Wir leiden unter der Last der aufgezwungenen Trennung. Liebgewordene Gewohnheiten sind abgebrochen. Wir wiederholen sie wie leergewordene Formeln.
Gemeinsame Gespräche verarmen zu Monologen. Wir stehen am Grab und erzählen, fragen. Aber die gewohnte, die anregende und weiterführende Antwort bleibt aus. Auch die herausfordernden Fragen kommen nicht, nichts fordert oder führt heraus.
Wir drehen uns im Kreis.
Sind auf uns selbst zurückgeworfen. Das Alleinsein macht das Leben schwer.
Normalerweise hat uns ein Du davor bewahrt. Aber wir trauern um dieses Du. Das Du schweigt.
Wir würden gern auf die Botschaft des heutigen Textes vertrauen, dass es neues Leben geben wird.
Aber die Zweifel, die Depression, überwiegen. Denn wir sagen uns: so wie es war, kann es doch nie mehr werden. Selbst neues Leben wäre nur ein Plagiat. Aber Ersatz für das Original kann es nicht geben.
Mit diesen Gedanken sind auch die Jünger von Jerusalem aus unterwegs. Die Geschichte wird überhaupt nur erzählt, weil sie etwas zur Trauer nach Verlust zu erzählen hat. Und sie erzählt, dass sie ihren Herrn nicht an der Gestalt erkennen. Es könnte vom Angesicht her irgendein Fremder sein, der sich da auf dem Weg ihrer Trauer zu ihnen gesellt. Das hat diese Auferstehungsgeschichte mit allen anderen Auferstehungsgeschichten des Neuen Testaments gemeinsam. Auch Maria am Grab erkennt niemand Speziellen, sie sieht nur einen Menschen – hält ihn gar für den Gärtner.
Alle ursprünglichen Begegnungen mit dem Auferstandenen sagen: er kommt in menschlicher Gestalt. Aber nicht mit der Physiognomie des Jesus aus Nazareth. Die entgegenkommenden, oder ein Stück Weges Mitgehenden sind nicht identifizierte Menschen.
Zu der Gewissheit, dem Auferstandenen und nicht irgendwem begegnet zu sein, kommt es erst, als der ihnen sich Anschließende etwas sagt oder tut, was sie aus der gemeinsamen Zeit mit Jesus als unbedingt zu ihm gehörend erinnern oder was den Unbekannten als den Gekreuzigten ausweist.
Auch in der Erzählung unserer Lesung erkennen sie ihn am Verhalten. An der Art, wie er freizügig das Brot segnet und teilt. Wie er Gott fürs Leben und für alles eben, was Leben erhält, dankt.
Die tiefe Verwurzelung dieses Betenden in der Welt Gottes, die hier in dieser Welt so schöne Blüten hervorbringt; diese Freiheit von Angst vor dem, was diese Welt so furchterregend machen kann: ihre Schnelllebigkeit, Flüchtigkeit und Endlichkeit;
dieses Gottvertrauen und klare Ja zu allem, was lebendig ist und macht,
das lässt die Jünger in diesem Zeitgenossen den Jesus lebendig werden, den sie meinten verloren zu haben.
Da ist es plötzlich wieder, was sie an Jesus so faszinierte. Was ihnen selbst zu leben half.
Der Grund, der unter allen angstmachenden Abgründen ruht, da liegt und trägt.
In diesem Grund unter allen Abgründen ruht auch dieses Du am Tisch der zagenden Jünger. Ein Mensch offensichtlich, der auf dem Fundament der freudigen Dankbarkeit Gott gegenüber steht. Brot und Wein sind Lebensmittel im übertragenen Sinne. Sie feiert er. Und das spüren die Jünger und werden wieder gewiss, dass dieses Leben dankbar gelebt werden darf. In allen seinen Schattierungen wirklich ein Glück und eine Gnade ist. Trauer hat ihr Recht, aber sie behält nicht das letzte Wort. Denn es ist nicht nur das Wunder, dass es Dich und mich überhaupt gibt, das diese Dankbarkeit erlaubt. Sondern es ist auch die Gewissheit, dass alles Leben eingebettet ist in einen größeren Zusammenhang. Und das hat Jesus deutlich gemacht: dieser Zusammenhang ist wie ein liebevoller Vater. Lieber Vater hat er ihn genannt. Diese Anrede macht deutlich, wes Geistes Kind Jesus war.
Und um diesen Geist geht es. Am Jordan bei der Taufe; in Emmaus; heute!
Materielles ist nicht haltbar. Weil es vergänglich, verweslich, im Fluss ist. Es ist nicht haltbar auch in seiner übertragenen Bedeutung: es ist nicht zu halten, nicht festzuhalten, nicht zu behalten.
Aber der Geist, der von diesem Abendmahl ausgeht, macht viel satter. Es ist der Geist, der alles Materielle bewegt. Der die Welt im Innersten zusammenhält. Nicht das Haben, das Sein regiert und dirigiert er. Dieser Geist, diese Haltung ist der cantus firmus in der bunten Lebensmelodie.
Es ist der Geist Gottes, des Vaters, der Geist Jesu, der alles Lebendige will, der zum Leben zurückführt, je der das Nichtseiende überhaupt rief, dass es sei, das Leben überhaupt hat entstehen lassen.
Dieser lebensbejahende Geist erreicht die Jünger plötzlich in ihrer Erstarrung, in ihrer Depression.
Er unterbricht ihr Starren in den Todesgrund des rein Materiellen. Er packt sie an beiden Schultern ihres Herzens und zieht sie ins Leben und seine Dynamik zurück.
Das geschieht durch Begegnung. Durch andere Herzen, Menschen. Durch die richtige Haltung. Durch den Geist, der Gemeingeist ist.
So kann es jedem gehen, dass er mitten aus grauem Alltag, aus schwärzester Trauer ins Licht gezogen wird. Glauben Sie mir. Amen