Der Mensch wird Mensch im Augenblick des Sündenfalls

Predigt über Gen 3, 1 – 11

gehalten am:               13. Februar 2005                    in: Gusterath und Grünhaus

Lieder:                                    645                                         Lesung: Röm 5, 18. und 21.

365, 1-4

355, 1-3                                  Liturgie: Nr. 29 und eigene

644

1 Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Jahwe Gott gemacht hatte. Sie sprach zu dem Weibe: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft nicht von allen Bäumen des Gartens essen?“ 2 Das Weib antwortete der Schlange: „Von den Früchten der Bäume des Gartens dürfen wir essen. 3 Nur von den Früchten des Baumes, der mitten im Garten steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und nicht daran rühren, damit ihr nicht sterbet.“ 4 Darauf sprach die Schlange zu dem Weibe: „Keineswegs, ihr werdet nicht sterben. 5 Vielmehr weiß Gott, dass an dem Tage, da ihr davon esset, euch die Augen aufgehen und ihr sein werdet wie Götter, die Gutes und Böses erkennen.“ 6 Das Weib sah, dass des Baumes Frucht gut zu essen wäre und lieblich anzusehen war und es erschien begehrenswert, Einsicht zu gewinnen. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab auch davon auch ihrem Manne, der bei ihr war, und er aß. 7 Nun gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Da vernahmen sie den Schritt Jahwe Gottes, der sich beim Tagwind im Garten erging. Und der Mensch und sein Weib verbargen sich vor Jahwe Gott unter den Bäumen des Gartens. 9 Jahwe Gott aber rief dem Menschen zu und sprach zu ihm: „Wo bist du?“ 10 Er antwortete: „Ich vernahm deinen Schritt im Garten; da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin und verbarg mich.“ 11 Darauf sprach er: „Wer hat dir kundgetan, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?“

Der Schritt vom Tier zum Menschen ist klein.

Das mussten uns nicht erst im vergangenen Jahr die Genetiker nach der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms, der Summe aller Erbanlagen, sagen: nur 1% Unterschied zum Schimpansen.

Das hat uns auch die Bibel gesagt. Menschen, die vor 3000 Jahren mindestens so viel Einsicht besaßen, wie wir heute, benannten die Scham als den entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier. Also weniger das Denken als das Empfinden dessen, was Recht und was Unrecht ist, macht das Fundament dieses Unterschieds aus.

Das ist so ganz anders, als wir es uns für gewöhnlich denken: dass unsere Intelligenz uns über die Tierwelt erhebe. Wir, die Krone der Schöpfung, weil der Geist uns über die Erde erhebe.

Die Diagnose der Bibel ist gleichwohl ernüchternd.

Denn die Scham ist schon das zweite Ergebnis des Genusses der Frucht vom Baume der Erkenntnis. Das erste ist die Einsicht ins Erliegen der Versuchung! Die grundsätzliche Versuchbarkeit des Menschen, das gehört zu einem jeden von uns wie das Atmen. Amerikanische Spielfilme sagen: „Es ist nur eine Frage des Preises“ oder „Jeder Mensch hat seinen Preis“.

Viele Märchen bauen Spannung auf, indem neben vielen offenen eine verschlossene Tür reizt. Sie verheißt Entwicklung, Erlösung, Antwort auf bohrende Fragen – aber sie ist die verbotene Tür. Das Buch auf dem Index, die Abteilung im Videoladen, die nur Erwachsenen erlaubt ist, die Freude an der ungeahndeten Geschwindigkeitsüberschreitung, täglich ist der Mensch der Versuchung ausgesetzt, ja – er sucht sie!

Ernüchternd ist auch die Befunderhebung, dass wir trotz der unüberhörbaren Stimme des Gewissens, ihm in so vielen Fällen nicht folgen. Den Baum der Erkenntnis hatte Gott im Zentrum des Gartens gepflanzt und ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Menschen hat er den Baum vom ewigen Leben wachsen lassen. Ihr zum Greifen nahe bleibt die ganze Menschheit gleichsam mit ausgestrecktem Arm vor ihm stehen. Die Versuchung besteht, auch von dieser Frucht zu kosten.

Das noch offene Versprechen, die Einflüsterung ist auch wirklich groß.

Denn sie lautet: dann wirst du tatsächlich so sein wie Gott.

Auch das ist ein Humanum, also eine Größe, die den Menschen beschreibt wie er ist. Dass er so sein will wie Gott. Ein eigenes Thema.

Heute geht es nur um dieses augenfällig Auseinanderfallen von Selbsteinschätzung und Wirklichkeit. Wir glauben, zuallererst bestimme uns die Vernunft. In Wahrheit jedoch regieren Impulse, die aus ganz anderen Regionen von uns stammen.

Und auch der Ebene der Moral, auch dem Gewissen räumen wir häufig nicht die Regentschaft über uns und das letzte Wort ein.

Wenn also weder vorderer Stirnlappen, noch aufrechter Gang; weder Sprache noch der sogenannte Pinzettengriff, also der Daumen-Zeigefinger-Gebrauch den Menschen ursprünglich ausmachen

sondern die Fähigkeit „Scham“ zu empfinden, dann lassen Sie uns dieses Phänomen heute Morgen ernst nehmen.

Wenigstens heute Morgen, denn im Allgemeinen nehmen wir die Scham nicht besonders ernst. Wir schenken ihr bewusst wenig Achtung. Ja, wir schämen uns der Scham. Oft überspielen wir sie, verdrängen sie.

Aber auch, wenn sie ein kurzzeitiger Indikator ist – sie könnte unsere Entscheidungen steuern, wenn wir nur wollten!

Gewöhnlich lassen wir sie schnell wieder im nächsten Wellental täglicher Bewegtheiten verschwinden und schenken den höheren Wogen Beachtung, denen der Eitelkeit, der Macht, dem Geltungsbedürfnis, der Lust und dem Überlebenstrieb.

Die Bibel sagt aber: die Scham mache den Menschen.

Das ist eine scharfe Klinge, denn aus dieser ersten biblischen Definition des Menschen folgt messerscharf: wer sich seiner Verfehlung nicht schämt, der ist kein Mensch!

Wenn wir heutzutage in der christlichen Kirche davon Abstand nehmen, dass wir Krone der Schöpfung seien; wenn wir heute davon ausgehen, dass alle Schöpfung gleichberechtigt nebeneinander steht – dann ist der Mensch nur Mensch, solange wir die Scham nicht unter den Tisch fallen lassen. Denn mit der Scham würden wir nicht weniger als die Gottebenbildlichkeit verlieren!

Überall, wo wir schamlos ausbeuten und schlachten, wo wir unser „Revier“ global ausdehnen oder dabei kritiklos zuschauen, wo wir gedankenlos draufloskonsumieren, die Atmosphäre versauen, da sind gerade wir intelligenten, technisch begabten Menschen im Grunde wie die Tiere. Der homo faber allein ohne die Scham ist nicht mehr als ein Tier.

Sensibel zu bleiben für die Belange der Natur, der Nachbarn, der anderen Menschen anderer Kulturen und Kontinente, das macht den wahren Menschen aus. Jesus, der erste neue Mann, so nennt Franz Alt den Menschen, der den Geist Gottes in sich weiß und wirken lässt, sagt sinngemäß: Denke, bevor du handelst, und bete, ehe du denkst.

Das allein erhebt den Menschen über seine Tiernatur. Das führt ihn weiter, weil es ihn wieder zusammenführt mit dem Geist, aus dem er geschaffen wurde. Wie Paulus das ausdrückte, hörten wir eben in der biblischen Lesung.

Unser Predigttext in nicht weniger klar: Erde sind wir! Ein paar Verse später endet die Rede Gottes an den Menschen, den er um seiner selbst willen vor den Bäumen in der Mitte des Gartens schützen muss: „Von Erde bist du, und zu Erde musst du wieder werden“.

Mit dieser Einsicht endet die Sage über den Menschen. Denn eine Sage ist die Geschichte vom ersten Menschen, die gleichzeitig eine Offenbarung ist: sie sagt uns, woher wir sind und wohin wir gehen.

Nur der Atem Gottes lässt uns leben. Er bläst ihn uns ein und er nimmt ihn wieder. Unser Leben, das bleibt nur vor Gott lebendig.

Überhaupt ist Gott das große Geheimnis dieses Textes. Er weiß um die Versuchbarkeit und pflanzt doch alles in der Nähe des Menschen. Er wirkt der Schläue der Schlange nicht entgegen – und vor allem: er vernichtet den abtrünnigen Menschen in seiner Enttäuschung nicht. Wie ein Vater bekleidet er sogar den Menschen, für den von nun an ein kälterer Wind bläst.

Er lässt Versuchung und Fall des Menschen zu. Tatsächlich wie ein erfahrener Pädagoge, der weiß: nur gebranntes Kind scheut Feuer. Er lässt die dummen Streiche der Kinder zu. Er zieht Konsequenzen, aber er lässt uns in Freiheit wachsen.

Dieses Bild führt uns zu der einzig möglichen Antwort, warum er uns in seinem Haus toben und ausprobieren lässt, warum er dem Bösen nicht ein für alle mal die reine Vernunft und das Gute allein entgegen setzt. Weil er uns liebt wie ein Vater. Amen.

Predigt über Gen. 3, 5-12, 16ab, 19, 23-24

Gehalten am:       04. Oktober 2009 (Erntedank)  in: Grünhaus

Lieder:                 508                      Lesung: Mk 4, 23-29
600
515, 1.3.5.7.                  Liturgie: eigene
425
432
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Und die Schlange sprach weiter: „…Vielmehr weiß Gott, dass an dem Tage, da ihr davon esset, euch die Augen aufgehen und ihr sein werdet wie Götter, die Gutes und Böses erkennen.“ Das Weib sah, dass die Baumfrucht gut zu essen wäre und lieblich anzusehen und begehrenswert, um Einsicht zu gewinnen. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab davon auch ihrem Manne, der bei ihr war, und er aß. Nun gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Da vernahmen sie den Schritt Jahwes Gottes, der sich beim Tagwind im Garten erging, und der Mensch und sein Weib verbargen sich vor Jahwe Gott unter den Bäumen des Gartens. Jahwe Gott aber rief dem Menschen zu und sprach zu ihm: „Wo bist du?“ Er antwortete: „Ich vernahm deinen Schritt im Garten; da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.“ Darauf sprach er: „Wer hat dir kund getan, dass du nackt bist? Hast du vom Baum gegessen, vom dem zu essen ich dir verboten habe?“ Der Mensch erwiderte: „Das Weib, das du mir beigesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“…Da sprach Jahwe zum Weibe: „Unter Schmerzen sollst du gebären … und du, Mensch, sollst dein Brot im Schweißes deines Angesichts essen, bis du wieder Staub wirst, von dem du genommen bist…“
Darum entfernte Jahwe Gott ihn aus dem Garten Eden, damit er den Erdboden bebaue, von dem er genommen ist. Und als er den Menschen vertrieben hatte, stellte er östlich von dem Garten Eden die Cherube auf und das zuckende Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachen.

Wie Gott zu sein, was das heißt, darüber herrscht immer noch Verklärtheit. Wir wiegen uns in seligem Lächeln, „ja, wie Gott sein…“ und wissen nicht, was es alles nicht heißt (!) und was es verheißt.

Wir aber verbinden bis heute Souveränität und Macht mit dem Götterstatus. Bis heute lassen wir vermissen, was seit Anbeginn damit verbunden worden ist: unsere Ethik: das Gute vom Bösen unterscheiden zu können.

Folgen absehen, zu verstehen und zu bedenken, dass wir eine Herkunft und eine Zukunft haben. Aber auch, dass wir Erde sind und zu Erde zurückkehren.

Hier wird die eigentliche Geburtsstunde des Menschen beschrieben. Nicht anders als die Geschichtswissenschaft vom Menschen, die Paläontologie sagt die Bibel, dass der Mensch als Lebewesen schon da war, als er im eigentlichen Sinne Mensch wurde. Bis dahin war er eins mit der Natur, lebte als ihr Kind mitten in und aus ihr.

Und nun gehen ihm die Augen auf. Er erkennt, dass er nackt ist. Er erkennt sich. Er wird sich seiner selbst als ein Gegenüber bewusst. Und er wird sich dessen bewusst, dass er als Mensch der Welt überhaupt gegenüber steht.

Und was das heißt, drückt unser heutiger Text expressis verbis aus: er verliert seinen Platz im Paradies.

Heinrich von Kleist hat in seinem Stück „Über das Marionettentheater“ dieses Geschehen als Verlust der Unmittelbarkeit beschrieben. Der sich seiner selbst bewusst gewordene Mensch kommt aus dem Takt, dem Gleichmaß. Er hat die Natürlichkeit seiner Bewegungen und seiner selbst verloren.

Der Mensch ist Mensch, weil er sich selbst als von der Natur getrennt erfährt. Er befürchtet, den Kräften der Natur und später auch denen der Gesellschaft, ja selbst denen seiner eigenen Technik hilflos ausgeliefert zu sein. Er erfährt sich als allein und abgesondert.

Der sogenannte Sündenfall ist – sogenannt, weil tatsächlicher und strafbarer Ungehorsam die Freiheit der Wahl voraussetzt, nicht erst nach sich zieht (!) – genau der Moment der Menschwerdung. Die dann allererste Sequenz, die vom Menschen erzählt, beschreibt, dass er sich schämt. Sich zu schämen, setzt voraus, dass man sich seiner selbst bewusst ist. Der Verlust des Paradieses ist nicht Strafe sondern Vorbeugung. Der Verlust ist eine immanente Folge der Menschwerdung.

Das lateinische Wort eksistere bedeutet hinaussetzen. Die Natur setzt den Menschen aus sich heraus. Er ist aus dem zuvor selbstverständlichen Rahmen herausgesetzt worden. Nichts ist mehr selbstverständlich. Der Mensch ist sich selbst fraglich geworden. Er ist ein denkendes, ein sein Verhalten bedenkendes, ein ethisches Wesen geworden. Und alles ist ihm ein Gegenüber.

Und dieses Abgetrenntsein ist für ihn eine Quelle intensiver Angst.
Auf alle mögliche Art versucht er seither, in den Schoß der Natur zurück zu kriechen, hinter Tiermasken wieder eins zu werden mit ihr, durch schöpferisches Wirken eins zu werden mit ihr und ihren Werkstoffen. Durch die Vereinigung von Mann und Frau sein existentielles Problem zu vergessen. Oder im religiösen Kult die universelle Einheit in Person zu beschwören.

Die heutige Predigtstelle steckt voll tiefer Einsicht. Sie läuft Kopf an Kopf mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dass es die Kindskopfgröße und die Beckenstellung des weiblichen Menschen ist, der erstmals in der Natur Geburt, ausgerechnet Geburt, zum Wagnis macht; dass der Mensch das eine Wesen ist, das im Gesicht und am Körper schwitzt, was ihn den Savannenläufer und Durchstreifer heißer Lebensräume ausdauernder kühlt; vor allem aber die Erkenntnis von gut und böse.

Auch Mann und Frau, so erzählt die Geschichte, sind sich ihrer Unterschiedenheit bewusst geworden. Dem jeweils anderen – so fremd sind sie einander geworden: „da das, das ist der andere!“ – wird die Schuld zugeschoben. Das ist eindeutig lieblos.

Und auf diese Einsicht kommt es mir heute an: Mann und Frau haben es nach dieser Geschichte noch nicht gelernt sich zu lieben.

Denn eine Ethik des Miteinanders will gelernt sein.
Jawohl, Liebe ist eine Kunst, die erlernt werden kann. Eine Haltung, die zwischen den Geschlechtern gilt; die aber auch fein ausgewogen gelebt werden will zwischen Eigenliebe und der zum Nächsten; und letztlich keinen geringeren Radius schlägt als die Liebe zur ganzen Welt.

Die Welt als Gegenüber ist uns heute Anlass zu danken. Von selbst wächst die Saat, sozusagen über Nacht. Wir erkennen, dass die Natur uns trotz ihrer Unverfügbarkeit gut versorgt.

Aber nicht zu kniefälliger Dankbarkeit führt uns die Erzählung von Paradies und Sündenfall. Sondern sie regt dazu an, die damals geschehene Trennung heute zu überbrücken durch Liebe, eine neue Haltung der Natur gegenüber zu gewinnen. Liebe allein besiegt die Angst. Das sind die beiden großen Antipoden in unserem Leben.

Verstehen wir die Natur wie bisher als Herausforderung, an der wir uns in Sport und technischem Einsatz beweisen können, verstehen wir sie als Angstgegner – oder ist sie Teil derselben Schöpfung wie wir? Gelingt es uns, die existentielle Trennung zu überwinden und unseren wiedergefundenen Lebensgrund demütig, naturgemäß und fürsorglich zu behandeln?

Wir können uns entscheiden, das ist die Botschaft des Textes. Jetzt können wir es wirklich. Und an der Art, wie wir uns entscheiden, entscheidet sich nicht nur das Leben von Morgen. Sondern vor allem darf sich unsere Haltung entfalten, unsere Liebe zur ganzen Welt, unsere Spiritualität und Reife. Amen.