Unterschied Heide – Christ

Darum sage ich euch: sorget nicht (angstvoll) für euer Leben: was ihr essen und trinken werdet. Auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung, und der Leib mehr als die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nichts in die Scheunen – und euer himmlischer Vater ernähret sie doch! Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seiner Lebenslänge durch Sorge auch nur eine Elle hinzuzugeben vermag?
Und warum sorgt ihr für die Kleidung? Schaut auf die Lilien auf dem Felde, wie sie aufwachsen: sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht – ich aber sage euch: dass auch Salomon in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist, wie derselben eine! Wenn Gott also schon das Kraut auf dem Felde, das doch nur heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, dermaßen kleidet, warum sollte er nicht noch viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?!
Darum sollt ihr nicht angstvoll sorgen und sagen: was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des allen bedürft. Trachtet ihr zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. So wird euch das andere alles zufallen. Darum sorgt nicht für den anderen Morgen, denn der morgige Tag wird das Seine schon bringen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigenen Herausforderungen habe.

Das wollten wir doch schon immer wissen: Was eigentlich macht einen Gläubigen aus? Was unterscheidet ihn von einem Heiden?

Drei markante Unterschiede gibt uns dieses poetischste aller Jesusworte an die Hand.

Um die erste Quintessenz herauszuarbeiten, habe ich dem Verb „sorgen“ im Eröffnungssatz ein „angstvoll“ hinzu gefügt. Denn nicht vernünftiges Planen steht in der Kritik. Nicht das rechtzeitige Sorgen fürs Brennholz für die kalte Jahreszeit unserer Klimaten. Sondern auf eine aus himmlischer Sicht entgleiste Lebenseinstellung will Jesus uns, die Seinen (!), aufmerksam machen. Gerade in Deutschland hat diese Haltung etwas Zwanghaftes bekommen. Nämlich sich mit dem Nachbarn zu vergleichen. Das Mehrhabenwollen. Sich abheben und sich selbst darstellen Wollen. Wir glauben, so würden wir etwas sein. Schlimmer noch ist das Habenwollen selbst. Es ist zum Derivat, zum Ersatzstoff fürs Sein geworden. Aber es kann es nicht ersetzen. Zu sein, authentisch zu sein, etwas zu erleben und sich einzulassen, ein Risiko einzugehen und sich darüber zu freuen, ein Ziel oder gar einen Menschen erreicht zu haben – ist durch nichts zu ersetzen. Wir wissen es, aber die Angst sitzt uns im Nacken. Die Angst zu kurz zu kommen, die Angst, nicht zu genügen, die Angst vor schlechten Zeiten. Immer wieder sitzen wir ihren Versuchungen auf, – leben nicht jetzt, spielen nicht jetzt mit den Kindern, steigen auf Berge, schwimmen in Seen, laufen barfuß, vor allem bringen nicht unsere Begeisterung und unsere besten Tugenden zum Wohle von uns und anderen zum Tragen – sondern verschieben das Leben.

Wer sich immer nur für das Abenteuer ausrüstet, sich materialiter für den Ernstfall ausstattet, das Abenteuer aber selbst verschiebt, der ist bestenfalls ein Träumer. Er verpasst das Beste. Meist jedoch wird das Sorgen für die Zukunft zum Selbstzweck. Ängstlich schielt der betroffene Mensch auf diese oder jene Schwierigkeit wie das Kaninchen auf die Schlange. Wer sich solcher Sorge mehrheitlich in seinem Leben verschrieben hat, der ist krank. Er hat die Sorgensucht.

In der ersten Unterscheidung zwischen Gläubigem und Heiden steckt durchaus auch etwas Diagnostisches, eine Dimension der Seelenhygiene.

Dieser erste Unterschied ist, dass der Gläubige etwas hat, das ihn durch den Tag und das Leben leitet: Gottvertrauen.

Der zweite Unterschied wird klar, wenn wir beherzigen, dass es nicht allen Menschen gleich gut geht. Der konkret Hungernde ist nicht der Adressat dieser Worte. Das wäre zynisch.
Der größte aller Utopisten, Jesus, ist hier auch der größte Realist. Hier hilft ganz konkret nur eines: mit dem Hungernden ist schlicht und einfach das eigene Brot zu teilen. Das ist ebenso unumstößlich, wie eben wahr ist, dass du auch durch noch so viel Mühen, deine Lebenszeit nicht verlängern kannst.
Diese die Wirklichkeit annehmende – und in ihrer Unveränderbarkeit und mit allen Konsequenzen annehmende – Haltung basiert auf dem Glauben an die väterliche Sorge Gottes und die Geschwisterlichkeit aller Menschen. Der väterlichen Sorge kann er sich selbst anvertrauen, und den darbenden Nächsten weiß der Gläubige seiner Geschwisterlichkeit anempfohlen. Adäquat zu reagieren, rechte Verhältnismäßigkeit ist im zweiten Schritt gleichsam die Konsequenz aus dem Urvertrauen. Diese Einsicht reimt sich auf das Doppelgebot der Liebe: liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Im Christentum hat der Umgang mit Leib und Kleidung manche Blüten getrieben. Leib und Kleidung gering zu achten, das ist in Folge von Neuplatonismus und Calvinismus zu lebensfeindlichen Extremen stilisiert worden. Doch bei Jesus selbst finden Leibfeindlichkeit und Leib-Seele-Dualismus keine Grundlage. Es geht ihm um nichts anderes als das rechte Verhältnis zu den Menschen und den Dingen. Lebensfördernder Umgang mit dem Nächsten und vertrauend sachliche Einstellung zu Kleidung und Nahrung sind seine Leitlinien. Es ist zum zweiten also der Maßstab der Verhältnismäßigkeit, der den Gläubigen auszeichnet. Inmitten aller Lyrik einer Bergpredigt will diese nüchterne, relativierende Wahrheit des Realisten Jesus nicht überhört werden: Dinge dienen. Schau, dass sie keine andere Funktion bekommen und dass sie dort eingesetzt werden, wo es Not tut.

Drittens: Vergessen wir unseren Zwang zu Horten und zu Bunkern. Wir können uns befreien von der Angst. Denn der Text hat mehr zu bieten als das Starren auf ehemalige seelische Fehlhaltungen. Er bietet eine Vision. Auf deren Verwirklichung können wir zumarschieren. Dieser Weg verheißt für jeden nicht weniger als Erfüllung. Es gibt einen Sinn, es gibt eine realistische Chance auf Wahrhaftigkeit.

Reich Gottes ist nichts für besonders Fromme oder gar eine Belohnung für diejenigen, die jedem Buchstaben treu gefolgt sind. Es ist eher die mögliche Konkretion gelingender Zukunft für Grübler und Menschen, die mit sich oder ihren Lebensbedingungen nicht zu recht kommen. Über jedem individuellen Sinn – aber nicht zu trennen davon – steht die Vision von der Welt, wie sie um Gottes Willen sein soll. Sein Reich und das seiner Gerechtigkeit.
Gottes Gerechtigkeit ist das Gegenstück zu unserer menschlichen Vorstellung von Gesetz und Ordnung. Gottes Gerechtigkeit basiert auf dem Rechtsgrundsatz: Gnade vor Recht ergehen zu lassen.
Du und ich werden zunächst einmal durch diesen Grundsatz dort überhaupt zugelassen. Ich zumindest. Wir müssen uns nicht mehr selbst rechtfertigen, versuchen, vor Gott und der Welt groß rauszukommen. Nein, als so Zurechtgemachte dürfen und können wir in diesem Reich ein Rolle spielen. Es ist ganz nahe herbei gekommen. Mit jeder anstehenden Entscheidung kann es beginnen. Wenn wir nicht nur unsere Freunde lieben, sondern auch die, die uns nicht nur Gutes wollen, dann geht der Stern dieses Reiches auf. Mit dem beten für die Feinde beginnt tatsächlich erst die eigene innere Welt, dann die ganze Welt anders, besser zu werden. Hier geschieht Selbstüberwindung im besten Sinne. Nur durch den Mut zu einer derart alles verändernden Feindesliebe wird die Welt anders werden und ein verschrobenes Leben, wie unser eigenes, zu reicher Entfaltung und Erfüllung kommen.

Der heilige Leichtsinn, zu dem Jesus uns ermutigen will, wird dann uns Kranke einander heilen, uns Bedürftige einander helfen und uns Sünder einander vergeben lassen.

Die drei Erkennungsmerkmale des Gläubigen sind also: Gottvertrauen, Verhältnismäßigkeit im Umgang mit den reichlich vorhandenen Mitteln und die Nähe dieses Reiches Gottes. Amen.