Wanderwege – Lebenswege

Ansprache „Wandern“
Die drei Wandergründe
Gemeindewanderung 13.09.09
Grünhaus
Was wir heute gemacht haben – Wandern – das ist die natürlichste Sache der Welt. 100.000 Jahre lang haben sich Menschen ausschließlich so fortbewegt. Zu wandern entspricht unserer Geschwindigkeit wahrzunehmen.
In unserer Zeit hat das Wandern seine Selbstverständlichkeit, Natürlichkeit verloren. Wir fahren Bus, Lift, Rolltreppe, Mofa, Fahrrad und vor allem Auto. Wandern ist zu einem Urlaubsevent verkommen. Und wird gleichzeitig als solches emporstilisiert. Es ist bei Menschen en vogue, die sich Flugurlaub nicht mehr leisten können oder erkannt haben, dass sie ihn ethisch nicht vertreten können. Also: nur Kenner wissen noch um die wahren Werte des Wanderns.
Das ist schade. Denn Wandern bedeutet nicht nur Fortbewegung sondern im umfassenden Sinne Fortschritt. Haben Sie schon einmal gemerkt, wie die Gedanken beim Wandern sich entwickeln; Ihnen unterwegs gute Einfälle kommen und Sie gar das eine oder andere Problem quasi en passant lösen?
Von einigen Philosophen und berühmten Denkern gibt es Stiche, die sie mit hinter dem Rücken verschränkten Händen beim Wandeln, beim Wandern zeigen. Die Hände ruhen, der Kopf arbeitet. Nach dieser Gemeindewanderung wissen wir warum!
Drei Wandergründe habe ich mitgebracht. Sie sind das Geheimnis dieser drei Tüten. Nicht mit den Füßen – mit den Händen dürfen Sie erraten, erfahren (!), um welchen Grund es sich jeweils handelt.
(Handlungsanweisung: Auf dem Altar stehen diese drei undurchsichtigen Säcke. Den ersten dürfen Sie jetzt erforschen. Es ist ein Wandergrund drin. Aber Sie dürfen nicht einfach so reinschauen. Darum erhalten Sie diese Augenbinde. Sie dürfen fühlen und riechen. Und dann sagen Sie allen, was das Geheimnis dieses Sackes ist)
Gern singen die Jugendlichen das Kirchenlied „Eine Hand voll Erde“. Mit der Erde kannst du spielen, bauen dir ein weites Haus. Liebe Gemeinde, Erde gibt uns das Leben!
Aus ihr ziehen wir die Pflanzen, die wir essen und die Pflanzen, die die Tiere fressen, die wir zum Leben brauchen. Nicht umsonst bezeichnet die Bibel den Menschen als ein Wesen, das von Gott aus Erde geformt und geschaffen wurde, bevor er es mit seinem Atem zu einem geistvollen Menschen belebte.
(Zweiter Sack) …
Hier haben wir die Spitze eines alpinen Berges. Es ist der Gipfel des „Schweikert“. Jetzt ist dieser Berg in den Ötztaler Alpen nur noch 2.878m hoch. Wir sagen, unser Leben habe Höhen und Tiefen. Es waren die ärmsten Bergbauern, die auf den mageren Weiden ganz oben siedelten. Für uns dagegen sind Gipfel reiche Früchte des Anstiegs und der Arbeit. Gewonnene Augenblicke, die mit herrlichen Ausblicken belohnen; Leben pur.
Berge sind Inbegriffe des Lebens. Sie zu bewandern heißt sich anspannen und entspannen; heißt ausschreiten und ausruhen. Der Puls unseres Lebens eben. Berg und Tal stehen für unser aktives und unser empfindendes Leben.
Höchste Gipfel sind wie große Ziele.
Auch hier gibt es Lieder: „Go, tell it on the mountains“, „ultra la montaigne scopriamo l´amore“. Sie erzählen vom Erzählenswerten, von Hoffnung, Last und Liebe.
Dieser Stein steht dafür, dass wir im Leben Visionen brauchen.
(Dritte Tüte) …
Hier ist der Sand. Ehemalige Gipfel. Im wahrsten Wortsinn zerronnene Felsen. Sinnbild verflossener Zeit.
„Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd´ ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier,
Und als Totenlampen schweben
Nachts die Sterne über mir.“ (Heinrich Heines Grabinschrift)
Nicht nur der Sand in den Sanduhren gemahnt uns der Flüchtigkeit der Zeit, sondern gerade Strände erzählen uns davon , dass alles in Bewegung ist. Schwemmgut berichtet von fernen Ländern und vergangenen Katastrophen. Wenn wir sagen „Dieser Palmenstrand kommt mir paradiesisch vor“, dann spielen wir auf eine Menschheitsvorstellung vor und nach aller irdischen Zeit an.
Und tatsächlich: nirgendwo sehen wir soviel Himmel wie am Meer. Unser halber Gesichtskreis: nichts als Himmel. Und im Wasser spiegelt sich der Himmel, als wollte es so von seiner Nähe zur Unendlichkeit beichten.
Erde, Berge und der Meeresstrand. Sie sind nicht bloß Ort für Aufenthalt und den Lauf unserer leiblichen Füße. Sondern zusammen sind sie Sinnbild für unseren irdischen Lebensweg!
Im Neuen Testament steht zwischen den einzelnen Perikopen, den Erzählungen über Jesu Tätigkeit, dass er aufbricht und an einen anderen Ort geht. Immer wieder steht das dort. Etwas Altes wird abgeschlossen, etwas Neues beginnt, sagen uns diese Ortswechsel. Jesus ist unterwegs. Mit uns.
Gott segne Ihre Schritte, Ihr Losmarschieren und Ihr Ankommen. Amen.