Der Heiland als Dissident

Als Jesus nun hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der das spricht (Jes 8, 23; 9, 1): „Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die saßen am Ort im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen“. Seit der Zeit fing Jesus an zu predigten „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“.

 

Immer, wenn jemandem etwas nicht richtig gelang, ein angekündigtes Ziel nicht erreicht worden war, pflegte meine Großmutter zu trösten mit den Worten: wer weiß, wozu es gut war.

Um diese Weisheit geht es in unserer heutigen Geschichte.

 

Vordergründig beginnt sie so: Jesu Vorläufer wird gefangen gesetzt. Jesus schließt daraus auf eine Gefahr für seine Person. Tatsächlich gab es zu Zeiten des Herodes Pogrome. Nicht nur politisch anders Denkende wurden nieder gemacht, waren den Verfolgungen der Geheimpolizei des Statthalters ausgesetzt. Auch religiöse Gruppierungen standen im Verdacht, die Macht zu untergraben. Es mag uns an die Verfolgung der Gülem-Bewegung in der Türkei in diesen Tagen erinnern. Aber es ist aus der Zeit des römischen Imperiums und seiner Kaiser bekannt, dass Verhaftungswellen selbst in der Provinz an der Tagesordnung waren.

Forscher fragen sich, wie groß der Einfluss des Täufers auf Jesus gewesen sein mag. Diese Stelle mag als ein Indiz dafür gelten, dass Jesus in seinen theologischen Kinderschuhen ein Zögling dieser Erweckungsbewegung gewesen war. Eine Bewegung, die man immer in der geistigen Nähe zu den Essenern, einer jüdischen Sekte, vermutete.

Herodes verfolgt also die religiösen Extremisten, die Sektierer.

Darum also flieht Jesus ins Ausland. Der spätere Heiland hier als Dissident. Der junge Jesus ein Exilant.

 

Dort, am See Genezareth entwickelt der Mann aus Nazareth seine Theologie. Aufschlussreich ist, dass er mit dem Bußruf des Johannes seine Verkündigung beginnt. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“.

So beginnt er dort, wo Johannes aufgehört hat. Er stellt mit dem zunehmenden Wachstum seiner Theologie, mit deren Reife, die Gedanken des Täufers vom Kopf auf die Füße. Hieß es noch in den ersten Tagen: Kehrt um, tut Buße, weil das Reich Gottes nahe gekommen ist. D.h. weil der Tag des Gerichts nahe ist, werdet anständige Menschen – eine Kehrtwendung im letzten Augenblick sozusagen, eine Besserung unter Androhung der Strafe;

so macht Jesus mit der Entdeckung des lieben Gottes, seines lieben Vaters im Himmel daraus eine andere Logik: Weil Gott schon da ist, weil er dich liebt, darum – und nur darum ! – kannst du dich ändern. Es ist die Theologie der Liebe und ihrer selbstverständlichen Früchte, die in der Zeit nach dem Aufenthalt am See Genezareth wächst.

Der Einzug in Jerusalem wird dann so etwas sein wie die Nagelprobe des Vertrauens in diese neue Botschaft, dass sich selbst gibt, wer denn wahrhaft liebt. Doch dazu zu Ostern mehr.

 

Das erstaunliche an unserer heutigen Perikope ist, dass der Evangelist mit der Skizze einer historischen Situation beginnt. Dass er einerseits erwähnt, warum Jesus sich absetzt. Ein Blitzlicht gleichsam auf die historische Situation, eine politische Randnotiz, die der Evangelist der Nachwelt überliefert.

Andererseits aber stellt er dieses Untertauchen Jesu in einen ganz anderen Zusammenhang, den nämlich einer alten jüdischen Vorhersage. Der Prophet Jesaja sagt Regionen, die besonders abgeschrieben waren, Regionen, die am Rande des Kulturgebietes im Übergang zur Steppe lagen, zu, dass sie von der Quelle des Lebens werden trinken dürfen. Wer im Schatten liegt soll ein helles Licht sehen, in den Fokus gestellt, wahrgenommen werden. Ich erinnere an Brecht: die einen sind im Dunkeln, die andern sind im Licht. Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Genau das ist die Botschaft Jesu, dass Gott dich wahrnimmt. Und diese Annahme lebt er in der folgenden Zeit in Person. Wie zum Beweis dieser Aussage sammelt der Evangelist dann in den folgenden Kapiteln Erzählungen über Jesus, der die Verlorenen sucht, die Kinder annimmt, die Ausgestoßenen heilt und wieder gesellschaftsfähig macht.

Auch wenn wir sagen, die Geschichte Jesu beginnt mit Weihnachten, so führt uns Matthäus doch zu den eigentlichen Anfängen: der beginnenden Wirksamkeit Jesu.

Eine Botschaft, die durch eine historische Verfolgungssituation ausgelöst wird. Die Flucht und damit Heimatlosikeit des Menschensohnes wird durch diese Initialzündung für Jesus zum Thema. Zum Quellpunkt seines Redens und Wirkens.

Es ist so, als ob die Erfahrung von Not und Vertreibung den Blick für Not und Flucht öffnet, als ob der Eindruck persönlich erlittener Verfolgung das Herz aufschließt für die Verfolgten, für die outcasts, für die Randgruppen der Gesellschaft.

Unsere heutige Perikope gibt also wahrscheinlich wieder, was in der Legende von der Flucht nach Ägypten verniedlicht wurde: die tatsächliche Flucht Jesu in den Untergrund und das Ausland.

 

Unüberhörbar legt der Evangelist den Schwerpunkt der Wiedergabe aber auf die Einordnung des Geschehens in einen größeren Zusammenhang. Den der Prophezeiung von Jeremia, dass Gott Licht in die Provinz bringen wird, dass die verlorenen Schafe gefunden werden werden; das die Marginalisierten wahrgenommen und wieder wertgeschätzt werden.

 

Und da haben wir die Situation, von der ich eingangs sprach: dass etwas anders läuft, als wir es uns gedacht haben. Dass der Mensch zwar denkt, Gott aber lenkt. Denn am Ende sehen wir, wozu ein Bruch in unserer Biographie, wozu ein augenscheinliches Missgeschick, wozu gar ein Unglück gut war.

 

Meine Großmutter pflegte den Spruch: wer weiß, wozu es gut war. Tatsächlich dürfen wir im Leben die Erfahrung machen, dass ein Missgeschick sich in Glück wandelt, dass wir im nachhinein verstehen, wozu etwas gut war.

 

Das ist der hidden code dieser Perikope vom Wirkungsbeginn Jesu, der vertrieben wird und so erst auf seine eigentliche Bestimmung stößt.

Wir alle erfahren im Grunde vom liebevollen Vater im Himmel nur, weil er an dieser Stelle Jesu Lebenswege so ruppig umgelenkt hat.

Und auch im Blick auf eigene Stolperstellen im Leben dürfen wir glauben, dass genau sie uns auf die Füße stellen können.

Amen