Schneller als der Wind

Schneller als der Wind. Geht das? Das geht, und wie! Man muss nur über ein entsprechendes besegelbares Fahrzeug verfügen. Das kann ein Strandsegler sein, oder, wie ich letzt in einem wdr-podcast sah, ein umgebautes Formel-1 Rennauto von BMW, oder, wie es ein Freund von mir benutzt: ein Segelgerät. Den Freund kenne ich seit den Tagen unserer gemeinsamen Lernerei für den Sportbootführerschein See auf Elba.

Anspannung und Entspannung, so wird´s was mit dem SSS
Anspannung und Entspannung, so wird´s was mit dem SSS

Wir sind beide Mitglied desselben Segelvereins, der dort über eine Niederlassung mit Schule verfügt. In den wind- und regenreichen Vorfrühlingstagen, noch bevor die Saison auf der toskanischen Insel so richtig beginnt, werden Segellüsterne fit für die Praxis gemacht. Alle Frauen und Männer dort vom selben Eros infiziert. Segeln, Leben auf dem Wasser, Wasserwandern, Speed.
Um letztes ging es dem besagten Freund, er hatte schnell den Spitznamen Azorenpeter weg, weil er seinen ersten Wohnsitzt eben dort hat. Speed, speed und nochmal speed. Wie macht man das? Indem man ein Schiff erwirbt, das bei 10m Länge gerade mal 3t wiegt. Kein Monohull, ein Kat, also ein Nichts auf zwei Kufen. Innen lebt der Mensch darin sehr spartanisch. Die zwei Doppelkojen in der ein und einzigen Kabine sind nur im Kriechgang zu erklimmen, im Eingangsbereich Backbord der

die richtigen Schwerpunkte setzen: Speed nur mit Sparta
die richtigen Schwerpunkte setzen: Speed nur mit Sparta

Navigationssitz mit Plotter, Radarwarner und kleinem Kartentisch, rechts vom Mittelgang die kleine Pantry mit großer Kühltruhe, zweiflammigem Kocher und winziger Spüle. Das ist alles an Wohnkomfort. Und die Toilette? Wozu braucht ein Segler denn soetwas? Zum Essen kommt er bei den Geschwindigkeiten, von denen gleich zu berichten ist sowieso nicht mehr. Scherz beiseite: die ehrliche Antwort ist der klassische Eimer. Verstopfung beim Kameraden – aber nie mehr in irgendwelchen Abflussventilen.
Der Eigner weiß sich also zu beschränken, denn wie gesagt: es geht ihm nur um speed.
Und den wollten wir ja haben. So nahmen wir seinen Katamaran, eine neuseeländische one-of-produktion, in St. Brieuc in der Bretagne auf. Dort lag er trocken auf Land

Schluss mit dem Dornröschenschlaf. Nach dem Winter wird die "Windswept" wieder wachgeküsst
Schluss mit dem Dornröschenschlaf. Nach dem Winter wird die "Windswept" wieder wachgeküsst

und musste gereinigt, beladen und seeklar gemacht werden. Ein 10t stämmender Kran hievte das Schiff in das auflaufende Wasser des Kanals. Schnell den Anker geworfen und den Skipper an Bord genommen. Dann konnte es los gehen. Von

der nimmt jeden Segler auf den Arm
der nimmt jeden Segler auf den Arm

St.-Quay-Portnieux aus ziehen wir unsere Linien durch die kabbeligen Wasser des Kanals. Das Segel gleicht mit seinen Latten einer Stichlingsflosse. Und ebenso angriffslustig verhält sich das ganze Boot. Öltanker bummeln angesichts der Ölpreise mit 16-20kn über die Ozeane. Gegen die „windswept“ haben sie keine Chance. Was dem Reisenden heute das Fliegen, ist dem mobilen Segler der Katamaran. Ihn zu steuern ist so aufregend wie Formel-1 fahren. Höchste Konzentration ist angesagt, wenn der Wind mit säuselnden 10kn zum Ablegen einlädt. Wie ein Araberhengst wittert das Sportgerät Freiheit und schießt mit 13kn von der Hafenmole weg auf See. Jetzt zeigt der wahre Wind 15kn, der Speedometer schon 16kn. Tatsächlich: schneller als der Wind!
Doch es kommt noch besser. Messerscharfe Schnitte hinlassen die Rümpfe im Wasser, eines Wasserskifahrers würdig. Jetzt 2008-07-05 130zeigt die Geschwindigkeitsanzeige 21kn, die Tanker und Frachter bleiben zurück. Der Kat jagt wie auf Schienen. Raus zum Leuchtturm, eine Strecke, für die ich zwei Stunden im Dickschiff benötigen würde, ist in 20 adrenalinwabernden Minuten abgerissen. Dann rum um die menschenverschlingenden Felsen.

Seemannsgrab mit Stein
Seemannsgrab mit Stein

Dreieckskurs, jetzt achterlicher Wind, lautlose Stille gegenüber eben, wo wahrer Wind und Fahrtwind sich vermehrten und der scheinbare Wind 30° achterlicher einfiel als der wahre. Hier liegt auch das Geheimnis der Geschwindigkeit. Dann schon wieder ein Halbwindkurs. Der Engländer, der vor dreißig Minuten auf Gegenkurs lag und nach Frankreich steuerte, ist flugs eingeholt, überholt (ohne Austausch von Breitseiten) und im Kielwasser nass gemacht. Auch wir selbst bleiben nicht trocken. Einerseits duscht uns das Spritzwasser der eintauchenden Rümpfe mit wagrechtem Strahl wie aus dem Feuerwehrschlauch, andererseits laufen die Freudentränen: wir sind eben schneller als der Wind. Dieser Kat, eher ein Sportgerät als ein Schiff läuft bei 17kn Wind glatte 24kn. Kein Wunder, dass es Hans-Peter in drei Tagen damit auf die Azoren zurück schafft.
Doch bis zu seinem Aufbruch dorthin ist noch ein Weilchen. Gegenan knüppeln ist nicht sein Sache. Der Wind muss ihn aus NE aus dem Kanal wehen, dann wird er´s wagen. Bis dahin bleibt uns Zeit für eine der schönsten Landschaften Europas und das

MeerblickMeerblick und Blickfang: Haus über der bretonischen Küste

Als die Schiffe aufschwammen, konnte die "Windswept" hier gewassert werden
Als die Schiffe aufschwammen, konnte die "Windswept" hier gewassert werden
Ebbe und Flut singen den Booten hier ihr Lied vom Wechsel der (Ge-)Zeiten
Ebbe und Flut singen den Booten hier ihr Lied vom Wechsel der (Ge-)Zeiten

2008-07-05 129

eine oder andere Bierchen, um das Adrenalin zu verdünnen.

Salzwasser macht durstig
Salzwasser macht durstig