Die vier im Ballon

Ansprache Ballontaufe, 16.08.2019

Föhren, Flugfeld, anlässlich der Moselballonfiesta

Matthias  J e n s

Ich heiße nicht Johannes – bin aber der Täufer dieser vier flammneuen Ballone. Ein Ereignis, das wir mit Ihnen, den Crews, dem freundlichen Veranstalter, den Stiftern und Ihnen allen aus dem Publikum feiern möchten.

Darum beginne ich gleich mit der Publikumsfrage: Wie hieß das erste Trier im Weltraum?

Ja, es ist die zweijährige Mischlingshündin „Leica“ gewesen, die gleichzeitig mit ihrer Mission im Sputnik 1957 zu Weltruhm und einem schrecklichen Tod verurteilt wurde.

„Leica“ ist also das erste Tier im Weltraum.

180 Jahre vorher war es in der Ballonfahrt ähnlich. Menschen hatten sich überlegt, dass es mit dem Fliegen möglich sein müsste. Joseph Michel und Jaques Etienne Montgolfier hatten beobachtet, dass Papier- und Leinensäcke über einem Feuer zu schweben beginnen. Einen Sack aus Papier und Leinen ließen sie erfolgreich im Juni 1783 in eine Höhe von fast 2.000m aufsteigen.

Nun hörte König Ludwig XVI davon und wollte sich das Experiment vorführen lassen. Lebendige Passagiere mussten her. Und schon damals griff der Mensch zu Tieren in seiner Nähe. War es 1957 ein Hund, so waren es fünfzehn Jahre vor der Revolution den Franzosen ihre greifbaren Tiere aus der Landwirtschaft: ein Hahn, ein Hammel und eine Ente.

Ich erzähle allen Ballonfahrern nichts neues, wenn ich an die erste bemannte Ballonfahrt erinnere. Sie begann im Vorhof von Versailles. Der König und seine ganze Familie waren anwesend. Auch mehrere tausend Adlige. Und natürlich das Volk, das sich aus Paris und dem Umfeld der Stadt eingefunden hatte.

Gleich nach dem Start ging der König in sein Schlafgemach und beobachtete durch ein Fernrohr den Flug. Der dauerte 8 Minuten und führte immerhin über 1.800 Faden in nordöstliche Richtung (1.800 x 1,62 = 2.916m) also fast 3km.

Die Schwester des Königs aber, die neunzehnjährige Elisabeth setzte sich aufs Pferd und galoppierte hinterher.

Als sie am Waldrand ankommt, wo dem Ballon die Puste ausgegangen ist, grast der Hammel schon friedlich, die Ente ist wohlauf, nur der Hahn hat einen ramponierten Flügel. Der Hammel soll sich bei der Landung auf ihn niedergesetzt haben. Elisabeth verarztet das Tier. Sie ist diejenige, die einen Musterbauernhof bei Versailles aufbauen wird – und alle drei Tiere erhalten lebenslanges Gnadenbrot bei ihr.

Da haben wir nun vier Tiere zusammen, den Hund, den Hammel, den Hahn und die Ente. Denn vier Flugpioniere brauchen wir heute, weil sie bei den vier einzuweihenden Ballonen Paten stehen möchten.

Vielleicht denkt auch jemand bei der Vier-Zahl an die vier Elemente. Feuer, Wasser, Luft und Erde, sie stehen schon Jahrhunderte vor unseren Pionieren für die Erde schlechthin. Für jedes Element ein Strich gemacht und zu einem Quadrat zusammengezeichnet haben wir das alchemistische Zeichen für Erde. Nun wollen diese vier Ballone nicht auf der Erde bleiben, sondern ihr Zweck ist die Luftfahrt darüber. Für den Himmel hatte dieselbe alte Formensprache den Kreis bereit. Denn der Kreis steht für Unendlichkeit, eben den Himmel und auch für Gott.

Der Übergang zwischen beidem, zwischen Erde und Himmel, zwischen Quadrat und Kreis ist das Achteck. Es ist das Zeichen unseres heutigen Initiationsfestes. Es ist das Zeichen für Taufe. Sie wissen wahrscheinlich, dass die alten Taufkapellen alle einen achteckigen Grundriss haben. Das bekannteste Oktagon ist das Baptisterium von Florenz auf dem Domplatz.

Nun hat fast alles für diesen Festakt seine Ordnung. Nur die Zuordnung der Pioniertiere zu den einzelnen jungfräulichen Fluggeräten fehlt noch. Und tatsächlich für jeden Ballon hier möchte eines der Tiere Maskottchen sein:

  • Der Hammelist wie die Ziege im chinesischen Tierkreiszeichen bekannt für sein Mitgefühl. Er gilt als warmherziges Tier. Das steht auch für die Aufgabe der „Caritas“, die sich das Wohl des bedürftigen Menschen zur Aufgabe gesetzt hat.
  • der Hahnzeigt sich in ganzer Pracht. Er zieht die Aufermerksamkeit auf sich und ist auf Respekt der anderen bedacht. Er ist ein verlässlicher Gastgeber und Hofherr. Er ist das geborene Maskottchen für die Organisatoren von Gästebetten und die öffentlichkeitswirksame Schutzherrin des traditionellen Riesling. Der Hahn steigt in den Korb der „römischen Weinstraße“.
  • Wer würde nicht intuitiv wissen, dass der Hundfür die Treue steht. Heute sogar für die Kundentreue. Der Hund ist ein sympathischer Charakter, hat darum viele Follower. Ihm liegt am Wohl seines Rudels. Er ist loyal. Wenn er sprechen könnte, würden wir ihn oft sagen hören: „Bitte ein Bit“.
  • Die Entekommt im chinesischen Tierkreiszeichen nicht vor. Die Schamanen haben sich ihrer angenommen. Diese verstehen sie als ein Wesen, das Kräfte zu geben versteht. Die Ente hilft also aufzuladen, bei sich anzukommen und sie lässt schädliche Energie wie Wasser abperlen. Das erleben wir im eigenen Zuhause, dort kommen wir wieder zu uns und zu Kräften. Logisch, dass dieses Geflügel das Maskottchen für das „Streifhaus“ sein möchte.

Vielleicht haben Sie beim Zuhören schon gemerkt, dass zwei dieser Tiere von sich aus fliegen können. Nun aber gilt für das gesamte Kleeblatt aller vier Ballone, das in ihren Körben nicht nur die Tiere, sondern auch die menschlichen Passagiere allzeit eine glückliche Fahrt haben sollen. Darauf stoßen gleich die Crews an und die Ballone werden getauft mit einem kräftigen:

„Mit Glück Ab – Und Gut Land!“

Zum Schluss darf ich ihre Aufmerksamkeit noch auf das seltsame Taufgeschirr am Ballon der „römischen Weinstraße“ lenken. Da stehen doch glatt eine Tüte Milch gleichwertig neben dem Rieslingsekt. Und beide haben ihren Platz auf einer Wage gefunden. 

  • Die Wage der Justitia ist das Symbol dafür, dass Frau Rechtsanwältin  Weides Mitsponsorin dieses Fluggerätes ist. 
  • Und die Milch, die die Crew zusammen mit Sekt trinken wird, ist Milch vom „Engelshof“, also im Grunde einem weiteren Tier auf unserer fröhlichen Farm, denn der Engelshof ist ebenfalls Mitsponsor an diesem Luftfahrzeug. Nun dann ein lautes „Muh!“ und ein frohes „Prosit!“

Sabbatjahr für Kirchengemeinden

Andacht Auszeit

Die Sommerferien liegen hinter uns. Die meisten dieser Gruppe hatten Zeit auszuspannen, manch eine/r war ein paar Wochen weg aus dem Alltag, die Arbeit durfte ruhen. Vielleicht kennt Ihr das 3 Wochen Phänomen. Die erste Urlaubswoche benötigt der Mensch, um dann endlich die Uhr ausziehen zu können, die zweite, um das lange Angestaute ablegen zu können, die dritte ist dann reine Erholung. Und mit ein bisschen Glück freuen wir uns nach drei Wochen Fremde auf das eigene Zuhause, die lieben Gewohnheiten, das eigene Bett.

Sie kennen den Unterschied zwischen Urlaub und Reisen? Urlaub will Abstand vom Alltag, dem Gewohnten und Gewöhnlichen sein. Wir können ihn in Italien oder im Garten verbringen. Reisen ist eine Lebenshaltung. Hat mit Entbehrungen zu tun schenkt gern Bildung.

Einige hier im Gremium haben es noch miterlebt, dass ich sieben Jahre gekürzte Bezüge erhielt, sechs davon habe ich 100% gearbeitet und im siebten bei denselben Bezügen 100% frei gehabt. Man nennt das ein Sabbatjahr.

Im Gegensatz zum Urlaub dient es weniger dem Abspannen als der Anregung. Neue Einblicke in die Lösungsansätze anderer Menschen, anderer Völker, angesichts anderer Haltungen und anderer Herausforderungen.

Es gibt kaum ein probateres Mittel um eigene Fähigkeiten zu entdecken als solch eine Einrichtung. Ideen wachsen wie aus einem brachliegenden Feld die Vielfalt an Vegetation.

Ein Sabbatjahr ist ein Antiburnout.

Es ist jedem zu empfehlen, der meint, sich im Kreise zu drehen, der unter dem immer gleichen seines Alltags leidet, der meint, ihm gingen die Ideen aus und das Leben würde schal.

Nicht nur Individuen, auch Einrichtungen können ein Sabbatjahr leben. Gerade Kirchengemeinden. Denn ist das Gebot des Sabbats nicht eine ureigene Empfehlung Gottes? Geht er nicht selbst mit gutem Beispiel voran und ruht am Ende einer immens schöpferischen Phase?

Tatsächlich wird das Sabbatjahr selbst in der Bibel geboten, 2. Mose 23, 10-13. Sechs Jahre wird ein Feld bestellt, im siebten sollst du es ruhen lassen.

Kein Gedanke mag einem Leitungsgremium wie diesem fremder, abwegiger und die eigene Aufgabe in Frage stellender sein als ein Sabbatjahr für die Kirchengemeinde. Denn wir haben uns wählen lassen, um den Acker zu bestellen, um etwas zu bewegen, Gemeinde aufzubauen – nicht brach liegen zu lassen.

Im Vers 11 steht wörtlich: Im siebten Jahr sollst du das Feld brachliegen lassen und den Ertrag nicht anrühren, damit die Armen deines Volkes sich davon ernähren können. Was diese übrig lassen, mag das Wild des Feldes fressen. Ebenso sollst du mit deinem Weinberg und mit deinem Ölbaum verfahren.

Den Weinberg des Herrn brach liegen lassen, liebe Presbyterinnen und Presbyter?

Die Begrenzung des eigenen Tuns hinnehmen lernen, sich auf das Wesentliche zu besinnen und das Unnötige zu entschlacken, das sind doch durchaus spirituelle Ansätze, die uns im persönlichen Leben begegnen.

Eine Kirchengemeinde hat es versucht mit einem Sabbatjahr. Christoph Pistorius berichtet im EKIR.infoüber die erstaunlichen Erfahrungen der Kirchengemeinde Waren: „sie hat das Veranstaltungskarussell langsamer fahren lassen, nur noch absolut notwendige Baumaßnahmen durchgeführt, andererseits die Öffnungszeiten der Kirchen ausgedehnt, um Raum für Stille, Ruhe und Besinnung zu schaffen“.

Unterm Strich bedenkenswert war, dass Seelsorge und Begegnung ein wesentlich größeres Gewicht bekommen haben. Gespräche mit Menschen kamen zustande und blieben lebendig, die zuvor wenig mit Kirche in ihrem alltäglichen Leben anfangen konnten. Ein Sabbatjahr kommt der Sehnsucht der Menschen nach Entschleunigung entgegen. Mensch, werde wesentlich, das wurde in Waren gelebt. Der Gemeindevorstand dort berichtet, dass Lebendigkeit und Tiefe des geistlichen Lebens eindeutig zugenommen haben.

Gewinner solch eine brachliegenden Gemeindefeldes sind die, die man im normalen Ertragsbetrieb nicht auf der Rechnung hat. Die Tiere des Feldes, die Armen im Volk. Sie sind plötzlich im Berit der Gemeinde anzutreffen, weil sie dort etwas finden, von dem sie normaler Weise ausgeschlossen werden.

Ein solches Projekt setzt Offenheit voraus und es scheint eine neue Offenheit  zu schenken.

Mich dünkt, ein Sabbatjahr für die Gemeinde ist mehr als eine Übung, es öffnet uns für das Wirken Gottes und bekennt sich zu den unvorhersehbaren Wegen des Heiligen Geistes. Ein mutiger Schritt. Ein kalos ho kindünos, wie Platon sagt: eine schöne Herausforderung!

Amen

Rückblick aus der Baumkrone

Predigt anlässlich des Festgottesdienstes 50 Jahre DRK Kreisverband, Waldrach 02. Juni 2019

über Jes 44, 23

Jauchzet, ihr Himmel, denn Gott hat gehandelt! Frohlocket, ihr da unten auf der Erde, brecht in Jubel aus, du Wald und all ihr Bäume darin!

Mit diesen Worte klingt das Paar „im Himmel wie auf Erden“ an, allumfassend soll die Feierlaune sein, die Begeisterung über die Tatsache, dass etwas gelungen ist.

So wie hier im Leben des DRK-Kreisverbandes, denn wir dürfen Gratulanten sein. Zum 50. Geburtstag laden zu können, ist ein Hinweis darauf, dass der Jubilar offensichtlich etwas richtig gemacht hat.

Vor kurzem ging die Frage um, was lässt uns denn lange und zufrieden leben? Die Antwort darauf lässt sich leichter merken, wenn wir die Überschrift beachten. Die Antwort lautet: das Beherzigen der „fünf L“.

Diese fünf „L“ stehen für:

lieben, lachen, lernen, laufen und leichter essen.

Es bedarf vor Ihnen keiner Vertiefung, dass das Deutsche Rote Kreuz wirkt im Umfeld von Gesundheit. Um um diese geht es bei den „L“. Lieben und lachen halten die Seele gesund, was auch nachgewiesener Maßen körperliche Auswirkungen hat; lernen den Geist; und laufen steht für Kondition und Beweglichkeit; schließlich auch die Art des Essens. 

Keine schlechte Faustformel, wenn unser Geschäft die Lebensqualität im Alter und bei Krankheit, die Genesung und Unterstützung bei der Rehabilitation ist; und im Kreisverband die Verantwortlichen mit der Organisation all dieser Ziele und Werte zu tun hat.

Das verlesene Bibelwort ist ein Festlied. Wir haben allen Grund zum Feiern und in ein Ständchen einzustimmen.

Auffällig ist die eine Metapher „Baum“. Wald und Bäume stehen im Festlied für Natur im allgemeinen.

Nicht schlecht, mit dem Bild eines Baumes zu gratulieren. Denn man sagt dem Geburtstagkind oft, es habe einen Jahresring zugelegt. Mit fünfzig Jahresringen ist ein Baum schon ein stattliches Gewächs. Hat manchem Sturm und manch dürrer Jahreszeit getrotzt. Mit seinen 50 Jahresringen ist auch ein Kreisverband wie ein imposanter Baum.

An einem Tag wie diesem ist das Geburtstagkind gut beraten, einmal in das Geäst dieses Gewächses in Gedanken emporzusteigen. Schaut es von dort oben zurück, wozu die Grußworte guten Anlass bieten, dann überschauen wir eine abgewanderte Strecke. Möge das Gefühl Zufriedenheit sein, das sich durch den Rückblick ergibt. Dankbarkeit vielleicht auch über die glückliche Passage schwieriger Wegstrecken. Und Freude im Blick auf die erlebte Gemeinschaft, das Glück des Gelingens, die Frucht der Arbeit.

Wendet sich nun der Betrachter dort oben und hält Ausschau, dann mögen die Verantwortlichen Ziele ausmachen, für die es sich lohnt, sich zu engagieren. Ziele im Sinne der guten Absichten des DRK, Visionen von gelingendem Miteinander, Aufgaben, für deren Erfüllung alle gern in die Hände spucken.

Und wenn dann Rückblick und Ausblick genossen wurden und der Abstieg herunter in den Alltag ebenfalls gelungen ist, dann möge sich die Einsicht einstellen, dass Gelingen und Erleben dürfen auch mit der nötigen Portion Fortune gesegnet sein müssen.

Hier sind wir an den Anfang des Festliedes zurückgekehrt: Gott hat gelingen lassen, auch sein Segen hat auffällig glücklich oder ganz klammheimlich dazu beigetragen, dass wir heute hier stehen.

Diesem Aspekt trägt nicht zuletzt der Gottesdienst selbst Rechnung. Wir danken, weil Gott geholfen hat und sein Quäntchen Segen den richtigen Gedanken, die Lösung, den notwendige Ausdauer, das rechte Wort zur rechten Zeit geschenkt hat.

Insofern stimmen wir in Gedanken genau in das Lied aus Jesaja ein.

Amen

nicht allein schlicht BROT

Gedanken zum Sakrament des Abendmahles nach der Lektüre von Gen 41 und Joh 6, 1-15

E s war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.

So erzählen Grimms Märchen, hier in „Sterntaler“, von der Armut.

Kein Brot mehr zu haben, gilt bei uns als Inbegriff von Hunger und Not. Und wir verstehen sofort den Zynismus, der in der Antwort von Marie Antoinette steckt, die auf die Erklärung der Minister, dass das Volk aufbegehre, weil es kein Brot mehr habe, gesagt haben soll „Dann sollen sie doch Kuchen essen“.

Allein, die Bedeutung von Brot muss noch etwas anders erzählt werden. Das wurde mir klar, als ich kürzlich bei Ali zum Essen eingeladen war. Er hatte mich zu seinen arabischen Freunden gebeten und natürlich gab es reichlich zu essen. Das Essen wurde in Schüsseln auf die Mitte des Tischtuchs gestellt. Und zwischen die Schüsseln waren Stapel von Fladenbrot gelegt. Besteck gab es keines. Man reißt sich ein Stück Fladen heraus, etwa zwei Handteller groß und greift sich damit den Inhalt aus den Schüsseln, sei es Hammel, sei es Salat, sei es Getreide.

Kein Brot zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nichts zum Essen zu haben, sondern nichts zum Essennehmen zu haben. Das war schon zu Zeiten Josefs und des Pharao so, das bliebt im Mittelmeerraum im römischen Reich das probate Mittel zum Essen, das war in Persien so und ist in den arabischen Ländern so geblieben. Brot heißt Fladenbrot und dient in weiten Teilen der Welt seit 10.000 Jahren als Instrument zum Essen und als Speise gleichzeitig.

Vor diesem Hintergrund dürfen wir die Ideen des Josef noch einmal neu in ihrer grundsätzlichen Bedeutung einordnen.

Mit Getreide wurde Politik gemacht. Die Kornspeicher im römischen Reich waren die besseren Wahlplakate. Denn die zur Wahl anstehenden Konsuln pflegten nicht nur in die Thermen oder die Arena an den Tagen vor der Wahl freien Eintritt auf ihre Kosten zu gewähren, sondern sie öffneten auch die Kornkammern und gaben den Scheffel zu Dumpingpreisen oder gar kostenlos aus.

Brot ist also nicht nur Grundnahrungsmittel, Getreide ist nicht nur die Basis der Tischkultur, sondern es ist zu allererst eines: Macht!

Davon erzählt unsere heutige Perikope. Die Speisung der Fünftausend. Denn, jetzt nach der Josefsgeschichte verstehen wir: auch zur Zeitenwende war es üblich, das Fladenbrot bei jeder Mahlzeit zu verwenden. Die Leute kannten ihre Abhängigkeit vom Mehl. Und die Leute wussten, dass die hohen Herren in Rom und in den Herrscherpalästen Jerusalems die Hand auf die Vorräte hielten. Brot und Macht waren für sie ein Synonym, waren für sie untrennbar verbunden.

Und nun das! 

Eine Geschichte, die zeigt, wie Jesus mit der Macht umgeht.

Die Erwähnung des nahen Passahfestes leitet das Verständnis des Lesers zum Thema Abendmahl. Johannes will uns verstehen lassen, dass es bei der bevorstehenden Selbstgabe Jesu in Jerusalem – „Ich bin das Brot, ich bin der Wein“ so wird er die Abendmahlsgaben deuten – dass er bei dieser anstehenden Selbsthingabe durchaus auf den ganzen Menschen als Empfänger abzielt. Es geht nicht um Glauben allein oder etwa nur ein frommes Gefühl. Es geht ihm darum, dass alle Menschen satt an Seele und Leibwerden!

So konkret will das Reich Gottes sein: alle Menschen sollen satt und zufrieden sein. Auf dieser Erde ist genug für alle da. Wie kann eine gerechtere Verteilung der Güter gelingen?

Genau davon erzählt die Perikope. Die Erwähnung eines unschuldigen Kindes als Bringer von Brot und Fisch gibt uns den Fingerzeig, dass es uns nur in kindlicher Unschuld gelingen kann, das Richtige zu tun.

Ich stelle mir die Sache so vor. Jesus gibt offenherzig. Die Leute merken: er hält nichts zurück. Denn unter den vielen Neugierigen sitzen auch etliche Skeptiker und solche, die auf Sensationen hoffen. Sie hatten sozusagen ihre Handies filmbereit und hofften auf einen Skandal. Doch Jesus und seine Jünger beginnen einfach nur das, was sie haben, zu verteilen. Sie denken an die anderen zuerst. Die Jesusleute geben und legen nicht zuerst etwas für sich zurück.

Das ist das eigentliche Wunder! Denn für gewöhnlich sind wir so, wie die mitten in der Menschenmenge. Erst mal abwarten, mal hinschauen, was die anderen machen. Und wie die sich für gewöhnlich verhalten, das wissen wir aus den Erzählungen vom reichen Kornbauern und vom reichen Jüngling. Sie versagen, als es darum geht loszulassen, sich nicht abzusichern, sich ganz in Gottes Hand zu wissen. Sie wollen und können nicht auf selbsterrichtete Sicherheit und Rücklagen verzichten. Sie haben mit dem Anreichern und Anhäufen begonnen und stützen sich darauf – weil? Ja, weil sie Angst haben, weil es ihnen an Vertrauen fehlt.

Hier aber geben Jesus und seine Jünger im vollen Vertrauen, dass auf Erden niemand zu kurz kommt. Und die Menschen merken das. Da gehen auf einmal die Ranzen auf, die Hirtentaschen und auch aus den Umschlägen der Gewänder kommen die Tomaten, die Brote, die Vesperschnitten, die man sich sicherheitshalber eingesteckt hatte, und das Obst. Auf einmal füllt sich das ausgebreitete Tuch zwischen den sich Lagernden und tatsächlich: alle werden satt!

Wir verstehen: dieser Aspekt vom Reich Gottes wird immer dann wahr, immer dann Wirklichkeit, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Dann hören die Einflüsterungen des Herrn der materiellen Welt auf: „Halte was du hast“, und: „Genug ist nicht genug.“ Diese Stimmen in uns verstummen.

Das Wunder der Speisung der Fünftausend ist also das, dass Menschen einander aufschließen mit ihrem eigenen Vertrauen. So ziehen wieder Freizügigkeit und Gastfreundschaft in unserer Welt ein. So rückt unsere Welt an die ran, wie sie um Gottes Willen sein soll.

Dafür steht Jesus in Person. Er ist das Gottvertrauen selbst. Sohn des Vaters. Er bringt sich nicht in Sicherheit. Er gibt sich hin.

Und die Leute verstehen immer noch nicht. Sie wollen ihn zum König machen. Das ist verständlich. Dass endlich die Menschlichkeit das letzte Wort behalte und die Drangsaliererei durch die Mächtigen aufhöre. neue Regeln für diese Welt, neue Gesetze, einen anderen König!

Doch, was Jesus will, ist etwas anderes. Sein Vertrauen soll ansteckend sein. Er will nicht König sein, will vielmehr, dass alle die Souveränität des Vertrauens erlernen. Eines Vertrauens, das Menschlichkeit gebiert. Er will die Hefe sein, die überall in uns aufgeht.

Daran denken wir bitte, wenn wir das Brot in uns aufnehmen, den Wein trinken, dass wir der Teig sein sollen, in dem Jesus als der Sauerteig aufgehen und Frucht bringen möchte. Es geht – er hat es gelebt.

Amen

Unterwegs das Leben finden

Traueransprache über Gen 12, 1-3

für

Wolfgang Eisel

13.03.2019

Zewen

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass die Bibel ein Buch voller Geschichten von Menschen ist, die unterwegs sind. Den einen wird eine neue Heimat andernorts ans Herz gelegt, wie eben Abraham. Andere sind unfreiwillig unterwegs, weil Krieg oder Hunger sie vertreiben. Ein ganzes Volk macht sich auf die Reise durch karge Gegend um endlich ein Leben in Freiheit führen zu können.

Die Bibel scheint damit sagen zu wollen, das Glück, das, was dich ausmacht, was dich wesentlich sein und leben lässt, das findest du nicht unter einem festen Dach, in einer einzigen Wohnung. Es will unterwegs gefunden werden. Und Heimat ist kein Ort sondern Beziehung und Gefühl.

Vieles davon scheint mir im Leben von Wolfgang Eisel umgesetzt, gelebt worden zu sein.

Als Sie beide sich mit 18 Jahren kennen lernten, da hatte Wolfgang unfreiwillig schon einiges erlebt. Als 1940 in Mülheim Geborener, wurde er im letzten Kriegsjahr mit vielen anderen evakuiert. Seine Mutter, seinen Bruder und ihn führte der Weg nach Breslau. Auch dort hatte er keine bleibende Statt. Was er als Fünfjähriger von Evakuierung, Flucht, Bombardements und Vertreibung mitbekommen hat, wissen wir nicht genau. Viel hat er über diese ersten Eindrücke nicht gesprochen. Er kehrte jedenfalls nach Mülheim zurück, besuchte dort die Schule und begann als Vierzehnjähriger seine Ausbildung als Schlosser. Im Aufzugbau verdiente er sein erstes Brot, um schließlich bei Mannesmann als Industriemeister Kräne zu bauen.

Seine Laufbahn entsprach seinen technischen Interessen und Fähigkeiten. Kein Gewerk war ihm fremd, er liebte nach Männerart seine Werkzeugsammlung, und Konstruktion und Reparatur waren für ihn ein Leben lang schöne Aufgaben, in denen er völlig vertieft für Stunden versinken konnte.

Aber das allein zeichnet nicht seine Persönlichkeit, denn bei ihm gab noch die freundlich-gesellige Ebene. Wolfgang war ein offener, ein an Menschen interessierter Mensch. Zuneigung zu zeigen war ihm nicht fremd. Darum verstand er es, schnell Freundschaften zu schließen; und besonders die Seinen nahm er in den Arm, vermochte seinen Gefühlen für sie Ausdruck zu verleihen.

Darum ist es kein Wunder, dass er mit dieser emotionalen Seite ein guter Tänzer war. Denn hinzu kam noch, dass sein Vater ihm seine Musikalität vererbt hatte.

Damals also, als Sie sich auf dem Tanzboden kennen gelernt haben, war schnell klar, dass Sie beide gut miteinander klar kamen. Sie schätzten es auch weiterhin zu Tanzveranstaltungen zu gehen; und Ihre Mutter ermöglichte das, in dem sie die Tochter hütete. Vom ersten bis zum letzten Tanz hätten Sie diese Abende genutzt und das gemeinsame Hobby bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt, später mit Leidenschaft Tournier-Tanzen betrieben.

Ob Wolfgang, der gute Tänzer dabei immer auch führte, darüber dürfen wir schmunzelnd nachdenken. Denn er war jemand, der sich ganz auf andere einstellen konnte.

Als er sich anschickte, den Industriemeister zu machen, war der Deal der Eheleute, dass er den Meister, Sie den Führerschein erwerben sollten. Wir alle wissen, er machte den Meister, er aber blieb Chauffeur, und besonders nach seinem Rentenbeginn fuhr er seine Frau zu jedem Termin und holte sie ebenso gern auch wieder ab, denn Sie machten den Führerschein nicht.

Wolfgang war ein Mensch, der sich gut in eine Beziehung einfügen konnte. Er war weiterhin mit der Gabe gesegnet, nicht nachtragend zu sein. Also jemand, mit dem ein ersprießliches Zusammenleben gut möglich war.

Und so gestalteten Sie es sich auch. Erst in den Berufsjahren und dann in all den Jahren des Ruhestands, die Ihnen miteinander vergönnt waren. Sie haben etliche Schiffsreisen miteinander unternommen, sind nach Ägypten mit der ganzen Familie verreist, die Fahrräder waren dabei, wenn es um Radurlaub an Mosel und Ruhr entlang ging. Sie liebten es, das Jahr in Mülheim auf sechs Monate zu beschränken und die restliche Zeit woanders zu verbringen, einen großen Teil davon nahmen die Aufenthalte in Fredeburg ein, aber gern sind Sie auch in Zewen gewesen. Oft wechselten Sie mehrmals im Jahr das Quartier.

Also durchaus seit einem Vierteljahrhundert, seit seinem Ruhestand, so etwas wie ein Wanderleben, ein Unterwegssein im eingangs genannten biblischen Sinne. Sie waren gemeinsam auf einem Weg, dessen Ziel bewusstes tägliches Leben ist.

Wolfgang hat das bestätigt „Ja, es war gut und richtig, dass wir hierher nach Zewen gezogen sind“. Er hat jedem Tag mit positivem Geist den Sinn abgerungen.

Auch im Blick auf die Beziehung hat er es gehalten wie die Stachelschweine in des Philosophen Schopenhauers Gleichnis. Dieses geht so: In einem kalten Winter froren die Stachelschweine und so suchten sie die Nähe der anderen, drückten sich aneinander. Aber da fuhren ihnen die Stachel der Nächsten in die Haut. Erschrocken stoben sie auseinander. Aber auf Abstand im kalten Winterwald fror es die Tiere wieder. Und so lernten sie es, den richtigen Abstand zueinander zu finden. Den, bei dem sie sich nicht verletzten und den, der ihnen durch die Nähe der anderen gut tat.

So haben Sie Ihre Beziehung gelebt, den richtigen Abstand immer wieder neu gesucht und gefunden. Wolfgang war ein Mensch, der gerade heraus war, also jemand, von dem man wusste, woran man mit ihm war. Natürlich gab es Differenzen, aber eben auch schnell wieder Frieden. Natürlich gab es Funkenflug und Emotionalitäten, aber eben immer wieder den Abendfrieden, den versöhnlichen Kuss vor dem Zubettgehen.

Und nun ist er ein letztes mal eingeschlafen. Und in einer Genesungsphase nicht wieder aufgewacht, in der niemand damit gerechnet hat, dass er sich auf die Reise zu seinem Schöpfer macht, dass er sich auf den Weg in das Land macht, das von Gottes Liebe erhellt wird. Eben jenes Reich, das weniger in Ort als vielmehr Beziehung selbst ist.

Denn Gott hat Wolfgang lieb. Er schätzt sein lebensfrohes Wesen, seine Art, in der er immer für einen Scherz zu haben war, seine hilfsbereite Gesinnung, sich gern mit seinen Fähigkeiten einzubringen; mit seiner Gabe, schnell zu verzeihen, mit seiner technischen Passion und seiner herzlichen Zuneigung.

Im Land seiner Liebe ist Wolfgang am Ziel angekommen. Dort darf er in Ewigkeit bleiben.

Der Gott der Zwischentöne widerspricht allen Extremisten – auch denen, die ihn verkündigen

Ist unser Evangelium verdeckt, so ist´s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher das Ebenbild Gottes ist. Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn der Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. (2. Kor 4, 3 – 6)

 

Religiöse Erkenntnis durch intellektuelle Einsicht. Das ist das Programm der Aufklärung. Was vernünftig ist, kann geglaubt werden, und was geglaubt wird, muss vernünftig sein. So dachte man von Leibniz bis Goethe.

Im Pendelschlag der Geschichte war dieser Ansatz die Abwendung des klassischen „credo quia absurdum“ (ähnlich Tertullian), der Trennung von Vernunft hier und dem unerklärlichen Glauben dort. Einem Glauben, der geglaubt wird,  w e i l  er nicht logisch ist, weil ihm mit Vernunft nicht auf die Spur zu kommen ist.

 

Zwischen diesen Extremen hat jeder von uns seinen Ansatz für den eigenen Glauben gefunden.

 

Evangelium verstehen, das ist auch das Thema Pauli. Er schreibt den Korinthern, dass es verdeckt, also unverstanden sein kann. Und Paulus webt diese Gruppe von Menschen, die es nicht verstehen, ein in den großen Zusammenhang von Heil und verloren gehen.

Die Guten, das sind wir hier in der Gemeinde, bzw „ihr lieben Gläubigen in Korinth“, die anderen, das sind die Verlorenen. Und ihr Schicksal sei Verblendung. Das ist starker Tabak. Und als Siegel klebt der Apostel gleich noch den Teufel auf die Verpackung. Der Gott dieser Welt verblende die anderen, schreibt er.

 

Das ist ja nicht falsch, dass unsere Haltung über unser Leben, unsere Lebenseinstellung über unser Ergehen mitbefindet, dass unser Glauben Einfluss darauf hat, wie es uns geht und wie wir Situationen verstehen. Und, ganz im Sinne der Kritik des Apostels ist hier oft gesagt worden, dass unsere Sehnsucht nach Sicherheit, unsere Bemühen um größere Scheunen und bombensichere Verstecke für uns und unser Geld, dass unsere Angst als Berater und ihre Instrumente, die Versicherungen und Alarmanlagen schlechte Paten sind für ein Leben in Erfüllung, Offenheit, Gemeinschaft, Gegenseitigkeit und Liebe.

Aber Paulus pauschaliert. Er macht es sich mit seiner plakativen Briefpredigt zu einfach. Und, besonders kritisch zu sehen, er polarisiert.

 

Er hebt die einen in den Himmel und verteufelt die anderen. Ich bin der Ansicht, dass er damit grundsätzlich falsch liegt, dass Kinder des Lichts hier und Kinder der Dunkelheit dort weder der Wirklichkeit entsprechen noch gar diese Schwarzeißzeichnung im Sinne Gottes ist. Nicht seinem Wesen entsprechen würde.

Eines Gottes, der Verbindung in Person ist: Eben Vater und Sohn, bezogen aufeinander durch den Geist.

Und wenn es wahr ist, dass Gott geschieht!, er also ein dynamischer Gott sein will, dann sind Beziehungen, Zwischentöne und Einstellungsänderungen sein Metier. Von wegen „letzte, höchste und alleinseligmachende Wahrheit“! Ein Leben in solchem Glauben bleibt im Gespräch. Sucht das Gegenüber, versucht zu verstehen, kann zuhören. Und bemüht sich, die Augen von Kurzsichtigen zu öffnen.

Da gibt es nicht schwarz und nicht weiß. Die Guten hier und die Verlorenen dort, das ist eine Fabel. Denn gerade nach Weihnachten kamen wir doch dem Gott emotional nah, der Mensch wird, damit wir Menschen endlich verstehen, wie er es meint;

der unsere Sprache spricht, damit wir sein „Du bist mein geliebtes Kind“ hören, seine Liebeserklärung;

damit wir überzeugt sein können, dass Leben sich im Leben für andere und mit anderen erfüllt, auch wenn sie anderer Ansicht oder Grundeinstellung sind.

 

Paulus, der ehemalige Christenverfolger, der vom Hohenpriester abgesegnete Hort der Rechtgläubigkeit, hat die Seiten gewechselt. Er ist zum Zeitpunkt seines Briefes an die Korinther ein ebenso überzeugter und eifernder Christ, jetzt ein Hort christlicher Rechtgläubigkeit. Man nennt ihn einen Konvertiten, jemanden, der seine Religion gewechselt hat. Und manchmal sind Konvertiten wie ehemalige Raucher. Sie werden zu den besonders eifrigen Bekämpfern ihres ehemaligen Lagers. Abgestillte Raucher können die heftigsten Kritiker der Noch-Raucher sein.

Darum ist der Schwarz-weiß-Zeichner Paulus ein Extremist, ein Radikaler.

 

Wir haben ihm viel zu verdanken. Weil er den Geschenkcharakter der Liebe Gottes, den Jesus zeitlebens nicht müde wird zu betonen, konsequent herausgearbeitet hat, weil er selbst immer wieder schreibt, dass man diese Liebe nicht erdienen, nicht erkaufen kann. Auch nicht durch fleißiges Einhalten der jüdischen Gebote.

Aber er hat sich auch als Kritiker des jüdischen Glaubens profiliert und die Zwischentöne nicht gesehen und natürlich die Konsequenz nicht sehen können, dass sich der Antisemitismus seiner Judenkritik bedienen wird.

 

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Denn seine scharfe Grenzziehung im Brief an die Korinther wird abgemildert, ja ihr prinzipiell widersprochen durch seinen Ansatz, dass alle Welt Empfänger der guten Nachricht sein soll. Dass nicht nur ehemalige Juden gute Christen werden können, sondern auch die sogenannten Heiden in Rom.

 

Und da haben wir sie doch erst recht, liebe Gemeinde, diese Dynamik, dass aus solchen, die vielen Göttern geopfert haben, die vor allem auch dem Mammon dienten, eben auch Glaubende werden können, dass das Leben im Sinne Jesu gelebt werden will.

Das wäre doch genau die Brücke: der römische Blick auf die Götter, ihr „do ut des“-Denken, also diese Geschäftsbeziehung: ich opfere, damit du meine Wünsche erfüllst, kann sich ändern zu einer Haltung, die nicht nur geschäftstüchtig sondern von Herzen sozial ist. Aus dem Heiden, der in uns allen steckt, kann der hervortreten, der ein erfülltes Leben durch ein Leben für andere führt. Aus den Slogans „Geiz ist geil“, „Amerika first“ und „nimm dir was, so haste was“ können bessere Tugenden und Prinzipien erwachsen, die zu teilen verstehen, die zu kommunizieren verstehen, die tolerant sind und die auch kein Problem mit Bescheidenheit, Genügsamkeit und einer Regionalität haben, die der ganzen Schöpfung weltweit hilft.

 

von der Leichtigkeit der weihnachtlichen Nachfolge

Heilig Abend 2018

über Mt 11, 28 – 30

FEDER

 

Im vergangenen Jahr empfing Sie hier im Altarraum eine Stallleiter. Mit ihren Füßen stand sie im Heu des Stalles von Bethlehem und mit ihrem Haupt ragte sie in den Himmel – und erzählte so von der Verbindung, die durch Jesus zwischen Himmel und Erde geschlagen wurde.

 

Engel seien an ihr herauf- und heruntergestiegen, so träumte Jakob.

 

„Angelus“ lateinisch, auf deutsch gut übersetzt mit Engel, kann auch mit irdisch „Bote“, „Gesandter“ richtig übertragen werden.

 

„Dich hat der Himmel geschickt!“, rufen wir im Moment der Not, kommt ein Freund hilfreich vorbei, oder eben wir sagen „Du bist ein Engel!“, wenn wir diesem Helfer dankbar sind.

 

Engel rufen uns in Erinnerung, dass der Himmel nah ist.

 

Eingangs zitierte ich Heribert Prantl in seiner Begeisterung über die Idee, den großen Botschafter des Friedens nicht mit Krone oder im Maßanzug kommen zu lassen, sondern ihn in der Krippe als Retter zu präsentieren. Ein Provokation, freut der Redakteur der Süddeutschen sich, sei der Einfall zu diesem Auftritt.

 

Provokationen brauchen wir. Hervorgerufen wird nämlich Aufmerksamkeit.

Jesus selbst habe sich immer wieder verborgen, versteckt, zurückgezogen. Der Evangelist Markus legt großen Wert auf die Verborgenheit des Anspruchs Christi, „er wollte es niemanden wissen lassen!“ heißt es bei ihm wiederholt. Es ist sein Ghostwriter Lukas, der umgekehrt Reklame für Jesus macht. Der seine Aussprüche wie der Kollege Markus sammelt, der aber auch frech von Anfang an vagabundierende Kindswundergeschichten mit dem Wunder des Kinderfreundes Jesus verknüpft, sie ihm zuschreibt, der die Geschichte von der Stallgeburt erfindet und einwebt in die Botschaft von armen Eltern, von weltgewanderten Weisen, die fernher dem wegweisenden Stern gefolgt sind, von Outlaws, die sich von Anbeginn an angesprochen gefühlt haben vom lächelnden integrativen Auftritt des Mannes aus Nazareth.

 

Prantl und Lukas reimen sich in ihrer Absicht, denn sie geben den vielen Nachrichten vom bescheidenen Leben Jesu Überschriften, Headlines, die hinschauen lassen. Eine davon greife ich heute Abend heraus. Ich muss sie mit vorsichtigen Fingern greifen, denn sie ist kaum zu ertasten.

 

Jesus spricht im 11. Kapitel von Matthäus:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Und wenn wir uns mit sensiblen Fingern herantasten an die Zartheit, die unerhörte Leichtigkeit dieser Botschaft, dann lassen Sie mich zu einem Helfer greifen, der anschaulich macht, worum es in der Kernbotschaft geht:

diese Feder! Ob Engel Flügel haben oder nicht, das wird in einem bekannten Gedicht bedacht. Wir lassen es dahingestellt sein.

 

Jeder von uns hat so eine englische oder ganz irdische Feder in seinem Programmheft. Jeder kann versuchen, an der Feinheit dieser Daune zu begreifen, was das spirituelle Schwergewicht Jesus mit seinem Wort von der leichten Last meinte. Denn er meinte nicht weniger als unser Leben, unsere Art zu leben.

 

Leben und Atmen sind zutiefst miteinander verbunden.

 

Wir leben in einer atemlosen Gesellschaft. Vieles ist zu erledigen. Immer mehr Dinge sogar gleichzeitig. Zeit zum Luftholen – schwäbisch: „Verschnaufe“ – ist dabei nicht vorgesehen.

 

Kompliment! Wie klug von Ihnen, dass Sie sich diese Zeit heute Abend genommen haben! Denn Gottesdienst ist nie Pflicht, sondern Atempause für die Seele. Das Angebot selbst ermutigt, Atempausen ins eigene Leben einzubauen.

In der christlich-jüdischen Tradition ist dies fest verankert. Der Rhythmus von Tag und Nacht, Tag und Nacht, Tag und Nacht – und am siebten Tag ruht Gott. Ausruhen und zu Atemkommen, weil es dran ist, weil Gott es vormacht. Denn er meint: Erschöpflichkeit ist eine Bedingung von Geschöpflichkeit.

 

Und dann bekommt der Mensch sein Leben, wie die Bibel innig beschreibt, indem Gott uns küsst; und dieses Leben in uns hineinhaucht.

 

Von da an atmet Gott in uns.

 

Jesu erste revolutionäre Einsicht war, dass dieser Beatmer nicht ein ferner Regent ist, sondern er ihn lieber Vater im Himmel nennen kann. „Du bist mein geliebter Sohn“, hört er ihn sagen. Das beseelt ihn fürderhin.

Geliebtes Kind zu sein, das lässt die Welt ganz anders sehen und angehen. Das hilft, sich selbst besser zu verstehen und anzunehmen. Das ist eine gute Mitgift und schenkt den berühmten langen Atem, wenn das Joch vor eine schwere Zuglast gespannt ist.

 

Auch wenn der Geist gegeben wird, von außen kommt, von oben – wie uns die Pfingstgeschichte später noch einmal vor Augen führt – atmen müssen wir selbst. Wir haben Verantwortung. Das kann anstrengend sein.

 

Wenn wir diese kleine Feder zu Hause auf die flache Hand legen, dann merken wir sofort, ein kleiner Luftzug genügt, sie fliegt irgendwo hin. Völlig unkontrollierbar.

Dies ist erst recht der Fall, wenn es nicht nur unser neugieriger Atem ist, sondern Luftzug aus verschiedenen, gegenläufigen Richtungen von verschiedenen Menschen gleichzeitig kommt.

Eine klare Linie, eine Richtung vorgeben können wir dann besonders gut, wenn wir uns Zeit für uns, Zeit fürs Nachdenken genommen haben. Wenn wir wissen, was wir wollen.

Wir müssen den Trends nicht hinterher laufen. Sie treiben ihr Klientel meist nur wie der Herbstwind das Laub durch die Gegend. Hinter den Trends stehen Interessen. Drum prüfe die Geister, rät die Bibel.

 

Der, dessen Geburt wird heute feiern, hat das getan. 40 Tage in der Wüste hat er sich geprüft und ist geläutert aus dem Fasten ins Leben zurück gekehrt. Der Mann ist wahrlich kein Fähnlein im Wind. Das Neugeborene dieser Nacht kein Leichtgewicht mit seiner zweiten Entdeckung. Dass die Feinde zu lieben und für die Verfolger zu beten  d i e Einstellung ist, die uns Souveränim eigenen Haus bleiben lässt, während andere vor Zorn, vor Wut, vor Anstrengung um das angeblich eigene gute Recht ganz aus dem Häuschen sind. Ganz bei sich zu bleiben, sanftmütig darum aufzutreten, das vermag dagegen, wer in sich ruht.

Als der Friedensaktivist Peter Steudtner im Juli 2017 in Istanbul verhaftet wurde, steckte man ihn und die anderen Journalisten des Workshops ins Gefängnis. 100 Tage im türkischen Gefängnis. „Gewaltfreiheit ist für mich eine starke Kraft. Viel stärker als Gewalt“, sagte Steudtner jetzt nach seiner Rückkehr. Er wusste von den Zusammenkünften seiner Berliner Gemeinde und erzählte: „Ich habe im Gefängnishof gesungen, zeitgleich mit meinen Freunden in Deutschland“.

 

So verrät uns der Predigthelfer, diese Feder, noch etwas über ihre Gaben.  Ob Steudtner, ob Gandhi oder eben Jesus, gemeinsam mit anderen, mit denen, die etwas von der Kraft der Gewaltlosigkeit verstanden haben, mit den Jüngern, den Federn der übrigen Familienmitglieder vielleicht, tanzt sie harmonisch im Reigen. Wenn Sie sie also nicht nur in die eigene Brieftasche stecken, auf dem Herzen zwar tragen, aber allein für sich selbst behalten wollen, dann führt sie jedem im Haus in Form eines Mobiles die Gedanken dieses Knaben in der Krippe, dieser Heiligen Nacht vor Augen.

 

Dass ein Hauch zwar ein wenig bewegen kann, gemeinsam aber etwas Spürbares, Anhaltendes daraus werden kann, das macht dieser kleine Predigthelfer sinnenfältig.

 

Für sich Atem holen und gemeinsam Wind machen, von beidem erzählt die Feder.

Leicht ist sie, wie ein neugeborenes Menschlein. Und leicht ist die Nachfolge, sagt dieses. Eine Frage der richtigen Einstellung. Nicht immer nur „ich“ sagen, sondern auch zuhören können, sich einbringen, helfen. Im Leben für andere erfüllt sich unseres. Von Herzen demütig sein, rät Jesus, das kann vieles leichter machen. In „demütig“ steckt Dienst-Mut, also die Einstellung, die keine Angst davor hat, sich die Hände schmutzig zu machen.

 

In diesem Sinne sagt Martin Luther: Das also will dies Kind von uns: dass es von uns getragen werde. Es will von uns getragen sein, damit wir schließlich sagen können: Dies Kind ist mein. Davon wird dann das Herz weit und stark.

 

Ein wenig wie die Weisheit von Saint Exupery mit seinem Tipp zur Pflege der Rose, der Weisheit nämlich, dass die eigene Mühe, das, was wir an Herzblut investiert haben, eine Sache wirklich zu unserer, sie uns vertraut, verwandt macht.

 

Die Kraft zu dem allen kommt aus der Überzeugung, selbst ein Kind Gottes zu sein.

 

Luther fährt fort: Es ist wahrlich wunderbar, wie solch ein großer Schatz sich in dem engen Räumlein eines Herzens einschließen lässt. So würde das Herz mit aller Freude und Wollust durchgossen und würde mutig wider alle Anfechtung.

 

Diesen Geist, diese Ermutigung wünsche ich Ihnen. Es ist mein Weihnachtswunsch. Das Kind dieser Nacht möge Ihnen auf Ihrem Weg durchs kommende Jahr stets sanft in den Rücken blasen, Sie achtsam atmen lassen, das Verschnaufen nicht vergessen und miteinander die auf der Straße seines Friedens gehen.

 

Amen

Jesus lehrt paradoxe Intervention

Wochenspruch und biblische Lesung

Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem (Röm 12, 21)

 

Predigt über Mt 5, 38 .. 48

 

gehalten am          21. Oktober 2018                       in: Grünhaus (AM)

 

Lesung: s.o.

 

Lieder:         432

671

425

678

163

 

Jesus lehrte seine Jünger und sprach: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dem bietet auch die andere dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der von dir borgen will.

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen!

 

In Hongkong wurde ich Zeuge eines heftiges Streites zwischen zwei Kulis. Inmitten einer Menschenmenschen keiften und beschimpften sich zwei der selten gewordenen Rikschakulis. Die Wortfetzen flogen nur so hin und her. Ich erwartete, dass die beiden kleinen Männer jeden Augenblick handgreiflich würden. Doch auf diese meine geäußerte Befürchtung wehrte mein Dolmetscher ab und sagte entschieden: „Das wird keinesfalls geschehen, denn dann gestünde ja der Angreifer ein, dass ihm die Argumente ausgegangen seien!“

 

Wenn Streit immer so kulturell ritualisiert, vor allem so vernünftig geerdet wäre!

Wir kennen das nur vom Sport auf dem Rasen oder der Aschenbahn, vom Brettspiel, dass der Überholte, der Rausgeworfene, der Tot-Geblinzelte kein Mensch sein soll, der sich ärgern muss, dass die Spielregel das „aus“ eines Mitspielers ritualisiert.

Im Alltag dagegen ist er ungeregelter, manchmal sogar unkontrollierbar, weil Ursache und Wirkung in der Eskalation verwischen, weil Verletzung und Wutausbruch nicht genau geortet werden können, weil Vernunft und Streit eben Widersprüche sind. Weil Reizen und Beleidigen heute in Form des Internetmobbings so schwer fassbar sind. Weil Aggression sich in Gesellschaft und Politik mit der guten Absicht tarnt und sich mit angeblicher „Verteidigung“ verharmlost.

 

Wir wissen, das war auch vor 2000 und vor 4000 Jahren so. Frühe Gesetzeswerke dämmten Aggression in der Gesellschaft ein und belegten sie mit Strafen, regelten Schadensbegrenzung und Wiedergutmachung.

 

Die berühmte Gesetzesstele des Hammurabi, die aus dem Zweistromland nach Persien verschleppt worden war und von französischen Archäologen Anfang des letzten Jahrhunderts gefunden und nach Paris in den Louvre gebracht worden war, entschied: Ein Architekt oder Bauherr, der nachlässig ein Gebäude errichtet, so dass es einstürzt, ist zu Tode zu steinigen, wenn beim Einsturz der Bauherr oder seine Familie im Haus zu Tode kommt.

 

Auge um Auge, das ist eine alte juristische Methode, die  einen großen Fortschritt brachte, denn sie führt aus der Falle der Blutrache, die auf Beleidigung mit Mord reagiert und blutig an der Gewaltschraube dreht.

 

Noch heute überwiegt in der Juristerei die gerechte Strafe, auch wenn Resozialisierung und Therapie anerkannte Schritte sind, die das Muster von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ verlassen.

 

Noch viel weiter geht Jesus. Wenn Dich einer auf die eine Backe schlägt, so halte ihm auch die andere hin. Das kommt unerwartet. Die Psychologie nennt diese Methode auch die der „unerwarteten Intervention“.

 

Paradox wirkt sein Rat, dem römischen Soldaten, dem die Besatzungsordnung das Recht gab, jeden Passanten zu bitten, sein Schild, seine bis zu 30kg schwere Ausrüstung eine Meile weit für ihn zu tragen, ihm diese Last zwei Meilen weit zu tragen.

Paradox wirkt seine Anweisung, dem, der um meine Jacke mit mir streitet auch noch meinen Mantel dazu zu geben.

 

Beschämend ist diese demonstrative Friedfertigkeit. Und gleichzeitig befriedend.

Vor allem aber zeigt sie die Souveränität desjenigen auf, der die jesuanische Regel zu befolgen vermag.

 

Ihr liegt ein weiteres Prinzip seiner Ethik zugrunde. Nämlich nicht bei sich zu denken zu beginnen, bei den eignen Bedürfnissen und vor allem Rechten, sondern den Blickwinkel meines Gegenübers einzunehmen.

 

Die sog. „paradoxe Intervention“ basiert darauf, dass ich nicht automatisch mit einem Reflex reagiere, sondern gleichsam einen Schritt zurücktrete, symbolisch innerlich bis drei zähle. Mich zurücknehme, um die Gewalt zu unterbrechen, um nach zwei Meilen nicht als Ausgebeuteter sondern als souveräner Mensch da zu stehen, um dem Schläger Zeit zu geben, seine Hemmungslosigkeit zu erkennen, dem Gierigen, über seine eigene Gier zu erschrecken.

 

In der Situation eine Meisterleistung, selbst nicht reflexartig zu reagieren und so den Mustern zu entschlüpfen, sie zu durchbrechen indem ich geistesgegenwärtig bleibe. Es ist dies die Leistung eines Meisters, Jesu, der uns weiter bringt. Denn hier ist sein Geist gefragt. Der Geist, der den Frieden will. Sein Geist, der mich lächeln lässt, obwohl mich jemand zu weinen bringen möchte.

 

Wir sind heute zum Abendmahl geladen. Wir können uns stärken mit seinem Geist. Denn wir sind an den Tisch dessen Geladene, der die Wahrheit seines Lebens, eben die vom Willen Gottes, die vom richtigen, vom sogenannten ewigen Leben über seine irdischen Jahre gestellt hat. Den diese Haltung das körperliche Leben gekostet hat. Der aber in Ewigkeit weiter lebt. In Brot und Wein, den Mitteln zum wahren Leben, begegnet er uns heute, will uns das Lächeln lehren über die Dummheit, uns zu nötigen, – will uns mit seinem Geist begaben, im entscheidenden Augenblick innerlich uns zurück zu nehmen, – den Menschen gegenüber zu verstehen versuchen, auf diesen einzugehen und sei es in von ihm unerwarteter Weise, – will uns mit der Geistesgegenwart zum Frieden begaben. Amen

Heimat

 

Erntedank 2018

Ansprache im Gutshof von Schubert

 

 

 

Liebe Gemeinde, vielleicht hatten Sie schon einmal das Glück, einen Wurf junger Welpen beim Spielen zu beobachten. Sie balgen und dann, ganz plötzlich werfen sie sich auf einen Haufen, einer über den anderen und schlafen. Für sie ist dieser Familienklos Heimat.

Ähnlich machen es im übrigen auch die Wildschweine mit ihrem Wurfkessel. Für die Tiere ist es in einer weitläufigen Welt ein Moment der Beheimatung.

 

Für uns Menschen ist es schwieriger mit der „Heimat“. Und weil es en vogue ist, über Heimat nachzudenken, will ich aus philosophischer und biblischer Sicht meinen Standpunkt beziehen.

Es ist mit der Heimat für uns Menschen schwieriger, weil Heimat kein Ort ist, auf den man mit dem Finger weisen könnte. Heimat ist ein Gefühl.

 

Ein Gefühl, das dort einzieht, wo man sich nicht erklären muss – und sich auch nichts erklären lassen muss. Mit den physischen Orten sind Menschen verbunden – „Dort im dritten Stock wohnte die Klavierlehrerin meines Bruders“, und Personen sind mit Orten verbunden – „Das war immer mein Weg zu meiner Oma“.

Heimat für Menschen ist also immer auch die Einheit der Zeiten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Darum ist Heimat für jeden anders und eben auch unbestimmt, weil Zukunft zumindest noch nicht bestimmt ist. Aus diesen Gründen ist es auch fragwürdig, Heimat mit einem Wir-Gefühl zu verbinden, vielleicht sogar ganz exklusiv. Weil sie für jeden anders ist.

Darum muss diese Wahrnehmung von Welt auch immer vermittelt, erzählt werden. Und sie muss immer neu gesucht und bestimmt werden, denn sie ist nichts Statisches.

Sie ist immer auch offen und unerfüllt. Eben gern ein Faktor unserer Zukunft, kommt oft im Gewand einer Vision oder Sehnsucht daher.

 

Und im Gespräch mit anderen Menschen, ihren Zukunftshoffnungen und Erwartungen will das immer erst erarbeitet, was denn miteinander Heimat sein könnte.

Heimat ist nie Besitz. Sie kann nicht gemeinsam Heimat sein, ohne dass die Gegenüber mitreden, eben die Schnittmenge in der Mitte finden, ver-mitteln im wahrsten Wortsinn.

 

An dieser Stelle ist uns klar, dass Heimat etwas Dynamisches ist. Ganz im Gegensatz zu dem ursprünglichen Gefühl, dass sie etwas Festes, etwas nicht Wegnehmbares wäre, etwas, von dem ich sicher stamme, in dem ich ein- und ausgehen könnte wie in meinem Elternhaus.

 

In einer Welt im Fluss will Heimat immer neu gefunden werden, eher wie ein Urlaubsort, wie das Thema einer Debatte. Menschen, die dem gegenüber behaupten, „so und nicht anders“ sei unsere Heimat, sie sind verhaftet allein in der Vergangenheit und sehen nicht die umfassende Wirklichkeit dieses Begriffs.

 

Es ist aufschlussreich, dass gerade Rechtspopulisten gern so sprechen, also häufig Menschen, deren Vergangenheit schon von einer anderen Zukunft überholt worden ist, Gestrige also, oder schlimmer noch Ewiggestrige. „We-first“–Rhetoriken, die sich an die wenden, deren Heimat bereits unwiderbringlich anders geworden ist.

 

Anders, aber nicht verloren! Darum ist es so ironisch, dass Heimatverlust ausgerechnet von jenen beklagt wird, die ihre Heimat behalten haben; und jenen vorgeworfen wird, die ihre Heimat physisch verlassen mussten.

 

In der Bibel zählt es zu den Flüchen, wenn jemandem gesagt wird, dass er säen aber nicht mehr ernten können wird (Mi 6,5). Und umgekehrt segnet Gott Menschen, denen er zuspricht „Du wirst ernten, was du nicht gesät hast“. Das ist sein Segen beispielsweise für Israel, für Menschen, die auf fremder Erde Sklaven waren, denen ein gelobtes Land verheißen war und die nach einer Wüstenzeit an den Ernten des Kulturlandes teilhaben durften.

 

Die Heilige Schrift ist bekanntlich voll von Menschen mit Migrationshintergrund. Zuletzt Jesus selbst, zuvor die Propheten in babylonischem Exil, der legendäre Josef in Ägypten, Abraham und sein Weg aus Persien nach Judäa. Und am Anfang steht ganz grundsätzlich zu unserem Thema die Geschichte von Adam und Eva. Schreibmatrize des Menschseins sozusagen. Wir sind seither des Ortes verwiesen, an dem wir zuhause waren.

Das bedeutet: Heimat im Sinne dieses Paradieses ist auf Erden nicht zu haben. Die neuzeitliche Entdeckung der metaphysischen Heimatlosigkeit, beispielsweise das „Hineingeworfensein in die Existenz“ J.P. Sartres, ist ein alter Hut, eine immer wiederkehrende Geschichte. Sie lässt uns die Wirklichkeit schauen, wie sie ist.

So sehen wir auch das, was uns alles zufällt! Bekommen die Augen frei für das Geschenk der Dinge, die uns leben lassen. Für die Gaben, die wir erhalten, aber nicht besitzen können. Das, was wächst in unseren Familien, in unserem Herzen und auf unseren Feldern.

Zu den Mitteln, die uns leben lassen, gehört auch Heimat. Sie ist ein Gefühl, ein Sehnsuchtsort. Es gibt sie gleichzeitig und doch bleibt sie noch unerfüllt.

 

Die ganze Abfolge von Flucht-, Exodus- und Landnahmegeschichten will uns etwas lehren: wirkliche Heimat, liebe Gemeinde, gibt es nur bei Gott!

 

„Unruhig ist unser Herz“, schrieb Augustinus „bis es Ruhe findet in dir, Gott.“

 

Als ich von zwei Semestern in Hamburg in meine liebevoll eingerichtete Studibude in Tübingen zurück kam, hatte der Zwischenmieter mit großen Lettern an die Wand menetekelt: Wir haben hier keine bleibende Statt.

 

Diese alttestamentarische Wahrheit deckt sich mit der neuen von Jesus und sie bindet beide Bücher auch in dieser Hinsicht zusammen. Denn zu unserem Heimatbegriff spricht Jesus

erstens vom Reich Gottes. Bestimmt es als ein Reich, das noch nicht ist, das gleichzeitig Vision und Maßstab abgeben will – und eben doch schon hier und dort aufblitzt. Noch nicht und schon jetzt. Wie eben Heimat auch.

 

zweitens erklärt er das himmlische Heimatreich als etwas, das durch Beziehung bestimmt wird. Der vom Sohn zum Vater, der von Gott zu den Menschen, der von Mensch zu Mensch. Es ist am Maß unseres Umgangs miteinander zu erkennen.

 

Und drittens bringt er die Gnade ins Spiel. Die wahre Heimat ist nicht machbar, nicht beherrschbar durch uns. Sie wird geschenkt.

 

Wir dürfen mitwirken inmitten seiner guten Geselligkeit.

Und wir tun dies aus Dankbarkeit heraus Beschenkte zu sein.

Amen.

 

 

Ein Leben auf der Rennebahn

Traueransprache für Richard Manz

über

  1. Kor 9, 24 am 14. August 2018 in St. Klemens, Ruwer

 

 

Das Leben manches Menschen wird in einem einzigen Augenblick entschieden. Für Richard Manz wähle ich einen Vers aus dem 1. Korintherbrief, um zu verdeutlichen, was ich meine.

 

Der Apostel Paulus bedient sich in seinem Schreiben eines Bildes, um Christen zu ermutigen, sich anzustrengen. Er schreibt „Ihr wisst doch, dass bei einer Sportveranstaltungalle sich anstrengen, dass sie in der Kampfbahn laufen, aber nur einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr ihn erlangt“, spornt er an.

 

Nein, es geht nicht um Richard Manz, den Christen. Denn diesem Kapitel gab er eine schnelle Absage „Ich bin kein großer Kirchgänger“, bekannte er mir bei meinen gelegentlichen Besuchen.

 

Es geht darum, dass es in Richards Leben einen Moment, eine Zurückweisung gab, die bestimmte seine weitere Zukunft. Nach dem Krieg kehrte er 1946 in eben die Firma zurück, in der er nach der Handelsschule 1941 seine Lehre als Sanitärkaufmann begonnen hatte. Unter den Gebrüdern Steffen imponierte ihm besonders Walter. Ein Chef, der Richard zu motivieren verstand. Ihn nahm er sich als Vorbild.  Und dessen Tochter interessierte ihn. Doch die Mutter dieses jungen Mädchens wies den ehemaligen Lehrling und Mitarbeiter ab.

Ich verstehe diese Abweisung als Schlüsselstelle in Richards Erfolgsleben. Nun betrat er die Arena, lief in der Kampfbahn, um den Siegespreis zu erlangen. Weniger das Mädchen, dem er ein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb, als vielmehr der Erfolg sollte beweisen, dass er, der damals noch kleine Angestellte, in der Lage war, eine Familie zu ernähren, eine Firma erfolgreich zu führen.

Er verließ Leysser und Idar-Oberstein. Die Firma, in der er 1946 mit dem Karren Post gefahren hatte und wenig später in verantwortlicher Stelle 280 Mark heim brachte. Ein Stück deutscher Geschichte auch dieser Einblick.

 

Richard ging nach Soest, Westfalen; schaute sich andere Betriebe an. Zuvorderst die Firma Kersting. Der junge Manager wohnte als Untermieter bei Familie Ahlemeyer, wo er 1953 Käte kennen lernte.

Das Karriereangebot einer dritten Firma führte zu seiner Rückkehr zu Leysser, die von diesem Headhunting Wind bekommen hatte und deren Angebot überbot.

So kam Richard Manz nach Trier, wo er an dem Aufbau der Niederlassung in der Metternichstraße maßgeblich beteiligt war, schließlich die Geschäftsführung übertragen bekam, dieses Unternehmen und die, die noch dazu kamen erfolgreich führte oder begleitete.

Er war ein Chef alter Schule, setzte sich zu seinen Angestellten, war sich nicht zu schade, des Abends nachzufegen und er machte häufig als letzter das Licht aus.

Akkuratess in der Buchführung war ihm Habitus. Davon können auch seine Familienmitglieder ein Lied singen, wenn es um Krankenkasse, Haushaltsführung und Bankauszüge ging. Er hat diese Dinge einfach sehr genau genommen.

 

1957 hatte Richard Käte Ahlemeyer geheiratet, die ein Jahr später, nach der kirchlichen Trauung, an die Moselstadt nachziehen durfte.

Den beiden wurde 1964 Petra geschenkt. Und Richard, der inzwischen erfolgreich war, machte sich einen Spaß daraus, von seine Pilzwanderungen neben den begehrten Steinpilzen auch Äpfel von den wilden Wiesen mitzubringen und zu sagen: „seht ihr, ich kann meine Familie ernähren“.

 

Vielleicht liege ich mit meinem Gedanken an ein Schlüsselerlebnis auch falsch, und es sind die elterlichen Prägungen, die genetische Mitgift, die Richard zu dem machten, was er war. Denn seine Mutter, Jahrgang 1888, war eine couragierte Frau. Sie hatte neben der schwiegerelterlichen Edelsteinschleiferei in der Amethyste und Achate geschliffen wurden, einen Gastronomiebetrieb aufgebaut und verstand es, diesen auch zu führen. Sie war diejenige, die alles Geschäftliche in der Familie managte. Und von ihr könnte Richard seinen Sinn fürs gewissenhafte Arbeiten, fürs Geldverdienen, für das berufliche Avancement haben.

 

Den Ausgleich für seine Zeit der Zielstrebigkeit, für die Energie, die er in sein Evenement steckte, suchte er beim Fischen. „Nicht einfach so die Angelrute in den Teich halten“, pflegte er zu betonen, sondern das Fliegenfischen, also die auch körperlich herausfordernde Art, Raubfische zu fangen. Das war sein Ding. Hier fand er die Ruhe, die Muße und Ablenkung, die ihm Abstand von seinem Alltag schenkte.

Eine zweite, andere Möglichkeit bot ihm der Vereinssport. Dazu gehörte kurze Zeit auch das Golfen, aber hier kamen ihm immer die geschätzten Pilze in die Quere, so dass er auf dem Grün hin und her gerissen war. So entschied er sich fürs Tennisspielen. Und dafür, das Pilzesammeln ganz allein zu betreiben.

Richard wollte es wissen. Er erstieg Berge solo, kam manches mal gezeichnet aber erhobenen Hauptes ins Hotel zurück. Er war interessiert. Im neunten Jahrzehnt wagte er noch einen Tandemsprung. Diese optimistische Neugier wirft ein bezeichnendes Licht auf sein Wesen.

Dem drahtigen Richard sah man nicht an, dass er großen Wert auf gute Küche und guten Keller legte. Als Käte ihm auf dem Sterbebett die Lippen mit Wein benetzte, murmelte er noch den Namen des richtigen Winzers und fragte nach dem Jahrgang.

Sportlich war Richard und auch mit 90 einer der besten seiner Equipe. Seine gesunde Natur war dabei die eine Seite, die andere auch hier sein Ehrgeiz. Ganz der Läufer Pauli im Stadion, der Sport treibt um zu gewinnen.

 

Im Vereinsleben kam dann das Erbe seines Vaters zum Tragen. Dieser, Jahrgang 1882, war ein lebensfroher Mensch und hat Richard seine gesellige Ader vererbt. Richard, der Sportskamerad, Richard, der Gastgeber, der spendable Privatmann. Die Feste im Garten zwischen Schwimmbad und Haus sind allen unvergessen, die dort bewirtet wurden. Er schätze musikalische Unterhaltung. Und unterwegs mit seinem Hund, so erzählte er, singe er gern. In Soest freute er sich an den traditionellen Trommlergruppen und meinte, auch dieser hier Region könnten solche Erbaulichkeiten gut bekommen.

 

Zu den unterschiedlichen Facetten seines Wesens gehörte auch die Lust am Reisen. Was ein Mensch unbedingt gemacht haben müsse, wurde er gefragt. Seine Antwort war „Im Leihwagen durch Australien zu reisen“, auch liebte er orientalische Atmosphäre, die Geschichten von 1001-Nacht und reiste auf der Suche danach nach Bahrein und Djohar.

Aber genau so gut kam er weit weg von jedem lauten Bazar zurecht auf einer einsamen Insel inmitten eines Südseekorallenriffs.  In diesen Zielen spiegeln sich seine beiden Gesichter: das gesellige und das zurückgezogene meditative. Zwei Beine eben, auf denen er stand.

 

Richard wusste, dass es ihm gut ging. Dass sein Fleiß, seine Stetigkeit und eine Prise Fortune ihn weit gebracht hatten. Und dafür war er dankbar. Eine kurze Geschichte bebildert, was ich sagen möchte. „Ein reicher Mann kam einmal in den Himmel. Die Tische bogen sich dort unter den Speisen. „Was kostet dies und was das?“, erkundigte er sich bei Petrus. „Alles einen Pfennig“, antwortete dieser. „Aber wir nehmen hier nicht das Geld, das du besessen hast, sondern all das zählt hier, was du verschenkt hast“.

Richard hat gern gespendet. Seinen Vereinen und auch der Kirche.

Auch wenn er selbst nicht daran geglaubt hat, oder vielleicht gerade deswegen, möge er nun positiv erstaunt sein darüber, wie ihm das Licht der Liebe Gottes entgegen kommt und ihn willkommen heißt. Amen