Kirche unterwegs

Ansprache anlässlich der Andacht

wandernde Synodale

12. Juni 2021, Grünhaus

Hier ist mein Heimatrevier. Wenn Sie sich umschauen, dann bin ich hier überall schon mit meiner Frau und unserem Hund spazieren gegangen. 

Oft schon hat sich dabei zu Beginn unserer Gänge folgender Disput ereignet. „Lass uns heute mal einen neuen Weg ausprobieren, eine Verbindung, die wir noch nie gegangen sind!“ 

„Du weißt, Hunde sind Gewohnheitstiere, für sie ist es am besten, wenn sie die Strecke kennen“ 

„Ich selbst fühle mich aber lebendiger, wenn ich etwas erforschen, etwas neues entdecken kann“ 

„Wir gehen jetzt den und den Weg, da wissen wir, wie lange er dauert, ich muss dann und dann auf der Arbeit sein“.

Und damit ist die Entscheidung einmal mehr gefallen. Wer jetzt welchen Part zu sprechen pflegt, diese Einschätzung überlasse ich Ihnen.

Auch als Kirche sind wir unterwegs. Heute physisch. Aber mit unserem synodalen Auftrag im geistlichen Sinn. Sind wir mehr die Gewohnheitstiere oder die Experimentierfreudigen? Ist der klassische Gottesdienst und für uns als Protestanten darin wiederum die Predigt das Wichtigste oder wollen wir nachhaltig Jugend gewinnen, uns auf ihre Sprache und Methodik einlassen und probieren dementsprechend mit unseren Angeboten Neues aus?

Vielleicht beginnen wir mit unseren Vorhaben am besten nicht mitten auf dem Wege, sondern mit einer Packliste. Ich bin ein großer Freund von Packlisten. Mit jeder Reise ebenso wie mit jedem Buch über das Zielland verändert sich meine Packliste. Sie ist selbst so etwas wie ein Organismus, der sich optimiert.

Als Kirche unterwegs durch die Zeit hat sie sich und haben wir sie entwickelt. Aus den Trümmern protestantischen Bildersturms ist eine eigene Kultur der Musik erstanden. Ohne die Kompositionen von Johann Sebastian Bach (Trompete wird aus dem Rucksack gezogen) ließe sich evangelische Kirche heute ebenso wenig definieren, wie die Liedtexte Martin Luthers und Paul Gerhardts umgekehrt dem Glauben in den Sattel der Sprache geholfen haben.

Wenn unsere katholische Schwesterkirche neben die biblischen Fundamente ihre „Tradition“ als gleichgewichtig daneben stellt, so haben wir doch dieses Konvolut der Bekenntnisschriften (Bekenntnisschriften), welches für uns der Grundstein unseres Anspruchs und Selbstverständnisses ist.

Und dann haben wir noch den Kuchen. Jawohl den Kuchen als Zement unserer sozialen Zusammenkünfte (Coppenrath und Wiese – Karton). Den Kuchen der Frauenhilfe, den Kuchen anlässlich der Geburtstagsfeiern für unsere Senioren, den Kuchen für den geselligen Nachmittag und den fürs Gemeindefest. Er wird mit Kaffee angerührt und ist das Bindemittel für Gesprächskreise, Seniorenclubs und normaler Weise der Schlusspunkt des synodalen Mittagessens.

Diese drei mögen als Beispiele unseres alltäglichen und kulturell gewachsenen Gepäcks dienen. 

In herausfordernden Zeiten wie diesen stellt sich die Frage nach dem Wesentlichen. Es geht darum, leichtes Gepäck in schweren Zeiten zu schultern.

Genügt in Übergangszeiten nicht so ein kleiner Rucksack? (kleiner Rucksack)

Hinein gehört etwas, das uns stärkt (Kelch)

hinein gehört ein Hilfsmittel zur Orientierung (Bibel und Landkarte)

hinein gehört das Wort, das als Rückmeldung, als dialogischer Prozess unsere Gemeinschaft lebendig macht (Handy).

Orientierung, Stärkung und Dialog auf Augenhöhe,

diese drei möchte ich uns heute als mögliche Stichpunkte mit auf den Weg geben, wenn wir über Kirche vor, in und nach der Pandemie nachdenken. Wenn wir darüber sprechen, was Kirche ausmacht.

Vielleicht mögen Sie dieses leichte Gepäck schultern und es unterwegs als nützlich empfinden.

Vielleicht aber geht es Ihnen wie mir auf meinen Reisen, dass die Packliste sich evolutionär verändert. Wir werden es hören. In diesem Sinne gute Gespräche. Amen

Nehmt das Licht!

Osterpredigt 2021 über die Emmausgeschichte Lk 24, 13-34

Ostern 2020, wie war das? Die Botschaft vom leeren Grab verhallte in einer leeren Kirche. Ja, die Kirchen waren leer. Sie waren es, weil vieles verboten war. Vor allem alle Formen von Versammlungen.

Aber passte das nicht zusammen? Waren nicht die Jünger an jenem denkwürdigen Tag zu Hause hinter verschlossenen Türen? Saß ihnen nicht noch der Schock in den Knochen, dass der, dem sie gefolgt waren, dem sie geglaubt hatten, auf den sie gesetzt hatten bei der Hoffnung auf die Nähe einer besseren Welt, dass der hinter Gefängnismauern verschwunden war und dann in Golgatha öffentlich exekutiert wurde?

Schlotterten ihnen nun nicht die Knie, dass die Geheimpolizei an ihre Tür trommeln und „aufmachen!“ brüllen könnte?

Saßen auch wir nicht vor einem Jahr ängstlich zu Hause, hatten die Gummihandschuhe auf dem Autositz liegen und den selbstgenähten Mundschutz allzeit bereit. Wurde nicht später eine FFP 2 Maske daraus?

Glichen wir in unserer Angst nicht den Jüngern? Derselbe Rückzug, dieselbe Versteckerei, der innige Wunsch, dass das alles vorbei sein möge?

Jeder Mensch, egal ob er sich politisch verfolgt weiß oder ob er ein zu oft tödliches Virus draußen vor der Tür halten möchte, verspürt inmitten seiner noch so aufrechten Haltung:  Angst.

Liebe Gemeinde, ein Leben lang war Jesus nicht müde geworden, die Angst der Menschen aufzuspüren, sie als Ursache ihrer körperlichen Leiden zu identifizieren, dem bis dahin unbekannten Erreger einen Namen zu geben, ihn aus dem Keller der Verdrängung zu holen und Macht über ihn zu gewinnen.

Ein Leben lang war er den Aussätzigen selbst entgegen gegangen, hat keinen Bogen um das Leid gemacht, sich vor strittigen Präzedenzfällen nicht gescheut, hat den Kontakt zum Kranken selbst am Sabbat gesucht,  – warum? Um der Priorität des Vertrauens zu ihrem Recht zu verhelfen. Um die Angst zu nehmen! Um gerade durch sein Verhalten, sein Entgegenkommen, seine Nähe das keimen zu lassen, was die Angst verfliegen lässt. Denn anders käme sie wie durch eine zu dicke Schneedecke nicht ans heilende Licht, an die Oberfläche. Durch Jesu diagnostisch sicheren Blick aber schmilzt sie im Licht der Zuversicht, der Nähe der Hoffnung, in der Nachbarschaft des Glaubens.

Ein Leben lang lebte der Mann aus Nazareth die Überzeugung vor, dass sein Vater im Himmel das Leben will und dessen Gelingen liebt. Ein Verkündigungsleben lang ließ er die Menschen spüren, dass es der unbändige Geist der Verbindlichkeit ist, der Miteinander grünen lässt. Eine irdische Lebenszeit machte er glaubhaft, dass es mehr als diese Tage und eine unsterbliche Wahrheit in jedem Ich gibt, die keine Angst vor Folter und körperlichem Ende haben muss.

Nun darf sein himmlischer Vater auch unser Herr genannt werden. Denn er hat sein Siegel unter Jesu berechtigtes Hoffen auf den Sieg des Lebens gesetzt. Gott bestätigt: Jesus, du mein Menschkind, deine Haltung soll weiter unter den Menschen lebendig bleiben.

Gehet hin, heißt es nun in den Ostererzählungen der Bibel, dorthin, wo er euch vorausgegangen ist. Das ist nach Galiläa. Die Gegend der Herkunft der Jünger. Geht hin, wo ihr arbeitet. Geht hin, wo ihr zuhause seid. Dort wird euch Jesus begegnen.

Im Alltag nämlich. 

Immer dann, wenn Ihr vor Menschen steht, die nicht über ihren Schatten springen können, die eingemauert sind in unverschuldeten inneren Gefängnissen, wenn Ihr solche Hemmnisse des Lebens entdeckt, innere Emigration und Spätfolgen früheren Leids –

dann dürft Ihr nun erfahren, wie gut es tut, Nähe zu schenken, Vertrauen wach zu küssen, Brücken zu bauen, den Schlüssel anzubieten für die Tür ins Freie.

Ihr selbst könnt es nun wissen. Und darum sollt Ihr es sein, die gerade im Gewöhnlichen, im Alltag, im Nächsten dem Leben zum Sieg verhelft.

Auch das ist die Osterbotschaft, Ihr selbst dürft Emmausjünger, Ihr dürft Boten sein sollt die frohe Botschaft in die Häuser und in Euer Umfeld bringen.

Sie will sich nun im guten um die Welt verbreiten, in einer völlig anderen Richtung als wir es vor genau einem Jahr befürchteten und beobachten mussten. Ostern stellt die Wegweiser neu auf.

Nehmt das Licht! Brecht auf, seid anregend, seid „ansteckend“ in hinreißendem Sinn, seid hilfreich, vorbildlich. Das ist der neue Weg ab Ostern, seit heute, Euer Weg. 

Amen

Gebet

Ach, Herr, gern hätten wir auf Ostern 2020 als etwas Vergangenes geschaut.

Immer noch Geduldsproben, immer noch Einschränkungen, gefangen in Isolation.

Roll den Stein weg, dieses winzige Virus, das uns den Zugang zu anderen, zum unbeschwerten Miteinander verstellen will.

Lass uns frei von Angst selbst zu Boten des Lebens werden,

den ersten Schritt wagen,

die Tür aufstoßen,

ermutigen.

seinen Senf dazu geben

Zum Thema anlässlich der Einführung der Presbyterinnen und des Presbyters 2020

Gusterath, 25.10.2020

über Mt 13, 31 – 32

„Ab heute dürft Ihr Euren Senf dazugeben“. 

Das Amt, das Ihr seit März bekleidet, in das Ihr heute gottesdienstlich eingeführt werdet gibt Euch ein Mitspracherecht, eine Mitwirkungspflicht.

Dabei bedeutet der Spruch: „Etwas Gutes, das aber unpassend ist, als Beilage aufzutischen“. Denn vielleicht wisst Ihr, wie diese Redewendung entstanden ist? Nach 1750 war Senf das, was die Menschen in Frankreich für das Beste vom Besten hielten. Und Wirte, die etwas auf sich hielten, servierten Senf zu allem, was sie auf den Tisch brachten. Das goutierte verständlicher Weise nicht jedem. Denn Senf mag zu Fisch, Fleisch und Salatsaucen passen, sicherlich auch zu bayrischen Festen, aber eben zu vielem anderen ist er kein guter Begleiter.

Also überlegt Euch, wozu Ihr Euren Senf dazugeben wollt.

Denn die Leute werden Euch fragen, sie erwarten von Euch Ideen. Und sie schauen auch auf Euch, denn sie sehnen sich danach zu sehen, wie die frohe Botschaft im individuellen Profil eines Menschen aufleuchtet. 

Das ist im guten Sinne eine Herausforderung.

Als Wegbegleitung scheint mir eine Bildrede Jesu richtig für die vor Euch liegende Aufgabe zu sein.

Jesus sprach „Das Reich der Himmel gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf den Acker säte. Dieses ist zwar kleiner als alle anderen Samenarten; wenn es aber herangewachsen ist, so ist es größer als die Gartengewächse und wird ein Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.“

Was haben nicht Menschen schon alles unternommen, um die Welt besser zu machen! Propheten, Apokalyptiker, Weltverbesserer und Ideologen haben Veränderungen beschworen, bei denen kein Stein auf dem anderen geblieben ist oder wäre. Der Sprengstoff der Unzufriedenheit, das Ekrasit der Armut und das Schwarzpulver des Elends hatten jeweils ein explosive Kraft.

So ganz anders kommt Jesu Bildrede daher. So mild und sanft! Sie predigt vom ruhigen Reifen längst gesäter Kräfte. Sie ermutigt dazu, das Gute zu sehen, das schon da ist. Sie rät zum verweilenden Durchatmen.

Ab und an fragt mich ein verzweifeltes Elternpaar, was sie denn angesichts ihres schwierigen Kindes noch unternehmen könnten. Nach dem Hinhören, Hinschauen und vor dem Antworten führe ich mir stets den Gehalt der heutigen Bildrede Jesu vor Augen.

Denn implizit spricht sie von den Gefahren des Aktionismus und Nichtwartenkönnens. Sie predigt von den Zwillingen Glaube und Geduld. Und sie ermutigt zum positiven Hinschauen, zum Pflegen und Bestärken, zur Geduld.

Zu unserem eigenen Unheil verfahren wir doch oft so, dass, kaum regt sich ein Gefühl der Ungemütlichkeit, der Sorgen, überlegen wir, was wir denn machen können. Kaum streckt sich ein fremdes Kräutlein aus dem Boden, betonieren wir ihn zu. So gehen wir mit den Feldern in der Agrarindustrie um, wir „schützen“ und „verbessern“ mit Chemie und Genmanipulation, bis alles ausgelaugt, verdorben und vergiftet ist. Bis die Ketten der Lebenszusammenhänge gesprengt und die Arten ausgestorben sind.

Jesus sagt hier nicht explizit „Vorsicht!“, sondern er malt ein Bild von den wunderbar geschenkten Lebenszusammenhängen, wenn der Baum groß geworden ist und nun auch noch unerwartet andere etwas davon haben, hier die Vögel des Himmels in ihm nisten können. Es ist tatsächlich das gleiche Wort „Himmel“ in beiden Stellen – das Reich der Himmel und die Vögel des Himmels, das der Text verwendet, so dass uns diese „Früchte“ jenseits der Senfernte allesamt tatsächlich wie „ein Geschenk des Himmels“ vorkommen dürfen. Der Schöpfer denkt in anderen Dimensionen und überblickt Zusammenhänge, die wir nicht absehen.

Also haltet auch mal die Füße still, die Hände gefaltet und habt – jawohl, darum geht es – Vertrauen. Den Glauben nämlich, dass Gott schon gesät hat. Dass es zum Guten angelegt ist.

Wir sind so anders erzogen. Man sagt uns „Auf uns kommt es an!“ „Übernimm Verantwortung“ „Tu doch was!“ Aber der blinde Tatendrang hat schon viel verdorben. 

Und oft fehlt auch den unglücklichen Eltern ihrer ausprobierenden Kindern nichts anderes als das geduldige Zutrauen.

Weil ich das Gleichnis ernst nehme, darum kommt von mir heute an Euch keine ermunternde Aufforderung, Eure Ideen einzubringen, Eure Tatkraft zu fordern, Eure Persönlichkeit zu zeigen, den Kalender weit zu öffnen, jeden Ball zu spielen und immer dabei zu sein.

Nein, lehnt Euch auch mal zurück, lasst den lieben Gott einen guten Mann sein, glaubt an das, was schon ausgebracht ist und wachsen möchte.

Und Ihr werdet sehen: gerade so, vermittels solch einer Haltung, möchte das Evangelium durch Eure Persönlichkeit in der Gemeinde glaubhaft sein, möchte Beispiel geben und überzeugen. 

Lao-Tse hatte die Einsicht: „Durch das Nicht-Machen ist alles gemacht“.

Und Jesus verdeutlicht, dass es hier nicht um einen Aufruf zur Faulheit oder zum Wegschauen geht, sondern im Gegenteil: schon dem Allerkleinsten etwas zuzutrauen.

In diesem Sinne hatte er schon gepredigt „Wenn ihr nicht ganz klein wie die Kinder werdet, so lernt ihr die Macht Gottes nimmer kennen“. In diesem heutigen Gleichnis sagt er uns: „Was wir brauchen, ist einzig das Vertrauen in das Wachstum des Geringen in uns und umgekehrt ein gewisses Misstrauen gegenüber allem buchstäblich Groß-Tuerischen“ (Drewermann, Markus, I, S. 349).

Und Jesus, dieser Meister und Lehrer der Sanftmut, kleidet seine Wahrheit bewusst in ein Gleichnis – kein „Du musst“ möchte daraus sprechen, kein „Du sollst groß dabei herauskommen“ will am Ende stehen – sondern seine gewaltfreie Lehre lehrt uns, wie alles mit allem zusammenhängt, wie aus dem Vertrauen ins Kleine etwas großes entstehen kann, wie selbst Vögel davon profitieren können und ein wunderbar gesundes Ganzes am Ende herauskommt. Das Miteinander von Mensch, Getier und Pflanze gelingt. So möchte Gott, der Meister des Dialogs, das Miteinander haben.

Auch Euer Glück ist sein Ziel. Über Reifung und Ruhe, über Harmonie und Herz führt der Weg. Vertraut ihm.

Amen

„Wachet auf“ ruft uns die Stimme

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“, so beginnt ein Kirchenlied. Im evangelischen Gesangbuch steht es unter der Liednummer 147. Der Strophentext geht so weiter „der Wächter sehr hoch auf der Zinne, wach auf, du Stadt Jerusalem!“

Nachtwächter sind etwas Romantisches. Wenn wir eine Stadtführung in Trier buchen, dann zeigt uns der Führer das Türmerzimmer. Hoch über dem Hauptmarkt hielt der Türmer Feuerwache, ein Ofen wärmte seinen Wachraum und um ihn herum führte eine Balustrade, von der er auf die Dächer der Stadt mit wachsamem Auge blickte. 

Heute überwachen Satelliten die feindlichen Militärbewegungen, Rauchmelder die Luft in Wohnhäusern und an der Haustür wacht eine Kamera und zeichnet alle Gästegesichter auf.

In früheren Zeiten riefen die Nachtwächter und Türmer nicht nur die Stunde aus, sie hatten auch nicht nur vor Unheil zu warnen, sie konnten auch Boten der Freude sein. „Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen“, zu Beginn der zweiten Strophe klärt auf, dass die Wächter Freudenbotschaften an die Stadtbewohner auszurichten hatten.

Der Liedtext nimmt eine Bildrede Jesu auf. Diese Bildrede von den fünf törichten und fünf klugen jungen Frauen haben wir eben gehört. Jesus bedient sich des Gleichnisses, um auf den unerwarteten Beginn der Endzeit hinzuweisen. Wir wissen nicht, wann es soweit ist.

Wir wissen nicht, wann es mit diesem Leben zu Ende ist und wir wissen nicht – und das ist hier das Entscheidende – wann es mit dem Reich Gottes beginnt.

Diese Trennung von Vorläufigkeit hier und dann der Vollendung in einer anderen Welt ist nicht Jesu gelebter und gepredigter Ansatz. Im Gegenteil, Jesus wird nicht müde, das „schon jetzt“ des Gottesreiches, sein Aufblitzen zwischen den Menschen hier und da zu betonen. Ist er nicht selbst das leuchtendste Beispiel für die Gegenwart Gottes unter den Menschen?

Jesus sagt ebenfalls: Wachet auf, aber im Sinne von „Mach die Augen auf!“ „Sieh hier und sieh da!“, ruft er die Wahrnehmbarkeit Gottes in unserer Gegenwart ins Bewusstsein. Nämlich immer dann, wenn es gelingt, im Sinne Gottes zu leben, dann ist sein Reich schon da: wenn Menschen sich verstehen, wenn die Liebe das letzte Wort hat, wenn vergeben wird, wenn Neuanfänge geschenkt werden, wenn Zuwendung gesund macht.

Das ist etwas anderes, als die Lampen blank und gefüllt zu halten gleichsam in soldatischer Bereitschaft für einen Tag X. So etwas ist ein mühseliges Geschäft und darüber könnte man tatsächlich müde werden. Und haben Menschen, die den Schein ihrer geputzten Lampen tagtäglich erneuern nicht auch etwas Zwanghaftes? Die Klugheit der Jungfrauen reimt sich auf ein Klosterleben, das sich ganz Gott gewidmet hat. Kirchliche Alltagsethik setzt andere Schwerpunkte. Gibt es denn nichts Wichtigeres zwischen den Menschen zu tun als Brennstoffvorräte zu horten und Geräte zu polieren?

Ja, das gibt es, wichtigeres! Die Ironie der Geschichte offenbart sie an ihrem Ende. Sie bürstet ihren tieferen Sinn dort gegen den Strich des als Warnung zu verstehenden ersten Teiles des Gleichnisses.

Die Zuspätkommenden bleiben draußen im Dunkeln. Der Gastgeber kann ihre Gesichter nicht erkennen. Er sagt: „Ich kenne euch nicht“.

Das ist es, liebe Hörerinnen und Hörer, worauf es ankommt: Gesicht zu zeigen, im Tagesgeschehen sich einzumischen, die Ethik der Entschiedenheit, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Hab Zeit für den Nächsten, biete dich an, schau, wo du gebraucht wirst. 

Da vernehme ich eher den Herzschlag Jesu in dieser Geschichte. Hier und heute gilt es. Nicht irgendwann.

Denn wer Gesicht zeigt, der wird auch am Gesicht erkannt. Zu dem spricht Gott: Dich kenne ich!

Die vier im Ballon

Ansprache Ballontaufe, 16.08.2019

Föhren, Flugfeld, anlässlich der Moselballonfiesta

Matthias  J e n s

Ich heiße nicht Johannes – bin aber der Täufer dieser vier flammneuen Ballone. Ein Ereignis, das wir mit Ihnen, den Crews, dem freundlichen Veranstalter, den Stiftern und Ihnen allen aus dem Publikum feiern möchten.

Darum beginne ich gleich mit der Publikumsfrage: Wie hieß das erste Trier im Weltraum?

Ja, es ist die zweijährige Mischlingshündin „Leica“ gewesen, die gleichzeitig mit ihrer Mission im Sputnik 1957 zu Weltruhm und einem schrecklichen Tod verurteilt wurde.

„Leica“ ist also das erste Tier im Weltraum.

180 Jahre vorher war es in der Ballonfahrt ähnlich. Menschen hatten sich überlegt, dass es mit dem Fliegen möglich sein müsste. Joseph Michel und Jaques Etienne Montgolfier hatten beobachtet, dass Papier- und Leinensäcke über einem Feuer zu schweben beginnen. Einen Sack aus Papier und Leinen ließen sie erfolgreich im Juni 1783 in eine Höhe von fast 2.000m aufsteigen.

Nun hörte König Ludwig XVI davon und wollte sich das Experiment vorführen lassen. Lebendige Passagiere mussten her. Und schon damals griff der Mensch zu Tieren in seiner Nähe. War es 1957 ein Hund, so waren es fünfzehn Jahre vor der Revolution den Franzosen ihre greifbaren Tiere aus der Landwirtschaft: ein Hahn, ein Hammel und eine Ente.

Ich erzähle allen Ballonfahrern nichts neues, wenn ich an die erste bemannte Ballonfahrt erinnere. Sie begann im Vorhof von Versailles. Der König und seine ganze Familie waren anwesend. Auch mehrere tausend Adlige. Und natürlich das Volk, das sich aus Paris und dem Umfeld der Stadt eingefunden hatte.

Gleich nach dem Start ging der König in sein Schlafgemach und beobachtete durch ein Fernrohr den Flug. Der dauerte 8 Minuten und führte immerhin über 1.800 Faden in nordöstliche Richtung (1.800 x 1,62 = 2.916m) also fast 3km.

Die Schwester des Königs aber, die neunzehnjährige Elisabeth setzte sich aufs Pferd und galoppierte hinterher.

Als sie am Waldrand ankommt, wo dem Ballon die Puste ausgegangen ist, grast der Hammel schon friedlich, die Ente ist wohlauf, nur der Hahn hat einen ramponierten Flügel. Der Hammel soll sich bei der Landung auf ihn niedergesetzt haben. Elisabeth verarztet das Tier. Sie ist diejenige, die einen Musterbauernhof bei Versailles aufbauen wird – und alle drei Tiere erhalten lebenslanges Gnadenbrot bei ihr.

Da haben wir nun vier Tiere zusammen, den Hund, den Hammel, den Hahn und die Ente. Denn vier Flugpioniere brauchen wir heute, weil sie bei den vier einzuweihenden Ballonen Paten stehen möchten.

Vielleicht denkt auch jemand bei der Vier-Zahl an die vier Elemente. Feuer, Wasser, Luft und Erde, sie stehen schon Jahrhunderte vor unseren Pionieren für die Erde schlechthin. Für jedes Element ein Strich gemacht und zu einem Quadrat zusammengezeichnet haben wir das alchemistische Zeichen für Erde. Nun wollen diese vier Ballone nicht auf der Erde bleiben, sondern ihr Zweck ist die Luftfahrt darüber. Für den Himmel hatte dieselbe alte Formensprache den Kreis bereit. Denn der Kreis steht für Unendlichkeit, eben den Himmel und auch für Gott.

Der Übergang zwischen beidem, zwischen Erde und Himmel, zwischen Quadrat und Kreis ist das Achteck. Es ist das Zeichen unseres heutigen Initiationsfestes. Es ist das Zeichen für Taufe. Sie wissen wahrscheinlich, dass die alten Taufkapellen alle einen achteckigen Grundriss haben. Das bekannteste Oktagon ist das Baptisterium von Florenz auf dem Domplatz.

Nun hat fast alles für diesen Festakt seine Ordnung. Nur die Zuordnung der Pioniertiere zu den einzelnen jungfräulichen Fluggeräten fehlt noch. Und tatsächlich für jeden Ballon hier möchte eines der Tiere Maskottchen sein:

  • Der Hammelist wie die Ziege im chinesischen Tierkreiszeichen bekannt für sein Mitgefühl. Er gilt als warmherziges Tier. Das steht auch für die Aufgabe der „Caritas“, die sich das Wohl des bedürftigen Menschen zur Aufgabe gesetzt hat.
  • der Hahnzeigt sich in ganzer Pracht. Er zieht die Aufermerksamkeit auf sich und ist auf Respekt der anderen bedacht. Er ist ein verlässlicher Gastgeber und Hofherr. Er ist das geborene Maskottchen für die Organisatoren von Gästebetten und die öffentlichkeitswirksame Schutzherrin des traditionellen Riesling. Der Hahn steigt in den Korb der „römischen Weinstraße“.
  • Wer würde nicht intuitiv wissen, dass der Hundfür die Treue steht. Heute sogar für die Kundentreue. Der Hund ist ein sympathischer Charakter, hat darum viele Follower. Ihm liegt am Wohl seines Rudels. Er ist loyal. Wenn er sprechen könnte, würden wir ihn oft sagen hören: „Bitte ein Bit“.
  • Die Entekommt im chinesischen Tierkreiszeichen nicht vor. Die Schamanen haben sich ihrer angenommen. Diese verstehen sie als ein Wesen, das Kräfte zu geben versteht. Die Ente hilft also aufzuladen, bei sich anzukommen und sie lässt schädliche Energie wie Wasser abperlen. Das erleben wir im eigenen Zuhause, dort kommen wir wieder zu uns und zu Kräften. Logisch, dass dieses Geflügel das Maskottchen für das „Streifhaus“ sein möchte.

Vielleicht haben Sie beim Zuhören schon gemerkt, dass zwei dieser Tiere von sich aus fliegen können. Nun aber gilt für das gesamte Kleeblatt aller vier Ballone, das in ihren Körben nicht nur die Tiere, sondern auch die menschlichen Passagiere allzeit eine glückliche Fahrt haben sollen. Darauf stoßen gleich die Crews an und die Ballone werden getauft mit einem kräftigen:

„Mit Glück Ab – Und Gut Land!“

Zum Schluss darf ich ihre Aufmerksamkeit noch auf das seltsame Taufgeschirr am Ballon der „römischen Weinstraße“ lenken. Da stehen doch glatt eine Tüte Milch gleichwertig neben dem Rieslingsekt. Und beide haben ihren Platz auf einer Wage gefunden. 

  • Die Wage der Justitia ist das Symbol dafür, dass Frau Rechtsanwältin  Weides Mitsponsorin dieses Fluggerätes ist. 
  • Und die Milch, die die Crew zusammen mit Sekt trinken wird, ist Milch vom „Engelshof“, also im Grunde einem weiteren Tier auf unserer fröhlichen Farm, denn der Engelshof ist ebenfalls Mitsponsor an diesem Luftfahrzeug. Nun dann ein lautes „Muh!“ und ein frohes „Prosit!“

Sabbatjahr für Kirchengemeinden

Andacht Auszeit

Die Sommerferien liegen hinter uns. Die meisten dieser Gruppe hatten Zeit auszuspannen, manch eine/r war ein paar Wochen weg aus dem Alltag, die Arbeit durfte ruhen. Vielleicht kennt Ihr das 3 Wochen Phänomen. Die erste Urlaubswoche benötigt der Mensch, um dann endlich die Uhr ausziehen zu können, die zweite, um das lange Angestaute ablegen zu können, die dritte ist dann reine Erholung. Und mit ein bisschen Glück freuen wir uns nach drei Wochen Fremde auf das eigene Zuhause, die lieben Gewohnheiten, das eigene Bett.

Sie kennen den Unterschied zwischen Urlaub und Reisen? Urlaub will Abstand vom Alltag, dem Gewohnten und Gewöhnlichen sein. Wir können ihn in Italien oder im Garten verbringen. Reisen ist eine Lebenshaltung. Hat mit Entbehrungen zu tun schenkt gern Bildung.

Einige hier im Gremium haben es noch miterlebt, dass ich sieben Jahre gekürzte Bezüge erhielt, sechs davon habe ich 100% gearbeitet und im siebten bei denselben Bezügen 100% frei gehabt. Man nennt das ein Sabbatjahr.

Im Gegensatz zum Urlaub dient es weniger dem Abspannen als der Anregung. Neue Einblicke in die Lösungsansätze anderer Menschen, anderer Völker, angesichts anderer Haltungen und anderer Herausforderungen.

Es gibt kaum ein probateres Mittel um eigene Fähigkeiten zu entdecken als solch eine Einrichtung. Ideen wachsen wie aus einem brachliegenden Feld die Vielfalt an Vegetation.

Ein Sabbatjahr ist ein Antiburnout.

Es ist jedem zu empfehlen, der meint, sich im Kreise zu drehen, der unter dem immer gleichen seines Alltags leidet, der meint, ihm gingen die Ideen aus und das Leben würde schal.

Nicht nur Individuen, auch Einrichtungen können ein Sabbatjahr leben. Gerade Kirchengemeinden. Denn ist das Gebot des Sabbats nicht eine ureigene Empfehlung Gottes? Geht er nicht selbst mit gutem Beispiel voran und ruht am Ende einer immens schöpferischen Phase?

Tatsächlich wird das Sabbatjahr selbst in der Bibel geboten, 2. Mose 23, 10-13. Sechs Jahre wird ein Feld bestellt, im siebten sollst du es ruhen lassen.

Kein Gedanke mag einem Leitungsgremium wie diesem fremder, abwegiger und die eigene Aufgabe in Frage stellender sein als ein Sabbatjahr für die Kirchengemeinde. Denn wir haben uns wählen lassen, um den Acker zu bestellen, um etwas zu bewegen, Gemeinde aufzubauen – nicht brach liegen zu lassen.

Im Vers 11 steht wörtlich: Im siebten Jahr sollst du das Feld brachliegen lassen und den Ertrag nicht anrühren, damit die Armen deines Volkes sich davon ernähren können. Was diese übrig lassen, mag das Wild des Feldes fressen. Ebenso sollst du mit deinem Weinberg und mit deinem Ölbaum verfahren.

Den Weinberg des Herrn brach liegen lassen, liebe Presbyterinnen und Presbyter?

Die Begrenzung des eigenen Tuns hinnehmen lernen, sich auf das Wesentliche zu besinnen und das Unnötige zu entschlacken, das sind doch durchaus spirituelle Ansätze, die uns im persönlichen Leben begegnen.

Eine Kirchengemeinde hat es versucht mit einem Sabbatjahr. Christoph Pistorius berichtet im EKIR.infoüber die erstaunlichen Erfahrungen der Kirchengemeinde Waren: „sie hat das Veranstaltungskarussell langsamer fahren lassen, nur noch absolut notwendige Baumaßnahmen durchgeführt, andererseits die Öffnungszeiten der Kirchen ausgedehnt, um Raum für Stille, Ruhe und Besinnung zu schaffen“.

Unterm Strich bedenkenswert war, dass Seelsorge und Begegnung ein wesentlich größeres Gewicht bekommen haben. Gespräche mit Menschen kamen zustande und blieben lebendig, die zuvor wenig mit Kirche in ihrem alltäglichen Leben anfangen konnten. Ein Sabbatjahr kommt der Sehnsucht der Menschen nach Entschleunigung entgegen. Mensch, werde wesentlich, das wurde in Waren gelebt. Der Gemeindevorstand dort berichtet, dass Lebendigkeit und Tiefe des geistlichen Lebens eindeutig zugenommen haben.

Gewinner solch eine brachliegenden Gemeindefeldes sind die, die man im normalen Ertragsbetrieb nicht auf der Rechnung hat. Die Tiere des Feldes, die Armen im Volk. Sie sind plötzlich im Berit der Gemeinde anzutreffen, weil sie dort etwas finden, von dem sie normaler Weise ausgeschlossen werden.

Ein solches Projekt setzt Offenheit voraus und es scheint eine neue Offenheit  zu schenken.

Mich dünkt, ein Sabbatjahr für die Gemeinde ist mehr als eine Übung, es öffnet uns für das Wirken Gottes und bekennt sich zu den unvorhersehbaren Wegen des Heiligen Geistes. Ein mutiger Schritt. Ein kalos ho kindünos, wie Platon sagt: eine schöne Herausforderung!

Amen

Rückblick aus der Baumkrone

Predigt anlässlich des Festgottesdienstes 50 Jahre DRK Kreisverband, Waldrach 02. Juni 2019

über Jes 44, 23

Jauchzet, ihr Himmel, denn Gott hat gehandelt! Frohlocket, ihr da unten auf der Erde, brecht in Jubel aus, du Wald und all ihr Bäume darin!

Mit diesen Worte klingt das Paar „im Himmel wie auf Erden“ an, allumfassend soll die Feierlaune sein, die Begeisterung über die Tatsache, dass etwas gelungen ist.

So wie hier im Leben des DRK-Kreisverbandes, denn wir dürfen Gratulanten sein. Zum 50. Geburtstag laden zu können, ist ein Hinweis darauf, dass der Jubilar offensichtlich etwas richtig gemacht hat.

Vor kurzem ging die Frage um, was lässt uns denn lange und zufrieden leben? Die Antwort darauf lässt sich leichter merken, wenn wir die Überschrift beachten. Die Antwort lautet: das Beherzigen der „fünf L“.

Diese fünf „L“ stehen für:

lieben, lachen, lernen, laufen und leichter essen.

Es bedarf vor Ihnen keiner Vertiefung, dass das Deutsche Rote Kreuz wirkt im Umfeld von Gesundheit. Um um diese geht es bei den „L“. Lieben und lachen halten die Seele gesund, was auch nachgewiesener Maßen körperliche Auswirkungen hat; lernen den Geist; und laufen steht für Kondition und Beweglichkeit; schließlich auch die Art des Essens. 

Keine schlechte Faustformel, wenn unser Geschäft die Lebensqualität im Alter und bei Krankheit, die Genesung und Unterstützung bei der Rehabilitation ist; und im Kreisverband die Verantwortlichen mit der Organisation all dieser Ziele und Werte zu tun hat.

Das verlesene Bibelwort ist ein Festlied. Wir haben allen Grund zum Feiern und in ein Ständchen einzustimmen.

Auffällig ist die eine Metapher „Baum“. Wald und Bäume stehen im Festlied für Natur im allgemeinen.

Nicht schlecht, mit dem Bild eines Baumes zu gratulieren. Denn man sagt dem Geburtstagkind oft, es habe einen Jahresring zugelegt. Mit fünfzig Jahresringen ist ein Baum schon ein stattliches Gewächs. Hat manchem Sturm und manch dürrer Jahreszeit getrotzt. Mit seinen 50 Jahresringen ist auch ein Kreisverband wie ein imposanter Baum.

An einem Tag wie diesem ist das Geburtstagkind gut beraten, einmal in das Geäst dieses Gewächses in Gedanken emporzusteigen. Schaut es von dort oben zurück, wozu die Grußworte guten Anlass bieten, dann überschauen wir eine abgewanderte Strecke. Möge das Gefühl Zufriedenheit sein, das sich durch den Rückblick ergibt. Dankbarkeit vielleicht auch über die glückliche Passage schwieriger Wegstrecken. Und Freude im Blick auf die erlebte Gemeinschaft, das Glück des Gelingens, die Frucht der Arbeit.

Wendet sich nun der Betrachter dort oben und hält Ausschau, dann mögen die Verantwortlichen Ziele ausmachen, für die es sich lohnt, sich zu engagieren. Ziele im Sinne der guten Absichten des DRK, Visionen von gelingendem Miteinander, Aufgaben, für deren Erfüllung alle gern in die Hände spucken.

Und wenn dann Rückblick und Ausblick genossen wurden und der Abstieg herunter in den Alltag ebenfalls gelungen ist, dann möge sich die Einsicht einstellen, dass Gelingen und Erleben dürfen auch mit der nötigen Portion Fortune gesegnet sein müssen.

Hier sind wir an den Anfang des Festliedes zurückgekehrt: Gott hat gelingen lassen, auch sein Segen hat auffällig glücklich oder ganz klammheimlich dazu beigetragen, dass wir heute hier stehen.

Diesem Aspekt trägt nicht zuletzt der Gottesdienst selbst Rechnung. Wir danken, weil Gott geholfen hat und sein Quäntchen Segen den richtigen Gedanken, die Lösung, den notwendige Ausdauer, das rechte Wort zur rechten Zeit geschenkt hat.

Insofern stimmen wir in Gedanken genau in das Lied aus Jesaja ein.

Amen

nicht allein schlicht BROT

Gedanken zum Sakrament des Abendmahles nach der Lektüre von Gen 41 und Joh 6, 1-15

E s war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.

So erzählen Grimms Märchen, hier in „Sterntaler“, von der Armut.

Kein Brot mehr zu haben, gilt bei uns als Inbegriff von Hunger und Not. Und wir verstehen sofort den Zynismus, der in der Antwort von Marie Antoinette steckt, die auf die Erklärung der Minister, dass das Volk aufbegehre, weil es kein Brot mehr habe, gesagt haben soll „Dann sollen sie doch Kuchen essen“.

Allein, die Bedeutung von Brot muss noch etwas anders erzählt werden. Das wurde mir klar, als ich kürzlich bei Ali zum Essen eingeladen war. Er hatte mich zu seinen arabischen Freunden gebeten und natürlich gab es reichlich zu essen. Das Essen wurde in Schüsseln auf die Mitte des Tischtuchs gestellt. Und zwischen die Schüsseln waren Stapel von Fladenbrot gelegt. Besteck gab es keines. Man reißt sich ein Stück Fladen heraus, etwa zwei Handteller groß und greift sich damit den Inhalt aus den Schüsseln, sei es Hammel, sei es Salat, sei es Getreide.

Kein Brot zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nichts zum Essen zu haben, sondern nichts zum Essennehmen zu haben. Das war schon zu Zeiten Josefs und des Pharao so, das bliebt im Mittelmeerraum im römischen Reich das probate Mittel zum Essen, das war in Persien so und ist in den arabischen Ländern so geblieben. Brot heißt Fladenbrot und dient in weiten Teilen der Welt seit 10.000 Jahren als Instrument zum Essen und als Speise gleichzeitig.

Vor diesem Hintergrund dürfen wir die Ideen des Josef noch einmal neu in ihrer grundsätzlichen Bedeutung einordnen.

Mit Getreide wurde Politik gemacht. Die Kornspeicher im römischen Reich waren die besseren Wahlplakate. Denn die zur Wahl anstehenden Konsuln pflegten nicht nur in die Thermen oder die Arena an den Tagen vor der Wahl freien Eintritt auf ihre Kosten zu gewähren, sondern sie öffneten auch die Kornkammern und gaben den Scheffel zu Dumpingpreisen oder gar kostenlos aus.

Brot ist also nicht nur Grundnahrungsmittel, Getreide ist nicht nur die Basis der Tischkultur, sondern es ist zu allererst eines: Macht!

Davon erzählt unsere heutige Perikope. Die Speisung der Fünftausend. Denn, jetzt nach der Josefsgeschichte verstehen wir: auch zur Zeitenwende war es üblich, das Fladenbrot bei jeder Mahlzeit zu verwenden. Die Leute kannten ihre Abhängigkeit vom Mehl. Und die Leute wussten, dass die hohen Herren in Rom und in den Herrscherpalästen Jerusalems die Hand auf die Vorräte hielten. Brot und Macht waren für sie ein Synonym, waren für sie untrennbar verbunden.

Und nun das! 

Eine Geschichte, die zeigt, wie Jesus mit der Macht umgeht.

Die Erwähnung des nahen Passahfestes leitet das Verständnis des Lesers zum Thema Abendmahl. Johannes will uns verstehen lassen, dass es bei der bevorstehenden Selbstgabe Jesu in Jerusalem – „Ich bin das Brot, ich bin der Wein“ so wird er die Abendmahlsgaben deuten – dass er bei dieser anstehenden Selbsthingabe durchaus auf den ganzen Menschen als Empfänger abzielt. Es geht nicht um Glauben allein oder etwa nur ein frommes Gefühl. Es geht ihm darum, dass alle Menschen satt an Seele und Leibwerden!

So konkret will das Reich Gottes sein: alle Menschen sollen satt und zufrieden sein. Auf dieser Erde ist genug für alle da. Wie kann eine gerechtere Verteilung der Güter gelingen?

Genau davon erzählt die Perikope. Die Erwähnung eines unschuldigen Kindes als Bringer von Brot und Fisch gibt uns den Fingerzeig, dass es uns nur in kindlicher Unschuld gelingen kann, das Richtige zu tun.

Ich stelle mir die Sache so vor. Jesus gibt offenherzig. Die Leute merken: er hält nichts zurück. Denn unter den vielen Neugierigen sitzen auch etliche Skeptiker und solche, die auf Sensationen hoffen. Sie hatten sozusagen ihre Handies filmbereit und hofften auf einen Skandal. Doch Jesus und seine Jünger beginnen einfach nur das, was sie haben, zu verteilen. Sie denken an die anderen zuerst. Die Jesusleute geben und legen nicht zuerst etwas für sich zurück.

Das ist das eigentliche Wunder! Denn für gewöhnlich sind wir so, wie die mitten in der Menschenmenge. Erst mal abwarten, mal hinschauen, was die anderen machen. Und wie die sich für gewöhnlich verhalten, das wissen wir aus den Erzählungen vom reichen Kornbauern und vom reichen Jüngling. Sie versagen, als es darum geht loszulassen, sich nicht abzusichern, sich ganz in Gottes Hand zu wissen. Sie wollen und können nicht auf selbsterrichtete Sicherheit und Rücklagen verzichten. Sie haben mit dem Anreichern und Anhäufen begonnen und stützen sich darauf – weil? Ja, weil sie Angst haben, weil es ihnen an Vertrauen fehlt.

Hier aber geben Jesus und seine Jünger im vollen Vertrauen, dass auf Erden niemand zu kurz kommt. Und die Menschen merken das. Da gehen auf einmal die Ranzen auf, die Hirtentaschen und auch aus den Umschlägen der Gewänder kommen die Tomaten, die Brote, die Vesperschnitten, die man sich sicherheitshalber eingesteckt hatte, und das Obst. Auf einmal füllt sich das ausgebreitete Tuch zwischen den sich Lagernden und tatsächlich: alle werden satt!

Wir verstehen: dieser Aspekt vom Reich Gottes wird immer dann wahr, immer dann Wirklichkeit, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Dann hören die Einflüsterungen des Herrn der materiellen Welt auf: „Halte was du hast“, und: „Genug ist nicht genug.“ Diese Stimmen in uns verstummen.

Das Wunder der Speisung der Fünftausend ist also das, dass Menschen einander aufschließen mit ihrem eigenen Vertrauen. So ziehen wieder Freizügigkeit und Gastfreundschaft in unserer Welt ein. So rückt unsere Welt an die ran, wie sie um Gottes Willen sein soll.

Dafür steht Jesus in Person. Er ist das Gottvertrauen selbst. Sohn des Vaters. Er bringt sich nicht in Sicherheit. Er gibt sich hin.

Und die Leute verstehen immer noch nicht. Sie wollen ihn zum König machen. Das ist verständlich. Dass endlich die Menschlichkeit das letzte Wort behalte und die Drangsaliererei durch die Mächtigen aufhöre. neue Regeln für diese Welt, neue Gesetze, einen anderen König!

Doch, was Jesus will, ist etwas anderes. Sein Vertrauen soll ansteckend sein. Er will nicht König sein, will vielmehr, dass alle die Souveränität des Vertrauens erlernen. Eines Vertrauens, das Menschlichkeit gebiert. Er will die Hefe sein, die überall in uns aufgeht.

Daran denken wir bitte, wenn wir das Brot in uns aufnehmen, den Wein trinken, dass wir der Teig sein sollen, in dem Jesus als der Sauerteig aufgehen und Frucht bringen möchte. Es geht – er hat es gelebt.

Amen

Unterwegs das Leben finden

Traueransprache über Gen 12, 1-3

für

Wolfgang Eisel

13.03.2019

Zewen

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass die Bibel ein Buch voller Geschichten von Menschen ist, die unterwegs sind. Den einen wird eine neue Heimat andernorts ans Herz gelegt, wie eben Abraham. Andere sind unfreiwillig unterwegs, weil Krieg oder Hunger sie vertreiben. Ein ganzes Volk macht sich auf die Reise durch karge Gegend um endlich ein Leben in Freiheit führen zu können.

Die Bibel scheint damit sagen zu wollen, das Glück, das, was dich ausmacht, was dich wesentlich sein und leben lässt, das findest du nicht unter einem festen Dach, in einer einzigen Wohnung. Es will unterwegs gefunden werden. Und Heimat ist kein Ort sondern Beziehung und Gefühl.

Vieles davon scheint mir im Leben von Wolfgang Eisel umgesetzt, gelebt worden zu sein.

Als Sie beide sich mit 18 Jahren kennen lernten, da hatte Wolfgang unfreiwillig schon einiges erlebt. Als 1940 in Mülheim Geborener, wurde er im letzten Kriegsjahr mit vielen anderen evakuiert. Seine Mutter, seinen Bruder und ihn führte der Weg nach Breslau. Auch dort hatte er keine bleibende Statt. Was er als Fünfjähriger von Evakuierung, Flucht, Bombardements und Vertreibung mitbekommen hat, wissen wir nicht genau. Viel hat er über diese ersten Eindrücke nicht gesprochen. Er kehrte jedenfalls nach Mülheim zurück, besuchte dort die Schule und begann als Vierzehnjähriger seine Ausbildung als Schlosser. Im Aufzugbau verdiente er sein erstes Brot, um schließlich bei Mannesmann als Industriemeister Kräne zu bauen.

Seine Laufbahn entsprach seinen technischen Interessen und Fähigkeiten. Kein Gewerk war ihm fremd, er liebte nach Männerart seine Werkzeugsammlung, und Konstruktion und Reparatur waren für ihn ein Leben lang schöne Aufgaben, in denen er völlig vertieft für Stunden versinken konnte.

Aber das allein zeichnet nicht seine Persönlichkeit, denn bei ihm gab noch die freundlich-gesellige Ebene. Wolfgang war ein offener, ein an Menschen interessierter Mensch. Zuneigung zu zeigen war ihm nicht fremd. Darum verstand er es, schnell Freundschaften zu schließen; und besonders die Seinen nahm er in den Arm, vermochte seinen Gefühlen für sie Ausdruck zu verleihen.

Darum ist es kein Wunder, dass er mit dieser emotionalen Seite ein guter Tänzer war. Denn hinzu kam noch, dass sein Vater ihm seine Musikalität vererbt hatte.

Damals also, als Sie sich auf dem Tanzboden kennen gelernt haben, war schnell klar, dass Sie beide gut miteinander klar kamen. Sie schätzten es auch weiterhin zu Tanzveranstaltungen zu gehen; und Ihre Mutter ermöglichte das, in dem sie die Tochter hütete. Vom ersten bis zum letzten Tanz hätten Sie diese Abende genutzt und das gemeinsame Hobby bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt, später mit Leidenschaft Tournier-Tanzen betrieben.

Ob Wolfgang, der gute Tänzer dabei immer auch führte, darüber dürfen wir schmunzelnd nachdenken. Denn er war jemand, der sich ganz auf andere einstellen konnte.

Als er sich anschickte, den Industriemeister zu machen, war der Deal der Eheleute, dass er den Meister, Sie den Führerschein erwerben sollten. Wir alle wissen, er machte den Meister, er aber blieb Chauffeur, und besonders nach seinem Rentenbeginn fuhr er seine Frau zu jedem Termin und holte sie ebenso gern auch wieder ab, denn Sie machten den Führerschein nicht.

Wolfgang war ein Mensch, der sich gut in eine Beziehung einfügen konnte. Er war weiterhin mit der Gabe gesegnet, nicht nachtragend zu sein. Also jemand, mit dem ein ersprießliches Zusammenleben gut möglich war.

Und so gestalteten Sie es sich auch. Erst in den Berufsjahren und dann in all den Jahren des Ruhestands, die Ihnen miteinander vergönnt waren. Sie haben etliche Schiffsreisen miteinander unternommen, sind nach Ägypten mit der ganzen Familie verreist, die Fahrräder waren dabei, wenn es um Radurlaub an Mosel und Ruhr entlang ging. Sie liebten es, das Jahr in Mülheim auf sechs Monate zu beschränken und die restliche Zeit woanders zu verbringen, einen großen Teil davon nahmen die Aufenthalte in Fredeburg ein, aber gern sind Sie auch in Zewen gewesen. Oft wechselten Sie mehrmals im Jahr das Quartier.

Also durchaus seit einem Vierteljahrhundert, seit seinem Ruhestand, so etwas wie ein Wanderleben, ein Unterwegssein im eingangs genannten biblischen Sinne. Sie waren gemeinsam auf einem Weg, dessen Ziel bewusstes tägliches Leben ist.

Wolfgang hat das bestätigt „Ja, es war gut und richtig, dass wir hierher nach Zewen gezogen sind“. Er hat jedem Tag mit positivem Geist den Sinn abgerungen.

Auch im Blick auf die Beziehung hat er es gehalten wie die Stachelschweine in des Philosophen Schopenhauers Gleichnis. Dieses geht so: In einem kalten Winter froren die Stachelschweine und so suchten sie die Nähe der anderen, drückten sich aneinander. Aber da fuhren ihnen die Stachel der Nächsten in die Haut. Erschrocken stoben sie auseinander. Aber auf Abstand im kalten Winterwald fror es die Tiere wieder. Und so lernten sie es, den richtigen Abstand zueinander zu finden. Den, bei dem sie sich nicht verletzten und den, der ihnen durch die Nähe der anderen gut tat.

So haben Sie Ihre Beziehung gelebt, den richtigen Abstand immer wieder neu gesucht und gefunden. Wolfgang war ein Mensch, der gerade heraus war, also jemand, von dem man wusste, woran man mit ihm war. Natürlich gab es Differenzen, aber eben auch schnell wieder Frieden. Natürlich gab es Funkenflug und Emotionalitäten, aber eben immer wieder den Abendfrieden, den versöhnlichen Kuss vor dem Zubettgehen.

Und nun ist er ein letztes mal eingeschlafen. Und in einer Genesungsphase nicht wieder aufgewacht, in der niemand damit gerechnet hat, dass er sich auf die Reise zu seinem Schöpfer macht, dass er sich auf den Weg in das Land macht, das von Gottes Liebe erhellt wird. Eben jenes Reich, das weniger in Ort als vielmehr Beziehung selbst ist.

Denn Gott hat Wolfgang lieb. Er schätzt sein lebensfrohes Wesen, seine Art, in der er immer für einen Scherz zu haben war, seine hilfsbereite Gesinnung, sich gern mit seinen Fähigkeiten einzubringen; mit seiner Gabe, schnell zu verzeihen, mit seiner technischen Passion und seiner herzlichen Zuneigung.

Im Land seiner Liebe ist Wolfgang am Ziel angekommen. Dort darf er in Ewigkeit bleiben.

Der Gott der Zwischentöne widerspricht allen Extremisten – auch denen, die ihn verkündigen

Ist unser Evangelium verdeckt, so ist´s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher das Ebenbild Gottes ist. Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn der Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. (2. Kor 4, 3 – 6)

 

Religiöse Erkenntnis durch intellektuelle Einsicht. Das ist das Programm der Aufklärung. Was vernünftig ist, kann geglaubt werden, und was geglaubt wird, muss vernünftig sein. So dachte man von Leibniz bis Goethe.

Im Pendelschlag der Geschichte war dieser Ansatz die Abwendung des klassischen „credo quia absurdum“ (ähnlich Tertullian), der Trennung von Vernunft hier und dem unerklärlichen Glauben dort. Einem Glauben, der geglaubt wird,  w e i l  er nicht logisch ist, weil ihm mit Vernunft nicht auf die Spur zu kommen ist.

 

Zwischen diesen Extremen hat jeder von uns seinen Ansatz für den eigenen Glauben gefunden.

 

Evangelium verstehen, das ist auch das Thema Pauli. Er schreibt den Korinthern, dass es verdeckt, also unverstanden sein kann. Und Paulus webt diese Gruppe von Menschen, die es nicht verstehen, ein in den großen Zusammenhang von Heil und verloren gehen.

Die Guten, das sind wir hier in der Gemeinde, bzw „ihr lieben Gläubigen in Korinth“, die anderen, das sind die Verlorenen. Und ihr Schicksal sei Verblendung. Das ist starker Tabak. Und als Siegel klebt der Apostel gleich noch den Teufel auf die Verpackung. Der Gott dieser Welt verblende die anderen, schreibt er.

 

Das ist ja nicht falsch, dass unsere Haltung über unser Leben, unsere Lebenseinstellung über unser Ergehen mitbefindet, dass unser Glauben Einfluss darauf hat, wie es uns geht und wie wir Situationen verstehen. Und, ganz im Sinne der Kritik des Apostels ist hier oft gesagt worden, dass unsere Sehnsucht nach Sicherheit, unsere Bemühen um größere Scheunen und bombensichere Verstecke für uns und unser Geld, dass unsere Angst als Berater und ihre Instrumente, die Versicherungen und Alarmanlagen schlechte Paten sind für ein Leben in Erfüllung, Offenheit, Gemeinschaft, Gegenseitigkeit und Liebe.

Aber Paulus pauschaliert. Er macht es sich mit seiner plakativen Briefpredigt zu einfach. Und, besonders kritisch zu sehen, er polarisiert.

 

Er hebt die einen in den Himmel und verteufelt die anderen. Ich bin der Ansicht, dass er damit grundsätzlich falsch liegt, dass Kinder des Lichts hier und Kinder der Dunkelheit dort weder der Wirklichkeit entsprechen noch gar diese Schwarzeißzeichnung im Sinne Gottes ist. Nicht seinem Wesen entsprechen würde.

Eines Gottes, der Verbindung in Person ist: Eben Vater und Sohn, bezogen aufeinander durch den Geist.

Und wenn es wahr ist, dass Gott geschieht!, er also ein dynamischer Gott sein will, dann sind Beziehungen, Zwischentöne und Einstellungsänderungen sein Metier. Von wegen „letzte, höchste und alleinseligmachende Wahrheit“! Ein Leben in solchem Glauben bleibt im Gespräch. Sucht das Gegenüber, versucht zu verstehen, kann zuhören. Und bemüht sich, die Augen von Kurzsichtigen zu öffnen.

Da gibt es nicht schwarz und nicht weiß. Die Guten hier und die Verlorenen dort, das ist eine Fabel. Denn gerade nach Weihnachten kamen wir doch dem Gott emotional nah, der Mensch wird, damit wir Menschen endlich verstehen, wie er es meint;

der unsere Sprache spricht, damit wir sein „Du bist mein geliebtes Kind“ hören, seine Liebeserklärung;

damit wir überzeugt sein können, dass Leben sich im Leben für andere und mit anderen erfüllt, auch wenn sie anderer Ansicht oder Grundeinstellung sind.

 

Paulus, der ehemalige Christenverfolger, der vom Hohenpriester abgesegnete Hort der Rechtgläubigkeit, hat die Seiten gewechselt. Er ist zum Zeitpunkt seines Briefes an die Korinther ein ebenso überzeugter und eifernder Christ, jetzt ein Hort christlicher Rechtgläubigkeit. Man nennt ihn einen Konvertiten, jemanden, der seine Religion gewechselt hat. Und manchmal sind Konvertiten wie ehemalige Raucher. Sie werden zu den besonders eifrigen Bekämpfern ihres ehemaligen Lagers. Abgestillte Raucher können die heftigsten Kritiker der Noch-Raucher sein.

Darum ist der Schwarz-weiß-Zeichner Paulus ein Extremist, ein Radikaler.

 

Wir haben ihm viel zu verdanken. Weil er den Geschenkcharakter der Liebe Gottes, den Jesus zeitlebens nicht müde wird zu betonen, konsequent herausgearbeitet hat, weil er selbst immer wieder schreibt, dass man diese Liebe nicht erdienen, nicht erkaufen kann. Auch nicht durch fleißiges Einhalten der jüdischen Gebote.

Aber er hat sich auch als Kritiker des jüdischen Glaubens profiliert und die Zwischentöne nicht gesehen und natürlich die Konsequenz nicht sehen können, dass sich der Antisemitismus seiner Judenkritik bedienen wird.

 

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Denn seine scharfe Grenzziehung im Brief an die Korinther wird abgemildert, ja ihr prinzipiell widersprochen durch seinen Ansatz, dass alle Welt Empfänger der guten Nachricht sein soll. Dass nicht nur ehemalige Juden gute Christen werden können, sondern auch die sogenannten Heiden in Rom.

 

Und da haben wir sie doch erst recht, liebe Gemeinde, diese Dynamik, dass aus solchen, die vielen Göttern geopfert haben, die vor allem auch dem Mammon dienten, eben auch Glaubende werden können, dass das Leben im Sinne Jesu gelebt werden will.

Das wäre doch genau die Brücke: der römische Blick auf die Götter, ihr „do ut des“-Denken, also diese Geschäftsbeziehung: ich opfere, damit du meine Wünsche erfüllst, kann sich ändern zu einer Haltung, die nicht nur geschäftstüchtig sondern von Herzen sozial ist. Aus dem Heiden, der in uns allen steckt, kann der hervortreten, der ein erfülltes Leben durch ein Leben für andere führt. Aus den Slogans „Geiz ist geil“, „Amerika first“ und „nimm dir was, so haste was“ können bessere Tugenden und Prinzipien erwachsen, die zu teilen verstehen, die zu kommunizieren verstehen, die tolerant sind und die auch kein Problem mit Bescheidenheit, Genügsamkeit und einer Regionalität haben, die der ganzen Schöpfung weltweit hilft.