Über dem Comer See

 

Impressionen aus dem Rucksack

 

Mai 2018

 

Der Seespiegel ist wie der gläserne Zwischenboden eines Kühlschranks inmitten die Bergwände geklemmt. Dieser See fängt den ersten Blick des Wanderers, sobald dieser ihn vom schmalen Saumpfad heben kann. Wir haben zur Rast auf über 1000m Höhe (Seespiegel 198m) unsere Rucksäcke ins Gras einer Alm geworfen und lassen die Augen schweifen.

Erstarrte olivgrüne Formationen werfen sich auf, häufen sich übereinander. Sie sind so steil, als fielen sie rhythmuslos und wild als Flanken dieses Glasbodens beidseits von oben. Kaskaden ungezähmten Gesteins. In ihrem höchsten Gezack am Horizont das Profil von Dante – rückenliegend, spitzes Kinn, zackige Nase, Lorbeerkranz im Stirnhaar – gibt dem Grat seine Kontur himmelwärts. Aber auch de Gaulle und Julius Caesar haben den Gipfeln ihr Profil geliehen. Darunter dichte Eichen-, Kastanien- und Birkenwälder. Sie bekleiden die massigen Riesen. Auch Linden, Ahorn und Haselnuss sind häufig anzutreffen. Wie Weihnachtsbaumkugeln tupfen die rotschindeligen Weiler Farbklekse ins grün der Bergdreiecke. Das gnädige Baumkleid über dem Fels wird modelliert vom Licht und vom Schatten, je nachdem, wie das gewaltige Gewand hingeworfen scheint. So wandern die Augen auf und nieder, finden keinen Halt als die Fläche dieses Sees.

Vergeblich suchen sie auch über den Seebergen einen Fixpunkt. Über der bewaldeten Landschaft, dicht unter dem Äther nur die erodierten Gipfel aus grauem Granit, sie tragen Diademe aus Schnee und ewigem Eis.

Unten fällt die aufgehäufte Landschaft auch unter dem Wasserspiegel in die Tiefe, doch hat sich in dieser heute der See gestaut. Graugrün eingefärbtes gesandstrahltes Glas, vom steten Wind blind. Nur ein weißes Fährboot zieht in diese makellos geschmirgelte Fläche seine Bugwelle, sie bildet ein langgestrecktes V, also zöge man ein Zirkuszelt an der Spitze immer höher, ein Wellenzwilling wird immer neu geboren und gespalten, der elegant den Bögen des Kurses folgt, sich weitet, sich konkav spreizt. Er glänzt wie ein silberblondes Haar, denn allein diese beiden Strähnen werden im blaugrünen Einerlei vom Sonnenlicht versilbert, eine Intarsie eingearbeiteten Frauenhaars in der Oberfläche eines tiefen unsichtbaren Wasserkeiles, der sich in den Abgrund spitzt und dem Auge nur die obere Schlagseite offenbart. Das Silber mag vom Haar der Loreley stammen, denn die Klüfte von Landschaft und Abgrund erzählen alte Mythen. Geschichten von Römern und Lombarden, von Hirten und unsagbar reich gewordenen Kaufleuten. Die Erzählungen sind so knorrig wie die Baumrümpfe der Kastanien. Die haben Astlöcher, in denen die Eulen hausen, doppelte Stämme unter ein und derselben Rinde, bieten Nisthöhlen groß wie Fuchsbauten und schießen weidengleich aus scheinbar totem Holz mit einem Strahlenkranz von grün.

Lästigen Mücken gleich dagegen sind die Wasserflugzeuge und Hubschrauber, die den See gelegentlich passieren. Obwohl hoch über dem Wasser, den weißen Segeln der Surfer, wirken sie doch insektenklein von hier oben. Die Entfernung unserer Basishütte sind über sechs Kilometer Serpentinen, unbefestigtes Bankett, vignettenpflichtige Wirtschaftsstraße, also menschleerer Abstand. Hoch erhaben und weit abgelegen von den dichteren rotgedeckten Siedlungen am Ufer, die gern die Schwemmlandzonen in den Deltas der erosionsgenährten Gebirgsbäche befallen haben. So wie Dervio uns gegenüber am östlichen Seeufer. Kein menschenverursachtes Geräusch von dort drüben hier oben.

 

Früher zogen Dampfloks die Wagons, und der Dampf aus ihren Schornsteinen gab ihnen den Namen. Solcher Dampf liegt heute, einen Tag später, wie ein riesiger Lindwurm über dem See. Er dehnt sich nicht aus wie der der Lokomotiven, sondern windet seinen langen weißen wolkigen Leib von Süden her auf die Alpen zu. In den Tälern hat er Kinder, die teils noch den waldigen Hängen entsteigen, teils sich in andere Richtungen schlängeln als der Riese über dem See. Der schiebt sich wie ein chinesischer Prozessionsdrache durch den Raum über dem See. Er robbt durch den Luftraum, wellt sich den Alpen entgegen, getragen von abertausenden unsichtbaren schlitzäugigen Stangenträgern.

Unter ihnen ist die Oberfläche des Gewässers beschattet und vom Regenschlag blind.

 

Das ganze ist ein lautloses Schauspiel. Eine Prozession ohne Instrumente. Fast. Vor dem Kontinuum des Baches im Wald, des nahen Wasserfalles, gelegentlich der Kuckuck mit seinem „Fotuu – Fotuu – Fotuu“ – Ruf, in den sich das Messgeläut einer Kirche vom anderen Seeufer webt. Wenn die Rufe verstummen, die Wandlung vollzogen, bleibt nur der Bach mit seinem Lied. Mit dem Cantus firmus des Wasserfalls.

Doch dann kommen die Ziegen und ab und an die Schafe; sie tragen Glocken wie die Kühe in Österreich. Sie durchstreifen den Wald, dessen grün bewachsene Lichtungen, dann verstummt ihr Geläut wieder, denn sie sind weitergezogen durch eine basisalpine Landschaft, in der nächsten Kluft verschwunden, hinter der Biegung im Wald diffundiert.

Wer ihnen folgt, der stößt mitten im Gelände immer wieder auf bruchsteinerne Häuser. Wenige renoviert wie das unsrige. Die Mehrheit Ruinen, verlassene Zeugnisse alter Schäfer- und Käsereien. Die Terrassen um sie herum längst nur noch eine Welle im abschüssigen Waldboden, wo ehemals Vieh weidete jetzt Kastanienwald. Wo die Häuser ihr Dach stolz und windfest aus flachen Granitschindeln trugen heute ein Gerippe letzter bemooster Stämme, die hölzerne Zwischendecke der zweistöckigen Häuser längst eingebrochen und völlig verschwunden. Widerstandfähiger dagegen die Eichentüren, die ohrwedeln vor leeren Türhöhlen oder hängen unbeholfen in schwarzer Erde und Bergen verwehten Kastanienlaubs in ihren geschmiedeten Scharnieren, sperrangelweit offen, denn im Geviert der Mauern gibt es nichts zu verschließen als stachelige Kastanienschalen, Laub, Humus, Liegengelassenes, Entsorgtes, meist nur das eingebrochene Dachgestein. Aussparungen in den Bruchsteinwänden erzählen noch vom Ort des Gebälks der Zwischendecke oder einer Ablage für Werkzeug oder Brot. Eine rechtrechteckige Nische in der Zelle, die die Stube bezeugt, war einstmals mit Rahmen und Holztür versehen und gab den „Schrank“ her, einen Zweiregaltabernakel für den wenigen Besitz, den Leib Brot, der so vor dem Fuchs, kaum aber von den Mäusen gesichert werden konnte. Im Untergeschoss regelmäßig zwei behauene hervorspringende Steine, die als Gesims, als Träger für die Produkte derer dienten, die den Sommer in diesen Behausungen lebten, der Schäfer, Hirten und Käser. Hier lagerten die Käsetorten, hier reiften sie und wurden fermentiert, bevor der Käser die Räder dann talwärts auf einen der Märkte brachte; der arme in der Kiepe, der reichere auf dem Gespann.

Die restaurierten Bauernhütten sind heute Urlaubsdomizil für Touristen, Wochenendhäuser der Italiener im Tal, Ferienheim auch mancher Franzosen, deren Vorfahren den See auf der Suche nach Arbeit verließen und die heute die Spuren ihrer Altvorderen wieder aufgenommen haben. Sie sitzen des Sommers mit ihren Kindern und Enkeln in diesen Bergen, forschen gelegentlich in den Taufarchiven der barocken Kirchen in den Uferstädten, in der übrigen Zeit gehen sie ihren Arbeiten in Marseille und Lyon nach und schreiben am Stammbaum.

Von diesen restaurierten Rustici soll es mehr als 1.200 in den Berglagen rund um den See geben.

 

Zweimal treffen wir auf Schäfer, der eine mit einer Palette Dosenbiers vor seinem dicken Leib beladen schleppt sich hinab zur Hütte. Sein Gesicht erzählt von den Entbehrungen und wie er sich mit Alkohol seine Existenz schöntrinkt. Er riecht aus der Nähe beim Wechseln der freundlichen Worte nicht anders als seine Tiere.

Der andere hat ein Feuer aus Akazien- und Kastanienholz entfacht. Der Rauch zieht durch einen gemauerten Schlot und dann hinaus durch die Steinplatten auf seinem Dach. Würzig riecht der Rauch. Wie dieser Schäfer riecht, können wir nicht sagen, dazu ist die Entfernung zu groß und der Duft des Rauches nach Platanenrinde und Kastanienholz zu papillefüllend.

 

Wir winken unser „Civediamo“ und nehmen den Weg talwärts. Die Sonne erleuchtet die Baumblüten und lässt den See vor dunklen Wäldern lächeln. Phallisch erhebt sich eine Dorfkirche mit mächtigem Läutwerk aus dem Schindelhaufen der Ortschaft. Wie ein zu groß geratenes Uhrwerk einer Armbanduhr, denke ich. Das Dorf mit seiner es überragenden Kirche passt in das Fenster, das zwei alte Eichen zwischen sich offen lassen. Die Wohnhäuser fließen sich duckend über das Land, sind eingebettet in den Saum angrenzender Wälder, in den See hinein dagegen dringt maskulin der Glockenturm, schiebt sich in den Vordergrund, entflammt stolz im Licht der anbrandenden Abendsonne. Wir staunen über den See, seine Gleichmut, seine Geduld. Aus unserer Perspektive wirkt er wie eine ganze Seenlandschaft, taucht hier und da zwischen den Baumgruppen portioniert auf – und bildet den einzig waagrechten Kontrast zum diagonalen Einerlei der Urwälder, der Berghänge, der V-Täler über den wilden Bächen. Dieser See, der wie Schöpfung im Chaos wirkt, wie der Kontrapunkt in einer unzähmbaren Melodie, wie ein trittfester Balkon in der Steilwand. Dieser See eben, einer Glasplatte gleich eingeschoben in eine wilde Wandwelt aus wüster Urzeit, ist unser Ziel, seiner Einladung sind wir gefolgt.

Im Felsgestein des Ufers, auf seinem Kiesstrand auch noch ein paar waagrechte Streifen. Wie die Rückstandsränder in einer weißen Porzellantasse, aus der der Kaffee nicht in einem Zug sondern über eine Stunde verteilt nur gelegentlich genippt wird, so zeugen am Ufer des Sees die Linien am Gestein von unterschiedlichen Wasserständen.

 

Apropos Café. Wir freuen uns auf den italienischen Café in der Bar neben der Kirche im Tal und nehmen die Rücksäcke wieder auf.

Vaters 90.

Neunzigster von Opa

St. Goar, 05.04.2015

Nach neunzig Einheiten in die Verlängerung

 

Die Elbe seit der Eiszeit fließt
vorbei an Hamburg und Neufeld,
sich dort am Deich ins Meer ergießt,
wo einst das Stammhaus hingestellt.
Gegen Orkan und Sturmesflut
beruhigt nen Jens sein Salz im Blut.

Der Großvater verschiffte Torf
elbauf, elbab in seinem Ewer,
sein Sohn, der zog nach Eppendorf,
er blieb an Land, denn er war clever;
und machte Geld im Bankenwesen,
sien Fru, die Anna, lehrte Lesen.

 

Die Republik von Weimar schwankt,
der Kanzler ahnt es mit Gestöhne:
ist an Inflation erkrankt!

Doch Opa Thetsche wiegt zwei Söhne.
Eilt heim nach Dienst vom Bankenschalter,
küsst erst den Günter, dann den Walter.

Ein wenig größer sind die beiden,
als Günter hält sich Agamemnon,
der Ratte Haar lässt Walter leiden,
früh zeiget sich das Asthma schon.
Bio, Mathe und Physik
sind dagegen Günters Glück.

Krieg geht aus vom Deutschen Reich,
die Uniform macht alle gleich.

Auch Günter trägt den grauen Zwirn
des Grenadiers – er tuts nicht gern.

Das Abi hat – doch sehr vermisst er
der Jugend Freiraum im Tornister;
und selbst der Vers wird jetzt zum Knittel:
das passt zu Gleichschritts grauem Kittel.

An der Front Granatbeschuss
Günter trifft es, das ist bitter,
doch noch vor dem Friedensschluss
ist das Lazarett sein Retter.

Hinter russschem Stacheldraht
durch die Diagnose „Ruhr“
er erhält die Heimatfahrt
an Kilo wiegt er 40 nur.

Nächte noch als Obstbaumwächter,
dann die Uni hoch in Kiel.

Er studiert die Fischgeschlechter
und der Heringszüge Ziel.

Karlsruhe bringt erstes Geld
und der Klapperstorch jetzt schellt.

Mit Constanze, seiner Gattin,
legt er erst den blonden Matthes,
den noch hellren filius Pit hin:
ja, der junge Doktor hat es
wozu das Glück den Mann verpflichtet:

Baum gepflanzt und Haus errichtet.

In Confluentia bei der Römerbrück
liegt sein erster Dienstbezirk.

Freitags geht es noch nach Trier,
Feierabend ist nie vier,
Fischbesatz und Stauwehrstufen

Gifteinleitung sonntags (!) rufen.

Im Urlaub lockt nicht ferner Schnee,
sommers geht’s zum Weissensee!

Früher wars auch Timmendorf,
im Alten Land riecht es nach Torf.

Ist´s allzuweit, brummt er mit Grausen:
„Am schönsten ist´s in Udenhausen!“

Hausmusik und Traktorfahren,
so meint Günter mit den Jahren,
schenke Glück, Zufriedenheit
die wahre Lust hinieden heut
schenkt – Ihr wisst´s seit Jahren schon,
die Erde-Mond-Konstellation,
sie gibt den Fischen Wegsignale
allen voran dem Wanderaale.

Man sagt, das Leben gleich dem Fußball sei:

Mit 90 sei das Spiel vorbei …

Doch Löw, der Bundestrainer, spricht:
Ein solches Match, das endet nicht,
wenn es zuvor nicht abgepfiffen …

Das haben jüngst erst wir begriffen!

Oft gegen Ende fangen dann
die spannendsten Momente an;
wenn nämlich in der Nachspielzeit

Frau Ursula macht sich bereit,
Euch beiden gibt es neuen Schwung:
jetzt geht’s in die Verlängerung …