Gleich zu gleich – oder Unterschiede ziehen sich an

Trauansprache über 1. Joh 3, 18

Lasst uns nicht lieben mit Worten und mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit

für

Tine und Roman

Wuppertal-Cronenberg, 22. Juni 2019

Zur Auslegung des Trauspruchs darf ich erst einmal Atemholen. Denn es ist ein Partnerschaftsspruch, der auch gut ein ganzes Lebensmotto abgäbe! Nicht in süßen zu säuseln oder in wichtigtuerischen Worten zu schwadronieren, gar falsche Versprechen abzugeben, sondern im ganzen eigenen Verhalten glaubwürdig aufzutreten, eben Taten sprechen zu lassen, die für die Einstellung sprechen. Ein konsequentes Verhalten mit ethischem Fundament – soetwas nennen wir wahrhaftig.

Mit der Entscheidung für diesen Trauspruch im Gepäck kamt Ihr schon zum Vorbereitungsgespräch. Ihr wart Euch einig. Ein starker Aufschlag sozusagen.

Denn sagt der Volksmund nicht „Liebe macht blind“? Liebe Gemeinde, so wahr der Volksmund sonst spricht, so hilfreich es seit Martin Luther ist, dem Volk aufs Maul zu schauen, so klärend und abkürzend es sein kann, mit Volksmundwendungen zu sprechen – hier irrt er!

Liebe macht nicht blind. Verliebtsein macht blind. Es sieht nicht den anderen. Es sieht sich selbst. Fiebert seinen ErgänzmichDu entgegen. Und heißt es nicht, der Verliebte sehe alles durch eine rosarote Brille, also nicht wirklichkeitsgemäß?

Liebe dagegen macht sehend. Sie sieht den anderen so, wie er ist. Sie sieht ihn mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Du, Tine, siehst Roman und schätzt ihn richtig ein, wenn Du meinst, er sei ein Planer, jemand, der gern Entwürfe von seinem Leben, den nächsten Schritten macht, und der sich bevorzugt in ihnen einrichtet. Das gibt ihm Sicherheit. Die Wirklichkeit lieber erst einmal programmatisch skizzieren statt kopflos in unüberschaubare Abenteuer zu stürzen. Er verharrt und schätzt die ruhige Betrachtung. Ein typischer Aquarianer. Als Konstrukteur gelingt es ihm, mögliche Wirklichkeit aufs Papier zu bringen. Die skizzierte Möglichkeit erfüllt ihn und genügt ihm. Aufbruch in andere Welten ist eher nicht seins. Er ist in seinen vertrauten Radien zielstrebig und ein vorbildlicher Arbeiter.

Für ihn ist dieser Trauspruch wie maßgeschneidert und gleichzeitig wie ein Motto.

Du, Roman, siehst Tine und schätzt sie ebenfalls richtig ein, wenn Du ihre Neugier, Experimentierfreudigkeit, ihre Ungeduld auch und ihre plötzliche Eruptivität siehst. Sie kann launisch sein und auf jeden Fall spontan. Sie geht bei weitem nicht so planvoll und vorausschauend mit Geld um wie Du. Ihre Wohnungseinrichtung wird ihr nach kurzer Zeit schon wieder langweilig und sie beginnt alles umzuräumen. Möglichkeiten, Varianten fordern sie heraus. Also keinesfalls ein ruhiger Angler oder Aquarianer. Sie muss in Bewegung sein, im Aufbruch. Jeden Tag ein neues Ziel, das wäre ihr gerade recht. Aufbruch in andere Welten liebt sie.

Australien ist gerade weit genug gewesen als sie sich 2012 auf den Weg begab. Sie zieht große Kreise und bewegt sich leidenschaftlich in ihnen. Für sie ist der Trauspruch eine Landkarte. Er markiert ein Ziel und führt auf die bewegte Wanderung hin zur Wahrhaftigkeit.

Liebe macht sehend! Ihr seht einander jeweils so, wie Ihr seid.

Dabei seid Ihr so unterschiedlich. Jeder ganz anders. Hier könnte nun der Volksmund recht haben, wenn wir ihn zitieren: Gegensätze ziehen sich an.

Der Philosoph Platon nennt ein Unternehmen wie Eures kalos ho kindünos, eine schöne Herausforderung. Dazu lässt er seinen Lehrer Sokrates einen wunderbaren Mythos erzählen, dem vom Kugelmenschen. In Urzeiten sei der Mensch androgyn gewesen, hätte beide Geschlechter in sich vereint; und sei darum glücklich und ausgeglichen gewesen. Habe in sich geruht. So sehr, dass er es nicht für nötig hielt, die Götter um etwas zu bitten und ihnen vor allem deswegen auch nicht opferte. Diese, darüber erzürnte, hätten diesen Kugelmenschen zerschlagen, mit einem Hieb in zwei Hälften getrennt, eine weibliche und eine männliche. Seither suche der Mensch seine andere Hälfte, bliebe von der Sehnsucht nach dem anderen getrieben und strebe nach Vereinigung.

Und tatsächlich: Ihr ergänzt Euch. Du, Roman, bist Tines Ruhepol, Du erdest sie. Du, Tine, belebst Roman, lockst ihn hinaus in die Welt, so wie er Dir umgekehrt Heimat gibt.

„Aus dem Häuschen sein“, das kann er mit Deiner Hilfe, wie gut, dass Du so mitreißend bist.

Du hast seine Zielstrebigkeit als weiterführend erfahren. Seine Methodik als vorbildlich erkannt und in den Zeiten des Referendariats für Dich selbst übernommen.

Ihr beiden ergänzt Euch nicht nur vorteilhaft – im Wort steckt noch einmal wunderbar der Gedanke des platonischen Mythos „ein Ganzer werden“ drin. Vor allem habt Ihr dieselbe Sprache. Ohne diese nämlich kein Verstehen. Ohne sie kein Verständnis füreinander. Mit ihr schwimmt Ihr wie Romans Fische im selben Medium: dem Sport. Genau gesagt der Handballleidenschaft.

Nicht zufällig seid Ihr Euch in einem ähnlichen Umfeld 2012, beim Beachvolleyball nämlich zum ersten mal begegnet.

Kameradschaft (!) könnte das rechte Verständnis dafür öffnen, was es mit der „Wahrhaftigkeit“ in Eurem Trauspruch auf sich hat. Die Tugenden der Kameradschaft wollen buchstabieren, warum es in gelingendem Miteinander geht. Wollen Euer Beziehungsmantra sein und bleiben.

Denn Kameradschaft mußt auf dem unzeitgleichen Ausgleichen. 

Damit ist gemeint, dass mal der eine die Nase vorne hat, mal der andere mit einem Trainigsvorsprung zum Zugpferd wird. Mal der einen den anderen aufbaut, dann wieder der andere den einen trägt – oder einfach auch erträgt.

Mal heißt es bei Euch „los jetzt!“ und Du ziehst ihn aus dem Haus. Mal lädst Du sie in eheliche Häuslichkeit.

Nun könnten Sie alle fragen: gibt es denn kein Rezept, keine Faustformel für den Bestand einer Ehe? Kann man denn keine Überschrift setzen über all das mögliche Hin und Her. Da ist doch noch zu viel offen. So eine Universalformel, die man in fraglichen Stunden beschwört …

(Seiltrick)

1. Ist es die Schnittmenge der Hobbies, der Interessen, der Ähnlichkeiten?

2. Oder sind es die Unterschiede, die sich ergänzen und mit denen beide einander aufhelfen?

3. Oder ist es eben genau diese Wahrhaftigkeit, dass nämlich die Taten und die Worte nicht auseinanderfallen?

1. Also die Gemeinsamkeiten und das Verstehen.

2. Oder das gegenseitige Ergänzen.

3. Oder die Liebe, die immer ganz konkret gelebt werden will …

(Seiltrick wird aufgelöst)

Alle drei sind gleich wichtig! Ehe ist keine Hexerei. Amen.

Robert und Julia – Reisen und lieben

Trauansprache für Robert Giesser und Julia Müller

gehalten am 08. September 2018 in Wanfried

über 1. Kor 13, 4-8a

 

 

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, so sagt der Volksmund. Wie wahr, denn auf Reisen lernen wir uns selbst sehr viel besser kennen. Aber auf Reisen mit Partnern lernen wir einander sehr viel besser kennen.

So habt Ihr es erlebt, als Ihr zusammen auf Eure große „Weltreise“, sage ich mal, gegangen seid.

Ihr habt ein Experiment am lebenden Objekt gleichsam gestartet, denn Ihr kanntet Euch damals zwar schon, habt parallel in Gießen studiert, doch erst im Auslandssemester in Exceter / England seid Ihr Euch näher gekommen, aber mit jener all Euren Freunden bekannten Phasenverschiebung, dieser Ungleichzeitigkeit, die wie Geröll auf dem Weg zueinander lag.

Darum habt Ihr Euch ins Flugzeug gesetzt und Euch gleichsam darüber hinweg gesetzt. Ein Experiment. Das in Liebe endete.

 

Nun sagt der Volksmund aber auch: Liebe mache blind. So gut es ist, auf die Erfahrungen solcher Wahrheiten zu horchen. Hier irrt der Volksmund. Liebe macht nicht blind.

Verliebtsein macht blind. Denn der Verliebte fiebert seinem Ergänzmich-Du entgegen. Er sieht nicht klar, er sieht durch eine rosarote Brille.

Liebe dagegen macht sehend. Sie sieht den anderen so wie er ist. Mit seinen Licht- und Schattenseiten.

 

Du, Julia, siehst, dass Robert ein tiefenentspannter Mensch ist. Jemand, um beim Beispielbild des Traugespräches zu bleiben, sich am Abend auf den Strand fallen lassen kann und den Sonnenuntergang vom ersten zarten orange bis zum sternenbestückten Nachthimmel gelassen in sich aufnimmt. Er braucht dazu keine Kamera, nur seine Augen und sein Herz.

Du spürst, dass diese Gelassenheit Dir gut tut.

Gleichzeitig siehst Du auch den Schatten, den das Licht seiner Tugend wirft, dass seine Entspanntheit nach Deinen Maßstäben schon an Trägheit grenzt. Dass er die Dinge immer auf sich zukommen lässt.

Hier liegt Potential für Eure Entwicklung am jeweils anderen. Achtet darauf, dass aber die Persönlichkeit des anderen nicht zu verändern ist. Sonst wird ein Streit nicht fruchtbar, sondern sinnlos wie eine hohl gedrehte Schraube.

 

Du, Robert, erkennst sehenden Auges, dass Julia eine energiereiche Frau ist, voller Pläne, stets mit einer Initiative im Hinterkopf. Das macht sie zum Macher; aber auch zu einem unruhigen erwartungsvollen Geist. Sie hat nämlich immer schon präzise Vorstellungen von einer Sache. Sie strukturiert gern und lebt auf der Überholspur.

Sie schießt in der Zeit, in der Du die Abendsonne genießt 100 Bilder vom selben Phänomen. So will sie ihrer Begeisterung Bestand verleihen.

Auch das ist ein Experiment. Denn erst die Bilderabende werden erweisen, ob Ihr mehr der Leinwand oder den Impressionen Eurer Herzen glaubt.

 

Ihr seid, um ein abschließendes drittes mal auf den Volksmund zu hören: die Gegensätze, die sich anziehen.

In dieser Konstellation erinnert Ihr mich an den Mythos des Philosophen Platon über die Entstehung der beiden Geschlechter. Ursprünglich habe es nur ein Geschlecht beim Menschen gegeben. Den androgynen Kugelmenschen, der alles beides in einem war. Doch, so erzählt der Mythos, den Göttern missfiel die Selbstgenügsamkeit dieses Menschen. Und so hieben sie ihn entzwei. Seither suche der Mensch seine Ergänzung: der Mann die Frau und die Frau den Mann. So sei die Sehnsucht in die Welt gekommen, erzählt Platon.

 

Ihr teilt aber auch viele Gemeinsamkeiten. Ihr seid Genießer und esst gern. Auf eben dieser Weltreise habt Ihr Euch gegenseitig ermutigt, mal dies, mal jenes auszuprobieren. So weitet man seine Horizonte: mit dem Mut zur Grenzüberschreitung.

Und da haben wir wieder die beiden Menschen. Mal sei es der eine, mal der anderen, der den jeweils anderen neugierig macht, der ihn oder sie ermutigt, eine solche bisherige Grenze anzugehen und zu überwinden.

Auch dazu könnt Ihr bereits Geschichten erzählen.

 

Ihr habt Euch also im übertragenen Sinne bereits auf die Reise begeben. Verfügt bereits über einen Fundus gemeinsamer Erfahrungen. Und im Grunde liegt darin die Ursache für den heutigen Tag.

Ihr wisst, wer der andere ist, kennt Licht und Schatten, sagt „JA“ zu beiden Seiten. Das ist die Liebe, wie Paulus sie beschreibt.

 

In der Übersetzung, die ich sehr weiterführend finde („Gottesdienst menschlich“, Karl Barth u.a. S. 65 lautet dieser Text so:

Man kann sich auf jeder Sprache verstehen – ohne Liebe bleibt es leeres Getön. Mann kann die Verhältnisse durchschauen, kann die Folgen absehen, kann sehr fromm sein – ohne Liebe nützt das nichts. Man kann hergeben was man hat, zuletzt sich selbst – ohne Liebe wird dadurch nichts besser.

Liebe ist ausdauernd und gütig, sie ist nicht eifersüchtig und macht nicht große Worte. Liebe stellt sich nicht schamlos zur Schau. Liebe will nicht auf ihre Kosten kommen, sie fragt nicht: was hab´ich davon? Liebe lässt sich nicht zu Zank verleiten. Sie trägt nicht nach. Sie bedauert Unrecht und freut sich an der Wahrheit. Liebe kann ertragen; sie hat immer noch Vertrauen, hat immer noch Hoffnung, hat immer noch Geduld.

Diese Liebe kennt kein Ende. Alle Weisheit kann am Ende sein, alles Schwärmen, alle Kunst. Diese Liebe kennt kein Ende.“

 

Fragen wir also ganz praktisch: Was gibt einer Beziehung die beste Chance?

 

  • Miteinander unterwegs zu sein. Sein Gegenüber gut zu kennen und einschätzen zu können. Ja zu seinen Licht- und Schattenseiten zu sagen?
  • Oder ist es wichtiger, sich selbst zu kennen. Sich zurücknehmen zu können. Durch die Kraft der Vergebung Neuanfänge zu schenken und auf den anderen zuzugehen?
  • Oder trägt zum Gelingen einer Ehe am besten bei, wer auch mal in sich geht, manche nennen das Beten, wer Platz für den Dritten im Boot der Ehe lässt und seinem Segen zu vertrauen?

 

Nun, Ehe ist keine Zauberei … alles drei ist gleich wichtig! Amen

Liebe auf das erste Wort

Trauansprache für Dörthe Ernst und Niklas Alexander Stein

am 15. 07. 2017 in der Konstantinbasilika zu Trier

über Hebr. 10, 24

 

„… und lasset uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken“

 

Ja, gibt es denn das, liebe Festgemeinde: Liebe auf das erste Wort?

In einer Bildergesellschaft soll das Wort lebensentscheidend und bestimmend sein und nicht der Blick? Und das zwischen Menschen, die der Altmeister Goethe schon als Augenwesen definiert hat und in einer Welt, die sich inzwischen trotz aller Multimedialität zu einer dominanten Bilderwelt gemausert hat?

Für Dörthe und Niklas und aus diesem Grund für uns alle heute ist das Hören auf die Worte des anderen bestimmend geworden. Wir Gäste und begleitenden Freunde hoffen und hören auf ein Ja, für Euch beide liegt dies in der Evidenz Eures bisherigen Hörens aufeinander. Das begonnen hat auf dem Liederwettbewerb 2014, genau genommen mit der Wortwahl von Niklas bei seiner Vorstellung Dir gegenüber. Die hat Dich ihn entdecken lassen.

 

Aufhorchen, ganz Ohr sein!, das kennen wir.

 

Ein aufmerksam Werden, das aus der visuellen Blindheit befreit. Denn die leidige Regentschaft des Sehens in unserer Gesellschaft wird einmal mehr betont durch das Wort des Volksmundes, dass Liebe blind mache.

Hier irrt der Volksmund allerdings. Verliebtsein macht blind. Der Verliebte sieht gleichsam durch eine rosarote Brille, er sieht vor allem sich selbst und im Anderen sein Ergänzmich-Du. Dem fiebert der Verliebte entgegen. Liebe dagegen macht sehend. Der Liebende sieht den anderen wie er ist:

Du, Dörthe, siehst Niklas Freude an der Lyrik der Natur; und lässt Dich Deinerseits durch ihn anregen. Du, Niklas, schätzt Dörthes Bewegungsdrang hinaus in diese Natur; und nimmst Deinerseits die Herausforderung an, für Ziele dieses Stromerns und Endeckens zuständig sein zu wollen. Ihr habt die Definition gefunden: Dörthe ist fürs Unterwegssein und Niklas fürs Ankommen zuständig.

Für Dich, Dörthe, muss ein Garten Blumen hervorbringen, für Dich, Niklas, müssen in ihm zwei Bäume stehen, stark genug, eine Hängematte tragen zu können. Das schließt sich keinesfalls aus, und es wird die Kunst der nächsten Jahre sei, einen solchen Beziehungsgarten zu pflanzen, der eben bunt und nützlich zugleich ist. Das ist mit diesem gegenseitigen „Anspornen“, „Anregen“ Eures Trauspruchs gemeint.

Ergänzen in diesem Sinne wollen sich weiterhin auch Eure Neigungen zum Tanzen. Der eine bringt die Leidenschaft für Standard- , der andere die für lateinamerikanische Tänze mit. Beides wiederum gibt nur eine gute Figur ab, wenn Ihr die Aufforderung Pauli ernst nehmt, der sagt „lasst uns aufeinander achthaben“. Die Sensibilität für den anderen, der Wechsel von Führen und sich führen Lassen sind nun ein Bild für den wortlosen Ge-horsam im besten Sinne. Da steckt hören drin, hören können. Das ist der Sensus für das, was der andere zu sagen hat. Und das kann auch – um im Bilde zu bleiben – die Idee einer Figur beim Tanzen sein. Euer wortloses sich Verstehen beim Gesellschaftstanz verrät, dass es sich nicht nur um das gesprochene Wort handelt, sondern um den Geist, der hier Verbindung und Verstehen schafft. Der in Bewegung bringt und Euch miteinander fare una bella figura, eine gute Figur abgeben lässt.

 

In Eurer jungen Beziehung habt Ihr gleich die Probe aufs Exempel gemacht und eine ausgedehnte Reise durch Südamerika unternommen. Ziele zu finden und mit Ausdauer zu erreichen, das kann ebenso eine gelungene Metapher für Ehe sein. Weil sie wie ein Weg ist.

Das Unterwegssein selbst ist dabei das Ziel. Die Qualität dieses miteinander Strecke Machens. Das Seite-an-Seite-Stehen.

Und die Erkenntnisse über die Gaben und Bedürfnisse des anderen können dabei zielführend sein. Wieder bildlich zu verstehen, dass Niklas die Pausen und Aufenthalte neben dem Ziel wichtig sind, Dörthe dagegen der Fortschritt und die Bewegung. Der eine ein beschaulicher aber nicht minder akkurater Planer, die andere von möglicher Entwicklung und dem ahnungsvoll nächsten Eindruck angetrieben.

 

Es wird zu mitteln sein, was Euch beide bewegt und ausmacht. Und dazu bedarf es der Worte. Es bedarf der Erklärungen, mit denen Ihr Euch dem Du aufschließt. Und es bedarf immer wieder der Ohren, die diese Worte auch aufzunehmen bereit sind.

Und da haben wir sie wieder, die Liebe, die aus dem Wort geboren wird und auch den Ge-Horsam im wahren Wortsinn umfassen muss.

 

Aber noch etwas gibt Euch Euer Trauspruch mit auf den Weg. Er nennt es die „Liebe zu guten Werken“. Das übersteigt den einzelnen von Euch und auch Eure Zweisamkeit und öffnet den Blick dafür, dass wir durch den Einsatz für andere uns selbst geschenkt bekommen. Wohltuend befreit dieses Engagement von der Verengung auf sich. Wir bekommen nur, was wir verschenken, sagt eine Weisheit.

Diese Empfänger Eurer Aufmerksamkeit und Zuwendung sind andere, dritte, jenseits von Euch beiden. Ihr könnt verbunden sein im Anstreben dieser guten Werke. Das beginnt bei der Pflege der Freundschaften, geht über die Schnittmenge Eurer Hobbies und reicht zum Engagement der Nächstenliebe.

 

Nach all diesen schönen Wahrheiten als empfohlener Grundlage einer Beziehung spitzt sich meine Rede auf die entscheidende Frage zu,

was also ist das wichtigste für das Gelingen einer Ehe?

 

Die rechte Selbsterkenntnis?

Die Pflege der Zweisamkeit?

Die Selbstlosigkeit anderen gegenüber?

 

– Also das Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen.

– Die Pflege gemeinsamer Interessen, die Pfadfinder und das Tanzen.

– Oder die Gabe, Ziele außerhalb zu haben, um sich selbst so erst zu finden.

 

(untermalt durch den Zaubertrick mit drei ungleichlangen Seilen)

 

Sehen Sie, Ehe ist keine Zauberei; alle drei Ansätze sind gleich wichtig!

Amen

Liebe macht nicht blind

Trauansprache über 1. Joh 3, 18

für Joachim von Schubert und Elisa, geb. von Randow

 

Liebe macht blind.

So sagt der Volksmund.

Und so gut es ist, auf den Volksmund zu hören, wenn es um die Erkenntnis allgemeiner Wahrheiten und Richtigkeiten geht – hier irrt der Volksmund.

 

Verliebtsein macht blind. Der Verliebte fiebert seinem Ergänzmichdu entgegen. Er sieht die Welt durch eine rosarote Brille. Er ist alles andere als Realist.

 

Liebe dagegen macht sehend! Sie sieht den anderen so wie er ist. Sie sieht ihn mit seinen Licht- und Schattenseiten.

 

In den vergangenen sieben Jahren habt ihr beide die Nuancen der Persönlichkeit eures Gegenübers ausgeleuchtet. Ihr wisst genau, wen ihr neben euch habt. Ihr kennt auch die Unterschiede. Und ich meine nicht damit, dass heute hier der Hipphopphörer auf die Indirockliebhaberin trifft;

auch nicht, dass dass heute der Bücherwurm „ja“ zum Zeitungsleser sagt.

 

Ich meine eure Gaben in ihrer unterschiedlichen Verteilung. An Joachim den ich länger kenne, konnte ich beobachten, wie gut ihm deine Liebe tut, wie er sich mehr und mehr gefunden hat und durch deine Nähe zu sich gefunden hat!

Elisa, dir ist es eigen in gewinnender Art auf andere zuzugehen und sie aufzuschließen!

 

Du, Jocki, bist konfliktfähiger und bleibst auch unter kritischen Anfragen immer du selbst.

Du erschließt dir die Welt gerne auch mal experimentell,

während es für dich, Elisa, wichtig ist, präsentable Ergebnisse in aller Stille vorzubereiten, reifen zu lassen und dann erst damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Andererseits kennen wir als jemanden, dessen Mund überfließt, wes das Herz voll ist.

 

Wir anderen sehen an jedem von euch, wie vielschichtig ein Mensch sein kann. Und ihr beiden habt euch für ein Gegenüber an eurer Seite entschieden, das ihr bitte nicht zur Kompensation eigener vermeintlicher Schwächen nutzt,

sondern ihr wollt lernen und selbst wachsen an den Gaben des anderen.

 

Und umgekehrt: Euer Gegenüber soll wachsen dürfen:

 

Gibt es denn eine schönere Aufgabe der Liebe, als die Entwicklung des geliebten Du zu befördern?!

 

Wir Beziehungserfahrenen wissen, dass es auf dieser idealen Straße nicht schnurstracks durchs Ziel geht, sondern dass eine Wegstrecke mit Steigungen und auf mit Gefälle auf euch wartet.

Elisa, die gute Beifahrerin auf physischen Straßen steuert Beziehung elementar richtig mit ihrer Gabe, verzeihen zu können.

Jocki, nicht selbst am Steuer, ist als Beifahrer kritisch und muss ich häufig selbst den Mund verbieten; doch als Beziehungssteuermann bist du reichlich begabt mit der nötigen Intuition.

Bei euch beiden ist die Wahrnehmung für den anderen gut ausgeprägt.

 

Das mag eine Folge eures beiderseitigen Eingebundenseins in eine geschwisterreiche Familie sein.

Der Gemeingeist, den wir eingangs als Pfingstgeist lobten, ist euch beiden gegeben.

 

Die Systematische Theologie nennt ihn die „dritte Person“ Gottes. Gott – den euer Trauspruch mit der Liebe gleichsetzt – ist offensichtlich eine gesellige Gottheit. Wenn Vater, Sohn und Geist in ihm versammelt sind, dann wollen wir erkennen und festhalten: Gott ist Beziehung selbst!

 

Und wenn Gott wesentlich Beziehung ist, dann bedeutet das weiterhin, dass er eher nicht ist, sondern dass er wohl eher geschieht!

Gott geschieht zwischen Menschen. Hier will er sich ereignen. In dem, was Menschen zueinander sagen, wie sie zueinander stehen, was zwischen ihnen geschieht.

 

Darum gilt es noch jene biblische Geschichte einzuflechten und gleichzeitig zu erhellen: nicht ein Mensch ist Ebenbild Gottes, wie viele irrtümlich glauben, sondern der Mensch „als Mann und als Frau“. Beziehungsgeschehen zwischen den beiden eben. Von Zärtlichkeit bis Ermutigung, Förderung in all seinem Reichtum lässt zwei Menschen Gott nahe sein. So verwirklicht er sich in euch.

 

Darum (!) „bleibt jemand in Gott und Gott in ihm“. Weil das Dialogische von Beziehung, der Beziehung gestaltende Dialog und die Bezogenheit von Liebe

vom Wesen Gottes sind.

 

„Gott ist Liebe“ ist also eine (fragwürdige) statische Beschreibung eines dynamischen Geschehens.

 

Und am liebsten erfindet Gott sich in Liebenden.

 

Wenn ihr nun euer „ja“ zueinander, eure Ehe, mehr als einen Tanz denn als ein festes Haus, mehr als einen Reigen mit mal mehr mal weniger Nähe denn als eine Sitzbank mit zwei Plätzen nebeneinander versteht,

dann fragt ihr in Zukunft ab und an,

was denn wohl am günstigsten zum Gelingen und zum Erhalt der Ehe beitrage:

 

  • ist es die Großzügigkeit, die vergeben kann?
  • oder ist es der mitgegebene Familiensinn?
  • oder der ehrliche Austausch?

 

Vergebung, die immer neue Anfänge schenkt.

Familiensinn, der auch die Partner unabdingbar integriert.

oder ist am wichtigsten der ehrliche, nie endende Dialog?

 

Nun Ehe ist keine Zauberei: alle drei Anteile sind gleichwichtig!

Amen.

Gott erfindet sich selbst

Trauansprache über Hld. 3, 4
für
Claudia Gerhard und Lars Jansen
17. Juli 2010, Grünhaus

Da fand ich, den meine Seele liebt

Märchen sind voll von Hinweisen auf Bestimmungen und voller Erzählungen über Bewährung, Bewahrung und Erfüllung. Vor allem erzählen sie vom Finden.
Hans findet sein Glück; Hänsel und Gretel den Weg aus dem Hexenwald und der tapfere Bauernsohn den Weg ins Herz der Königstochter.

Da fand ich, den meine Seele liebt.

Das ist, auf den Begriff gebracht, der verdichtetste Satz über solch eine in Erfüllung gegangene Bestimmung. Nur stammt die Aussage nicht aus Grimms Märchen sondern der Bibel. Dem Buch aus dieser Bibliothek, das vom märchenhaften Glück erfüllter Liebe fabuliert. Von Kirschaugen und 1000 und einer Nacht, von Frauenbrüsten, die mit Rehwildzwillingen verglichen werden, so dass es den Konfirmanden die Schamröte ins Gesicht treibt.
Und dieses Hohelied der Liebe dichtet vom Mut zueinander. Von der Dankbarkeit, jemanden gefunden zu haben, dem ich mich zumuten darf. Der Mut zu mir hat, so dass ich Vertrauen habe.

In diesem Paradiesgärtlein ist auch der Trauspruch von Euch beiden gewachsen. Denn tatsächlich: die Ehe birgt das größte Risiko – gelingt sie, so schenkt sie aber die reichste Erfüllung.

Eure Aussage im Traugespräch, dass es schön und überraschend zugleich war, wie unspektakulär das Zusammenziehen nach elf Jahren über die Bühne ging, ist hier ein erster Hinweis.

Denn angeblich führt in die Ehe die Liebe mit traumwandlerischer Fähigkeit. Mutet ihr Geleit nicht wie eine Blindenführung an?
Denn der Volksmund sagt doch, dass Liebe blind mache. Blind für die Risiken einer Beziehung und blind für die Schwächen des anderen.
Doch sosehr der Volksmund ansonsten den Nagel auf den Kopf trifft – hier irrt er.
Verliebtsein macht blind – das stimmt. Der Verliebte fiebert seinem Ergänzmichdu entgegen. Er überschaut gar nicht das Potential einer Zweierbeziehung. Er sieht durch eine rosarote Brille und er sieht, den anderen vergötternd, nur sich. Er verliert den Boden unter den Füßen, auf dem beide gleich gut gehen können.
Liebe dagegen macht sehend. Eminent sehend sogar: sie sieht den anderen, wie er ist. Mit seinen Licht- und Schattenseiten; und sie spricht ihr „ja“ zu beiden von ihnen.

Du, Claudia, bewunderst an Lars sein enzyklopädisches Wissen; und Du, Lars, an Claudia ihr hohes Maß an Gelassenheit und Selbstdisziplin.
Aber Du, Claudia, bangst auch angesichts seiner Gespräche über Gott und die Welt, dass er sich verlieren könnte; und Du, Lars, beklagst Eure unterschiedlichen Vorstellungen von Ordnung und weißt, dass ein Übermaß an Selbstkontrolle auch die Lebensfreude und Spontanität unterdrücken kann.

Und genau in dieser Spannung von angeblichen Licht- und Schattenseiten kann fruchtbar das wachsen, was Beziehung gelingen, Ehe stark werden und Liebe immer wieder neu finden lässt: der Dialog.

Er ist der Boden, und sei das Gelände noch so unwegsam, auf dem beide gleich gut gehen können.

Über der Ehe liegt Gottes Segen aus einem Grund besonders. Er hat Mann und Frau nach seinem Bilde geschaffen. Und das heißt nun nicht, dass er irgendwie so aussähe wie ein weißbärtiger Mann oder so wäre, wie in jenem Witz: she is black! Sondern Gott ist in dem nah, was zwischen Mann und Frau geschieht. Wo Mann und Frau sich begegnen, da will Gott sich ereignen. Und zwar in allem, was zwischen Mann und Frau passieren kann. Da mögen die Konfirmanden nun rot werden oder nicht. Gerade zwischen Liebenden erfindet er sich am liebsten immer wieder neu. Dialog der Eheleute und überhaupt Dialog zweier Unterschiedener ist Prozess, schafft Zukunft.
Ein einziges mal hat Gott sich in der Bibel selbst beschrieben. Dem Mose gegenüber hat er gesagt: Ich bin der, der sich im Werden offenbart. „Ich bin, der ich sein werde!“
Dialog schafft ihm Zukunft. Er schafft sie durch Krise und Auseinandersetzung hindurch, er schafft sie über sich Einlassen, Wachstum und gewonnene Einigkeit. In diesem Prozess blitzt noch einmal von seiner Zielrichtung auf, warum ehelicher Dialog etwas mit Gott und Gott so viel mit Ehe zu tun hat, weil er die gewonnene, weil er die Einheit selbst ist.

Da fand ich, den meine Seele liebt.

Seelenverwandtschaft hat nichts mit Ordnungsvorstellungen zu tun, mit Frühaufstehern oder Langschläfern, nicht viel damit, welche oder wie viele Bücher jemand liest. Den mit derselben Wellenlänge gefunden zu haben steht über dem Weltlichen. Unspektakulär und unaufgeregt ist der Zusammenzug zweier Seelenverwandter.
Darum war Eure Beschreibung des Zusammenzugs ein Hinweis: weil eine Beziehung fließen muss. Der Alltag darf selbstverständlich, das Besondere aber muss besonders sein. Das Du muss das Besondere bleiben. Dann bleibt der Dialog wichtig, witzig, weiterführend und lebendig.

Ein Bild dafür mögen Eure Reiseziele sein. Wie Ihr Eure Urlaubsgestaltung als Folie für Euer Seelenzusammenspiel entdeckt habt. Ob Kauz oder Kontenance spielt dann keine Rolle. Kultur interessiert beide.
Eure Trauzeugin hat den libanesischen Dichterphilosophen Khalil Gibran bemüht und sein Bild von den beiden Instrumentensaiten, die jede für sich schwingen will, deren Zusammenklang aber Harmonie ergibt.

Diesen Gleichklang Eurer beiden Seelen wünsche ich Euch – immer ganz im hier und jetzt in den Jahren, die Gott Euch reichlich schenken möge. Amen.