Frieden gesucht – Frieden gefunden

Traueransprache für Heinz Engeln

Jesus spricht: Selig sind, die Frieden stiften,

man wird sie Kinder Gottes nennen

Tatsächlich, Heinz war ein friedlicher und ein friedliebender Mensch. Er erblickte am 10. Februar 1937 in Trier das Licht der Welt. In einer Zeit, die zwei Jahre nach seiner Geburt durch und durch friedlos war. Er blieb das einzige Kind seiner Eltern – seine Mutter war Hausfrau und der Vater Angestellter beim Versorgungsamt  – und stand dementsprechend im Focus von deren Zuwendung.

Verwöhnt darf man ihn trotzdem nicht nennen. Im Gegenteil, ich würde ihn einen stets vernünftig wirtschaftenden, durchaus bescheidenen Menschen nennen. Jemand, der sein Maß kennt. Über die Stränge zu schlagen, das war nicht Heinz Ding. Fast alles in seinem Leben tat er mit Bedacht und in Maßen.

Bedeutsamer noch als damit zufrieden zu sein, was er sich leisten konnte, ist seine moralisch selbstständige Position. Bürgerliche Vorstellungen, wann man eine Frau oder einen Mann zu heiraten habe, waren ihm zum Wohl und zum Glück für seine Kinder fremd! Es komme auf die Liebe an, dass man sich verstehe, betonte er auch seinen Kindern gegenüber. Das gab ihnen Maßstäbe fürs Leben. Was man dagegen tue, weil es sich so gehöre, darüber zeigte sich Heinz in Frieden stiftender Weise erhaben.

Das reichte bis zum Widerspruch gegen die üble Nachrede. Immer schön auf dem Teppich bleiben, immer schön bei der Wahrheit bleiben. Er vermied, Benzin in eine Sache zu gießen und wirkte wieder und wieder mäßigend.

Selig sind, die solches tun, sagt Jesus. Warum? Weil sie der guten Verständigung der Menschen untereinander dienen. Und vielleicht auch, weil sie so das beste für die eigene Seelenruhe tun.

Nicht, dass es zwischen den späteren Eheleuten nicht auch Dispute gab. Immer wieder aber war Heinz es, der dann zuerst die Hand ausstreckte. Das konnte durchaus auch ironisch sein, wenn er zugestand „Ja, du hast Recht“, denn es konnte gleichzeitig das Signal senden „lass mir meine Ruhe“.

Ataraxie, das ist das Wort der alten Philosophen für Seelenruhe. Es ist dem Blick auf Meer entnommen, das gänzlich ohne Wellen ganz friedlich daliegt. Eine ruhige See innerlich zu haben, das war Heinz wichtig.

Konflikte, Wettkampf, das gab es am Bildschirm, beim Fußball. Bei ihm zu Hause waren sie ritualisiert. Gebändigt im häufigen Kartenspiel. Wie auch in seiner weiteren Leidenschaft, dem Kreuzworträtsellösen, ging es ihm auch hier um ein Spiel mit klaren Regeln.

Beim Skat dürfen wir bei ihm fast von einer genetischen Veranlagung sprechen. Denn als der Pauliner Hof noch Kaseler Hof hieß, saßen dort manches mal drei Generationen seiner Familie zum Kartenspiel zusammen. Er, sein Vater und Thomas.

Aber auch in anderen Konstellationen schätze Heinz die Freuden des Kartenspiels. Freitags sah man ihn regelmäßig Skat in der Tennishalle spielen, sonntags wurde in der Familie das Rommee-Blatt ausgeteilt.

Nicht nur Rommee und Skat wurde gespielt, auch Majääsch gehörte in sein Repertoire.

Heinz war ein häuslicher Typ. Seine Familie war ihm ungemein wichtig. Diese war gewachsen seit der Hochzeit 1962. Aber auch in diesem Moment gilt schon, dass die Wahl der Eheleute auf einem viel älteren Fundament steht; einem, das schon in den Kinder- und Jugendjahren mit den Spielgründen zum abgesteckten Gebiet wurde. Denn die späteren Eheleute gingen schon gemeinsam in die Schule und lernten in der Ruwer gemeinsam das Schwimmen, dort, wo Ruwer und Mühlgraben an der Ritsch bei der Karlsmühle zum Baden einladen.

Im Grunde ist das Fundament von Euch beiden nicht eine Ehe lang, sondern in Wirklichkeit ein ganzes Leben voll gemeinsamer Eindrücke und gemeinsamer Erfahrungen.

Nach der Schule erlernte Heinz das Handwerk des Kraftfahrzeugschlossers bei MAN. Anschließend verdiente er sein Geld in einer Übergangszeit als Ausfahrer eines Elektrogeschäftes. Damals galt es schon, eine junge Familie zu ernähren. Die Eheleute lebten in der Bahnhofstraße. In dieser Zeit wurden zwei Kinder geboren, 1963 Christian und 1964 Heike. Mit dem Wachstum der Familie wurden die Wohnungen angepasst. Die nächste Station war die Feldstraße. Jetzt kam Sohn Thomas 1967 dazu. In dieser Zeit suchte die Familie Erholung in einem Schrebergarten, den man angemietet hatte. Der Arbeitgeber Gondert hatte sein Gelände ebenfalls in der Feldstraße. Heinz war zuständig für die Technik des Fuhrparks. Noch einmal wurde die Wohnung zu klein. Man fand die richtige nun in der Speestraße. Und auch die richtige Arbeit, nämlich im Ausbesserungswerk bei der Bahn in Euren.

Schwieriger wurde es mit dem Arbeitsplatz in Burbach. Verbunden war er mit frühem Aufstehen. Die Sehnsucht nach einem verlässlichen Ruhepol war geweckt und wurde 1980 mit einem eigenen Haus und Garten hier in Kasel im Brühlweg 3 gestillt.

Abermals bestätigte sich, dass für Heinz alles ein Maß haben muss. Für jedes Kind ein Zimmer, das war das richtige. Der Garten musste überschaubar bleiben, damit auch die Arbeit in ihm maßvoll blieb. Denn der Garten sollte Erholung schenken und Raum genug die Kinder bieten und ihm Zeit fürs Kartenspiel lassen.

Die anderen Pausen, ohne die sein Leben undenkbar wäre, waren nur Minuten lang und spielten sich auf dem Bänkchen vor dem Haus ab, um genau zu sein, sie dauerten mehrmals am Tag genau eine Zigarettenlänge.

Ohne diese Rituale und ihren Rhythmus ist Heinz für mich nicht vorstellbar.

Im Vorbeigehen bot sich dort das Gespräch über die Rosenbeete an.

Immer blieb er sich treu. Beschwichtigend, mäßigend, unaufgeregt. Ein Mann des Maßes und des Friedens eben.

Er war offen, einladend und unvoreingenommen. Im Kreis der Familie und der Freunde schätzte man seinen Humor.

Heinz war ein hilfsbereiter Mensch. Er war handwerklich geschickt. Und es lässt sich nicht zählen, bei wie vielen Nachbarn und Freunden er im Haus Hand angelegt hat.

Die sind dankbar dafür, dass er ein herzensguter Mensch war.

Die Familie weiß ihn zu schätzen als jemanden, der immer für die Kinder da war. Der im entscheidenden Moment ein weiterführendes Wort zu sprechen wusste, der den Horizont zu öffnen verstand und letztlich für Zufriedenheit, ja Frieden eben sorgte.

Die werden Gottes Kinder genannt werden, sagte Jesus. Ein Kind Gottes zu sein bedeutet, nie aus seiner Hand fallen zu können. Hier im Leben nicht, aber auch darüber hinaus nicht. Heinz Körper lebt nicht mehr. Aber Heinz bleibt vor Gott lebendig. Als eines seiner Kinder lässt Gott seine Hand nicht von ihm, lässt ihn nicht los!

Darauf dürfen wir vertrauen und darum unsererseits loslassen, was wir nicht halten können.

Bleiben aber wird Heinz, der Ehemann, der eigentlich Zeit unseres Lebens zur Seite stand, bleiben wird im Herzen der Vater, der den Frieden gelebt hat.

Seine organische Zeit war um. 

Und für uns, die Hinterbliebenen gilt: Wer liebt, kann lassen.

Amen

die Samariterin von Lorscheid – Ilona Bolsch

Gestern habe ich einen Roman zuende gelesen. Thomas Glavinic, „Das größere Wunder“. Spannend war er. Auf Seite 514 geht es nach einer Mount Everestbesteigung um Leben und Tod. Im Kopf des Helden bildet sich folgender Gedanke:

„Die Frage nach dem Glauben an Gott bedeutet: Magst du Menschen? Oder sollte sie wenigstens bedeuten. Manche verstehen den Glauben falsch. Er ist ja nicht für sie da. Er ist für die anderen da.“

Ein großes, ein Kirchen relativierendes und revolutionierendes Wort.

Und ein Wort aus der Mitte von Ilonas Leben.

Zu diesem moralischen Mittelpunkt ihres Lebens gehört folgende biblische Geschichte:

Lesung aus Lk 10, 25 – 37

Den Nächsten zu sehen und zu tun, was nötig ist, das war Ilona wichtig.

Materielles hintan zu stellen, das war ihr von Mutterleib gleichsam mit auf den Lebensweg gegeben und sie lebte es gerade auch in den Stunden ihres Abschieds von diesem Leben.

Als Ilona Johanna Krull am 15. Februar 1945 in Lüttgenziatz, östlich von Magdeburg zur Welt kam, da stand diese in Flammen. Ihre Eltern begaben sich auf die Flucht, hinterließen alles Eigentum anderen und fanden eine neue Bleibe in Wuppertal. Genauer war es Haan.

Der Vater fand als Vormann bald Arbeit in der Vorwerkschen Teppichweberei, und Ilona wuchs in Haan auf, ging dort zur Schule und heiratete, bekam mit 24 ihren Sohn Stephan.

Allein, die Ehe war nicht glücklich, 1975 trennten sich die Eheleute Militz und Mutter und Kind zogen nach Hilden. Das bot Station für ein Jahr. Unter abenteuerlichen Umständen zogen sie nun nach Düsseldorf. Für drei Jahre war die nordrheinwestfälische Hauptstadt Quartier. In dieser Zeit lernte Ilona Wilfried Bolsch kennen. Gemeinsam zog die Familie 1980 nach Pforzheim. Stephan ging von dort aus ins Internat und die Eheleute zogen abermals um, diesmal über Wuppertal nach Ehrang, um schließlich in Lorscheid eine Heimat zu finden.

Dort erzählte sie mir, dass eine große Bürde in ihrem Leben war, dass sie den Mann 2003 verlor. Er starb mit 59 Jahren.

Davor, danach und selbstverständlich auch in der Ehe ging das in Erfüllung, was ich als den ethischen Dreh- und Angelpunkt von Ilonas Haltung bezeichne. Ihre Sorge um andere. Ihr offenes Herz für Menschen mit Anliegen oder gar in Nöten.

Das waren nicht nur die Tiere, die Freundinnen in der Zeit deren Urlaubs bei ihr unterbringen durften, das waren vor allem Menschen in hohem Alter, die der Zuwendung und Pflege bedürftig waren.

Zunächst hatte Ilona ihr Geld als Verwaltungsangestellte in der Verbandsgemeinde Schweich verdient. Später als Assistentin der Leitung im Altersheim Lorscheid.

Und mit dieser Erfahrung im Rücken vermittelte sie Seniorinnen und Senioren Helfer, Ansprechpartner bei der Krankenkasse, Ärzte und andere Versorgung, derer sie im Alter bedurften.

Sie riet Freundinnen, deren eigene Eltern krank und gebrechlich, dement wurden und starben. Sie stand dem Menschen bei war der Samariter, dem Aufwand und Zeit nicht zu viel wurden, dem Nächsten zur Seite zu stehen.

Erholung von Engagement und Büroarbeit fand sie in der Natur. Aber es war nicht das Spazierengehen, sondern es waren die Ernteeinsätze, die Arbeit im Weinberg, die ihr viel Freude bereitete. Viezobst zu sammeln, Trauben zu lesen, das schenkte ihr nicht nur Ablenkung und Bewegung. Es traft auch einen anderen Nerv von ihr.

Ilona war ein geselliger Mensch, sie unterhielt sich gern mit anderen, war nicht kontaktscheu sondern äußerst kommunikativ.

Der Kommunikation mit ihrem Sohn räumte sie die großen Fenster ein, die seine Autofahrten schenkten. Es waren die häufigen Telefonate zwischen Ihnen, die Sie beide auf dem neusten Stand hielten.

Mit den Freundinnen suchte sie Rituale, die Besuche zu den Jahrestagen hier in Luxemburg, die hohen Festtage, aber auch das geschätzte Eiscafé, die alle hauptsächlich dem Austausch dienten.

Nun war sie es, die abgeholt und gebracht wurde, um die man sich kümmerte. Aber sie konnte es annehmen. Ganz bewusst sagte sie: damals habe ich geholfen, heute bin ich diejenige, der geholfen wird.

Zu ihren Tugenden gehörte, das sie annehmen konnte.

Da sie von Konventionen nicht viel hielt, sage ich es hier in ihrer Würdigung in Form eines Witzes. „Ein reicher Mann starb. Und ließ sich all sein Geld mit in den Sarg legen. Im Himmel sah er die reich gedeckten Tafeln und frage Petrus: Was kostet die Rehkeule, was dieser Lachs hier? Immer sagte Petrus: einen Cent. Oh, dann komme ich mit meinem Vermögen aber weit, jubelte der Reiche. Langsam, konterte Petrus, hier nehmen wir nicht das Geld, das du besessen hast – hier zählt nur das Geld, das du verschenkt hast!“

Ilona, die lebensfrohe Frau, die hilfsbereite Freundin, die gewissenhafte Arbeiterin, im Himmel ist sie eine reiche Frau, denn war sie nicht die Samariterin, die den Bedürftigen auf ihrem Weg erkannt und ihm aufgeholfen hat?

Und noch eine Tugend gibt es zu würdigen. Ihre Souveränität und ihren Mut: „Ich habe mein Leben gelebt, ich kann es abgeben“, bekannte sie mir in unserem ersten und letzten Gespräch. Und der Schalk blitzte aus ihren Augen – sie hatte bereits den Sauerstoff abgewiesen und mit dem Essen und Trinken aufgehört – als sie fortfuhr: „Ich drücke mir selbst die Daumen, dass es gut geht.“

Liebe Trauergemeinde, jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Und als solcher bleiben wir die Sterblichen vor ihm, dem Ewigen, lebendig. Und da Gott keine Person – noch so ein klassisches Missverständnis wie eingangs die Frage nach dem Glauben -, sondern lebendige Verständigung, Kommunikation, da er „Beziehung selbst“ ist, wird Ilona mit ihm im Licht seiner Liebe im Gespräch bleiben. Auf ewig. Amen.

Aufrecht vor ihrem Schöpfer

Traueransprache für Erika Ottmann

über

1. Mose 16, 13

Du bist ein Gott, der mich sieht

04.06.2021 Schweich

Ein Gott, der mich sieht, ist ein Gott, der mich wahrnimmt. Meine Bemühungen, meine Bedenken, meine Spielereien, mein Sorgen.

In diesem Vertrauen lebte Erika Alwine ihr Leben. Dieses begann am 24. November 1929 in Bad Ems. In der Mitte einer lebendigen Kinderschar wurde sie groß. Drei Schwestern hatte sie zur Seite und zwei Brüder.

Von beiden Eltern nahm sie Wesentliches in ihr Leben auf. Vom Vater kam die Lust, Dinge wachsen zu sehen und groß zu ziehen. Er war Gärtner.

Die Mutter verdiente ihr Geld als Lehrerin für Schreibmaschine und Stenographie. Ich erinnere mich noch an Rhythmus und Disziplin, die beim Maschineschreiben Lernen unabdingbar sind. J-a-f-f-a, die ersten drei Buchstaben mit drei unterschiedlichen Fingern. Immer schön blind, und immer wieder, bis die Fingerposition sitzt und der Griff internalisiert ist. Von der Mutter also hatte sie den Sinn für Methode und ihre stringente Art.

Früh wusste Erika, was sie werden wollte. Das mag als Fingerzeig gelten für die Besonderheit ihrer Haltung. Gespeist war diese vom Vertrauen, dass der Weg, den sie geht, der richtige sei. Zunächst zeigte er sich in der Konsequenz, mit der sie ihr Ziel ansteuerte. Sie mag dabei vom Vater, insbesondere einer Mutter, die selbst schon berufstätig war, unterstützt worden sein.

Wir loben, was sie auf sich zu nehmen bereit war, um direkt nach dem Krieg den Beruf der Volksschullehrerin zu erlangen. Dazu musste sie ins Internat, das Haus verlassen und in Montabaur ihr Abitur machen. Das hatte sie 1947 in der Tasche und nahm das avisierte Studium an der Pädagogischen Hochschule in Worms auf.

Ein wesentlicher Zug von Erikas Persönlichkeit ist damit bereits gezeichnet. Ihr klare Zielvorstellung und der Wille, dieses auch zu erreichen.

Man darf sie eine emanzipierte Frau nennen. Während die eine Schwester zunächst im väterlichen Betrieb blieb, die andere in die Fußstapfen der Mutter trat und die dritte, den für Frauen bereits geebneten Weg als Krankenschwester ging, scheute sich Erika nicht, zur kleinen Schar der Frauen inmitten der Lehrerschaft zu stoßen. Ein Bruder war leider im Krieg gefallen, der andere übernahm die väterliche Gärtnerei.

Frau Krisam, Sie haben Fräulein Stüber selbst als Unterrichtende erlebt und können bezeugen, welche Autorität von ihr ausging, dass ihr daran gelegen war, dass die Kinder schnell und konsequent mit dem Stoff vertraut gemacht wurden. Die Schülerinnen und Schüler hatten Respekt vor ihr. Das mag schon in Nisterberg an der Volksschule so gewesen sein, wo sie morgens mit dem Fahrrad von ihrem bitterkalten möblierten Zimmer in Friedeberg aus hinradelte. Das war sicher nach dem Referendariat in Wissen so und es war gewiss ab 1953 in Betzdorf an der Martin-Luther-Schule so, wo die Schicksalswege sie zusammen führten.

Wäre das Profil nicht schon klar gezeichnet, so wäre der endgültige Beweis ihrer Einstellung die Bedingung, unter der sie  Ernst Ottmann heiratete: Ich bin und bleibe berufstätig, legte sie vor der Ehe mit ihm fest.

So geschah es. Auch nach der Zeit, als das gemeinsame Kind der Eheleute, Rolf 1964 geboren war, blieb sie dem Schuldienst treu.

Dass sowohl Kompetenz als auch Konsequenz nicht unentdeckt blieben, darüber legt Zeugnis ab, das sie für den Stab des Schroedel-Verlags auserkoren wurde, ein Lehrbuch über die Mengenlehre mitzuentwickeln.

Mit 63 Jahren, also 1992 ging sie in den Ruhestand. Was nicht bedeutete, dass sie die Freude an der Auseinandersetzung mit der Welt an diesem Tag verloren hätte. Genau so wie sie sich von Gott wahrgenommen glaubte, genau so sah sie auch mit Interesse auf ihre Umwelt, auf die politischen Geschehen, beschäftigte sich weiter mit Kultur und Politik und blieb auf dem neusten Stand.

Sie vernachlässigte bei aller Geistigkeit ihr Aussehen nicht. Gerade der Frisur maß sie hohe Bedeutung zu. Sie wissen, dass es nicht die langen femininen Haare waren, sondern dass sie sportlichen, vielleicht sogar maskulin-kurzen Schopf bevorzugte.

Ihre gestrenge Art wurde in der nächsten Lebensphase nun weicher. Mit dem Ausfliegen der Kinder hatte sie das erreicht, was sie für ihre Aufgabe hielt, den Kindern Selbstständigkeit zu vermitteln. Nun wurde sie nahbarer, einladender. Sie besuchte ihrerseits den Nachwuchs, kam zu wichtigen Anlässen und blieb auch gern einige Tage. 

Sie scheute keine Strecke. Kaufte sich gar mit 74 ein neues Auto und fuhr allein damit in den Urlaub an den Tegernsee.

Noch einmal intensiver wurde die Mutter-Kind-Beziehung als ihr Mann gestorben war. Auch dies ein Indiz für die strukturierte Festlegung ihrer inneren Prioritäten.

Sie sah den Menschen und sie sah ihre Aufgaben, genau so eben, wie sie an einen Gott glaubte, der sie, ihren Lebensweg sah und der mit seiner Wahrnehmung auch Verantwortung und Fürsorge verbindet.

Darum gab es auch das andere Gesicht von Erika. Die Seite, die annehmen konnte. Dazu gehört auch der Garten, in dem sie sitzen, die Blüten genießen und dem Gesang der Vögel lauschen konnte. Sie musst nicht nur geben, sie konnte auch dankbar nehmen, was man ihr bot.

Dankbar war sie auch für Hilfe im Alter, Angebote, Besuche, gemeinsam verbrachte Zeit.

Wir selbst dürfen dankbar sein für diese Seite von ihr. Diese spielte besonders in den letzten Jahren, und hier noch einmal in der Zeit ab ihrem 90. Geburtstag eine Rolle, als die Einschränkungen wahrnehmbarer wurden und als sie schließlich im August 2020 nach Schweich ziehen musste. 

Am 25. Mai ist sie nun gestorben.

Für uns heißt es, sie Gott zurück zu geben. Einem Gott, der ihr Leben kennt. Und genau das ermutigt und tröstet uns. Denn jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Als solcher bleiben wir, die Sterblichem, vor ihm, dem Ewigen lebendig!

In dieser Gewissheit nehmen wir Abschied von Fräulein Stüber, von Frau Ottmann, von Ihrer Mutter und Oma, Ihrer Schwiegermutter.

Amen

Blüten schauen

Andacht anlässlich der Beisetzung

von

Bodo Engel

21. Mai 2021

Bregenz

über O-Hanami

oder die Klugheit, die Vergänglichkeit zu akzeptieren

Sie waren vielleicht schon einmal zur Zeit der Kirschblüte auf den japanischen Inseln oder wissen zumindest über die Bedeutung des Kirschblütenfestes für die japanische Kultur. Hanami oder höflicher O-Hanami bedeutet „Blüte“ „betrachten“. Es ist ein Familien und Freunde zusammenführendes Ritual.

Gleichzeitig schenkt sein philosophischer Hintergrund uns Aspekte, die für die Bewältigung des heutigen Tages und der Schritte, die wir zu tun haben, hilfreich sein wollen.

Da ist zunächst die Würdigung des Ästhetischen und des Ästheten. Die Wertschätzung der Vergänglichkeit der Schönheit der Natur ist nicht nur für empfindsame Asiaten ein Ausweis ihrer vollumfänglichen Menschlichkeit. Auch wir lieben diese Woche, in der die Magnolienblüte aus scheinbar totem Holz bricht und das Leben wieder zu bringen scheint. Sie erzählt uns etwas über unser eigenes Leben und Sterben.

In der Kultur, die ich heute bemühe, um unsere eigene Situation verständlicher zu machen, ist die „Sakura“, die Kirschblüte Inbegriff der vollkommenen Schönheit, die gleichzeitig fällt im Augenblick vollendeter Entfaltung. 10 Tage dauert das Fest, dann ist es vorrüber, so wie die Blüten sich entfalten und dann gefallen sind.

Das lehrt uns dem Kommen und Gehen des Geschöpflichen ins Auge zu sehen. Es spricht vom Einatmen und Ausatmen, es zeugt von Leben und Vergänglichkeit.

Dann ist da der Ästhet. Architekten bezeichne ich als Berufsästheten, denn jenseits aller Statik und Rechnerei, jenseits von Zweckmäßigkeit geht es ihm und ihr um Schönheit. Niemand in dieser Fakultät kommt um die japanischen Einschreibungen auf seinem Gebiet herum. Auch, wenn Gebäude meist errichtet werden um zu bleiben, lehrt uns die Kunstgeschichte nichts anderes als O-Hanami, dass alles seine Zeit hat und auch die Blüten des Geschmacks, Stils und Zeitempfindens dem Werden und Vergehen unterworfen sind.

Dieses Foto, das ich nicht in Japan sondern in Shanghai machen konnte, ermahnt uns gleichzeitig, sehr reflektiert mit dem menschlichen Bemühen umzugehen, die Dinge nicht nur zu bewundern sondern festhalten zu wollen. Bodo hat ebenfalls gern fotografiert. Dem fotografierenden Liebhaber geht es so, dass er sich entscheiden muss. Entweder schlendert er durch die besuchte Stadt oder Landschaft und ist offen für den Eindruck, den Moment der Begegnung mit etwas Wunderbarem oder er ist auf der Suche nach Motiven, was ihn in eine völlig andere Haltung zwingt. Er kann nicht gleichzeitig genießen, in vollen Zügen aufnehmen und ein Bild gestalten. Denn die Komposition verlangt Abstand, Reflexion, zumindest Routine, also das Gegenteil von Ekstase oder Begeisterung.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir sehen, erleben, erleiden, lieben, uns beindrucken lassen wollen, oder ob wir eine distanzierte Haltung, vielleicht die eines empfindungsfreien Betrachters einnehmen wollen.

Ich ermutige Sie also, sich dem Schmerz auszusetzen. Dem Schmerz, der dadurch kommt, dass das Schöne anscheinend so flüchtig ist, das wir es miteinander erlebt, wenn wir es über eine Generation fast immer ungetrennt miteinander genossen haben. Dazu gehört auch die Phase der schmerzlichen Entwicklungen, der Häutungen, die Auseinandersetzung und das kurze Befremden.

Aber ebenso die Freude, das Einvernehmen, das geteilte Glück, gemeinsam genossene und gestaltete Tage.

Aber sehen wir nicht nur den Architekten Bodo, der konstruiert hat, um es überdauern, oder zumindest dauern zu lassen;

sehen wir auch den Gärtner, der sich der Vorläufigkeit seines Tuns bewusst ist, der pflanzt, um etwas anderes irgendwann geschehen zu lassen: das Wachstum, die Blüte, den Herbst und die Winterruhe.

Halten wir es mit Bodo, dem Gärtner, der sich der Vorläufigkeit seines Tuns bewusst war. Er lebt für den im doppelten Sinne bedeutsamen „Augenblick“.

Für diese Momente sind Sie dankbar. Für die fordernden, für die schönen Stunden, für das Miteinander-wirken-Können, für das Aneinander-wachsen-Dürfen, für die gemeinsamen Skiurlaube, für die Reisen, die Stunden über und unter Wasser auf den Malediven. 

Lassen Sie sich nicht beirren. Nur scheinbar hat der Tod diese Zeit genommen. Er betrübt und macht den Blick trüb. Denn die Wahrheit ist, diese Gemeinsamkeit ist nicht nehmbar.

In allem, was wir erlebt und geteilt haben, ist Gott in höchst eigentümlicher Weise dabei gewesen. Ja, er erfindet sich geradezu leidenschaftlich in den Zeiten, die wir geteilt haben. Gott ist Gemeingeist, also der Geist, der lebendiges Miteinander will. Ich behaupte, es ist seine eigentümliche Art, so durch Menschen und zwischen ihnen Wirklichkeit zu werden.

Und wenn einer sich an solche Gemeinsamkeit im Herzen erinnert, dann sind alle drei dabei: Du – ich und – Gott.

Darum ist O-Hanami die Zwillingsschwester von Ostern. Dem Sieg des Lebens über den Tod. In beiden Fällen gibt es tatsächliches Sterben, das Ende des Weltlich-körperlichen.

Das Blatt fällt, das Winterholz vergeht wie der Leib.

Wenn aus scheinbar totem Holz aber die Blüte kommt, wenn Maria und Martha angesichts des Grabes ihrem Leben eine Kehrtwende vollziehen und neu auf Jesus zugehen, dann ist von einer Wirklichkeit die Rede, nach der kein Mensch verloren geht, nach der vor Gott bleibt, was wir vor ihm in Wahrheit sind.

Wir sind und bleiben in dieser Angelegenheit auf Metaphern angewiesen.

Vielleicht sage ich es am besten mit den Worten von Jörg Zink, meinem Kollegen, der in seinem Buch „Ufergedanken“ angesichts der atlantischen Brandung schreibt: „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.“

Amen

paulinische Tugend gelebt

Traueransprache über 1. Kor 16, 13

für

Bodo Engel

gehalten am 28. Mai 2021 in der Konstantin-Basilika zu Trier

Der Apostel Paulus hatte mit dem jungen Missionsgebiet Kleinasien seine liebe Mühe. Besonders die gewonnenen Gläubigen der Welt- und Hafenstadt Korinth mit ihrer pluralistischen Gesellschaft drohten der jungen Gemeinde in alle Strömungen der Philosophie, Kanäle des Synkretismus und durch Sektierer verloren zu gehen. Darum schreibt er in einem Brandbrief: „Macht die Augen auf! Bleibt mit Eurem Verhalten im Rahmen des Glaubens, aufrecht, und bleibt stark!“

Und hier hat das Stoßgebet des antiken Schreibers das erste Mal etwas mit dem Leben von Bodo Engel zu tun. Denn als er im Dom zu Quedlinburg mit 13 konfirmiert wurde, da atmete in diesem ersten Jahr nach dem Krieg die Übersetzung noch den Zeitgeist „Seid wachsam! Steht fest im Glauben! Seid männlich und bleibt stark!“ heißt es auf seiner schwarz-weißen Urkunde unter dem Foto des Dominnenraums.

Hunderte Kilometer weit weg von diesem Ort war Bodo am 01. November 1931 zur Welt gekommen. In Straelen / Westfalen. 

Sein Vater arbeitete beim Zoll. Neben dem Soldatenleben ist es das des Zöllners, das dessen Familie zur Heimatlosigkeit verurteilt, Bodo einen häufigen Schulwechsel bescherte, ihm immer nur die Anfangsgründe der Fremdsprachen erschloss – erst Russisch in Sachsen-Anhalt, dann Französisch im Saarland und schließlich Latein in Rheinland-Pfalz – das nicht Ansässigkeit genug gönnte, um seinen Bekannt- und Kameradschaften die starken Wurzeln bleibender Freundschaft wachsen zu lassen. 13 mal ist Bodo umgezogen, um schließlich hier in Trier eine bleibende Statt zu bekommen.

In frühen Lebensjahren ging es an den Fuß des Harzes, wo auch seine Mutter herstammte. 

Dem Heranwachsenden gab also der Pfarrer diesen Konfirmationsspruch mit auf seinen Weg. Intuitiv vielleicht, denn die Tugenden spielten schon für den jungen Bodo eine große Rolle. 

Nicht alle von ihnen stehen ganz oben im christlichen Tugendkatalog. Seine nüchterne Religiosität hatte er von seiner Mutter, einer klassischen Protestantin. Vom Vater hatte er eher Lebenswitz und praktischen Sinn. In den bitteren Hungerjahren nach dem Krieg wusste dieser, wie man „organisiert“, wie man an Brot und ab und zu auch mal an Butter herankam. Der Katholik hatte ja von Kardinal Frings die Absolution erteilt bekommen, die sich nicht nur aufs Kohle-“fringsen“ bezog, sondern auf vieles, was eine Familie satt machte und nötig hatte. Trotzdem erinnerte sich Bodo an den Hunger, den er als Heranwachsender in Saint-Avold und  Quedlinburg erlitten und durchgestanden hatte. Das paulinische: „bleibt standhaft“, ja, das lag ihm.

Auch später im Beruf, einer komplexen Tätigkeit, die nur ein Mensch mit Leidenschaft für die Sache auszufüllen und auszuhalten vermag, blieb er den Ermutigungen seiner biblischen Mitgift treu.

Gern wäre er gleich Architekt geworden. Auch von der Tätigkeit des Bühnenbildners war er angetan.

Doch der Vater mit seiner Erfahrung der Aufbaujahre war es, der seinem Sohn riet: „Werde doch Maurer, Maurer braucht man immer“. Im Rückblick dürfen wir sagen, Bodo habe seinen späteren Beruf von der Pike auf gelernt. Der Architekt, der er dann mit 29 Jahren tatsächlich war, konnte mit seiner Vorerfahrung genau einschätzen, was man von einem Maurer erwarten könne, und was man seinerseits zu leisten habe.

Mit dem Gesellenbrief in der Tasche hatte der junge Mann an der damaligen Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Trier studiert. 1959 heiratet er zum ersten Mal. Eine Anstellung in einem Architekturbüro schenkte frühe praktische Erfahrungen. 1960 ließ er sich als Freier Architekt nieder. Parallel war er Mitglied des Trierer Stadtrates geworden, später ging aus dieser Ambition seine Mitgliedschaft im Architektur- und Städtebaubeirat hervor. 

Es mag dieser vielgleisig engagierten Arbeit zusätzlich zu seinem eigenen Architekturbüro geschuldet sein, dass er eines Tages ganz unverhofft allein mit seinem 1964 geborenen Sohn Christian da stand und sich als alleinerziehender Vater mit einer neuen Rolle konfrontiert sah.

Der Architekt Bodo folgte jedenfalls der Aufforderung seines Konfirmationsspruches: Macht die Augen auf, seht hin.  

Als ich mir einige seiner Werke in Trier anschaute, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus natürlich, aber auch die Gebäude der BVT Vermietungsgesellschaft, den Neubau des ehemaligen Elisabeth-Krankenhauses, dessen Kapelle und die Prinzipalstücke daselbst, das Verwaltungsgebäude der kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer, last but not least das Fachbereichsgebäude E auf dem Campus, verstand ich, dass Bodo Engel auf nicht weniger als die Menschenwürde bei seinen Entwürfen achtete. Vom Abort bis zum Zugang, jeder Raum hat seinem Anspruch nach natürlich beleuchtet und belüftet zu sein. Eben auch die Nutzungen, die ein auf seine Ansprüche fixierter Bauherr übersieht, hatte der Architekt im Blick. Beispielsweise Wartebereiche für angehende Patienten im Krankhaus und solche bei Versicherungen sollten dem wartenden Menschen den Blick in die Natur gewähren. Nicht lieblose Bilder sondern gewachsene Bäume sollten Durchhaltevermögen schenken, nicht graue Wände sondern grüne Wiesen. 

Der im Treppenhaus aufsteigende Besucher wechselt zwischen zwei Welten. Er kommt von außen und geht in eine Wohnung. Er soll idealer Weise auf diesem Weg noch den Kontakt zur Außenwelt behalten können. Gern machte Bodo das erlebbar kraft großzügiger Glasfassaden.

Gebäude und Freiraumgestaltung gehörten für Bodo Engel zuhauf. Ein Haus ist ein Gebäude in einer Landschaft.

Die Weite seines Blicks für diese Zusammenhänge, die man z.B. unschwer im Innenhof der BVT Vermietungsgesellschaft nachvollziehen kann, hat ihre Wurzeln in seiner Liebe zur Natur und besonders zur japanischen Gartenkunst.

Überhaupt die Natur! Von allen Reisen brachte er sich Pflanzen mit. Wo andere das Souvenir als Beweis ihres da-gewesen-Seins vorzeigen, schätzte Bodo es, besondere Pflanzen auszugraben, und verstand es, seinen Gästen von ihrer Herkunft, Standortvorlieben und Bedeutung zu erzählen. 

Die Kiefern zuvorderst, weil sie im Gespräch mit Azaleen und Rhododendren von der japanischen Gartenphilosophie Zeugnis ablegen, dann aber auch, weil sie die Wälder seiner Heimat zitieren, dort, wo sie vom Fuße des Harzes in die Magdeburger Börde übergeht, dort wo auf den Sandern vornehmlich diese Kiefern gedeihen. 

Aber auch das Wasser hatte es ihm angetan. Über und unter seiner Oberfläche. Und natürlich abermals als Abbild des Meeres im japanischen Garten.

Unter den Wasserspiegel abzutauchen, das war für ihn wie ein Dimensionenwechsel. Vom oberflächlichen Bild zur vielschichtigen Tiefe. Bespielter Vordergrund und pittoresker Hintergrund hatten ihn schon bei seinem Traum vom Bühnenbildner fasziniert. Und mit diesem Changieren von Fläche und Raum spielte er auch bei einem weiteren Hobby, der Fotografie.

Es bedurfte der tiefen Einfühlung seiner zweiten Frau, dass die offene Tür in der Wand sein Empfinden von Fläche und Raum störte. Es bedurfte überhaupt eines wunderbaren Einvernehmens, um Bodo in Gänze zu verstehen. Denn natürlich war auch Schatten bei soviel Licht. Störungen der Ordnung konnten ihn ganz mürrisch machen. Nachtragend war er und ungeduldig. Setzte voraus, dass andere mit dem gleichen handwerklichen Geschick gesegnet seien wie er. Hier war er ganz das typische Einzelkind, das sich von früh auf an der vermeintlichen Perfektion der Erwachsenenwelt orientiert.

Seinen Gästen verstand er auf schnurrige Art und mit heimlicher Selbstironie zu erzählen, welch liebe Mühe er mit den Bilchen in Garten und Haus hatte. Mit ihnen plage er sich im Privaten ebenso herum, wie ihn die Hausmeister im Beruflichen zu erregen verstanden, wenn sie angesichts eines gelungenen Architektenwurfs den Blick nicht für Sinn und Meisterschaft hatten, sondern an das Aufstellen von Hydrokulturkübeln und die Unterbringung des Staubsaugers dachten. Hausmeister konnten ihn genauso aus der Fassung bringen wie Bilche, die sich in Räumen häuslich gemacht hatten, die er doch anders konzipiert hatte.

Neben Büro, Meer und Garten gab es für ihn noch die Berge. Beim Skifahren hat Bodo Sie, Ilse-Maria Tizian kennengelernt. Genau genommen haben Sie alle drei sich dort gefunden. Als Architektin zogen Sie vor fünfzig Jahren nicht nur ein miteinander betriebenes Büro, sondern in das Haus seines Lebens ein. Mit Christian wurde das Haus in der Heinrich-Kemper-Straße, dem 13. Wohnsitz, das gemeinsame Haus.

Weil alle genau wussten, wie der andere tickt, gelang dieses Miteinander. Auch wegen der großen Deckungsfläche der Interessen.

Ich habe Sie nicht gefragt, aber vielleicht würden Sie als symbolisches Werkzeug für Ihren Mann die Wasserwaage wählen. Nicht etwa, weil er ausgeglichen gewesen wäre, sondern seiner Liebe zur Genauigkeit wegen. Auch eine Tugend, die er hochhielt. Die Präzision.

Qualität schätzte er. In Sachen Rotwein war er ein Kenner; und öffnete für Freunde und Bekannte seinen Keller, wissend welche Geschichten und Anekdoten er zu dieser und jener Lage zu erzählen habe. Bodo der Grandseigneur. 

Er verstand zu erzählen, auch von den Marotten der anderen, ohne zu verurteilen.

Ebenso leichtfüßig hat er die eigenen Schwächen – denken Sie an seinen Konfirmationsspruch –  gern klein geschrieben. Noch vor vier Jahren, schon vom Alter gezeichnet, bestand er in Paris darauf, seiner Frau den Koffer zu tragen. Bodo der Gentleman, der nicht klagte. Denn seine Mitgift hieß ja, stark zu bleiben.

Ehrlichkeit stand ebenfalls in seinem Tugendkatalog ganz oben. Bodo war mit sich im reinen.

Das paulinische Konfirmationswort hat sich in ganzer Breite in Bodos Leben entfaltet.

Wir verabschieden heute den Architekten, der um des Menschen willen die Natur mitbedachte,

den Gesellschafter, der sich selbst dabei bescheiden zurückgenommen hat,

den Weinkenner, Weltreisenden und Wertebedachten,

den Freund der Präzision und deren Schattenseiten,

den Gärtner, der sich auf die Philosophie fernöstlicher Gartenkunst verstand.

Wir denken gern an ihn – müssen aber nun Abschied nehmen. 

Die Liebe sagt – und diesen Satz spreche ich besonders in Ihre Richtung „wer liebt – kann lassen“.

Seine Freunde, wir alle wissen, jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Und also solcher bleiben wir die Sterblichen vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Amen

Der Weg ist das Ziel

Beerdigungsansprache über

Joh 10, 27

für

Carina Lemm-Gussner

09. April 2021

ev. Gemeindehaus Gusterath

Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben

Ein sehr österlicher Text. Gerade haben wir Ostern gefeiert und die erlösende Wahrheit, dass das Schwere, das scheinbar Unmögliche, das Belastende nicht das letzte Wort spricht, sondern Hoffnung, Vision und Leben den Sieg davontragen.

Was heißt das in Ihrer und Eurer Situation. Carina, Eure liebe Mutter, Ihre Schwester, Ihre Schwiegermutter und Oma ist gestorben und wird wie Lazarus begraben. Aus dieser Lazarusgeschichte ist das Wort Jesu überliefert, der spricht „Ich bin die Auferstehung und das Leben“; und zwar ist das seine Antwort auf das Bekenntnis der Martha, dass sie an die Auferstehung der Toten am Ende der Zeit glaube.

Es ist ganz anders, sagt der Mann aus Nazareth mit dieser Zeile. Wo man lebe wie ich es tue, wo man mit Gott verbunden ist, wie ich es bin, betont er, da sind Auferstehung und Leben im eigentlichen Sinne vorhanden. Wenn wir so leben, dann ist beides da.

Das hieße, die Befreiung von Angst und aus tiefer Trauer gelänge, wenn wir leben wie Jesus?

Genau das meint er.

Carina und ich fühlten uns herzlich verbunden. Ihren Glauben hat sie aber nicht in der Kirche gelebt. Sondern täglich mit jedem neuen Projekt, das sie begann. Carina ließ sich von Ideen und begeisternden Impulsen anregen. Für sie war das Beginnen eines Vorhabens wichtig, nicht unbedingt, es zu Ende zu führen.

Sie mögen lächeln über das Chaos, diese Ansammlung von Angefangenen und liegengelassenen Projekten.

Aber ist der Orden für die Disziplin wirklich so viel wert, beispielsweise ein langweiliges Buch bis zur letzten Seite zu Ende zu lesen?

Davon spricht Jesus mit dieser seiner Selbstbeschreibung. Wir haben im Deutschen das Wort für seine Charakterisierung: „der Weg ist das Ziel“. Eine fernöstliche Weisheit, die vom Mann aus Nazareth genau unterschrieben worden wäre, wie sie vielleicht von Buddha selbst her kommt.

Immer dann also, liebe Gemeinde, wenn Carina ganz bei der Sache war, wenn sie hingerissen etwas begann, dann war sie Gott ganz nah.

Sein Name musste dabei nicht unbedingt fallen und es musste keinesfalls Sonntag sein, wenn dies geschah.

Im Gegenteil, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen, dazu hatte Carina eine eigene Strategie entwickelt:

  • Einerseits eine Einstellung, die sich wunderbar in jenem Schild ausdrückt, das Ihr gerade in ihrem Haus abgehängt habt: „My home was clean last week, sorry you missed it“.
  • Andererseits hatte sie Ordnungssysteme entwickelt, an denen man nicht rühren durfte, ohne sie nervös zu machen. Auf der anderen Seite also auch bei ihr die Angst vor dem Chaos, die Sorge, etwas nicht mehr finden zu können oder aus dem Takt gebracht zu werden.

Hier also hatte sie den Zuspruch Jesu nötig: lass doch geschehen, es wird schon gut werden.

Zwischen diese Pole war Carina eingespannt. Licht und Schatten.

Es ist in dieser Würdigung nur möglich, Schwerpunkte zu setzen. Sie alle wissen, dass zu ihrer Persönlichkeit noch die Freude am guten Essen und die am Trinken gehörte. Dass sie ein Genussmensch war. Dass sie Traditionen einen besonderen Stellenwert beimaß und sie für alle möglichen besonderen Anlässe bestimmte Geschirrservice vorhielt.

Es wäre zu bedenken, dass ihre Sammlung von Gartenwerkzeugen auch darüber Zeugnis ablegt, dass sie neben der mütterlichen auch noch die männliche Rolle im Elternhaus ausfüllen wollte.

Man könnte darüber nachdenken, warum sie zu den Menschen gehörte, die nicht um Hilfe zu bitten verstehen, denen es schwer fällt einzusehen, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr hinbekommen, zumindest nicht allein. Vielleicht gehört hier auch dazu, wie wichtig es ihr war, Recht zu behalten.

Man könnte alleine eine Predigt über ihr Motto halten, ein Leben ohne Hunde ist möglich, aber es lohnt sich nicht.

Wichtig aber ist heute noch etwas, das ihr viel bedeutete. Ich stelle es unter die Überschrift Lebensbejahung. Sie hat sich gewünscht, dass nach ihrem Tod nicht gejammert und getrauert wird. Ganz nach dem Liedtext von Jaques Brel „Ich will Gesang und Spiel und Tanz, wenn man mich untern Rasen pflügt“. Ein herausforderndes Vermächtnis. Aber wir bemühen uns, es zu beherzigen. Dass die Familie nämlich nach Art der römischen Lebensfeste zu bestimmten Anlässen zusammenkommt, ihrer gedenkt, das Glas auf die erhebt und das Fest des Lebens feiert. Familienzusammenkünfte war ihr ein und alles.

Um Gemeinschaft geht es auch bei meinem letzten theologischen Zuspruch.

  • Immer wenn Carina begeistert bei der Sache war, war Gott ihr ganz nah
  • Immer wenn Carinas Ordnungssysteme versagt haben, hat sie nach etwas gefragt, was Halt gibt.

Jetzt, liebe Familie, ist es umgekehrt. Gott ist ihr ganz nah. Denn vor ihm ist und bleibt sie lebendig. Er ist da, der ihr letzten Halt, immerwährenden Aufenthalt schenkt. Direkt bei ihm.

In dieser Gewissheit dürfen wir den irdischen Teil von ihr verabschieden.

Amen

Suoruus und Sisu

Traueransprache für Ritva Pikulik, geb. Farin

über Spr. 14, 1. und 2.

gehalten am 23. Februar 2021 in Niederweiler, Eifel

141Frauen bauen in Weisheit Haus ´und Familie` auf,

aber Unverstand macht ´alles` gewaltsam zunichte.

2Wer gradlinig seinen Weg geht,

hat Ehrfurcht vor dem HERRN,

wer aber krumme Wege geht, verachtet ihn.

Die Sprüchesammlungen der sogenannten Weisheit sind Fingerübungen an den Höfen der Königszeit. Volksweisheit gleichsam, in den Dienst des rechten Jahweglaubens genommen.

Im Finnischen gibt es das Wort Suoruus. Es steht Pate bei der Übersetzung des Verses „Wer geradlinig seinen Weg geht“. Er beschreibt einen Persönlichkeitszug von Ritva. Niemand drängt einen Geradlinigen dazu, seinen Kurs im Laufschritt zu absolvieren. Ritvas Lebensziele und –linien tauchen eher wohltuend wie Tonnen auf einer Seekarte auf, anstatt dass sie durch ständige Wiederholung beschworen, sich darüber abnutzen und unglaubwürdig werden.

So ist es ein weiteres finnisches Wort, das Ihnen kennzeichnend schien im Blick auf ihr Wesen: Sisu, also die Beharrlichkeit, das langfristige Durchhaltevermögen. Sie verausgabte sich nicht im Augenblick, war nicht exaltiert. Ritva hörte erst einmal zu. Bei ihr kein Verhalten der Orientierungslosigkeit, sondern ihrer Gabe des Geltenlassens geschuldet, einer Tugend, die beim anderen zu denken anfängt, und damit als ein Edelstein im Gewand der Liebe blinkt.

Ritva Pikulik, geb. Farin war eine stille Person, hat dem Gegenüber den Raum gegeben, sich einzubringen, sich zu entfalten. Sie verstand es, sich zurück zu nehmen. Das war kein Verzicht, denn Fülle empfand sie zur Genüge in sich selbst.

Ihre Mitwelt war für sie belebt. Blumen, Pflanzen, Gärten, die Natur und die Tiere und natürlich jeder Mensch, der sie umgab. Woher wir das wissen? Weil sie die Empfindung für die Blumen und Blätter in ihre Studien, in ihre Zeichnungen hineinzugeben verstand. Expressiv statt exaltiert, könnte man sagen. Ihre künstlerische Hand bewies sie auch in Figuren, in Schnitzarbeiten. Und all diese Arbeiten seit Studienzeiten, vielleicht seit Kindertagen regten ihrerseits die Menschen an, zuallermeist ihre Familie.

Ritva Maria, am 29. August 1932 in Helsinki geboren, blieb das einzige Kind ihrer Eltern Armas und Aune, besuchte die Schulen und legte daselbst das Abitur ab. Danach begann sie eine Ausbildung als Künstlerin und studierte an der dortigen Kunstakademie. Ihre Begabung regte in einer Zeit ihre Kinder an, als sie schon längst andere Abschlüsse vorzuweisen hatte. Die Begeisterung für bildende Kunst den einen, die für die geordnete Natur die andere. Sie blickte da auf eine Zeit in der Bank und vor allem das Ökonomie-Studium der Pflanzengeographie in Reading bei London zurück. Eben jene Zeit, die sie Gartenökonomin werden ließ, eine Entscheidung, die ebenfalls einen bezeichnenden Blick auf ihr Wesen, auf ihre Liebe zur Natur frei gibt, und eben jene Zeit, die Ritvas Lebenswege bestimmten. Denn sie lernte Sie, Lothar, kennen und lieben. Sie beschlossen, beieinander zu bleiben, was zu den vielfältigsten Aufenthaltsorten zunächst des jungen Paares in England, dann der werdenden jungen Mutter bei ihren Eltern in Finnland, dann der jungen Familie ab November 1971 mit Joachim und wenig später mit Volker in Bonn führte. Zeiten in der Schweiz schlossen sich an. Anja machte die Familie in Basel komplett. Aufenthalte in Florida, Schottland, Spanien, Italien, China und besonders Polen folgten. Sie machen deutlich, dass hier eine weitere Entscheidung Ritvas gefallen war, nämlich ganz der klassischen Rollenaufteilung von lehrendem Mann und Kinder und Haushalt versorgenden Frau zu folgen.

Dann machte das Familienschiff 1973 in Trier auf Dauer fest. Hier war der Ort, an dem Ritvas Kinder groß und flügge wurden. Sie stellte ihre Holzfiguren auf und gestaltete den Garten. Alle Pflanzen kannte sie auch mit dem von Linné gegebenen Namen.

Bei Garten- und Hausgestaltung, bei der Sorge für die Kinder, beim Bewirten der gern gesehenen Gäste, immer trat ihre verlässliche Kontinuität, das Durchhaltevermögen eines Langstreckenläufers an den Tag und bewies sich als stabilisierendes Moment. Gelegentlich konnte aus dem Schatten des Sisu auch ein finnischer Sarkasmus treten, und sie machte sich Luft mit spitzer Zunge. Auch diese Seite soll nicht verschwiegen werden.

Ritva lud ihre Akkus auf beim Wandern, in der Schweizer Zeit und später gern in den Bergen. Die Naturnähe gab ihr Kraft, denn in Blumen, Büschen und Bäumen hatte sie selbst ihre Wurzeln.

Ihre Gaben haben manchen von Ihnen beeinflusst. Nun ist es an Ihnen, eine von Ritvas Tugenden selbst in ihrem Leben wirksam bleiben zu lassen. Nämlich die Fähigkeit lassen zu können.

Man sagt, wer liebt, kann lassen. Nachdem Ritva Maria am 10. Oktober einen schweren Schlaganfall erlitten hat und ihr ihr Leben, ihre Lieben und Neigungen mehr und mehr entglitten, ja entrissen worden sind, sie am 07. Februar ihren Körper zurückgelassen hat – ist es an Ihnen, sie gehen zu lassen, ihre sterbliche Seite der Natur zurück zu geben.

Auf der Suche nach Heimat

Traueransprach über Gen 12, 1.4.5.

für

Viktor Spomer

18. Februar 2021, Trier

Gott sprach zu Abram: „Ziehe fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhause in das Land, das ich dir zeigen werde. … Da zog Abram fort, wie ihm Jahwe befohlen hatte, und mit ihm zog Lot … So brachen sie auf, um in das Land Kanaan zu ziehen und dort kamen sie an.

Seine Heimat zu verlassen, aufzubrechen und sich eine andere zu suchen, das ist Menschheitsschicksal. Im ersten Buch der Bibel wird am Beispiel der Figur des Abraham davon erzählt, aber schon im zweiten Buch vom Auszug der Kinder Israel geht dieses Schicksal weiter, später berichtet das Buch der Bücher von der Gefangenschaft in Babylon, dem Exil, und bei Jesus von der Flucht nach Ägypten.

In einem Land wohnen und bleiben zu können, es als Heimat verstehen und erfahren zu dürfen, das ist nicht unbedingt das normale. Darum ist die Abrahamserzählung so etwas wie eine Überschrift. Eine Überschrift über dem Leben von Millionen von Menschen.

Auch Viktor ist einer von Ihnen. Im Wolgagebiet geboren am 02. Februar 1939 musste er mit den anderen Deutschen seine erste irdische Heimat verlassen. Er war gerade etwa zwei Jahre alt. Und bis ins hohe Alter konnte er sich über die Lüge aufregen, die in der Aufforderung lag „Nehmt für zwei Tage Lebensmittel mit, das genügt“, denn in Wahrheit hat die Reise ins Exil viel länger gedauert. Und schon da fing der Hunger an. Der Hunger quälte ihn und sein Geschwister sodann, wenn sie allein zu Hause warteten, bis die Mutter endlich wieder von der Arbeit nach Hause zurückkehrte. Und er erzählte, dass sie in dieser Zeit gefroren haben.

1945 kam der Vater aus der Gefangenschaft zurück. Die Lage verbesserte sich ein wenig.

Viktor wurde erst etwa mit neun Jahren eingeschult. Auch das ein Stück Schicksal seiner deutschen Herkunft und seiner Umsiedlung nach Sibirien. 

Aber auch Glück wartete dort auf ihn. Er lernte Katharina kennen. 1957 heirateten die beiden. „Aus der Kälte wollten wir in die Wärme“, erzählte er mir, „also gingen wir nach Kasachstan“. Das war zwei Jahre nach der Hochzeit. Doch in Kasachstan war es zu heiß. In diesem Jahr hatte es keine Ernte gegeben; und der Umzug wurde wieder rückgängig gemacht. Allein, in Sibirien hatte ein anderer Kommandant das Sagen und er lehnte den Zuzug ab. Noch im November desselben Jahres zogen die Spomers nach Kirgisien. Sie glaubten fest an einen Neustart. Häuser wurden gebaut. Sie schienen angekommen.

Doch der Ruf der Schwiegermutter führte sie noch einmal für 16 Jahre nach Kasachstan.

Die Familie war gewachsen. Noch in Kirgisien waren nach 1959 die Kinder Viktor und Eugen zum Erstgeborenen Andreas dazu gekommen; 1967 und 1970 folgten nun noch Irina und Alexander.

Noch einmal hoffte man auf ein freies und klimatisch erträgliches Leben in Kirgisien und zog für 10 weitere Jahre dorthin. Aber die Bedingungen hatten sich verändert. Obwohl noch einmal ein Haus gekauft und für die Söhne Häuser in gemeinschaftlicher Anstrengung errichtet wurden, war die Einladung von Tochter Irina, nach Deutschland zu emigrieren ein Hoffnungsschimmer am Horizont, denn die Bedingungen für Deutsche wurden unter den Kirgisen immer unerfreulicher.

1991 dann also ein erneuter Aufbruch. Vieles wurde zurückgelassen. Und ein Stück weit ist wahr, dass Viktor auch sein Herz dort in Kirgisien zurück gelassen hat. Er sprach oft von der Selbstständigkeit, mit der er leben konnte, er träumte von der Landschaft, ihrer Weite und der Begriff der Freiheit verklärte sich. Denn Viktor meinte nicht die politische, sondern die, mit der er sich im eigenen Haus bewegen durfte.

Für ihn war das zu Beginn in Deutschland erschreckend anders. Kasernierung, dann Mitbewohner in Mietshäusern, die ihn einengten. Nach dem Aufenthalt in der Dasbachstraße von 1991 – 93 und der Zeit in Heilig Kreuz konnten die beiden Spomers nach Lorscheid ins Haus der Tochter ziehen.

Hier hatte er einige wenige glückliche Jahre. Dann kamen die ersten Krankheiten. Er verlor die Lebensfreude. Auch wenn die große Familie um ihn war und ihn nicht vergaß, schweifte er in vergangene Zeiten, dachte an glückliches Überleben in Russland, weil die Familie dort Hühner gehalten, auch mal Kühe gehabt und ein Schwein ihr eigen nannte.

Es ist Viktors Schicksal, dass die Aufbrüche und Versuche, in einem der vielen Länder Heimat zu finden, immer ein Stück von ihm behalten haben. Seine Kraft, sein Leben und auch ein Stück von seinem Herzen.

Abraham war eine Ankunft in Kanaan verheißen. Er wurde zum Stammvater eines ganzen Volkes. Wir dürfen sagen, dass er also an ein irdisches Ziel gelangt ist.

Viktor ist erst jetzt in einer Heimat angekommen. Nämlich dem Land, das Gott ihm nun öffnet. Das Land seiner Vervollkommnung. Denn der Himmel erst hat Viktor ein Zuhause geschenkt, an dem es keine schmerzlichen Erinnerungen, keine Entbehrungen, keine Ablehnung gibt, sondern es ist der unphysikalische Ort, an dem Gottes Liebe alles zurecht bringt, ihm die Annahme und Liebe schenkt, die er verdient hat.

Und dies in Ewigkeit.

In diese Welt wollen wir Viktor aus unserer irdischen entlassen.

Denn dort wird er endlich volles Genügen und seine wahre Heimat haben.

Amen.

gehalten

Traueransprache für

Wolfgang Ströher

über

Ps 73, 23.24.

Nun aber bleibe ich auf immer bei Dir. Du hast mich an meiner rechten Hand ergriffen. Nach Deinem Ratschluss wirst Du mich leiten und am Ende nimmst Du mich auf in die Herrlichkeit.

Zu Gott zu gehören, hat etwas ungemein Tröstliches. Der Konfirmationsspruch Wolfgangs nimmt das Bild von Mutter und Kind auf. Wenn ein kleiner Mensch nicht mehr weiter weiß, dann hilft es, seine Hand zu nehmen und das Kind zu führen. So einfach kann das für eine souveräne Kraft sein. 

Gott ist erst recht gefragt, wenn wir ganz und gar ohnmächtig, nämlich gestorben sind, dann unsere Hand nicht zu lassen sondern dahin zu führen, wo es gut für uns ist.

Zu unseren Lebzeiten kann so etwas auch durch die Hand von Freunden oder die der Eltern geschehen, so kann Gott in unserem Leben erlebbar sein, dass Eltern unser Leben so bahnen, dass wir vor Schaden bewahrt werden, dass wir diese elterliche Leitung als wohltuend erleben. So war das im Leben von Wolfgang.

Am 11. Dezember 1938 in Traben geboren, wuchs er dort auf, besuchte die Grundschule und dann in Traben Trarbach das Gymnasium. Dass er sein Abitur aber am Gymnasium von Zell absolvierte, diesen Wechsel verdankte Wolfgang der Aufmerksamkeit seiner Eltern. Entschieden hielten sie Schaden von ihrem Sohn fern, nahmen ihn gleichsam an seiner rechten Hand und schulten ihn um. Sie wissen warum. Und auch er dankte rückblickend für Sensibilität und Durchsetzungsfähigkeit seiner Eltern.

Eben diese Erfahrung von aufmerksamer Geborgenheit hat ihn später auch als Vater geleitet. 1961 hatten Sie, Helga, und er in Trarbach geheiratet. „Was macht einen Menschen glücklich?“ dieser Frage ging er als Vater von Ihnen beiden, Michael, geb. 1962 und Kerstin, geb. 1967 nach. Und die Antwort kennen Sie: er folgte der Maxime, fördere die Interessen Deiner Schützlinge, ermutige sie, lass sie in die Zukunft schauen, denn genau dieses Land von morgen gehört ihnen, wenn sie sich darin verwirklichen können.

Das ist so hilfreich anders als viele andere Eltern ihre Kinder leiten. Sie folgen ihren Interessen und ihrem Ehrgeiz.

Wolfgang dagegen sah von sich selbst ab. Nun ist ihm das nicht schwer gefallen. Denn er war von Natur aus ein Mensch, der von sich nicht viel Aufhebens machte. Einmal im Jahr die nötige Kleidung besorgt, das spricht eine klare Sprache gegen jeden Verdacht von Eitelkeit. Darstellung war ihm unwichtig.

Wichtig dagegen war ihm, seinen Prinzipien folgen zu können. In dieser Hinsicht war er sehr strukturiert. Ja, vielleicht war sogar der Kleidungskauf ein feststehender Eintrag in seinem Kalender.

In anderen Dingen dagegen war er sehr offen und visionär. Menschen und ihrem Verhalten gegenüber war er tolerant, sah das Herz, der betrieblichen Entwicklung sah er mit optimistischer Freude entgegen und arbeitete genau einer solchen glänzenden Zukunft in die Hand. In menschlichen wie beruflichen Dingen können wir ihn einen Optimisten nennen.

Er dachte das Gute von den anderen.

Und selbst verhielt er sich ihnen gegenüber fair, gerecht und immer großzügig. Gern zu geben, das war ebenfalls eine seiner Tugenden.

Anzunehmen dagegen, das fiel ihm etwas schwerer. In Umkehrung der Volksweisheit „geben ist seliger denn nehmen“ möchte ich vorsichtig zu bedenken geben, dass auch nehmen zu können eine Persönlichkeitsfrage ist. Vielleicht gehört es zum Licht von Wolfgangs positiven Charakterzügen, dass auf der Schattenseite die Befürchtung lag, in irgendjemandes Schuld zu stehen.

Nach den Jahren der Ausbildung in Bernkastel, den ersten Arbeitsplätzen in Mainz, dann in Frankfurt, Oberroden, Mannheim kam 1969 die Zeit in Luxembourg, die genau dieses freie Feld für eine aufzubauenden Zukunft anbot. Eine Generation lang, 30 Jahre, gestaltete Wolfgang an verantwortlicher Stelle die Entwicklung und Blühte der Deutschen Bank an diesem Standort.

Kurz nach Einführung des Euro verabschiedete er sich in den Ruhestand. Noch einmal eine halbe Generation lang war Ihnen beiden ein erfülltes Leben, Reisen auf den Spuren anderer Kulturen und ein Alltag begleitet durch ein angenehmes Kunstprogramm beschieden.

Dann warf die Krankheit ab 2014 ihre Schatten voraus. Zunächst kaum wahrzunehmen, dann zunehmende Unruhe und hörbarere Sprachstörungen.

So gut oder so belastend es auch verlief, im Grunde ist Wolfgang nun an der Demenz verstorben.

Er ist aus der Welt gegangen, für die ihm mehr und mehr die Begriffe fehlten.

Darum ist das Vertrauen in den festen Griff Gottes so wichtig. Auch wenn wir körperlich sterben, gehen wir nicht verloren. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Gewissheit Wolfgang seinem Schöpfer zurückgeben können.

Ich bin mir gewiss: jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes; und als solcher bleiben wir, die Sterblichen, vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Lassen Sie sich trösten, dass mit uns auch Wolfgang fest zu Gott gehört. Er nicht aus seiner Hand fällt; im Gegenteil, dass sein Konfirmationsspruch genau jetzt Wahrheit ist und wird und Wolfgang erlebt: und am Ende nimmst Du mich auf in Herrlichkeit.

Amen.

im Aufbruch

Beerdigungsansprache für

Herbert Reichertz

über Ps 31, 9

Herr, du stellst meine Füße auf weiten Raum

Liebe trauernde Familie, liebe mittrauernden Freunde. Ein Dankeslied steht über der Würdigung von Herbert. Der Psalmist singt davon, dass er nicht in Gefangenschaft geraten, sein Bewegungsraum nicht eingeengt wurde, sondern dass er sich bewegen kann, wohin er will. Freiheit ist es, wofür er dankt.

Bewegungsmöglichkeit, Freiheit, das spielte auch für Herbert eine wichtige Rolle. Seine Sportarten zeugen davon.

Doch fangen wir mit den Anfängen an. Mit dem vorletzten Januartag 1952. Da wurde er bei Zemmer Rodt geboren. Von Freiheit war da nicht viel die Rede. Im Gegenteil. Die Welt war einfach und beengt. Das Wasser wurde am Ol Ecken noch aus dem Brunnen geholt und Strom gab es noch nicht lange. Die Familie war ein Selbstversorger. Seinen Vater hat Herbert nicht kennengelernt, denn der starb früh. Seine Mutter erzog die Kinder. Er war der jüngste unter fünf Geschwistern. Die Mutter soll ein guter Mensch gewesen sein, ihre Schar aber streng erzogen haben.

Von Freiräumen war nicht die Rede, bewegen mussten sich die Kinder, arbeiten und vor allem täglich weite Schulwege zu Fuß bewältigen. Herbert besuchte die in Rodt. 

Mit 14 hieß, eine Ausbildung zu machen. Das Schulabschlusszeugnis in der Tasche, entschied sich Herbert für eine Lehre bei der Bahn. Es mag die Vernunft gewesen sein, vielleicht aber blinkt hier zum ersten mal die Sehnsucht nach der Ferne, nach Reisen in seinem Leben für uns wahrnehmbar auf. Und tatsächlich setzte ihn diese Berufsentscheidung in Bewegung. Zunächst an der Schranke, die noch gekurbelt werden musste, doch dann auch durchs Rheinland und das Saarland. Seine Einsatzorte sind nicht vollzählig, wenn mir einfällt: Trier – Ehrang – Daufenbach – Kordel – Saarlouis – Saarbrücken; aber die Liste gibt einen Eindruck von der Beweglichkeit, die man ihm abverlangte und die er auch gern an den Tag legte.

Herbert entdeckte parallel zum Beruf seine Liebe zum Wandern, zum Reisen im Wohnmobil. Seine Füße auf weiten Raum gestellt zu wissen, das erfüllte ihn. Auch erfüllte das Radfahren diese Sehnsucht nach Bewegung in der Weite.

In seiner ersten Berufsphase, begonnen hatte er 1966, ereignete sich nun etwas Wunderbares. Zu seiner Jugendliebe Brigitte hatte er stets Kontakt gehalten. Das war nicht immer einfach über die Entfernung und angesichts der damaligen Möglichkeiten. So entwickelte sich eine Postkartenliebe. Noch heute legen die Karten Zeugnis von der jungen Liebe ab. Herbert Grönemeyer singt vom „Stück Himmel“, das diese Texte beschreiben. Er bestätigt, dass auch Herbert und Brigitte sich gegenseitig bestärkten. Später wurden aus den Karten Zettel, die sich die beiden hinlegten, denn wenn der eine zur Nachtschicht aufbrach, kam der andere gerade nach Hause. Wieder singt Grönemeyer im Blick auf seine Liebe davon, was auch hier gilt, dass es verschworene Gemeinschaft zwischen den Eheleuten war. Es waren sozusagen geschriebene Küsschen, mit denen sich Sie beide behalfen.

Im Mai 1972 wurde geheiratet. Und sechseinhalb Jahre später, im September 1978 machte Sascha aus dem Paar eine Familie.

Nicht umsonst hatte Herbert die Beamtenlaufbahn gewählt, eine Welt nach Fahrplan, etwas, das seine Regeln hat, das entsprach seiner Ordnungsliebe. Er hatte einen entwickelten Ordnungssinn.

Der Blick in sein Berufsumfeld gibt aber noch einen anderen Zug von ihm frei. Das ist der auf sein kameradschaftliches Herz. Herbert wird richtig gezeichnet, wenn wir wissen, dass seine Kollegialität über den Dienstschluss hinaus reichte. Oft trafen sich die Kolleginnen und Kollegen nach Feierabend und in der Freizeit. Aus den Beziehungen entstanden gar Freundschaften. Beziehungen, die auch die Pensionierung übersprangen und bis in die jüngste Zeit aktiv blieben.

Dieser Geist, nicht aufzugeben, Dinge fortzuführen, bei der Sache zu bleiben, Kontinuität und Durchhaltevermögen an den Tag zu legen, das war ebenfalls Herbert.

Und das zeichnete ihn auch in der Krankheit aus. Die Lungennekrose schränkte seine Beweglichkeit immer mehr ein. Sie bestimmte seinen Radius. Der Umzug von Mariahof in die Erdgeschosswohnung in Ehrang geht auf sie zurück. Am 20.06 vergangenen Jahres ist er anlässlich des 90. Geburtstags seines Schwiegervaters zum letzten mal vor der Tür gewesen.

Auch hier gilt noch einmal, was Grönemeyer angesprochen hat, dass Paare sich wechselseitig schieben. Mal ist der eine stark und kann helfen, dann gibt es Phasen, in denen der andere der Gebende ist.

Die Krankheit hat Herbert gezeichnet. Wer ihn vor zwei Jahren kannte, sieht noch das überdurchschnittlich junge Gesicht vor sich. In wenigen Jahren haben die Anstrengungen und die Atemnot einen ausgezehrten Zug in sein Gesicht gegraben.

Nun ist Herbert am 08. Januar, drei Wochen vor seinem 69. Geburtstag gestorben. Für seine Familie und Freunde bedeutet dies Abschied zu nehmen. Aber für ihn selbst geht in Erfüllung, wovon der Psalm singt, dass Gott nun keine Grenze mehr zieht, alle Not, alle Einengungen vorüber sind, Herberts Füße nun wirklich auf weiten Raum gestellt sind. Es ist der grenzenlose Raum der Ewigkeit. Und, noch wichtiger, es ist der Raum, der von Gottes Liebe erfüllt ist, denn Herbert darf nun sein, wo sie ihm scheint.