beim Wort genommen

Ansprache für Günter Michalke

18. Dezember 2020, Gutweiler, Pfarrkirche Cosmas und Damian

über

Joh 20, 24 – 28

Thomas aber, einer von den Zwölfen mit dem Beinamen Zwilling, war nicht dabei, als Jesus zu ihnen gekommen war. Die anderen Jünger sagten zu ihm: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Doch er gab ihnen zurück: „Wenn ich nicht an seinen Händen die Nägelmale sehe und meine Finger an die Stelle der Nägel und meine Hand an seine Seite legen kann, werde ich es nicht glauben.“ Acht Tage später nun waren die Jünger wieder drinnen beieinander, und diesmal war Thomas mit dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“ Und dann zu Thomas: „Lege deinen Finger hierher und sieh hier meine Hände, nimm deine Hand und lege sie hier an meine Seite – und sei nicht mehr ungläubig, sondern gläubig!“ Da sprach Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“

Gemeinschaft, Skepsis und die Macht des Wortes, davon spricht der Evangelist hier. Das Diktum dieser drei, als wäre es über das Leben von Günter Michalke gesetzt! 

Natürlich ist ein Leben mehr als wir hier in ein paar Sätzen beschreiben können. Mehr auch, als ich unter der Überschrift dieser drei entfalten kann.

Doch die Achsenstunden seines Lebens, Schicksalsmomente auch, und die Kontur seiner Persönlichkeit gehören unter diese drei: Gemeinschaft, Skepsis und das Wort.

Denn Günter Michalke, von seiner Frau auch liebevoll Micha genannt, und am 08. Juni 1929 zu Berlin geboren war Einzelkind. Früh lernte er, seinen Gedanken folgen zu dürfen und diese ungestört zu entfalten. Gern hätte seine musikalische Mutter erlebt, dass der Junge das Klavierspielen erlernt. Allein, Günter genügte das Hören. Später gab es kaum eine Musik, die er nicht kannte, erkannte und zuordnen konnte.

In der Mitte seiner späteren Familie, seiner Frau und seiner beiden Kinder, aber auch als Gastgeber im Fokus seiner bei ihm versammelten und diskutierenden Studenten und nicht zuletzt in der Runde der im Hause Michalke stattfindenden Bibelkreise wusste er sich gut aufgehoben und genoss die Gespräche und Debatten vordergründig zwar um der Inhalte willen, doch im Herzen wegen der erlebbaren Gemeinschaft, die im Haus Im Brühl in Gutweiler so warmherzig gepflegt wurde.

Diese Nähe kompensierte etwas von der Trennung und Verlorenheit, die der 15 Jährige im Häuserkampf um Berlin erleiden musste. Mit 220 anderen Jungen wurde er mit Panzerfaust und Maschinengewehr in die Schlacht geschickt, die von Anfang an verloren und nichts anderes als ein Schlachten war. Nur acht dieser Jungen haben den Untergang der Reichshauptstadt überlebt. Bis in seine letzte Stunde sah er die sterbenden Kameraden vor seinem geistigen Auge in ihrem Blut inmitten der Trümmer Berlins liegen.

Eingraviert also in ihn die Sehnsucht nach überwindender, nach überlebender, überzeugender Gemeinschaft.

Zunächst aber holte der wider Willen früh gereifte Knabe 1948 sein Abitur nach  und studierte an der TU Berlin.

Ein Schlüsselerlebnis für seine Studienwahl ereignete sich in der Zeit der Kinderlandverschickung in der Tschechoslowakei 1943. Mit den Eltern eines besuchten Freundes und diesem machte er einen Ausflug nach Olmütz. Eigentlich hatte Günter vor, Schiffe zu bauen. Doch nun angesichts des zu Beginn des 12. Jahrhundert gegründeten Wenzels Dom, seiner drei himmelstrebenden Türme und der überragenden Gewölbe wurde er von einer Begeisterung ohnegleichen hingerissen und rief „Ich werde Architektur studieren“. Intuitiv begriff er, dass die Baumeister der Gotik die normannischen Bootszimmerleute waren, die Schiffsrümpfe mit ihren Spanten drehten und so die Stabilität der Kreuzrippengewölbe erfunden haben.

Und er las sich ein. Er stieß auf die Lichtmetaphorik der gotischen Kathedrale, dass sie der hell durchflutete Edelstein in der Mitte der Stadt, im Zentrum des himmlischen Jerusalems sein solle. Abbild der himmlischen Harmonie auch hier auf Erden durch das Zahlenspiel mit der Mathematik, die über die Übersetzung des Aristoteles aus dem Arabischen ins Latein des Hochmittelalters kam, die Statik wachküsste und die rein erfahrungsdimensionierte Steinkunst der Romanik ablöste.

Günter war begeistert. Er baute Modelle, die heute noch erhalten sind. Er rechnete, zeichnete und entwarf.

Ein erstes Architekturbüro beschäftigte ihn in Düsseldorf. Dann folgte die Schicksalsstation Saarbrücken, die ihn 1959 Ingeborg auf dem Münsterturm von Straßburg treffen ließ.

Die beiden erkannten, dass die neugierig fragende Ingeborg und der in allen Fachrichtungen kompetent Auskunft gebende Michael ein gutes Gespann sein würden. Nach der Hochzeit folgten drei Jahre in Köln, wo 1961 Nele aus dem Ehepaar eine Familie machte. Die acht Jahre im schwäbischen Biberach schenkten Nele einen alemannischen Zungenschlag und 1967 eine Schwester: Berenike.

Die Gründung der Universität Trier, derer wir in diesem Jahr gedachten und die gewaltigen Bauvorhaben auf den Tarforster Höhen hatten auch die Michalkes an die Mosel gerufen. Günter wirkte am Gebäudegrundkonzept, ebenso am Landschaftsbild des Hochschulgeländes mit und entwarf letztendlich die Universitätsbibliothek der Einrichtung. Seine erhaltenen Modelle zeugen von einem ganz anderen Dach, das er ursprünglich vorgesehen hatte. Ein Zeltdach für die Unibibliothek, ähnlich dem seines Eigenheimes.

Zu Hause wurden die Töchter Nele und Berenike flügge und es scharte sich eben jene Zuhörerschaft auch im privaten Raum zusammen, die den Architekten und Dozenten Günter als inspirierend und bereichernd schätzen gelernt hatten. Dies nicht zuletzt in den 13 Jahren seiner Dozentur an der Fachhochschule im Bereich Baugeschichte und Architektur-Betrachtungen.

In die Gemeinschaft vor allem der Bibelkreise brachte sich sodann der seit 1986 verrentete Micha mit aller Skepsis ein. Er, der getaufte Katholik, betrachtete die Botschaft der Konfessionen mit Nachdenklichkeit. Er war gleichsam selbst der Thomas in der Runde der Bibelleser. Günter war ein suchender Zeitgenosse. Oft hörte er den Diskutanten lange zu, ehe er sich zu Wort meldete. Er brachte seine Anfragen auf dem Fundament seiner enormen Belesenheit vor, sein kritisches Hinterfragen hatte immer einen Hauptnenner: das absolut Gute. Ganz klar: der Skeptiker Micha war ein Idealist. Er fragte nach dem, was an Gutem für die Menschen aus den Entscheidungen der Politik und den Satzungen der Religion ersprießen könne.

Er stellte Querverbindungen her zwischen Mathematik und Musik, Architektur und Geschichte, der Bibel und neuerer Literatur, er verstand sich auf die Zahlenmystik der Gotik und die Botschaft ihrer Gebäude ebenso wie auf Rudolf Steiners Auslegung der Bibel.

Berühmte Musiker ertauben – Günter, der Mann der Zeichnungen, der Baumeister, Schöpfer optisch wahrnehmbarer Gestalt erblindete. Je weniger er sah und neu lesend aufnehmen konnte, desto wichtiger wurde ihm das Wort. Das erlernte, das erlesene, das erinnerte, aber auch das himmlische Schöpferwort. Nach Gott fragte er, blieb neugierig auf ihn, diskutierte mit der Familie und dem Bibelkreis.

Meine Finger an die Stelle der Nägelmale legen, das hat nicht nur etwas Skeptisches, es hat von der Theatralik eines, der ein dramatisches Geschehen nachzeichnen will, ja der hineinkriecht ins Geschehen und es ganz genau wissen möchte. Das wollte Günter. Es genau wissen. Darum las er – bis, ja bis die nachlassende Kraft der Augen ihm dies verbot. 

Erblindet – und auch hier bieten die Worte des Evangelisten eine parallele Deutung an – war Micha aufs Fühlen geworfen.

Dieses Gefühl zeigte sich zuletzt vor allem in der Dankbarkeit. Wie ein Weiser nahm er die Welt, die eigenen beschränkten Möglichkeiten an. Er klagte nicht.

Im Gegenteil, er wusste um die Zuwendung, die im zuteil wurde und er sagte es seiner Frau, er sagte es Mariola, er sagte es seinen Kindern dieses Wort: Danke.

Nun steht der skeptische Denker Micha vor seinem Schöpfer. Dessen Wort erschließt und deutet ihm nun alles. Im Licht seiner annehmenden Liebe erkennt er sich als dessen Kind. 

Die Gemeinschaft mit Gott erfülle ihn, und dessen zurechtbringendes Wort lasse Micha die himmlische Vollkommenheit erleben. Lasse ihn schauen, was seinen irdischen Augen zuletzt nicht mehr möglich war. Das Wort Gottes, durch das jede Gleichung eine Lösung, und alle Welt ihren Frieden erhält. Das Wort eben, das überzeugt und Gewissheit schenkt, das aus Zweiflern Gläubige macht.

Amen

mit Contenance die Zeit ausgekauft

Traueransprache für Helga Israel

Osburg, St. Clemens, 09.12.2020

über

Röm 12, 12

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Drangsal, beharrlich im Gebet

Helga Israel, geb. Le Noir gehört zu den gesegneten Menschen, denen viel Zeit gegeben worden ist. Ich meine damit nicht die Jahrzehnte über die im Psalter beschriebenen „70 und wenn es hoch kommt 80 Jahre“ hinaus, die sie bis in ihr 10. Lebensjahrzehnt ausdehnen durfte,

sondern ich meine die Zeit, die sie jeweils brauchte, um sich in einem bestimmten Alter entwickeln zu können – diese Zeit wurde ihr gegeben. Das bedeutet nicht nur ein Leben in der Fülle der Jahre, sondern eines, das auch mit allen Höhen und Tiefen, Freuden und Abschieden eines solch langen Zeitraums beladen worden ist.

Dieses Leben begann für sie in Kassel im Juni 1923. Sie wurde in die Mitte einer bergenden Familie hineingeboren. Die Eltern führten eine harmonische Ehe. Auch in der Kinderschar nahm sie die Position in der Mitte zwischen den beiden Schwestern ein.

Doch dann, als sie 15 war und ihre jüngere Schwester zur Welt gekommen war, setzte auch für sie das ein, was sie für ihre Tage weiterhin geprägt hat. Die Pflicht, für andere Verantwortung zu übernehmen. Im Aufblühenlassen dieser Gabe hat sie es im Leben weit gebracht Dieses Charisma ist in ihr gewachsen und sie hat große Freude an ihm entwickelt. Sie schätzte es, in der Mitte einer wachsenden und auf verschiedenen Gebieten tätigen Familie verankert zu sein.

Wir dürfen ihre behüteten Kinderjahre als das Fundament verstehen, das ihr die Stärke gab, an sich selbst zu glauben, den nötigen Willen zu entwickeln. In ihrer späteren Kindheit streute die Ideologie der Nationalsozialisten ihre strenge Würze mit ihrer Jugendarbeit und ihrer Ideologie der Härte in ihre persönliche Entwicklung und prägte Helgas Ansatz in ihrer Pubertät.

Bedeutender war aber die elterliche Mitgift, die den Strauß verschiedenster Bezüge band, die sie wieder und wieder zum Leben herstellte. Da war zunächst der zur eigenen Herkunft. Die Familie Le Noir gab ihr den Blick frei auf eine vermögende, kulturschaffende Vorfahrenschaft. Sie war und blieb sich bewusst, dass Herkunft Identität schenkt.

Dann war da der Bezug zur Kultur. Der Vater lebte mit Vergnügen neben seinem Broterwerb als Bankkaufmann die Liebe zur Schauspielerei. Er malte. Und diese Leidenschaften im Bereich der Kunst öffneten Helga den Verstand für diese Seite des Menschseins. Sie lernte, dass der Umgang mit Kultur sprachfähig macht. So wurde die Gymnasiastin eine Freundin der klassischen Bildung.

Sie selbst wäre gern Ärztin geworden – Sie sehen, dass der Altruismus schon früh mitgegeben war. Doch spielte bei diesem Wunsch auch der Beruf ihres ersten Freundes hinein in ihre Zukunftsvorstellungen, auf dessen Heimkehr sie nach dem Krieg wartete.

Und hier wird deutlich, dass auch sie selbst sich und ihrem Leben Zeit gab. Sie wartete sieben Jahre auf den Verlobten. Eine Penelope aus Kassel, die die Bomben auf ihr Elternhaus nach Marburg vertrieben hatte.

Hier sponn sie ihre Fäden bzw. hier nähte sie, denn sie hatte inzwischen eine Lehre als Schneiderin abgeschlossen. Und hier webten wiederum die Erinnyen an ihrem Schicksal, denn sie ließen ihr nach der langen Zeit vergeblichen Wartens auf den Verschollenen  Hans Israel über den Weg laufen, der laut Papieren allerdings ordentlich Karl Theodor mit Vornamen hieß. 

1952 traten die beiden in der Elisabethkirche zu Marburg vor den Altar und gaben sich das Jawort.

Der lebensfrohe, pragmatische und handfeste Hans reimte sich auf ihr Wesen. (Symbol von sym-ballein). Beide ergänzten sich, beide machten Kompromisse. Die musikalische Begabung und die Herkunft vom Stadtbaumeister passten zu Helgas Standes- und Bildungsbewusstsein.

1953 machte Wolfram eine Familie aus den beiden. Christian kam 1954 dazu. Regina wurde der Familie im Jahre 1956 geschenkt und den Doppelpunkt setzten 1960 Roland und Gernot.

Helga wiederum sah sich in den Stunden der berufsbedingten Abwesenheit ihres Mannes in ihrer Stärke gefordert. Auch ihr Humor war ein guter Begleiter. So formulierte sie z.B. den Seufzer „Ich arme Schnecke“, wenn sie auf die imaginäre häusliche Last auf ihrem Rücken hinweisen wollte.

Wir haben aber schon erkannt, dass sie in ihren Jugendjahren zu einem Menschen geworden war, der viel einstecken konnte, ein Mensch, der nicht zum Weinen oder Klagen aufgelegt war. Jemand, der nicht intensiv über die eigene Belastung nachdachte, sondern eher die der anderen sah und Hilfe anbot. Fragte man sie beispielsweise in hohem Alter „Hast du Schmerzen?“ dann antwortete sie verschmitzt „Ich habe viele Stellen am Körper, wo mir nichts weh tut“.

Positives Denken, antrainierte Resilienz und die hohe Bedeutung der anderen, ihrer Kinder lassen in ihrem Verhalten den Rat des Apostels Paulus wahr werden: Seid fröhlich in Hoffnung … Hoffnung fehlte ihr nie. Fröhlichkeit umgekehrt ging von ihr aus und riss andere mit.

Gerade die grauen und manchmal noch hungrigen ersten Nachkriegsjahre wandelte sie für sich und die ihren durch diese ihre Einstellung in viele schöne Stunden. Sie war bemüht, eine heile Welt erstehen zu lassen, ins grau Farbe zu bringen. Unvergessen ist den Kindern ihr Abendlied, das heute noch einmal erklingen soll. So sprach sie ihnen den Abendsegen singend zu.

Aber neben der Innerlichkeit gab es auch wichtige Äußerlichkeiten, ja, den Siegelring der Israels, den schätzte sie auch, aber wichtiger war ihre Liebe zum Stricken. Unvergessen waren ebenfalls die selbstgestrickten Isländerjacken, mit denen alle ihre fünf Kinder ausgestattet wurden. Von ihrer Strickleidenschaft zeugt jener treverensische Film, in dem sie einen Sportler das Stricken lehrt und der Anfang des Fanschals im Hof der Residenz gemacht ist. Bis ins 92. strickte sie und allein an Socken sollen es 577 Paare gewesen sein.

Last but not least würde ihr Bild nicht vollständig ohne ihre Freude an der Konversation zu nennen. Sie schätzte den Austausch mit ihren Lieben, aber eben auch den auf gesellschaftlicher Ebene. Darum betrieb sie emsig die Dante-Alighieri-Gesellschaft, sorgte für das jährliche Theaterabo und nahm gern an den kulturell-gesellschaftlichen Erfolgen ihrer Kinder teil.

Sie sah in ihnen die Früchte ihres erzieherischen Bemühens und so manch praktischen Einsatzes.

In diesem Sinne wird sie selbst an zukünftigen Ergebnissen ihren Anteil und sie selbst so in der Großfamilie lebendigen Bestand haben.

Dort, wo sie jetzt ist, dürfen wir es Konversation Gottes mit ihr nennen, die sich als Annahme, als Wertschätzung, als Zurechtbringen des eventuell Unvollkommenen, als tröstliche Gegenwart ob der Verluste in ihrem irdischen Leben, kurz als Liebe buchstabiert.

Geben wir Helga also ihrem Schöpfer zurück. Er wird es wohl machen.

Amen

Auf den Boden kommt es an

Beerdigungsansprache über Mk 4, 1 – 9

für

Eberhard Prehn,

06. November 2020, Ehrang

Vor nicht allzu langer Zeit, als es so heiß war wurde Rasensamen im Garten ausgebracht. Als sich nach ein paar Tagen noch kein Rasenhälmchen gezeigt hatte, fragte ich den Gärtner.

Er antwortete mir mit einem Wort, das ich so schnell nicht vergessen werde. Der Mann sagte: der Rasen denkt jetzt!

Welches gewagte Einfühlungsvermögen: der strohern daliegende Rasen denkt darüber nach, welche Chancen er hat aufzugehen. Er fühlt in den Morgentau, tastet nach der Qualität der Erde, summiert die Sonnenstunden und weiß, wann es wie viel regnet.

Und tatsächlich, obwohl überall ums Haus derselbe Rasen gesät worden war, keimte er an den Schattenseiten zuerst – hier hatte der Keimling die besten Chancen, nicht zu verbrennen. An besonders exponierten Stellen liegt der Same heute noch unaufgeschlossen – wartet auf seine Zeit.

Dieses Wunder der denkenden Natur  hat mich den Menschen neu sehen gelernt.

Denn das folgende Gleichnis vom Sämann benutzt Jesus aus keinem anderen Grund, als uns den Menschen zu erklären. Wie der Rasen bedarf auch der Mensch eines Wurzelgrundes, um gedeihen zu können.

1 Und wieder begann er, am Seeufer zu lehren; und eine riesige Menschenmenge drängte sich bei ihm zusammen, so dass er in ein Boot steigen und sich auf dem Wasser niedersetzen musste, während die ganze Menge zu Lande am Seeufer war. 2 Und er hielt ihnen eine lange Lehrrede in Gleichnissen und sagte darin folgendes:

3 „Hört! Also, ein Sämann ging aus zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg: da kamen die Vögel und fraßen es auf. 5 Anderes fiel auf den Felsboden, wo es nur dünnes Erdreich gab, und ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. 6 Doch als die Sonne brannte, wurde es versengt und musste verdorren, weil es keine Wurzeln hatte. 7 Anderes fiel unter die Disteln, doch die Disteln überwucherten und erstickten es; es konnte keine Frucht bringen. 8 Anderes fiel auf guten Boden und wuchs auf, reifte und brachte Frucht und trug dreißigfach, sechzigfach, ja hundertfach!“ 9 Und er sagte: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ 

Heute bei der Würdigung von Eberhard Prehn geht es bei der Auslegung weder um die Oberflächlichen, die einfach oben liegen bleiben, weil Tiefgang nicht ihre Sache ist, es geht auch nicht um die, die im Gestrüpp einer lieblosen Welt hängen bleiben, um die Strandenden,

sondern es geht um den Wurzelgrund der Heimat, der im Leben von Eberhard eine Rolle spielt.  Da sind zunächst seine Eltern. Der Vater, ein gelernter Bankkaufmann, der auf dem Bauamt seinen Schreibtisch hatte, und dem die Gabe, Gefühle zu zeigen nicht mitgegeben war.

Dann die Mutter, die ihre sechs Geschwister in schwierigen Zeiten großzuziehen gehabt hatte, die also in Sachen Kinder ebenso praktisch dachte wie sie Sehnsucht nach einem eigenen Leben hatte.

Zwischen ihnen beiden wuchs Eberhard auf. Er war das einzige Kind. Und er blieb als Kind allein. Da die Großeltern behindert waren und nicht helfen konnten, die Mutter aber in der Kriegsindustrie arbeiten musste, war Eberhard oft auf sich allein gestellt.

Er lernte so, noch bevor er zehn Jahre alt war, die Dinge mit sich selbst auszumachen.

Wenn Menschen ihn später als gesetzte, als ruhige, als in emotionalen Dingen zurückhaltende Person einschätzten, dann mag das daran gelegen haben, dass in den Jahren bis Kriegsende kein Raum für kindliche Gefühle und kein Gegenüber für deren Bestätigung da war.

Es war die Zeit, in der Jungen gesagt wurde „ein Indianer zeigt keinen Schmerz“. 

Und es war die Zeit, in der tatsächlich der heimische Wurzelgrund unter den Füßen weggezogen wurde. In Schweidnitz,  Niederschlesien, südwestlich von Breslau, wo Eberhard am 27. April 1936 geboren wurde, konnte die Familie nicht bleiben, so ließ Eberhard zwangsläufig seine erste Heimat hinter sich, seine Spielgründe und was ihm vertraut war.

Es ging nach Westen. In Ilmenau wurde die Familie eingewiesen. Der Bewohner der Stockwerkswohnung musste ihnen ein Zimmer abgeben. Schulunterricht gab es für Eberhard keinen, aber eine Mitbewohnerin unterrichtete ihn behelfsweise, bis es dann weiter ging nach Erfurt.

Hier hoffte der junge Mann richtig einwurzeln zu können. Eine Ausbildung sollte sein Fundament sein. Er schloss die Schule ab. Die Firma Telefunken kam seiner Liebe zur Präzision entgegen mit der Lehrstelle als Feinmechaniker. Den Gesellenbrief hatte er in der Hand. Und „Telefunken“ übernahm ihn.

Nach dem Schulausfall durch Krieg und Vertreibung hatte Eberhard das erste mal das Gefühl, festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Den Westbesuch mit der Mutter hielt er beim Aufbruch für eine kurze Episode, man reiste mit kleinem Gepäck. Allein – sie eröffnete ihm westlich der Zonengrenze in Bad Oeynhausen angekommen, dass auch dieser Ortswechsel ein Aufbruch ohne Wiederkehr sein werde.

Vielleicht ist Trauma das passende Wort, um zu beschreiben, dass Eberhard sich abermals wie aus dem Wurzelgrund gerissen fühlte. Konnte er noch vertrauen , dass es einen Boden gibt, auf dem er bleiben, einwurzeln und sich entfalten darf?

Dieser Ort lag in der Pfalz. Wöllstein war es, wo sie zunächst bei einem Winzer unterkamen. Eberhards Vater machte diesem die Buchhaltung.

Ein neues Kapitel in seinem Leben wurde aufgeschlagen. Im Technikum in Bingen studierte Eberhard, um Elektroingenieur zu sein.

Die Zugfahrten zum Studienort unternahmen viele junge Leute. Uschi, Wolfgang, Eberhard und Anneliese trafen sich oft im Abteil. Irgendwann hielt Eberhard der strickenden Abteilgenossin gehorsam das Wollknäuel.

Es war, als hätte er den Fadenanfang einer lebenslangen Verbindung ergriffen. Die beiden verstanden, dass sie sich gemeinsam auf der Lebensreise befanden. 1959 hatte Eberhard als Ingenieur beim RWE begonnen, das erste Geld wurde verdient; und im Sommer vier Jahre später, 1963, konnte geheiratet werden.

Die Arbeitsstelle lag in Bad Kreuznach, eine Zweizimmerwohnung wurde daselbst gefunden. Hier nun wurde der Grundstein der Familie gelegt. Der Baum fasste Wurzeln und ein Nest entstand. 1964 wurde Eckard geboren und 1971 machte Annemarie die Familie komplett. Dies allerdings schon im Häuschen in Ebernburg, welches 1968 bezogen werden konnte.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war es der Quellpunkt der Familie und das Refugium des Ehepaares.

Also gab es für Eberhard doch einen Ort, den man bei dieser Verweildauer getrost als Heimat bezeichnen darf, an dem er sich und seine Kinder wachsen sah.

Aus der Erfahrung seiner Kinder- und Jugendtage gestaltete Eberhard diese Phase ganz bewusst. „Ich war ein Schlüsselkind. Meine Kinder sollen es anders erleben“, wünschte er sich. So hatten Sie eine Mutter, die Sie zu Hause empfing, wenn Sie aus der Schule kamen.

Der Vater widmete konsequenter Weise die Wochenenden seiner Familie. Das war sein Anteil. Dazu gehörten auch die Verwandtschaft, gegenseitige Besuche und gemeinsame Unternehmungen.

Diese Konzentration auf die Familie in seiner freien Zeit empfing eine bedeutsame Erweiterung durch Eberhards Entdeckung der Langsamkeit. Wandern und Radfahren schenkte die angemessene Geschwindigkeit im Urlaub, so dass dem Menschen und der Beziehung zwischen den Menschen genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden konnte.

Von Seiten Eberhards ein kompensatorischer Akt, das haben wir schon verstanden.

Er, der Elektroingenieur und Feinmechaniker, der mit dem Mikrometer maß und gleichzeitig in Gefühlsangelegenheiten so unberedt war, er wusste um die Bedeutung des Heimatbodens für sich. Er wusste, warum Genauigkeit ihm Halt gab; warum er das Maß der Anerkennung anderen gegenüber oft an deren Liebe zur Präzision festmachte. Er wusste um den preußischen Teil seines Mutterbodens.

Doch er gehörte in seiner Liebe und mit seinem positiven Denken gleichzeitig auch zu der letzten Gruppe, von der Jesus spricht, zu denen, die nach dem Sinn fragen und nach dem, was trägt.

Zu denen, die nicht mit einfachen Antworten zufrieden sind und nicht mit einer mediengemachten Meinung, sondern in die Tiefe gehen;

die, die sich nicht anpassen, sondern eine Meinung haben, die diesen Namen verdient: „Meinung“, also etwas, das meins geworden ist, etwas von mir persönlich, etwas, das ich mir angeeignet, erlitten, erlebt habe. 

Die Nichtangepassten, die auch noch in schweren Situationen eine Deutung finden,

die sogar dem Leiden Sinn abgewinnen können

und die dort, wo für andere kein Sinn am Horizont letzter Fragwürdigkeit auszumachen ist, doch das Vertrauen in eine führende Hand behalten.

Genau diesen Glauben wünsche ich Ihnen: dass nämlich Gott einen Menschen, der stirbt, eben nicht aus der Hand verliert, sondern im Gegenteil zu sich zieht!

Ich wünsche Ihnen die Überzeugung, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist; und wir als solche, wir die Sterblichen, vor ihm dem Ewigen so lebendig bleiben.

Und damit die Gewissheit, dass Eberhard bei Gott angekommen ist und Sie ihn hier auf Erden gehen lassen können.

Amen.

Die Genauigkeit der Buchhalterin

Traueransprache

für 

Kunigunde Lorenz

über

Lk 6, 38

16.10.2020, Friedhof Ruwer

Gebt, so wird euch gegeben werden. Ein gutes Maß voll, zusammengedrückt, überfließend, wird man euch in den Schoß schütten; denn mit eben dem Maß, mit ihr zumesst, wird Gott euch zumessen.

Sie alle kennen noch eine Lohnbuchkladde? In hohem schmalen Einband gefasst reihen sich Seite für Seite die sorgsam gestaffelten Spalten. Die Zeilen füllt der Buchhalter mit seinem Stift oder Füller, in Sütterlin oder Fraktur. Die Spalten aber gaben alles bis auf den Heller und Pfennig vor, sie waren gleichsam die aufgerichteten Notenlinien, die die Melodie des Lebens spielte. Zumindest die des Einkommens, der Überstunden und Abzüge.

Kunigunde Tibo sollte Lohnbuchhalterin werden. Der Bahnhofsvorsteher aus Staudernheim hielt es für den richtigen Beruf für seine am 17. Mai 1928 noch in Cochem geborene Tochter Angela Kunigunde.

Und so wurde sie Lohnbuchhalterin, im Blick auf Aspekte ihrer Persönlichkeit nicht die unpassendste Entscheidung.

Denn als spätere Ehefrau von Theodor Lorenz und Mutter von Achim erwies sie sich als exzellente Köchin. Sie nahm das Kochbuch so genau als Handlungsanweisung als beschriebe das Rezept die Zehn Gebote. Bei den Zutaten durfte in keiner Richtung abgewichen werden. Diese Genauigkeit mag eine Folge ihres zur Exaktheit aufgeforderten Berufes gewesen sein, oder aber sie brachte diese Liebe zur Genauigkeit schon mit und der Vater, der Bahnhofsvorsteher, hatte die richtige Eingabe bei der Berufsvorgabe seiner Tochter.

Der Mann muss überhaupt nicht nur souverän sondern auch von einem verschmitzten Humor gewesen sein, wie er seinen Stammtischbruder, den Dorfpolizisten darüber im Unklaren ließ, dass seine Tochter im Besitz des Motorradführerscheins war; und nicht – wie der Ordnungshüter glaubte – ohne Erlaubnis mit dem Zweirad ihres Vaters im Ort unterwegs war. Lassen Sie sich diese Geschichte im Anschluss an die Beerdigung von der Familie erzählen.

Kunigunde jedenfalls machte die Vorgabe ihrer Kladden auch zum Maß ihrer Haushaltsführung. Sie kochte und buk nicht nur aufs Gramm genau die Vorgaben von Dr. Oetker nach. Sie hielt auch bei der Anzahl ihrer Rezepte Maß. Die war überschaubar. Sie reichte weit über die Woche hinaus, war aber ohne den Anspruch, über Monate hinweg jeden Tag ein neues Gericht auf den Tisch zu bringen. Bei den Kuchen ließen sich die Favoriten Sandkuchen, Käsekuchen, Bienenstich und kalter Hund an einer Hand aufzählen.

Irgendwann in den Jahren 1946/47 war Theodor in seiner Position an der Zugangssperre zum Bahnsteig von Sobernheim auf die junge Kunigunde aufmerksam geworden. Jeden Morgen kam sie dort an, um vom Bahnhof in Sobernheim zu ihrem Arbeitsplatz zu eilen. Des Nachmittags zurück Richtung Staudernheim. Er sprach sie an und gewann ihr Herz.

Am 25.12.1950 verlobten sich die beiden und genau drei Jahre später wurde in Sobernheim am 19. 12. die Hochzeit gefeiert.

Mit der Versetzung von Theodor nach Trier, fand auch Kunigunde eine Arbeit hier an der Mosel. In der Lohnbuchhaltung bei Hägin verdiente sie das, was der Familie ein Auskommen erlaubte. Als Achim im September 1959 aus dem Ehepaar diese Familie machte, brach ihr Anteil am Einkommen weg. Alle ihre Ansätze, wieder in den Beruf zurück zu kehren scheiterten am Schichtdienst des Ehemannes.

Kunigunde fügte sich. Es ist eine ihrer ganz großen Tugenden, dass sie sich wie kaum ein anderer zurückzunehmen verstand. Sie gliederte sich ein, wusste, dass der Schichtdienst und das Kind einen Tribut von ihr forderten. Sie war eine Frau, die sich gern über den Beruf definiert hätte.

Darum tastete sie sich ungemein vorsichtig in ihre Aufgabe als Mutter. Traute sich nicht, den kleinen Achim zu baden, hatte Angst, er könnte entgleiten und ertrinken. So musste für etliche Wochen Tante Hilde ins Haus kommen, bis diese eines Tages entschieden abreiste und Kunigunde in ihre Aufgabe hineinwuchs.

Kunigunde sang das Loblied der Harmonie. Sie übernahm das Unumgängliche, sie füllte ihre Aufgaben aus, sie war gutmütig und vor allem hat sie immer wieder zurecht gebracht, wieder ins Lot gebracht, was an anderer Stelle in Schieflage geraten war.

Das rechte Maß eben, das war ihre Welt. Die Summe am Ende der Lohnbuchspalten musste stimmen.

In diesem Sinne hat sie ihr letztes gegeben.

Ich bin mir sicher, dass genau darum das Jesuswort eine Wahrheit für sie in Ewigkeit ist, dass Gott ihr überfließend und anerkennend zumisst, wie sie gegeben hat.

Im Leben war das ihre Rolle in der Ehe, war das die nimmermüde Mühe als Mutter, war das die Unterstützung ihres Mannes bei seiner Vereinstätigkeit im Tennisverein, war das die kulinarische Versorgung der Mitglieder, war das die hingebungsvolle Liebhaberin von Rosen und die Freude an den Orchideen. Die Rose auf der Urne ist ein Symbol für dieses Gesicht von ihr.

Die andere Seite ist die Unbeholfenheit in technischen Dingen. Sie meinte z.B. Küchenmaschinen trachteten ihr nach dem Leben. Haushaltsmaschinen hielt sie grundsätzlich für gefährlich und mied sie so weit sie zu entbehren waren.

Dieses Gesicht von ihr, sich nicht mit neuerer Technik, mit neuen Lebensherausforderungen anfreunden zu wollen, zeigte sich mehr und mehr in einer Furchtsamkeit.

Beruhigend war das Verlässliche. Der tägliche Ausflug ins Viezlokal, sei das in Trier, in Kenn, in Schweich oder in Longuich, brachte das Gespräch mit Bekannten, hielt die Gewohnheit hoch und schenkte so Beruhigung.

Andererseits wurden ihr im Alter die Dinge und die Menschen immer fremder. Sie vergaß. Und sie erschrak gleichzeitig über dieses Abhandenkommen von vertrauten Gesichtern. Eigene Familienmitglieder wurden zu Unbekannten. 

Achim schreibt in der Anzeige: „Als ich mich und meine Liebsten nicht mehr wahrnahm“, … da wurden die Ängste groß.

In der Welt wurde ihr Vieles fremd – zuletzt auch sie sich selbst.

Kunigunde hatte sie sich selbst verloren.

Als sie am 08.10.2020 wie ein Embryo eingemummelt die Augen für immer zumachte, hatte der Bogen ihres Lebens wieder die Erde berührt. Weit gespannt hatte er sich, über 92 Jahre lang. Nun war er zu seinen unbewussten Ursprüngen zurück gekehrt.

Kunigunde hat ihren Körper hier zurück gelassen, zart und klein wie am Anfang. Ihr „Ich“ aber war schon eine Zeit lang vorher in den Himmel zurückgekehrt. Eben an jenen Ort, an dem ihr für ihre Liebe, für ihre Bescheidenheit, für ihr Bemühen um Harmonie, für ihr Engagement im selben Maße zurück gegeben wird, wie sie es hier gegeben hat. 

Versprochen ist versprochen, sagt Jesus zu ihr und uns.

Im Vertrauen darauf dürfen wir Kunigunde Gott zurück geben.

Amen

Auf dem doppelten Fundament von Glauben und Ingenieurskunst

Traueransprache über Ps 62, 6-8

für

Horst Lethen

28.August 2020 St. Martin, Mertesdorf

Lebensreichtum, liebe Trauergemeinde, hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit dem Maß an Erfahrung, an Fülle, das wir in unseren Jahren sammeln dürfen.

Im Blick auf Horst dürfen wir uns ganz sicher sein, dass er sein Leben in diesem Sinne hat voll machen dürfen. Es steckt voller Eindrücke und Erfahrungen, teils von einer Tragik und einem Gewicht, dass nicht jeder von uns die Bürde seiner Erfahrung geschultert bekommen möchte.

Dabei ist er von seiner Persönlichkeit ein positiv denkender, ein konstruktiver, ein gläubiger und hilfreicher Mann geblieben. Den Zusammenklang dieser beiden Seiten möchte ich in meiner Würdigung verdeutlichen.

Horst setzte seinen Erfahrungsschatz selbst gern in Beziehung zu seinem Glauben, dem er die Überschrift gab „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Ein Wort, das wir eingangs gesungen hörten. Ganz nah ist es am 62. Psalm, der sein Konfirmationsspruch war. Dort heißt es: Ruhe du, meine Seele, in Gott – von ihm allein kommt Hilfe. Er ist mein Fels und mein Heil, er ist meine Burg, darum wanke ich nicht – … ER ist meine Zuflucht.

Ein starker Glaubenssatz, wie er ja auch von Martin Luther in das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ eingegossen wurde.

Von seinem Glauben ist Horst also ein Lutheraner, vom Ort der Geburt her ein Schängelscha. Am 23. April 1935 erblickte er in Koblenz das Licht der Welt. Sein Vater war Lagerist in einer Metallwarenfabrik und leider nicht ohne Makel. Die Mutter trennte sich von ihm als Horst etwa zwei war. Sie ging mit dem Jungen nach Wuppertal, wo sie bei der Großmutter unterkamen. Er erzählte, wie er die Aufbauleistung der Großeltern bewunderte. Diese haben die Einstellung des Jungen geprägt, denn als der Großvater nicht mehr die Kraft hatte, als Bergmann zu schuften, arbeitete er als Bierkutscher in einer Brauerei und sparte fleißig, so dass er eines Tages ein Hotel aufmachen konnte. Gleichzeitig erzählt Horst mit dieser Geschichte seine eigene, denn als der Krieg nach Deutschland zurückkehrte, von wo er ausgegangen war, da verbrannte all diese Mühe in einer Nacht. Der Neunjährige floh mit seiner wachsenden Familie nach Neuwied. Ein Bruder kam aus der zweiten Ehe der Mutter dazu. In Neuwied besuchte Horst die Grundschule und hier probierte er sich aus. Er erlebte den Einmarsch der Amerikaner. Die Brücke von Remagen lag in diesem Augenblick einen Steinwurf weit entfernt und hat ein filmisches Denkmal der Zeit gesetzt. Es waren hungrige Jahre, insbesondere die ersten beiden Nachkriegsjahre. Horst selbst war ein echter Lausbub, der sich ausprobierte und dafür manche Tracht Prügel erhielt.

Mit Neuwied verband er auch den Abbruch seiner Gymnasialzeit und den Beginn seiner Lehre. Zum ersten Mal blitzen die Klugheit und Leistungsbereitschaft aus seinen Plänen, die für ihn später so bezeichnend waren. Er sagte „Sollte es später mit dem Studium nicht klappen, dann ist eine Lehre ein gutes Fundament für eine weitere Ausbildung“. Und tatsächlich schloss er die Lehre als Maschinenschlosser als Jahrgangsbester ab und sein Weg führte an die Ingenieurschule auf der Karthause in Koblenz.

Seinen ersten Taler verdiente er in Eschweiler in einem Betrieb, der sich auf das Schweißen von Kesseln spezialisiert hatte. Dann folgte für zwei Jahre eine Arbeit in Moers. Fundament genug, um eine Ehe einzugehen. 1956 – 58 lebte er in Neuss. Doch dann verlor er unter tragischen Umständen auf seiner dritten beruflichen Lebensstation die Frau und war plötzlich allein verantwortlich für den siebenjährigen Sohn.

Mit dieser Aufgabe von Haushalt, Kind und voller Stelle in Trier konfrontiert kam ihm seine Organisationsgabe zu gute. Hilfreich war auch das Verständnis seines Vorgesetzen, der Horst viel Freiheit bei der Gestaltung seines Tages ließ. Ein Umstand, für den er sich Herrn Zimmermann, dem späteren Bürgermeister, bis in seine jüngsten Erzählungen dankbar zeigte.

Solches Entgegenkommen fiel bei einem Menschen wie Horst auf fruchtbaren Boden, denn eine seiner spürbaren Tugenden war die Großzügigkeit.

Bei all dem war der junge Ingenieur ungeheuer fleißig. Zwischen 1968 und 1971 wurde in Trier die Umstellung des Stadtgases von „Low“ auf „High“ vorbereitet. Eine Ferngasleitung wurde zugeführt. Dann kam der große Tag der Umstellung. Mit 1.000 Mitarbeitern wurde in 6 Stunden unter der generalstabsmäßigen Leitung von Horst Lethen die Versorgung der ganzen Stadt umgestellt. Ein Moment, an den er bis zum Ende voller Stolz dachte.

Für solche Arbeit bedarf es der Umsicht und der Vorsicht. Zwei Tugenden, über die Horst bereits seit Kindertagen verfügte. Er ging schon als Kind nicht aus dem Haus, ohne Heftpflaster und ein wenig Klopapier in die Hosentasche gesteckt zu haben. Es könnte sich ja einer der Kameraden verletzten. Vorauszudenken und vor allem hilfreich sein zu wollen, das waren weitere Wesenszüge von ihm.

Über Zeltingen und Kenn war er immer näher an Trier herangezogen, um 1991 schließlich das Haus in Mertesdorf zu bauen, in dem er die letzten dreißig Lebensjahre verbringen durfte.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit acht Jahren mit Ihnen, Marlies, verheiratet.

Beruflich zeigte sich, dass mit seiner Stringenz und seiner Wahrhaftigkeit nicht nur Harmonie erzeugt wurde, denn der Schatten seiner Tugend, nichts dem Zufall überlassen zu können, gern alles geplant zu haben und dann auch nicht mehr von diesen Plänen ablassen oder etwas verändern zu können fiel auf das kollegiale Klima. Ein Diplomat ist Horst nicht gewesen. So kam er oft verärgert nach Hause. 1991 ging er noch mit Elan nach Dresden, um dort die Umstellung auf Hochdruckgas vorzubereiten, doch dann erlitt er einen Schlaganfall.

Der sorgte für sein berufliches Ende.

Im Rückblick war er nicht nur stolz auf die großen unvergessenen Stunden, sondern er dachte auch mit Befriedigung, an das Fachbuch, zu dem er mit seinem Wissen beigetragen hatte, das vor allem durch seine nicht nachlassende Mühe herausgegeben werden konnte. Im 50. Jahr seines Abschlusses auf der Ingenieurschule ehrte man ihn mit dem Angebot einer Vorlesung.

So war er vom ausgebombten vaterlosen Kind Schritt für Schritt, mit konsequentem Fleiß zum anerkannten Ingenieur geworden. Mit der gleichen Energie ging er der Entwicklung seiner Lieben nach, sorgte sich um die berufliche Entwicklung seines Sohnes, telefonierte in jeder Fußballhalbzeit, um sich über die Wahrnehmungen auszutauschen, besuchte regelmäßig seine Kirche in Mertesdorf-Grünhaus, hatte dort seinen Stammplatz und teilte mir nach dem Gottesdienst mit, wie sich seine Gesundheit entwickelte, wie ihm der Schlaganfall zu schaffen machte, 2015 die Lungenembolie dazu kam, welche Probleme die Knie machten und dass er 2017 zwei mal mit dem Fahrrad verunglückte. Gleichzeitig bewies er Energie im regelmäßigen Schwimmen und machte in dieser Zeit das Goldene Sportabzeichen.

Beruflich wie privat war er voller Tatendrang und setzte in seinem Leben Stockwerk auf Stockwerk. Gern sagte er mit Hermann Hesse:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Bei ihm reimten sich tatsächlich die Kraft zu immer neuen Anfängen mit einer konsequenten Verfolgung der Pläne und Ideen.

Einerseits hatte er Angst vor Unglück, daher die Leidenschaft für Pläne, andererseits wusste er sich bei allen Schicksalsschlägen von Gott geführt und auch bewahrt. Regelmäßig suchte er das Gespräch mit seinem himmlischen Vater.

Nun schaut er Gott von Angesicht zu Angesicht und wird sprechen mit den Worten seines Psalmes:

Ja, ruhe du, meine Seele, in Gott. 

Amen

Lebensmarathon

Traueransprache über Mk 4

für Harald Reich

27. August 2020

Friedhof Issel

Als es an diesem Tage Abend geworden war, forderte er sie auf: „Fahren wir hinüber an das Jenseitsufer!“ Darauf entließen sie das Volk und ruderten ihn, wie er war, hinaus; und noch andere Boote waren mit von der Partie.  Da kam ein gewaltiger Sturm auf, und die Brecher schlugen in das Boot, so dass es zusehends voll Wasser lief.  – Doch er lag schlafend im Heck auf einem Kopfpolster. Da weckten sie ihn und sagten: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?!“ Da stand er auf, herrscht den Sturm an und sprach auch zum Meer: „Leg dich“, „Beruhige dich“ – da legte sich der Sturm und es trag völlige Windstille ein. Und er sagte zu ihnen: „Warum habt ihr immer noch keinen Mut, warum habt ihr keinen Glauben?“

Aufbruch vom arbeitsreichen Gestade des Tagwerkes, sich einstellende Müdigkeit und wohlverdienter Schlaf am Lebensende, davon spricht diese Stelle nicht. Sie spricht auch nicht in Metaphern von der großen Überfahrt, sie ist nicht neutestamentliche Übersetzung der griechischen Rede von Hades und Styx. Das Jesuswort vom Jenseitsufer meint schlicht das andere Ufer des Sees Genezareth.

Denn diese Geschichte erzählt vom Leben. Und davon, was Leben gelingen lässt und wie wir es uns schwer machen. Sie erzählt vom Leben, das mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Sie erzählt davon, dass dieses diesseitige Leben selbst so etwas wie eine Überfahrt ist.

Es gibt Tage, die laufen gut, ganz so wie ein Schiff auf ruhigem Wasser seinen Kurs zieht. Und es gibt eben die, an denen mit Gegenwind zu kämpfen ist und eben die See ins offene Boot schlägt, so dass wir schlicht Angst haben.

Die Perikope spannt den Bogen zwischen die beiden Pole Angst und Vertrauen.

Wo wir uns dabei selbst verorten, das ist eine Frage unserer Prägungen, unserer genetischen und pädagogischen Mitgift, unserer Erfahrungen und des Glaubens.

Ich halte es für wahrscheinlich, dass Harald, als ältestes von zwei Kindern am 18. September 1948 in Trier geboren durch seinen strengen und emotionslosen Vater nicht hat lernen dürfen, über seine Gefühle zu sprechen. Zu seinem introvertierten Wesen mag beigetragen haben, dass er als einziger Evangelischer seines Jahrgangs als Fremder in Tavern angesehen wurde, ebenso, dass er der einzige seiner Klasse war, der nach Trier aufs Gymnasium ging.

So nimmt es nicht Wunder, dass er sein Leben und seine Erfahrung in den nahen Wäldern spielte, dass er den Trapper und Waldläufer mimte und seine Freude in der Einsamkeit und Natur hatte.

Die Herzenswärme seiner Mutter aber ermutigte ihn, in vertrauten Kontexten über sein Innenleben zu sprechen, über seine Gefühle und ab und an auch über den Glauben.

Harald zog es aber meist vor, sich in anderen Sprachen auszudrücken, Englisch wurde zu seinem Beruf, und er lernte die Querflöte, denn Musik war ihm sowohl als Hörer als auch als Interpret ein probates Mittel, um seinem Gefühlsleben Ausdruck zu verleihen.

Nicht minder interessierte er sich für die Kultur anderer Länder und so führten ihn später als Ehemann und dann als Familienvater die Urlaubswege rund um die Welt.

Bei einer weiteren Prägung blitzt sein Elternhaus auf. Den Gerechtigkeitssinn seines Vaters hat auch Harald verinnerlicht. Er hatte seine Prinzipien und nach denen wurde geurteilt und entschieden.

Diese ihm eigene Disziplin drückte sich an anderer Stelle viel deutlicher und wahrnehmbarer aus. Beim zweiten Standbein in seinem Leben, dem Sport. Die verschiedensten Sportarten hatten es dem Sport- und Englischlehrer Harald Reich angetan. Am wichtigsten war ihm aber das Laufen, Langstrecke, Halbmarathon und Marathon. Meilen machen, Höhe gewinnen. Die Atmung in Einklang mit dem arbeitenden Körper zu bringen.

Später ersetzte das Rennrad die Laufschuhe. Und es waren die Steigungen, die Harald reizten. Mit der Höhe den Überblick zu gewinnen. Bei aller Anstrengung konnte er so zur Ruhe kommen.

Nicht das Hinabsausen war das Ziel des Aufstiegs, sondern im Sichverausgaben zu sich zu finden, an den Grenzen zu wachsen.

So liebte Harald es, sich selbst zu begegnen.

Es ist schwer für einen Menschen, der sich über eigene Fähigkeiten und Leistung bestimmte, die Grenzen der Leistungsfähigkeit anzunehmen. Darum bedeutete ihm auch die Variante der Erzählung von der Sturmstillung etwas, die Matthäus erzählt. Denn bei diesem anderen Evangelium tritt die Person des Petrus an die Stelle der vielen namlosen Jünger. Er wagt sich hinaus aus dem schwankenden Schiff und geht seinem Meister entgegen. Aber ungeschützt und ohnmächtig bekommt er es bei diesem Vorhaben mit der Angst zu tun.

Loslassen zu können. Im Vertrauen darauf, dass Jesus mir die Hand gibt und mich hält, das ist die Lektion dieser Stunde und die Botschaft der Erzählung. Gerade wenn sich angstmachende Abgründe unter der Oberfläche auftun, wenn Gegenwind uns hemmt und hochgehende See uns bedroht, dann zu vertrauen, dass wir nicht aus Gottes Hand fallen können, zu glauben, dass es unterhalb der Angst machenden Tiefen einen Grund gibt, der uns trägt, dieses Vertrauen schenkt der Glaube.

Ein Mensch ist mehr als ein verbrennbarer Körper. Harald wird nun wissen, wie der Grund unter den Abgründen trägt, wie liebevoll die Hand ihn hält, die Gott ihm reicht.

Im Vertrauen auf diesen Halt, diese Zusage und die aufnehmende Liebe Gottes in seinem Reich

wollen wir den irdischen Teil von Harald verabschieden und zurück in Gottes Hand legen.

Möge das gelingen. Amen

Frieden gestiftet Frieden gefunden

Traueransprache

für

Gisela Kuhn

01.07.2020 Schweich

über Joh 14, 27

Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht so, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzagt nicht. 

Liebe Trauergemeinde,

in Coronazeiten fast eine skurrile Vorstellung: Jesus haucht die Jünger an und dann spricht er diese Worte vom Frieden. Nun ist Geist etwas Bewegtes und Bewegendes. Wird immer mit Wind in Verbindung gebracht, diesem unsichtbaren Medium, das von Mensch zu Mensch die Brücke schlägt und sogar von Kontinent zu Kontinent hinüberträgt. Geist und Wind ist in der Bibel ein- und dasselbe Wort.

Genau um Verbindung, Beziehung geht es auch im Frieden, den Jesus schenkt. Denn es ist das Einvernehmen zwischen unterschiedlichen Dus, in dem dieser Friede gelebt wird.

Das hat mit Gott selbst zu tun. Doch es ist eine Predigt an anderer Stelle wert, diese Beziehung zwischen Vater und Sohn eben im verbindenden Sinne durch den Heiligen Geist zu beschreiben, diesen Geist der Einheit, der erst ausmacht, was wir Gott nennen. Hier soll nur eben das festgehalten werden, dass die Dreieinigkeit selbst wesentlich in Frieden gelebte Gemeinschaft ist; dass sie wesentlich Beziehung ist!

Friede also ist ein Kind gelingenden Miteinanders. Und nach solchem Frieden hatte Gisela von Anfang an Sehnsucht.

Vier Jahre, nachdem Gisela Heise am 27.06.1935 in Niddawitzhausen geborgen wurde, so denken Sie vielleicht, brach jener Weltenbrand aus, der soviel Grauen brachte. Gisela selbst erzählte später von diesem Grauen, von den Fliegerangriffen und jenem Nachbarmädchen, denen die Bombensplitter in den kleinen Leib fuhren, so dass sie sie ganz in Giselas Nähe töteten.

Doch es ist eigentlich nicht jener äußere Unfriede, der ihre Sehnsucht nach Frieden entfachte. Denn die Unruhe in ihrer Seele entstand durch die wiederholte Unzufriedenheit des strengen Vaters mit ihr und den Streit, den sie im Elternhaus erlebte. Eine Störung, die über den Krieg hinaus spürbar blieb, weil sie ihre ursprüngliche Familienbeziehung betraf und sich auch erstreckte auf die zwischen Gisela und ihren jüngeren Geschwistern, für die sie allein und viel zu früh die volle Verantwortung aufgebürdet bekam. Die Eltern waren abwesend und sie mit ihren acht oder zehn Jahren die älteste im Haus.

Sie war ein intelligentes und vor allem sensibles Kind.

Und so hatte sie früh den Sinn für Stimmungen entwickelt. Hatte immer ein Ohr für den Ton von Gesprächen. Konnte es nicht ertragen, wenn heftig diskutiert wurde, weil sie es für Streit hielt, auch wenn gar keine persönliche Betroffenheit bei den Diskutanten mitspielte.

So stark waren diese Prägungen aus äußerem Krieg und strittigem Elternhaus, dass es für sie zu einem hoch gehängten Wert wurde: Friede möge doch einkehren und herrschen, Friede möge doch bitte gegeben werden.

Friedvolle und verbindliche Sicherheit kam mit dem Ja-Wort der Eheleute. Denn als Nikolaus Kuhn ihr die Ehe versprach, begann eine Zeit der Verlässlichkeit und lebenslanger Fürsorge. Aber Friede und Einvernehmen waren damit nicht automatisch gegeben, denn die Schwiegermutter war durchaus nicht mit einer evangelischen Schwiegertochter einverstanden, später auch nicht glücklich mit evangelischen Enkelkindern. Doch das „trotzdem“ des Ehemannes war ihr ein Bollwerk, auf das sie sich stützen konnte. Und über die Jahre wurde sie dann doch zur besten Schwiegertochter der Welt.

1960 wurde Uwe noch in Düsseldorf geboren, wo Klaus eine kurze Zeit beschäftigt war;

1962 folgte Martin. Das war bereits in Kreuzthal bei Siegen;

1964 erblickte Andrea dort das Licht der Welt;

und 1968 machte Christina den Kindersegen komplett.

12 Jahre später zog die Familie nach Ensch. Ein Haus mit Weinberg lockte und veränderte, bestimmte das Leben der Familie. Gisela und Klaus waren Wingertneulinge, und es waren Nachbarn wie Hedwig und Jupp, die den beiden zeigten, wie man bindet und schneidet. Mit den Reben entstanden Freundschaften. Die Trauben schenkten, was sie gern schenken, Gemeinschaft und einen guten Geist. Rückblickend bekannten die Eheleute, dass es vielleicht die glücklichsten Jahre waren.

Gisela arbeitete viel in dieser Zeit, neben dem Haushalt und dem Weinberg war noch eine Ferienwohnung zu versorgen. Sie stärkte ihrem Mann den Rücken, der neben seiner Arbeit bei der Bundespolizei, dem Feierabendbetrieb auch in Sachen Fremden-Verkehrs-Verein sehr aktiv war. Gisela war eine Freundin des kleinen Brückenschlags, sie hatte ein Ohr für jedermann. Sie war aufmerksam und machte kleine Geschenke. Das honorierten die Menschen.

Doch ihre Sensibilität in Sachen Beziehungen schenkte ihr nicht nur die Gabe der Empathie. Sie wurde oft in Anspruch genommen. Darum kostete sie diese ihre gute Seite auch viel innerer Kraft. Eventuell zu viel. Es wurde ihr zu viel. Sie wurde darüber körperlich krank. Erst ein lahmer Arm, dann Parkinson. Immer noch sagte sie „Ich würde ja gern helfen, aber ich kann nicht mehr“, gewann sie die Einsicht in die nachlassenden Kräfte. Auch hier war es ein schwerer Weg, mit dem Eingeständnis des Unvermögens den Frieden zu finden. Den Frieden mit sich selbst und mit dem Miteinander der anderen zu finden.

„Für was Gutes ist es nie zu spät“, war ihr eine Maßstab gebende Weisheit. Sie setzte auf die späte Initiative und das gute Ende. So hoffte sie. In diesem Sinne betete sie.

Und so wurde sie zum guten Geist des Familienfriedens.

Gerade in ihrer Angewiesenheit und Ohnmacht führte sie die Ihren zusammen. Dieses Gelingen ein Geschenk, das ihr Leben rund machte.

Am Ende wurde ihr Vollendung zuteil. Eine wunderbare Erfüllung der Verheißung Jesu, die sich genau auf ihr Lebensrund reimte.

Und ich bin mir gewiss, dass sie das Friedensversprechen Jesu und dessen Einlösung in ihrem Leben in Ewigkeit nun vor Augen hat.

Sie, die seit den Tagen ihrer Kindheit von der Hoffnung auf Frieden und von der Sehnsucht nach gelingendem versöhnlichen Miteinander geprägt war wie kaum ein anderer, sie darf nun erleben, was dieser himmlische Friede im Sinne des Heiligen Geistes wahrhaft bedeutet und mit sich bringt. Sie erfährt nun, wie es sich im Lichte von Gottes Liebe lebt.


Vom Anklopfen und Eintreten

Traueransprache für Andreas Schmeißer

27. 04. 2020 zu Mesenich

über Mt 7, 7

Bittet, so wird euch gegeben. Sucht, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn jeder, der bittet, empfängt, und jeder der sucht, der findet, und jedem, der anklopft, dem wird aufgetan.

Ein ermutigendes Wort. Denn es spricht sein: Denke positiv und versuch es! Unser Volksmund hat dafür den Satz geprägt: Wer nicht fragt, hat das nein schon.

Für alle unsere Unternehmungen haben wir Menschen nur eine bestimmte Zeit. Im Rückblick verstehen wir oft, warum eine Phase gelungen ist oder warum sie nur Phase blieb. Im Rückblick allein ist es oft möglich, den Sinn und die Zusammenhänge zu verstehen. Vor der Zeit benötigen wir eben den mutigen Impuls, um eine Sache anzugehen, ein Wagnis einzugehen. Es bedarf der visionären Fantasie und auch des Willens.

Am 14. Mai 1968 in Osterrode als zweites Kind seiner Eltern geboren, lernte Andreas diese Lektion schon früh. Er blickte schon als Jugendlicher auf die Phase zurück, in der die Eltern Autobahntankstellen betrieben, dann wieder einem anderen Broterwerb nachgingen, auch als Fabrikarbeiter ernährte Andreas Vater seine ältere Schwester, ihn und die Mutter.

Die Erinnerung an seine eigenen Unternehmen beglückten ihn, wenn er an die Fahrradtouren hinein in Erfahrung und ins Erwachsenwerden zurückdachte. An die verwegene Tour von Niedersachsen bis nach Sylt. „Und an meinem 15 Geburtstag ging das Leben los!“, erzählte er gern und lebte die Mofafahrten gemeinsam mit seinem ältesten Freund Christian noch einmal durch.

Natürlich dachte er auch gern an die Familienurlaube nach Frankreich und nach Dänemark. Doch die Fahrten auf eigener Achse, die hatten es ihm von früh auf angetan. Sie blieben so etwas wie der Cantus firmus in seinem Leben. Auf dem Rad wurde ein Mofa, aus dem Mofa ein Motorrad.

Inzwischen hatte Andreas seine Ausbildung als Industriekaufmann abgeschlossen, verdiente seinen ersten Taler. Inzwischen hatte er 1995 das erste mal geheiratet. Und aus dem Paar wurde eine Familie als 1996 Fabian und 1998 Simon dazu kamen. Doch die Liebe zum Zweirad blieb.

Die beruflichen Phasen wechselten wieder. Andreas arbeitete im Holzhandel und machte sich mit einem Autoteilezubehörgeschäft selbständig. Die Firma hatte keinen Bestand und über der Anspannung ging auch die Ehe in die Brüche. Doch aus dem Motorradfahren war ein generationsverbindendes Hobby geworden. Aus der kleinen Tour mit 15 war der Tourenurlaub in Tschechien geworden, mit Grill und Grillgut, mit Lebensmitteln beladene Anhänger begleiteten als Tross die Biker unterschiedlichen Alters.

Um das Todesjahr von Andreas Vater änderte sich für sein Leben einiges. Er suchte, und er fand. Denn er hatte Arbeit in Trier bei JTI gefunden. Dort war er zuletzt für die Zölle des Tabakimports zuständig. Seine Kolleginnen und Kollegen schätzten in ihm den ruhigen, gelassenen Mitarbeiter. Andreas war kein Mensch, der sich in den Vordergrund spielen muss. Er wusste um seine Kompetenz und brachte sie in seiner freundlichen Art an der richtigen Stelle ein. Das Kollegium schätzte ihn als einen „angenehmen Zeitgenossen“. 

Ja, er kam nach Trier und suchte und fand.

Auch Tino fand er, der sich aus der Schar der anderen Mitarbeiter als Freund schälte.

Andreas klopfte an der Mosel an, um eine neue Lebensphase zu beginnen. Und ihm wurde aufgetan: nicht zuletzt von Ihnen, Frau Nosbisch und Ihren Kindern Tim und Kristina. Es wurde gleichsam eine Tür in ein erweitertes Familienleben aufgetan. Denn nach 1.5 Jahren Leben in nachbarschaftlicher Nähe zog Andreas tatsächlich bei Ihnen ein. Es war der richtige Schritt und er beschenkte beide Seiten. Die gemeinsame Wellenlänge führte zu gemeinsamen Urlaubszielen in Österreich und immer wieder in Frankreich. Die gemeinsame Wellenlänge ließ sie über dieselben Dinge lachen. Andreas war humorvoll schon bei kleinen Dingen. Er konnte sich einlassen und spielte mit Tim und Kristina deren Spiele. Er war hilfsbereit, ich denke da an die Zubringerfahrt zum Ferienflieger und an sein Engagement als Tanzdummy. 

Für sich selbst benötigte er nicht viel. Es genügte ihm zu seiner Entspannung im Garten zu sitzen und der Natur zuzuschauen. Oder er schwang sich in den Sattel und legte zum Sound der Maschine Abstand zwischen die Arbeit und sich selbst.

Tu es, habe den Mut, lehren uns die Worte Jesu.

Es kommt nicht auf die Anzahl der Jahre an, sondern auf die Qualität, mit der wir sie gefüllt haben.

Andreas hat dies ganz bewusst getan. Im Spannungsbogen seiner liebevollen Zuwendung einerseits, seines gelassenen Selbstbwußtseins und seiner Willensstärke andererseits ist er ein guter Vater, ein guter Partner, ein willkommener Kollege und immer wieder ein verlässlicher Freund gewesen.

Darum haben Sie für ihn den vielleicht schönsten Spruch in die Anzeige gesetzt, dass es nämlich die Gedanken an ihn sind, die ein Lächeln ins Gesicht derer zaubern, die sich seiner erinnern.

So soll es bleiben, wenn sie auch nach Jahren seiner gedenken. Denn Andreas ging früh. Viele würden sagen: zu früh. Doch genau das will der biblische Rat nicht thematisieren, weil er vom Mut für heute, von der Idee, die eben jetzt verwirklicht werden möchte, vom Impuls, der zueinander führt, sprechen möchte. Jesus redet vom Anklopfen und Eintreten.

Und damit mit er auch die Zeit jenseits unserer irdischen Tage, denn jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Und als solcher, als sein Gedanke, bleiben wir die Sterblichen vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Es ist vielleicht nicht nötig, dass wir das sogleich verstehen. Wichtig ist, dass wir das Lächeln nicht verlernen, wenn wir an Andreas und seine Gaben denken. Denn dieses Lächeln ist ein Abbild der Freude Gottes über ihn.

Und diese Freude, diese leuchtende Annahme, die spüre Andreas nun und in Ewigkeit, wenn er auf den zugeht, von dem er hergekommen ist.

Ihr aber habt die Fassung und das Vertrauen in die Wahrheit, dass kein Mensch vor Gott verloren geht; und dass wir einen lieben Menschen, wie Andreas, getrost auf Gott hin loslassen dürfen.

Amen.

Humor und großes Herz

Traueransprache für Rolf Meurer

über die dritte Strophe des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“

von Matthias Claudius

Ettringen (Eifel) 20.03.2020

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen/ 

und ist doch rund und schön./ So sind wohl manche Sachen, 

die wir getrost belachen, / weil unsre Augen sie nicht sehen

eg 482

Sein und Scheinen,

Wissen und Wahrheit,

Vorurteile und Vernunft,

Matthias Claudius besingt die Zwiegespaltenheit unserer Wahrnehmung, unser Angewiesensein auf Wahrheit, er tut dies mit den Augen der Romantik, ein gefühlvoller Realist, der uns damit ein Bild von uns selbst vorlegt, ein Bild des Menschen mit Hilfe biedermeiernder Himmelslogik. Unser Wesen, nie einfältig, immer vielschichtig, widersprüchlich, oft zwischen mehrere Pole ausgespannt.

Im individuellen Leben sind dann unsere speziellen Prägungen, Wesenszüge, die uns einmalig machen, genau die Antworten auf die Grundkonstanten von Angst und Vertrauen. 

Bei Rolf fallen mir dazu beispielhaft seine Akkuratesse und sein Humor ein. Akzente im weiten Spannungsbogen einer vielfältigen Persönlichkeit. Akkuratesse ist dabei der Cantus firmus unter der Melodie seines beruflichen Erfolges, aber bildet auch die strenge Erziehung ab, die ihn prägte und zu dem machte, was er wurde. Beide Eltern waren Kinder der Kaiserzeit mit ihrer schwarzen Pädagogik und ihrem patriotischen Drill.

„Wenn du nicht lernen willst, dann nimm die Schaufel.“, legte ihm der Vater als prinzipielle Alternative vor: Arbeiter oder Akademiker.

Weniger mit preußischer Disziplin und Pedanterie, mehr subtil und im Gewand mütterlicher Zugewandtheit prägte dessen Frau ihn: legte auf ihn die Bürde des einzigen Sohnes, das Bewusstsein der Verantwortung.

Dieser Blick in seine Herkunft erklärt sein Gewordensein, erklärt, warum er in Schule und Büro die Stifte korrekt parallel legte und ausrichtete, macht deutlich, warum er durch fleißige Vorbereitung meinte, sich vor unliebsamer Überraschung schützen zu können, schenkt Einsicht in die Hintergründe seiner Abneigung allem Unvorhergesehenen, Liederlichen, Unaufgeräumten gegenüber. Klebrige Essensreste an den Fingern waren ihm ein Gräuel. Kurz: das Diktat der Eltern machten aus ihm später den Vater, der auf den Spielplatz seiner Kinder in Krawatte ging.

Rolf war kein Mensch, der gegen den Strom schwamm, nie der geborene Rebell, er teilte die Normen und Tugendvorstellungen der Gesellschaft, schätzte die ordnende Kraft der Verwaltung, stellte sich erfolgreich mit seiner guten Ausbildung als Bauingenieur, Mathematiker und Betriebswirt und mit seinen Begabungen in den Dienst des Wasserwirtschaftsamtes (1959 – 1974) und dann ab 1974 für den Rest seines Berufslebens in den der Bezirksregierung Trier. Dort bekleidete er erfolgreich den Posten eines Abteilungsdirektors.

Ein Zeitgenosse nennt ihn zielstrebig und genau, schätzt und kennt ihn als von „konzilianter Energie“, „immer habe ein freundliches Lächeln seine Mundwinkel auch in angespannter Situation umspielt“.

Mit dieser Wahrnehmung zeigt ein weiterer ganz wesentlicher Zug von Rolf Meurer Gesicht. Seine frohe Natur und sein schalkiger Humor. Letzterer konnte auch im Gewand von spitzen Bemerkungen daher kommen, wenn er zum Beispiel nach geduldigem Zuhören vom Kopf des Tisches Geistreiches ins Gespräch warf. Meist aber war sein Humor von auflockernder Fröhlichkeit. Er liebte den Witz. Er schätzte ihn in seiner doppelten Bedeutung von findigem Geist und guter Pointe. 

Nicht zuletzt darum war er ein gern gesehener Gast und seinerseits ein spendabler Gastgeber. Er liebte Gesellschaft und Gesellschaften und verstand sich aufs fare una bella figura. Er maß sich gern intellektuell und bereicherte das Gespräch. Aber er konnte auch aus der Haut fahren, wenn man seine Expertise in Frage stellte. 

Rolf Meurer war ein musischer Mensch und fühlte sich von der Lyrik ebenso angesprochen wie er sich selbst auf den Tasten des Klaviers auszudrücken verstand. Ein musikalischer Schöngeist und geselliger homme de lettres. 

Und sein Humor reichte vom trockenen Wortwitz bis zu ausgelassener Albernheit. Fern von mathematischer Korrektheit schlug hier die andere Seite seines Herzens. Sie konnte loslassen und locker feiern. Im Tennisclub, an der Bar, der der belebenden Gesellschaft von Freunden.

Auf diese helle Seite gehört auch der Menschenfreund, der offen und aufschließend auf jung und alt zuzugehen verstand. Dieser Wesensanteil zeigte sich zuerst in der Familie, aber dann unter Freunden und anerkannter Maßen  bei den Menschen die ihm beruflich anvertraut waren. Er ließ Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen krank feiern, wenn er wusste, dass diese Menschen in deren Familien dringend gebraucht wurden. Und umgekehrt dankten es diese ihm, schätzen sein inneres Führungsduo von vorbildlicher Disziplin und empathischer Menschlichkeit.

Rolf war allen Kindern liebevoll zugewandt. Die eigenen loben ihn dafür, dass er nach hartem Arbeitstag in der Bezirksregierung, nach zusätzlicher Sitzung des Arbeitskreises Landwirtschaft und Umwelt beispielsweise oder nach Teilnahme an der internationalen Kommission zum Schutz von Mosel und Saar, nach Tagung der Prüfungskommission, Zeit für ihre Anliegen hatte und Kräfte mobilisierte für ihre Förderung, das Abfragen von Hausaufgaben und das manchmal quälende Pauken für eine Klassenarbeit.

Der Blick auf ihn im Lichte des Mondes von Matthias Claudius lässt uns Rolf in seiner Bandbreite erkennen zwischen den anerzogenen Tugenden der Pünktlichkeit und der Genauigkeit einerseits, andererseits wird seine Würdigung erst voll, wenn wir auch den belesenen Musikliebhaber, den Menschenfreund, den von Lockerheit und Humor, den Liebhaber guten Lebens, den warmherzigen Menschen erkennen und würdigen. 

Sein eigener Blick hinauf auf den nächtlichen Mond ließ ihn auch Grübler sein, ließ ihn zum stillen homo religiosus werden, dem nachdenklichen, der zweifelnd und offen für die Wahrheit einer anderen Welt jenseits aller physikalischen und wasserwirtschaftlichen Wirklichkeit war. Der konfessionsmäßig liberal eingestellt war.

Ihm, dem in jener Welt Anfragenden, scheint nun der volle Mond, keine Schattenseiten bleiben. Das Licht von Gottes annehmender Liebe strahlt ihm entgegen und nimmt ihn auf in seinem Reich himmlischer Vollendung. Hier galt für Rolf das Gedicht von Hans Sahl; dort aber bleibt er als guter Gedanke Gottes in Ewigkeit:

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus

in eine Zukunft jenseits aller Sterne,

und was ich war und bin und immer bleiben werde,

geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,

als wär´ ich nie gewesen oder kaum.

Amen

Urgestein mit Blick über den Tellerrand

Traueransprache für Hildegard Zimmermann, geb. Jung

Wir verabschieden heute einen Menschen, der zu Ruwer dazugehört, der von jedem vor 1990-Geborenen gekannt und anerkannt wurde, der den Eindruck dieses Ortsteils mitbestimmt hat und der zum Kolorit des Ortes an Ruwer und Mosel durch die individuelle Persönlichkeit beigetragen hat. Das halbe Jahrhundert zwischen 1950 und der Jahrtausendwende hat hier vor Ort auch sein Gesicht durch das ihre erhalten.

Hildegard Zimmermann, geb. Jung gehört zu den anerkannten Unternehmerpersönlichkeiten, die kein Aufhebens von ihrer Besonderheit machen. Wohl, weil sie von Geburt an hineingewachsen war in die Selbstverständlichkeit des Familienbetriebes. Sie war sich gleichzeitig bewusst, dass sie vom Mythos umgeben war, die erste Evangelische in Ruwer gewesen zu sein. Doch das gehörte mehr in das Repertoire ihrer schnurrigen Geschichten. Tatsache war eben auch, dass bei der Fronleichnamsprozession vor der Apothekentür der Familie ein Altar aufgebaut war. Die Familie war also von Anfang an mit den örtlichen Traditionen vertraut – und sie war dadurch „eingebürgert“, wie ein Jahrgangsgenosse sagte. 

Und sicherlich ist eine Apotheke, die 70 Jahre in Familienhand ist, als ein erfolgreiches Unternehmen zu bezeichnen, doch diese Formalität ist Nebensache, angesichts der geschätzten Persönlichkeit von Hildegard.

In Trier am 05.07.1939 geboren wurde sie, weil die Mutter zwar eine Saarländerin war, Kleinblittersdorf war und blieb der Bezugspunkt der mütterlichen Linie und oft wurden dorthin noch Ausflüge gemacht, um die Verwandten zu  besuchen, doch Hildegards Vater war Trierer, darum kam es 1938 zu der beiden Ansiedlung in Ruwer. Und hier wurde im Jahr drauf Hildegard geboren und auf den Namen Hildegard Konstanze getauft.

Zwei Monate nach ihrer Geburt warf das Deutsche Reich die Fackel zum Weltenbrand über die polnischen Schlagbäume. Ein Ereignis, das der kleine Säugling weder mitbekam, noch von dessen Konsequenzen jemand am Paulinsufer eine Ahnung hatte. Die Angstzustände, die Hildegard in ihrem späteren Leben in Abständen zu schaffen machten, können ihre Initialzündung in den Nächten im Keller in der Rheinstraße gehabt haben. Es gab die dunkle Erinnerung an ein Kinderbettchen, das im Keller für sie im Falle eines Bombenangriffs bereit stand, und die Erinnerung an eine Szene auf der Straße, als Jagdflieger Ruwer überflogen und wahrscheinlich Gerta Zimmer es war, die das unbedachte Mädchen in einen Hauseingang zerrte.

Die tatsächlichen Toten, die Familie und das Vieh im oberen Paulinsgarten und die vielen toten Zivilisten und Soldaten, die im Stollen (kurz vorder ARAL) ihr Leben ließen, hat Hildegard selbst nicht gesehen. Aber die Angst wird sie gespürt haben und das Unvorhersehbare, das im Falle eines Falles zu befürchten war. Der Lärm der Detonationen auch, die in ihr junges Leben einbrachen, insbesondere des Angriffs Weihnachten 1944.

Hildegard blieb Einzelkind. Nach dem Krieg besuchte sie die Volksschule in der Rheinstraße und wurde als begabtes Kind aufs AVG nach Trier geschickt.

Vielen kennen sie aus der Schulzeit als das brave Mädchen, das des morgens mit im „Roten Elias“ fuhr. Ein Kind ohne Arg. Noch mehr aber erinnern sich die Kameraden an die lustige Jugendliche, die gern feierte.

Als sie das Studium der Pharmazie in Main aufnahm, starb ihr Vater Emil.  Emil, der im Ort bekannt für seine Marotte war, mit dem leeren Glas in den „schwarzen Raben“ gegenüber zu gehen, sich dieses füllen zu lassen, um im Anschluss das randvolle Glas mit ausgestrecktem Arm über die Straße zurück in die Apotheke zu „zelebrieren“.

Die Mutter, selbst Pharmazeutin, führte die Apotheke mit souveräner Hand. Viele Hände wurden gebraucht. Es gab Assistentinnen. Und Hildegard erinnerte sich, zu Fuß nach Trier gelaufen zu sein, um Substanzen für die Medizin abzuholen oder in die Zweigstellen nach Waldrach geschickt worden zu sein, um Medikamente auszuliefern.

Was sie vom Vorbild der Mutter auf jeden Fall lernte war deren fleißige Art, mit der sie Überblick behielt und alles im Griff hatte.

Es mag dieses mütterliche Vorbild gewesen sein, mit dem sie selbst später über das Lernen und Werden ihrer Kinder wachte. Denn eine Familie zu haben, war ihre größte Sehnsucht. Um über den Tellerrand des kleinen Ortes hinaus suchen zu können, annoncierte sie in der Apothekerzeitschrift. Und so wurden sie aufeinander aufmerksam und fanden einander 1974/75.

Im Jahr darauf wurde geheiratet und 1978 wurde Ihnen beiden der Sohn Christoph geschenkt. Übers Jahr darauf kam 1979 Andreas dazu. Und die Familie komplett machte 1984 Stephanie.

Hildegard widmete sich ganz den Kindern und ihrer Familie. Einerseits ermöglichte das ihre Mutter Käthe, die bis ins 78. Lebensjahr berufstätig bleib. Andererseits hatte Hildegard auch einen Apotheker geheiratet. Und diese Umstände ermöglichten es ihr, sich ganz ihren Lieben zu widmen.

Diese Konstellation führte zu der in einem Ort wie Ruwer typischen Kategorisierung, dass der Apotheker lange „Hildegard Jungs ihr Mann“ blieb.

So dorftypisch das einerseits sein mag. Die Erfindung des Begriffs wirft ein eindeutig anerkennendes Licht auf Hildegard selbst, die als Schlüsselgestein in der Bevölkerung durch diese Begrifflichkeit geadelt wird.

Hintergrund ist nicht nur das Fleißerbe ihrer Mutter, die Bedeutung, die eine Apotheke für Ruwer hatte, sondern die umgängliche Persönlichkeit von Hildegard. Sie hatte eine entgegenkommende Art, einen extrovertierten Sinn für die Menschen, die sie umgaben, sie war offen und ansprechbar. Die Menschen schätzten und honorierten es, das sie fürs Gespräch mit ihnen zu haben war.

Die Familien Jung und Zimmermann führten ein offenes, integrierendes Haus. Nicht nur die Mutter Käthe lebte mit unter dem einen Dach. Die Helferinnen waren oft zu Gast. Und es gab das Faktotum Hilde Badem, die mit zur Familie gehörte. 

Eine ganz wichtige Person im Gravitationsfeld der Familie war Gerta Zimmer. Sie hatte schon Hildegard gewickelt als diese noch Säugling war und später war sie Hand als deren Tochter Stephanie gewickelt und großgezogen werden wollte. Gerta saß mit der Familie unterm Weihnachtsbaum und Gerta fehlte bei keinem der wichtigen Feste.

Dieses Verwobensein mit den Menschen vor Ort war Hildegard eine Selbstverständlichkeit und Stütze gleichermaßen. Deren Bereitschaft hielt ihr den Rücken frei, sich um die Kinder zu kümmern. Und das tat sie mit Erfülltheit. Sie kochte dem Erstgeborenen sein Lieblingsesse, sie war es, die die Vokabeln abhörte, die hinter den schulischen Leistungen der Kinder her war, denn Fleiß und der Ehrgeiz für gute Ergebnisse waren ihr selbst mit auf den Weg gegeben worden. Entsprechend anerkennend freute sie sich über gute Noten, was das seine zum Fleiß der Kinder beitrug.

Sie war aber auch eine fürsorglich nachfragende Mutter. Und in gewisser Weise das Urbild dessen, was wir heute eine Helikoptermutter nennen, also ein Elternteil, der die Kinder zu jeder Schul-, Tanz- oder Sportveranstaltung in die Stadt fährt und sie wieder abholt.

Wir können uns die Krise vorstellen, die eintrat, als das jüngste Kind ausgezogen war, als die vertraute Tages- und Versorgungsstruktur sinnlos geworden war.

Sie horchte vermehrt in sich hinein. Ihrer Arthrose gab sie den unvermeidlichen Raum. Sie nahm an äußerer Unbeweglichkeit zu. Und die innere wurde fixiert von den immer wieder auftauchenden Ängsten.

Hildegard verließ das Haus immer seltener. Seit 2012 kam der Pflegedienst ins Haus. Die Telefonnummern, die sie wählte, waren irgendwann nicht mehr angeschlossen. Dazu gehörte die von Gerta Zimmer, die 2017 verstorben ist.

Im Mai 2018 war Hildegard dann in Reinsfeld mit ständiger Betreuung besser untergebracht.

Mit dorthin genommen hat sie Fähigkeit Klavier zu spielen, die sie vor wenigen Jahren wiederentdeckt hatte. Einmal mehr und für sie ganz typisch sammelte sie die Menschen um sich, denen sie nach wie vor Positives zu geben verstand.

Aber Anfang dieses Jahres wurde sie dann bettlägerig. Und nun ist sie eingegangen in die Versammlung, die vor Gott spielt. In seinem letzten Buch (Ufergedanken) schreibt der Theologe Jörg Zink „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.

Amen.