Frieden gestiftet Frieden gefunden

Traueransprache

für

Gisela Kuhn

01.07.2020 Schweich

über Joh 14, 27

Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht so, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzagt nicht. 

Liebe Trauergemeinde,

in Coronazeiten fast eine skurrile Vorstellung: Jesus haucht die Jünger an und dann spricht er diese Worte vom Frieden. Nun ist Geist etwas Bewegtes und Bewegendes. Wird immer mit Wind in Verbindung gebracht, diesem unsichtbaren Medium, das von Mensch zu Mensch die Brücke schlägt und sogar von Kontinent zu Kontinent hinüberträgt. Geist und Wind ist in der Bibel ein- und dasselbe Wort.

Genau um Verbindung, Beziehung geht es auch im Frieden, den Jesus schenkt. Denn es ist das Einvernehmen zwischen unterschiedlichen Dus, in dem dieser Friede gelebt wird.

Das hat mit Gott selbst zu tun. Doch es ist eine Predigt an anderer Stelle wert, diese Beziehung zwischen Vater und Sohn eben im verbindenden Sinne durch den Heiligen Geist zu beschreiben, diesen Geist der Einheit, der erst ausmacht, was wir Gott nennen. Hier soll nur eben das festgehalten werden, dass die Dreieinigkeit selbst wesentlich in Frieden gelebte Gemeinschaft ist; dass sie wesentlich Beziehung ist!

Friede also ist ein Kind gelingenden Miteinanders. Und nach solchem Frieden hatte Gisela von Anfang an Sehnsucht.

Vier Jahre, nachdem Gisela Heise am 27.06.1935 in Niddawitzhausen geborgen wurde, so denken Sie vielleicht, brach jener Weltenbrand aus, der soviel Grauen brachte. Gisela selbst erzählte später von diesem Grauen, von den Fliegerangriffen und jenem Nachbarmädchen, denen die Bombensplitter in den kleinen Leib fuhren, so dass sie sie ganz in Giselas Nähe töteten.

Doch es ist eigentlich nicht jener äußere Unfriede, der ihre Sehnsucht nach Frieden entfachte. Denn die Unruhe in ihrer Seele entstand durch die wiederholte Unzufriedenheit des strengen Vaters mit ihr und den Streit, den sie im Elternhaus erlebte. Eine Störung, die über den Krieg hinaus spürbar blieb, weil sie ihre ursprüngliche Familienbeziehung betraf und sich auch erstreckte auf die zwischen Gisela und ihren jüngeren Geschwistern, für die sie allein und viel zu früh die volle Verantwortung aufgebürdet bekam. Die Eltern waren abwesend und sie mit ihren acht oder zehn Jahren die älteste im Haus.

Sie war ein intelligentes und vor allem sensibles Kind.

Und so hatte sie früh den Sinn für Stimmungen entwickelt. Hatte immer ein Ohr für den Ton von Gesprächen. Konnte es nicht ertragen, wenn heftig diskutiert wurde, weil sie es für Streit hielt, auch wenn gar keine persönliche Betroffenheit bei den Diskutanten mitspielte.

So stark waren diese Prägungen aus äußerem Krieg und strittigem Elternhaus, dass es für sie zu einem hoch gehängten Wert wurde: Friede möge doch einkehren und herrschen, Friede möge doch bitte gegeben werden.

Friedvolle und verbindliche Sicherheit kam mit dem Ja-Wort der Eheleute. Denn als Nikolaus Kuhn ihr die Ehe versprach, begann eine Zeit der Verlässlichkeit und lebenslanger Fürsorge. Aber Friede und Einvernehmen waren damit nicht automatisch gegeben, denn die Schwiegermutter war durchaus nicht mit einer evangelischen Schwiegertochter einverstanden, später auch nicht glücklich mit evangelischen Enkelkindern. Doch das „trotzdem“ des Ehemannes war ihr ein Bollwerk, auf das sie sich stützen konnte. Und über die Jahre wurde sie dann doch zur besten Schwiegertochter der Welt.

1960 wurde Uwe noch in Düsseldorf geboren, wo Klaus eine kurze Zeit beschäftigt war;

1962 folgte Martin. Das war bereits in Kreuzthal bei Siegen;

1964 erblickte Andrea dort das Licht der Welt;

und 1968 machte Christina den Kindersegen komplett.

12 Jahre später zog die Familie nach Ensch. Ein Haus mit Weinberg lockte und veränderte, bestimmte das Leben der Familie. Gisela und Klaus waren Wingertneulinge, und es waren Nachbarn wie Hedwig und Jupp, die den beiden zeigten, wie man bindet und schneidet. Mit den Reben entstanden Freundschaften. Die Trauben schenkten, was sie gern schenken, Gemeinschaft und einen guten Geist. Rückblickend bekannten die Eheleute, dass es vielleicht die glücklichsten Jahre waren.

Gisela arbeitete viel in dieser Zeit, neben dem Haushalt und dem Weinberg war noch eine Ferienwohnung zu versorgen. Sie stärkte ihrem Mann den Rücken, der neben seiner Arbeit bei der Bundespolizei, dem Feierabendbetrieb auch in Sachen Fremden-Verkehrs-Verein sehr aktiv war. Gisela war eine Freundin des kleinen Brückenschlags, sie hatte ein Ohr für jedermann. Sie war aufmerksam und machte kleine Geschenke. Das honorierten die Menschen.

Doch ihre Sensibilität in Sachen Beziehungen schenkte ihr nicht nur die Gabe der Empathie. Sie wurde oft in Anspruch genommen. Darum kostete sie diese ihre gute Seite auch viel innerer Kraft. Eventuell zu viel. Es wurde ihr zu viel. Sie wurde darüber körperlich krank. Erst ein lahmer Arm, dann Parkinson. Immer noch sagte sie „Ich würde ja gern helfen, aber ich kann nicht mehr“, gewann sie die Einsicht in die nachlassenden Kräfte. Auch hier war es ein schwerer Weg, mit dem Eingeständnis des Unvermögens den Frieden zu finden. Den Frieden mit sich selbst und mit dem Miteinander der anderen zu finden.

„Für was Gutes ist es nie zu spät“, war ihr eine Maßstab gebende Weisheit. Sie setzte auf die späte Initiative und das gute Ende. So hoffte sie. In diesem Sinne betete sie.

Und so wurde sie zum guten Geist des Familienfriedens.

Gerade in ihrer Angewiesenheit und Ohnmacht führte sie die Ihren zusammen. Dieses Gelingen ein Geschenk, das ihr Leben rund machte.

Am Ende wurde ihr Vollendung zuteil. Eine wunderbare Erfüllung der Verheißung Jesu, die sich genau auf ihr Lebensrund reimte.

Und ich bin mir gewiss, dass sie das Friedensversprechen Jesu und dessen Einlösung in ihrem Leben in Ewigkeit nun vor Augen hat.

Sie, die seit den Tagen ihrer Kindheit von der Hoffnung auf Frieden und von der Sehnsucht nach gelingendem versöhnlichen Miteinander geprägt war wie kaum ein anderer, sie darf nun erleben, was dieser himmlische Friede im Sinne des Heiligen Geistes wahrhaft bedeutet und mit sich bringt. Sie erfährt nun, wie es sich im Lichte von Gottes Liebe lebt.


Vom Anklopfen und Eintreten

Traueransprache für Andreas Schmeißer

27. 04. 2020 zu Mesenich

über Mt 7, 7

Bittet, so wird euch gegeben. Sucht, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn jeder, der bittet, empfängt, und jeder der sucht, der findet, und jedem, der anklopft, dem wird aufgetan.

Ein ermutigendes Wort. Denn es spricht sein: Denke positiv und versuch es! Unser Volksmund hat dafür den Satz geprägt: Wer nicht fragt, hat das nein schon.

Für alle unsere Unternehmungen haben wir Menschen nur eine bestimmte Zeit. Im Rückblick verstehen wir oft, warum eine Phase gelungen ist oder warum sie nur Phase blieb. Im Rückblick allein ist es oft möglich, den Sinn und die Zusammenhänge zu verstehen. Vor der Zeit benötigen wir eben den mutigen Impuls, um eine Sache anzugehen, ein Wagnis einzugehen. Es bedarf der visionären Fantasie und auch des Willens.

Am 14. Mai 1968 in Osterrode als zweites Kind seiner Eltern geboren, lernte Andreas diese Lektion schon früh. Er blickte schon als Jugendlicher auf die Phase zurück, in der die Eltern Autobahntankstellen betrieben, dann wieder einem anderen Broterwerb nachgingen, auch als Fabrikarbeiter ernährte Andreas Vater seine ältere Schwester, ihn und die Mutter.

Die Erinnerung an seine eigenen Unternehmen beglückten ihn, wenn er an die Fahrradtouren hinein in Erfahrung und ins Erwachsenwerden zurückdachte. An die verwegene Tour von Niedersachsen bis nach Sylt. „Und an meinem 15 Geburtstag ging das Leben los!“, erzählte er gern und lebte die Mofafahrten gemeinsam mit seinem ältesten Freund Christian noch einmal durch.

Natürlich dachte er auch gern an die Familienurlaube nach Frankreich und nach Dänemark. Doch die Fahrten auf eigener Achse, die hatten es ihm von früh auf angetan. Sie blieben so etwas wie der Cantus firmus in seinem Leben. Auf dem Rad wurde ein Mofa, aus dem Mofa ein Motorrad.

Inzwischen hatte Andreas seine Ausbildung als Industriekaufmann abgeschlossen, verdiente seinen ersten Taler. Inzwischen hatte er 1995 das erste mal geheiratet. Und aus dem Paar wurde eine Familie als 1996 Fabian und 1998 Simon dazu kamen. Doch die Liebe zum Zweirad blieb.

Die beruflichen Phasen wechselten wieder. Andreas arbeitete im Holzhandel und machte sich mit einem Autoteilezubehörgeschäft selbständig. Die Firma hatte keinen Bestand und über der Anspannung ging auch die Ehe in die Brüche. Doch aus dem Motorradfahren war ein generationsverbindendes Hobby geworden. Aus der kleinen Tour mit 15 war der Tourenurlaub in Tschechien geworden, mit Grill und Grillgut, mit Lebensmitteln beladene Anhänger begleiteten als Tross die Biker unterschiedlichen Alters.

Um das Todesjahr von Andreas Vater änderte sich für sein Leben einiges. Er suchte, und er fand. Denn er hatte Arbeit in Trier bei JTI gefunden. Dort war er zuletzt für die Zölle des Tabakimports zuständig. Seine Kolleginnen und Kollegen schätzten in ihm den ruhigen, gelassenen Mitarbeiter. Andreas war kein Mensch, der sich in den Vordergrund spielen muss. Er wusste um seine Kompetenz und brachte sie in seiner freundlichen Art an der richtigen Stelle ein. Das Kollegium schätzte ihn als einen „angenehmen Zeitgenossen“. 

Ja, er kam nach Trier und suchte und fand.

Auch Tino fand er, der sich aus der Schar der anderen Mitarbeiter als Freund schälte.

Andreas klopfte an der Mosel an, um eine neue Lebensphase zu beginnen. Und ihm wurde aufgetan: nicht zuletzt von Ihnen, Frau Nosbisch und Ihren Kindern Tim und Kristina. Es wurde gleichsam eine Tür in ein erweitertes Familienleben aufgetan. Denn nach 1.5 Jahren Leben in nachbarschaftlicher Nähe zog Andreas tatsächlich bei Ihnen ein. Es war der richtige Schritt und er beschenkte beide Seiten. Die gemeinsame Wellenlänge führte zu gemeinsamen Urlaubszielen in Österreich und immer wieder in Frankreich. Die gemeinsame Wellenlänge ließ sie über dieselben Dinge lachen. Andreas war humorvoll schon bei kleinen Dingen. Er konnte sich einlassen und spielte mit Tim und Kristina deren Spiele. Er war hilfsbereit, ich denke da an die Zubringerfahrt zum Ferienflieger und an sein Engagement als Tanzdummy. 

Für sich selbst benötigte er nicht viel. Es genügte ihm zu seiner Entspannung im Garten zu sitzen und der Natur zuzuschauen. Oder er schwang sich in den Sattel und legte zum Sound der Maschine Abstand zwischen die Arbeit und sich selbst.

Tu es, habe den Mut, lehren uns die Worte Jesu.

Es kommt nicht auf die Anzahl der Jahre an, sondern auf die Qualität, mit der wir sie gefüllt haben.

Andreas hat dies ganz bewusst getan. Im Spannungsbogen seiner liebevollen Zuwendung einerseits, seines gelassenen Selbstbwußtseins und seiner Willensstärke andererseits ist er ein guter Vater, ein guter Partner, ein willkommener Kollege und immer wieder ein verlässlicher Freund gewesen.

Darum haben Sie für ihn den vielleicht schönsten Spruch in die Anzeige gesetzt, dass es nämlich die Gedanken an ihn sind, die ein Lächeln ins Gesicht derer zaubern, die sich seiner erinnern.

So soll es bleiben, wenn sie auch nach Jahren seiner gedenken. Denn Andreas ging früh. Viele würden sagen: zu früh. Doch genau das will der biblische Rat nicht thematisieren, weil er vom Mut für heute, von der Idee, die eben jetzt verwirklicht werden möchte, vom Impuls, der zueinander führt, sprechen möchte. Jesus redet vom Anklopfen und Eintreten.

Und damit mit er auch die Zeit jenseits unserer irdischen Tage, denn jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Und als solcher, als sein Gedanke, bleiben wir die Sterblichen vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Es ist vielleicht nicht nötig, dass wir das sogleich verstehen. Wichtig ist, dass wir das Lächeln nicht verlernen, wenn wir an Andreas und seine Gaben denken. Denn dieses Lächeln ist ein Abbild der Freude Gottes über ihn.

Und diese Freude, diese leuchtende Annahme, die spüre Andreas nun und in Ewigkeit, wenn er auf den zugeht, von dem er hergekommen ist.

Ihr aber habt die Fassung und das Vertrauen in die Wahrheit, dass kein Mensch vor Gott verloren geht; und dass wir einen lieben Menschen, wie Andreas, getrost auf Gott hin loslassen dürfen.

Amen.

Humor und großes Herz

Traueransprache für Rolf Meurer

über die dritte Strophe des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“

von Matthias Claudius

Ettringen (Eifel) 20.03.2020

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen/ 

und ist doch rund und schön./ So sind wohl manche Sachen, 

die wir getrost belachen, / weil unsre Augen sie nicht sehen

eg 482

Sein und Scheinen,

Wissen und Wahrheit,

Vorurteile und Vernunft,

Matthias Claudius besingt die Zwiegespaltenheit unserer Wahrnehmung, unser Angewiesensein auf Wahrheit, er tut dies mit den Augen der Romantik, ein gefühlvoller Realist, der uns damit ein Bild von uns selbst vorlegt, ein Bild des Menschen mit Hilfe biedermeiernder Himmelslogik. Unser Wesen, nie einfältig, immer vielschichtig, widersprüchlich, oft zwischen mehrere Pole ausgespannt.

Im individuellen Leben sind dann unsere speziellen Prägungen, Wesenszüge, die uns einmalig machen, genau die Antworten auf die Grundkonstanten von Angst und Vertrauen. 

Bei Rolf fallen mir dazu beispielhaft seine Akkuratesse und sein Humor ein. Akzente im weiten Spannungsbogen einer vielfältigen Persönlichkeit. Akkuratesse ist dabei der Cantus firmus unter der Melodie seines beruflichen Erfolges, aber bildet auch die strenge Erziehung ab, die ihn prägte und zu dem machte, was er wurde. Beide Eltern waren Kinder der Kaiserzeit mit ihrer schwarzen Pädagogik und ihrem patriotischen Drill.

„Wenn du nicht lernen willst, dann nimm die Schaufel.“, legte ihm der Vater als prinzipielle Alternative vor: Arbeiter oder Akademiker.

Weniger mit preußischer Disziplin und Pedanterie, mehr subtil und im Gewand mütterlicher Zugewandtheit prägte dessen Frau ihn: legte auf ihn die Bürde des einzigen Sohnes, das Bewusstsein der Verantwortung.

Dieser Blick in seine Herkunft erklärt sein Gewordensein, erklärt, warum er in Schule und Büro die Stifte korrekt parallel legte und ausrichtete, macht deutlich, warum er durch fleißige Vorbereitung meinte, sich vor unliebsamer Überraschung schützen zu können, schenkt Einsicht in die Hintergründe seiner Abneigung allem Unvorhergesehenen, Liederlichen, Unaufgeräumten gegenüber. Klebrige Essensreste an den Fingern waren ihm ein Gräuel. Kurz: das Diktat der Eltern machten aus ihm später den Vater, der auf den Spielplatz seiner Kinder in Krawatte ging.

Rolf war kein Mensch, der gegen den Strom schwamm, nie der geborene Rebell, er teilte die Normen und Tugendvorstellungen der Gesellschaft, schätzte die ordnende Kraft der Verwaltung, stellte sich erfolgreich mit seiner guten Ausbildung als Bauingenieur, Mathematiker und Betriebswirt und mit seinen Begabungen in den Dienst des Wasserwirtschaftsamtes (1959 – 1974) und dann ab 1974 für den Rest seines Berufslebens in den der Bezirksregierung Trier. Dort bekleidete er erfolgreich den Posten eines Abteilungsdirektors.

Ein Zeitgenosse nennt ihn zielstrebig und genau, schätzt und kennt ihn als von „konzilianter Energie“, „immer habe ein freundliches Lächeln seine Mundwinkel auch in angespannter Situation umspielt“.

Mit dieser Wahrnehmung zeigt ein weiterer ganz wesentlicher Zug von Rolf Meurer Gesicht. Seine frohe Natur und sein schalkiger Humor. Letzterer konnte auch im Gewand von spitzen Bemerkungen daher kommen, wenn er zum Beispiel nach geduldigem Zuhören vom Kopf des Tisches Geistreiches ins Gespräch warf. Meist aber war sein Humor von auflockernder Fröhlichkeit. Er liebte den Witz. Er schätzte ihn in seiner doppelten Bedeutung von findigem Geist und guter Pointe. 

Nicht zuletzt darum war er ein gern gesehener Gast und seinerseits ein spendabler Gastgeber. Er liebte Gesellschaft und Gesellschaften und verstand sich aufs fare una bella figura. Er maß sich gern intellektuell und bereicherte das Gespräch. Aber er konnte auch aus der Haut fahren, wenn man seine Expertise in Frage stellte. 

Rolf Meurer war ein musischer Mensch und fühlte sich von der Lyrik ebenso angesprochen wie er sich selbst auf den Tasten des Klaviers auszudrücken verstand. Ein musikalischer Schöngeist und geselliger homme de lettres. 

Und sein Humor reichte vom trockenen Wortwitz bis zu ausgelassener Albernheit. Fern von mathematischer Korrektheit schlug hier die andere Seite seines Herzens. Sie konnte loslassen und locker feiern. Im Tennisclub, an der Bar, der der belebenden Gesellschaft von Freunden.

Auf diese helle Seite gehört auch der Menschenfreund, der offen und aufschließend auf jung und alt zuzugehen verstand. Dieser Wesensanteil zeigte sich zuerst in der Familie, aber dann unter Freunden und anerkannter Maßen  bei den Menschen die ihm beruflich anvertraut waren. Er ließ Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen krank feiern, wenn er wusste, dass diese Menschen in deren Familien dringend gebraucht wurden. Und umgekehrt dankten es diese ihm, schätzen sein inneres Führungsduo von vorbildlicher Disziplin und empathischer Menschlichkeit.

Rolf war allen Kindern liebevoll zugewandt. Die eigenen loben ihn dafür, dass er nach hartem Arbeitstag in der Bezirksregierung, nach zusätzlicher Sitzung des Arbeitskreises Landwirtschaft und Umwelt beispielsweise oder nach Teilnahme an der internationalen Kommission zum Schutz von Mosel und Saar, nach Tagung der Prüfungskommission, Zeit für ihre Anliegen hatte und Kräfte mobilisierte für ihre Förderung, das Abfragen von Hausaufgaben und das manchmal quälende Pauken für eine Klassenarbeit.

Der Blick auf ihn im Lichte des Mondes von Matthias Claudius lässt uns Rolf in seiner Bandbreite erkennen zwischen den anerzogenen Tugenden der Pünktlichkeit und der Genauigkeit einerseits, andererseits wird seine Würdigung erst voll, wenn wir auch den belesenen Musikliebhaber, den Menschenfreund, den von Lockerheit und Humor, den Liebhaber guten Lebens, den warmherzigen Menschen erkennen und würdigen. 

Sein eigener Blick hinauf auf den nächtlichen Mond ließ ihn auch Grübler sein, ließ ihn zum stillen homo religiosus werden, dem nachdenklichen, der zweifelnd und offen für die Wahrheit einer anderen Welt jenseits aller physikalischen und wasserwirtschaftlichen Wirklichkeit war. Der konfessionsmäßig liberal eingestellt war.

Ihm, dem in jener Welt Anfragenden, scheint nun der volle Mond, keine Schattenseiten bleiben. Das Licht von Gottes annehmender Liebe strahlt ihm entgegen und nimmt ihn auf in seinem Reich himmlischer Vollendung. Hier galt für Rolf das Gedicht von Hans Sahl; dort aber bleibt er als guter Gedanke Gottes in Ewigkeit:

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus

in eine Zukunft jenseits aller Sterne,

und was ich war und bin und immer bleiben werde,

geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,

als wär´ ich nie gewesen oder kaum.

Amen

Urgestein mit Blick über den Tellerrand

Traueransprache für Hildegard Zimmermann, geb. Jung

Wir verabschieden heute einen Menschen, der zu Ruwer dazugehört, der von jedem vor 1990-Geborenen gekannt und anerkannt wurde, der den Eindruck dieses Ortsteils mitbestimmt hat und der zum Kolorit des Ortes an Ruwer und Mosel durch die individuelle Persönlichkeit beigetragen hat. Das halbe Jahrhundert zwischen 1950 und der Jahrtausendwende hat hier vor Ort auch sein Gesicht durch das ihre erhalten.

Hildegard Zimmermann, geb. Jung gehört zu den anerkannten Unternehmerpersönlichkeiten, die kein Aufhebens von ihrer Besonderheit machen. Wohl, weil sie von Geburt an hineingewachsen war in die Selbstverständlichkeit des Familienbetriebes. Sie war sich gleichzeitig bewusst, dass sie vom Mythos umgeben war, die erste Evangelische in Ruwer gewesen zu sein. Doch das gehörte mehr in das Repertoire ihrer schnurrigen Geschichten. Tatsache war eben auch, dass bei der Fronleichnamsprozession vor der Apothekentür der Familie ein Altar aufgebaut war. Die Familie war also von Anfang an mit den örtlichen Traditionen vertraut – und sie war dadurch „eingebürgert“, wie ein Jahrgangsgenosse sagte. 

Und sicherlich ist eine Apotheke, die 70 Jahre in Familienhand ist, als ein erfolgreiches Unternehmen zu bezeichnen, doch diese Formalität ist Nebensache, angesichts der geschätzten Persönlichkeit von Hildegard.

In Trier am 05.07.1939 geboren wurde sie, weil die Mutter zwar eine Saarländerin war, Kleinblittersdorf war und blieb der Bezugspunkt der mütterlichen Linie und oft wurden dorthin noch Ausflüge gemacht, um die Verwandten zu  besuchen, doch Hildegards Vater war Trierer, darum kam es 1938 zu der beiden Ansiedlung in Ruwer. Und hier wurde im Jahr drauf Hildegard geboren und auf den Namen Hildegard Konstanze getauft.

Zwei Monate nach ihrer Geburt warf das Deutsche Reich die Fackel zum Weltenbrand über die polnischen Schlagbäume. Ein Ereignis, das der kleine Säugling weder mitbekam, noch von dessen Konsequenzen jemand am Paulinsufer eine Ahnung hatte. Die Angstzustände, die Hildegard in ihrem späteren Leben in Abständen zu schaffen machten, können ihre Initialzündung in den Nächten im Keller in der Rheinstraße gehabt haben. Es gab die dunkle Erinnerung an ein Kinderbettchen, das im Keller für sie im Falle eines Bombenangriffs bereit stand, und die Erinnerung an eine Szene auf der Straße, als Jagdflieger Ruwer überflogen und wahrscheinlich Gerta Zimmer es war, die das unbedachte Mädchen in einen Hauseingang zerrte.

Die tatsächlichen Toten, die Familie und das Vieh im oberen Paulinsgarten und die vielen toten Zivilisten und Soldaten, die im Stollen (kurz vorder ARAL) ihr Leben ließen, hat Hildegard selbst nicht gesehen. Aber die Angst wird sie gespürt haben und das Unvorhersehbare, das im Falle eines Falles zu befürchten war. Der Lärm der Detonationen auch, die in ihr junges Leben einbrachen, insbesondere des Angriffs Weihnachten 1944.

Hildegard blieb Einzelkind. Nach dem Krieg besuchte sie die Volksschule in der Rheinstraße und wurde als begabtes Kind aufs AVG nach Trier geschickt.

Vielen kennen sie aus der Schulzeit als das brave Mädchen, das des morgens mit im „Roten Elias“ fuhr. Ein Kind ohne Arg. Noch mehr aber erinnern sich die Kameraden an die lustige Jugendliche, die gern feierte.

Als sie das Studium der Pharmazie in Main aufnahm, starb ihr Vater Emil.  Emil, der im Ort bekannt für seine Marotte war, mit dem leeren Glas in den „schwarzen Raben“ gegenüber zu gehen, sich dieses füllen zu lassen, um im Anschluss das randvolle Glas mit ausgestrecktem Arm über die Straße zurück in die Apotheke zu „zelebrieren“.

Die Mutter, selbst Pharmazeutin, führte die Apotheke mit souveräner Hand. Viele Hände wurden gebraucht. Es gab Assistentinnen. Und Hildegard erinnerte sich, zu Fuß nach Trier gelaufen zu sein, um Substanzen für die Medizin abzuholen oder in die Zweigstellen nach Waldrach geschickt worden zu sein, um Medikamente auszuliefern.

Was sie vom Vorbild der Mutter auf jeden Fall lernte war deren fleißige Art, mit der sie Überblick behielt und alles im Griff hatte.

Es mag dieses mütterliche Vorbild gewesen sein, mit dem sie selbst später über das Lernen und Werden ihrer Kinder wachte. Denn eine Familie zu haben, war ihre größte Sehnsucht. Um über den Tellerrand des kleinen Ortes hinaus suchen zu können, annoncierte sie in der Apothekerzeitschrift. Und so wurden sie aufeinander aufmerksam und fanden einander 1974/75.

Im Jahr darauf wurde geheiratet und 1978 wurde Ihnen beiden der Sohn Christoph geschenkt. Übers Jahr darauf kam 1979 Andreas dazu. Und die Familie komplett machte 1984 Stephanie.

Hildegard widmete sich ganz den Kindern und ihrer Familie. Einerseits ermöglichte das ihre Mutter Käthe, die bis ins 78. Lebensjahr berufstätig bleib. Andererseits hatte Hildegard auch einen Apotheker geheiratet. Und diese Umstände ermöglichten es ihr, sich ganz ihren Lieben zu widmen.

Diese Konstellation führte zu der in einem Ort wie Ruwer typischen Kategorisierung, dass der Apotheker lange „Hildegard Jungs ihr Mann“ blieb.

So dorftypisch das einerseits sein mag. Die Erfindung des Begriffs wirft ein eindeutig anerkennendes Licht auf Hildegard selbst, die als Schlüsselgestein in der Bevölkerung durch diese Begrifflichkeit geadelt wird.

Hintergrund ist nicht nur das Fleißerbe ihrer Mutter, die Bedeutung, die eine Apotheke für Ruwer hatte, sondern die umgängliche Persönlichkeit von Hildegard. Sie hatte eine entgegenkommende Art, einen extrovertierten Sinn für die Menschen, die sie umgaben, sie war offen und ansprechbar. Die Menschen schätzten und honorierten es, das sie fürs Gespräch mit ihnen zu haben war.

Die Familien Jung und Zimmermann führten ein offenes, integrierendes Haus. Nicht nur die Mutter Käthe lebte mit unter dem einen Dach. Die Helferinnen waren oft zu Gast. Und es gab das Faktotum Hilde Badem, die mit zur Familie gehörte. 

Eine ganz wichtige Person im Gravitationsfeld der Familie war Gerta Zimmer. Sie hatte schon Hildegard gewickelt als diese noch Säugling war und später war sie Hand als deren Tochter Stephanie gewickelt und großgezogen werden wollte. Gerta saß mit der Familie unterm Weihnachtsbaum und Gerta fehlte bei keinem der wichtigen Feste.

Dieses Verwobensein mit den Menschen vor Ort war Hildegard eine Selbstverständlichkeit und Stütze gleichermaßen. Deren Bereitschaft hielt ihr den Rücken frei, sich um die Kinder zu kümmern. Und das tat sie mit Erfülltheit. Sie kochte dem Erstgeborenen sein Lieblingsesse, sie war es, die die Vokabeln abhörte, die hinter den schulischen Leistungen der Kinder her war, denn Fleiß und der Ehrgeiz für gute Ergebnisse waren ihr selbst mit auf den Weg gegeben worden. Entsprechend anerkennend freute sie sich über gute Noten, was das seine zum Fleiß der Kinder beitrug.

Sie war aber auch eine fürsorglich nachfragende Mutter. Und in gewisser Weise das Urbild dessen, was wir heute eine Helikoptermutter nennen, also ein Elternteil, der die Kinder zu jeder Schul-, Tanz- oder Sportveranstaltung in die Stadt fährt und sie wieder abholt.

Wir können uns die Krise vorstellen, die eintrat, als das jüngste Kind ausgezogen war, als die vertraute Tages- und Versorgungsstruktur sinnlos geworden war.

Sie horchte vermehrt in sich hinein. Ihrer Arthrose gab sie den unvermeidlichen Raum. Sie nahm an äußerer Unbeweglichkeit zu. Und die innere wurde fixiert von den immer wieder auftauchenden Ängsten.

Hildegard verließ das Haus immer seltener. Seit 2012 kam der Pflegedienst ins Haus. Die Telefonnummern, die sie wählte, waren irgendwann nicht mehr angeschlossen. Dazu gehörte die von Gerta Zimmer, die 2017 verstorben ist.

Im Mai 2018 war Hildegard dann in Reinsfeld mit ständiger Betreuung besser untergebracht.

Mit dorthin genommen hat sie Fähigkeit Klavier zu spielen, die sie vor wenigen Jahren wiederentdeckt hatte. Einmal mehr und für sie ganz typisch sammelte sie die Menschen um sich, denen sie nach wie vor Positives zu geben verstand.

Aber Anfang dieses Jahres wurde sie dann bettlägerig. Und nun ist sie eingegangen in die Versammlung, die vor Gott spielt. In seinem letzten Buch (Ufergedanken) schreibt der Theologe Jörg Zink „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.

Amen.

Queen Mum

Traueransprache über Ps 107, 6. + 7.

für

Christel Kettig

am 23. Januar 2020 in Grünhaus

Die zum Herrn riefen in ihrer Bedrängnis, die befreite er aus ihrer Angst, und er führte sie den richtigen Weg, dorthin, wo sie gut leben konnten.

Im Rückblick versteht der Mensch oft, sieht die gute Führung und erkennt die Zusammenhänge. Im Vorfeld zu wissen, was falsch und was richtig ist, das ist eine Herausforderung.

Herausgefordert war auch Christel Schonebohm. Früh schon, denn sie war die älteste der drei Geschwister und darum seit Kindesbeinen mit der Verantwortung für die jüngeren betraut. Das ist ein Teil der grundlegenden Erfahrung, die sie prägte. Verantwortung zu übernehmen und anzusagen, wo es lang geht. Es kommen einige Faktoren zusammen, die ihren Anteil beigesteuert haben zu einem Charakter, der schon in jungen Jahren ein Bild klares davon hatte, wie etwas richtig gemacht wird und wie man es nicht zu machen habe. Denn auch ihr selbst gab Sicherheit die Bestimmtheit, dass eine Sache so und nicht anders richtig sei. Für sie war eine solche Positionierung gleichsam wie ein Geländer am schwierigen Weg der Möglichkeiten. Eine Orientierung, die ihr im Ton der Zeit schon im Elternhaus mit auf den Weg gegeben wurde. Da gab es kein Dazwischen, kein grau, nichts, über das man hätte debattieren können.

Vorschnell wäre ihr gegenüber aber eine Kategorisierung als typisch westfälischer Dickschädel, denn genetisch stammte nur die väterliche Linie aus Westfalen, die mütterliche aus Schwaben. In dieser Mischung lebten die Eltern seit einer Generation als Bauern in Posen. Rein geografisch ist sie gebürtig in dieser fruchtbaren Ebene zwischen Bromberg und Breslau. Blumenau, der Ort ihrer Kindheit, wurde von ihr stets als Hort der Glückseligkeit beschrieben.

„Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude,

ich erwachte und sah es ist Pflicht.

Ich handelte und siehe,

die Pflicht war Freude“

Diese Weisheit Rabindranath Tagores setzte Christel wie eine Maxime über ihre früh gewonnene Einstellung. Sie zitierte den Dichter oft und schrieb mit dem Zitat gleichsam eine Überschrift über ihre eigene Haltung.

Kein Wunder also, dass zunächst ihre eigene Tochter streng in das Regelwerk der deutschen Orthographie eingewiesen wurde, später ihre Enkelin Friederike beim Lernen vom Takt der großmütterlichen Vorgaben profitierten. „Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen“, hieß es. Und umgesetzt wurde der Bogen von Anspannung und Entspannung, von Arbeit und Belohnung, in dem die Hausaufgaben und Klavierstunden betreuende Großmutter kochte, buk und die entspannende Teestunde nach dem Abfragen der Vokabeln zelebrierte.

Doch das war alles viel später, jüngste Vergangenheit sozusagen. Denn vergessen wir nicht, Christel ist der Zeuge eines ganzen Jahrhunderts. In der Weimarer Republik geboren. Im Takt des Gleichschritts von Soldatenstiefeln zur Schule gegangen. Gelitten unter dem Krieg und seinen Folgen. Christels Vater wurde eingezogen, der Bruder geriet in russische Kriegsgefangenschaft, die Schwester litt und wurde krank. Die Familie verlor die Heimat. Und es gehört zu Christels traumatischen Stunden, was sie nach der ersten Fluchtetappe in der untergehenden Reichshauptstadt erlebte. Von den Eindrücken der bombardierten Stadt, brennender Menschen erholte sie sich auf dem Gut von Frau Melchian, nur, um sodann vor der russischen Besatzung zu Verwandten ihres Vaters nach Porta zu flüchten.

Tatsächlich führte Gott sie nach Barkhausen, wo sie 1951 in den Hafen der Ehe einlief, wo den Eheleuten 1959 die Tochter Kerstin geschenkt wurde, wo 1964 ein eigenes Haus bezogen werden konnte, wo sie mit ihrer Kochkunst ihre Lieben verwöhnte, wo sie intensiv beim Schützenfest mitfeierte, wo die Familie zwischen 1964 bis ins Jahr der Jahrtausendwende in der Jägerstraße ihren Mittelpunkt hatte.

Auch hier wieder die Freude an der Selbstbestimmtheit. Eine Vereinsmitgliedschaft kam nicht in Frage, denn sie wollte ihr eigener Herr bleiben.

Als 1987 ihre Mutter starb, war es so, als ob nun Christel an den Platz ihrer „Queen Mum“ aufrückte.

Hut ab also vor der Entscheidung, einen Menschen mit einem solch eigenen Kopf ins Haus auf zu nehmen. Zumal es anders kam, als gedacht, denn Christels Mann verstarb leider schon nach einem Jahr hier in der neuen Heimat an Ruwer und Mosel.

Für sie selbst bewährte sich dann aber einmal mehr, dass sie sich stützte auf Disziplin im Umgang mit Unwägbarkeiten und Trauer. Schnell hatte sie neue Aufgaben gefunden, angefangen bei der Versorgung der Enkeltochter bis hin zum Garten. Der gedieh unter ihrer Wachstumsaufsicht, denn sie widmete sich täglich zwei Stunden den Blumen und dem Rasen. Stunden, die ihr gesundheitlich sehr zugute kamen, brachten sie doch Bewegung und Sinn mit sich.

Disziplin bewies sie auch in Sachen Ernährung. Sie achtete auf die Kalorien legte Wert auf die äußere Erscheinung. Grande Dame ganz bei den entsprechenden Anlässen.

Alles Dinge, die ihren Genen die Chance gaben, ihr volles Potential zu entwickeln. „Das Leben währet siebzig, wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre“, heißt es im Psalter. Ihr waren – es fehlt nicht viel – fast einhundert vergönnt. Ein Geschenk, zumal sie so gesund blieb, dass sie bis vor drei Jahren die Wachstumsaufsicht im Garten führen konnte.

Dann begann die Zeit, wo Kinder und Enkel ihr von der Liebe zurückgeben konnten, die sie durch sie empfangen hatten.

Vertreten auch durch Frau Breit, die ihr zu einer geschätzten Gesprächspartnerin und Vertrauten geworden war.

Aufzuzählen sind die Gespräche und Fahrdienste der Kinder Apotheke, Arzt, Einkauf; besonders erwähnenswert scheint mir auch das halbe Jahr, in dem ihr Schwiegersohn sich intensiv um sie kümmern konnte, eine Zeit, die die Beziehung der beiden bereicherte.

Fast achtundneunzig Erdenjahre, die Zeugnis von einer guten Wegweisung ablegen. Nicht überhört haben wir dabei alle, dass Christel ein Mensch war, der selbst gern die Führung inne hatte, im Besitz der Wahrheit auftrat. Sie ist damit nicht schlecht gefahren, zumal sie sich nicht scheute, ihre Position im Streitgespräch intensiv zu verteidigen. Nach solcherlei Auseinandersetzungen pflegte sie zu resümieren: „Wir haben uns doch wunderbar unterhalten“.

Nun sagen wir „Danke“ für dieses Leben. Es liegt mit seinen Licht- und Schattenseiten vor Gott wie ein offenes Buch. In sein Buch des Lebens sind ihre Jahre eingeschrieben. Und vor ihm, dem Unsterblichen, wird sie lebendig bleiben. Denn jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes.

Geben wir Christel heute ihrem himmlischen Wegweiser und Schöpfer zurück.

Amen

Jesu Auftrag gefolgt

Traueransprache über Mt 6, 21

für

Emma Ken, geb. Fuchs

17. Januar 2020, Pfalzel

Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz

Ein Wort Jesu, das über dem Leben und der Würdigung von Emma Ken stehen soll. Dieser Bibelvers war schon der Konfirmationsspruch ihrer Mutter, den diese 1907 zugesprochen bekam.

Es ist ein wichtiges Wort für unser eigenes Leben, denn es stimmt, woran wir unser Herz hängen, das bestimmt auch unser Leben. Hängen wir es an irdische Güter, an Besitz, dann werden wir ängstlich und fürchten den Verlust, sammeln wir Schätze im Himmel, dann führen wir ein freies und im Sinne Gottes glückliches Leben.

Dieser Rat Jesu steht gleichsam als Überschrift über dem Leben von Emma. Und wir werden sehen, dass dies ein zutreffender Satz ist.

Emma Fuchs wurde am 07. November 1923 Ersary in Turkmenistan geboren. Das ist jetzt fast ein Jahrhundert her. Das bedeutet, dass Gott ihr weit mehr an Jahren geschenkt hat, als es die Bibel für normal hält. Im Psalter heißt es, das Leben währet siebzig, wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre. Emma waren 97 vergönnt. Das ist allein ein Reichtum, für den wir zu danken haben.

Reich war die Familie auch an Kindern, Emma hatte fünf Geschwister. Zu ihrer Schwester Natalja, verheiratete Grimm hielt sie ein Leben lang regen Kontakt. Das gelang durch die Wirren des Krieges nicht zu allen Schwestern und Brüdern. Wir dürfen nicht vergessen, dass Emma eine Zeitzeugin eines bewegten Jahrhunderts ist. Fast noch in der Zarenzeit geboren, sprach sie zunächst in der deutschen Enklave mit allen deutsch. Die Sowjetunion begann 1917 und erstarkte 1922. Mit Stalin wurde Russisch Pflichtsprache. Das erlebte die zehnjährige Emma, als sie mit ihrer Familie nach Bayram-Ali zog, eine Landstadt nicht mehr weit weg von der Grenze zum Iran. Der Vater war Schmied und hatte in der Stadt gute Arbeit. Ab diesem Zeitpunkt musste auch Emma in der Schule Russisch sprechen, bzw. es lernen.

Abermals das Schicksal vieler hunderttausend Deutschstämmiger erlitt sie mit der Mehrzahl ihrer Geschwister, als Nazideutschland die Sowjetunion überfallen hatte und die Russen die deutsche Minderheit nach Sibirien befahl. Emma Fuchs kam 1943 nach Tscheljabinsk, genauer nach Korkino, einem 25 km südlich gelegenen Ort.

In dieser Phase lernte sie Paul Ken kennen und lieben. Die beiden heirateten 1947. Ihnen wurden in den folgenden Jahren die Kinder

  • 1948 Lilli
  • 1949 Anna
  • 1952 Paul
  • 1954 Viktor

geschenkt.

Als Viktor ein Jahr alt war, zog die Familie nach Turkmenistan zurück.

Emma arbeitete zunächst als Hausfrau, 1962, als ihr Jüngster bereits in die Schule ging, begann sie als Küchenhilfe und wurde bald Köchin in der Kantine einer großen Steinfabrik.

In dieser blieb sie bis zum Eintritt in die Rente 1978.

15 Jahre später ging sie noch einmal einen großen Schritt. In der Mitte ihrer Familie siedelte sie, abermals im Strom mit hunderttausenden von Landsleuten, nach Deutschland um. Die erste Station war die Klostermühle zwischen Lorscheid und Herl. Dann folgte Pfalzel.

Hier durfte Emma noch einmal fast eine Generation lang leben. Die Zeit von 1993 – 2020, also fast 27 Jahre. Jahre, die sie in aller Bescheidenheit verbrachte. Sie war geborgen in der Mitte ihrer Familie, lebte bei ihrem jüngsten Sohn und ihrer Schwiegermutter. Und sie gab umgekehrt die Geborgenheit, die eben eine Mutter gibt, die das Leben von Kindern und Geschwistern begleitet, die die großen Stunden miterlebt und die sie teilt.

Dazu gehörte bei ihr vor allem der Stolz über Enkel.

Besondere Zeiten waren für sie die gemeinsamen Urlaube. Unvergessen ist der in Spanien, in den sie mit Sohn, Schwiegertochter, Enkeln und ihrer Schwester Natalja reiste.

„Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz“. Emmas Herz schlug für ihre Familie. Das ist ein Leben im Sinne Gottes. Denn unser Gott, Vater – Sohn und – Heiliger Geist ist die „Beziehung höchstpersönlich“. Emma ging es um Beziehungen. Sie nahm Anteil am Leben der Ihren.

Für sich selbst stellte sie keine Ansprüche. Diese Bescheidenheit hatte sie in einem Leben voller Entbehrungen gelernt.  Eine manchmal bittere Erfahrung, die ihr half, ihr Geschick und nun im Alter auch ihre Krankheiten anzunehmen. Das ist klug im Umgang mit sich selbst. Das machte aber vor allem den Umgang mit ihr einfach.

Als sie die 80 überschritten hatte, musste sie in die Wohngemeinschaft mit Sohn und Schwiegertochter aufgenommen werden. Auch in dieser Phase blieb sie die zufriedene Frau, die dankbar für jede Art von Zuwendung und Aufmerksamkeit war.

In ihren letzten Tagen schloss sich der Kreis, sie kehrte in Gedanken ganz an den Anfang ihres Lebens zurück, ihre Mutter war ihr wieder gegenwärtiger und sie erlebte ihre Kindertage noch einmal.

In gewisser Weise hat sie so Kontakt zu denen aufgenommen, die vor ihr gegangen sind.

Für uns ist wichtig, dass sie zu ihrem Schöpfer zurückkehrt. Denn vor ihm bleiben alle seine Kinder lebendig.

In das Licht seiner hellen Liebe wollen wir Emma entlassen. Uns bleibt die Erinnerung an eine bescheidene Frau, die ihr Leben im Sinne der Worte Jesu geführt hat, die ihr Herz an Menschen hängte und sich nicht dem Besitz verschrieb. Wir dürfen sicher sein, dass sie einen Schatz im Himmel gesammelt hatte und nun dort Frieden in Ewigkeit hat.

Amen

nicht mehr alles geschluckt

Traueransprach für Lore Schaer am 11. November 2019 in Grünhaus

Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung; aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Lore Schaer, geb. Meyer-Haake, ist ein Kind der Weimarer Republik. Sie ist dies nicht nur von ihrem Geburtstag her, dem 05. April des Jahres 1923, sie ist es von ihrem Wesen, vor allem von ihrem taffen Mut zur eigenen Emanzipation her. Die Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit, neues zu wagen einerseits, Frauen an den pädagogischen Hochschulen zuzulassen, sie Autos fahren und Flugzeuge fliegen zu lassen – und der gerade abgeworfene kaiserzeitliche Rahmen, das feste Gefüge der Rollen und Aufgaben andererseits, in diesem Spannungsfeld verstehen wir auch Lore Schaer. Sie war eine beherzte Frau, die dieses Feld in einem langen erfahrungsreichen Leben für sich auslotete.

Den Mut dazu mag sie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Denn wenn sie von ihrer Herkunftsfamilie sprach, dann immer von einem behütenden Elternhaus und von Großeltern, bei denen zu Hause Annahme und gesellige Familie gelebt wurden. Ihren Vater beschrieb sie als jemanden, der seine Tochter verwöhnt habe. Und die Brüder des Vaters hätten abwechselnd mit den Nichten und Neffen gespielt. Meist geschah das im Haus der Großeltern, die der Sammelpunkt der Großfamilie waren.

Aus diesem frühkindlich erworbenem Selbstbewusstsein erklärt sich manche spätere Entscheidung. Zum Mut kamen bei ihr eine geistige Klarheit, die sie vernünftig planen und überblickend argumentieren ließ.

Als Lore in die Schule kam, genoss sie es, dass diese dicht neben dem Elternhaus lag und sie schnell nach Hause laufen konnte. Wenig später freute sie sich über ihr erstes Fahrrad, weil sie nun den längeren Schulweg sparen und mit dem Rad die kurze Strecke durch den Park nehmen konnte.  Sie berichtete von den Laubsägearbeiten, mit denen sie sich beschäftigte, von selbst hergestellter Weihnachtsdekoration, die jahrelang zum Einsatz kam. 

Das geliebte Rad benutze sie, um zum ersten mal in ihrem Leben ins außerschulische Vereinsturnen zu fahren. Und hier liegen bereits die ersten Konstanten, die sich über fast neun Jahrzehnte durchziehen: die hohe Bedeutung, die Familie für sie hatte und der Vereinssport, der immer wieder Haltepunkt für sie wurde.

Als der Vater reaktiviert und an den Flugplatz von Fassberg beordert wurde, zog die ganze Familie mit ihm in die Heide. Der dreijährige Aufenthalt bedeutete für Lore, ihre Schulkameradinnen hinter sich und sich selbst auf ein neues Leben einzulassen. Sie erzählte, mit 14 aus dem Klassenverband gerissen worden zu sein. Das war ein schmerzliches Erleben, denn sie ging gern in die Schule.

Auch in Fassberg besuchte sie eine Schule. Aber bald folgte der Umzug nach Berlin. Sie blieb dort nicht lange bei den Eltern, sondern entschied, dass sie ihr Pflichtjahr in Göttingen verbringen wollte. Als sie zurück kam, stand die Welt bereits in Flammen. Sie begann auf der Handelsschule und erlebte die ersten Bombardements der Reichshauptstadt. In dieser Phase wurde der Vater nach Wien versetzt. Das war 1941. Ein weiteres mal in ihrem Leben war es ihr nicht beschieden, Freundschaften in der Schule zu entwickeln und sie pflegen zu können.

Erst in Wien fand sie eine gute Freundin, Auguste Panhans, die mit ihr auf der Dienststelle des Luftwaffencorps arbeitete. Durch ihren Vater war sie dort in die Schreibstube gekommen. Dieser selbst flog die Strecke Wien – Zagreb und brachte begehrte Lebensmittel mit nach Hause.

Auch die Stationierung weit ab vom Brennpunkt Berlin schenkte zunächst noch einmal „Frieden“, Kultur und die Freuden gemeinsamer Unternehmungen. Mit den jungen Kameraden ging sie tanzen, ihr Chef führte sie in die Oper aus. Sie erzählte von Theateraufführungen und Konzerten. Aber immer auch von den Wegen dorthin und zurück. Zunächst noch in der Straßenbahn. Doch dann, als auch die Bomben auf Wien fielen und die Schienen zerstört waren, wieder mit dem Fahrrad.

Unvergessen sind die Ausflüge und die Gebirgswanderungen. Ihre Einheit belegte gemeinsam einen Segelkurs. An diese Momente hatte sie eine lebendige Erinnerung.

Nicht minder detailliert beschrieb sie die Auflösung der Dienststelle, den Verlust ihrer letzten Habe, den Koffer, der nie dort ankam, wohin sie floh. Mit nichts anderem als dem, was sie auf dem Leib trug, fand sie sich ein am verabredeten Ort der Familie, einer Hütte in den österreichischen Bergen. Aber sie mussten als Deutsche das Land verlassen, wurden nach Bayern abgeschoben. Fast ein Jahr lebte sie mit ihren Eltern unter kümmerlichen Bedingungen am Schliersee. 1946 kehrte sie in ihre Geburtsstadt Bremen zurück. Die weitläufige Verwandtschaft brachte die Familie unter. Schnell fand sie eine Stelle als Bürokraft bei den Amerikanern. Doch als Lehrer gesucht wurden und dies ihr die Möglichkeit bot, eine Berufsausbildung mit gleichzeitiger Unterrichtserteilung zu machen, schrieb sie sich im Lehrerseminar ein. Lore war schon immer ein kulturinteressierter Mensch. Nicht zuletzt darum entschied sie sich für den Beruf der Lehrerin.

In dieser Zeit lernte sie beim Faschingsfest Hermann kennen. Zum 05.04.1947 erhielt sie von ihm einen Armreifen aus rausgeklaubtem Wehrmachtsaluminium als Geburtstagsgeschenk, der heute noch getragen wird, und Weihnachten desselben Jahres verlobte sich das junge Paar. Nachdem es zweieinhalb Jahre später im Juni 49 den Bund der Ehe einging, konnte es auch in ein erstes gemeinsames Zimmer in Bremen ziehen. Tante Trudel und Tante Friedel hatten das möglich gemacht.

Im Jahr darauf, 1950, wurde den beiden der Sohn Bernd geschenkt, und vier Jahre später kam Siegrid zur Welt. Lore erzählt von den dramatischen Umständen der zweiten Geburt, denn parallel zu ihr lagen Vater und Mutter im selben Krankenhaus. Die Mutter hat es nicht lebend verlassen, sie starb drei Tage nach der Geburt ihres zweiten Enkels.

Lange dagegen hatte Lore von ihren Großeltern, ein Umstand, auf den sie mit Dankbarkeit schaute.

Inzwischen hatten Sie, Herr Schaer, Arbeit bei einem Elektrogroßhandel gefunden, der eine Neubauwohnung zur Verfügung stellen konnte. Dort lebte die junge Familie und wuchs 1957 um Sohn Helmut.

Ein neuer Arbeitsplatz führte die fünf zunächst nach Gütersloh, aber wenig später schon nach Achern in Baden. An diese Zeit gibt es von allen lebendige Erinnerungen. Und hier geschah es auch, dass Lore zum ersten mal aufbegehrte, gleiches Recht auf Urlaub und Wochenende für beide Eheleute einklagte. Sie reiste Ihnen einfach mit Kind und Kegel nach, als sie mit Freunden zum Skiwochenende weggefahren waren. Sie demonstrierte unter großem Aufwand Gleichberechtigung. Und sie unternahm auch etwas dafür, von den Skiwochen nicht ausgeschlossen zu bleiben. Sie lernte selbst das Skifahren.

Zuhause führte sie in aller Rationalität das Kassenbuch, denn ihres Mannes Wünsche gingen höher hinaus als der Kontostand. Sie war die Rechnerin der fünfköpfigen Familie, ihre Maxime war Sparsamkeit.

Noch einmal zog die ganze Familie um. Dieses mal nach Lübbecke, in die Stadt des elterlichen Betriebs von Großvater Schaer. Unter hohen Reibungsverlusten wurde dort eine Existenz erstritten. Auch ein eigenes Haus konnte für die Familie 1967, sechs Jahre nach dem Zuzug, bezogen werden. Auch dies war eine Frucht von Lores finanziellem Überblick.

Lore, die Abbrüche und Neuanfänge in ihrem Leben gewohnt war, hatte zur Strategie entwickelt, sofort dem Turnverein beizutreten und dadurch schnell einen Bekanntenkreis aufzubauen. Als aber die verbleibende Tageszeit ihres Mannes nach der Arbeit mehr und mehr in den Vereinsaufbau floss, kriselte es in der Ehe. Konstruktiv suchte Lore nach Freiräumen, um sich zu emanzipieren. Sie erlernte Französisch und besuchte einen Literaturkurs, sie widmete sich neben der Familie ebenfalls dem Vereinsleben, pflegte ihre Doppelkopfrunde. Freundschaften entstanden. Familie Fritz und Familie Czerwinsky gehörten in den Wochenplan, der Hund Purzel bereicherte die Familie. Vor allem aber machte sie sich unabhängig von den Fahrkünsten ihres Mannes. Und dies auch gegen seinen Willen. Sie erwarb den Führerschein. Anlass war nicht zuletzt der lange Aufenthalt der kranken Tochter Siegrid im Klinikum von Hannover. Weiter begann Lore, eigene Gaben zu entdecken und zu entwickeln.

Ihr Großvater war Porzellanmaler in Meißen gewesen und ihr Urgroßvater Kunstmaler. Auch der Vater konnte gut zeichnen. So besann sie sich mit 55 auf diese Gaben und begann zu malen. Volkshochschule und Ferienakademien wurden ihr Eldorado und sie versuchte sich in verschiedenen Techniken. Sie verteidigte für sich den Freiraum, einer eigenen Malgruppe anzugehören.

Über all dem vernachlässigte sie weder Familie noch Haus. In diesem tapezierte sie selbst, sie strich die Fensterrahmen, sie sorgte mehr und mehr für die Möblierung. Der Garten war ihr gleichzeitig Ort der Beschäftigung und der Erholung.

Jenseits des Alltags war ihr die Beschäftigung mit Kultur ein Herzensanliegen. So verging kein Urlaub nach Österreich, ohne dass Mann und Kinder in Klöster und Kirchen geschleppt wurden. Der Alpen müde, entschied sie, ohne Hermann nach Marokko zu reisen. Gemeinsame Fahrten führten sie nach Griechenland, auf die Inseln und nach Kreta. Die Museen wurden abgeklappert und es entstanden Aquarelle, manchmal auch erst später auf der Basis von Ansichtskarten. In die Zeit hier in Ruwer gehört die große Donaukreuzfahrt bis zum imposanten Durchbruch bei Passau, dem eisernen Tor.

Am Leben der Kinder nahm Lore intensiv Anteil. Eine ihrer größten Tugenden und vielleicht auch das Geheimnis ihres langen Lebens ist ihr Interesse, ihre bleibende Neugier.  Sie blieb offen für junge Menschen, fragte nach ihren Ansichten und hatte selbst jung gebliebene Ansichten.

Mehr und mehr setzte sie sich damit ab von klassischen Klischees. Bei der Grundentscheidung, ob man die eigenen Kinder mit dem Lebensunterhalt der Eltern belasten solle, stellte sie sich hinter die Kinder.

Mit Klugheit, lebenslanger Demut und Liebe zur Familie hatte sie ihre Aufgabe auch im Vermitteln gesehen. Nun aber leistete sie Widerstand. Der Buchtitel Dietrich Bonhoeffers „Widerstand und Ergebung“ mag Ihnen dazu einfallen. Denn genau zwischen diesen Polen hatte sie ihr Leben ausgespannt.

Nicht zuletzt aus Glauben wurde sie ihrer Verantwortung für andere gerecht. 

Das waren zuallererst die Kinder, die sie überall auf der Erde und in allen neuen Lebensumständen besuchte, um Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Sei das eine neue WG in Deutschland oder geschätzte 10 – 15 Reisen zum Ältesten nach New Mexico.

Da war auch die Rolle, ihren Mann verantwortungsvoll zu versorgen.

Aber mehr und mehr machte sie deutlich, dass sie nicht alles zu schlucken bereit war. Dieser widerständige Impuls wurde am Ende gar manifest und drückte sich körperlich wahrnehmbar als ihr Abwehrreflex aus.

Lore Schaer hat sich begeistert und mit Initiative in den Neuaufbau des Seniorenkreises der Kirchengemeinde eingebracht.

Sie hat über mehr als zwei Jahrzehnte hier die Gottesdienste im Raum besucht und mir das Kreuz über dem Altarraum als ein Symbol beschrieben, das sie schätze. Es komme nicht nur dem Menschen als Bild einer Liebe entgegen, die vergeben könne, die sich selbst opfernd einbringe, es schien ihr auch die Wände zu weiten, die begrenzenden Mauern zu sprengen.

Und tatsächlich: Lore ist gegangen ohne Groll. Sie konnte nicht alles verstehen, aber in ihrem großen Herzen alles verzeihen.

Und ebenso hat sie für sich Räume erobert, die ihr ein eigenes Leben garantierten. Es gelang ihr, sich abzugrenzen und deutlich zu emanzipieren. Zum Schluss sogar einen Weg allein zu gehen.

Darum ist es wichtig, genau dies zu akzeptieren. dass sie sich aufgemacht hat in eine Welt, die wir noch nicht kennen. Sie ist uns verheißen. Und die Navajos drücken das Unsagbare mit irdischen Bildern strahlenden Lebens aus:

„Ich bin nicht dort.

Steht nicht an meinem Grab und weint um mich, ich bin nicht dort.

Ich wehe als Wind auf blauer See,

ich strahle als Diamant auf weißem Schnee.

Ich scheine als Sonne auf reifes Getreide,

ich regne im Frühling auf grüner Weide.

Ich strahle als Stern in dunkler Nacht

und wenn ihr im Morgenlicht erwacht,

ich bin der Vogel, der himmelwärts fliegt,

aus dem Schwarm, der dort seine Kreise zieht.

Steht nicht an meinem Grab und trauert,

ich bin nicht dort – weil die Ewigkeit dauert.“

Nachklang

Traueransprache für 

Regina Israel

über 1. Joh 4,16

14. September 2019

Osburg

Liebe trauernde Familie,

liebe mittrauernden Freunde und Kollegen,

Sie alle werden über der Traueranzeige gesonnen, den zitierten Worten Grönemeyers zugestimmt haben „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet“. Denn tatsächlich, Regina hatte etwas Erleuchtetes und Erleuchtendes. So wie der Strahlenkörper der Sonnenblume Garten und Raum erfüllt, so war sie bescheiden zwar aber unübersehbar präsent, erreichte die Herzen, wenn sie im Raum, wenn sie Gastgeberin war, wenn sie konzertierte und wenn sie sich einfühlsam dem Menschen zuwandte.

Sie schätzte nicht nur die empathische Brücke zu den Menschen, sie liebte es, von Natur umgeben zu sein, von Feld, Flur und Katzen; nahm stets in der ihr eigenen Art eine besondere Beziehung zu allem auf. Mit unglaublich geschickter Hand verstand sie es dann umgekehrt, das Gesehene darzustellen in Zeichnung, Gemälde oder in hingezauberter Plastik, denn das jeweilige Imago entsprang zweifellos direkt der Mitte ihres Herzens. Letztlich gehörte auch die Töpferscheibe zu ihren Instrumenten, sie gab dem Ton Klang und belebte das Irdene.

Am 23. November 1956 wurde dieses Mädchen ihren Eltern in Grefte geboren. Das ist ein Dorf in Hessen, 10km südlich von Kassel und nicht weit weg von der damaligen Zonengrenze gelegen.

Regina war etwa zwei Jahre alt, als die Familie in die nahe Stadt zog. Als einzige Tochter unter vier Jungs lernte sie mit ihnen Radfahren und spielte ihre Spiele. Aber bald wurde deutlicher, dass sie nicht nur wegen ihres Geschlechtes besonders war. Ja, alle fünf Kinder profitierten von der Musikalität der Eltern, doch Regina, die wie ein Schmuckstein in der Mitte der Geschwisterkette prangte, offenbarte eine besondere Begabung.

Die Eltern waren bei der Namensgebung einer Eingebung gefolgt. Denn während die Orgel als Königin der Instrumente firmiert, war die Harfe spätestens seit den Tagen König Davids zum Instrument des Königs avanciert. Sie blieb dies in den Burgen des Mittelalters, und so wirkt die Namensgebung wie eingetroffene Prophetie, denn so kam eine Königin (lat. Regina) an der Harfe zu sitzen.

Das musikalische Erbe beider Eltern kulminiert in Reginas Begabung. Die Großmutter väterlicherseits war Organistin bis in ihr 92. Lebensjahr und der Vater Spielmannszugführer und kreativer Musiker auf fünf Instrumenten. Die Mutter nicht minder musikalisch, von ihrer Seite floss noch die Disziplin ein. (Von Ihren Kindern, Frau Israel, weiß ich, dass „aufgeben“ in Ihrem Wortschatz nicht vorkommt).

Absolutes Gehör, geschenkte Musikalität und Fleiß waren also zusammen. Vom Vater hatte Regina noch die Tiefe in ihrer doppelten Schwere ererbt. Früh erkannte und förderte dieser die Begabung seiner Tochter. Er schaffte ein Auto an, in dem die Harfe transportiert werden konnte und stellt die Brüder an, das Instrument zu tragen.

Inzwischen lebte die Familie seit 1963 in Wiesbaden. Zum ersten mal tauchten bei Regina die Schatten der Multiplen Sklerose auf. Aber die Diagnose wurde verschwiegen, als könne man damit die Schübe selbst ungeschehen machen.

In der Wiesbadener Schulzeit ließ Regina in intelligenter, aber eben doch pubertärer Renitenz ihre Laufbahn am humanistischen Gymnasium enden, um sodann auf dem Konservatorium ihrer Leidenschaft den richtigen Kanal zu öffnen. Obwohl sie nicht minder gut Klavier spielte, wurde die Harfe zu diesem Zeitpunkt ihr primäres Instrument. Mentor war der Harfenist des Wiesbadener Stadtorchesters Günther, der eigentlich keine Schüler annahm, aber bei Regina die eine Ausnahme machte, und für beides, das Mentorat und Reginas wachsende Erfolge unter seiner Egide wurde der Begriff „musikalische Adoption“ gefunden.

Die scheinbare Leichtigkeit ihres Spiels korrespondierte mit ihrer ätherischen körperlichen Erscheinung. Dieser schwebte ebenso schleierleicht durch den Raum wie eben die Melodien, die sie ihrem Instrument zu entlocken verstand.

Im Schicksalsgefüge mit einer ersten kurzen Ehe kam sie nach Trier und wurde hier 1980 Mitglied des Orchesters der Stadt. Seit kurzen war sie dessen dienstältestes Mitglied.

Und Sie, Herr Müller, der Sie sie seit 37 Jahren kennen, trafen bildlich gesprochen, genau den Ton, um Harfe und Flöte ins Gespräch zu bringen. Es entwickelte sich nicht nur eine musikalische Ehe, in der beide sich harmonisch ergänzten. Es wurde Ihnen ein Vierteljahrhundert Gemeinsamkeit geschenkt, das besonders durch den Gleichklang der zusätzlich beherrschten Sprache Musik reich war. Leichtfüßige Harmonien waren es, die Sie besonders im Miteinander schätzten. Wie selbstverständlich waren sie mit ihr herzustellen.

Mehr als eine und eben doch eine Metapher für das, was im gemeinsamen Haus in Osburg ab 1999 geschah. Nachbarn wurden zu Freunden, Geschäftsbeziehungen verstand Regina ebenfalls zu Freundschaften geraten zu lassen, dieses Heim füllte gepflegte Kultur und geschenkte Miteinander, es war ein Gewächshaus für den Sonnenschein von Reginas Wesen.

Sie ging auf die Menschen zu, hatte eine Ader für die jeweilige Art; eine geradezu spirituelle Sensibilität lies sie den Nächsten erkennen in seinen Stärken und Bedürfnissen. Von sich machte sie nicht viel Aufhebens. Auch das machte sie einladend. Doch  der Hintergrund war eben die Tiefe des Vaters und die Disziplin der Mutter, mit der sie sich selbst zurück nahm. Sie gönnte sich scheinbar sehr wenig. Lebte aus der Begegnung. Lebte aus dem Beitrag, den sie als Mensch, den sie als Lehrerin und den sie als Musikerin mit ihrem Instrument zum Zusammenklang der Vielen leisten konnte. Auch gehandicapt humpelte sie allein zur Probe, um dann wieder schwebend und tatsächlich unverzichtbar zum guten Akkord, zum Zusammenklang beizutragen.

Ja, sie fand sich im Yoga, wusste aus intensiver Selbstbeobachtung, wo sie hilfreich hingreifen musste, um zu heilen. Verstand es, den Nächsten über einen Teil als Ganzen zu erreichen. Darum war die Harfe ihr Instrument, weil sie Seiten zum Schwingen bringen konnte, das sich eingliedern möchte in ein größeres Ganzes.

Regina war dabei von einer hohen Grundspannung. Ihre Amplitude schwang zwischen Altruismus und Selbstverleugnung, zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, zwischen Selbstdisziplin und Dünnhäutigkeit, zwischen ansteckender Fröhlichkeit und Schwermut.

Sie war in allem von dem geleitet, was die Bibel Nächstenliebe nennt. Über eben diese will Gott selbst verstanden werden, über das nämlich, was wir einem dieser seiner geringsten Brüder getan haben. Und weil diese Erkenntnis Reginas Glauben entspricht, steht der Vers aus dem 1. Johannesbrief über ihrer Würdigung heute:

Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

Besonders der Nachsatz will uns trösten. Denn er spricht davon, dass wir nicht verloren gehen; davon, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist und wir als solche vor ihm dem Ewigen bleiben. Und Regina war ein besonders guter Gedanke Gottes. Aber wir sehen auch, dass sie sich in dieser Bezogenheit und in ihrem Einsatz für den Nächsten verzehrt hat, dass sie letztlich alles gegeben hat, dass sie ihre Energie verbraucht und dem Schöpfer zurück gegeben hat; und in unserem Gemüt die Wärme ihrer Sensibilität nachstrahlt, wie die Kraft der Sonne am Abend auf der Haut.

Wenn wir also hier vielleicht mit einem Dichterwort, das besser zu sagen vermag als ich, mit dem „Memento“ von Mascha Kaléko trauern

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da

sind?

Allein im Nebel tast ist todentlang

Und lass mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie

das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

  • Und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,

Doch mit dem Tod der andern muss man

leben.

dann wollen wir eben dies nicht vergessen. Denn Reginas Verständnis und Zuneigung zu uns darf in unserem Herzen weiterhin die Melodie der Dankbarkeit spielen.

Sie ist nicht mehr sichtbar, aber sie ist spürbar und will nachklingen in der großen himmlischen Musik. 

Amen

Gehe hin und tue desgleichen

Traueransprache für Hans Doneck

über Lk 10, 25 – 36

25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus eine Falle zu stellen. »Lehrer«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 

26 Jesus erwiderte: »Was steht denn im Gesetz Gottes? Was liest du dort?« 

27 Der Gesetzeslehrer antwortete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.«2 

28 »Richtig!«, erwiderte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.« 

29 Aber der Mann wollte sich verteidigen und fragte weiter: »Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« 

30 Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon. 

31 Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging schnell auf der anderen Straßenseite weiter. 

32 Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er blieb nicht stehen, sondern machte einen großen Bogen um ihn. 

33 Dann kam einer der verachteten Samariter vorbei. Als er den Verletzten sah, hatte er Mitleid mit ihm. 

34 Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte. 

35 Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann gesund! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹ 

36 Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« 

37 Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«, forderte Jesus ihn auf.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine Geschichte für Hans Doneck. Denn sie stellt die ambitionierten Gutmenschen, Berufsgläubige auch, sie stellt diejenigen, die die Schrift studiert haben und sich entsprechend orthodox verhalten einem gegenüber, der allein sich richtig entscheidet und verhalten hat.

Hans Doneck war kein Kirchgänger, aber er hielt es mit dem Geist der Schrift. Denn dieser wird im Takt des menschlichen Herzschlages buchstabiert. Liebe möchte nämlich immer konkret sein. Sie übersieht keinen einzelnen. 

Die Familienangehörigen haben ihren Mann und Vater als jemanden erlebt, der von der Maxime bestimmt war: es soll allen gut gehen. Hans hatte ein Auge darauf, dass jedes Kind genauso viel Glück, Freude, Erfüllung hatte und empfand wie die anderen. Keiner sollte zurück gesetzt sein.

Diese Einstellung von ihm, dieses Ethos war früh erworben, ein mit Kindesbeinen angetretenes Erbe, unfreiwillig eingeübt bei den eigenen Geschwistern, denn Hans Gerd war das erste, das älteste Kind vor seinen Geschwistern und musste früh Verantwortung für die jüngeren übernehmen.

Er war kurz vor Jahresende 1936 geboren und verlor seinen Vater mit sechs Jahren. Zehn Jahre lang blieb die Mutter verwitwet. Eben die Phase, in der ihr Erstgeborener die Verantwortung zu Hause zu übernehmen hatte, wenn sie arbeitete. Und es waren hungrige Jahre damals in Celle. In ihnen lernte und praktizierte Hans das Teilen und Abgeben, das Verantworten und Versorgen.

Dafür gab es auch später viele Beleggeschichten. Eine war die mit der fehlenden Kinokarte beim Familienausflug. Seine Kinder erlebten daran, wie selbstverständlich Hans ihnen seine abgab, wie die Fürsorge zu einem bestimmenden Teil seiner Persönlichkeit geworden war.

Eine andere war die mit den Glückspfennigen im Weihnachtskuchen. Es gab eben nicht nur den einen Glücksbringer sondern ganz viele, für jedes Familienmitglied einen.

Und vielleicht wirft auch sein Umgang mit seiner Mutter ein bezeichnendes Licht auf ihn. Denn als die Mutter nach ihrer zweiten Ehe in England abermals verwitwete, nahm Hans sie selbstverständlich zu sich hierher nach Pluwig und bemühte sich darum, sie in den Freundeskreis der Familie zu integrieren.

Der Mann wäre aber völlig missverstanden, wenn wir seine Haltung auf Mitleid reduzierten. Seine nächstenliebende Einstellung war stets auch rational begründet und ruhte auf dem Fundament eines dezidierten Humanismus.

Er sah stets den Menschen, unabhängig von Stand und Stellung. Genau so selbstverständlich begrüßte er die Putzfrau mit Handschlag wie den empfangenden Geschäftspartner.

Das Befreiende und Provozierende zugleich, zu dem die Geschichte vom barmherzigen Samariter aufruft ist doch ein Liebesgebot, das Grenzen aufhebt!

Mit seiner einfachen Ethik überbietet einer, auf den die religiösen Nachbarn herabschauen deren kodifizierte Rechtsordnung und widerlegt ihr unangemessenes Selbstbewusstsein.

Halten wir fest, Doneck hatte keine Berührungsangst vor solchen, die „einfach“ nicht dazu gehören. Denn er wusste und lebte die Geschwisterlichkeit aller Menschen!

Sie ist die Essenz der Bibel.

Zweitens: die englische Attitüde. Der Eheschluss mit ihrem zweiten Mann, einem englischen Kaufmann, blieb nicht ohne Einfluss auf deren Kinder, auf Hans und die Familie. Nicht nur, dass England zunächst zum Wohnort wurde, es blieb auch für die Kinder von Hans ein gern und mit Selbstverständlichkeit aufgesuchtes Land.

Hans selbst streute diese Insel reich an spleenigen Leuten Würze in seine Persönlichkeit. Ganz so wie das Salz in der Suppe, war seine englische Manie. Rote Socken und Peter-Scott-Pullover waren ein Muss für ihn, der englische Jaguar später setzte dem ganzen die Krone auf.

In den Nachkriegsjahren erwarb sich Hans Schritt für Schritt die Kompetenz für seinen Beruf. In Hamburg besuchte er die Fachschule, in England bildete er sich auf der Abendschule weiter. Er wurde Chemiker und verdiente seinen Lebensunterhalt bei Firmen in Hannover, Hamburg und Celle. Mit seinen Fähigkeiten als Graphiker wurde er Anfang der 70er technischer Leiter eines Betriebs ins Trier. 1977 machte er sich selbständig. Das war schon lange sein Ideal, ein freier Mann zu sein. Die Familie war inzwischen gewachsen, Jörg kam 1962 in die Familie, in Celle wurden 1966 Dennis und 1967 Sonja geboren, in der Trierer Zeit kam 1974 schließlich Maren dazu. Es war das Jahr, in dem die Wohnung in Trier zu klein wurde und das Haus in Pluwig zum neuen Familiensitz avancierte.

Gut 15 Jahre später gab Hans Doneck die Firma ab. Er wollte sich seinem Hobby, der Kunst, intensiver widmen. Seine raumgreifende Beschäftigung war es weniger, mehr der Geruch der Farben im ganzen Haus, der zur Anmietung eines Ateliers in der Kloschinskystraße führte. Ausstellungen in der TuFa, in China, auf Helgoland und in Kiew zeigten seine Werke. Partner bei diesen Vorhaben war der befreundete Kunstverein „Paradox“.

Was auch immer Hans anfasste, betrieb er mit Emphase. Das begann bei seiner Lehrzeit, ging über sein berufliches Engagement, seine stete Neugier, das lebendige Interesse am Entwickeln von Neuem, die Kunst, der Sport, vor allem das Schwimmen. Alles das betrieb er hochenergetisch. 

Er hing der Frage nach, wie kommt das Gute in die Welt. Dachte intensiv darüber nach, so dass auch Freunde ihn gern angesichts von Problemen in Anspruch nahmen.

Er förderte den Samariterbund und unterstützte die Kindernothilfe. Was er tat, tat er ganz.

Und darum ist die Krankheit, die vor 17 Jahren, zunächst unentdeckt, auftauchte der Antagonist zu seiner Persönlichkeit. Sie nahm diesem energiereichen Mann seinen Antrieb, seine wache Aufmerksamkeit, die Kraft zur Umsetzung seiner Ideen.

Was ihm das Leben zu Beginn geschenkt hatte, und was ihn in hohem Bogen mit Freundlichkeit und voller Anregung leben ließ, was ihn zu einem anerkennenden Menschen, einem Optimisten machte, einem Chef und Mitmenschen, der die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen verstand, das nahm ihm die Krankheit am Ende. Sie machte ihn müde.

So haben wir einen wahren Philanthropen verloren, den einfühlsamen und fürsorglichen Vater, einen anregenden Mitmenschen, den Künstler, einen besonderen Menschen mit liebenswerten angelsächsischen Besonderheiten, eben einen nach dem Bilde Gottes. Und dürfen gewiss sein, dass er als ein guter Gedanke Gottes in all seiner irdischen Vorläufigkeit vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben wird. 

Und genau genommen ist die Perikope vom barmherzigen Samariter als eine Geschichte von bleibender Bedeutung nicht nur eine für Hans Doneck, sondern sie ist die Geschichte des Humanisten Doneck. Amen

vor wem sollte ich mich fürchten?!

Nothing for Tears

Beerdigungsansprache über Ps 27,1

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

für

Gloria von Schubert

03.08.2019

von Pfarrer Matthias  J e n s

Gefragt, wie lange sie noch zu leben gedenke, antwortete Gloria in ihrem 96. Lebensjahr: meine gegenwärtige Lektüre ist so hinreißend, dass ich dieses Buch gern noch zu Ende lesen möchte. Dieser Wunsch verrät nicht nur etwas über ihre geistesgegenwärtige Selbsteinschätzung, ihren feinen Humor, sondern sagt vor allem aus, wie sehr ihr Leben durch die Literatur bestimmt worden ist. Und dies nicht nur in den Jahren, in denen durch Krankheit und Alter ihr Aktionsradius eingeschränkter geworden war und Literatur das Fenster zur Welt bedeutete, sondern von Kindesbeinen an spielt die Welt der Bücher eine entscheidende Rolle in ihrem Leben.

Das kam so.

Gloria wurden ihren Eltern Lally und Fred Horstmann am 21.11.1923 geboren. Sie blieb deren einziges Kind. Und während die Eltern in Berlin am Steinplatz residierten, verbrachte die kleine Gloria sehr viel Zeit bei den Großeltern von Schwabach im Knobelsdorff-Palais in Kerzendorf. Dort fühlte sie sich geborgen, dort erlebte sie glückliche Monate und Sommer, und noch über ihrem Sterbebett hing ein fotografisches Abbild des Gutshauses, wie sie es auch mit Kinderaugen in ihr Herz aufgenommen hatte. Der Ort war zu ihrem Arkadien geworden und blieb bis zum Einzug in Grünhaus ihr Sehnsuchtsort.

Als Tochter eines Botschafters lernte sie schon früh die Regeln des Gesprächs kennen und verstand es seither, eine einbindende Konversation zu führen. Bald schon nicht nur auf deutsch, sondern ebenso auf englisch und französisch, später auch noch auf schwedisch, in jeder dieser Sprachen so bewandert, als sei es ihre Muttersprache.

Geübt für fremde Sprachen war ihr Ohr auch durch die Aufenthalte der Familie in anderen europäischen Ländern. Der Vater war als Diplomat in Brüssel und später nach Lissabon entsandt. Die Villen und Strände von Cascais waren der neun- bis elfjährigen Gloria geschätzte und ebenfalls unvergessene Spielgründe.

So war die Welt von Gloria nun tatsächlich polyglott, denn ihre Mutter, Lally Horstmann, geb. von Schwabach las Literatur grundsätzlich in der Zunge des Autors und gab dieses Erbe an ihre Tochter weiter. Der literarische Salon der Mutter lebte gleichsam in der Literaturbegeistertheit der Tochter weiter, die sie es später schätzte ihrem Mann vorzulesen und dieser ihr, und die eben tatsächlich bis in ihre letzte Lebenswoche anhielt.

Die Kehrseite der Lebenswelt ihrer Eltern ist aber, dass die Botschaftergattin kaum Zeit für ihre einziggeborene Tochter hatte. Sie kümmerte sich um den eigenen Berliner Salon, schätzte und bereicherte gleichzeitig die diplomatische Gesellschaft, führte mit ihrem Mann ein gastfreundliches Haus sowohl in Berlin als auch nach 1942 auf dem Landsitz in Kerzendorf, folgte gesellschaftlichen Einladungen, sammelte Kunst und las. Konversation, Beziehungsnetzarbeit, Kunstbetrachtung, davon verstand sie viel. Muttermilch dagegen, körperliche Wärme und Nähe, Annahme aber hatte sie nicht zu vergeben. Im Buch der Mutter über die bittersten deutschen Jahre kommt ihre Tochter Gloria nicht vor. Diese ging im wahrsten Wortsinn mutterseelenallein zur Blinddarmoperation, einhundert Reichsmark im Schuh versteckt. Denn die Mutter, die Bankierstochter, war ein Kind der Kaiserzeit und von deren Vorstellung von Bildung und Kindererziehung geleitet. Solche Dinge delegierte man an die Amme, an das Kindermädchen, die Erzieherin. Denn Kinder sind nach dem preußischen Erziehungsbild kleine Erwachsene, die beim Klang der Marschmusik nur noch zu dem gemacht werden müssen, was sie bereits angeblich sind. 

So erfolgte für Gloria die erste Bildung in der Privatschule von Fräulein Mommsen, der Tochter des Philosophen; später besuchte sie das Caecilien-Gymnasium in Charlottenburg. Die anderen Bedürfnisse lagen in der Obhut der Erzieherin Hedwig Oldag. Hübsch bettfertig gemacht, war das höchste der Gefühle nicht der Gutenachtkuss, so erinnerte sich Gloria an die abendliche Zeremonie, sondern ein Knicks in Richtung der Eltern. Konsequenter Weise war es Hedwig Oldag, die Gloria später mit nach Schweden nahm; von ihr sprach sie immer mit glaubwürdigster emotionaler Verbundenheit.

So liegt es nahe, dass zunächst das junge Kind, später die junge Frau ihr soziales Leben wärmer, anregender durch die Figuren ihrer Bücher machte. Literaturbegegnungen brachten sie ins Gedankengespräch mit den Protagonisten. Diese wurden ihr zu einem Gegenüber, zu lebendigen Teilnehmern an ihrem Leben, so wie sie, bedingt durch die schmerzlichen Lücken, die die abwesenden Eltern offen ließen, in die Lebenswelt der literarischen Figuren schlüpfte, mit den Helden litt und siegte. Fleischerne Gesprächspartner sah sie umgekehrt gern auch durch die Brille ihrer literarischen Bewandertheit. Ihr Kosmos war durch die Literatur größer geworden, ihr Herz bewohnter. 

Tatsächliche Schicksale aber verschwisterte sie mit der lebhafteren Bühne ihrer Helden. Sie pflegte sich schnell ein Bild von Menschen zu machen. Schnell einerseits durch ihre erfahrene Auffassungsgabe, das geübte gesellschaftliche Auge, andererseits aber auch, weil sie die offen gebliebenen Aussagen und Abschnitte mit ihrer Fantasie füllte. Es gehörte schließlich zu dem trainierten Repertoire ihrer professionellen Gesprächsführung, dass sie von Begegnungen in den buntesten Farben zu berichten verstand. Da entstanden dann Portraits, in denen sich die Beschriebenen nicht immer wiederzufinden vermochten. 

Gehörte Erzählungen wurden lebendiger, dramatischer ausgestaltet wurden. Sie ergänzte ihr fragmentarisch gebliebene Bilder von anderen.

Es mag Familienmitglieder geben, die glaubten, sie würden von ihr gegeneinander ausgespielt. Ich bin aber überzeugt, dass der literaturbegeisterten Gloria das Zusammenleben wie ein Stück von Moliere erschien, durch die Würze ihrer Fantasie erst recht lebens- vielleicht sogar aufführenswert vorkam.

Denn Gloria erlebte das gastfreundliche Elternhaus, später die Berliner Salons als große Bühne. Und in ihrer eigenen Familie führte sie dann gern auch mal die Regie.

Bekanntlich sind die Kriegsberichte Betroffener immer von so mitreißender Lebendigkeit, weil sich der Herzschlag der Erzähler bei den Gedanken an ihre Widerfahrnisse selbst erhöht. So konnte ich es auch bei Gloria erleben.

Aus dem von den Russen fast eingenommenen Berlin flüchtete sie in einem Fahrzeug, das Goldreserven gen Westen zu evakuierten hatte. Sorgsam war Treibstoff gehortet und zusammengetragen worden. In aller Heimlichkeit erfolgte die Abreise. Allein – der Wagen war überladen, die Achse brach. Der Fahrer brachte die junge Gloria in einer Gastwirtschaft unter, versprach, sie nach erfolgreicher Reparatur wieder auszulösen. Die Minuten kamen ihr wie Stunden vor und es waren tatsächlich einige Stunden, ehe der gedanklich bereits aufgegebene Chauffeur tatsächlich wieder auftauchte und sie Richtung Hannover weitertransportierte; eine Flucht, die in Brüggen vorübergehend glücklich strandete im zunächst noch leeren Haus der Familie von Cramm. Bald schon sollte es überfüllt sein vom Strom der Flüchtlinge, viele aus dem Osten.

So wie es dann auch in Grünhaus war als Gloria und Andreas von Schubert dort ihre Familie gründeten.

Andreas kannte sie schon aus ihren Kindertagen. Er war ein langjähriger Freund, der ihr in den Kriegstagen näher kam. Spaziergänge im Tiergarten. Durchtanzte Nächte. Das allgegenwärtige Pervitin kostete die Ledersohlen manches Tanzschuhpaares. Man war sich bewusst, dass es der Tanz auf dem Vulkan war. Unabhängig voneinander erzählten beide von den unvergessenen Begegnungen, aber auch der unvergesslichen Prägung durch die Bombennächte in Berlin. Beide konnten den späteren Sylvesterlärm nicht von den Bildern der brennenden Hauptstadt trennen und mieden, wenn möglich, das laute Geschehen zum Jahreswechsel. Zu Fuß sei er durch die zerstörte Stadt geirrt, um Gloria aufzusuchen und glücklicherweise jedesmal unversehrt am Steinplatz und anderen Wohnorten zu finden.

Doch Andreas wurde Soldat und die Kontakte reduzierten sich auf Feldpostbriefe.

Zu Glorias Flucht gehört nicht nur die aus dem unter Beschuss stehenden, aus dem ruinierten Berlin, sondern auch die aus den unbeholfenen Händen ihrer Mutter. Sie schrieb Briefe an die Söhne einer befreundeten Diplomatenfamilie. Einer der beiden Männer fühlte sich angesprochen und kam zu Besuch an die Spree. Durch die Freundlichkeit eines französischen Generals durfte der junger Schwede drei Tage nach Berlin einreisen. Der französische General traute das junge Paar am 15. September 1947 standesamtlich. Glorias Mutter konnte an der Zeremonie nicht teilnehmen, sie lag an Typhus erkrankt im Seuchenhaus. 

Das junge Ehepaar reiste nach Schweden aus. Axel Edelstam, ein schöner Mann und ein geistreicher Erzähler, bot der gerade 23-Jährigen nicht nur eine Scholle ersehnten Friedens sondern er sprach auch deren geistige Welt gekonnt an. Und Gloria ihrerseits ist die Frau gewesen, die stets das Positive sah, sich sodann entschieden in diese Richtung auf den Weg machte. Bald schon wurde die Frucht der jungen Liebe geboren. Ellinor kam am 30. Juni 1948 auf die Welt.

Die Familie weiß, wie sehr Gloria die Zeit im Gut Älfsjö schätze, wie sie die dortige Familie mochte und wie herzlich sie aufgenommen wurde; sie weiß aber auch, warum Gloria Schweden bereits nach zwei Jahren verließ und ein Jahr getrennt von Tisch und Bett in Hamburg verbrachte. Danach galt sie als geschieden und Andreas von Schubert tauchte wieder auf, er hielt um ihre Hand an und beide heirateten am 15. März 1951.

Prosaisch schreibt Gloria in ihren biographischen Notizen in der dritten Person von sich: „In Deutschland holte sie Andreas von Schubert als seine Frau nach Grünhaus … Hier wurde ihr Sohn Carl … und ein Jahr Später ihre jüngste Tochter Andrea geboren“.

Diese ihre Auflistung von Lebensstationen wird dem bunten Leben in Grünhaus nicht gerecht. Verschweigt das Gedränge im Schloss ob all der hierher in den Westen geflüchteten ehemaligen Gutsbesitzer und Bekannten, rührt nicht an die Zeit der französischen Besatzung mit all den Erlebnissen, die inzwischen zu Anekdoten geraten sind und besonders gern von Andreas zum besten gegeben wurden. Die knapp zweiseitige Biographie überspringt ihre kurze Studienzeit in Göttingen, sie verschweigt den tragischen Hintergrund, warum sie nun doch mit Andreas an die Ruwer ziehen kann. Sie lässt das Leben und Gedeihen der Familie unerwähnt, die hier wuchs. All deren Abenteuer und Anekdoten. Sie summiert lediglich buchhalterisch. „Über 60 Jahre lebte Frau von Schubert in Grünhaus. Sie hat 12 Enkel und 12 Urenkel“. Das sind biblische Zahlen, die vom Segen in ihrem Leben sprechen.  Und lassen uns noch einmal auf den Psalm selbst hören

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meins Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

Denn tatsächlich widerfuhr Gloria bei allem äußeren Unbill Bewahrung, gelang ihr immer der glückliche Ausweg in schwieriger Situation, tatsächlich hielt jemand die Hand bewahrend über sie und schenkte ihr Jahre weit über das ebenfalls biblische Maß von „unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig“.

Denn er segnete sie mit einer zuversichtlichen Haltung, die der Volksmund am besten auf den Begriff bringt mit dem Satz: Hilf dir selbst – dann hilft dir auch der liebe Gott.

So wie innere Haltung und glückliche Fügung ein Bündnis zu ihren Gunsten eingingen, so schloss sich auch rein äußerlich ihr Lebensring zu einem abgerundeten Ganzen.

Die Erinnerungsbilder an das „gemütliche Landhaus“ (wie sie es nannte) von Kerzendorf durften die Brücke schlagen zum Schloss Grünhaus. Das in Jugendtagen vermisste Familienleben gedieh um so lebendiger hier bei Mertesdorf.

Und so konnte sie am Ende tatsächlich mit Mörike danken, beten und loslassen:

Wie heimlicher Weise

Ein Engelein leise

Mit rosigen Füßen

Die Erde betritt,

So nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, ihr Frommen,

Ein heilig Willkommen …

In Ihm sei´s begonnen,

Der Monde und Sonnen

An blauen Gezelten

Des Himmels bewegt.

Du Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

Sei alles gelegt!