Nachklang

Traueransprache für 

Regina Israel

über 1. Joh 4,16

14. September 2019

Osburg

Liebe trauernde Familie,

liebe mittrauernden Freunde und Kollegen,

Sie alle werden über der Traueranzeige gesonnen, den zitierten Worten Grönemeyers zugestimmt haben „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet“. Denn tatsächlich, Regina hatte etwas Erleuchtetes und Erleuchtendes. So wie der Strahlenkörper der Sonnenblume Garten und Raum erfüllt, so war sie bescheiden zwar aber unübersehbar präsent, erreichte die Herzen, wenn sie im Raum, wenn sie Gastgeberin war, wenn sie konzertierte und wenn sie sich einfühlsam dem Menschen zuwandte.

Sie schätzte nicht nur die empathische Brücke zu den Menschen, sie liebte es, von Natur umgeben zu sein, von Feld, Flur und Katzen; nahm stets in der ihr eigenen Art eine besondere Beziehung zu allem auf. Mit unglaublich geschickter Hand verstand sie es dann umgekehrt, das Gesehene darzustellen in Zeichnung, Gemälde oder in hingezauberter Plastik, denn das jeweilige Imago entsprang zweifellos direkt der Mitte ihres Herzens. Letztlich gehörte auch die Töpferscheibe zu ihren Instrumenten, sie gab dem Ton Klang und belebte das Irdene.

Am 23. November 1956 wurde dieses Mädchen ihren Eltern in Grefte geboren. Das ist ein Dorf in Hessen, 10km südlich von Kassel und nicht weit weg von der damaligen Zonengrenze gelegen.

Regina war etwa zwei Jahre alt, als die Familie in die nahe Stadt zog. Als einzige Tochter unter vier Jungs lernte sie mit ihnen Radfahren und spielte ihre Spiele. Aber bald wurde deutlicher, dass sie nicht nur wegen ihres Geschlechtes besonders war. Ja, alle fünf Kinder profitierten von der Musikalität der Eltern, doch Regina, die wie ein Schmuckstein in der Mitte der Geschwisterkette prangte, offenbarte eine besondere Begabung.

Die Eltern waren bei der Namensgebung einer Eingebung gefolgt. Denn während die Orgel als Königin der Instrumente firmiert, war die Harfe spätestens seit den Tagen König Davids zum Instrument des Königs avanciert. Sie blieb dies in den Burgen des Mittelalters, und so wirkt die Namensgebung wie eingetroffene Prophetie, denn so kam eine Königin (lat. Regina) an der Harfe zu sitzen.

Das musikalische Erbe beider Eltern kulminiert in Reginas Begabung. Die Großmutter väterlicherseits war Organistin bis in ihr 92. Lebensjahr und der Vater Spielmannszugführer und kreativer Musiker auf fünf Instrumenten. Die Mutter nicht minder musikalisch, von ihrer Seite floss noch die Disziplin ein. (Von Ihren Kindern, Frau Israel, weiß ich, dass „aufgeben“ in Ihrem Wortschatz nicht vorkommt).

Absolutes Gehör, geschenkte Musikalität und Fleiß waren also zusammen. Vom Vater hatte Regina noch die Tiefe in ihrer doppelten Schwere ererbt. Früh erkannte und förderte dieser die Begabung seiner Tochter. Er schaffte ein Auto an, in dem die Harfe transportiert werden konnte und stellt die Brüder an, das Instrument zu tragen.

Inzwischen lebte die Familie seit 1963 in Wiesbaden. Zum ersten mal tauchten bei Regina die Schatten der Multiplen Sklerose auf. Aber die Diagnose wurde verschwiegen, als könne man damit die Schübe selbst ungeschehen machen.

In der Wiesbadener Schulzeit ließ Regina in intelligenter, aber eben doch pubertärer Renitenz ihre Laufbahn am humanistischen Gymnasium enden, um sodann auf dem Konservatorium ihrer Leidenschaft den richtigen Kanal zu öffnen. Obwohl sie nicht minder gut Klavier spielte, wurde die Harfe zu diesem Zeitpunkt ihr primäres Instrument. Mentor war der Harfenist des Wiesbadener Stadtorchesters Günther, der eigentlich keine Schüler annahm, aber bei Regina die eine Ausnahme machte, und für beides, das Mentorat und Reginas wachsende Erfolge unter seiner Egide wurde der Begriff „musikalische Adoption“ gefunden.

Die scheinbare Leichtigkeit ihres Spiels korrespondierte mit ihrer ätherischen körperlichen Erscheinung. Dieser schwebte ebenso schleierleicht durch den Raum wie eben die Melodien, die sie ihrem Instrument zu entlocken verstand.

Im Schicksalsgefüge mit einer ersten kurzen Ehe kam sie nach Trier und wurde hier 1980 Mitglied des Orchesters der Stadt. Seit kurzen war sie dessen dienstältestes Mitglied.

Und Sie, Herr Müller, der Sie sie seit 37 Jahren kennen, trafen bildlich gesprochen, genau den Ton, um Harfe und Flöte ins Gespräch zu bringen. Es entwickelte sich nicht nur eine musikalische Ehe, in der beide sich harmonisch ergänzten. Es wurde Ihnen ein Vierteljahrhundert Gemeinsamkeit geschenkt, das besonders durch den Gleichklang der zusätzlich beherrschten Sprache Musik reich war. Leichtfüßige Harmonien waren es, die Sie besonders im Miteinander schätzten. Wie selbstverständlich waren sie mit ihr herzustellen.

Mehr als eine und eben doch eine Metapher für das, was im gemeinsamen Haus in Osburg ab 1999 geschah. Nachbarn wurden zu Freunden, Geschäftsbeziehungen verstand Regina ebenfalls zu Freundschaften geraten zu lassen, dieses Heim füllte gepflegte Kultur und geschenkte Miteinander, es war ein Gewächshaus für den Sonnenschein von Reginas Wesen.

Sie ging auf die Menschen zu, hatte eine Ader für die jeweilige Art; eine geradezu spirituelle Sensibilität lies sie den Nächsten erkennen in seinen Stärken und Bedürfnissen. Von sich machte sie nicht viel Aufhebens. Auch das machte sie einladend. Doch  der Hintergrund war eben die Tiefe des Vaters und die Disziplin der Mutter, mit der sie sich selbst zurück nahm. Sie gönnte sich scheinbar sehr wenig. Lebte aus der Begegnung. Lebte aus dem Beitrag, den sie als Mensch, den sie als Lehrerin und den sie als Musikerin mit ihrem Instrument zum Zusammenklang der Vielen leisten konnte. Auch gehandicapt humpelte sie allein zur Probe, um dann wieder schwebend und tatsächlich unverzichtbar zum guten Akkord, zum Zusammenklang beizutragen.

Ja, sie fand sich im Yoga, wusste aus intensiver Selbstbeobachtung, wo sie hilfreich hingreifen musste, um zu heilen. Verstand es, den Nächsten über einen Teil als Ganzen zu erreichen. Darum war die Harfe ihr Instrument, weil sie Seiten zum Schwingen bringen konnte, das sich eingliedern möchte in ein größeres Ganzes.

Regina war dabei von einer hohen Grundspannung. Ihre Amplitude schwang zwischen Altruismus und Selbstverleugnung, zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, zwischen Selbstdisziplin und Dünnhäutigkeit, zwischen ansteckender Fröhlichkeit und Schwermut.

Sie war in allem von dem geleitet, was die Bibel Nächstenliebe nennt. Über eben diese will Gott selbst verstanden werden, über das nämlich, was wir einem dieser seiner geringsten Brüder getan haben. Und weil diese Erkenntnis Reginas Glauben entspricht, steht der Vers aus dem 1. Johannesbrief über ihrer Würdigung heute:

Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

Besonders der Nachsatz will uns trösten. Denn er spricht davon, dass wir nicht verloren gehen; davon, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist und wir als solche vor ihm dem Ewigen bleiben. Und Regina war ein besonders guter Gedanke Gottes. Aber wir sehen auch, dass sie sich in dieser Bezogenheit und in ihrem Einsatz für den Nächsten verzehrt hat, dass sie letztlich alles gegeben hat, dass sie ihre Energie verbraucht und dem Schöpfer zurück gegeben hat; und in unserem Gemüt die Wärme ihrer Sensibilität nachstrahlt, wie die Kraft der Sonne am Abend auf der Haut.

Wenn wir also hier vielleicht mit einem Dichterwort, das besser zu sagen vermag als ich, mit dem „Memento“ von Mascha Kaléko trauern

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da

sind?

Allein im Nebel tast ist todentlang

Und lass mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie

das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

  • Und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,

Doch mit dem Tod der andern muss man

leben.

dann wollen wir eben dies nicht vergessen. Denn Reginas Verständnis und Zuneigung zu uns darf in unserem Herzen weiterhin die Melodie der Dankbarkeit spielen.

Sie ist nicht mehr sichtbar, aber sie ist spürbar und will nachklingen in der großen himmlischen Musik. 

Amen

Gehe hin und tue desgleichen

Traueransprache für Hans Doneck

über Lk 10, 25 – 36

25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus eine Falle zu stellen. »Lehrer«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 

26 Jesus erwiderte: »Was steht denn im Gesetz Gottes? Was liest du dort?« 

27 Der Gesetzeslehrer antwortete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.«2 

28 »Richtig!«, erwiderte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.« 

29 Aber der Mann wollte sich verteidigen und fragte weiter: »Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« 

30 Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon. 

31 Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging schnell auf der anderen Straßenseite weiter. 

32 Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er blieb nicht stehen, sondern machte einen großen Bogen um ihn. 

33 Dann kam einer der verachteten Samariter vorbei. Als er den Verletzten sah, hatte er Mitleid mit ihm. 

34 Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte. 

35 Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann gesund! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹ 

36 Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« 

37 Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«, forderte Jesus ihn auf.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine Geschichte für Hans Doneck. Denn sie stellt die ambitionierten Gutmenschen, Berufsgläubige auch, sie stellt diejenigen, die die Schrift studiert haben und sich entsprechend orthodox verhalten einem gegenüber, der allein sich richtig entscheidet und verhalten hat.

Hans Doneck war kein Kirchgänger, aber er hielt es mit dem Geist der Schrift. Denn dieser wird im Takt des menschlichen Herzschlages buchstabiert. Liebe möchte nämlich immer konkret sein. Sie übersieht keinen einzelnen. 

Die Familienangehörigen haben ihren Mann und Vater als jemanden erlebt, der von der Maxime bestimmt war: es soll allen gut gehen. Hans hatte ein Auge darauf, dass jedes Kind genauso viel Glück, Freude, Erfüllung hatte und empfand wie die anderen. Keiner sollte zurück gesetzt sein.

Diese Einstellung von ihm, dieses Ethos war früh erworben, ein mit Kindesbeinen angetretenes Erbe, unfreiwillig eingeübt bei den eigenen Geschwistern, denn Hans Gerd war das erste, das älteste Kind vor seinen Geschwistern und musste früh Verantwortung für die jüngeren übernehmen.

Er war kurz vor Jahresende 1936 geboren und verlor seinen Vater mit sechs Jahren. Zehn Jahre lang blieb die Mutter verwitwet. Eben die Phase, in der ihr Erstgeborener die Verantwortung zu Hause zu übernehmen hatte, wenn sie arbeitete. Und es waren hungrige Jahre damals in Celle. In ihnen lernte und praktizierte Hans das Teilen und Abgeben, das Verantworten und Versorgen.

Dafür gab es auch später viele Beleggeschichten. Eine war die mit der fehlenden Kinokarte beim Familienausflug. Seine Kinder erlebten daran, wie selbstverständlich Hans ihnen seine abgab, wie die Fürsorge zu einem bestimmenden Teil seiner Persönlichkeit geworden war.

Eine andere war die mit den Glückspfennigen im Weihnachtskuchen. Es gab eben nicht nur den einen Glücksbringer sondern ganz viele, für jedes Familienmitglied einen.

Und vielleicht wirft auch sein Umgang mit seiner Mutter ein bezeichnendes Licht auf ihn. Denn als die Mutter nach ihrer zweiten Ehe in England abermals verwitwete, nahm Hans sie selbstverständlich zu sich hierher nach Pluwig und bemühte sich darum, sie in den Freundeskreis der Familie zu integrieren.

Der Mann wäre aber völlig missverstanden, wenn wir seine Haltung auf Mitleid reduzierten. Seine nächstenliebende Einstellung war stets auch rational begründet und ruhte auf dem Fundament eines dezidierten Humanismus.

Er sah stets den Menschen, unabhängig von Stand und Stellung. Genau so selbstverständlich begrüßte er die Putzfrau mit Handschlag wie den empfangenden Geschäftspartner.

Das Befreiende und Provozierende zugleich, zu dem die Geschichte vom barmherzigen Samariter aufruft ist doch ein Liebesgebot, das Grenzen aufhebt!

Mit seiner einfachen Ethik überbietet einer, auf den die religiösen Nachbarn herabschauen deren kodifizierte Rechtsordnung und widerlegt ihr unangemessenes Selbstbewusstsein.

Halten wir fest, Doneck hatte keine Berührungsangst vor solchen, die „einfach“ nicht dazu gehören. Denn er wusste und lebte die Geschwisterlichkeit aller Menschen!

Sie ist die Essenz der Bibel.

Zweitens: die englische Attitüde. Der Eheschluss mit ihrem zweiten Mann, einem englischen Kaufmann, blieb nicht ohne Einfluss auf deren Kinder, auf Hans und die Familie. Nicht nur, dass England zunächst zum Wohnort wurde, es blieb auch für die Kinder von Hans ein gern und mit Selbstverständlichkeit aufgesuchtes Land.

Hans selbst streute diese Insel reich an spleenigen Leuten Würze in seine Persönlichkeit. Ganz so wie das Salz in der Suppe, war seine englische Manie. Rote Socken und Peter-Scott-Pullover waren ein Muss für ihn, der englische Jaguar später setzte dem ganzen die Krone auf.

In den Nachkriegsjahren erwarb sich Hans Schritt für Schritt die Kompetenz für seinen Beruf. In Hamburg besuchte er die Fachschule, in England bildete er sich auf der Abendschule weiter. Er wurde Chemiker und verdiente seinen Lebensunterhalt bei Firmen in Hannover, Hamburg und Celle. Mit seinen Fähigkeiten als Graphiker wurde er Anfang der 70er technischer Leiter eines Betriebs ins Trier. 1977 machte er sich selbständig. Das war schon lange sein Ideal, ein freier Mann zu sein. Die Familie war inzwischen gewachsen, Jörg kam 1962 in die Familie, in Celle wurden 1966 Dennis und 1967 Sonja geboren, in der Trierer Zeit kam 1974 schließlich Maren dazu. Es war das Jahr, in dem die Wohnung in Trier zu klein wurde und das Haus in Pluwig zum neuen Familiensitz avancierte.

Gut 15 Jahre später gab Hans Doneck die Firma ab. Er wollte sich seinem Hobby, der Kunst, intensiver widmen. Seine raumgreifende Beschäftigung war es weniger, mehr der Geruch der Farben im ganzen Haus, der zur Anmietung eines Ateliers in der Kloschinskystraße führte. Ausstellungen in der TuFa, in China, auf Helgoland und in Kiew zeigten seine Werke. Partner bei diesen Vorhaben war der befreundete Kunstverein „Paradox“.

Was auch immer Hans anfasste, betrieb er mit Emphase. Das begann bei seiner Lehrzeit, ging über sein berufliches Engagement, seine stete Neugier, das lebendige Interesse am Entwickeln von Neuem, die Kunst, der Sport, vor allem das Schwimmen. Alles das betrieb er hochenergetisch. 

Er hing der Frage nach, wie kommt das Gute in die Welt. Dachte intensiv darüber nach, so dass auch Freunde ihn gern angesichts von Problemen in Anspruch nahmen.

Er förderte den Samariterbund und unterstützte die Kindernothilfe. Was er tat, tat er ganz.

Und darum ist die Krankheit, die vor 17 Jahren, zunächst unentdeckt, auftauchte der Antagonist zu seiner Persönlichkeit. Sie nahm diesem energiereichen Mann seinen Antrieb, seine wache Aufmerksamkeit, die Kraft zur Umsetzung seiner Ideen.

Was ihm das Leben zu Beginn geschenkt hatte, und was ihn in hohem Bogen mit Freundlichkeit und voller Anregung leben ließ, was ihn zu einem anerkennenden Menschen, einem Optimisten machte, einem Chef und Mitmenschen, der die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen verstand, das nahm ihm die Krankheit am Ende. Sie machte ihn müde.

So haben wir einen wahren Philanthropen verloren, den einfühlsamen und fürsorglichen Vater, einen anregenden Mitmenschen, den Künstler, einen besonderen Menschen mit liebenswerten angelsächsischen Besonderheiten, eben einen nach dem Bilde Gottes. Und dürfen gewiss sein, dass er als ein guter Gedanke Gottes in all seiner irdischen Vorläufigkeit vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben wird. 

Und genau genommen ist die Perikope vom barmherzigen Samariter als eine Geschichte von bleibender Bedeutung nicht nur eine für Hans Doneck, sondern sie ist die Geschichte des Humanisten Doneck. Amen

vor wem sollte ich mich fürchten?!

Nothing for Tears

Beerdigungsansprache über Ps 27,1

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

für

Gloria von Schubert

03.08.2019

von Pfarrer Matthias  J e n s

Gefragt, wie lange sie noch zu leben gedenke, antwortete Gloria in ihrem 96. Lebensjahr: meine gegenwärtige Lektüre ist so hinreißend, dass ich dieses Buch gern noch zu Ende lesen möchte. Dieser Wunsch verrät nicht nur etwas über ihre geistesgegenwärtige Selbsteinschätzung, ihren feinen Humor, sondern sagt vor allem aus, wie sehr ihr Leben durch die Literatur bestimmt worden ist. Und dies nicht nur in den Jahren, in denen durch Krankheit und Alter ihr Aktionsradius eingeschränkter geworden war und Literatur das Fenster zur Welt bedeutete, sondern von Kindesbeinen an spielt die Welt der Bücher eine entscheidende Rolle in ihrem Leben.

Das kam so.

Gloria wurden ihren Eltern Lally und Fred Horstmann am 21.11.1923 geboren. Sie blieb deren einziges Kind. Und während die Eltern in Berlin am Steinplatz residierten, verbrachte die kleine Gloria sehr viel Zeit bei den Großeltern von Schwabach im Knobelsdorff-Palais in Kerzendorf. Dort fühlte sie sich geborgen, dort erlebte sie glückliche Monate und Sommer, und noch über ihrem Sterbebett hing ein fotografisches Abbild des Gutshauses, wie sie es auch mit Kinderaugen in ihr Herz aufgenommen hatte. Der Ort war zu ihrem Arkadien geworden und blieb bis zum Einzug in Grünhaus ihr Sehnsuchtsort.

Als Tochter eines Botschafters lernte sie schon früh die Regeln des Gesprächs kennen und verstand es seither, eine einbindende Konversation zu führen. Bald schon nicht nur auf deutsch, sondern ebenso auf englisch und französisch, später auch noch auf schwedisch, in jeder dieser Sprachen so bewandert, als sei es ihre Muttersprache.

Geübt für fremde Sprachen war ihr Ohr auch durch die Aufenthalte der Familie in anderen europäischen Ländern. Der Vater war als Diplomat in Brüssel und später nach Lissabon entsandt. Die Villen und Strände von Cascais waren der neun- bis elfjährigen Gloria geschätzte und ebenfalls unvergessene Spielgründe.

So war die Welt von Gloria nun tatsächlich polyglott, denn ihre Mutter, Lally Horstmann, geb. von Schwabach las Literatur grundsätzlich in der Zunge des Autors und gab dieses Erbe an ihre Tochter weiter. Der literarische Salon der Mutter lebte gleichsam in der Literaturbegeistertheit der Tochter weiter, die sie es später schätzte ihrem Mann vorzulesen und dieser ihr, und die eben tatsächlich bis in ihre letzte Lebenswoche anhielt.

Die Kehrseite der Lebenswelt ihrer Eltern ist aber, dass die Botschaftergattin kaum Zeit für ihre einziggeborene Tochter hatte. Sie kümmerte sich um den eigenen Berliner Salon, schätzte und bereicherte gleichzeitig die diplomatische Gesellschaft, führte mit ihrem Mann ein gastfreundliches Haus sowohl in Berlin als auch nach 1942 auf dem Landsitz in Kerzendorf, folgte gesellschaftlichen Einladungen, sammelte Kunst und las. Konversation, Beziehungsnetzarbeit, Kunstbetrachtung, davon verstand sie viel. Muttermilch dagegen, körperliche Wärme und Nähe, Annahme aber hatte sie nicht zu vergeben. Im Buch der Mutter über die bittersten deutschen Jahre kommt ihre Tochter Gloria nicht vor. Diese ging im wahrsten Wortsinn mutterseelenallein zur Blinddarmoperation, einhundert Reichsmark im Schuh versteckt. Denn die Mutter, die Bankierstochter, war ein Kind der Kaiserzeit und von deren Vorstellung von Bildung und Kindererziehung geleitet. Solche Dinge delegierte man an die Amme, an das Kindermädchen, die Erzieherin. Denn Kinder sind nach dem preußischen Erziehungsbild kleine Erwachsene, die beim Klang der Marschmusik nur noch zu dem gemacht werden müssen, was sie bereits angeblich sind. 

So erfolgte für Gloria die erste Bildung in der Privatschule von Fräulein Mommsen, der Tochter des Philosophen; später besuchte sie das Caecilien-Gymnasium in Charlottenburg. Die anderen Bedürfnisse lagen in der Obhut der Erzieherin Hedwig Oldag. Hübsch bettfertig gemacht, war das höchste der Gefühle nicht der Gutenachtkuss, so erinnerte sich Gloria an die abendliche Zeremonie, sondern ein Knicks in Richtung der Eltern. Konsequenter Weise war es Hedwig Oldag, die Gloria später mit nach Schweden nahm; von ihr sprach sie immer mit glaubwürdigster emotionaler Verbundenheit.

So liegt es nahe, dass zunächst das junge Kind, später die junge Frau ihr soziales Leben wärmer, anregender durch die Figuren ihrer Bücher machte. Literaturbegegnungen brachten sie ins Gedankengespräch mit den Protagonisten. Diese wurden ihr zu einem Gegenüber, zu lebendigen Teilnehmern an ihrem Leben, so wie sie, bedingt durch die schmerzlichen Lücken, die die abwesenden Eltern offen ließen, in die Lebenswelt der literarischen Figuren schlüpfte, mit den Helden litt und siegte. Fleischerne Gesprächspartner sah sie umgekehrt gern auch durch die Brille ihrer literarischen Bewandertheit. Ihr Kosmos war durch die Literatur größer geworden, ihr Herz bewohnter. 

Tatsächliche Schicksale aber verschwisterte sie mit der lebhafteren Bühne ihrer Helden. Sie pflegte sich schnell ein Bild von Menschen zu machen. Schnell einerseits durch ihre erfahrene Auffassungsgabe, das geübte gesellschaftliche Auge, andererseits aber auch, weil sie die offen gebliebenen Aussagen und Abschnitte mit ihrer Fantasie füllte. Es gehörte schließlich zu dem trainierten Repertoire ihrer professionellen Gesprächsführung, dass sie von Begegnungen in den buntesten Farben zu berichten verstand. Da entstanden dann Portraits, in denen sich die Beschriebenen nicht immer wiederzufinden vermochten. 

Gehörte Erzählungen wurden lebendiger, dramatischer ausgestaltet wurden. Sie ergänzte ihr fragmentarisch gebliebene Bilder von anderen.

Es mag Familienmitglieder geben, die glaubten, sie würden von ihr gegeneinander ausgespielt. Ich bin aber überzeugt, dass der literaturbegeisterten Gloria das Zusammenleben wie ein Stück von Moliere erschien, durch die Würze ihrer Fantasie erst recht lebens- vielleicht sogar aufführenswert vorkam.

Denn Gloria erlebte das gastfreundliche Elternhaus, später die Berliner Salons als große Bühne. Und in ihrer eigenen Familie führte sie dann gern auch mal die Regie.

Bekanntlich sind die Kriegsberichte Betroffener immer von so mitreißender Lebendigkeit, weil sich der Herzschlag der Erzähler bei den Gedanken an ihre Widerfahrnisse selbst erhöht. So konnte ich es auch bei Gloria erleben.

Aus dem von den Russen fast eingenommenen Berlin flüchtete sie in einem Fahrzeug, das Goldreserven gen Westen zu evakuierten hatte. Sorgsam war Treibstoff gehortet und zusammengetragen worden. In aller Heimlichkeit erfolgte die Abreise. Allein – der Wagen war überladen, die Achse brach. Der Fahrer brachte die junge Gloria in einer Gastwirtschaft unter, versprach, sie nach erfolgreicher Reparatur wieder auszulösen. Die Minuten kamen ihr wie Stunden vor und es waren tatsächlich einige Stunden, ehe der gedanklich bereits aufgegebene Chauffeur tatsächlich wieder auftauchte und sie Richtung Hannover weitertransportierte; eine Flucht, die in Brüggen vorübergehend glücklich strandete im zunächst noch leeren Haus der Familie von Cramm. Bald schon sollte es überfüllt sein vom Strom der Flüchtlinge, viele aus dem Osten.

So wie es dann auch in Grünhaus war als Gloria und Andreas von Schubert dort ihre Familie gründeten.

Andreas kannte sie schon aus ihren Kindertagen. Er war ein langjähriger Freund, der ihr in den Kriegstagen näher kam. Spaziergänge im Tiergarten. Durchtanzte Nächte. Das allgegenwärtige Pervitin kostete die Ledersohlen manches Tanzschuhpaares. Man war sich bewusst, dass es der Tanz auf dem Vulkan war. Unabhängig voneinander erzählten beide von den unvergessenen Begegnungen, aber auch der unvergesslichen Prägung durch die Bombennächte in Berlin. Beide konnten den späteren Sylvesterlärm nicht von den Bildern der brennenden Hauptstadt trennen und mieden, wenn möglich, das laute Geschehen zum Jahreswechsel. Zu Fuß sei er durch die zerstörte Stadt geirrt, um Gloria aufzusuchen und glücklicherweise jedesmal unversehrt am Steinplatz und anderen Wohnorten zu finden.

Doch Andreas wurde Soldat und die Kontakte reduzierten sich auf Feldpostbriefe.

Zu Glorias Flucht gehört nicht nur die aus dem unter Beschuss stehenden, aus dem ruinierten Berlin, sondern auch die aus den unbeholfenen Händen ihrer Mutter. Sie schrieb Briefe an die Söhne einer befreundeten Diplomatenfamilie. Einer der beiden Männer fühlte sich angesprochen und kam zu Besuch an die Spree. Durch die Freundlichkeit eines französischen Generals durfte der junger Schwede drei Tage nach Berlin einreisen. Der französische General traute das junge Paar am 15. September 1947 standesamtlich. Glorias Mutter konnte an der Zeremonie nicht teilnehmen, sie lag an Typhus erkrankt im Seuchenhaus. 

Das junge Ehepaar reiste nach Schweden aus. Axel Edelstam, ein schöner Mann und ein geistreicher Erzähler, bot der gerade 23-Jährigen nicht nur eine Scholle ersehnten Friedens sondern er sprach auch deren geistige Welt gekonnt an. Und Gloria ihrerseits ist die Frau gewesen, die stets das Positive sah, sich sodann entschieden in diese Richtung auf den Weg machte. Bald schon wurde die Frucht der jungen Liebe geboren. Ellinor kam am 30. Juni 1948 auf die Welt.

Die Familie weiß, wie sehr Gloria die Zeit im Gut Älfsjö schätze, wie sie die dortige Familie mochte und wie herzlich sie aufgenommen wurde; sie weiß aber auch, warum Gloria Schweden bereits nach zwei Jahren verließ und ein Jahr getrennt von Tisch und Bett in Hamburg verbrachte. Danach galt sie als geschieden und Andreas von Schubert tauchte wieder auf, er hielt um ihre Hand an und beide heirateten am 15. März 1951.

Prosaisch schreibt Gloria in ihren biographischen Notizen in der dritten Person von sich: „In Deutschland holte sie Andreas von Schubert als seine Frau nach Grünhaus … Hier wurde ihr Sohn Carl … und ein Jahr Später ihre jüngste Tochter Andrea geboren“.

Diese ihre Auflistung von Lebensstationen wird dem bunten Leben in Grünhaus nicht gerecht. Verschweigt das Gedränge im Schloss ob all der hierher in den Westen geflüchteten ehemaligen Gutsbesitzer und Bekannten, rührt nicht an die Zeit der französischen Besatzung mit all den Erlebnissen, die inzwischen zu Anekdoten geraten sind und besonders gern von Andreas zum besten gegeben wurden. Die knapp zweiseitige Biographie überspringt ihre kurze Studienzeit in Göttingen, sie verschweigt den tragischen Hintergrund, warum sie nun doch mit Andreas an die Ruwer ziehen kann. Sie lässt das Leben und Gedeihen der Familie unerwähnt, die hier wuchs. All deren Abenteuer und Anekdoten. Sie summiert lediglich buchhalterisch. „Über 60 Jahre lebte Frau von Schubert in Grünhaus. Sie hat 12 Enkel und 12 Urenkel“. Das sind biblische Zahlen, die vom Segen in ihrem Leben sprechen.  Und lassen uns noch einmal auf den Psalm selbst hören

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meins Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

Denn tatsächlich widerfuhr Gloria bei allem äußeren Unbill Bewahrung, gelang ihr immer der glückliche Ausweg in schwieriger Situation, tatsächlich hielt jemand die Hand bewahrend über sie und schenkte ihr Jahre weit über das ebenfalls biblische Maß von „unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig“.

Denn er segnete sie mit einer zuversichtlichen Haltung, die der Volksmund am besten auf den Begriff bringt mit dem Satz: Hilf dir selbst – dann hilft dir auch der liebe Gott.

So wie innere Haltung und glückliche Fügung ein Bündnis zu ihren Gunsten eingingen, so schloss sich auch rein äußerlich ihr Lebensring zu einem abgerundeten Ganzen.

Die Erinnerungsbilder an das „gemütliche Landhaus“ (wie sie es nannte) von Kerzendorf durften die Brücke schlagen zum Schloss Grünhaus. Das in Jugendtagen vermisste Familienleben gedieh um so lebendiger hier bei Mertesdorf.

Und so konnte sie am Ende tatsächlich mit Mörike danken, beten und loslassen:

Wie heimlicher Weise

Ein Engelein leise

Mit rosigen Füßen

Die Erde betritt,

So nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, ihr Frommen,

Ein heilig Willkommen …

In Ihm sei´s begonnen,

Der Monde und Sonnen

An blauen Gezelten

Des Himmels bewegt.

Du Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

Sei alles gelegt!

Unterwegs das Leben finden

Traueransprache über Gen 12, 1-3

für

Wolfgang Eisel

13.03.2019

Zewen

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass die Bibel ein Buch voller Geschichten von Menschen ist, die unterwegs sind. Den einen wird eine neue Heimat andernorts ans Herz gelegt, wie eben Abraham. Andere sind unfreiwillig unterwegs, weil Krieg oder Hunger sie vertreiben. Ein ganzes Volk macht sich auf die Reise durch karge Gegend um endlich ein Leben in Freiheit führen zu können.

Die Bibel scheint damit sagen zu wollen, das Glück, das, was dich ausmacht, was dich wesentlich sein und leben lässt, das findest du nicht unter einem festen Dach, in einer einzigen Wohnung. Es will unterwegs gefunden werden. Und Heimat ist kein Ort sondern Beziehung und Gefühl.

Vieles davon scheint mir im Leben von Wolfgang Eisel umgesetzt, gelebt worden zu sein.

Als Sie beide sich mit 18 Jahren kennen lernten, da hatte Wolfgang unfreiwillig schon einiges erlebt. Als 1940 in Mülheim Geborener, wurde er im letzten Kriegsjahr mit vielen anderen evakuiert. Seine Mutter, seinen Bruder und ihn führte der Weg nach Breslau. Auch dort hatte er keine bleibende Statt. Was er als Fünfjähriger von Evakuierung, Flucht, Bombardements und Vertreibung mitbekommen hat, wissen wir nicht genau. Viel hat er über diese ersten Eindrücke nicht gesprochen. Er kehrte jedenfalls nach Mülheim zurück, besuchte dort die Schule und begann als Vierzehnjähriger seine Ausbildung als Schlosser. Im Aufzugbau verdiente er sein erstes Brot, um schließlich bei Mannesmann als Industriemeister Kräne zu bauen.

Seine Laufbahn entsprach seinen technischen Interessen und Fähigkeiten. Kein Gewerk war ihm fremd, er liebte nach Männerart seine Werkzeugsammlung, und Konstruktion und Reparatur waren für ihn ein Leben lang schöne Aufgaben, in denen er völlig vertieft für Stunden versinken konnte.

Aber das allein zeichnet nicht seine Persönlichkeit, denn bei ihm gab noch die freundlich-gesellige Ebene. Wolfgang war ein offener, ein an Menschen interessierter Mensch. Zuneigung zu zeigen war ihm nicht fremd. Darum verstand er es, schnell Freundschaften zu schließen; und besonders die Seinen nahm er in den Arm, vermochte seinen Gefühlen für sie Ausdruck zu verleihen.

Darum ist es kein Wunder, dass er mit dieser emotionalen Seite ein guter Tänzer war. Denn hinzu kam noch, dass sein Vater ihm seine Musikalität vererbt hatte.

Damals also, als Sie sich auf dem Tanzboden kennen gelernt haben, war schnell klar, dass Sie beide gut miteinander klar kamen. Sie schätzten es auch weiterhin zu Tanzveranstaltungen zu gehen; und Ihre Mutter ermöglichte das, in dem sie die Tochter hütete. Vom ersten bis zum letzten Tanz hätten Sie diese Abende genutzt und das gemeinsame Hobby bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt, später mit Leidenschaft Tournier-Tanzen betrieben.

Ob Wolfgang, der gute Tänzer dabei immer auch führte, darüber dürfen wir schmunzelnd nachdenken. Denn er war jemand, der sich ganz auf andere einstellen konnte.

Als er sich anschickte, den Industriemeister zu machen, war der Deal der Eheleute, dass er den Meister, Sie den Führerschein erwerben sollten. Wir alle wissen, er machte den Meister, er aber blieb Chauffeur, und besonders nach seinem Rentenbeginn fuhr er seine Frau zu jedem Termin und holte sie ebenso gern auch wieder ab, denn Sie machten den Führerschein nicht.

Wolfgang war ein Mensch, der sich gut in eine Beziehung einfügen konnte. Er war weiterhin mit der Gabe gesegnet, nicht nachtragend zu sein. Also jemand, mit dem ein ersprießliches Zusammenleben gut möglich war.

Und so gestalteten Sie es sich auch. Erst in den Berufsjahren und dann in all den Jahren des Ruhestands, die Ihnen miteinander vergönnt waren. Sie haben etliche Schiffsreisen miteinander unternommen, sind nach Ägypten mit der ganzen Familie verreist, die Fahrräder waren dabei, wenn es um Radurlaub an Mosel und Ruhr entlang ging. Sie liebten es, das Jahr in Mülheim auf sechs Monate zu beschränken und die restliche Zeit woanders zu verbringen, einen großen Teil davon nahmen die Aufenthalte in Fredeburg ein, aber gern sind Sie auch in Zewen gewesen. Oft wechselten Sie mehrmals im Jahr das Quartier.

Also durchaus seit einem Vierteljahrhundert, seit seinem Ruhestand, so etwas wie ein Wanderleben, ein Unterwegssein im eingangs genannten biblischen Sinne. Sie waren gemeinsam auf einem Weg, dessen Ziel bewusstes tägliches Leben ist.

Wolfgang hat das bestätigt „Ja, es war gut und richtig, dass wir hierher nach Zewen gezogen sind“. Er hat jedem Tag mit positivem Geist den Sinn abgerungen.

Auch im Blick auf die Beziehung hat er es gehalten wie die Stachelschweine in des Philosophen Schopenhauers Gleichnis. Dieses geht so: In einem kalten Winter froren die Stachelschweine und so suchten sie die Nähe der anderen, drückten sich aneinander. Aber da fuhren ihnen die Stachel der Nächsten in die Haut. Erschrocken stoben sie auseinander. Aber auf Abstand im kalten Winterwald fror es die Tiere wieder. Und so lernten sie es, den richtigen Abstand zueinander zu finden. Den, bei dem sie sich nicht verletzten und den, der ihnen durch die Nähe der anderen gut tat.

So haben Sie Ihre Beziehung gelebt, den richtigen Abstand immer wieder neu gesucht und gefunden. Wolfgang war ein Mensch, der gerade heraus war, also jemand, von dem man wusste, woran man mit ihm war. Natürlich gab es Differenzen, aber eben auch schnell wieder Frieden. Natürlich gab es Funkenflug und Emotionalitäten, aber eben immer wieder den Abendfrieden, den versöhnlichen Kuss vor dem Zubettgehen.

Und nun ist er ein letztes mal eingeschlafen. Und in einer Genesungsphase nicht wieder aufgewacht, in der niemand damit gerechnet hat, dass er sich auf die Reise zu seinem Schöpfer macht, dass er sich auf den Weg in das Land macht, das von Gottes Liebe erhellt wird. Eben jenes Reich, das weniger in Ort als vielmehr Beziehung selbst ist.

Denn Gott hat Wolfgang lieb. Er schätzt sein lebensfrohes Wesen, seine Art, in der er immer für einen Scherz zu haben war, seine hilfsbereite Gesinnung, sich gern mit seinen Fähigkeiten einzubringen; mit seiner Gabe, schnell zu verzeihen, mit seiner technischen Passion und seiner herzlichen Zuneigung.

Im Land seiner Liebe ist Wolfgang am Ziel angekommen. Dort darf er in Ewigkeit bleiben.

vom Planen und Gottes Plan

Traueransprache für Gerhard Scharfenberger

 

Höre auf Rat und wachse aufrecht,

dass du am Ende weise bist;

im Herzen eines Mannes sind viele Pläne,

Bestand hat aber nur der Plan Gottes.

Spr. 19, 20+21

 

Liebe Trauergemeinde,

 

Pläne zu haben und sein Leben nach diesen Vorstellungen auszurichten, das kennzeichnet nicht nur den Menschen seither, auch schon in biblischer Zeit, es ist in besonderer Weise ein Signum für Gerhard Scharfenberger. Denn ihm war es im Laufe seine Lebens zum Charakteristikum geworden, seine Entscheidungen, auch die für die Familie, seine beruflichen Leitlinien an der Maxime seiner Pläne auszurichten.

Eine frühe Prägung für seine beruflichen Entscheidungen mag durch das Vorbild des Vaters entstanden sein. Dieser war Chemiker zunächst bei IG-Farben. Die Heimat der Familie war die Pfalz. Ihre Verbindungen waren in der pfälzischen Region verzweigt, worauf Gerhard bei Gelegenheit gern zurückgriff.

Der Vater wurde allerdings nach Leuna versetzt, wo Gerhard nach seinem Bruder Heinz am 30. März 1930 zur Welt kam.

Die prägende Phase seiner Kindheit und Jugend erlebte er in Merseburg, von wo die wunderbare Geschichte kolportiert wird, wie er und seine Angebetete sich auf dem Schulweg liebevolle Kassiber zuschoben, denn sie ging aufs Lyzeum, er besuchte das Jungengymnasium, und nur auf dem Weg bestand die Möglichkeit des Austauschs. Dieses Fundament war gut gelegt, belastbar, wie die Folgejahre bewiesen. Denn Gerhard verließ nach dem Abitur Merseburg, setzte sich nach Westberlin ab, nahm dort ein Studium auf, um sodann den großen Sprung nach Mannheim zu wagen. Dorthin folgte er dem Angebot der großen Pfälzer Familie und nahm Wohnung bei Verwandten.

Und dorthin kam Margot nach, nachdem die beiden sich 1954 in Meersburg (nota bene nicht Merseburg, sondern am Bodensee) verlobt hatten. Im späten Dezember 1955 heirateten Margot und Gerhard.

Gerhard liebte es, seine Pläne wie Gleise zu verfolgen. Nach dem Diplom fing er an, sein Geld mit Mineralöl zu verdienen und ist dieser Branche ein Berufsleben lang treu geblieben. So hatte er es sich vorgestellt. Die häufigen Ortswechsel folgten, weil es an der ein oder anderen Arbeitsstelle nicht ganz so aussah, die Aufstiegsmöglichkeiten nicht ganz so geglättet waren, wie er es sich vorstellte.

Zum Zeitpunkt der Geburt des ältesten Sohnes, Thomas, 1957 lebte die junge Familie in Ludwighafen, bald folgte Mainz. Den Kindergarten besuchte Thomas dann schon in Frankfurt und seine Einschulung erfolgte in München.

In Gerhards Zeit dort bei AGIP wurde 1964 Tobias geboren, um noch in  Windeln nach Hamburg umzuziehen. Hier fasste die vierköpfige Familie erstmals für längere Zeit Wurzeln. Sie kam an, so dass sich Freundschaften entwickelten, die bis heute gehalten haben. Ein knappes Jahrzehnt später folgt Gerhard den Möglichkeiten, die Rheinbraun verhieß 1973 nach Köln.

Aber der nächste Geschäftsführerposten war nicht der erhoffte in München, sondern die Wege führten Gerhard nach Trier. Der Provinzort wurde kritisch beäugt und langsam aber zunehmend für gut befunden. 1977 zog die Familie an die Mosel nach und man mietete im Engelborn ein Haus.

Und hier in Irsch verwirklichte Gerhard, was er schon lange im Herzen trug, nämlich ein eigenes Haus zu gestalten und zu errichten. Das geschah eine Straße weiter höher in der Wendelinusstraße und 1980 war Richtfest.

Aller anfänglichen Skepsis zum Trotz erlebte Gerhard in der Trierer Phase eine beruflich erfüllende Zeit und auch im Haus war die Welt so, wie er sie sich innerlich entwickelt hatte.

Im sozialen Leben führte Margot den Kalender, und sie war es auch, die Miteinander und kulturelles Leben beatmete,  die die vielfältig belegten Gästezimmer managte, sei es Chorbesuch, seien es die Gaststudenten aus China, England, Taiwan oder Amerika.

Gerhard dagegen stütze sich hier gern auf die sozialen Kompetenzen seiner Frau, denn er bekannte sich offen dazu, kein Verbindungs- oder Vereinsmensch zu sein. Er schätzte seine individuelle Freiheit.

Fürsorge verstand er als finanzielle Vorsorge. So sorgte er beispielsweise früh für eine Studienrücklage der Enkel. Liebe und Leistung reimten sich für ihn.

 

Und er liebte dieses Haus.

Ja, am Ende, fiel es ihm schwer, aus genau diesem Haus auszuziehen, weil er es als einen Ausdruck seiner Selbstverwirklichung verstand. Er zögerte nach dem Tod von Margot seinen Auszug hinaus, denn dies entspricht einem weiteren Charakterzug von ihm. Gerhard war ein ausgesprochen sturer Mensch. Er konnte die Argumente, die nicht in seine Entschlüsse passten, schlichtweg überhören. So den Wunsch seiner Frau nach dem dritten Hund in ihrem Leben, denn, so Gerhard, ein Hund konnte auf dem Spaziergang um die Riveristalsperre einem die ganzen Pläne durcheinanderbringen, wenn er ungehorsam entlief und man auf ihn warten musste.

So war Gerhard, er hatte Vorhaben und an denen richtete er sich gern genau aus. Zu diesen Bildern gehörte auch seine Vorstellung, wie er mit der Familie umzugehen habe und diese mit ihm.

Analog zu den Verträgen, die er beruflich entwickelte, legte er seinen Kindern in der Schulzeit solche Abmachungen vor, damit sie eine bestimmte Note in einem Fach in einem bestimmten Zeugnis erreichten.

Und umgekehrt erwartete er von den Enkeln, dass sie ihn besuchten und er nicht umgekehrt zu ihnen reiste, um sie zu sehen, zu erleben, wie sie wuchsen und auch gelegentlich mit ihnen zu spielen.

Für diese Art, Vorstellungen zu entwickeln und auszuarbeiten, deren Verwirklichung anzustreben, gibt es ein Symbol, ein Möbelstück, das Gerhard durch sein Leben begleitete: einen riesigen Schreibtisch.

So wie schon Thomas Mann seinen Schreibtisch bei jedem Umzug mitnahm und sogar nach England ins Exil verschiffen ließ, so begleitete Gerhard ein mächtiger Sekretär mit ausladender Arbeitsplatte und vielen Schubladen.

Auch auf seine vorletzte Station in die Frauenstraße nahm er ihn mit. Und dieses Möbel legt traurig Zeugnis ab von seiner Alzheimererkrankung, die er so gern vor anderen verborgen hätte. Denn so wie das imposante Möbel eine eindrückliche Fassade der Arbeit darstellt, so versuchte er seine abnehmenden Fähigkeiten vor anderen Menschen zu verbergen. Die Schraubenzieherspuren an den Schlössern und Schubladen geben aber Hinweise ab, dass er die Schlüssel verlegt und vergessen hatte wohin.

 

Dem Mann, der so gern seinen selbstgelegten Spuren folgte, geriet das Leben aus der Spur. Geblieben war ihm die Freude an der Natur, die er bei Spaziergängen und Wanderungen, die er beim Skifahren in den Bergen so geliebt hat. Zuletzt war es der Blick auf die wunderbare Mosellandschaft bei Bernkastel-Kues, den er immer noch zu genießen wusste.

 

Am 10. Januar ist Gerhard gestorben.

Gottes Pläne sind natürlich die, die Bestand haben. Aber, welches sind seine Pläne? Dass die Liebe das letzte Wort hat, das ist Gottes Wille.

 

Darum spricht das Amen das Gedicht von Rilke, das Sie über die Anzeige gestellt haben:

 

Wenn du an mich denkst,

erinnere dich an die Stunde,

in welcher du mich am liebsten hattest.

Das Licht unter den Scheffel gestellt, Renate Reichardt

Traueransprache für Renate Nentwig-Reichardt

über Mt 6, 25-34

25 Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? 27 Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. 33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Renate kam gern in die Kirche. Worte wie dieses vielleicht schönste Jesuswort gaben ihr zu denken. Und tatsächlich, genau jene Ermutigung des Mannes aus Nazareth war ihr wie Platon sagt ein „kalos ho kindynos“, eine schöne Herausforderung. Denn Renates Persönlichkeit ermahnte sie zur Vorsorge. Ständig schaute sie auf das, was noch zu machen wäre. Denn früh, allzufrüh, hatte sie gelernt Verantwortung zu übernehmen.

Es gibt eine Schlüsselszene in ihrem Leben.

Von Kassel aus, wo Renate am 03. März 1938 geboren wurde, zog die Familie nach Düsseldorf. Der arbeitete im Vertrieb von IBM und hatte dort Arbeit gefunden. Darum wurde Renate auch in Düsseldorf eingeschult, und erlebte eben auch dort den Krieg, die Luftangriffe, die Flucht in die Bunker. Um sie und ihre vier Jahre jüngere Schwester aus dem Focus der Angriffe zu holen, wurden die beiden Kinder in den Zug nach Bayern gesetzt. Und der Großen übertrug man die Verantwortung in einer Welt und unter Umständen, die keinesfalls für Kinder, kaum für eine gut Siebenjährige gemacht war. Renate lernte in dieser Zeit unter ihrer Bürde, Verantwortung für andere zu tragen. Und sie machte es hervorragend, wie wir noch hören werden. Aber sie litt auch unter der Trennung von den Eltern, unter dem Gedränge der Soldaten, der unsicheren Zukunft, dem völlig offenen Morgen, kurz: der Angst.

Angst ist in unser aller Leben ein schlechter Berater. Sie rät uns raffen, Sammeln in Scheunen, sie rät zu Rückzug wo Solidarität hilfreich wäre, sie rät zum Versichern, wo etwas riskieren angesagt, zu Verzicht, wo Wagen besser wäre.

Darum diese Worte Jesu an uns. Sie sagen, bleib einmal stehen. Wer den Vögeln nachschaut und seinen Blick auf die Felder lenkt, der gewinnt neue Anhaltspunkte für die richtige Ausrichtung des eigenen Tun und Denkens. Halt einmal an. Nimm dir die Zeit. Schau und denke nach.

Der heute bald 100-jährige Luis Borge sagte vor kurzem: „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin. Ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde mehr riskieren, ich würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen … Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen. Und ich würde mehr mit Kindern spielen …“

Das kann man sich nicht befehlen. Wir sind nicht nur durch unsere Gene, sondern auch biographisch geprägt. Der Krieg kann nicht nur Leben und Heimat leben, er kann auch den Glauben an gutes Gelingen, an einen sonnigen nächsten Tag nehmen.

Mit dieser geschichtsbedingten Narbe kam sie nach Düsseldorf zurück, absolvierte dort ihr Abitur, nahm das Studium in Tübingen und Bonn auf. In der Neckarstadt lernte Renate Nentwig Dr. Hansjörg Reichardt kennen und lieben. Früh waren die beiden sich einig, dass ihr Lebensweg gemeinsam gehen sollte. Sie entschloss sich darum zu einem schnellen Studienabschluss. Absolvierte ihn in Reutlingen an der Pädagogischen Hochschule, um sodann in Ebingen, dem ersten gemeinsamen Wohnort an der Realschule Deutsch und Geschichte zu unterrichten.

Eine Facharztstelle für ihren Mann führte sie runter von der Schwäb´schen Alb in das niederrheinische Geilenkirchen. Dort wurden den beiden 1968 der Sohn Matthias und 1970 Christian geschenkt. Seit der Geburt ihres ersten Kindes blieb Renate zu Hause. Zwei Jahre nach der Geburt des zweiten Sohnes zog die Familie an die Mosel, zunächst nach Kenn und 1976 auf die Kenner Lay.

Hier wurden die Kinder groß, hier konnten alle einwurzeln; und hier zeigt Renate, welche Gaben sie noch auf den Lebensweg bekommen hatte.

Sie mochte vielleicht – und das ist eine Metapher, die sich auch körperlich ausdrückte – wenig Luft für Freude haben können, aber sie wusste, dass Liebe durch den Magen geht. Sie hat sie alle, die Kinder, die Gäste, die Freunde der Kinder, teils auch die Nachbarn kulinarisch versorgt und verwöhnt. Sie hat in ihrer Hilfesbereitschaft Nachbarn mitversorgt, wenn deren Partner ins Krankenhaus mussten.

Ihre soziale Ader ging aber noch andere ungewöhnliche Wege. Die früh erlernte soziale Verantwortung ließ sie auch Türen und Kinderzimmer öffnen für Menschen, die eine Bleibe benötigten, Grant Page z.B., der zu Besuch kam und blieb, der immer wieder kam und in der Summe Jahre bei Renate lebte. Sie eine Cousine und einen Cousin im Haus aufgenommen, sie hat den pflegebedürftigen Vater ein Jahr bei sich im Haus betreut.

Sie hat ein Netzwerk an Verbindugen geschaffen.

Und hat schließlich ihren Mann gepflegt und dabei viel von ihrer Lebenskraft eingebracht.

Jesus fragt danach, wie wir leben, worum wir uns kümmern, wo wir unsere Kraft lassen. Er  fragt nach unserer Lebenseinstellung, ob wir das richtige Maß halten und den Focus auf den einzelnen Tag und seine Herausforderungen richten.

Aufgetankt hat Renate Reichardt während der Lektüre eines ihrer unzähligen Bücher, zu sich gekommen ist sie beim Reisen, sie war in der Literatur genauso unterwegs – bzw. im Bilde geblieben: bewandert – wie in der Geschichte der Loireschlösser oder den Wundern der gotischen Kathedralen; und Kraft hat sie getankt zum Schluss in den sonnigen Stunden mit einem Buch auf der Terrasse.

Und da ist noch eine Tugend: ihre Bescheidenheit. Sie hat ihr Licht unter den Scheffel gestellt, womit wir wieder bei den jesuanischen Bildreden wären. Sie hat den Beruf nicht voll verwirklicht, zu dem sie befähigt gewesen wäre; sie hat sich im Gefüge der Eheleute zurück genommen; sie hat sich hintan gestellt und wollte keine Umstände machen.

Ist es darum, dass sie das letzte irdische Quartier ausgeschlagen hat? Dass die Ratio zwar sagte, dort soll es jetzt hingehen, ihr Gemüt aber die Lust verloren hatte an einem weiteren Umzug?

Es könnte zu ihr passen.

Bescheiden hat sie beschieden, dass es genug sei.

Doch wusste die Kirchgängerin, dass ihr eine andere Heimat verheißen ist. Direkt im Angesicht Gottes. Jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. So bleiben wir, die Sterblichen, vor ihm, dem Ewigen, lebendig, wenn wir das, was irdisch ist, hinter uns lassen. Und damit auch das, was uns hier bedrückt, eingeengt und vielleicht geängstigt hat. Denn im Schein seiner Liebe ist uns nicht weniger zugesagt, als dass er zurechtbringen wird, was hier zu kurz gekommen ist.

Das ist eine Perspektive, die uns stärkt, Renate jetzt Gott zurück geben zu können. Eine Einstellung, die uns vor allem Raum gibt für die Dankbarkeit Renate gegenüber. Dankbar sind wir für alles, was sie uns hier im Raum und vielen anderen an Gutem hat zukommen lassen. Amen

Deutsche Eiche

Traueransprach für

Brunhilde Grobe

über

Psalm 23

 

  1. Okt. 2018

in Grünhaus

 

Weit weg von hier, in Stretzin in Ostpommern wurde Brunhilde Erika Berta Marotz am 28. Februar 1925 geboren. Und diese Entfernung möchte uns auch ein Indiz dafür sein, dass sie ein Kind von Eltern ist, die ihrerseits in der Kaiserzeit groß geworden sind, gleichsam in einem anderen Land. Ein Stück weit ist ihre einmalige Art darauf und auf die preussische Erziehung jener Zeit zurückzuführen.

Weit weg von hier und vor 93, also bald einhundert Jahren, das sagt uns gleichzeitig, dass Brunhilde einen langen Lebensweg hinter sich hat, viele Stationen durchlaufen, viel erlebt und erlitten, viele Veränderungen miterlebt hat.

Sie schreibt „Ich wurde als einzige Tochter des Müllermeisters Willi Marotz und seiner Ehefrau Klara, geb. Zander im Kreis Schlochau geboren“. Der Vater muss ein ausgewiesener Fachmann für Mühlsteine gewesen sein, man rief ihn bis ins Saarland, um diese spezielle Mühlsteine zu beschleifen.

Im nahen Schneidemühl ging Brunhilde zur Schule, besuchte von 1931-35 die Volksschule und dann daselbst die Oberschule für Mädchen, die sie 1943 mit dem Abitur abschloss.

Verstehen wir ihren schulischen Werdegang als Einsicht ihrer Eltern in Brunhildes Begabungen, verstehen wir ihn als Wegweiser für ihre Zukunft. Was sonst über ihre Jugend zu erzählen wäre, was sie erlebt, wo sie gespielt, was sie beglückt hat, das wissen wir leider nicht, es ist gleichsam über dem Brand Deutschlands verloren gegangen, wie die Schwarz-weiß-Fotos jener Jahre, die in den Häusern verbrannten oder auf die Straße geworfen wurden. Wir dürfen aber von einer behüteten Zeit ausgehen, denn die ersten Verse des 23 Psalmes mochte sie gern zitieren: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zu frischen Wasser.

Brunhilde wurde Apothekenhelferin, nachdem sie den Arbeitsdienst 1944 abgeleistet hatte. Sie begann ihre Ausbildung als Apothekenhelferin in der Marktapotheke von Schneidemühl. Als dann Anfang 1945 die Front näher rückte, als dann ihre Familie auf die Flucht ging, da wäre sie gern mitgezogen. Aber sie erhielt den Befehl zu bleiben, weil sie kriegswichtig sei für die Lazarettversorgung. Während der Vater den Treck über Stettin nach Tangermünde führte und später mit seiner Frau in Friedland landete, blieb sie gehorsam und konnte erst mit dem letzten Zug evakuiert werden, der die Oderbrücke noch passieren konnte. Mit dabei hatte ein angeblich eigenes Kind, in Wahrheit die Tochter der Apothekerin, die auf diese Weise in Sicherheit gebracht werden sollte. Die Fahrt endete in Potsdam.

Hier gab es Verwandtschaft. Onkel und Tante besaßen die Brauerei Kanitzberg, deren tiefe Keller Schutz vor den Bomben boten. Hier erlebte Brunhilde die letzten Kriegstage und Stunden des Dritten Reiches.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, so fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir und dein Stecken und Stab trösten mich.

Tatsächlich konnte sie ihre Ausbildung in der Linden-Apotheke in Potsdam-Babelsberg fortsetzen. Gesundheitlich gingen die Erlebnisse der letzten beiden Jahre nicht spurlos an ihr vorüber. Sie erkrankte so schwer, dass sie ein Jahr aussetzen musste. Erst September 1946 konnte sie wieder einsteigen und im Frühjahr 1947 dann ihr Vorexamen ablegen.

Gern hätte sie jetzt Pharmazie studiert. Allein, sie erhielt keine Zulassung. So arbeitete sie als Assistentin weiter in einer Apotheke in Oberweissbach und später in der Vitaminforschung. 1951 erhielt sie die Aufforderung, die DDR zu verlassen und reiste über Westberlin nach Osnabrück, wo sie die Arbeitsgenehmigung für die Tätigkeit in der Rosen-Apotheke erhielt.

Hier verdiente sie sich das Geld für das Studium, denn immer noch leitete sie die Vision eines Pharmaziestudiums. Die Universität Erlangen erlaubte ihr 1955 die Einschreibung. Erlangen und Würzburg wurden ihre nächsten Lebensstationen.

In Erlangen lernte sie ihren späteren Mann kennen.

1960 heirateten die beiden

1962 wurde aus den Eheleuten Grobe die Familie durch die Geburt des ersten Sohnes Hanns-Wilhelm.

Der Sohn Claus-Jürgen folgte 1965 in Würzburg.

 

Hier beginnt jetzt die Zeit einer gemeinsamen Familienerinnerung. Der z.B. an eine Mutter, die schon damals parallel zu ihrem Mann einem akademischen Hauptberuf nachging. Ihrer Zeit in Osnabrück, wo Brunhilde vorübergehend arbeitete.

Den Umzug nach Neustadt, wo ihr Mann eine erste Praxis eröffnete.

 

Die Erinnerung an eine Frau, die früh den Führerschein erwarb, um Regionalvertretungen in Apotheken übernehmen zu können.

 

Schließlich die der Zeit in Trier, die 1972 mit dem Umzug in die Marienholzstraße begann. Es sind dies Erinnerungen an eine strenge Mutter, die leistungsorientiert war und ihre Kinder entsprechend auf schulische Leistungen trimmte. Vielleicht hat sie bei ihrer Wacht über die Tugenden Schreiben und Lesen die musischen Gaben ihrer Kinder übersehen. Und dies, obwohl sie selbst Geige gelernt hatte und bis ins hohe Alter gern der Geige in Rundfunk und Fernsehen zuhörte.

Später folgte das Haus Auf Schwarzfeld, wo sie bis zum Schluss lebte.

 

Brunhilde Grobe war die Geschäftsfrau, die neben der eigenen Arbeit ihrem Mann die Buchhaltung der Praxis führte, sie war es, die das Abrechnungswesen in der Hand hatte. Sie war eine harte Frau. Ohne ihre Selbstdisziplin hätte sie all dies nicht schaffen können. Deutsche Eiche würde ich sie nennen, wenn mich jemand fragte, aus welchem Holze sie geschnitzt sei.

Wir wissen nicht, ob es die Gene, die elterliche Erziehung, die Prägung im Nationalsozialismus einschließlich Arbeitsdienst war, oder ob es gar schlimme Erinnerungen aus der Kriegszeit waren, die sie prägte.

 

So wurde eine realistische Frau aus ihr, jemand, der viel auf sich nehmen konnte, weil er schon viel ertragen hatte.

 

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

 

Gott gab ihr die Jahre über das Maß hinaus, das wir mit 70 und wenn´s hochkommt 80 Jahren angeben. Er gab ihr das hinzu, was ihr in der Jugend genommen wurde.

Und er ließ sie die Zuwendung erfahren, die den Kindern die Chance gibt, von der Liebe zurück zu geben, die sie selbst als Kinder von ihr empfangen haben.

Die letzten beiden Jahre der Bettlägerigkeit hat sie dann mit derselben stoischen Ruhe getragen, mit der sie schon immer ihr Leben geschultert hat.

 

Sicher ist, dass sie im Hause des Herrn bliebt. Vor ihm selbst nämlich, im Licht seiner Liebe, die zurecht bringt, was eventuell hier im irdischen Leben unvollkommen oder unterentwickelt war. Denn im Himmel werden wir an dem Maß gemessen, wie wir gedacht sind von Gott.

 

Dorthin entlassen wir Brunhilde. Wir gedenken ihrer und der Zeit, die wir mit ihr leben, mit ihr arbeiten durften und geben sie Gott zurück.

 

Amen

Exodus und Landnahme

Traueransprache für Roman Wendt

gehalten am 06. September 2018

in Grünhaus

überJoh 14, 27

 

„Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt“

 

Frieden ist in aller Munde. In allen Ländern. Ob Mir, ob Pax, ob Pace, Frieden oder Peace. Er ist Fluchtpunkt unserer Sehnsucht, vieler vom Unfrieden Betroffener Hoffnung.

Für Roman Wendt war er noch mehr. Für ihn war er Lebenslinie und

–maxime.

Auf der Suche nach der Antwort, warum Friede derart in seine Lebenslinien eingeschrieben war, können wir nicht auseinanderdividieren, ob dieses unbedingte Maß in seiner Persönlichkeit angelegt war, oder ob es eingraviert wurde durch sein Schicksal, das ihn wie Millionen anderer Deutscher, Polen oder Russen durch die Hitlerdiktatur und ihren Krieg zu Flüchtlingen, Heimatlosen und Waisen machte.

 

Vielleicht addierten sich beide Quellen und vereinigten sich glücklich zu seinem unbedingten Willen zum Frieden.

Als vorletztes von fünf Kindern wurde Roman am 26. August 1928 geboren. Die ganze Familie hatte sich der Landwirtschaft verschrieben und die Liebe zu den Tieren spielt bis heute in ihr eine nicht zu übersehende Rolle.

Dort im Weichbild der Stadt Danzig, eben jener Zone, die die Hafenstadt mit Gemüse, Fleisch und Früchten versorgte, die Exportprodukte in die Hafenkontore lieferte, wurde Roman groß. Bescheidenheit war keine ausgelobte Tugend, sondern Selbstverständlichkeit unter den Viehwirten und Bauern. Auch diesen Aspekt, der seine Persönlichkeit bestimmte, hatte Roman mit der Muttermilch aufgesogen.

 

Nach dem Schulabschluss begann er eine Lehr als Metzger.

 

Er war gerade 16 Jahre alt als der Gestellungsbefehl kam. Hineingeworfen in das letzte Aufgebot des brennenden sog. Dritten Reichs geschah ihm, was er selbst nie in Worte fassen wollte. In wenigen Momenten der Geschichte hatte das Land den Frieden verloren, er seine Heimat – und die Eltern sah er nie wieder!

Sie kamen um, als das Fischerboot, mit dem sie fliehen wollten(, weil die Rettung versprechende Gustlow schon überfüllt ausgelaufen war,) von russischen Granaten getroffen wurde. Die älteren Brüder fielen. Nur einer hat mit ihm den Krieg überlebt. Eltern und Geschwister, Schwester und Verwandte waren zerrissen und auf den Grund der Ostsee gesunken.

Da war Roman bald 17 und es hatte ihn nach Linz verschlagen. Zu Fuß machte er sich auf in der Hoffnung, seine Heimat, seine Familie, sein Elternhaus erlaufen und wiederfinden zu können.

 

Er kam bis Halle. Wurde dort als Knecht von einer Kriegerwitwe für deren Hof gewonnen.

Und sein weiteres Leben, dessen Stationen und Bemühungen einzuwurzeln, lesen sich wie die Odyssee, wie die Suche eines Mannes nach dem Ort, an den er gehört, an dem er bleiben kann.

 

In Halle lernten Sie beide sich kennen und lieben, und Sie heirateten einander am 25. April 1953 in Merkewitz.

Das erste Kind Ihrer Liebe war 1953 Gisela. Nicht weit weg vom Ort der Eheschließung, in Westewitz, wurde 1955 Bärbel geboren. Damals war Roman schon Arbeiter in der am Ort gelegenen Kolchose, schrieb sich ein ins Buch der ostdeutschen Geschichte und ihres aufgezwungenen Wandels angesichts der Gehversuche des real existierenden Sozialismus.

Drei Jahr später erblickte Elke das Licht der Welt, doch schon unter westlichem Himmel. Auch dies ein Stück typisch deutscher Geschichte. Nach Langenfeld hatte sich die Familie „rüber gemacht“; und Roman ernährte sie, in dem er sich dort zeitweise als Waldarbeiter verdingte.

Im Jahr darauf wurde Marina geboren und vier Jahre später, 1963, wuchs die Familie durch Dagmar.

 

Immer noch hatten die Wendts nicht die Scholle gefunden, auf der und vielleicht von der sie hätten leben können. Unstet blieb es. Denn nun wanderten alle nach Strümp bei Krefeld. Hier hatte Roman endlich wieder die Chance, auf einem Bauerhof zu arbeiten und für eine kurze Zeit schloss er an an die Jahre, die er als Kind verloren hatte.

Doch Heimat wurde auch Strümp nicht, denn 1965 ging es mit Sack und Pack nach Mertesdorf, wo Roman als Melker auf dem Gutshof der Familie von Schubert angestellt wurde.

Abermals, so individuell jede der Personen war, ein Stück typisch deutscher Geschichte, in dem sich ein protestantischer Ostflüchtling mit landwirtschaftlichen Wurzeln inmitten eines katholischen Gebietes ganz im Westen der jungen Republik von einem evangelischen Gutsbesitzer und Weinbauern anstellen ließ. Beide durch die Verwerfungen des Krieges bestimmt.

Nicht vorenthalten sollen in dieser Phase hier in der Region Andrea, Jahrgang 1966, und drei Jahre später Ralf, der die Kinderschar von Roman und Hildegard abschloss.

Der erste Sohn und das letzte Kind, beides gleichsam ein Bild, ein Fingerzeig dafür, dass Roman an dem Ort angekommen war, der nun Heimat für ihn werden wollte. In Mertesdorf blieben er und die Familie von 1965 bis 1991.

Danach dann wohnte das Ehepaar in Ruwer, wo sie einander – Gegensätze ziehen sich bekanntlich an – ebenso gut ergänzten, wie sie es schon in den Ehejahren der unsteten Wanderzeit zuvor getan hatten: Sie die vitale Kommunikative – er der ruhende Pol.

 

Liebe Gemeinde, schwer zu sagen, welche Bilder der Erinnerung in den Tiefen seiner Seele ruhten, verschlossen blieben, ohne je durch Worte und Erzählungen gar ins Licht gezogen zu werden. Roman eben einer der „schweigenden Väter“, die für seine Generation Muster sind, mit ihrem traumischen Hintergrund, den Erschießungen, den Leichenbergen am Straßenrand, der Gräuel, den widernatürlichen Befehlen, der Not und den Verlusten.

Ganz untypisch dagegen die schöne Frucht, die diese Erfahrung mit sich brachte: seine stark entwickelte Friedensleidenschaft. Streit unter den Kindern? Streit konnte er nicht vertragen!

Schon wenn eines geneckt wurde, wenn eines der Kinder bloßgestellt oder beschuldigt wurde – sofort stellte er sich hinter den Schwächeren. Stärkte einen solchen Menschen durch seine Solidarität. Sie sollten Frieden haben untereinander haben, die Seinen.

So ging es ihm gut, wenn es den anderen gut ging. Für sich war er anspruchslos; wie gesagt, eine Erbschaft seiner bescheidenen landwirtschaftlichen Herkunft.

Aber für die andere, für die Seinen, da tat er alles.

Wir dürfen das nicht als puren Altruismus verstehen. Denn es war mehr als ein Persönlichkeitszug, es war seine Bestimmung: es erfüllte ihn mit Glück, wenn alle glücklich waren.

 

Roman Wendt redete nicht über den Frieden, hatte seine Hoffnung als einer, der um ihn gebracht worden war in ihm – er sorgte für ihn, tat alles, was dem Frieden, der Verträglichkeit, der Harmonie förderlich ist.

 

In dieser Hinsicht ist er ein ganz besonderer Mensch. Eine „große Seele“, wie sein berühmtes indisches Vorbild genannt wurde.

 

Vom äußersten Osten des ehemaligen Reiches in den extremsten Westen der Republik hatte es ihn verschlagen – aber sich selbst blieb er auf jedem Schritt, auf jeder Station treu.

 

Nun ist er dort angekommen, wo wir letzte Heimat haben. Wo die Liebe das Feld bestellt und wo wir vor Gottes Angesicht bleiben dürfen in Ewigkeit.

 

Amen

Ein Leben auf der Rennebahn

Traueransprache für Richard Manz

über

  1. Kor 9, 24 am 14. August 2018 in St. Klemens, Ruwer

 

 

Das Leben manches Menschen wird in einem einzigen Augenblick entschieden. Für Richard Manz wähle ich einen Vers aus dem 1. Korintherbrief, um zu verdeutlichen, was ich meine.

 

Der Apostel Paulus bedient sich in seinem Schreiben eines Bildes, um Christen zu ermutigen, sich anzustrengen. Er schreibt „Ihr wisst doch, dass bei einer Sportveranstaltungalle sich anstrengen, dass sie in der Kampfbahn laufen, aber nur einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr ihn erlangt“, spornt er an.

 

Nein, es geht nicht um Richard Manz, den Christen. Denn diesem Kapitel gab er eine schnelle Absage „Ich bin kein großer Kirchgänger“, bekannte er mir bei meinen gelegentlichen Besuchen.

 

Es geht darum, dass es in Richards Leben einen Moment, eine Zurückweisung gab, die bestimmte seine weitere Zukunft. Nach dem Krieg kehrte er 1946 in eben die Firma zurück, in der er nach der Handelsschule 1941 seine Lehre als Sanitärkaufmann begonnen hatte. Unter den Gebrüdern Steffen imponierte ihm besonders Walter. Ein Chef, der Richard zu motivieren verstand. Ihn nahm er sich als Vorbild.  Und dessen Tochter interessierte ihn. Doch die Mutter dieses jungen Mädchens wies den ehemaligen Lehrling und Mitarbeiter ab.

Ich verstehe diese Abweisung als Schlüsselstelle in Richards Erfolgsleben. Nun betrat er die Arena, lief in der Kampfbahn, um den Siegespreis zu erlangen. Weniger das Mädchen, dem er ein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb, als vielmehr der Erfolg sollte beweisen, dass er, der damals noch kleine Angestellte, in der Lage war, eine Familie zu ernähren, eine Firma erfolgreich zu führen.

Er verließ Leysser und Idar-Oberstein. Die Firma, in der er 1946 mit dem Karren Post gefahren hatte und wenig später in verantwortlicher Stelle 280 Mark heim brachte. Ein Stück deutscher Geschichte auch dieser Einblick.

 

Richard ging nach Soest, Westfalen; schaute sich andere Betriebe an. Zuvorderst die Firma Kersting. Der junge Manager wohnte als Untermieter bei Familie Ahlemeyer, wo er 1953 Käte kennen lernte.

Das Karriereangebot einer dritten Firma führte zu seiner Rückkehr zu Leysser, die von diesem Headhunting Wind bekommen hatte und deren Angebot überbot.

So kam Richard Manz nach Trier, wo er an dem Aufbau der Niederlassung in der Metternichstraße maßgeblich beteiligt war, schließlich die Geschäftsführung übertragen bekam, dieses Unternehmen und die, die noch dazu kamen erfolgreich führte oder begleitete.

Er war ein Chef alter Schule, setzte sich zu seinen Angestellten, war sich nicht zu schade, des Abends nachzufegen und er machte häufig als letzter das Licht aus.

Akkuratess in der Buchführung war ihm Habitus. Davon können auch seine Familienmitglieder ein Lied singen, wenn es um Krankenkasse, Haushaltsführung und Bankauszüge ging. Er hat diese Dinge einfach sehr genau genommen.

 

1957 hatte Richard Käte Ahlemeyer geheiratet, die ein Jahr später, nach der kirchlichen Trauung, an die Moselstadt nachziehen durfte.

Den beiden wurde 1964 Petra geschenkt. Und Richard, der inzwischen erfolgreich war, machte sich einen Spaß daraus, von seine Pilzwanderungen neben den begehrten Steinpilzen auch Äpfel von den wilden Wiesen mitzubringen und zu sagen: „seht ihr, ich kann meine Familie ernähren“.

 

Vielleicht liege ich mit meinem Gedanken an ein Schlüsselerlebnis auch falsch, und es sind die elterlichen Prägungen, die genetische Mitgift, die Richard zu dem machten, was er war. Denn seine Mutter, Jahrgang 1888, war eine couragierte Frau. Sie hatte neben der schwiegerelterlichen Edelsteinschleiferei in der Amethyste und Achate geschliffen wurden, einen Gastronomiebetrieb aufgebaut und verstand es, diesen auch zu führen. Sie war diejenige, die alles Geschäftliche in der Familie managte. Und von ihr könnte Richard seinen Sinn fürs gewissenhafte Arbeiten, fürs Geldverdienen, für das berufliche Avancement haben.

 

Den Ausgleich für seine Zeit der Zielstrebigkeit, für die Energie, die er in sein Evenement steckte, suchte er beim Fischen. „Nicht einfach so die Angelrute in den Teich halten“, pflegte er zu betonen, sondern das Fliegenfischen, also die auch körperlich herausfordernde Art, Raubfische zu fangen. Das war sein Ding. Hier fand er die Ruhe, die Muße und Ablenkung, die ihm Abstand von seinem Alltag schenkte.

Eine zweite, andere Möglichkeit bot ihm der Vereinssport. Dazu gehörte kurze Zeit auch das Golfen, aber hier kamen ihm immer die geschätzten Pilze in die Quere, so dass er auf dem Grün hin und her gerissen war. So entschied er sich fürs Tennisspielen. Und dafür, das Pilzesammeln ganz allein zu betreiben.

Richard wollte es wissen. Er erstieg Berge solo, kam manches mal gezeichnet aber erhobenen Hauptes ins Hotel zurück. Er war interessiert. Im neunten Jahrzehnt wagte er noch einen Tandemsprung. Diese optimistische Neugier wirft ein bezeichnendes Licht auf sein Wesen.

Dem drahtigen Richard sah man nicht an, dass er großen Wert auf gute Küche und guten Keller legte. Als Käte ihm auf dem Sterbebett die Lippen mit Wein benetzte, murmelte er noch den Namen des richtigen Winzers und fragte nach dem Jahrgang.

Sportlich war Richard und auch mit 90 einer der besten seiner Equipe. Seine gesunde Natur war dabei die eine Seite, die andere auch hier sein Ehrgeiz. Ganz der Läufer Pauli im Stadion, der Sport treibt um zu gewinnen.

 

Im Vereinsleben kam dann das Erbe seines Vaters zum Tragen. Dieser, Jahrgang 1882, war ein lebensfroher Mensch und hat Richard seine gesellige Ader vererbt. Richard, der Sportskamerad, Richard, der Gastgeber, der spendable Privatmann. Die Feste im Garten zwischen Schwimmbad und Haus sind allen unvergessen, die dort bewirtet wurden. Er schätze musikalische Unterhaltung. Und unterwegs mit seinem Hund, so erzählte er, singe er gern. In Soest freute er sich an den traditionellen Trommlergruppen und meinte, auch dieser hier Region könnten solche Erbaulichkeiten gut bekommen.

 

Zu den unterschiedlichen Facetten seines Wesens gehörte auch die Lust am Reisen. Was ein Mensch unbedingt gemacht haben müsse, wurde er gefragt. Seine Antwort war „Im Leihwagen durch Australien zu reisen“, auch liebte er orientalische Atmosphäre, die Geschichten von 1001-Nacht und reiste auf der Suche danach nach Bahrein und Djohar.

Aber genau so gut kam er weit weg von jedem lauten Bazar zurecht auf einer einsamen Insel inmitten eines Südseekorallenriffs.  In diesen Zielen spiegeln sich seine beiden Gesichter: das gesellige und das zurückgezogene meditative. Zwei Beine eben, auf denen er stand.

 

Richard wusste, dass es ihm gut ging. Dass sein Fleiß, seine Stetigkeit und eine Prise Fortune ihn weit gebracht hatten. Und dafür war er dankbar. Eine kurze Geschichte bebildert, was ich sagen möchte. „Ein reicher Mann kam einmal in den Himmel. Die Tische bogen sich dort unter den Speisen. „Was kostet dies und was das?“, erkundigte er sich bei Petrus. „Alles einen Pfennig“, antwortete dieser. „Aber wir nehmen hier nicht das Geld, das du besessen hast, sondern all das zählt hier, was du verschenkt hast“.

Richard hat gern gespendet. Seinen Vereinen und auch der Kirche.

Auch wenn er selbst nicht daran geglaubt hat, oder vielleicht gerade deswegen, möge er nun positiv erstaunt sein darüber, wie ihm das Licht der Liebe Gottes entgegen kommt und ihn willkommen heißt. Amen

In Memoriam: Wolfgang Schmitt

Beerdigungsansprache für Wolfgang Schmitt

 

 

Seine unverkennbare Sprache offenbarte Wolfgang vom ersten Moment eines Gespräches an als Pfälzer. Seine Heimat konnte und wollte er nicht verleugnen. Eine Heimaterde, in der er genau genommen mit zwei Wurzeln steckte. Die erste gab ihm sein Geburtsort Kusel.

Am 23. April wurde er im zweiten Kriegsjahr geboren. Der Vater war im Felde, kam nur von Fronturlauben nach Hause nach Frankenthal, wo die Eltern ansässig waren. Zur Entbindung aber reiste Anneliese, seine Mutter, in ihre Heimat, nach Kusel. So kam es, dass dieser Ort, an dem er später noch ein viertel Jahrhundert verbringen sollte, schon in den ersten Jahren ein Fähnchen für ihn in die Lebenslandkarte steckte.

Im Anschluss an Wolfgangs Grundschuljahre finden wir die Familie wieder in Frankenthal, wo sein Vater inzwischen wieder Arbeit gefunden hatte. Noch in Kusel waren auf Wolfgang die Schwestern Dorothee und Christiane gefolgt. Gemeinsam lebte die fünfköpfige Familie nun in Frankenthal.

Zeitlebens wurde auf den Familienzusammenhang großen Wert gelegt, Tugenden der Bezogenheit, die auch in sein Leben eingeschrieben waren und die sich in Verantwortung für die Seinen, einem sozialen Blick auf die Nächsten und viel Freude am Planen und Zusammenbringen zu Familientreffen der weitläufigen Großfamilie zeigte. Nach diesen Zusammenkünften hatte er stets Schnurriges über die Verwandtschaft zu erzählen. Und schon hier zeigt sich seine Neigung zur Provokation, indem er ein promoviertes Familienmitglied aus Afrika als „Nescher“ bezeichnete.

 

 

Dort im Herzen der Pfalz machte er auch sein Abitur.

 

 

Beide Eltern waren pflichtbewusste Menschen. Der Vater Herbert nicht schlicht Schulmeister, sondern Diplom-Kaufmann, Diplom-Volkswirt, Diplom-Handelsschulpädagoge und Schulleiter der Handelsschule. eine berufliche Ordensspange, auf die er selbst Wert legte und die auch Wolfgang mit Hochachtung zitierte. Obwohl mir dort die ersten Zweifel kommen, wie viel Tradition einerseits, wie viel von ihm insgeheim beschmunzeltes Familienzitat in dieser Auflistung steckt.

Denn früh schon war Wolfgang allen Titeln und Autoritäten gegenüber kritisch. Das mag einerseits mit der Muttermilch aufgesogen worden sein, denn der Vater war nicht dazu zu bewegen gewesen, in die Partei einzutreten. Den Schwierigkeiten, die man ihm vom Schulamt deshalb machte, trotzte der mit Rückgrat. Ein Vorbild für Wolfgang.

Andererseits mag Wolfgangs selbstbewusste Haltung durch seine Mutter Anneliese befördert worden sein, die den experimentierfreudigen Pennäler oft deckte, weil sie hinter seinen Abenteuern, seinem Lebenshunger, seinem Mut stand. Er hat in dieser Zeit viel ausprobiert. Und angepasstere Kameraden nannten ihn „einen schlimmen Finger“.

Wahrscheinlich hat die ausgeprägte Haltung, seinen individuellen Weg zu gehen, nie sich parteipolitisch vereinnahmen zu lassen, die eigene Ansicht auch gegen wohlfeile Mehrheiten und öffentliche Ordnungen gar zu vertreten, wo er sie für sinnlos hielt, sich Autoritäten nicht unterzuordnen ihre Quelle neben den biografisch genannten in der Anerkennung, die er früh für seine Verhaltensexperimente bekam.

Seine Schulkameraden bewunderten ihn jedenfalls. Er besaß ein Auto, sie nicht. Aus zwei Lloyds hatte er sich einen fahrfähigen zusammen gebaut. Nicht viele Abiturienten seines Jahrgangs konnten auf ein eigenes Auto verweisen.

 

Früh schon hatte sich für ihn bewiesen, dass handwerkliches Geschick und die nötige technische Bewandertheit Vorteile bringt, zwei Eigenschaften, die in vielen Momenten seines Lebens aufleuchten werden.

 

Ausgebaut hat er sie in seinem Studium. Mit der Fakultätswahl selbst hat er sich der Bestimmung innerhalb der Familie untergeordnet. Betriebswirtschaftslehre mit dem Ziel, als Kaufmann seinem Onkel Max in der heimischen Brauerei zur Seite zu stehen. Ihn interessierten neben den finanztechnischen Gesetzmäßigkeiten, der Marktwirtschaft vor allem die Seminare zur Materialkunde. In seinem Studienbuch hießen sie „Verfahrenstechnik“: Aus diesem profunden Wissen seiner Studienzeit rezitierte und schöpfte er zu jeder passenden Gelegenheit: dem Fachgespräch am Stammtisch ebenso, wie beim Bau von Fundamenten – „Matthias, da brauchst du Wasser, Zement und Zuschlagmittel wie Sand oder Kies“, erklärte er, um sodann beim Kalk und Löschen von Kalk zu beginnen, den Weg von Calciumoxyd zu Calciumhydroxid konnte er auch in der chemischen Formel hersagen -, der Errichtung meines Carports nur aus Holz, also mit Zapfen, statt mit Eisenverbindungen – einer Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte -, dem Schmieden von Stahl – „Matthias, Stahl besteht aus Eisen mit einem Gewichtsanteil von 2,06% Kohlenstoff, gibschte Chrom dazu, haste rostfreien Stahl“, bis hin zu seinen elektrotechnischen Kenntnissen, die vielen Fehlern in vielen Haushalten auf die Spur kamen. Dem Sachwissen kam bei ihm ein klarer Verstand zu Hilfe. Oft fand Wolfgang einfache Lösungen für zunächst kompliziert aussehende Aufgaben. Gepaart waren bei ihm Wissen und Verstand noch mit Neugier, einer Mixtur für Erfinderhirne. Ihn erfreute es, aus Komponenten unterschiedlichster Herkunft eine funktionierende technische Eigenleistung zu gewinnen, Belüftungen für seinen Grill beispielsweise aus einem Staubsaugermotor oder den Gutschein zum Schmieden eines Messers einzulösen und dabei seine Vorkenntnisse über Stahlherstellung zu überprüfen und zu verfeinern.

Spielerisch flossen seine Begabungen in Kunst und Krempel. In elektronische Bilder, die leuchten können, in Schaukelpferde für seine Enkel, Bibliotheksleitern für seine Nachbarn, Grillschalen mit allen Raffinessen für seine Bekannten – „Matthias, kann ich die Waschmaschine haben, die du an den Straßenrand gestellt hast?“ sprach´s und machte einen Schwenker aus der Trommel. Die Seitenwände recycelte er später zu etwas anderem.

 

Es ist aber nicht nur das Wissen, das ihn als Nachbarn und Werkstattbesitzer unentbehrlich machte, sondern es ist vor allem seine Bildung, und wie er mit ihrer Hilfe die Menschen in der Welt sah. Die Zusammenhänge zu erkennen, auch die geschichtlichen, das war ein weiterer Faible von ihm. Es war ihm Habitus, in den bereisten Ländern soviel über die Kultur zu wissen, dass die Verhaltensweisen der Menschen sich ihm sogleich aufschlossen. Aus seinem Einblick in die Historie konnte er oft heutige Umstände erklären, aus dieser geradezu humanistischen Bildung entspross auch seine Toleranz. Jemand, der immer eine Lösung findet, ist auch offen für die Lösungen anderer in ihren Ländern. Mit Interesse stand er anderen Menschen, Nationen und Kulturen gegenüber.

In der ersten Lebensjahren seiner eigenen Kinder bereiste er Länder mit der Familie, die damals noch nicht angesagt waren, den Süden Marokkos beispielsweise, er flog auf Irrwegen mit ihnen auf die Seychellen, durchfuhr die USA mit Peter, war mit der Familie in ganz Europa, der Türkei und Nordafrika. So schloss er ihnen einen Zugang zu anderen Kulturen auf, unspektakulär, interessant und nachhaltig. Für ihn war Urlaub: die Welt zu entdecken. Wohin er auch reiste, Wolfgang hatte sich belesen; und vor Ort brachte er sein Wissen mit den Sehenswürdigkeiten ins Gespräch, stellte Zusammenhänge her, übertrug das Vorbild römischer Wasserleitungen auf eigene Experimente, konnte vom Münzportrait eines römischen Kaisers auf die wirtschaftlichen Ereignisse zu dessen Regierungszeit zu sprechen kommen und wiederum Beziehungen zur Gegenwart herstellen.

 

Beim Reisen entdeckte er, er grenzte sich nicht aus, distanzierte sich nicht durch die Glaslinse einer Kamera, sondern fühlte am Puls des jeweiligen Landeslebens.

Auch später stieg er darum gern mitten unter den Menschen ab, in einfachen Unterkünften, mitten in der Altstadt, in Hanoi, Saigon, Marrakesch, in Varna und Vilnius, nicht in den klimatisierten Hotelketten, eben um nahe am Menschen zu sein. In Vietnam z.B. tat er das, bis Jutta ihn bat, doch auch die andere, die komfortablere Seite der dortigen Welt wahrzunehmen.

Ein Museum – und in abgelegenen Orten wart Ihr beiden oft die einzigen Besucher – erzählte ihm etwas und machte ihn umkehrt sodann beredt über die Zusammenhänge, in denen das Ausgestellte noch zu verstehen und zu lesen war.

Das war Wolfgang, angeregt und anregend. Bewandert auf den vielfältigsten Sachgebieten dieser Erde.

 

Nur über seine eigene Befindlichkeit, da durfte man nicht mit ihm reden. Dieses Thema brauchte man nicht anzuschneiden, denn Wolfgang redete nicht über sich. Vielleicht, weil er zu dieser Facette seiner selbst wenig Zugang hatte. In Zeiten seiner Krankheit fragte ich ihn nach seinem Befinden und er antwortete „Ich weiß es nicht“. So bewandert er in der Welt der Technik , dieser Erde und ihrer Landkarten, auf den Meeren auch und vor allem in der Geschichte war, terra incognita, weiße Landkarte war sein Innenleben für Gegenüber und vielleicht zu Teilen auch für ihn selbst.

 

Auf die 25 Jahre in Leitung und Management der Brauerei Emrich folgte nach seinem entschiedenen Abgang von dort eine Zeit als Geschäftsführer der Trierer Niederlassung von Königsbacher. Als Karlsberg die Brauerei übernommen hatte pendelte er von Trier nach Koblenz und er begann darüber die Freude an diesem Beruf zu verlieren.

Den Schlag der Kündigung bearbeitete er in der für ihn typischen Weise: mit der Ratio.

Er begann das, was er schon immer hatte machen wollen. Früher hätte er gern etwas Künstlerisches gemacht, auch ist nicht ausgeschlossen, dass er hätte Arzt werden wollen; jetzt jedenfalls schrieb er sich an der Trierer Universität ein und studierte Ethnologie.

Im Rahmen einer Exkursion dieser Fakultät führten ihn seine Wege auch zum ersten mal nach Vietnam.

 

Hier in Deutschland widmete er sich intensiv dem Garten. Sein immer schon vorhandenes botanisches Interesse ließ ihn morgens vor dem Haus erscheinen, die verwaschene unvermeidliche Kappe auf dem Kopf, die erste Zigarette im Mundwinkel und seine Pflanzen begutachten, die Frühbeete prüfen, den Stand der Fruchteinwicklung studieren, später seine Feigenernte wiegen und diese und andere Früchte seines Gartens zu guten Marmeladen oder Chutneys einkochen.

 

In diesen Bereich der Ressourcen gehört auch das Projekt Wochenendhaus, das Grundstück aus einem kleinen Erbe erworben, das Haus mit Freunden selbst errichtet. Wolfgangs Fahrzeuge hatten immer auch als Lastwagen zu fungieren. Bei der Vorbereitung eines Geburtstagsfestes machte er sich einen Spaß daraus, 24 Kirchenstühle im winzigen Fiat Punto unterzubringen. Vom Wochenendhaus jedenfalls brachte er Ladungen mit Brennholz in seinen Fahrzeugen. Denn Wolfgang liebte es, Holz dort zu schlagen und den heimischen Kamin in Ruwer damit zu befeuern. Das Ressourcengrundstück schenkte ihm nicht nur das Holz, sondern vor allem die Lebensfreude, dort arbeiten und sich versorgen zu können.

 

Diese rationale Art, alles zu nutzen, optimal zu verwerten, auch den letzten Zweck noch aus einer Sache zu pressen, ist weniger Sparsamkeit gewesen, als die Freude am Optimieren. Ja, er war sparsam im kleinen, aber großzügig im Wesentlichen. Sicherlich ist Wolfgang dabei vielen schrullig erschienen. Lief meist ohne Schuhe im Garten herum, trug die abgelegten Pullover seines Sohnes auf, liebte diese schäbige Kappe, vielleicht gerade weil Du, Jutta, sie schäbig fandst.

 

Denn da ist noch ein anderes Gesicht von Wolfgang, ebenso unübersehbar wie die Provenienz seiner Sprache unüberhörbar: Wolfgang der Barfüßler, der Nonkonformist, der „Maggi“manier, der Provokateur. Der mit seiner Universalität sich erhob über jedes spießige Bemühen, die eigene kleine Welt sauber und adrett zu halten, der Vereinsmeierei nicht ertrug, der Albernheiten und sexuelle Anzüglichkeiten verabscheute. Vor allem aber provozierten ihn Fassaden, hinter denen geistige und Lebensarmut sich zu verstecken lieben. Auch Hochstapelei gehört dazu. Mit Witz und spitzen Worten ging er daran, solche Potemkin’schen Dörfer zu demaskieren oder gar einzureißen.

 

Vielleicht ein pädagogischer Impetus von ihm, der er ansonsten schlicht durch sein Vorbild seine Kinder erzogen und seine Freunde gewonnen hatte. Der, weil mit sich im Reinen, mit anderen im Reinen war, nicht neidete und gelten lassen konnte. Dieser Mechanikus und Menschenfreund, technische Tausendsassa war – ohne dass er es je mit lateinischen Zitaten heraushängen ließ – ein Humanist.

 

Wolfgang war durch die Breite seines Wissens, seine Begabungen, seine Ratio, seine Hilfsbereitschaft auch im Bereich der Kirche, Stichwort RADhaus, seine durch keine Angst verstellte Neugier, seine selbstbestimmte Haltung: der wahre, der lebende Humanist.

 

Und als solcher ist und bleibt er Vorbild.

 

Amen