Volkstrauertag

Ansprache am Volkstrauertag
Friedhof Waldrach
14.11.2010

Eine Gedenkstätte ist umgezogen. Ein schwerer Stein von einem Ort an seinen jetzigen Platz gewandert. Diese Tatsache ist mehr als ein Anlass, sie ist für mich ein hoffnungsvolles Symbol und Ermutigung. So wie dieser Stein in Bewegung gekommen ist, so nämlich kann auch Veränderung in den Köpfen stattfinden.
Vor hundert Jahren war am schwarzen Marmor von Heldengedenkstätten noch patriotisches Gefühl befohlen und der Stein deckte nicht weniger zu als die fatalsten Folgen des kaiserzeitlichen Gottesgnadentums. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Leid der Mütter Gefallener und die Rebellion der um ihre Jugend gebrachten Generation Erich Maria Remarks („Im Westen nichts Neues“) durch solche Steine gleichsam unter der Oberfläche gehalten. Im Dritten Reich war aus dem Volkstrauertag wieder ein Heldengedenktag geworden, statt der Opfer zu gedenken wurde am Bild eines heldenhaften Herrenmenschen gemeißelt. Das sinnlose Verbluten, Verrecken, Zerrissenwerden der fleischlichen Menschen, die unter trügerischer Fahne ausgezogen waren wurden mit dem Mantel des Heroischen zugedeckt.
Doch der Blick der Wahrheit lässt sich nicht verhängen: Krieg missbraucht die Schöpfung und die Werte der Menschen; er lässt den Einzelnen und ganze Nationen im Sumpf seiner Zwänge, seiner Gräuel, von Schuld und Rechtfertigungsversuchen immer tiefer sinken.
Mein Großvater war Offizier in zwei Weltkriegen und seine Fotos im Album bezeugen bis heute die Verwüstungen Frankreichs während der Marneschlacht. Mein Vater kam als 17jähriger Abiturient an die russische Front und hat in Heiligenbeil erlebt, wie sich Kameraden neben ihm im Erdloch selbst erschossen, weil sie den tagelangen Granatenbeschuss nicht mehr aushielten.
Ich selbst habe als Soldat die Nahkampfanweisungen gelesen: der Spaten ist an den Kanten zu schärfen und die Schläge sind möglichst effektiv auf Nacken und Weichteile des anderen Menschen auszuführen.
Hier liegen sie nun, die Erschlagenen, Erstickten, Verbluteten, die ihren Verletzungen Erlegenen und die Verhungerten. Jeder Name ein konkreter Mensch von einer konkreten Familie. Deren Namen noch heute in Waldrach bezeugen, wie ein Ruwerort mit der Weltgeschichte verbunden ist. Gleichzeitig stehen in Frankreich, Polen und Russland, in Bulgarien, Griechenland und Norwegen andere Familiennamen auf solchen Steinen und zusammen singen sie das Klagelied derer, die nach ihren Müttern riefen, während sie zwischen den Fronten starben.
Besonders absurd ist für mich als Theologen die Tatsache, dass alle diese ehemaligen Gegner auf ihren Koppelschlössern das „Gott mit uns“ trugen. Etliche marschierten mit, weil sie mussten. Andere glaubten daran, dass es heldenhaft sei, für „Führer, Volk und Vaterland“ zu sterben.
Das eine ist eine Verhöhnung Gottes, das andere eine Schande für unser Vaterland.
Sind die Helden nicht die damals Hellsichtigen, die widersprachen, die sich widersetzen? Im Zusammenhang mit dem neuen Buch über das Auswärtige Amt von Frei wird noch einmal deutlich, dass diese Wenigen die wahren Helden sind, dass sie aber als Landesverräter, als Saboteure, als Spione hingerichtet wurden und ihre Namen auf kleineren Tafeln stehen, wenn überhaupt. Viel zu selten liest man sie in den Schulbüchern.

Aber die Steine sind in Bewegung gekommen. Sie haben sich bereits bewegt. Und es ist glaubwürdiger und deutlicher geworden, dass Gott das Leben will, dass sein Segen Leben gelingen lassen und nicht verderben will.

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!

Christen stehen auf dem Fundament dieser Wahrheit. Von hier aus ist Rückblick und Erinnerungsarbeit zu leisten. Von hier aus gelingen Einsicht, Bekenntnis, Aussöhnung und gar Freundschaft zu ehemaligen Gegnern. Jedes Mal wenn das gelingt, beispielsweise durch den Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, ist der Geist Christi gegenwärtig.
Vom Fundament dieser Wahrheit – Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein – ist auch die Tatsache zu bewerten, dass Deutschland heute wieder im Krieg ist. Wieder können junge Deutsche erzählen, wie es im Krieg ist. Und wieder kommen junge Deutsche im Bodybag zurück und können nichts mehr erzählen. Wird es auch für sie Gedenksteine geben? Seit gestern gibt es Orden nach Kampfeinsätzen für sie.
Wir haben erkannt: Gedenksteine sind zweideutig. Ja, sie geben Vätern und Müttern von Gefallenen und Verschollenen einen Ort zum Trauern. Aber sie stehen auch in der Gefahr mit falschem Pathos von der wahren Menschlichkeit und deren Herausforderungen abzulenken.

Die Mahnmale aller Länder – die großen Steine und die kleinen Tafeln – raten uns, mit aller Fantasie, mit allem Ideenreichtum und notfalls auch mit allem Mut das Gespräch mit dem Andersdenkenden zu führen und friedliche Lösungen zu suchen. In Deutschland ist es gerade das Gespräch mit anderen Kulturen und Religionen, das geführt werden muss. Christen sprechen mit Muslimen. Und es hat sich bewährt vor aller Information und theoretischen Beschäftigung das persönliche Gespräch zu suchen. Was dagegen fremd bleibt, kann Angst machen. Das gilt bei uns auch für das Aufsuchen von Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten.
Im direkten Zusammenhang mit ihnen lässt es mich nicht gleichgültig, dass Deutschland im Ranking der Rüstungsexporteure weltweit auf Platz drei steht. Für anderswo gedrillte, manipulierte Menschen wird es dort neue Kriegerdenkmale geben, weil hier Menschen noch reicher werden wollen.

Am 30. Jahrestag der ökumenischen Friedensdekade blicken wir auf ein Netzwerk von Friedensarbeitern und einen Katalog von Dialogmöglichkeiten zurück. Das macht mir im Sinne des heutigen Anlasses wirklich Mut.
Wenn an Verständigung und Miteinander gearbeitet wird, dann sind schwere Brocken in Bewegung und vom Fleck gekommen. Mögen die bewegten Steine von Waldrach in diesem Sinne eine Aufforderung und ein Denk-mal(!) sein.

die communio der Lachenden

Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Seelenheil und Humor
Gedanken zum Humor in Leben und Bibel

Die Veranstaltung der keb zum Humor heute Abend ist eine von mehreren in einer Reihe, die sich mit der Seelenruhe beschäftigt. Die Seele kommt zur Ruhe, wenn sie über all dem zu stehen vermag, was sie beunruhigt.
Die in dieser Hinsicht an erster Stelle zu nennende Krankheit unserer Tage ist der Stress. Die dichte Folge von Leistungsansprüchen und Fremdbestimmtheit, die keinen Spalt mehr frei lässt für Fantasie, freien Fluss der Assoziationen, keinen Raum mehr für selbst und Seele, keine Bewegungsfreiheit für eine Pendelbewegung zwischen Besinnung und Handlung, Tat und Nachdenken gewährt, diese Terminabschottung des Menschen vor sich selbst durchbricht der Humor. Er durchbricht überhaupt Krusten aller Art und fördert spontan und eruptiv Wahrheit zutage, die zum Leben verhilft. Humor überschreitet unerwartet Grenzen und hilft, Grenzen zu überwinden. Wir dürfen den Humor zu jenen heilsamen Unterbrechungen unseres Lebenszusammenhanges zählen, wie sie grundsätzlich von denen wahrgenommen werden, denen Gott in das Einerlei ihrer Tage und Gedanken blickt. Humor ist eine Gottesgabe.
Grauer Alltag und schallendes Gelächter schließen sich aus. Es ist bemerkenswert, dass in einer Zeit hoher Geschwindigkeiten, schneller Wechsel und Terminfolgen, in einer auf den ersten Blick sehr bunten Welt, die Seele solches Arbeiten und Leben doch als grau erlebt. Stress verformt die Seele und macht krank.
Ironie, dass griechisch Schizophrenie „gespaltenes Zwerchfell“ bedeutet. Denn die Griechen dachten, dass die Seele im Zwerchfell sitze. Wir lachen mit dem Zwerchfell. Es ist also vielleicht ein Hinweis auf die Bedeutung des Lachens für die Seele und das Seelenheil, dass die alten Griechen die Seele genau dort lokalisierten.
In einer durchrationalisierten Welt, in der Vernunft das Menschenmögliche propagiert, Wissenschaft zur Heilserwartung emporstilisiert worden ist, in der sogenannte Sachzwänge gegen die Menschlichkeit auftreten, in der gleichzeitig Konsum als höchstes Verhaltensziel reklamiert wird und die menschliche Gefühlsbreite auf Genuss und Sattsein reduziert wird, in solch einer Welt legt sich der Gedanke nahe, dass sich der ganze, der heile Mensch nur auf der „anderen“ Seite solcher menschengemachter Membranen finden, zu sich kommen kann. Diesen Schritt wiederum erreicht er u.a. durch Humor. Denn Humor vermag die Irrationalitäten der Ratio, die Borniertheit reduzierten Gefühlslebens aufzuzeigen. Er distanziert sich und den von ihm Ergriffenen von beidem und schafft so neuen Raum. Humor wirkt Freiheit. Der Volksmund bringt es auf den Begriff: Lachen befreit.
Lachen ist gelungener Widerstand. Es gibt dem ohnmächtig Ausgesetzten wieder Macht. Sein Lachen ist Manifestation seines erreichten Abstands zur bedrängenden Sache.
Freud hat begonnen über den Funktionsmechanismus des Witzes nachzudenken. Er glaubte, das Untergründige, das Verdrängte schaffe sich so Raum. Ich denke, es ist ein bisschen mehr. Nicht nur Tabuisiertes, sondern überhaupt das, womit man nicht gerechnet hat macht den Witz aus. Der Witz funktioniert über das Unerwartete.
Witzig ist z.B. was ein Psychiater zu den Normalen und den Anormalen sagt:
„Wenn man als Psychiater und Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Da geht es um Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschaftskriminelle, eiskalte Bucherhaltertypen und schamlose Egomanen – und niemand behandelt die…mich beschleicht mitunter ein schlimmer Verdacht: Wir behandeln die Falschen!“ (Irre, Manfred Lütz, XIII)
Die unerwartet offenbar werdende Einsicht, dass die Welt Kopf steht und auf die Füße gestellt werden muss, verschafft dem Gedanken von Lütz eine Pointe.
Ich bin dafür Manfred Lütz als Politiker aufzustellen und ihm die Aufsicht über die Bankenchefs zu übertragen.
Er befürwortet auch, über und mit psychisch Kranken zu lachen. Es nicht zu tun, hieße nämlich, sie auszugrenzen.
Witz und Humor sind integrativ. Der Volksmund sagt: Lachen steckt an. Es ist schwer, sich dem Lachen anderer zu entziehen. Es stiftet Gemeinschaft: die communio der Lachenden.
Andersherum die Esoterik, sie ist eine komplett humorfreie Zone. Über den Blödsinn darf man nicht lachen, man muss ihn ernst nehmen. Fragwürdig ist in diesem Zusammenhang die seltsam gelächterlose Lehre Jesu. Nie ist davon die Rede, dass Jesus gelacht habe. Einige seiner Bildreden sind komisch, einige seiner Reaktionen treiben einem das Grinsen ins Gesicht. Doch hat Jesus wirklich nicht gelacht?
Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema liefert der Roman „Der Name der Rose“, in dem eine mönchische Gemeinschaft versucht, das Werk des Aristoteles über das Lachen als unmoralisch-unchristliches Gedankengut zu vertuschen und schließlich physisch vernichtet.
Ich kann mir einen Jesus vorstellen, der auf den Gastmahlen ebenso lustig und nicht nur stets tiefsinnig war wie auch unterwegs und über Situationskomik lachen konnte. Ich sehe aber auch einen Jesus, der so innig eins mit Gott war, so heil, so unentfremdet, dass er des Humors gar nicht bedurfte, um ganz zu sich zu kommen.
Im Alten Testament ist es Sarah, die lacht. Aber was sie belustigt, ist der Widerspruch gegen alle natürlichen Abläufe, den die Vorhersage beinhaltet. Sie solle ein Kind bekommen, obwohl sie als alte Frau schon lange keine Kinder mehr bekommen kann.
Die Nähe von Liebe, die Jesus lebte und lehrte und Humor, den wir an ihm nur indirekt feststellen können, ist grundsätzlicher Natur. Liebe verlässt den eigenen Standpunkt, ist Zuneigung und geht letztlich vom Wohl des Geliebten als dem Ziel des eigenen Handelns aus. Humor stellt ebenfalls den eigenen Standort, die Normalität, die geglaubte Wirklichkeit in Frage. Wie der Witz durch das Unerwartete funktioniert, so verlässt auch der Humorige unerwartet seinen Standpunkt, lässt eine Außenbetrachtung zu, relativiert.
Das Gegenteil davon, die vernarrte einseitige Sicht, die Unbelehrbarkeit und Unfähigkeit, die eigene Position kritisch zu sehen oder gar zu verändern, nennt man im pathologischen Bereich Wahn. Wahn und Ideologie haben viel Ähnlichkeiten. Gemeinsam sind sie das Gegenteil von Wahrheit und Religion. Denn die Wahrheit der Religionen ist keine absolute. Erst als Mann und Frau sind die Menschen Gott ebenbildlich. Das will sagen: Gottebenbildlichkeit hat nichts mit Aussehen zu tun sondern mit Verhalten. Das, was sich zwischen Mann und Frau ereignet, das lässt Gott mit von der Partie sein. Besonders zwischen Liebenden erfindet Gott sich gern immer wieder neu. Solcherlei Wahrheit will im Dialog gefunden werden. Jeder und jede muss den eigenen Standpunkt immer wieder relativieren, in Richtung auf die Erfahrung des anderen verlassen. Wahrheit hat mit Annäherung zu tun und nicht mit Standpunkt. Wahrheit will in Bewegung gefunden werden.
Den kritischen Umgang also mit dem eigenen Standpunkt haben Liebe und Humor gemeinsam. Beiden ist die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel gemein.
Humor ist antirechthaberisch. Dass der Mensch die Form beherrschen sollte, um einigermaßen mit allen anderen zu Recht zu kommen, bedeutet nun gerade nicht, dass er sich von der Form oder den (Umgangs)Formen beherrschen lassen soll. Diese Wahrheit drückt Jesus parallel in der Geschichte vom Sabbatgebot aus. Was dem Leben dient ist Gottes.
Hier ist von der menschlichen Freiheit die Rede, die uns anders entscheiden lässt als wir es für gewöhnlich tun. So können wir Teufelskreise durchbrechen, so können wir den eigenen engen Horizont zu Gunsten eines Nächsten überschreiten. Liebevolle Entscheidungen für das Leben und menschliche Freiheit haben also viel miteinander zu tun.
Witz ist ein anderes Wort für menschlichen Geist, für Erfindungsreichtum und Intuition. Dieser menschliche Witz, der noch in Gewitztheit in unserer Sprache präsent ist, ist dem Leben förderlich. Eben hieß es, was dem Leben dient ist Gottes. Witz, Freiheit und Lebensförderung ist in der Nähe Gottes zu sehen. Gott selbst bezeichnet sich in einer Offenbarung dem Mose (am Dornbusch) gegenüber als der immer unerwartet andere. Ich bin, der ich sein werde. Ich bin der, als der ich mich erweisen werde. Du kannst heute nicht wissen, wie ich mich morgen zeigen werde. Ich bin der ewig Neue. So und anders müssen wir die Selbstoffenbarung Gottes übersetzen, um genau diesem Moment des Esprit, des Geistes gerecht zu werden, der unserem trinitarischen Verständnis nach eine Person Gottes ist. Eben die Wahrnehmungsgestalt Gottes, die weht, wo sie will. Gott ist wesentlich Geist. Unverfügbar aber auffindbar.
Humor ist uns mit auf die Welt gegeben, weil diese vorläufig und unvollendet ist. Er hilft zusammen zu bringen, was gegenwärtig noch getrennt ist. Ist er Vorschein der Auferstehung?

Lob der Stufen

Ansprache für Prof. Blankenforth
28. November 2oo9

Ich habe Ihnen diese Halskrause mitgebracht. Und bitte Sie, sie für die Dauer des Vortrages anzuziehen. Medizinisch ist sie außer Mode gekommen. Aber alle, die jemals so ein Ding tragen mussten, wissen, wie unkomfortabel die Orientierung mit ihnen ist. Keine Neugier ist schnell mal mit einer Kopfbewegung in diese oder jene Richtung befriedigt. Immer muss sich der ganze Mensch ausrichten und dem interessanten Objekt zuwenden. Das erlaubt nur eine sehr beschränkte Wahrnehmung.
Kein Grund zur Beschwerde, denn Leben ist einfacher, wenn wir es nicht als homogenen Block konsumieren, sondern in kleinen Portionen. Wir entwickeln uns. Und die Übergänge von einer Lebensphase in eine andere stehen in gesellschaftlichem Kontext. Aus Kindern werden Jugendliche, aus Jugendlichen Erwachsene. Reisende, Heimkehrer und Ordensmitglieder, Heiratende und wieder Single Gewordene, Verwitwete und junge Elternschaft, alle diese Übergänge werden in menschlichen Gesellschaften als Etappen wahrgenommen und rituell begleitet und bewältigt.
Dies hat der französische Anthropologe Arnold van Gennep beobachtet und die bei vorindustriellen Gesellschaften beschriebenen Begleitvorgänge als rites des passage bezeichnet: Passagenriten. Das war 1909. Er hat die Riten seziert und das Vorkommen von Ablösephase, Schwellenphase und Integrationsphase herauskristallisiert.
Diese wissenschaftliche Betrachtung wurde auch auf die kirchliche Lebensbegleitung angewandt. Die Kirchen begleiten Menschen auf ihren Entwicklungsphasen. Die Sakramente können als solche rites de passage gelten.
Die Taufe wird vielerorts als eine Waschung beschrieben. Wasser reinigt. Und dem Täufling wird hernach zugesprochen, dass er vor Gott als rein gelte.
Lange habe ich mich gefragt, warum Jesus, von dem wir doch gemeinhin annehmen, dass er keine Reinigung vor Gott nötig gehabt habe, sich hat taufen lassen. Die Antwort ist einfach. Die Bedeutung der Taufe ist eine andere.
Johannes der Täufer hat die Menschen im Jordan untergetaucht. Taufe ist eigentlich ein martialischer Vorgang: ein Unterwasserdrücken und Ertränken. Luther hat gesagt: der alte Adam wird ersäuft. Jesu Ja zur Taufe ist das Glaubensbekenntnis zu einem Gott, der ihn wieder emporzieht – hier im Leben, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht aber auch jenseits unserer Lebensentscheidungen, im Tod. Das Ja zur Taufe ist das Ja zu einem ins Leben ziehenden Gott. Taufe ist eigentlich ein Übereignungsgeschehen.
Vierzehn Jahre später bestätigt der Konfirmand nicht nur das Ja seiner Paten zu seiner eigenen Taufe, sondern er wird auch in die Gemeinde der Erwachsenen übernommen. Auch hier haben wir einen Initiationsritus.
Eindeutig ist eine Übergangsbegleitung auch in der Krankensalbung, gemeinhin letzte Ölung genannt, zu sehen.
Viel Wert legt die Evangelische Kirche dagegen , die ja nur die beiden Sakramente Taufe und Abendmahl kennt, auf die Begleitung verwitweter oder verwaister Menschen, weil sie um die Schwierigkeiten des Übergangs in eine neue, unfreiwillig betretene, gesellschaftliche Stellung weiß.
Sie, Herr Prof. Blankenforth, können die Halskrause nun wieder ausziehen, denn Sie brauchen in genau der Lebensphase, die wir heute feiern, Ihre volle Umsicht. Der Übergang vom Beruf in den Ruhestand stellt erfahrungsgemäß eine große Umstellung dar. Sie ist meist nicht ohne Krisen zu durchlaufen, wie die vielen sogenannten Pensionsinfarkte beweisen. Die Lebensabschnittswende, die aus unserem Fachgebiet zu bedenken unsere Hausaufgabe war, wird von kirchlicher Seite nicht mit einem Ritual begleitet. Das ist sicher ein Versäumnis.
Und die ohne die Not der Verlegenheit, denn zweifelsohne hat die Kirche zum Thema Aufbruch aus bekanntem Terrain, zum Thema Übergangsphase, Durststrecke, Wüstenwanderung, zum Thema Vision, Ankunft im verheißenen Land und geistiger Heimat einiges zu bieten. Ihre Liturgien und Texte haben die Funktion eines kulturellen Gedächtnisses. Sie antworten auf die Frage: was sollen wir tun? Sprichwörter, Spielregeln, Gesetze weisen über Urteilsbildung, Rechtsfindung und Entscheidung den Weg zum rechten Handeln.
Das gilt für alle Religionen: TAO heißt nichts anderes als der Weg. Und der Begriff der jüdischen Halakha stammt vom Verb „gehen“.
Wenn Sie sich also in diesen Tagen in eben diesem liminal space, dem Schwellenraum van Genneps befinden, dann ist es gut, dass sie frei von Halskrausen und Blickverengungen Ihr Leben und seine Potenzen überblicken. Aus dem Vergangenen schöpfen und es in Zukunft frisch quellen lassen. So gewinnen Ihre Lebensabschnitte mehr als den Charakter von Übergängen zwischen den Stufen. So werden sie wieder zu einer harmonischen Einheit in Vielheit, wie es Conrad Ferdinand Meyer in einem Bild verdichtet hat:
Der römische Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Am Anfang war die Liebe

Die Liebe
Referat
Matthias J e n s
2009

Liebe sucht
Explizit oder implizit ist die Liebe Gegenstand eines Großteiles der Literatur und der Medien. Keine Illustrierte, kein Bahnhofsbücherstand ohne Liebesromane, von jeder dritten Titelseite prangt eine Schlagzeile aus diesem Sujet. Sex sells, sagt die Werbebranche. Die Seifenopern des Nachmittagsprogrammes leben von ihr und vom Interesse an ihr. Auch die klassische Literatur setzt sich mit der Kraft, der Vergeblichkeit, den Intrigen der Liebe auseinander. Insgesamt scheint die Liebe den Menschen sehr zu interessieren. Die Faszination wird noch erhöht durch einen unbestimmten Liebesbegriff. Liebe und Sexualität werden ebenso in diesem Topf verkocht, wie Eifersucht, Sehnsucht, Verliebtsein und Liebeskummer.
Zunächst tut darum eine Begriffsbestimmung not. Denn ein solches Konglomerat kann nur entstehen, weil die Tatsache der Liebe bekannt, nicht jedoch ihr Sein näher bestimmt ist. Liebe ist eine empirische Größe, doch fehlt es an systematisch philosophischer Betrachtung.
Befragen wir zunächst lexikalische Definitionen. Der Große Herder schreibt: „Liebe ist das Hinstreben zu etwas, das nicht notwendig für die Selbsterhaltung, das also mehr als notwendig ist. Liebe ist ein Hinstreben zur Erfüllung“. Der Brockhaus definiert die Liebe als ein eigene Belange überschreitendes Hinstreben nach wirklicher oder ideeller Vereinigung mit dem Gegenstand der Liebe.
Wie also kann die Liebe genauer betrachtet werden? Können wir sie eventuell an ihren Früchten erkennen, weil es doch in Lk 6,44 heißt: Ein guter Baum wird nämlich an seiner Frucht erkannt?
Grundsätzlich ist von der Güte der Liebe auszugehen. Denn der Hauptträger der Faszination, die von der Liebe ausgeht ist die Hoffnung der Menschen auf ein gutes oder besseres Leben, auf Erfüllung als Individuum und auf eine bessere, nämlich liebevollere Gesellschaft. Das ist der tiefste Grund, warum Liebe dem Menschen so wichtig und in den Medien allgegenwärtig ist. Im Horizont der Liebe glaubt der Mensch, sich selbst erkannt, anerkannt und voll verwirklicht vorzufinden. Die griechische Philosophie nennt diese Qualität das kalon ka´gathon, (das Schöne und Gute schlechthin) das die Liebe zur Liebe mache. Platon lässt in seinen philosophischen Schriften einen Freundeskreis zu Worte kommen, um verschiedene Eigenschaften der Liebe zu beleuchten. Der Eros, so Phaidros, sei der älteste und elternlose Gott, der schon immer da war. Urgewaltig komme er über den Menschen. Liebe selbst stehe am Anfang, will er seinen Sprecher ausdrücken lassen, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes „unbedingt“, sie kommt von sich aus, ohne Bedingungen. Sie ist der Anfang von allem. Neben ihre Ursächlichkeit tritt nach Phaidros ihre Urgewalt. Der Mensch kann ihr nicht widerstehen. Agathon dagegen meint: Eros sei der jüngste und darum schönste Gott, dem Alter entwischend sei er ständig jung und mache jung („Liebe macht jung“). Er schenke die ataraxia, die nötige Seelenruhe, durch die alle Menschen zu Brüdern (Schiller) werden. Sokrates schließlich beschwört die Liebe zur Wahrheit und die Wahrheit der Liebe. Liebe erstrebe das Schöne und Gute, sei folglich selbst nicht schön und gut. Sie erstrebt, was sie entbehrt. Sie sei, in Ewigkeit begehrend, auf das Ausfüllen dieser Defizite aus. Eros sei das beim Fest der Aphrodite von Paros (Überfluss) gezeugte Kind der Penia (Mangel), also ein Spross der Mitte, etwas Ausgleichendes. Die Qualität der Liebe, die ihr eigene Tugend: die Güte, liegt in ihrer ausgleichenden Natur. Sie schenkt das, was fehlt. Sie vermittelt im wahrsten Sinne, lässt Gegensatzpaare auf halbem Wege zusammen kommen.
Woran können wir die Liebe also als das, wonach wir hier fragen, erkennen und identifizieren? An ihren Früchten? Denn eindeutig möchte die Liebe im Leben erkannt werden. Liebe will ans Licht. Sie bekennt sich, spricht von ihrer Existenz, offenbart dem anderen, dass sie da ist, sagt „Ich liebe Dich“; und sie äußert sich auch in liebevollen, für ihn erkennbaren Werken. Allein – die Werke beweisen Liebe nicht! Auch ein noch so liebevoll wirkendes Wort oder Werk beweist Liebe nicht, denn man kann Liebeswerke einerseits auf sehr lieblose und selbstbezogene Weise tun, andererseits beweist noch so liebevolles Reden oder Handeln nicht die liebevolle Motivation des Handelnden. Die Gründe hinter dem scheinbar liebevollen Verhalten sind nicht einfach an den Handlungen ablesbar.
Liebe ist nicht nur nicht an ihren Früchten zu erkennen, es ist sogar so, dass Paulus uns mit der Nase darauf stößt, dass derjenige, der sich formal tadellos verhält, der vor dem ethisch-moralischen Gesetz, den Geboten Gottes untadelig da steht ein Sünder ist, also vom lieben Gott und dem Gott der Liebe getrennt lebt. Diese Aussage behauptet Paulus ausnahmslos für alle Menschen: sie sind alle Sünder!
Es gibt also keinen Beweis für Liebe auf Grund der Wahrnehmung von ihr. Das Tun beweist die Liebe nicht, sagt Kierkegaard („der Liebe Tun“). Das Tun der Liebe bleibt ambivalent.
Es ist also nicht einfach, der Liebe auf die Spur zu kommen. Die Erfahrung lehrt sogar, dass der Vorsatz, Liebe im Handeln der liebenden Person zu erkennen, also die Liebe eines Gegenübers zu beweisen, der Liebe nicht förderlich ist, sie im Gegenteil in Frage stellt und zerstört. Dieses eigentümliche noli me tangere der Liebe macht eine Untersuchung nicht eben leichter. Liebe verändert sich unter Beobachtung. Hier zeigt sie eine eigentümliche Nähe zur Heisenbergschen Unschärferelation. Über die Ähnlichkeit des Phänomens Liebe zur Gravitation, bzw. dem Naturgesetz, dass Dinge, die unterschieden sind, von einander angezogen werden, ist an späterer Stelle zu sprechen.
Es ist folglich nur entsprechend liebevoll, zumindest angemessen nach dem Wesen der Liebe zu fragen. Liebevoll zu fragen, heißt, sein Gegenüber gelten zu lassen. Sich zunächst mit der Erscheinung des Soseins zufrieden zu geben.
Vielleicht durch Achtsamkeit auf unseren Umgang mit der Liebe in der Sprache? Was sagt uns unsere Sprache über die Liebe? Sie beschreibt phänomenologisch korrekt, was beim Ereignis von Liebe vor sich geht. Folgende Strukturmerkmale der Liebe sind so zu erheben. Ein liebendes Ich entfernt sich von sich selbst und nähert sich einem geliebten Du. Diese Entfernung vom eigenen Ich hin zu Du kann so extrem unter dem Einfluss der Liebe sein, dass das Ich sich ohne das Du nicht mehr haben möchte. Es spricht z.B. „Ohne Dich will ich nicht sein“. Das liebende Ich erfährt sein eigenes Ungenügen, es sehnt sich nach Vollkommenheit. Der platonische Mythos erzählt von der ursprünglich androgynen Gestalt des Menschen, also des Menschen als Mann und Frau in einem. Da er dermaßen selbstgenügsam war und darüber auch das Opfern vergessen hätte, hätten die Götter dieses Wesen gespalten. Seither sei der Mensch auf der Suche nach seiner anderen Hälfte. Dieser Aspekt beschreibt das Sehnen des Menschen nach Vervollkommnung durch Vereinigung und gelingenden Dialog. Der liebende Mensch erfährt sich so neu. In diesem Bereich eignet der Liebe eine eigentümliche Todesnähe. Das beginnt bei der immer wieder anzutreffenden Selbstaufgabe eines Menschen um eines geliebten anderen willen und wird durch den Freitod z.B. eines „Jungen Werther“ (Goethe) ebenfalls beleuchtet. Liebe spricht beispielsweise so: „Ich will das geliebte Du haben – nur so will ich mich selbst haben“. Wir werden die Frage beantworten, wie Liebe im Feld von Haben und Sein einzuordnen ist.
Die Sprache beschreibt erlebte Liebe weiterhin in Entlehnung physikalischer Termini so: Am Anfang kann leichte Zuneigung stehen. Das bedeutet im Bild der Physik gesprochen, dass der sich jemandem Zuneigende durchaus seinen eigenen Standpunkt hat und diesen nicht verlässt, sondern nur den Kopf oder das Herz in Richtung des anderen bewegt. Bei der Zuneigung bleibt der Mensch also noch ganz bei sich. Jeder von beiden hat seinen eigenen Standpunkt. Bei zunehmendem Angezogensein wird Liebe jedoch zum Ernstfall. Wenn Anziehung eines Du stark wird, führt seine Unwiderstehlichkeit zu einer Abwendung des Ich von sich selbst, von seinem bisherigen „Standpunkt“. Die Situation wird dynamisch, der Standpunkt „labil“. Der Mensch fällt. Er fällt in Liebe. Er sagt jetzt: „Ich will nicht haben, ich will gehabt werden“ oder „Ich bin besessen“. In gelingender Liebe erhält das liebende Ich sich selbst neu wieder. Denn die Dynamik ist eine dialektische. Der in Liebe Fallende wird aufgefangen. Im Falle misslingender Liebe haben wir eine Tragödie.
Schon das Phänomen des Ichverlustes deutet die Todesnähe der Liebe an. Wir Menschen definieren uns durch unser „ich“. Nicht „ich“ sagen zu können ist für uns gleich Tod. Tod ist jedoch auch der Verlust aller Beziehungen. Während „leben“ in Beziehungen zu leben heißt, bedeutet Tod die Beziehungslosigkeit. Wir werden Ich und Tod nicht bedenken können, ohne über die soziale Identität dieses Ich nachzudenken. Ein liebendes Ich scheint ganz besonders wechselaktiv zu sein. Und zwar wechselaktiv im Blick auf die eigene Identität. Es steht in höchst intensiver sozialer Beziehung zu einem geliebten Du, doch will es sich selbst nicht ohne den anderen. Niemals ist ein Ich also so formbar wie in den Zeiten der Liebe. In der glückenden Liebe erfährt und empfängt der Mensch sich neu. Das bedeutet auch, dass er Altes hinter sich lässt. Er gibt etwas von sich auf. Wo die Liebe erwacht, das stirbt das Ich, sagt Rückert. Und das Hohe Lied beschreibt die „Liebe stark wie der Tod“. „Without love I´m nothing“, singt der Schlager. Jede Liebesverzweiflung macht klar, wie ernst der Liebende dem Nichtsein ausgesetzt ist. Prinzipiell bewertet der Liebende den oder die Geliebten so hoch, dass er dafür sein Sein hinan stellt oder im Zweifelsfall sogar aufgibt.

Gleichzeitig rückt die Liebe in den Horizont der Ewigkeit. „Ich will dich immer und ewig lieben“, beteuert der Liebende. Und das Trauformular der Kirche weiß angesichts von Liebe durchaus fein zwischen Zeit und Ewigkeit zu differenzieren. Hier scheidet der Tod einen (Über)lebenden von seinem geliebten Du aber nicht von der Liebe, denn sie sei stärker als der Tod. Die Liebe, die zwei Menschen verbindet, scheint also gleichzeitig die beiden zu betreffen, aber noch eine Größe zu sein, die außerhalb der beiden und unabhängig von deren Existenz zu sein. Denn, wenn einer der beiden stirbt, bleibt die Liebe zu ihm. Weil sie in Ewigkeit bleibe, wird sie bei Gott angesiedelt.
Mit einer weiteren Differenzierung soll dem Verständnis von Liebe aufgeholfen werden. Der Unterscheidung nämlich von Liebe und Nichtliebe. Die deutsche Sprache unterscheidet zwischen Verliebtheit und Liebe. Der Volksmund irrt, wenn er sagt „Liebe macht blind“. Sooft der Volksmund ansonsten den Nagel eines Phänomens auf den Kopf trifft, hier liegt er falsch. Und zwar, weil er nicht differenziert. Nicht Liebe macht blind, sondern Verliebtsein. Der Verliebte fiebert seinem Ergänzmichdu entgegen. Er sieht die Welt gleichsam durch eine rosarote Brille. Also er sieht die Welt und wohl auch sich selbst verstellt. Wie schon vom Geliebten hat er zwar auch ein Bild von sich selbst, aber in beiden Perspektiven (sofern er überhaupt sieht, richtig hin sieht und nicht vielmehr projiziert) ein falsches. Er hält sich für ergänzungsbedürftig durch die Eigenschaften des Du. Dies ist auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden von der Definition der griechischen Philosophie über Liebe, dass Liebe nämlich ausgleiche und schenke, was fehle. In diesem Zusammenhang werden wir danach fragen, ob es so etwas wie eine Polarisierung der Liebe geben kann, also ein richtiger oder falscher Beginn. Ist es nicht so, dass der Liebende beim anderen zu denken beginnt und der andere vor allem das Ziel der eigenen Bemühungen ist; der Verliebte beginnt bei sich und seinen Defiziten und hat seine eigene Vervollkommnung zum Ziel. Verliebtsein also verblende, sagen wir. Liebe dagegen macht sehend. Der Liebende sieht den anderen so wie er ist. Mit seinen Licht und Schattenseiten. Und zu dieser Gesamterscheinung sagt er „Ja“. Die Annahme gilt ebenso und umgekehrt für das liebende Ich. Der Liebende geht dabei von sich aus, wie er sich kennt und mehr oder weniger genügt. Diese Wahrnehmung steht im Widerspruch zu vielen Definitionen von Liebe, welche die Liebe als bedingt durch ein Defizit verstehen. In aller Unvollkommenheit nimmt der liebevolle Liebhaber auch sich selbst liebevoll an. Auf diese Erkenntnis scheint auch die biblische Aussage hinzuweisen, dass man seinen Nächsten wie sich selbst lieben solle. Nämlich vollkommen annehmend bei aller Unvollkommenheit. Erst diese Annahme ermöglicht paradoxer Weise Veränderung. Denn Liebe ist, wie oben gesagt, ein dialektisches Geschehen. Es überwindet das Sosein durch das Andersseinkönnen. Der unverliebt Liebende verliert also in Wahrheit nicht seinen Standpunkt, sondern er betrachtet ihn kritisch, bereit zum Wachstum, zur Veränderung.
Von Aristoteles lernen wir, dass jedes Hinstreben ein Ziel hat. Wir streben aktuell, um des telos, des Zieles willen. Das Ziel erreicht zu haben, macht dann das Hinstreben überflüssig. Anders ist es, wenn das Ziel im Akt präsent ist, der Weg das Ziel ist. Wir werden prüfen, ob die Liebe ein Ziel hat oder ihre Erfüllung im Vollzug findet. Denn es scheint so zu sein, dass Liebe und Leben zusammen gehören. Leben wird lebenswert durch die Liebe. Und gibt es nicht Leben überhaupt erst durch die Liebe? Neues Leben entsteht durch Liebe, aber ist die Liebe Gottes zur Schöpfung nicht das Motiv für die Schöpfung? Steht die Liebe nicht am Beginn allen Lebens? Dann wären Liebe und Leben prinzipiell verbunden. Und leben als Vollzug würde sich ohne Liebe verfehlen. Dann wäre der liebevolle Weg das Ziel.
Thomas von Aquin erkennt hinter jedem Hinstreben, jedem Verlangen den Willen des Menschen glücklich zu sein. Solcherlei Wollen sei nicht Sache des freien Willens, sondern die Bedürftigkeit des sinnlichen Menschen wirke sich auch auf die Vernunft aus. Der Mensch muss glücklich sein wollen, sagt er. Wir werden also untersuchen, ob Liebe etwas ist, dem der Mensch sich nicht entziehen kann, dem er gehorchen muss, oder ob er Herr der Liebe ist, sie seinem Willen folgt und er sie eventuell sogar entwickeln kann. Bei dieser Frage geht es um die Dominanz von Instinkt oder Vernunft. Also darum, ob wir Liebe als Verhaltensprogramm ausleben müssen oder ob Liebe eine Haltung ist, die wir entwickeln können.
Johann Gottlieb Herder beschreibt den Menschen im Gegensatz zum Tier mit seinem beschränkten Lebenskreis, dem es gewachsen ist, als ein Wesen, dessen Charakter aus Lücken und Mängeln bestehe. Seinem unbegrenzten Lebenskreis ist er von Natur aus nicht unbedingt gewachsen. Durch die Vernunft bewältige er diese Aufgabe. Er habe einen „Sinn für alles“ entwickelt. Herder versteht den Menschen also wesentlich als Mangelwesen. Der Mensch will durch ein anderes glücklich gemacht werden.
Dies ist als Selbstliebe des Menschen zu bewerten. Er ist bedacht auf sich. Im Sinn der Lexikondefinition dient die Liebe des Menschen ihm selbst, nämlich der Kompensation seiner Mängel. Dabei greift er nicht nur auf die Vernunft zurück, sondern folgt auch seiner Triebstruktur.
Nach Baruch Spinoza ist der Trieb das Wesen des Menschen. Allerdings kann er im Gegensatz zum Tier diesen Trieb bewusst vollziehen. Der Mensch ist im Triebvollzug ganz bei sich. Das gibt dem appetitus die Richtung. Cupiditas ist die triebhafte Begierde, die sich ihrer selbst bewusst ist. Ausgelöst wird sie durch ein Objekt (der Begierde), ein Angetansein wird hervorgerufen. Das macht aus dem Trieb die Begierde. Bleibt diese unerfüllt, stellt sich Traurigkeit ein, Erfüllung wird mit laetitia belohnt. Durch sie wird der Mensch mehr. Er erlebt sich stärker, gestärkt. Liebe ist also die Antwort auf die Mangelhaftigkeit des Menschen, denn sie fördert sein Sein.
Diese Definitionen gehen von einem noch nicht erreichten, aber erreichbaren Ziel der Liebe aus. Dies aber gilt für die Mutterliebe nicht. Sie ist sozusagen zuerst da. Es gibt also nach Eberhard Jüngel auch das Verlangen nach bereits Vorhandenem. Wir werden also danach fragen, inwieweit die Liebe die Kategorie des Besitzens und Habenwollens sprengt.
Hier wagt Thomas von Aquin einen ersten Versuch: Das Habenwollen dient der Selbsterhaltung des Menschen, also der Erfüllung der Liebe zu sich selbst. Liebe weist aber auf einen anderen, also irgendwie weg vom Menschen. Wahre Liebe ist also, so schließt er, unerfüllte Liebe. Wahre Liebe sei unglückliche Liebe.
Hier spürt jemand, dass Liebe sich keinesfalls in Trieb erschöpft, sondern dass sie auf etwas anderes und jemand anderen verweist. Es gelingt Thomas von Aquin noch nicht, die mechanische Denkstruktur zu verlassen. Unentdeckt bleibt die Wechselbeziehung, die konstitutiv für glückende Liebe ist, die Begegnung zweier Personen und ihr Wechselspiel. Erst wenn der Trieb auf die Ich-es-Struktur beschränkt, die Liebe aber in einer Ich-Du-Struktur angesiedelt wird, wird die Definition diesem Phänomen gerecht. Wir werden Liebe dann als ein Phänomen verstehen, dass nach Hegels Prinzip von These – Antithese – Synthese fortschreitet. Dies hat Ernst Bloch so formuliert: „Ich bin – aber ich habe mich nicht – also werden wir erst sein.“
Als indirekter Entdecker dieses dialogischen Prinzips darf Nietzsche gelten, der das „Geliebtseinwollen als größte Anmaßung des Menschen“ bezeichnet. Nietzsche weiß also um die Freiheit beider Seiten in einem Ich-Du-Gefüge. Er weiß um die ätherische Ungreifbarkeit, Unverfügbarkeit der Gegenliebe, ihren Geschenkcharakter! Hier zeichnet sich ab, dass Liebe glücklicher macht als die Befriedigung eines Liebesbedürfnisses. Post coitum animal triste est, beleuchtet diese der Liebe nicht gerecht werdende Beschränkung auf Trieb und Fortpflanzung. Die Scham nach einer rein aufs Körperliche zielenden sexuellen Begegnung lässt erkennen, dass die Liebe zu mehr fähig ist und mehr will als körperliche Vereinigung, dass nämlich Personen sich begegnen. Die Liebe ist eine dem ganzen Menschen adäquate Begegnungsform. Im Einlassen auf ein Du in seiner ganzen Komplexität, seinem Körper und seiner Seele, begegnen und entwickeln sich mindestens immer zwei Menschen.
Martin Luther übersetzt die Annäherung eines Mannes an eine Frau mit „er erkannte sie“. Das wird der Einsicht gerecht, dass Liebe den ganzen Menschen meint. Zwei Menschen schauen sich an, schauen sich in die Augen. Sie sehen den anderen und nehmen ihn an, wie er ist. Der Mensch überschreitet gerade in der Liebe die Grenzen seiner Selbstbezogenheit.

Liebe glaubt
In einem ersten Durchgang haben wir erkannt, dass die Prämissen und Früchte der Liebe keine Erkenntnisse über sie geben. Man kann Liebe nicht beweisen. Sie lässt sich nicht beweisen, sondern wird zerstört, wenn man sie bewiesen haben möchte. Wir hatten die Nähe der Liebe zur Ewigkeit angesprochen und ihre Gottesnähe. Alle diese Wahrnehmungen deuten darauf hin, dass man an die Liebe nur glauben kann! Der Glaube an die Liebe ist wie jeder Glaube ein Geschenk und eine Setzung zugleich. Es macht offensichtlich das Wesen der Liebe aus, dass man an sie nur glauben kann! Liebe ist nur im Ereignis erkennbar. Sie ist jeweils ein Geschehen sui generis.
Liebe kann eben nicht verstanden werden, indem wir vom liebenden Subjekt und seinem geliebten Objekt (dem anderen Menschen) ausgehen. Wie lieblos das Verobjektivieren des anderen ist, das lehrt schon die Schöpfungsgeschichte. Kaum ist der Mensch sich seiner selbst bewusst geworden, schiebt er dem jeweils anderen die Schuld in die Schuhe. Das ist offensichtlich sehr lieblos. Adam und Eva müssen es erst noch lernen, sich zu lieben!
Liebe ist also ein Phänomen, dem man nur im Vollzug gerecht werden kann. Erst wenn das Hin und Her der liebenden Subjekte, ihr gegenseitiges Aufeinandereingehen, sich Wahrnehmen, Fördern und Ergänzen gesehen wird, wenn beide gemeinsam betrachtet werden, können wir mehr über die Liebe erfahren.
Hegel warnt, dass wir uns einer Selbsttäuschung hingeben, wenn wir beim Erkennen Bekanntes voraussetzen. Nicht nur beim Betrachten der Liebe wirft das beträchtliche Erkenntnisschwierigkeiten für den Menschen auf. Denn wir lernen, wir entdecken Neues, indem wir es auf altbekannte Muster hin abfragen. Wir verstehen nur, was wir kennen. Missverständnisse beruhen oft auf den Teilverständnisses des um Verstehen sich Bemühenden. Er baut sich ein Verständnis des Gesehenen oder Gehörten aus den Elementen zusammen, die er schon kennt.
Ganz anders in der Liebe. Die Liebe stößt neue Türen auf. Sie lässt uns, die Welt und andere neu sehen!
Wer sich als geliebt erfährt und wer liebt, sieht die Welt mit anderen Augen (Max Frisch, Tagebuch 1946 – 1949, S. 31 „Du sollst dir kein Bildnis machen: Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis… Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt – Nur die Liebe erträgt ihn so.“) Frisch zitiert nicht von ungefähr das biblische Bilderverbot. Denn tatsächlich geht es in beiden Fällen – im Fall der Liebe zum Nächsten und im Fall der Liebe zu Gott – um den Zusammenhang von Freiheit und Liebe. Es geht um die unvorhersehbare Dynamik der Liebe. Dem Gegenüber seinen Entwicklungsspielraum zu lassen. Gott so zur Welt, so Wirklichkeit werden zu lassen, wie wir es nicht erwarten, das ist liebevolle Glaubensoffenheit. Umgekehrt ist es lieblos, einem Menschen andere Entwicklungs-, Entfaltungsrichtungen vorzugeben, als dieser sie nötig hat. Nur die Liebe erkennt eben die Bedürfnisse und Anlagen des Gegenübers. Die Liebe des Pädagogen die Entfaltungsmöglichkeiten des Kindes. Die Liebe des Partners die Anlagen seines Gegenübers. Die Liebe des Gläubigen eine Welt, wie sie um Gottes Willen sein soll. Und die Liebe erkennt auch nicht nur die Bedürfnisse und Anlagen. Sie erkennt und anerkennt auch die Grenzen des andere. Sie weiß, mit den Grenzen umzugehen.
Blaise Pascal: Das Ereignis der Liebe hat seine eigene Evidenz: ordre de coeur. Mit einem Gotteswort, das an einen Propheten ergeht, hat solche Ordnung gemeinsam, dass sie unsere selbstgestrickte Ordnung, unsere Sicht auf die Dinge, die Welt, das Gegenüber und uns selbst, unseren Lebenszusammenhang unterbricht. Liebe ist die heilsame Unterbrechung unseres Lebenszusammenhanges.
So wie Gott in des zukünftigen Propheten Leben unvorhersehbar hineinspricht, so weist die Liebe unvorhersehbare Wege und Entwicklungen. Sie zielt eben auf das Nichtabsehbare. Insofern ist sie nicht von dieser Welt, weil ihrer Zukunft gestaltenden Kraft das Natürliche, das Naheliegende, das vor der Nase liegende fehlt. Sie fördert das Verborgene empor und führt hin zur Erfüllung des Unglaublichen. Liebe glaubt an das Erreichen des Unwahrscheinlichen. Liebe ist eine Schwester des Glaubens.

Liebe lernt
Der Liebende beginnt beim anderen zu denken. Er denkt selbst dabei. Denn Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Haltung. Der Mensch kann Liebe entwickeln.
Meist gehen die Menschen von der Fragestellung aus: wie werde ich geliebt, wie mache ich mich liebenswert, wie verhalte ich mich so, dass ich angenommen, gemocht, geliebt werde. Sie glauben weiterhin an die Liebe als ein Widerfahrnis, als eine Passion. Wenn mir etwas passiert, dann bin ich das Objekt, an mir geschieht etwas. Eine Passion ist ein Widerfahrnis, wenn ich sie auch nicht nur erleide, sondern genieße, so bin ich doch nicht handlungsfähig, nicht verantwortlich.
Hier ist aber von einer aktiven Gestaltung des Lebens durch den Liebenden die Rede. Liebe in unserem Sinne ist keine Passion, sondern etwas Aktives. Sie widerfährt mir nicht, ich gestalte sie. Ich verfalle ihr nicht, sondern ich entwickele sie in mir, zu Gunsten meiner selbst, zu Gunsten eines geliebten Gegenübers, zu Gunsten der Welt. Liebe betrifft nicht nur zwei Menschen ganz und gar, sondern die ganze Person in ihrem Selbst- , Welt- und Gottesbezug. Liebe betrifft die ganze Person.
„Liebe ist kein Gefühl, dem man sich ohne Rücksicht auf die eigene Reife einfach hinzugeben braucht“, schreibt Erich Fromm (die Kunst des Liebens, Vorwort). Er entwickelt an der Fragestellung der Liebe eine Philosophie des Seins.
Liebe sei die Antwort auf das existentielle Problem des Menschen. Ek-sistere heißt heraustreten. Der Mensch tritt heraus aus der Einheit mit der Natur. Er weiß zwar noch um seine Naturbedingtheit und seine Herkunft aus der Natur. Aber er steht ihr durch sein Bewusstsein gegenüber. Dieses Phänomen beschreibt der Schöpfungsbericht der Bibel: der Mensch wird sich seiner bewusst, er schämt sich auf einmal seiner Nacktheit, und er geht des Paradieses, der Einheit mit der Mutter Natur verlustig. Es ist geradezu ein Humanum, sich seiner Selbst und seines der Welt gegenüber Seins bewusst zu sein. Dadurch ist der Mensch Mensch.
Der Mensch erlebt die Welt als die Welt außerhalb seiner und er erlebt sich außerhalb von ihr. Er tut dies ab dem Augenblick, in dem er sich seiner selbst bewusst wird. Dieses der Welt gegenüber Stehen ist der Preis des Selbstbewusstseins. Er empfindet sich abgetrennt von der Welt. Diese Abgetrenntsein ist eine Quelle intensiver Angst! Darum ist Angst auch etwas anderes als Furcht. Furcht hat einen Grund. Die Befürchtung ist, dass ich vom Baum falle oder gefressen werde. Angst ist existentiell. Sie ist nicht grundlos. Denn eher ist sie die eine große Furcht, ins Grundlose zu fallen, keinen Halt in der Welt zu haben.
Dies ist des Menschen existentielles Problem. Der Mensch weiß sich allein, und er weiß sich der Welt und ihren Kräften und Gefahren und der Gesellschaft hilflos ausgesetzt. Er erfährt und befürchtet sich als deren Objekt. Dagegen wehrt er sich, versucht selbst zu herrschen oder in den Schoß des Standes „der Unschuld“ zurück zu kehren. Die Wiedervereinigung mit der Natur scheint ursprünglich die Lösung für sein existentielles Problem zu sein. Naturvölker, die sich noch ganz unmittelbar abhängig von der Natur fühlten, ließen ihr ich hinter Masken verschwinden und betäubten ihr Bewusstsein in orgiastischen Kulten. Rituelle alkoholische Getränke und Tänze dienen diesem Ziel.
Der Technik beherrschende Mensch verschafft sich durch diese Technik ein Gefühl der Sicherheit der Natur gegenüber. In der schöpferischen Tätigkeit verschmilzt er gleichsam mit dem Objekt seiner Beschäftigung. Wir sagen: „er geht in einer Sache auf“. Das gilt auch für die Kunst. Der Mensch vergisst sich in einer konzentrierten Beschäftigung gleichsam selbst. Er kriecht hinein in sein Tun. In solcher Zeit ist der Mensch sein existentielles Problem los. Der Theologe Eberhard Jüngel sagt „Außer sich ist der Mensch ganz bei sich“ Und er meint mit diesem Außersichsein nicht den homo faber sondern den liebenden Menschen, der bei einem geliebten Du ist. Aber eben auch der homo faber Fromms und der Frischs entflieht durch solches Tun für gewisse Zeit seinem existentiellen Problem.
Ihn holt dieses Problem später dann auch in gesellschaftlicher Hinsicht ein. Schon Kinder strafen das Anderssein von Klassenkameraden ab. Konformität ist eine Ursehnsucht des Menschen. Er findet eine kontinuierliche Lösung für sein existentielles Problem in der Vereinigung, der Konformität mit der Gruppe, mit der Gesellschaft. Ihre Sitten und Gebräuche, ihren Glauben, ihre Praktiken und Anschauungen zu übernehmen, lässt den Einzelnen wieder aufgehen in der Masse, aufgehen in einer Einheit, die größer ist als er. Gern lässt er sein individuelles Selbst in der Gruppe aufgehen, übernimmt deren Kleidung, deren Ideen und er rettet sich so vor der angstmachenden Erfahrung des Alleinseins.
Gerade der Nonkonformist ist ein Ausdruck entwickelten Menschseins. Er hat die Kraft, die Unterschiedenheit auszuhalten.
Doch gemeinhin ist der Mensch Konformist. Er sucht sein existentielles Problem los zu werden. Doch alle Wege sind unvollkommen und nicht befriedigend:
„Die bei einer produktiven Arbeit erreichte Einheit ist nicht zwischenmenschlicher Art; die bei einer orgiastischen Vereinigung erreichte Einheit ist nur vorübergehend; die durch Konformität erreichte Einheit ist eine Pseudo-Einheit; daher sind alle diese Lösungen nur Teillösungen für das Problem der Existenz. Eine voll befriedigende Einheit findet man nur in der zwischenmenschlichen Einheit, in der Vereinigung mit einem anderen Menschen, in der Liebe!“ (Fromm, 28) Weil die Notwendigkeit der Liebe so existentiell ist, sind es auch die Folgen im Falle des Misslingens. Gelingt eine Vereinigung nicht, werde ich abgewiesen, gleichsam zurückgestoßen über den Abgrund des Allein der Welt gegenüber Seins, so bedeutet das folgerichtig Wahnsinn oder Vernichtung. Selbstvernichtung oder die des anderen. Die Zerstörungswut sich gerichtlich Trennender ehemaliger Eheleute ist dafür ein Indiz. Der Film „Der Rosenkrieg“ endet konsequenter Weise mit der Vernichtung der ehemals „besseren Hälfte“. Denn die Bedrohung war auch eine totale. Die Erfahrung, dass mit der verweigerten Vereinigung, mehr entzogen wird als geglaubt und die existentielle Bedrohung vital wird, führt zu ungeahnten Energiebereitstellungen und Aggressionsausbrüchen.
Die Ausbreitung des Menschen auf der Erde ist im Kern diesem Phänomen geschuldet. Der homo sapiens ist so erfolgreich, weil er unter dem existentiellen Druck der „Wiedervereinigung“ steht. Nicht das Überleben auf der Erde, nicht die Überlegenheit des denkenden Handwerkers sind die Gründe, sondern das Motiv ist das Streben in den Zustand der Angstfreiheit. Der Mensch ist ein Suchender.
„Die Liebe lässt ihn das Gefühl der Isolation und Abgetrenntheit überwinden und erlaubt ihm trotzdem er selbst zu sein und seine Integrität zu behalten. In der Liebe kommt es zu dem Paradoxon, dass zwei Wesen eins werden und trotzdem zwei bleiben“ (Fromm, 31).
Fromm unterscheidet verschiedene Arten von Liebe:
– Die Mutterliebe. An der Art, wie die liebende Mutter die Selbständigwerdung des Kindes von der Trennung vom Mutterleib an fördert, wird deutlich, was Liebe eigentlich ist. Das Erkennen und Annehmen eines anderen. Das Fördern und Helfen, dass er sich entwickelt zur vollen Blüte. Mutterliebe sei dabei an keine Bedingungen geknüpft. So geliebt zu werden, entspricht der tiefen Sehnsucht jedes Wesens. Diese Form von Liebe streben wir ein Leben lang an.
Die Mutterliebe ist keine Liebe zwischen Gleichen. Sie ist „eine Ungleichheitsbeziehung, bei welcher der eine Teil alle Hilfe braucht und der andere sie gibt“ (61).
Ein wesentlicher Charakterzug der Liebe, über die hier gesprochen wird, ist, dass sie im Gegensatz zur vermeintlichen Liebe in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, in der es hauptsächlich darum geht, sich liebenswert zu machen, also geliebt zu werden, aktive, gebende Liebe ist. Der wahre Reichtum eines Menschen zeigt sich daran, dass er geben kann. In diesem Sinne sind Arme oft reicher als Reiche, denn sie geben lieber. Der Reiche ist nämlich auch reich, weil er das Haben als vermeintliche Möglichkeit erkannt hat, der Welt nicht mehr nackt und ausgesetzt gegenüber zu stehen. Er hat, um bekleidet, geschützt zu sein. Darum hält er auch fest an dem, was er hat. Er hat, um zu sein. Und er merkt auf diesem Irrweg nicht, dass das Haben das Sein ausschließt. Wer nicht hat und hält, sondern die Faust öffnet zur gebenden Hand, der ist und der spürt auch sich in Beziehung zu anderen. Im liebenden Geben zeigt sich die Lust, die Kraft, die eigene Potenz etwas abzugeben, etwas zukommen zu lassen. „Geben ist höchster Ausdruck des Vermögens. Gerade im Akt des Schenkens erlebe ich meine Stärke, meinen Reichtum, meine Macht“ (33). Insofern ist gerade altruistisches Lieben Selbstvergewisserung. Nicht Haben sondern Sein durch Geben, Fördern und Schenken charakterisiert die Liebe also als eine Tugend, die sich im Verhältnis von Haben und Sein eindeutig auf die Seite des Seins stellt (vgl. Fragestellung Seite 4).
Auch wenn Mutterliebe und Liebe überhaupt in dieser Hinsicht instinktbedingt ist und hier ein narzistischer Grund jeder Liebe zu Tage tritt, übersteigt der Mensch sich, transzendiert sich, verlässt den Boden seines kleinen instinktbedingten Verhaltens.
Das Bedürfnis nach Transzendenz ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Es ist abermals ein Humanum, sich transzendieren zu müssen. Der Mensch ist das Tier, das über sich hinaus fragt, dem „die Ewigkeit ins Herz gelegt ist“, wie die Bibel sagt, der den letzten Sinn außerhalb seiner selbst sieht. Abermals gilt die Wahrheit: Außer sich ist der Mensch ganz bei sich. Diesmal nicht im Blick auf einen geliebten Menschen als Gegenüber sondern im Blick auf nicht weniger als den Grund der Welt.
Es gibt viele Wege, sich allein im schöpferischen Bereich zu transzendieren. Der Weg der Mutter ist dabei der natürlichste. Sie transzendiert sich selbst in ihrem Kind. „Bei der erotischen Liebe werden zwei Menschen, die getrennt waren, eins. Bei der Mutterliebe trennen sich zwei Menschen voneinander, die eins waren“ (63).
Die Vaterliebe, die sich im Leben eines Heranwachsenden an die Mutterliebe als Liebesquelle organisch anschließt, ist in ihrem Wesen ganz anders. Der Vater, Fromm leitet das aus den biblischen Vätergeschichten konsequent ab, sucht unter seinen Söhnen den Geeignetsten aus. Er wird seinen Segen bekommen. Findet der Vater den Besten seiner Söhne heraus, wird er ihm entsprechend begegnen, ihn fordern und fördern. Ihm wird das Erbe zufallen. Vaterliebe stellt also Bedingungen. Der gehorsame Sohn ist der geliebte Sohn. (Wie anders Gott in dieser Hinsicht reagiert, zeigt die Geschichte vom verlorenen Sohn. Hier überholt das NT das AT. Ein neues Gottes- und eben Vaterbild kündigt sich an). Der Nachfahre lernt, dass man sich die „väterliche Liebe verdienen muss, dass man sie verlieren kann, wenn man sich nicht so verhält, wie es von einem erwartet wird.“ (54) In diesem Horizont ist die Gabe der Gebote und die entsprechende Überarbeitungsschicht der Bibel zu verstehen, in der fast alle weiblichen Führungspersonen verschwinden (Rudiment Mirjamlied), Männer Führungsrollen erhalten und Gott zum „Vater“ wird. Die priesterschriftliche Überarbeitungsschicht der biblischen Erzählungen ist männlich geprägt, gesetzlich und Gott selbstverständlich ein Patriarch, der Gehorsam will.

– Die Erotische Liebe. „Nächstenliebe ist Liebe zwischen Gleichen; Mutterliebe ist Liebe zum Hilflosen“ (64), diese beiden Formen sind ihrem Wesen nach nicht auf eine Person beschränkt. Anders bei der erotischen Liebe. Hier ist das Verlangen nach vollkommener Vereinigung nur vollkommen in Ausschließlichkeit. Erotische Liebe ist exclusiv.
Von den Griechen haben wir gelernt, dass der Eros ein Streben ist. Erotische Liebe wird leicht auf körperliches Begehren beschränkt. Dazu ist bereits bemerkt worden, dass die Scham post coitum in solchen Fällen ein Indikator dafür ist, dass man dem anderen Menschen durch allein körperliches Begehren nicht gerecht geworden ist, seinen gesamtpersönlichen Interessen nicht genügt hat. Platon lässt Sokrates formulieren, dass es schlechte Liebe sei, die mehr den Leib, denn den ganzen Menschen liebt. Fromm erkennt, dass Zärtlichkeit der erotischen Liebe gerechter wird, und dass solche Zärtlichkeit keinesfalls eine Sublimierung des Sexualtriebs ist, wie Freud noch annahm, sondern „unmittelbarer Ausdruck der Nächstenliebe“ (66).
Der Weg der erotischen Liebe ist ein emanzipatorischer. Oftmals beginnt dieser Lernweg so, dass jung Verliebte sich abkapseln. Fromm bezeichnet das als „Egoismus zu zweit“ (67). Der Lernweg führt über die Rückmeldungen der Eigenliebe, die mehr verlangt als das, was ein einzelnes Gegenüber geben kann, zu einer Öffnung der Beziehung zu vielen Personen (Freunden). „Erotische Liebe ist zwar exklusiv, aber sie liebt im anderen die ganze Menschheit, alles Lebendige“. „Deshalb sollte es eigentlich keinen Unterschied machen, wen ich liebe. Die Liebe sollte im wesentlichen ein Akt des Willens, des Entschlusses sein, mein Leben völlig an das eines anderen Menschen zu binden“. (67)
An anderer Stelle („Haben oder Sein“) äußert der Autor Verständnis für die Tradition von Eltern, ihre Kinder bereits im Alter vor der Pubertät anderen Partnern zu versprechen. Die ähnlichen Elternhäuser, Erziehungsstile, gesellschaftlichen Schichten, Wertebildungen versprächen insgesamt eine glückliche Ehe. Hier liegt die Philosophie zu Grunde, dass Liebe eine Haltung, eine Aktio und keine Passion, keine Leidenschaft sei, sondern ein Aufeinanderzuwachsen.
Trotz seiner unromantischen Sichtweise auf die erotische Liebe erkennt der psychotherapierende Anthropologe Fromm an, dass der Grund unbedingter Zuwendung durchaus in der Einmaligkeit des Gegenübers, in seinem so und so gestaltet sein liegt.
„So sind beide Auffassungen richtig, die Ansicht, dass die erotische Liebe eine völlig individuelle Anziehung, etwas Einzigartiges zwischen zwei bestimmten Personen ist, wie auch die andere Meinung, dass sie nichts ist als ein reiner Willensakt.“ „Daher ist auch die Idee, man könne eine Verbindung ohne weiteres wieder lösen, wenn sie sich nicht als erfolgreich herausstellt, ebenso irrig wie die Ansicht, dass man eine Verbindung unter keinen Umständen wieder lösen dürfe“ (69). Formell begegnen sich hier die Positionen der katholischen und der evangelischen Kirche. Die unbedingte Bindung einerseits, die unverbrüchlich sei, weil die Liebe eine Himmelsgabe ist und eben ewig („Ich will dich immer und ewig lieben“), ein Versprechen und aus einer Willensentscheidung erwächst; und andererseits die Einstellung, dass Menschen einander glücklich machen wollen und sollen, und dass die in einem schmerzlichen Prozess gewonnene Einsicht in die Unmöglichkeit zwischen diesen beiden, dazu führen darf, dass man sich trenne. Dies ist angesichts der Prämisse, dass man sich glücklich machen solle, dann besser als dass man sich quäle. Sonst würde nämlich die Gabe des Lebens beider nicht genügend geschätzt sondern vertan. Es kann sogar liebevoller sein, sich zu trennen, dem Nächsten die Chance zum Glück mit jemand anderem zu geben, als zu halten und darüber zu zerbrechen.

– Selbstliebe. Die Selbstliebe wird nicht unbedingt als Tugend, häufig sogar als Sünde verstanden. Es ist also zu unterscheiden zwischen Selbstliebe und Egoismus. Egoistisch erscheinende Persönlichkeitsstrukturen sind allerdings damit noch nicht Sünde (zu verantwortendes Getrenntsein von Gott), sondern Selbstsucht ist von Selbstliebe streng zu unterscheiden. Sie ist geradezu das Gegenteil von ihr. Selbstsucht ist oft die Folge der Tatsache, dass es dem Menschen an Selbstliebe fehlt. „Der Selbstsüchtige liebt sich selbst nicht zu sehr, sondern zu wenig; tatsächlich hasst er sich. Dieser Mangel an Freude über sich selbst und an liebevollem Interesse an der eigenen Person…“ (73) ist der Grund solchen Verhaltens, das das eigene Ich scheinbar in den Mittelpunkt stellt.
Zu dieser Differenzierung unter dem Gegenteil von Selbstliebe gehört auch der sogenannte Selbstlose. Er will scheinbar nichts für sich selbst. Er opfert sich auf, er gibt alles für den anderen. Er ist stolz auf sich und hält seine Haltung für eine Tugend. Er wundert sich allerdings darüber, dass er überhaupt nicht glücklich in dieser seiner Verhaltensweise wird. Er spricht ständig darüber, kommt aber zu keiner (Er-)lösung. „Der Betreffende ist nämlich überhaupt in seiner Fähigkeit zu lieben oder sich zu freuen, gelähmt; … eine subtile, aber deshalb nicht weniger intensive Ichbezogenheit verbirgt“ (74) sich hinter seinem Verhalten. Es fehlt ihm an Liebe. Denn Liebe will immer im richtigen Verhältnis von Selbstannahme, Achtung der eigenen Bedürfnisse und Fremdannahme, Nächstenliebe gelebt werden. Dem Selbstlosen fehlt die Selbstliebe und die wirkliche Liebe zum Nächsten.
Schon bei der Mutterliebe ist die Natürlichkeit dieser Liebe, der Verteilung dieser Liebesanteile wichtig. Die Achtung seiner selbst und die Achtsamkeit für das Kind sind bei ausgewogenem Verhältnis gut für beide. Eine „selbstlose“ Mutter dagegen neigt dazu, unselbständige Kinder heranzuziehen. Die Lebensfeindschaft, fehlende Eigenannahme und Ausgewogenheit „der Liebe“ ihrer Mutter bleibt den Zöglingen nicht verborgen und geht nicht spurlos an ihnen vorüber.

– Die Liebe zu Gott, die Gottesliebe, entspringt ebenfalls dem Bedürfnis des Menschen, gezeugt aus seiner existentiellen Angst, das Getrenntsein zu überwinden und Einheit zu erlangen. In der Geschichte der Menschheit, hat diese ihrem jeweiligen Entwicklungsstand und Reifegrad entsprechend Formen, Methoden und Überzeugungen entwickelt, die diese Rückkehr zur Einheit zumindest zeitweise leisten. Der gerade von der Natur getrennte Mensch kehrt durch Verehrung von Göttern aus Holz, Stein und Lehm, durch Tiertänze und Totemverehrung, durch orgiastische Tänze und Rituale in den paradiesischen Stand und Bewusstseinszustand zurück; angeleitet von Priestern und Verwaltern des „Heils“.
Der handwerklich entwickeltere Mensch stellt Götter mit ganzer Handwerkskraft aus Gold und Silber her. Er verleiht den Götzen Menschengestalt. Anthropomorphe Gottesverehrung ist eventuell noch einmal in eine frühe weibliche Götterzeit und in eine spätere männliche zu unterscheiden. Muttergottheiten wie im Orient und Mittelmeerraum auf Gozo nachgewiesen, sind allumfassend und allbeschützend. Vatergottheiten fordern Gehorsam und sind gesetzlich. Die jüdisch-christlich-moslemische Tradition ist in dieser Zeit ausgeformt worden und entsprechend patriarchalisch orientiert. Doch das Bedürfnis nach unbedingter (mütterlicher) Annahme ist ja da. Das Bedürfnis nach dieser Mutterliebe wird im Judentum durch die Mystik befriedigt, im katholischen Christentum ist die Mutter Gottes die Mittlerin, die ihre Liebe an keine Bedingungen knüpft.
Luther, der die Figur der Maria zusammen mit anderen Heiligen an den Rand des Heiligenhimmels verbannt hat, findet in der Neudefinition von Gottes Gerechtigkeit den Zugang zur bedingungslosen (Mutter-)liebe. Die Gerechtigkeit Gottes, die durch die göttliche Gnade den Menschen gerecht macht, die eben Gnade vor Gerechtigkeit (nach menschlichen Vorstellungen) ergehen lässt, die erfüllt alle Anforderungen an die bedingungslose Annahme des Kindmenschen durch eine göttliche Autorität.
„Wenn ein wahrhaft religiöser Mensch sich dem Wesen der monotheistischen Idee entsprechend verhält, dann betet er nicht um etwas, dann erwartet er nichts von Gott; er liebt Gott nicht so, wie ein Kind seinen Vater oder sein Mutter liebt; er hat sich zu der Demut durchgerungen, dass er seine Grenzen fühlt und weiß, dass er über Gott nichts wissen kann. Gott wird für ihn zu dem Symbol, in dem der Mensch auf einer früheren Stufe seiner Evolution alles das zum Ausdruck brachte, was das Ziel seines Strebens war: den Bereich der geistigen Welt, Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein solcher Mensch vertraut auf die Prinzipien, die „Gott“ repräsentieren; er denkt die Wahrheit, er lebt die Liebe und Gerechtigkeit, und er hält sein Leben nur so weit für wertvoll, als es ihm die Chance gibt, zu einer immer reicheren Entfaltung seiner menschlichen Kräfte zu gelangen – als der einzigen Realität, auf die es ankommt, als des einzigen, was ihn „unbedingt“ angeht.“ (83)
Insofern erscheint hier Gottesliebe der Spiegel einer gereiften Menschenliebe. Für Fromm ist das die Konsequenz daraus, dass es das Denken nicht zu letzten Antworten bringen kann. „Die einzige Möglichkeit, die Welt letztlich zu erfassen, liegt nicht im Denken, sondern im Akt, im Erleben von Einssein … (Somit) ist das letzte Ziel der Religion nicht der rechte Glaube, sondern das richtige Handeln“ (90).
Beim reifen Menschen gilt dann: „Die Art seiner Liebe zu Gott entspricht also der Art seiner Liebe zum Menschen“. (94) Liebe hat also ein Ziel und findet ihre Erfüllung im Vollzug (siehe Seite 4).
Diese umfassende, den Menschen transzendierende und gleichzeitig wahrhaft wieder erdende Liebe ist die Antwort auf die existentielle Herausforderung. Außer sich ist der Mensch ganz bei sich. Außer sich eben in der Liebe zu einem geliebten Du, das ihn in gleicher Weise gegenliebt. Wohltuend wird der Mensch sich in der Liebe los. Sein existentielles Problem und seine übrigen Grenzen, die er inmitten der Hast seines eingerichteten Lebens zu überspielen versucht. Liebe eben als heilsame Unterbrechung unseres Lebenszusammenhanges. Der reife Mensch wird sich in der Liebe zum Menschen los. Gleichzeitig und untrennbar davon nimmt er sich selbst an. Er liebt sich selbst eben nicht anders als seinen Nächsten. Er kann seinen nächsten nur in richtiger Weise – nämlich gnädig – lieben, wenn er sich selbst in all seiner Schwäche und Unvollkommenheit – gnädig – angenommen hat. Er kann sich selbst nur gnädig annehmen, wenn ihm selbst Gnade widerfahren ist. Das ist das Proprium ursprünglicher und Neuanfänge schenkender gnädiger Liebe. Der Liebe Gottes, die unbedingt annimmt, wie eine Mutter eben.
Wie schon dem Nächsten gegenüber ist Liebe auch Gott gegenüber ein Akt des Glaubens. Nicht nur ursächlich sondern auch existentiell. Sie lässt sich nicht beweisen oder begründen.
Dies gilt schon für Liebe täglich in der kleinen oder herausfordernden Begegnung und es gilt grundsätzlich für Liebe im Blick auf Liebe zu Gott. Die Liebe zu Gott ist die Liebe auch seiner ganzen Welt gegenüber. Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe in einer alle Menschen umfassenden Gesellschaft zum Tragen zu bringen, das ist der religiöse Traum. „Noch ist dem Menschen der Aufbau einer solchen Gesellschaft nicht gelungen, und deshalb erfordert die Überzeugung, dass er dazu in der Lage sein wird, Glauben.“ (136)
Letzter Umgang mit der Liebe ist also ein doppelter. Einerseits fordert Liebe den Menschen zu einer reifen Haltung und fördert ihn auch gleichzeitig in dieser Richtung, andererseits erfordert solcher Wille und solche Ethik immer wieder neu die mystische Seite, weil der umfassende Charakter der Liebe ein umfassendes Gegenüber voraussetzt und aus sich heraus setzt.

Liebe vollendet

Kirche ist die Gemeinschaft von Menschen gleichen Glaubens. Hoffnung auf Vollendung der Welt, Glaube an die Liebe als das verändernde Prinzip, bekannte oder erlebte Gnade als Grund der Erlösung, der Lebensweg Jesu als gelebter Glaube, seine Lehre als Lebensweisung für die Menschen, diese Themen verbinden Christen als Menschen gleichen Glaubens. Sie haben diesen geteilten Glauben immer wieder in Bekenntnisse gefasst. Eine wachsende Kirche fragt nach dem, was sie ausmacht, nach dem, was ihre Gläubigen gemein haben. So gesehen ist Kirche ein Ort der Konformität. Im Detail mögen die Vorstellungen auseinander gehen. Doch wer sich Christ nennt, hat zu diesen konstitutiven Elementen seines Glaubens etwas zu sagen. Weil Kirche Konformität (Bekenntnisse verbinden Menschen gleichen Glaubens und schließen anders Denkende aus. Die Definition derer, die zusammen gehören, ist in der Kirchengeschichte immer exklusiv geschehen. Bekenntnisse wurde häufig gerade dann geschrieben, wenn es galt die eigene Identität dadurch zu sichern, dass andere, die zwar ähnlich, aber in entscheidenden Punkten doch anders dachten, ausgeschlossen werden sollten) schenkt und selbst braucht, kann Kirche letztlich nicht das Ziel eines Jesus gemäßen Lebens sein. Jesus hat zwar auch von denen zur rechten und denen zur linken gesprochen, auch die Wechsler aus dem Haus seines Vaters – gewaltsam – ausgeschlossen, hat auch die Seinen definiert als die, die Gottes Willen tun und dabei seine leibliche Familie vor der Tür bewusst stehen gelassen, doch ist sein Weg und sein Wirken wesentlich Liebe. Er gibt sich selbst. Die Gegenwart des Du, das Sicheinlassen ist alles. Wunder, wie die, die Jesus tat, können sich nur ereignen, wenn ein Mensch sich ganz gibt. Der Weg Jesu ist der für alle offene. Jesu Liebe ist die zu allen Menschen.
Auch seine Kirche kann nur eine Kirche ohne Bekenntnisse sein. Es geht nicht um Entwicklung und Ausbau einer Gemeinschaft hier auf Erden, die andere Statuten haben könnte, als eben jetzt ganz da und ganz für den Nächsten da zu sein.
Kirche im gegenwärtigen Erscheinungskleid ist recht unvollkommener Zwischenschritt. Ist Moratorium für all diejenigen, die in Sachen Liebe mit dem Ziel unterwegs sind, an sich und an ihren Beziehungen zu Gott und der Welt zu arbeiten. Kirche wird eines Tages, vielleicht erst eines jüngsten Tages überholt sein.
Allerdings kann auch die gegenwärtig zunehmende Unkirchlichkeit Zeichen eines entwickelteren Menschen sein. Das gäbe Grund zur Hoffnung. Denn die Konformität ist eine vorläufige , überholbare und unbedingt zu überholende Antwort auf die existentielle Angst. Reifere Menschen, liebevollere, in sich ruhendere benötigen weniger Konformität. Entwickelter sind sie im Sinne höherer Individualität und Ethik, gewachsenerer Kraft und Fähigkeit, das eigene Getrenntsein von der Welt auszuhalten. Und eben zu überbrücken! Der reife Mensch ist auch reif durch seine Spiritualität. Er weiß sich als Mensch verbunden mit den anderen Menschen durch seine „Geschwisterlichkeit“. Er weiß sich als Teil der Welt.

Umgekehrt ist nicht jede wachsende Unkirchlichkeit ein Indiz für solchermaßen gewachsene Reife.

Doch die Reife, von der hier die Rede ist, benötigt immer weniger Krücken. Ein in diesem Sinne Gereifter, nimmt sich in Demut an, seine eigene Begrenztheit. Er steht zu den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, seiner Erkenntnisfähigkeit und letztlich seines Lebens überhaupt.

Gott, den ganz anderen, totaliter aliter, zu lieben, heißt das Risiko liebevoll zu ertragen, in dem anderen aufzugehen in letzter Konsequenz . Und diese ist der Tod. Im Tod in Gott aufzugehen, der alles das ist, was ich gerade nicht bin, bedeutet den Mut zum Nichtsein als Ich zu haben. Insofern ist die Liebe genau das Gegenteil von den irdischen Kräften, Trieben und Instinkten, die uns helfen, das eigene Leben zu erhalten und es um jeden Preis erhalten wollen.
Wer dagegen glaubt, im Tod nicht verloren zu gehen, der glaubt Gott und traut ihm zu, vor ihm lebendig zu bleiben. Den schreckt es nicht, ein anderer oder anderes zu werden, als ich es mir je vorstellen könnte.
Gott in diesem Sinne zu lieben, heißt absolut frei zu werden von jeglicher Angst und Scham (siehe Fromm Sn. 18 und 19). Wie ein Liebender hat der Glaubende die Kraft, sich aufzugeben und den Mut, ein ganz anderer zu werden. Diesen Mut gibt allein der Glaube an die Liebe Gottes.
Strukturell ist die Liebe die Gabe und das Erlebnis überzugehen in ein Gegenüber, das im Prinzip all das ist, was ich nicht bin.
Das ist das Gegenteil von Existenz. Denn Existenz ist nur möglich, wenn aus dem Ureinen Einzelnes hervor tritt. Vielleicht sogar Materie überhaupt, aber mit Sicherheit kann ein Individuelles oder ein Individuum nur sein, wenn es sich von anderem unterscheidet. Zu existieren bedeutet letztlich, sich von anderem (allem anderen) zu unterscheiden. Existieren bedeutet: ich hier – du da. Liebe hebt diese Grenze auf.

Umgekehrt gibt es nur die Welt, weil sie sich von Gott unterscheidet. Und weil sie unterscheidet. Dies von dem. Es ist eben nicht mehr alles eins. Sondern was ist, ist anders als anderes. Letztlich ist Welt nur da und nur möglich, weil sie aus anderen selbst hervorgeht. Das „Schöpfungswort“ lässt Welt heraustreten, setzt Welt aus „Gott“ heraus. Gott setzt Welt heraus aus dem Ureinen. Sie ist sein Gegenüber.
Welt behauptet sich, indem sie sich differenziert. Ein Lob der Grenze und die Freude am Unterscheiden macht Welt aus. Polarität bringt Unterschied und Leben.
Die Liebe verbindet das Unterschiedene. Sie führt wieder zusammen, was durch das Herausgesetztwordensein getrennt worden ist. Die Liebe ist die Antwort auf die Sehnsucht nach dem Ureinen. Ihr eignet das Vertrauen, in der Selbstaufgabe nicht verloren zu gehen. Sie führt zurück zu Gott. Darum sind letztlich Gott und Liebe eins. Denn „Gott ist Liebe“.