Bordseelsorgebericht 2008

Bordseelsorger an Bord der „Ocean Monarch“ vom 05. – 29. September 2008

Pfr. Matthias J e n s, Auf Mohrbüsch 4, 54292 Trier
Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Ehrang  jens.ehrang@ekkt.de

B E R I C H T

In den genannten drei Wochen war ich als Bordseelsorger für etwa 200 Crewmitglieder und zwischen 440 und 468 Passagiere zuständig. Diese Tätigkeit habe ich zum ersten Mal ausgeführt.

Die Dienstanweisung sieht Gottesdienste, Andachten und Crewgottesdienste an Sonn- und Feiertagen bzw. nach Absprache und auf Wunsch vor, sowie Andachten über Bord-TV auf Schiffen, die die technischen Voraussetzungen dafür erfüllen. Zwei Vortragsangebote sollen pro Woche vom Bordgeistlichen gemacht werden. Seelsorgliche Gespräche sind nach Bedarf zu führen. Die Begleitung von Reisegruppen bei Landgängen ist im Auftrag der Reederei durchzuführen.

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Im Berichtszeitraum habe ich sieben Gottesdienste und Andachten gefeiert, einige davon an Seetagen oder aus gegebenem Anlass, immer einen Gottesdienst zum   Reisebeginn und einen „Reisesegen“-Abschlussgottesdienst zum Ende der Fahrt für die scheidenden Passagiere. Der Sonntagsgottesdienst wurde als Abendmahlsgottesdienst ausgestaltet.

Thematisch setzen Gottesdienste auf einer Reise sich mit dem Erleben der Passagiere auseinander und geben biblische Antworten auf Fragen von Aufbruch, Heimatlosigkeit, Unterwegssein und intensiven Eindrücken. Die besondere Herausforderung liegt in der fehlenden musikalischen Begleitung der Liturgie. Bordmusiker spielen oft bis lange über Mitternacht – sie sind nicht bereit und in der Lage, um 09.00 oder 09.30 einen Gottesdienst musikalisch zu unterstützen. Das war nur bei den Abschlussgottesdiensten um 17.00 möglich, also an Tagen, die mit einem frühen Landausflug begonnen hatten. Da ich selbst kein Instrument spiele, nehme ich mir auf die nächste Reise musikalische Aufnahmen von Orgelvorspiel und Chor zu den jeweiligen Liedern auf einem kleinen Tonträger mit Miniboxen mit. Für diese Reisebegleitung hatte ich bereits ein eigenes Bordgesangbuch (siehe Anlage) hergestellt, das sehr gut angekommen ist.

Gottesdienstbesucher kommen,

  • weil sie es aus ihrem sonstigen Leben gewohnt sind, Gottesdienste an Sonntagen zu besuchen. Diese Gruppe findet im Angebot die Chance, ihr bisheriges Frömmigkeitsleben weiter zu führen. Sie sind zuverlässige Gottesdienstbesucher und tragen den musikalischen Teil mit Selbstverständlichkeit.
  • weil sie ein besonderes Problem bewegt. Reisezeiten sind Krisenzeiten. Die besonderen zur Nachdenklichkeit einladenden Umstände einer Reise lassen Probleme hochkommen, die im Alltag an Land erfolgreich überspielt werden konnten. Oft hat sich an den Gottesdienst ein Gespräch angeschlossen, manchmal wurde ich sogar mehrfach hintereinander in Anspruch genommen.
  • weil sie sich langweilen. In genau diesem Punkt sehe ich die große Chance für den Bordseelsorger. Jenseits der anderen berechtigten Anliegen, der Traditionspflege und der seelsorglichen Versorgung, bietet die Kombination von begrenztem Raum auf einem Schiff und fehlende Möglichkeit zur an Land gepflegten Freizeitablenkungen die Gelegenheit, dem Neugierigen zu zeigen, wie lebendig, ermutigend, fantasievoll, tiefgründig, anregend und fröhlich Kirche sein kann. Ich habe die Neugier der Passagiere genutzt.

Das Gesellschaften spielt an Bord eine besondere Rolle. Von den übrigen Staffangehörigen wird dieses „Socializing“ dienstlich erwartet. Für den Bordseelsorger besteht an dieser Stelle mehrfach die Chance, sich und sein Anliegen bekannt zu machen. Beim Begrüßen zum abendlichen Empfang, beim Vorgestelltwerden von Crew und Staff durch den Manager oder Kapitän, aber auch beim Leisten von Gesellschaft insbesondere von Einzelreisenden wird das Thema allein über die Funktion auf dem Namensschild zur Sprache kommen. Der Einladung zu einer Zusammenkunft der Einzelreisenden sollte der Bordgeistliche unbedingt folgen. So macht sich der Seelsorger bekannt. Umgekehrt weckt das jeweilige Gespräch Neugierde, lässt Vertrauen und Sympathie wachsen und diese Umstände schlagen sich im mit der Reisedauer wachsenden Gottesdienstbesuch nieder.

Sich zu Alleinreisenden an den Tisch zu setzen und Konversation zu machen ist zwar eine Aufgabe des Staff, doch in der Person des Pfarrers, der Pfarrerin unterstreicht das die Bedeutung des Gastes und erscheint diesem nicht als Pflichtübung des Staff. In dieser besonderen Zuwendung liegt die Chance für manches seelsorgliche Gespräch.

Der Escort, wie die Begleitung der Landausflüge in der Fachsprache heißt, bietet ähnliche Chancen. Der Escort, also der Verbindungsmensch zwischen Bord und örtlichen Reiseleitern, stellt sich zu Beginn des Ausflugs kurz vor, sodann den Fahrer und die Reiseleitung, und er sorgt am Ende durch das Rundgehenlassen eines „Hutes“ für das Trinkgeld beider Letztgenannten. Auch so erfährt ein Großteil aller Schiffsgäste im Laufe der Zeit, dass ein Pfarrer, eine Pfarrerin an Bord ist.

Die Einzelseelsorge kann sich diskret beim Sozialising anbahnen oder ereignen. Sie wird auch aktiv von Reisenden in Anspruch genommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Seelsorger nicht über die Rezeption gerufen wird, sondern dass die angekündigten Gottesdienstangebote (Tagesprogramm) gezielt als Gelegenheit verstanden werden, den Geistlichen nach dem Gottesdienst zur Seite zu nehmen.

Ich habe ebenso Crewmitglieder angesprochen, wenn sie ein Problem gehabt zu haben schienen. Schwarze Augenringe oder ein blaues Auge waren z.B. solche Indizien. In zwei Fällen konnte ich durch Beratung bzw. Intervention helfen. Gleichzeitig schenkte mir das Gehörte tiefere Einblicke in das Bordleben der Crew.

Für Passagiere und Crew bietet die begrenzte Anwesenheit eines zur Verschwiegenheit verpflichteten Seelsorgers die Chance, mit einem Menschen zu sprechen, den sie wahrscheinlich nie im Leben wiedersehen. In zwei besonders gravierenden Angelegenheiten wurde ich im Berichtszeitraum ins Vertrauen gezogen.

Auch bei Problemen mit dem Partner während der Reise ist der sich zum Gespräch anbietende Pfarrer die beste Möglichkeit, eine probate Vertrauensperson zu finden. Um für solche Fälle ohne Hürde ansprechbar zu sein, habe ich zu bestimmten Stunden an der öffentlichsten Bar des Schiffes Position bezogen, so dass jeder Gast unverfänglich ein Gespräch mit mir beginnen konnte. Dies wurde von den Gästen, vornehmlich aber vom Staff genutzt.

Bedeutung und Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit ist an mehreren Stellen des Berichts beschrieben worden. Die Ankündigungen im Tagesprogramm sind dabei eine wichtige Visitenkarte. Dazu gehört auch das entsprechende Einvernehmen mit der über die Lautsprecher Programmpunkte ankündigenden Managerin. Auf Schiffen, die einen Aushang haben, kann auch ein Portraitfoto des Geistlichen hilfreich sein. Nicht zu unterschätzen ist die Titelwahl der Seminar-, Gesprächs- und Unterhaltungsangebote des Pfarrers, der Pfarrerin (siehe Anlage). Natürlich genügt im Standardfall das Angebot „Was ich einen Pfarrer schon immer einmal fragen wollte“ – eine Gesprächsrunde, die über mein mitgebrachtes Programm hinaus angeboten wurde und in der die „Hürden einvernehmlicher Oikumene“ thematisiert wurden – doch ist eine gute Titelwahl schon immer eine gelungene Einladung gewesen und zeigt den Interessenten, dass der Anbietende sich vor der Reise über seine Themata Gedanken gemacht hat.

Die Angebote dürfen bei allem Tiefgang die Gäste nicht überfordern und die Teilnehmer über Stunden binden. Ein Angebotsfenster von 45 Minuten ist sinnvoll, zumutbar und dem übrigen Tagesprogramm angepasst. Mein auf mehrere Stunden ausdehnbares Seminar über „Jesus“ war in dieser Hinsicht zu umfangreich und konnte nur in Kurzform durchgeführt werden.

Besonders gern besucht wurden Kreise, die gute Unterhaltung versprachen. Sehr gut besucht und sehr gelobt waren die 40 Minuten zum „klerikalen Witz“ (Psychologie des Witzes und Beispiele). Dieses Angebot hatte viel Nachhall und musste wiederholt angeboten werden. Angebracht sind auch Angebote handwerklicher Natur, wie meine Praxisrunde zu Knoten und Steken „Die Kunst der Verbindlichkeit – Seemannsknoten nichts nur für Sehleute“. Ein guter Seminarbeitrag ist auch immer ein Referat des Bordseelsorgers zu Bedingungen oder Objekten des nächsten Reisezieles, also zum Beispiel zum Verhältnis von Christentum und Islam, wenn ein islamisches Land besucht wird oder wie z.B. mein Vertiefungsvortrag zur „Hagia Sophia“. Vertiefung deswegen, weil der tägliche Vortrag des Lektors auf die nächsten Ziele vorbereitet. Mit dem Lektor wird der Themenbereich eigener Referate sinnvoller Weise abgesprochen. Vielfältige Rückmeldung hat mir bewiesen, dass die Mühe gezielter Vorbereitung sich gelohnt hat.

Es unterstützt Gemeinschaftsbildung und Kundenbindung, wenn der Bordseelsorger seinen Gaben entsprechend an anderen Angeboten des Teams teilnimmt. Hier eine Probe des Shantychores für den Je-ka-mi-Abend.

Resumee: Das Angebot eines Pfarrers, einer Pfarrerin an Bord ist sinnvoll. Allein schon die Tatsache der Anwesenheit wurde anerkennend wahrgenommen. Viele Gäste kontrastierten ihr Lob durch das Bedauern, dass es auf den vergangen fünf/sieben Reisen keine solche Begleitung gegeben habe. Ich empfehle, die Versorgung auf Kreuzfahrtschiffen auszubauen. Die Gottesdienstangebote wurden überproportional angenommen. Die Teilnahme lag schließlich bei über 10% der Gäste. Die Escorttätigkeit bietet ein Forum, den Beruf und die Angebote unter der reisenden Gesellschaft bekannter zu machen. Der professionelle Seelsorger trägt zum Wohl und der Stabilität der Gäste auf See bei. Ein guter Pfarrer ist ein Ausweis für Reederei und Reiseveranstalter, die ihren Kunden durch dessen Anwesenheit mitteilen, dass sie sie von A – Z versorgt wissen wollen.

Die Bordseelsorge stellt mit ihren drei Siebetagewochen keine grundsätzlich vom Pfarramt unterschiedene Herausforderung für den Gemeindepfarrer dar. So zu arbeiten, ist er über Wochen und Monate gewohnt. Im Gegenteil: mit ihren gegenwärtigen Rahmenbedingungen stellt die Bordseelsorge eine schöne Alternative zur sonst starken Ortsgebundenheit des Gemeindepfarrers dar. Gemeindearbeit und Residenzpflicht binden die Pfarrstelleninhaber im Allgemeinen. Zu dieser Gebundenheit stellt die Bordseelsorge eine erfrischende Alternative für Menschen dar, die sozial, körperlich, geistig (auf einem Schiff heißt es ständig zu improvisieren!) und geistlich mobil sind.