Nachklang

Traueransprache für 

Regina Israel

über 1. Joh 4,16

14. September 2019

Osburg

Liebe trauernde Familie,

liebe mittrauernden Freunde und Kollegen,

Sie alle werden über der Traueranzeige gesonnen, den zitierten Worten Grönemeyers zugestimmt haben „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet“. Denn tatsächlich, Regina hatte etwas Erleuchtetes und Erleuchtendes. So wie der Strahlenkörper der Sonnenblume Garten und Raum erfüllt, so war sie bescheiden zwar aber unübersehbar präsent, erreichte die Herzen, wenn sie im Raum, wenn sie Gastgeberin war, wenn sie konzertierte und wenn sie sich einfühlsam dem Menschen zuwandte.

Sie schätzte nicht nur die empathische Brücke zu den Menschen, sie liebte es, von Natur umgeben zu sein, von Feld, Flur und Katzen; nahm stets in der ihr eigenen Art eine besondere Beziehung zu allem auf. Mit unglaublich geschickter Hand verstand sie es dann umgekehrt, das Gesehene darzustellen in Zeichnung, Gemälde oder in hingezauberter Plastik, denn das jeweilige Imago entsprang zweifellos direkt der Mitte ihres Herzens. Letztlich gehörte auch die Töpferscheibe zu ihren Instrumenten, sie gab dem Ton Klang und belebte das Irdene.

Am 23. November 1956 wurde dieses Mädchen ihren Eltern in Grefte geboren. Das ist ein Dorf in Hessen, 10km südlich von Kassel und nicht weit weg von der damaligen Zonengrenze gelegen.

Regina war etwa zwei Jahre alt, als die Familie in die nahe Stadt zog. Als einzige Tochter unter vier Jungs lernte sie mit ihnen Radfahren und spielte ihre Spiele. Aber bald wurde deutlicher, dass sie nicht nur wegen ihres Geschlechtes besonders war. Ja, alle fünf Kinder profitierten von der Musikalität der Eltern, doch Regina, die wie ein Schmuckstein in der Mitte der Geschwisterkette prangte, offenbarte eine besondere Begabung.

Die Eltern waren bei der Namensgebung einer Eingebung gefolgt. Denn während die Orgel als Königin der Instrumente firmiert, war die Harfe spätestens seit den Tagen König Davids zum Instrument des Königs avanciert. Sie blieb dies in den Burgen des Mittelalters, und so wirkt die Namensgebung wie eingetroffene Prophetie, denn so kam eine Königin (lat. Regina) an der Harfe zu sitzen.

Das musikalische Erbe beider Eltern kulminiert in Reginas Begabung. Die Großmutter väterlicherseits war Organistin bis in ihr 92. Lebensjahr und der Vater Spielmannszugführer und kreativer Musiker auf fünf Instrumenten. Die Mutter nicht minder musikalisch, von ihrer Seite floss noch die Disziplin ein. (Von Ihren Kindern, Frau Israel, weiß ich, dass „aufgeben“ in Ihrem Wortschatz nicht vorkommt).

Absolutes Gehör, geschenkte Musikalität und Fleiß waren also zusammen. Vom Vater hatte Regina noch die Tiefe in ihrer doppelten Schwere ererbt. Früh erkannte und förderte dieser die Begabung seiner Tochter. Er schaffte ein Auto an, in dem die Harfe transportiert werden konnte und stellt die Brüder an, das Instrument zu tragen.

Inzwischen lebte die Familie seit 1963 in Wiesbaden. Zum ersten mal tauchten bei Regina die Schatten der Multiplen Sklerose auf. Aber die Diagnose wurde verschwiegen, als könne man damit die Schübe selbst ungeschehen machen.

In der Wiesbadener Schulzeit ließ Regina in intelligenter, aber eben doch pubertärer Renitenz ihre Laufbahn am humanistischen Gymnasium enden, um sodann auf dem Konservatorium ihrer Leidenschaft den richtigen Kanal zu öffnen. Obwohl sie nicht minder gut Klavier spielte, wurde die Harfe zu diesem Zeitpunkt ihr primäres Instrument. Mentor war der Harfenist des Wiesbadener Stadtorchesters Günther, der eigentlich keine Schüler annahm, aber bei Regina die eine Ausnahme machte, und für beides, das Mentorat und Reginas wachsende Erfolge unter seiner Egide wurde der Begriff „musikalische Adoption“ gefunden.

Die scheinbare Leichtigkeit ihres Spiels korrespondierte mit ihrer ätherischen körperlichen Erscheinung. Dieser schwebte ebenso schleierleicht durch den Raum wie eben die Melodien, die sie ihrem Instrument zu entlocken verstand.

Im Schicksalsgefüge mit einer ersten kurzen Ehe kam sie nach Trier und wurde hier 1980 Mitglied des Orchesters der Stadt. Seit kurzen war sie dessen dienstältestes Mitglied.

Und Sie, Herr Müller, der Sie sie seit 37 Jahren kennen, trafen bildlich gesprochen, genau den Ton, um Harfe und Flöte ins Gespräch zu bringen. Es entwickelte sich nicht nur eine musikalische Ehe, in der beide sich harmonisch ergänzten. Es wurde Ihnen ein Vierteljahrhundert Gemeinsamkeit geschenkt, das besonders durch den Gleichklang der zusätzlich beherrschten Sprache Musik reich war. Leichtfüßige Harmonien waren es, die Sie besonders im Miteinander schätzten. Wie selbstverständlich waren sie mit ihr herzustellen.

Mehr als eine und eben doch eine Metapher für das, was im gemeinsamen Haus in Osburg ab 1999 geschah. Nachbarn wurden zu Freunden, Geschäftsbeziehungen verstand Regina ebenfalls zu Freundschaften geraten zu lassen, dieses Heim füllte gepflegte Kultur und geschenkte Miteinander, es war ein Gewächshaus für den Sonnenschein von Reginas Wesen.

Sie ging auf die Menschen zu, hatte eine Ader für die jeweilige Art; eine geradezu spirituelle Sensibilität lies sie den Nächsten erkennen in seinen Stärken und Bedürfnissen. Von sich machte sie nicht viel Aufhebens. Auch das machte sie einladend. Doch  der Hintergrund war eben die Tiefe des Vaters und die Disziplin der Mutter, mit der sie sich selbst zurück nahm. Sie gönnte sich scheinbar sehr wenig. Lebte aus der Begegnung. Lebte aus dem Beitrag, den sie als Mensch, den sie als Lehrerin und den sie als Musikerin mit ihrem Instrument zum Zusammenklang der Vielen leisten konnte. Auch gehandicapt humpelte sie allein zur Probe, um dann wieder schwebend und tatsächlich unverzichtbar zum guten Akkord, zum Zusammenklang beizutragen.

Ja, sie fand sich im Yoga, wusste aus intensiver Selbstbeobachtung, wo sie hilfreich hingreifen musste, um zu heilen. Verstand es, den Nächsten über einen Teil als Ganzen zu erreichen. Darum war die Harfe ihr Instrument, weil sie Seiten zum Schwingen bringen konnte, das sich eingliedern möchte in ein größeres Ganzes.

Regina war dabei von einer hohen Grundspannung. Ihre Amplitude schwang zwischen Altruismus und Selbstverleugnung, zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, zwischen Selbstdisziplin und Dünnhäutigkeit, zwischen ansteckender Fröhlichkeit und Schwermut.

Sie war in allem von dem geleitet, was die Bibel Nächstenliebe nennt. Über eben diese will Gott selbst verstanden werden, über das nämlich, was wir einem dieser seiner geringsten Brüder getan haben. Und weil diese Erkenntnis Reginas Glauben entspricht, steht der Vers aus dem 1. Johannesbrief über ihrer Würdigung heute:

Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

Besonders der Nachsatz will uns trösten. Denn er spricht davon, dass wir nicht verloren gehen; davon, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist und wir als solche vor ihm dem Ewigen bleiben. Und Regina war ein besonders guter Gedanke Gottes. Aber wir sehen auch, dass sie sich in dieser Bezogenheit und in ihrem Einsatz für den Nächsten verzehrt hat, dass sie letztlich alles gegeben hat, dass sie ihre Energie verbraucht und dem Schöpfer zurück gegeben hat; und in unserem Gemüt die Wärme ihrer Sensibilität nachstrahlt, wie die Kraft der Sonne am Abend auf der Haut.

Wenn wir also hier vielleicht mit einem Dichterwort, das besser zu sagen vermag als ich, mit dem „Memento“ von Mascha Kaléko trauern

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da

sind?

Allein im Nebel tast ist todentlang

Und lass mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie

das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

  • Und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,

Doch mit dem Tod der andern muss man

leben.

dann wollen wir eben dies nicht vergessen. Denn Reginas Verständnis und Zuneigung zu uns darf in unserem Herzen weiterhin die Melodie der Dankbarkeit spielen.

Sie ist nicht mehr sichtbar, aber sie ist spürbar und will nachklingen in der großen himmlischen Musik. 

Amen

Anderen Sinnes werden …

Predigt anlässlich des Gemeindefestes 2019

Metanoia – Sinneswandel

Wir haben die Sommerferien gerade ausklingen lassen und der eine froh der andere widerwärtiger die Arbeit wieder aufgenommen. Es gibt im Neuen Testament eine seltsame Geschichte von den Sommerferien. Wir können sie nennen „als Jesus einmal Urlaub machen wollte“. Und die geht so:

Von da brach er auf und zog in das Gebiet von Tyrus. Dort zog er sich in ein Haus zurück und niemand sollte das wissen.

Aber es blieb nicht unentdeckt. Im Gegenteil: eine Griechin aus Phönizien hatte davon gehört, deren Töchterlein unter einem unreinen Geist litt. Diese Frau suchte ihn nun auf und bat, er möge den Daimon aus ihrer Tochter austreiben.

Doch er wollte sie abfertigen und sprach: „Lasst zuerst die Kinder satt werden. Denn es ist nicht recht, der Kinder Brot zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Doch sie erwiderte: „Gewiss, Herr. Aber auch die Hunde unter dem Tisch fressen von den Brosamen der Kinder.“

Da sagte er zu ihr: „Um dieses Wortes willen geh hin: der Daimon ist aus deiner Tochter ausgefahren!“ Sie ging nach Hause. Und tatsächlich, sie fand die Tochter auf dem Bette liegen; der Daimon war von ihr ausgefahren. eÜ

Eigentlich ist gar nichts so besonders an Jesu Verhalten, seinem Urlaubswunsch, denn wenn wir die Bibel genau lesen, dann stoßen wir oft auf Stellen, nach denen Jesus sich zurück gezogen hat. An ruhige Orte, in Gärten, um zu beten oder er entzieht sich der Menge, indem er einfach mit einem Boot ans andere Ufer übersetzt. Und auch hier macht er es so wie wir es für gewöhnlich tun, wenn wir Urlaub nötig haben. Er verlässt die gewohnte Umgebung, Tapetenwechsel, reist über eine Grenze ins Ausland (, denn Tyrus liegt nicht in Israel, sondern im Nachbarland) und zieht sich zurück.

Das besondere an dieser Geschichte ist nicht Jesu Verhalten, sondern das der Frau, die ihn ausfindig macht.

Nicht nur, dass sie offensichtlich Handlungsbedarf hat, ihn in seinem Urlaubsort aufspürt, sie ist auch hartnäckig. Und schlagfertig. Sie gibt nicht auf. Und da ist es das erste mal, dass von einer Veränderung in dieser kurzen Perikope erzählt wird. Jesus überlegt es sich anders. Zunächst ist er ziemlich barsch, erklärt sich nicht für zuständig. Er will die Frau abwimmeln. Doch die gewinnt seine Aufmerksamkeit, denn sie gibt dem Gottesmann intelligente Antworten. Jesus horcht auf. Er steht sozusagen von seinem Liegestuhl auf und setzt sich zu der Frau an den Tisch. Er lässt sich vom Ernst der Lage überzeugen und sieht nun die Situation mit neuen Augen.

Es ist bemerkenswert, dass der, von dem wir gewöhnlich meinen, er wüsste ganz genau, wo es lang geht, anderen Sinnes werden kann. Jesus wächst. Denn zunächst will er seine Ruhe haben, aber die Not ist offensichtlich international groß. Seine Absicht, jenseits der Grenze seiner Zuständigkeit zur Ruhe zu kommen, gibt er vorübergehend auf, weil er merkt, die Not von Menschen hat nichts mit Ländern und deren Grenzen zu tun, sie kann immer und überall nach uns greifen. 

Und dann ist die Bittstellerin eine Frau. Von der möchte der Mann aus Nazareth sich schon gar nicht stören lassen. Und auch hier überlegt er es sich anders. Er sieht den Menschen und nicht mehr die gesellschaftliche Rolle. Vielleicht ist dies der Moment, in dem Jesus zum Freund der Frauen geworden ist.

Aber eben auch auf deren Seite geschieht etwas wesentliches.

Denn nicht nur Jesus versteht die Not dieser Mutter, sondern auch umgekehrt kommt die Frau zu einer ihr Leben verändernden Einsicht. Es ist gerade das Bestehen Jesu auf seinen begrenzten Kräften und der Bemessenheit überhaupt, das für diese Frau aus Phönizien die wichtigste Wandlung mit sich bringt. Möglicherweise wurde ihr erst in diesem Augenblick deutlich, dass selbst derjenige, von dem sie alles erwartet, und den sie Retter und Heiland nennt, ein Recht hat, zu seinen Grenzen zu stehen.

Um wie viel mehr dann sie selbst: auch sie darf zu den Grenzen ihrer Verantwortung und ihrer Möglichkeiten stehen. Für sie eine völlig neue Einsicht.

Wer ist diese Frau, die das in diesem Moment versteht? Die Bibel zeichnet von den Menschen, die Jesus begegnen, nur jeweils eine Skizze. Ein Blitzlicht. Sie ist eine Frau alleine. Von einem Mann ist keine Rede, sei es, dass es ihn nicht gibt, dass der Vater des Kindes inzwischen verstorben ist, oder dass er sich tatsächlich einfach nicht um die Familie kümmert.

Auf den Schultern der Frau ruht die ganze Verantwortung für ihr Kind. Sie kennen Mütter, die ihre Kinder aus der Schule abholen, die sie nach den Hausaufgaben zum Sport und dann zu ihren Freunden bringen. Sie kennen Eltern, die ihren Sinn daraus ziehen, die Kinder, ihr „Ergänzmichdu“, zu verwöhnen. Sie nennen es Liebe. Aber sie tun ihren Kindern nichts Gutes. Denn sie bereiten sie nicht auf das wahre Leben vor und verhindern, dass diese Kinder eine realistische Einschätzung dafür bekommen, wie viel Aufwand sie für welchen Erfolg betreiben müssen. Wieviel sie selbst dafür tun müssen.

Vielleicht ist es bei dieser Frau auch anders. Vielleicht entwickelt das Mädchen sich nicht so, wie die Frau es erhofft und erwartet. Vielleicht schiebt sie sie und wendet ihre ganze Kraft auf, damit aus dem Kind etwas wird. Die Tochter ist gleichzeitig Gegenstand ihres Stolzes und ihrer Sorgen und schlaflosen Nächte.

Die Mechanik, die hier wirkt, ist unerbittlich und unausweichlich: je intensiver die Mutter hinter der Tochter her ist, je mehr sie sich kümmert und je mehr sie bevormundet und ihr abnimmt, das Mädchen wird immer renitenter. Nachbarn würden vielleicht sagen: sieh mal, dieses undankbare Kind.

Es hat auch allen Grund zu Verzweiflung, denn Erfahrungen darf sie nicht selbst machen. So kann sie nicht lernen, an sich selbst zu glauben.

So wagt sie am Ende, keine zwei Schritte mehr zu tun, ohne die Mutter um Erlaubnis zu fragen. Denn so ist sie es gewohnt, an deren Zuneigung zu kommen.

Gleichzeitig braucht sie die Mutter, wird sie aber auch hassen, weil sie ihr nichts zutraut, keine Chance gibt, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und selbst zu tun.

Alles Selbstleben ist dem Mädchen genommen.

So verdichtet sich das, was die Bibel einen Daimon nennt. Wir sagen dazu Teufelskreis. Aus lauter Panik wird die Frau alles falsch machen: je mehr Verantwortung sie auf sich nimmt, desto schlimmer wird es mit der Tochter.

Diese Frau lernt im Augenblick der Begegnung mit Jesus von ihm, dass auch sie zu ihren Grenzen stehen darf, den Grenzen ihrer Verantwortung und den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Sie kapiert, dass die Tochter ein eigener Mensch ihr gegenüber ist, mit eigener Verantwortung für das eigene Leben.

Ausdrücklich wird dieser Mutter zugesichert: Der Daimon ist von deiner Tochter ausgefahren. Sie ist gesund.

Und es scheint, dass es dieses Wort der Beruhigung an die Mutter ist, das die Tochter heilt!

Gedicht 2, Thomas R. Schmitt

Es ist der Zuspruch der Beruhigung an die Mutter, das die Tochter befreit. Denn die Mutter sieht ihr Kind fortan mit neuen Augen. Die Frau ändert ihre Einstellung zum Kind!

Und ihre Einstellung entscheidet über die Entwicklung und das Schicksal des Kindes.

Ihre frisch gewonnene Zuversicht löst den Spuk aus Renitenz und Fremdbestimmt auf. Beendet den Automatismus von Zuwendung und Abwehr.

In Zukunft wird die Liebe der Mutter die autonome Liebe Jesu sein. Eine Liebe zum vollkommenen Du.

Eine Geschichte mit seltsamen Veränderungen. Menschen lernen, die Welt, sich selbst, ihre Nächsten mit anderen Augen zu sehen. Liebe Gemeinde, das ist wirklich ein guter Grund, ein Fest zu feiern!

Amen

Gehe hin und tue desgleichen

Traueransprache für Hans Doneck

über Lk 10, 25 – 36

25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus eine Falle zu stellen. »Lehrer«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 

26 Jesus erwiderte: »Was steht denn im Gesetz Gottes? Was liest du dort?« 

27 Der Gesetzeslehrer antwortete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.«2 

28 »Richtig!«, erwiderte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.« 

29 Aber der Mann wollte sich verteidigen und fragte weiter: »Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« 

30 Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon. 

31 Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging schnell auf der anderen Straßenseite weiter. 

32 Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er blieb nicht stehen, sondern machte einen großen Bogen um ihn. 

33 Dann kam einer der verachteten Samariter vorbei. Als er den Verletzten sah, hatte er Mitleid mit ihm. 

34 Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte. 

35 Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann gesund! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹ 

36 Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« 

37 Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«, forderte Jesus ihn auf.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine Geschichte für Hans Doneck. Denn sie stellt die ambitionierten Gutmenschen, Berufsgläubige auch, sie stellt diejenigen, die die Schrift studiert haben und sich entsprechend orthodox verhalten einem gegenüber, der allein sich richtig entscheidet und verhalten hat.

Hans Doneck war kein Kirchgänger, aber er hielt es mit dem Geist der Schrift. Denn dieser wird im Takt des menschlichen Herzschlages buchstabiert. Liebe möchte nämlich immer konkret sein. Sie übersieht keinen einzelnen. 

Die Familienangehörigen haben ihren Mann und Vater als jemanden erlebt, der von der Maxime bestimmt war: es soll allen gut gehen. Hans hatte ein Auge darauf, dass jedes Kind genauso viel Glück, Freude, Erfüllung hatte und empfand wie die anderen. Keiner sollte zurück gesetzt sein.

Diese Einstellung von ihm, dieses Ethos war früh erworben, ein mit Kindesbeinen angetretenes Erbe, unfreiwillig eingeübt bei den eigenen Geschwistern, denn Hans Gerd war das erste, das älteste Kind vor seinen Geschwistern und musste früh Verantwortung für die jüngeren übernehmen.

Er war kurz vor Jahresende 1936 geboren und verlor seinen Vater mit sechs Jahren. Zehn Jahre lang blieb die Mutter verwitwet. Eben die Phase, in der ihr Erstgeborener die Verantwortung zu Hause zu übernehmen hatte, wenn sie arbeitete. Und es waren hungrige Jahre damals in Celle. In ihnen lernte und praktizierte Hans das Teilen und Abgeben, das Verantworten und Versorgen.

Dafür gab es auch später viele Beleggeschichten. Eine war die mit der fehlenden Kinokarte beim Familienausflug. Seine Kinder erlebten daran, wie selbstverständlich Hans ihnen seine abgab, wie die Fürsorge zu einem bestimmenden Teil seiner Persönlichkeit geworden war.

Eine andere war die mit den Glückspfennigen im Weihnachtskuchen. Es gab eben nicht nur den einen Glücksbringer sondern ganz viele, für jedes Familienmitglied einen.

Und vielleicht wirft auch sein Umgang mit seiner Mutter ein bezeichnendes Licht auf ihn. Denn als die Mutter nach ihrer zweiten Ehe in England abermals verwitwete, nahm Hans sie selbstverständlich zu sich hierher nach Pluwig und bemühte sich darum, sie in den Freundeskreis der Familie zu integrieren.

Der Mann wäre aber völlig missverstanden, wenn wir seine Haltung auf Mitleid reduzierten. Seine nächstenliebende Einstellung war stets auch rational begründet und ruhte auf dem Fundament eines dezidierten Humanismus.

Er sah stets den Menschen, unabhängig von Stand und Stellung. Genau so selbstverständlich begrüßte er die Putzfrau mit Handschlag wie den empfangenden Geschäftspartner.

Das Befreiende und Provozierende zugleich, zu dem die Geschichte vom barmherzigen Samariter aufruft ist doch ein Liebesgebot, das Grenzen aufhebt!

Mit seiner einfachen Ethik überbietet einer, auf den die religiösen Nachbarn herabschauen deren kodifizierte Rechtsordnung und widerlegt ihr unangemessenes Selbstbewusstsein.

Halten wir fest, Doneck hatte keine Berührungsangst vor solchen, die „einfach“ nicht dazu gehören. Denn er wusste und lebte die Geschwisterlichkeit aller Menschen!

Sie ist die Essenz der Bibel.

Zweitens: die englische Attitüde. Der Eheschluss mit ihrem zweiten Mann, einem englischen Kaufmann, blieb nicht ohne Einfluss auf deren Kinder, auf Hans und die Familie. Nicht nur, dass England zunächst zum Wohnort wurde, es blieb auch für die Kinder von Hans ein gern und mit Selbstverständlichkeit aufgesuchtes Land.

Hans selbst streute diese Insel reich an spleenigen Leuten Würze in seine Persönlichkeit. Ganz so wie das Salz in der Suppe, war seine englische Manie. Rote Socken und Peter-Scott-Pullover waren ein Muss für ihn, der englische Jaguar später setzte dem ganzen die Krone auf.

In den Nachkriegsjahren erwarb sich Hans Schritt für Schritt die Kompetenz für seinen Beruf. In Hamburg besuchte er die Fachschule, in England bildete er sich auf der Abendschule weiter. Er wurde Chemiker und verdiente seinen Lebensunterhalt bei Firmen in Hannover, Hamburg und Celle. Mit seinen Fähigkeiten als Graphiker wurde er Anfang der 70er technischer Leiter eines Betriebs ins Trier. 1977 machte er sich selbständig. Das war schon lange sein Ideal, ein freier Mann zu sein. Die Familie war inzwischen gewachsen, Jörg kam 1962 in die Familie, in Celle wurden 1966 Dennis und 1967 Sonja geboren, in der Trierer Zeit kam 1974 schließlich Maren dazu. Es war das Jahr, in dem die Wohnung in Trier zu klein wurde und das Haus in Pluwig zum neuen Familiensitz avancierte.

Gut 15 Jahre später gab Hans Doneck die Firma ab. Er wollte sich seinem Hobby, der Kunst, intensiver widmen. Seine raumgreifende Beschäftigung war es weniger, mehr der Geruch der Farben im ganzen Haus, der zur Anmietung eines Ateliers in der Kloschinskystraße führte. Ausstellungen in der TuFa, in China, auf Helgoland und in Kiew zeigten seine Werke. Partner bei diesen Vorhaben war der befreundete Kunstverein „Paradox“.

Was auch immer Hans anfasste, betrieb er mit Emphase. Das begann bei seiner Lehrzeit, ging über sein berufliches Engagement, seine stete Neugier, das lebendige Interesse am Entwickeln von Neuem, die Kunst, der Sport, vor allem das Schwimmen. Alles das betrieb er hochenergetisch. 

Er hing der Frage nach, wie kommt das Gute in die Welt. Dachte intensiv darüber nach, so dass auch Freunde ihn gern angesichts von Problemen in Anspruch nahmen.

Er förderte den Samariterbund und unterstützte die Kindernothilfe. Was er tat, tat er ganz.

Und darum ist die Krankheit, die vor 17 Jahren, zunächst unentdeckt, auftauchte der Antagonist zu seiner Persönlichkeit. Sie nahm diesem energiereichen Mann seinen Antrieb, seine wache Aufmerksamkeit, die Kraft zur Umsetzung seiner Ideen.

Was ihm das Leben zu Beginn geschenkt hatte, und was ihn in hohem Bogen mit Freundlichkeit und voller Anregung leben ließ, was ihn zu einem anerkennenden Menschen, einem Optimisten machte, einem Chef und Mitmenschen, der die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen verstand, das nahm ihm die Krankheit am Ende. Sie machte ihn müde.

So haben wir einen wahren Philanthropen verloren, den einfühlsamen und fürsorglichen Vater, einen anregenden Mitmenschen, den Künstler, einen besonderen Menschen mit liebenswerten angelsächsischen Besonderheiten, eben einen nach dem Bilde Gottes. Und dürfen gewiss sein, dass er als ein guter Gedanke Gottes in all seiner irdischen Vorläufigkeit vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben wird. 

Und genau genommen ist die Perikope vom barmherzigen Samariter als eine Geschichte von bleibender Bedeutung nicht nur eine für Hans Doneck, sondern sie ist die Geschichte des Humanisten Doneck. Amen

vor wem sollte ich mich fürchten?!

Nothing for Tears

Beerdigungsansprache über Ps 27,1

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

für

Gloria von Schubert

03.08.2019

von Pfarrer Matthias  J e n s

Gefragt, wie lange sie noch zu leben gedenke, antwortete Gloria in ihrem 96. Lebensjahr: meine gegenwärtige Lektüre ist so hinreißend, dass ich dieses Buch gern noch zu Ende lesen möchte. Dieser Wunsch verrät nicht nur etwas über ihre geistesgegenwärtige Selbsteinschätzung, ihren feinen Humor, sondern sagt vor allem aus, wie sehr ihr Leben durch die Literatur bestimmt worden ist. Und dies nicht nur in den Jahren, in denen durch Krankheit und Alter ihr Aktionsradius eingeschränkter geworden war und Literatur das Fenster zur Welt bedeutete, sondern von Kindesbeinen an spielt die Welt der Bücher eine entscheidende Rolle in ihrem Leben.

Das kam so.

Gloria wurden ihren Eltern Lally und Fred Horstmann am 21.11.1923 geboren. Sie blieb deren einziges Kind. Und während die Eltern in Berlin am Steinplatz residierten, verbrachte die kleine Gloria sehr viel Zeit bei den Großeltern von Schwabach im Knobelsdorff-Palais in Kerzendorf. Dort fühlte sie sich geborgen, dort erlebte sie glückliche Monate und Sommer, und noch über ihrem Sterbebett hing ein fotografisches Abbild des Gutshauses, wie sie es auch mit Kinderaugen in ihr Herz aufgenommen hatte. Der Ort war zu ihrem Arkadien geworden und blieb bis zum Einzug in Grünhaus ihr Sehnsuchtsort.

Als Tochter eines Botschafters lernte sie schon früh die Regeln des Gesprächs kennen und verstand es seither, eine einbindende Konversation zu führen. Bald schon nicht nur auf deutsch, sondern ebenso auf englisch und französisch, später auch noch auf schwedisch, in jeder dieser Sprachen so bewandert, als sei es ihre Muttersprache.

Geübt für fremde Sprachen war ihr Ohr auch durch die Aufenthalte der Familie in anderen europäischen Ländern. Der Vater war als Diplomat in Brüssel und später nach Lissabon entsandt. Die Villen und Strände von Cascais waren der neun- bis elfjährigen Gloria geschätzte und ebenfalls unvergessene Spielgründe.

So war die Welt von Gloria nun tatsächlich polyglott, denn ihre Mutter, Lally Horstmann, geb. von Schwabach las Literatur grundsätzlich in der Zunge des Autors und gab dieses Erbe an ihre Tochter weiter. Der literarische Salon der Mutter lebte gleichsam in der Literaturbegeistertheit der Tochter weiter, die sie es später schätzte ihrem Mann vorzulesen und dieser ihr, und die eben tatsächlich bis in ihre letzte Lebenswoche anhielt.

Die Kehrseite der Lebenswelt ihrer Eltern ist aber, dass die Botschaftergattin kaum Zeit für ihre einziggeborene Tochter hatte. Sie kümmerte sich um den eigenen Berliner Salon, schätzte und bereicherte gleichzeitig die diplomatische Gesellschaft, führte mit ihrem Mann ein gastfreundliches Haus sowohl in Berlin als auch nach 1942 auf dem Landsitz in Kerzendorf, folgte gesellschaftlichen Einladungen, sammelte Kunst und las. Konversation, Beziehungsnetzarbeit, Kunstbetrachtung, davon verstand sie viel. Muttermilch dagegen, körperliche Wärme und Nähe, Annahme aber hatte sie nicht zu vergeben. Im Buch der Mutter über die bittersten deutschen Jahre kommt ihre Tochter Gloria nicht vor. Diese ging im wahrsten Wortsinn mutterseelenallein zur Blinddarmoperation, einhundert Reichsmark im Schuh versteckt. Denn die Mutter, die Bankierstochter, war ein Kind der Kaiserzeit und von deren Vorstellung von Bildung und Kindererziehung geleitet. Solche Dinge delegierte man an die Amme, an das Kindermädchen, die Erzieherin. Denn Kinder sind nach dem preußischen Erziehungsbild kleine Erwachsene, die beim Klang der Marschmusik nur noch zu dem gemacht werden müssen, was sie bereits angeblich sind. 

So erfolgte für Gloria die erste Bildung in der Privatschule von Fräulein Mommsen, der Tochter des Philosophen; später besuchte sie das Caecilien-Gymnasium in Charlottenburg. Die anderen Bedürfnisse lagen in der Obhut der Erzieherin Hedwig Oldag. Hübsch bettfertig gemacht, war das höchste der Gefühle nicht der Gutenachtkuss, so erinnerte sich Gloria an die abendliche Zeremonie, sondern ein Knicks in Richtung der Eltern. Konsequenter Weise war es Hedwig Oldag, die Gloria später mit nach Schweden nahm; von ihr sprach sie immer mit glaubwürdigster emotionaler Verbundenheit.

So liegt es nahe, dass zunächst das junge Kind, später die junge Frau ihr soziales Leben wärmer, anregender durch die Figuren ihrer Bücher machte. Literaturbegegnungen brachten sie ins Gedankengespräch mit den Protagonisten. Diese wurden ihr zu einem Gegenüber, zu lebendigen Teilnehmern an ihrem Leben, so wie sie, bedingt durch die schmerzlichen Lücken, die die abwesenden Eltern offen ließen, in die Lebenswelt der literarischen Figuren schlüpfte, mit den Helden litt und siegte. Fleischerne Gesprächspartner sah sie umgekehrt gern auch durch die Brille ihrer literarischen Bewandertheit. Ihr Kosmos war durch die Literatur größer geworden, ihr Herz bewohnter. 

Tatsächliche Schicksale aber verschwisterte sie mit der lebhafteren Bühne ihrer Helden. Sie pflegte sich schnell ein Bild von Menschen zu machen. Schnell einerseits durch ihre erfahrene Auffassungsgabe, das geübte gesellschaftliche Auge, andererseits aber auch, weil sie die offen gebliebenen Aussagen und Abschnitte mit ihrer Fantasie füllte. Es gehörte schließlich zu dem trainierten Repertoire ihrer professionellen Gesprächsführung, dass sie von Begegnungen in den buntesten Farben zu berichten verstand. Da entstanden dann Portraits, in denen sich die Beschriebenen nicht immer wiederzufinden vermochten. 

Gehörte Erzählungen wurden lebendiger, dramatischer ausgestaltet wurden. Sie ergänzte ihr fragmentarisch gebliebene Bilder von anderen.

Es mag Familienmitglieder geben, die glaubten, sie würden von ihr gegeneinander ausgespielt. Ich bin aber überzeugt, dass der literaturbegeisterten Gloria das Zusammenleben wie ein Stück von Moliere erschien, durch die Würze ihrer Fantasie erst recht lebens- vielleicht sogar aufführenswert vorkam.

Denn Gloria erlebte das gastfreundliche Elternhaus, später die Berliner Salons als große Bühne. Und in ihrer eigenen Familie führte sie dann gern auch mal die Regie.

Bekanntlich sind die Kriegsberichte Betroffener immer von so mitreißender Lebendigkeit, weil sich der Herzschlag der Erzähler bei den Gedanken an ihre Widerfahrnisse selbst erhöht. So konnte ich es auch bei Gloria erleben.

Aus dem von den Russen fast eingenommenen Berlin flüchtete sie in einem Fahrzeug, das Goldreserven gen Westen zu evakuierten hatte. Sorgsam war Treibstoff gehortet und zusammengetragen worden. In aller Heimlichkeit erfolgte die Abreise. Allein – der Wagen war überladen, die Achse brach. Der Fahrer brachte die junge Gloria in einer Gastwirtschaft unter, versprach, sie nach erfolgreicher Reparatur wieder auszulösen. Die Minuten kamen ihr wie Stunden vor und es waren tatsächlich einige Stunden, ehe der gedanklich bereits aufgegebene Chauffeur tatsächlich wieder auftauchte und sie Richtung Hannover weitertransportierte; eine Flucht, die in Brüggen vorübergehend glücklich strandete im zunächst noch leeren Haus der Familie von Cramm. Bald schon sollte es überfüllt sein vom Strom der Flüchtlinge, viele aus dem Osten.

So wie es dann auch in Grünhaus war als Gloria und Andreas von Schubert dort ihre Familie gründeten.

Andreas kannte sie schon aus ihren Kindertagen. Er war ein langjähriger Freund, der ihr in den Kriegstagen näher kam. Spaziergänge im Tiergarten. Durchtanzte Nächte. Das allgegenwärtige Pervitin kostete die Ledersohlen manches Tanzschuhpaares. Man war sich bewusst, dass es der Tanz auf dem Vulkan war. Unabhängig voneinander erzählten beide von den unvergessenen Begegnungen, aber auch der unvergesslichen Prägung durch die Bombennächte in Berlin. Beide konnten den späteren Sylvesterlärm nicht von den Bildern der brennenden Hauptstadt trennen und mieden, wenn möglich, das laute Geschehen zum Jahreswechsel. Zu Fuß sei er durch die zerstörte Stadt geirrt, um Gloria aufzusuchen und glücklicherweise jedesmal unversehrt am Steinplatz und anderen Wohnorten zu finden.

Doch Andreas wurde Soldat und die Kontakte reduzierten sich auf Feldpostbriefe.

Zu Glorias Flucht gehört nicht nur die aus dem unter Beschuss stehenden, aus dem ruinierten Berlin, sondern auch die aus den unbeholfenen Händen ihrer Mutter. Sie schrieb Briefe an die Söhne einer befreundeten Diplomatenfamilie. Einer der beiden Männer fühlte sich angesprochen und kam zu Besuch an die Spree. Durch die Freundlichkeit eines französischen Generals durfte der junger Schwede drei Tage nach Berlin einreisen. Der französische General traute das junge Paar am 15. September 1947 standesamtlich. Glorias Mutter konnte an der Zeremonie nicht teilnehmen, sie lag an Typhus erkrankt im Seuchenhaus. 

Das junge Ehepaar reiste nach Schweden aus. Axel Edelstam, ein schöner Mann und ein geistreicher Erzähler, bot der gerade 23-Jährigen nicht nur eine Scholle ersehnten Friedens sondern er sprach auch deren geistige Welt gekonnt an. Und Gloria ihrerseits ist die Frau gewesen, die stets das Positive sah, sich sodann entschieden in diese Richtung auf den Weg machte. Bald schon wurde die Frucht der jungen Liebe geboren. Ellinor kam am 30. Juni 1948 auf die Welt.

Die Familie weiß, wie sehr Gloria die Zeit im Gut Älfsjö schätze, wie sie die dortige Familie mochte und wie herzlich sie aufgenommen wurde; sie weiß aber auch, warum Gloria Schweden bereits nach zwei Jahren verließ und ein Jahr getrennt von Tisch und Bett in Hamburg verbrachte. Danach galt sie als geschieden und Andreas von Schubert tauchte wieder auf, er hielt um ihre Hand an und beide heirateten am 15. März 1951.

Prosaisch schreibt Gloria in ihren biographischen Notizen in der dritten Person von sich: „In Deutschland holte sie Andreas von Schubert als seine Frau nach Grünhaus … Hier wurde ihr Sohn Carl … und ein Jahr Später ihre jüngste Tochter Andrea geboren“.

Diese ihre Auflistung von Lebensstationen wird dem bunten Leben in Grünhaus nicht gerecht. Verschweigt das Gedränge im Schloss ob all der hierher in den Westen geflüchteten ehemaligen Gutsbesitzer und Bekannten, rührt nicht an die Zeit der französischen Besatzung mit all den Erlebnissen, die inzwischen zu Anekdoten geraten sind und besonders gern von Andreas zum besten gegeben wurden. Die knapp zweiseitige Biographie überspringt ihre kurze Studienzeit in Göttingen, sie verschweigt den tragischen Hintergrund, warum sie nun doch mit Andreas an die Ruwer ziehen kann. Sie lässt das Leben und Gedeihen der Familie unerwähnt, die hier wuchs. All deren Abenteuer und Anekdoten. Sie summiert lediglich buchhalterisch. „Über 60 Jahre lebte Frau von Schubert in Grünhaus. Sie hat 12 Enkel und 12 Urenkel“. Das sind biblische Zahlen, die vom Segen in ihrem Leben sprechen.  Und lassen uns noch einmal auf den Psalm selbst hören

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meins Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

Denn tatsächlich widerfuhr Gloria bei allem äußeren Unbill Bewahrung, gelang ihr immer der glückliche Ausweg in schwieriger Situation, tatsächlich hielt jemand die Hand bewahrend über sie und schenkte ihr Jahre weit über das ebenfalls biblische Maß von „unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig“.

Denn er segnete sie mit einer zuversichtlichen Haltung, die der Volksmund am besten auf den Begriff bringt mit dem Satz: Hilf dir selbst – dann hilft dir auch der liebe Gott.

So wie innere Haltung und glückliche Fügung ein Bündnis zu ihren Gunsten eingingen, so schloss sich auch rein äußerlich ihr Lebensring zu einem abgerundeten Ganzen.

Die Erinnerungsbilder an das „gemütliche Landhaus“ (wie sie es nannte) von Kerzendorf durften die Brücke schlagen zum Schloss Grünhaus. Das in Jugendtagen vermisste Familienleben gedieh um so lebendiger hier bei Mertesdorf.

Und so konnte sie am Ende tatsächlich mit Mörike danken, beten und loslassen:

Wie heimlicher Weise

Ein Engelein leise

Mit rosigen Füßen

Die Erde betritt,

So nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, ihr Frommen,

Ein heilig Willkommen …

In Ihm sei´s begonnen,

Der Monde und Sonnen

An blauen Gezelten

Des Himmels bewegt.

Du Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

Sei alles gelegt!

Josef, Zeigefinger Jesu

über Gen 50, 15-21

Als ihr Vater gestorben war lebten die Brüder Josefs in Ägypten in der Angst, Josef könnte ihnen bitter gesonnen sein und ihnen alle Bosheit vergelten wollen, die sie ihm angetan hatten. Darum ließen sie ihm sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihr Vergehen, dass sie so übel an dir gehandelt haben“; und sie sprachen: „Nun vergib uns diese Missetat, uns, die wir auch Diener des Gottes deines Vaters sind“.

Josef aber weinte, als sie ihm das vortrugen. Die Brüder traten vor ihn und fielen ihm zu Füßen und sagten: „Wir sind deine Knechte“.

Josef aber sprach: „Habt keine Angst. Denn ich stehe unter Gott. Ja, ihr gedachtet es böse zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen. Damit das gelingt, was jetzt zu Tage getreten ist, dass ein großes Volk am Leben erhalten wird. Also habt keine Angst, ich will mich um euch und eure Familien kümmern“. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (e.Ü.)

Diese Brüder hatten Josef, den Lieblingssohn Jakobs, aus den Augen haben wollen, sie hatten ihn aus dem Weg geräumt, in einen Brunnen geworfen, versklavt und verkauft. Ihn gleich zu erschlagen und so das Hindernis auf ihrem Weg in das Herz des Vaters beiseite zu räumen, diesen allerletzten Schritt hatten sie sich nicht getraut.

Aber Josef ist bekanntlich auf die Füße gefallen. Schon von seiner Mutter Seite her, Rahel, war er gesegnet mit Liebe, so wie diese selbst besonders geliebt wurde; und wie sie es wahrscheinlich verstand, Josef zu lieben.

Damit sind die beiden Hauptschablonen dieser Geschichte gezeichnet: Verletzung, Zurücksetzung, Neid auf der einen Seite. Und bei Josef ebenfalls die Erfahrung von Ausgeschlossensein. Er gleicht als damals Siebzehnjähriger all denen, die die Heimat verlieren, denen die Eltern von der Seite gerissen werden oder die sie auf der Flucht aus den Augen verlieren.

Zudem ist Josef von seinen nächsten Angehörigen verletzt, ich möchte sagen missbraucht worden, in Sklavenhändlerhände verschachert worden – dieser Josef hat seine Traumata zu tragen.

Das Wort Missbrauch passt bei ihm besser noch als in der gewöhnlichen Verwendung. Denn dieses Wort ist die Negativform von „Gebrauch“. Gebrauchsanweisungen liest man im Blick auf die beabsichtigte Benutzung von Sachen, Gegenständen, Geräten. Eine Sache falsch zu gebrauchen ist Missbrauch. Wenn dieses Wort im Blick auf Menschen benutzt wird, dann offenbart das zudem, dass diese Menschen durch die Intention der Täter zu Gebrauchsgegenständen herabgewürdigt werden. Josef zu einem verkäuflichen Etwas.

So groß war die Wut der Brüder über ihre Zurücksetzung durch den Vater, der diesen arroganten Nachkömmling bevorzugte.

Die zweite Grundlinie, die dem Neid und den Verletzungen gegenüber aufgebaut wird erzählt von Zuneigung, Klugheit, von Souveränität, Selbstbeherrschung, von der Kraft zur Vergebung und der Fruchtbarkeit der Liebe.

Die heutige Perikope ist das Ende einer langen Geschichte. Bald schon werden die Nachfahren Josefs und seiner Brüder den Zufluchtsort vor Klimawandel und Hunger, das fruchtbare Niltal verlassen. Denn Ägypten ist den Hebräern zum Land der Knechtschaft geworden. Sie werden die Fleischtöpfe und Brotpfründe aufgeben und über das tränensalzige Meer und durch Zeiten prüfungsschwerer Wüsten wandern.

Aber trotz leichten Gepäcks mitnehmen werden sie diese Geschichte von Josef. Sie werden sie noch an den Hirtenfeuern im gelobten Land vom Vater zum Sohn weitergeben, und schließlich wird sie in Babylon in den Kanon ihrer Bibel hineingeschrieben, weil sie Kristallisationspunkt jüdischer Identität im Exil ist.

Nicht ohne biografische Parallelität hat Thomas Mann diese Geschichte im Herzen mit ins Exil genommen und den Roman „Josef und seine Brüder“ dort geschrieben.

Denn die heutige Erzählung ist eine Verarbeitungsgeschichte. Ein Bericht von gelungener Traumabewältigung.

Ihr Gewicht entspricht nicht nur dem Rat Gandhis, der Wegweisung kluger Menschen, es gehört nicht nur zum Handwerkszeug der Seelentherapeuten, dass doch bitte erlittenes Unrecht, dass das Gefühl der Ohnmacht nur durch die eigene Initiative bearbeitet werden können. Es ist eine der Wahrheiten unseres Lebens, dass nur die Gabe zu verzeihen neue Freiheit und Selbstbestimmung nach erfahrenem Unrecht und Unglück schenkt.

Verzeih den Peinigern.

Vergib den Tätern.

Das allein gibt dir die Souveränität zurück. Aber das kann nicht jeder.

Und so sitzen die einen in den Gerichtssälen, die Genugtuung bei der Verurteilung ihrer Quälgeister empfinden. Diejenigen, die von Rachegedanken geplagt waren, und in Gedanken gern aus der Opferrolle zu Tätern geworden wären, diejenigen, die damit der Spirale der Gewalt nicht zu entkommen vermochten.

Und auf der anderen Seite ab und an die, die durch Herzensgröße glänzen, denen schon gelungen ist, den Tätern zu vergeben, weil sie deren Nöte, deren Ohnmacht, deren Zwänge erkannt haben. Diese wenigen haben sich bereits über ihre Reflexe erhoben.

Und genau dadurch wird in unserer Geschichte Josef zur großen Figur des Alten Testaments. Er verweist damit auf das Neue, auf Jesus und seine Worte: „Euch ist gesagt Auge um Auge, Zahn um Zahn – ich aber sage euch, wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, dem halte auch die andere hin!“

Paradoxe Intervention nennt die Psychologie das. Sie setzt voraus, dass wir uns über die Reflexe stellen können – dass wir im Gegenteil reflektieren können! Sie unterbricht Teufelskreise von Gewalt und Gegengewalt, beendet Erbfeindschaften, vermeidet Eskalation und macht aus Feinden Freunde. So öffnet sie dem Täter die Augen für die Blindheit und Primitivität seines Verhaltens.

Was also macht diesen schöngeistigen, diesen sensiblen Bohème Josef zu solch einer großen Figur?

Gern überlesen ein kleines Wort in diesem Zusammenhang. Josef spricht: „Ich stehe unter Gott“. Eine Selbstverortung, die einerseits von der Geborgenheit unter Gottes Hand spricht, davon, bei ihm Genügen gefunden zu haben; andererseits klärt sie, dass Josef sich nicht zum Richter aufschwingen wird, sich dieses Amt Gottes nicht anmaßt. Eine glaubwürdige Verortung von Josefs Haltung, denn hatte er sich nicht schon früher als nicht nachtragend bewiesen nämlich als Potiphars Weib ihn unschuldig ins Gefängnis hatte werfen lassen?

Josef, ein Mensch, der seinen inneren Frieden gefunden hat.

Sein Glaube lässt ihn überzeugt sein: Gott richtet es zum Guten. Josef sieht die großen Zusammenhänge: Gottes Handeln für sein Volk. Er, der nächste unter dem Pharao, versteht sich selbst als kleines Rädchen im großen Handeln Gottes. Damit dürfen wir den Oberton über seiner Demut positives Denken nennen.

Wir sind diesem Menschen Josef näher gekommen. Verstehen jetzt, dass er sensibel ist, tatsächlich vor Rührung weint. Er weint, weil er den Moment der Erfüllung gekommen sieht. Ganz wie der Fernsehzuschauer, dem die Tränen in die Augen treten, wenn die beiden, die füreinander bestimmt sind, endlich, nach all den Widrigkeiten, zueinander finden.

Für unseren Helden Josef ist dies der Augenblick, in dem sein Hunger gestillt wird. 17 Jahre zuvor hatte er sich definiert: „Ich suche meine Brüder“. So antwortete er damals einem Bauern, als Jakob ihn auf die ferne Weide zu seinen Geschwistern geschickt hatte. Gekleidet wie ein Geck trat er auf wie ein spätpubertierender Angeber. Doch dieses „Ich suche meine Brüder“ ist nicht äußere Intention, obwohl sie sich auch so zeigen mag, sondern sie ist die Sehnsucht seines jungen Lebens: Ich möchte die Anerkennung meiner Geschwister, ich möchte ihre Liebe gewinnen.

So wie die Brüder wenige Jahre später in Ägypten Getreide suchen, um ihren körperlichen Hunger zu stillen, so sucht Josef Brüder, die ihm das Gefühl der Zugehörigkeit schenken, Annahme. Genau all das an Emotion, was sie dem Vaterliebling aus nachvollziehbarem Grund verweigerten. So haben alle ihren „Hunger“, ihr Sehnen in dieser Geschichte.

Im Kern ist unsere Perikope nun eine Erfüllungsgeschichte.

Früh schon hatte dem Josef geträumt, dass bei der gemeinsamen Ernte die Ährenbündel seiner Geschwister sich zur Erde neigten, seine aber aufrecht stehen blieben.

Nun verbeugen sich die Brüder tatsächlich vor ihm, beteuern: „Wir sind deine Knechte“.

Für Josef binden die frühe Verheißung im Traum und dieser Moment sich zusammen. Darum weint er. Er ist gerührt durch den erlebten Moment der Erfüllung.

Wir verstehen, solche Sehnsucht und solcher Hunger werden nicht gestillt, wenn Menschen Recht bekommen, wenn sie Recht haben. Wenn wir  gar auftrumpfen: „Unser gutes Recht!“ Er wird auch nicht gestillt, wenn wir am Ende recht behalten. Das alles weiß Josef. Vor allem ist diesem klugen Kopf wichtig nun zu leben: dass das, was wir wirklich zum Leben nötig haben, das fällt uns zu. Das wird uns geschenkt! Es kann nicht eingeklagt – Zuneigung, Anerkennung, Liebe können nur geschenkt werden.

Mit dieser Weisheit wird Josef zu einem Zeigefinger Jesu. Er weist darauf, wie allein der Lebenshunger gestillt werden kann. Indem wir nämlich verstehen, was mein Du nötig hat, weil wir sensibel für unsere eigenen Sehnsüchte, Empfindlichkeiten und Hoffnungen bleiben. Indem wir sodann im Nächsten unseren Bruder sehen, indem wir ihm eine Tür öffnen, indem wir großzügig voran gehen, indem wir nicht nachtragend sind. Josef lebt vor, wie der Same der Liebe gesät wird, weil er selbst doch soviel Wert auf sie legt.

In diesem Moment des Gesprächs mit seinen Geschwistern wird Josef zur Quintessenz christlicher Wahrheit und christlichen Lebens. Amen

Gleich zu gleich – oder Unterschiede ziehen sich an

Trauansprache über 1. Joh 3, 18

Lasst uns nicht lieben mit Worten und mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit

für

Tine und Roman

Wuppertal-Cronenberg, 22. Juni 2019

Zur Auslegung des Trauspruchs darf ich erst einmal Atemholen. Denn es ist ein Partnerschaftsspruch, der auch gut ein ganzes Lebensmotto abgäbe! Nicht in süßen zu säuseln oder in wichtigtuerischen Worten zu schwadronieren, gar falsche Versprechen abzugeben, sondern im ganzen eigenen Verhalten glaubwürdig aufzutreten, eben Taten sprechen zu lassen, die für die Einstellung sprechen. Ein konsequentes Verhalten mit ethischem Fundament – soetwas nennen wir wahrhaftig.

Mit der Entscheidung für diesen Trauspruch im Gepäck kamt Ihr schon zum Vorbereitungsgespräch. Ihr wart Euch einig. Ein starker Aufschlag sozusagen.

Denn sagt der Volksmund nicht „Liebe macht blind“? Liebe Gemeinde, so wahr der Volksmund sonst spricht, so hilfreich es seit Martin Luther ist, dem Volk aufs Maul zu schauen, so klärend und abkürzend es sein kann, mit Volksmundwendungen zu sprechen – hier irrt er!

Liebe macht nicht blind. Verliebtsein macht blind. Es sieht nicht den anderen. Es sieht sich selbst. Fiebert seinen ErgänzmichDu entgegen. Und heißt es nicht, der Verliebte sehe alles durch eine rosarote Brille, also nicht wirklichkeitsgemäß?

Liebe dagegen macht sehend. Sie sieht den anderen so, wie er ist. Sie sieht ihn mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Du, Tine, siehst Roman und schätzt ihn richtig ein, wenn Du meinst, er sei ein Planer, jemand, der gern Entwürfe von seinem Leben, den nächsten Schritten macht, und der sich bevorzugt in ihnen einrichtet. Das gibt ihm Sicherheit. Die Wirklichkeit lieber erst einmal programmatisch skizzieren statt kopflos in unüberschaubare Abenteuer zu stürzen. Er verharrt und schätzt die ruhige Betrachtung. Ein typischer Aquarianer. Als Konstrukteur gelingt es ihm, mögliche Wirklichkeit aufs Papier zu bringen. Die skizzierte Möglichkeit erfüllt ihn und genügt ihm. Aufbruch in andere Welten ist eher nicht seins. Er ist in seinen vertrauten Radien zielstrebig und ein vorbildlicher Arbeiter.

Für ihn ist dieser Trauspruch wie maßgeschneidert und gleichzeitig wie ein Motto.

Du, Roman, siehst Tine und schätzt sie ebenfalls richtig ein, wenn Du ihre Neugier, Experimentierfreudigkeit, ihre Ungeduld auch und ihre plötzliche Eruptivität siehst. Sie kann launisch sein und auf jeden Fall spontan. Sie geht bei weitem nicht so planvoll und vorausschauend mit Geld um wie Du. Ihre Wohnungseinrichtung wird ihr nach kurzer Zeit schon wieder langweilig und sie beginnt alles umzuräumen. Möglichkeiten, Varianten fordern sie heraus. Also keinesfalls ein ruhiger Angler oder Aquarianer. Sie muss in Bewegung sein, im Aufbruch. Jeden Tag ein neues Ziel, das wäre ihr gerade recht. Aufbruch in andere Welten liebt sie.

Australien ist gerade weit genug gewesen als sie sich 2012 auf den Weg begab. Sie zieht große Kreise und bewegt sich leidenschaftlich in ihnen. Für sie ist der Trauspruch eine Landkarte. Er markiert ein Ziel und führt auf die bewegte Wanderung hin zur Wahrhaftigkeit.

Liebe macht sehend! Ihr seht einander jeweils so, wie Ihr seid.

Dabei seid Ihr so unterschiedlich. Jeder ganz anders. Hier könnte nun der Volksmund recht haben, wenn wir ihn zitieren: Gegensätze ziehen sich an.

Der Philosoph Platon nennt ein Unternehmen wie Eures kalos ho kindünos, eine schöne Herausforderung. Dazu lässt er seinen Lehrer Sokrates einen wunderbaren Mythos erzählen, dem vom Kugelmenschen. In Urzeiten sei der Mensch androgyn gewesen, hätte beide Geschlechter in sich vereint; und sei darum glücklich und ausgeglichen gewesen. Habe in sich geruht. So sehr, dass er es nicht für nötig hielt, die Götter um etwas zu bitten und ihnen vor allem deswegen auch nicht opferte. Diese, darüber erzürnte, hätten diesen Kugelmenschen zerschlagen, mit einem Hieb in zwei Hälften getrennt, eine weibliche und eine männliche. Seither suche der Mensch seine andere Hälfte, bliebe von der Sehnsucht nach dem anderen getrieben und strebe nach Vereinigung.

Und tatsächlich: Ihr ergänzt Euch. Du, Roman, bist Tines Ruhepol, Du erdest sie. Du, Tine, belebst Roman, lockst ihn hinaus in die Welt, so wie er Dir umgekehrt Heimat gibt.

„Aus dem Häuschen sein“, das kann er mit Deiner Hilfe, wie gut, dass Du so mitreißend bist.

Du hast seine Zielstrebigkeit als weiterführend erfahren. Seine Methodik als vorbildlich erkannt und in den Zeiten des Referendariats für Dich selbst übernommen.

Ihr beiden ergänzt Euch nicht nur vorteilhaft – im Wort steckt noch einmal wunderbar der Gedanke des platonischen Mythos „ein Ganzer werden“ drin. Vor allem habt Ihr dieselbe Sprache. Ohne diese nämlich kein Verstehen. Ohne sie kein Verständnis füreinander. Mit ihr schwimmt Ihr wie Romans Fische im selben Medium: dem Sport. Genau gesagt der Handballleidenschaft.

Nicht zufällig seid Ihr Euch in einem ähnlichen Umfeld 2012, beim Beachvolleyball nämlich zum ersten mal begegnet.

Kameradschaft (!) könnte das rechte Verständnis dafür öffnen, was es mit der „Wahrhaftigkeit“ in Eurem Trauspruch auf sich hat. Die Tugenden der Kameradschaft wollen buchstabieren, warum es in gelingendem Miteinander geht. Wollen Euer Beziehungsmantra sein und bleiben.

Denn Kameradschaft mußt auf dem unzeitgleichen Ausgleichen. 

Damit ist gemeint, dass mal der eine die Nase vorne hat, mal der andere mit einem Trainigsvorsprung zum Zugpferd wird. Mal der einen den anderen aufbaut, dann wieder der andere den einen trägt – oder einfach auch erträgt.

Mal heißt es bei Euch „los jetzt!“ und Du ziehst ihn aus dem Haus. Mal lädst Du sie in eheliche Häuslichkeit.

Nun könnten Sie alle fragen: gibt es denn kein Rezept, keine Faustformel für den Bestand einer Ehe? Kann man denn keine Überschrift setzen über all das mögliche Hin und Her. Da ist doch noch zu viel offen. So eine Universalformel, die man in fraglichen Stunden beschwört …

(Seiltrick)

1. Ist es die Schnittmenge der Hobbies, der Interessen, der Ähnlichkeiten?

2. Oder sind es die Unterschiede, die sich ergänzen und mit denen beide einander aufhelfen?

3. Oder ist es eben genau diese Wahrhaftigkeit, dass nämlich die Taten und die Worte nicht auseinanderfallen?

1. Also die Gemeinsamkeiten und das Verstehen.

2. Oder das gegenseitige Ergänzen.

3. Oder die Liebe, die immer ganz konkret gelebt werden will …

(Seiltrick wird aufgelöst)

Alle drei sind gleich wichtig! Ehe ist keine Hexerei. Amen.

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Predigt über Spr. 9, 1 – 9

Die Weisheit hat ihr Haus bestellt, hat es auf sieben Säulen errichtet. Sie hat geschlachtet und den Wein bereitet, sie hat die Tafel geschmückt und die Mägde ausgesandt, zu rufen oben von den Höhen der Stadt: „Wer noch unverständig ist, der kehre hier ein!“, und zum Toren spricht sie: „Komm, iss von meinem Brot und probiere jenen Wein, den ich gemischt habe! Verlasset die Torheit, so werdet ihr leben; geht auf dem Pfad der Klugheit!“ Die Weisheit ist Anfang der Furcht des Herrn, und den Heiligen erkennen, das ist Verstand.

Vielleicht gehören Sie zu den Schlagfertigen? 

Ich nicht. Wie oft gelingt mir die richtige Verpackung der Worte nicht, die zu sagen sind. Zu plötzlich der Anspruch, zu wenig die Zeit zum Überlegen, zu emotional die erste Reaktion.

Mir gefällt diese Bildrede Salomos über die gastfreundliche Frau Weisheit, weil sie mich an etwas erinnert. Wie wichtig es ist, wie eine Sache daherkommt: wiebestimmte Worte gesagt werden.

Obwohl der Sammler der Weisheitsgeschichten, König Salomo, selbst als Inbegriff der Weisheit gilt, man merke auf: die Weisheit wird von einer Frau personifiziert. Weisheit ist weiblich. Sie bereitet so vorausschauend vor, sie lädt so unwiderstehlich-wirksam ein, sie dekoriert alles so liebevoll, lobt die Bibel.

So werbend möchte auch ich reagieren können.

Offensichtlich kann man am Tisch der Frau Weisheit einiges für sich mitnehmen. Bekanntlich ist man, was man isst. „Du bist, was du isst.“

Vom Lernen ist die Rede. Davon, mich einladen zu lassen, um zu wachsen. Weise Leute sagen: Du musst erst drei mal tief durchatmen ehe du reagierst. Dies schenkt dir Zeit. Nimm dir die Zeit.

Tatsächlich: wer meint, nichts mehr lernen zu können, dem fehlt die Weisheit.

Erstaunlicherweise begegnet es mir oft bei alten Menschen, dass sie nichts mehr verändern wollen, meinen, es müsste so gehen, wie es schon immer gegangen ist. Ein Starrheit, der geradezu als Definition des Alters herhalten kann. Und den Alten wird Weisheit zugesprochen? Ein Automatismus, der an der Festtafel der Frau Weisheit noch einmal zu diskutieren wäre.

Mir gefällt dem gegenüber die Bescheidenheit des Athener Philosophen Sokrates, der immer wieder eingestand: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Unsere heutige Perikope predigt in seinem Sinne als erstes: Seid klug genug zu erkennen, dass ihr noch nicht klug genug seid!

Verblüffend, solche Weisheit. Wie die von Jesus, der oft so ganz anders reagiert, als wir es für gewöhnlich tun. Jesus, mit seiner sogenannten paradoxen Intervention, die ganz unvermutet dem Schläger die andere Wange darbietet; der damit Teufelskreise aufbricht und eben hilft, das Gewöhnliche zu verlassen.

Ein Verhalten, das die Welt verändert.

Und wie nötig hat diese Welt solche Klugheit. Unverhohlen ist die aggressive Machtpolitik der Stärkeren. Egal welcher Couleur. Die einen verleiben sich Teile der Ukraine und die Krim ein, die anderen drohen einer der ältesten Kulturen der Menschheit, dem Iran, einen Angriffskrieg an.

Nimm dir was, so hast´e was, heißt es kritisch bei Wilhelm Busch. Bis heute ist diese Seitenblickkultur das Ferment von Frau Torheit, die als Gegenpol der Weisheit in den folgenden Versen einlädt: „Gestohlenes Wasser ist süß, und heimliches Brot schmeckt fein.“

Wie gut täte der ganzen Welt die Klugheit Jesu. In der Politik wurde sie oft deutlich und gelebt durch die Geduld, das Warten auf Solidarität und die Friedfertigkeit Mahatma Gandhis. Einer, der wie der Mann aus Nazareth gewiss war: das Schönste kommt am Schluss.

Das ist die Verheißung, die mit der Einladung der Frau Weisheit an uns ergeht. Ihr werdet das Leben finden! Weniger nicht.

Leben heißt, in Beziehungen zu leben. Heißt gelingendes Miteinander. 

Vielleicht gehören Sie zu den Schlagfertigen. Aber vielleicht haben sie auch schon erfahren, wie gut es Beziehungen tut, wenn wir erst einmal nachdenken.

Diese Pausen schenken den Heiligen Geist. Weisheit und Geist, das hat miteinander zu tun:

dem guten Gedanken eine Chance zum Kommen zu geben;

der angemessenen Reaktion einen zweiten Gedanken zu widmen;

Fragen zuzulassen wie:

habe ich wirklich richtig gehandelt?;

oder besser noch die:

Wo drückt mein Gegenüber der Schuh?

Du bist, was du isst. Vom Brot des Lebens gern zu nehmen, heißt jemand zu sein, der das Leben auch rezeptiv versteht. Nicht immer alles machen müssen, sich durchsetzen – sondern auch geschehen lassen können. Dem Heiligen Geist die Möglichkeit zu geben zu wirken.

In unserer Welt scheiden sich an dieser Alternative die Geister. Die einen nennen solches Verhalten dumm – die anderen weise.

Je nach Weltanschauung. Je nach spiritueller Ausrichtung. Je nach eigener Positionierung.

Dafür hätten Sie gern eine Entscheidungshilfe? Kriterien?

Liebe Gemeinde, wahre (!) Religion allein schenkt Kraft, uns zu verändern. Wenn Sie dieses Potential in der Einladung der Frau Weisheit erkennen, dann haben Sie die richtige Antwort gefunden. Amen

Rückblick aus der Baumkrone

Predigt anlässlich des Festgottesdienstes 50 Jahre DRK Kreisverband, Waldrach 02. Juni 2019

über Jes 44, 23

Jauchzet, ihr Himmel, denn Gott hat gehandelt! Frohlocket, ihr da unten auf der Erde, brecht in Jubel aus, du Wald und all ihr Bäume darin!

Mit diesen Worte klingt das Paar „im Himmel wie auf Erden“ an, allumfassend soll die Feierlaune sein, die Begeisterung über die Tatsache, dass etwas gelungen ist.

So wie hier im Leben des DRK-Kreisverbandes, denn wir dürfen Gratulanten sein. Zum 50. Geburtstag laden zu können, ist ein Hinweis darauf, dass der Jubilar offensichtlich etwas richtig gemacht hat.

Vor kurzem ging die Frage um, was lässt uns denn lange und zufrieden leben? Die Antwort darauf lässt sich leichter merken, wenn wir die Überschrift beachten. Die Antwort lautet: das Beherzigen der „fünf L“.

Diese fünf „L“ stehen für:

lieben, lachen, lernen, laufen und leichter essen.

Es bedarf vor Ihnen keiner Vertiefung, dass das Deutsche Rote Kreuz wirkt im Umfeld von Gesundheit. Um um diese geht es bei den „L“. Lieben und lachen halten die Seele gesund, was auch nachgewiesener Maßen körperliche Auswirkungen hat; lernen den Geist; und laufen steht für Kondition und Beweglichkeit; schließlich auch die Art des Essens. 

Keine schlechte Faustformel, wenn unser Geschäft die Lebensqualität im Alter und bei Krankheit, die Genesung und Unterstützung bei der Rehabilitation ist; und im Kreisverband die Verantwortlichen mit der Organisation all dieser Ziele und Werte zu tun hat.

Das verlesene Bibelwort ist ein Festlied. Wir haben allen Grund zum Feiern und in ein Ständchen einzustimmen.

Auffällig ist die eine Metapher „Baum“. Wald und Bäume stehen im Festlied für Natur im allgemeinen.

Nicht schlecht, mit dem Bild eines Baumes zu gratulieren. Denn man sagt dem Geburtstagkind oft, es habe einen Jahresring zugelegt. Mit fünfzig Jahresringen ist ein Baum schon ein stattliches Gewächs. Hat manchem Sturm und manch dürrer Jahreszeit getrotzt. Mit seinen 50 Jahresringen ist auch ein Kreisverband wie ein imposanter Baum.

An einem Tag wie diesem ist das Geburtstagkind gut beraten, einmal in das Geäst dieses Gewächses in Gedanken emporzusteigen. Schaut es von dort oben zurück, wozu die Grußworte guten Anlass bieten, dann überschauen wir eine abgewanderte Strecke. Möge das Gefühl Zufriedenheit sein, das sich durch den Rückblick ergibt. Dankbarkeit vielleicht auch über die glückliche Passage schwieriger Wegstrecken. Und Freude im Blick auf die erlebte Gemeinschaft, das Glück des Gelingens, die Frucht der Arbeit.

Wendet sich nun der Betrachter dort oben und hält Ausschau, dann mögen die Verantwortlichen Ziele ausmachen, für die es sich lohnt, sich zu engagieren. Ziele im Sinne der guten Absichten des DRK, Visionen von gelingendem Miteinander, Aufgaben, für deren Erfüllung alle gern in die Hände spucken.

Und wenn dann Rückblick und Ausblick genossen wurden und der Abstieg herunter in den Alltag ebenfalls gelungen ist, dann möge sich die Einsicht einstellen, dass Gelingen und Erleben dürfen auch mit der nötigen Portion Fortune gesegnet sein müssen.

Hier sind wir an den Anfang des Festliedes zurückgekehrt: Gott hat gelingen lassen, auch sein Segen hat auffällig glücklich oder ganz klammheimlich dazu beigetragen, dass wir heute hier stehen.

Diesem Aspekt trägt nicht zuletzt der Gottesdienst selbst Rechnung. Wir danken, weil Gott geholfen hat und sein Quäntchen Segen den richtigen Gedanken, die Lösung, den notwendige Ausdauer, das rechte Wort zur rechten Zeit geschenkt hat.

Insofern stimmen wir in Gedanken genau in das Lied aus Jesaja ein.

Amen

nicht allein schlicht BROT

Gedanken zum Sakrament des Abendmahles nach der Lektüre von Gen 41 und Joh 6, 1-15

E s war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.

So erzählen Grimms Märchen, hier in „Sterntaler“, von der Armut.

Kein Brot mehr zu haben, gilt bei uns als Inbegriff von Hunger und Not. Und wir verstehen sofort den Zynismus, der in der Antwort von Marie Antoinette steckt, die auf die Erklärung der Minister, dass das Volk aufbegehre, weil es kein Brot mehr habe, gesagt haben soll „Dann sollen sie doch Kuchen essen“.

Allein, die Bedeutung von Brot muss noch etwas anders erzählt werden. Das wurde mir klar, als ich kürzlich bei Ali zum Essen eingeladen war. Er hatte mich zu seinen arabischen Freunden gebeten und natürlich gab es reichlich zu essen. Das Essen wurde in Schüsseln auf die Mitte des Tischtuchs gestellt. Und zwischen die Schüsseln waren Stapel von Fladenbrot gelegt. Besteck gab es keines. Man reißt sich ein Stück Fladen heraus, etwa zwei Handteller groß und greift sich damit den Inhalt aus den Schüsseln, sei es Hammel, sei es Salat, sei es Getreide.

Kein Brot zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nichts zum Essen zu haben, sondern nichts zum Essennehmen zu haben. Das war schon zu Zeiten Josefs und des Pharao so, das bliebt im Mittelmeerraum im römischen Reich das probate Mittel zum Essen, das war in Persien so und ist in den arabischen Ländern so geblieben. Brot heißt Fladenbrot und dient in weiten Teilen der Welt seit 10.000 Jahren als Instrument zum Essen und als Speise gleichzeitig.

Vor diesem Hintergrund dürfen wir die Ideen des Josef noch einmal neu in ihrer grundsätzlichen Bedeutung einordnen.

Mit Getreide wurde Politik gemacht. Die Kornspeicher im römischen Reich waren die besseren Wahlplakate. Denn die zur Wahl anstehenden Konsuln pflegten nicht nur in die Thermen oder die Arena an den Tagen vor der Wahl freien Eintritt auf ihre Kosten zu gewähren, sondern sie öffneten auch die Kornkammern und gaben den Scheffel zu Dumpingpreisen oder gar kostenlos aus.

Brot ist also nicht nur Grundnahrungsmittel, Getreide ist nicht nur die Basis der Tischkultur, sondern es ist zu allererst eines: Macht!

Davon erzählt unsere heutige Perikope. Die Speisung der Fünftausend. Denn, jetzt nach der Josefsgeschichte verstehen wir: auch zur Zeitenwende war es üblich, das Fladenbrot bei jeder Mahlzeit zu verwenden. Die Leute kannten ihre Abhängigkeit vom Mehl. Und die Leute wussten, dass die hohen Herren in Rom und in den Herrscherpalästen Jerusalems die Hand auf die Vorräte hielten. Brot und Macht waren für sie ein Synonym, waren für sie untrennbar verbunden.

Und nun das! 

Eine Geschichte, die zeigt, wie Jesus mit der Macht umgeht.

Die Erwähnung des nahen Passahfestes leitet das Verständnis des Lesers zum Thema Abendmahl. Johannes will uns verstehen lassen, dass es bei der bevorstehenden Selbstgabe Jesu in Jerusalem – „Ich bin das Brot, ich bin der Wein“ so wird er die Abendmahlsgaben deuten – dass er bei dieser anstehenden Selbsthingabe durchaus auf den ganzen Menschen als Empfänger abzielt. Es geht nicht um Glauben allein oder etwa nur ein frommes Gefühl. Es geht ihm darum, dass alle Menschen satt an Seele und Leibwerden!

So konkret will das Reich Gottes sein: alle Menschen sollen satt und zufrieden sein. Auf dieser Erde ist genug für alle da. Wie kann eine gerechtere Verteilung der Güter gelingen?

Genau davon erzählt die Perikope. Die Erwähnung eines unschuldigen Kindes als Bringer von Brot und Fisch gibt uns den Fingerzeig, dass es uns nur in kindlicher Unschuld gelingen kann, das Richtige zu tun.

Ich stelle mir die Sache so vor. Jesus gibt offenherzig. Die Leute merken: er hält nichts zurück. Denn unter den vielen Neugierigen sitzen auch etliche Skeptiker und solche, die auf Sensationen hoffen. Sie hatten sozusagen ihre Handies filmbereit und hofften auf einen Skandal. Doch Jesus und seine Jünger beginnen einfach nur das, was sie haben, zu verteilen. Sie denken an die anderen zuerst. Die Jesusleute geben und legen nicht zuerst etwas für sich zurück.

Das ist das eigentliche Wunder! Denn für gewöhnlich sind wir so, wie die mitten in der Menschenmenge. Erst mal abwarten, mal hinschauen, was die anderen machen. Und wie die sich für gewöhnlich verhalten, das wissen wir aus den Erzählungen vom reichen Kornbauern und vom reichen Jüngling. Sie versagen, als es darum geht loszulassen, sich nicht abzusichern, sich ganz in Gottes Hand zu wissen. Sie wollen und können nicht auf selbsterrichtete Sicherheit und Rücklagen verzichten. Sie haben mit dem Anreichern und Anhäufen begonnen und stützen sich darauf – weil? Ja, weil sie Angst haben, weil es ihnen an Vertrauen fehlt.

Hier aber geben Jesus und seine Jünger im vollen Vertrauen, dass auf Erden niemand zu kurz kommt. Und die Menschen merken das. Da gehen auf einmal die Ranzen auf, die Hirtentaschen und auch aus den Umschlägen der Gewänder kommen die Tomaten, die Brote, die Vesperschnitten, die man sich sicherheitshalber eingesteckt hatte, und das Obst. Auf einmal füllt sich das ausgebreitete Tuch zwischen den sich Lagernden und tatsächlich: alle werden satt!

Wir verstehen: dieser Aspekt vom Reich Gottes wird immer dann wahr, immer dann Wirklichkeit, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Dann hören die Einflüsterungen des Herrn der materiellen Welt auf: „Halte was du hast“, und: „Genug ist nicht genug.“ Diese Stimmen in uns verstummen.

Das Wunder der Speisung der Fünftausend ist also das, dass Menschen einander aufschließen mit ihrem eigenen Vertrauen. So ziehen wieder Freizügigkeit und Gastfreundschaft in unserer Welt ein. So rückt unsere Welt an die ran, wie sie um Gottes Willen sein soll.

Dafür steht Jesus in Person. Er ist das Gottvertrauen selbst. Sohn des Vaters. Er bringt sich nicht in Sicherheit. Er gibt sich hin.

Und die Leute verstehen immer noch nicht. Sie wollen ihn zum König machen. Das ist verständlich. Dass endlich die Menschlichkeit das letzte Wort behalte und die Drangsaliererei durch die Mächtigen aufhöre. neue Regeln für diese Welt, neue Gesetze, einen anderen König!

Doch, was Jesus will, ist etwas anderes. Sein Vertrauen soll ansteckend sein. Er will nicht König sein, will vielmehr, dass alle die Souveränität des Vertrauens erlernen. Eines Vertrauens, das Menschlichkeit gebiert. Er will die Hefe sein, die überall in uns aufgeht.

Daran denken wir bitte, wenn wir das Brot in uns aufnehmen, den Wein trinken, dass wir der Teig sein sollen, in dem Jesus als der Sauerteig aufgehen und Frucht bringen möchte. Es geht – er hat es gelebt.

Amen

Was die Mauer in Mexiko mit der Auferstehung zu tun hat

Eine Predigt über Lk 24, 13-32

Ostern feiern wir das Ende irdischer Begrenztheit.

Dass dieses Irdische ein Ende hat, gehört zu den bitteren Wahrheiten unseres Lebens. Wenn es gut geht, dann sehen wir zuerst unsere Großeltern sterben, eine Generation später folgen die Eltern, und wir verstehen, dass Sterben zum Menschsein gehört. Wenn unser Leben von besonderen Härten angepackt wurde, dann haben wir mitten im Leben Kinder hergeben müssen, gute Freunde verloren.

Wer geboren ist, ist alt genug zu sterben, sagte mir ein erfahrener Arzt.

Alles Irdische ist also Werden und Vergehen, weil diese Schwingungen auf und ab mit dem Sein der Materie untrennbar verbunden sind, Materie ein Kind von Schwingungen ist. Die Zeit selbst, wie Physiker jüngst gelernt haben, fügt sich in die Rahmenbedingungen dieser materiellen Welt.

Ostern feiern wir das Ende irdischer Begrenztheit.

Das ist ein Versprechen.

Es wächst aus dem schweren Acker der seufzenden Schöpfung. Also eben jener Welt, die entsteht um wieder zu vergehen, die unter ihrer Vorläufigkeit leidet. Die – noch kleiner buchstabiert – unter der Mühe leidet, die sie aufwenden muss um zu überleben, die nur hoffe darf auf noch offene Vollendung.

Und – das ist besonders wichtig – die sich aus Angst vor dem Tod vor ihm verbeugt. Denn eine Welt, die das Ende als Bedrohung empfindet, also alles tierisch-biologische Leben, steht unter dem Diktat dieses schlechtesten aller Berater: der Angst.

So vorteilhaft einerseits Angst die Vorsicht gebiert: das Individuum sich nicht vom Wolf erwischen lässt und auch nicht über jede lebensgefährliche Tiefe lehnt, sondern sich zu bewahren und fortzupflanzen vermag;

so lebens- und gemeinschaftswidrig rät diese Angst dem reichen Kornbauern in uns, größere Scheunen zu bauen, uns zu versichern, Zäune hoch zu ziehen und aufzuhäufen, was wir längst nicht mehr alles essen können.

Sie ist nicht nur eine Münze mit zwei Seiten, sondern sie rät uns zu bewahren, was in Wahrheit nicht bewahrt werden kann.

Dieser Widerspruch, diese Einsicht ist das Samenkorn von Ostern. Ostern grünt die Erkenntnis, dass physikalisches Leben zwar endlich ist – Wahrheit dagegen immerwahr.

Das hat Jesus zugleich begriffen und gelehrt. Diese Einsicht befähigt den Prediger aus Nazareth im nächtlichen Garten von Gethsemane, sich in Gottes Hand zu legen. Im Augenblick höchster Bedrohung für Leib und Leben bringt er dieses nicht in physische Sicherheit, schielt nicht auf die verbleibenden irdischen Jahre, sondern spricht: Nicht mein Wille geschehe, Vater, sondern Deiner!

Ein spirituelle Selbstüberwindung legt Zeugnis in diesem Gebet ab. Kraft des Vertrauens in Gottes führende Hand wird Jesus seine irdische Seite an dieser Stelle wohltuend los. Wahrhaftigkeit dürfen wir das nennen, dass einer das lebt, was er lehrt. 

Und tatsächlich erzählen seine Jünger und Zeitzeugen, dass man ihn gefangen, gefoltert und zu Tode gequält habe, dass Jesus aber nicht verloren hat, was ihn leben ließ, dass seine ansteckende Gemeinschaft, seine selbstlose Zuwendung, die so viele hat gesunden lassen, dass sein Vertrauen, seine Wahrheit nicht im Loch des Grabes verschwanden.

Als helle und quicklebendige Erscheinungsform Gottes konnte dieses wahrhaftige Leben auf einmal gelesen werden. Als weiterhin zwischen den Menschen lebendig und möglich. Nicht länger am gewohnten Gesicht des Nazareners zu erkennen, wie die Emmaus-Jünger erfahren haben, aber an der Haltung zu den Lebensgaben. Am Segen für Brot und Wein. Diese Jünger und später alle Nachfolger erkannten das; und sie verstehen in dieser Haltung zu den Lebensgaben den lebendigen Jesus zu sehen, den sie hinfort Christus nennen, weil die besondere Verbundenheit Gottes mit diesem Wahrhaftigen deutlich geworden ist.

Materielles Leben hat Grenzen. Aber es gibt ein Leben unabhängig von diesen Grenzen. Darauf setzte Jesus und seine Worte haben Kraft bis heute. 

Sie führen die Menschen hinaus aus ihrer Armut und den engen Grenzen, sein Eingreifen macht sehend und gesund, beflügelt das Miteinander und ermutigt, die Wahrheit des eigenen Lebens gegen alle alten Widerstände zu leben. Die Vision solcher Freiheit ist dem Volk Israel seit den Tagen des Aufbruchs aus den Baulagern der Knechtschaft unter dem Pharao mitgegeben. Der Jude Jesus hat diese Vision in seinem alltäglichen Tun verkörpert.

Die durch Ausgrenzung und andere Erfahrung kleinmütig Gewordenen hat er nicht übersehen sondern zurück ins Leben gezogen. Über die unzähligen Genesungsgeschichten hat die Bibel eine Überschrift gesetzt: Jesus ruft den toten Lazarus aus dem Grab ins Leben zurück.

Es ist also diese Haltung, dieser Glaube Jesu an den Vater im Himmel, an eine größere Welt als die sichtbare, an einen stärkeren Willen als den unseren, an die Wahrheit, die mehr als das optisch Sichtbare erhellt. Zeit Lebens hatte Jesus dafür ein Bild. Das Reich Gottes. Und wiedas Reich die Menschen miteinander leben lässt, dafür schätze er abermals ein Bild: das vom himmlischen Gastmahl.

Im PUBLIK-Forum von Ende Januar 2019 finden Sie ein dpa-Foto. Es ist vom Grat einer Grenze aus aufgenommen. Sozusagen die Kamera mittig quer auf den Grenzzaun aufgesetzt. Es ist der zwischen Mexico und den USA. So hebt sich die metallene Anlage wie ein Strich mitten durchs Foto, bis sie oben in der Bildmitte mit dem staubigen Horizont in der Ferne verschwimmt.

Ja, unser irdisches Leben hat Grenzen. Und meist richten wir sie selbst auf.

Aber das ist noch nicht alles. Auf beiden Seiten des Zaunes haben sich Gemeinden versammelt. Gleich in weiß gekleidete Priester sitzen links und rechts des Grenzwerks am äußern Kopf der Tafel. Und sie haben die beiden Tische zu einerTafel zusammengeschoben. Von beiden Ländern ragt sie auf den Zaun zu. An ihm berühren sich die Schmalseiten der Tafeln. Weißes Linnen ist über den Tisch geworfen und die amerikanische Gemeinde hüben und die mexikanischen Gläubigen drüben bilden je einen Halbkreis, so dass sie gemeinsam Schulter an Schulter einen perfekten Kreis um die Tafel bilden.

Vom Standpunkt der Kamera erscheint die Oberseite der Grenzkonstruktion nun wie ein Stamm und die weiße Tafel wie der Querbalken eines Kreuzes.

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Sie sind die gedeckte Tafel im Himmel, jene Brücke, die aus dieser begrenzten Welt, aus der Angst vor dem Tod, aus der Welt des Todes mit seiner Logik hinüber führt in eine Welt, in eine Tischgemeinschaft der Geschwister. Hier sitzt weiß neben schwarz und gelb neben rot. Die Passdokumente der Nationalstaaten haben keine Gültigkeit in diesem Reich. An dieser Tafel gilt die Logik der Liebe.

Sie bindet die Enden zusammen und führt in das Reich dessen, dessen Wille geschehen möge. Denn seine Wahrheit krankt nicht an der Endlichkeit sondern bleibt in Ewigkeit. Amen.