Humor und großes Herz

Traueransprache für Rolf Meurer

über die dritte Strophe des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“

von Matthias Claudius

Ettringen (Eifel) 20.03.2020

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen/ 

und ist doch rund und schön./ So sind wohl manche Sachen, 

die wir getrost belachen, / weil unsre Augen sie nicht sehen

eg 482

Sein und Scheinen,

Wissen und Wahrheit,

Vorurteile und Vernunft,

Matthias Claudius besingt die Zwiegespaltenheit unserer Wahrnehmung, unser Angewiesensein auf Wahrheit, er tut dies mit den Augen der Romantik, ein gefühlvoller Realist, der uns damit ein Bild von uns selbst vorlegt, ein Bild des Menschen mit Hilfe biedermeiernder Himmelslogik. Unser Wesen, nie einfältig, immer vielschichtig, widersprüchlich, oft zwischen mehrere Pole ausgespannt.

Im individuellen Leben sind dann unsere speziellen Prägungen, Wesenszüge, die uns einmalig machen, genau die Antworten auf die Grundkonstanten von Angst und Vertrauen. 

Bei Rolf fallen mir dazu beispielhaft seine Akkuratesse und sein Humor ein. Akzente im weiten Spannungsbogen einer vielfältigen Persönlichkeit. Akkuratesse ist dabei der Cantus firmus unter der Melodie seines beruflichen Erfolges, aber bildet auch die strenge Erziehung ab, die ihn prägte und zu dem machte, was er wurde. Beide Eltern waren Kinder der Kaiserzeit mit ihrer schwarzen Pädagogik und ihrem patriotischen Drill.

„Wenn du nicht lernen willst, dann nimm die Schaufel.“, legte ihm der Vater als prinzipielle Alternative vor: Arbeiter oder Akademiker.

Weniger mit preußischer Disziplin und Pedanterie, mehr subtil und im Gewand mütterlicher Zugewandtheit prägte dessen Frau ihn: legte auf ihn die Bürde des einzigen Sohnes, das Bewusstsein der Verantwortung.

Dieser Blick in seine Herkunft erklärt sein Gewordensein, erklärt, warum er in Schule und Büro die Stifte korrekt parallel legte und ausrichtete, macht deutlich, warum er durch fleißige Vorbereitung meinte, sich vor unliebsamer Überraschung schützen zu können, schenkt Einsicht in die Hintergründe seiner Abneigung allem Unvorhergesehenen, Liederlichen, Unaufgeräumten gegenüber. Klebrige Essensreste an den Fingern waren ihm ein Gräuel. Kurz: das Diktat der Eltern machten aus ihm später den Vater, der auf den Spielplatz seiner Kinder in Krawatte ging.

Rolf war kein Mensch, der gegen den Strom schwamm, nie der geborene Rebell, er teilte die Normen und Tugendvorstellungen der Gesellschaft, schätzte die ordnende Kraft der Verwaltung, stellte sich erfolgreich mit seiner guten Ausbildung als Bauingenieur, Mathematiker und Betriebswirt und mit seinen Begabungen in den Dienst des Wasserwirtschaftsamtes (1959 – 1974) und dann ab 1974 für den Rest seines Berufslebens in den der Bezirksregierung Trier. Dort bekleidete er erfolgreich den Posten eines Abteilungsdirektors.

Ein Zeitgenosse nennt ihn zielstrebig und genau, schätzt und kennt ihn als von „konzilianter Energie“, „immer habe ein freundliches Lächeln seine Mundwinkel auch in angespannter Situation umspielt“.

Mit dieser Wahrnehmung zeigt ein weiterer ganz wesentlicher Zug von Rolf Meurer Gesicht. Seine frohe Natur und sein schalkiger Humor. Letzterer konnte auch im Gewand von spitzen Bemerkungen daher kommen, wenn er zum Beispiel nach geduldigem Zuhören vom Kopf des Tisches Geistreiches ins Gespräch warf. Meist aber war sein Humor von auflockernder Fröhlichkeit. Er liebte den Witz. Er schätzte ihn in seiner doppelten Bedeutung von findigem Geist und guter Pointe. 

Nicht zuletzt darum war er ein gern gesehener Gast und seinerseits ein spendabler Gastgeber. Er liebte Gesellschaft und Gesellschaften und verstand sich aufs fare una bella figura. Er maß sich gern intellektuell und bereicherte das Gespräch. Aber er konnte auch aus der Haut fahren, wenn man seine Expertise in Frage stellte. 

Rolf Meurer war ein musischer Mensch und fühlte sich von der Lyrik ebenso angesprochen wie er sich selbst auf den Tasten des Klaviers auszudrücken verstand. Ein musikalischer Schöngeist und geselliger homme de lettres. 

Und sein Humor reichte vom trockenen Wortwitz bis zu ausgelassener Albernheit. Fern von mathematischer Korrektheit schlug hier die andere Seite seines Herzens. Sie konnte loslassen und locker feiern. Im Tennisclub, an der Bar, der der belebenden Gesellschaft von Freunden.

Auf diese helle Seite gehört auch der Menschenfreund, der offen und aufschließend auf jung und alt zuzugehen verstand. Dieser Wesensanteil zeigte sich zuerst in der Familie, aber dann unter Freunden und anerkannter Maßen  bei den Menschen die ihm beruflich anvertraut waren. Er ließ Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen krank feiern, wenn er wusste, dass diese Menschen in deren Familien dringend gebraucht wurden. Und umgekehrt dankten es diese ihm, schätzen sein inneres Führungsduo von vorbildlicher Disziplin und empathischer Menschlichkeit.

Rolf war allen Kindern liebevoll zugewandt. Die eigenen loben ihn dafür, dass er nach hartem Arbeitstag in der Bezirksregierung, nach zusätzlicher Sitzung des Arbeitskreises Landwirtschaft und Umwelt beispielsweise oder nach Teilnahme an der internationalen Kommission zum Schutz von Mosel und Saar, nach Tagung der Prüfungskommission, Zeit für ihre Anliegen hatte und Kräfte mobilisierte für ihre Förderung, das Abfragen von Hausaufgaben und das manchmal quälende Pauken für eine Klassenarbeit.

Der Blick auf ihn im Lichte des Mondes von Matthias Claudius lässt uns Rolf in seiner Bandbreite erkennen zwischen den anerzogenen Tugenden der Pünktlichkeit und der Genauigkeit einerseits, andererseits wird seine Würdigung erst voll, wenn wir auch den belesenen Musikliebhaber, den Menschenfreund, den von Lockerheit und Humor, den Liebhaber guten Lebens, den warmherzigen Menschen erkennen und würdigen. 

Sein eigener Blick hinauf auf den nächtlichen Mond ließ ihn auch Grübler sein, ließ ihn zum stillen homo religiosus werden, dem nachdenklichen, der zweifelnd und offen für die Wahrheit einer anderen Welt jenseits aller physikalischen und wasserwirtschaftlichen Wirklichkeit war. Der konfessionsmäßig liberal eingestellt war.

Ihm, dem in jener Welt Anfragenden, scheint nun der volle Mond, keine Schattenseiten bleiben. Das Licht von Gottes annehmender Liebe strahlt ihm entgegen und nimmt ihn auf in seinem Reich himmlischer Vollendung. Hier galt für Rolf das Gedicht von Hans Sahl; dort aber bleibt er als guter Gedanke Gottes in Ewigkeit:

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus

in eine Zukunft jenseits aller Sterne,

und was ich war und bin und immer bleiben werde,

geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,

als wär´ ich nie gewesen oder kaum.

Amen

Urgestein mit Blick über den Tellerrand

Traueransprache für Hildegard Zimmermann, geb. Jung

Wir verabschieden heute einen Menschen, der zu Ruwer dazugehört, der von jedem vor 1990-Geborenen gekannt und anerkannt wurde, der den Eindruck dieses Ortsteils mitbestimmt hat und der zum Kolorit des Ortes an Ruwer und Mosel durch die individuelle Persönlichkeit beigetragen hat. Das halbe Jahrhundert zwischen 1950 und der Jahrtausendwende hat hier vor Ort auch sein Gesicht durch das ihre erhalten.

Hildegard Zimmermann, geb. Jung gehört zu den anerkannten Unternehmerpersönlichkeiten, die kein Aufhebens von ihrer Besonderheit machen. Wohl, weil sie von Geburt an hineingewachsen war in die Selbstverständlichkeit des Familienbetriebes. Sie war sich gleichzeitig bewusst, dass sie vom Mythos umgeben war, die erste Evangelische in Ruwer gewesen zu sein. Doch das gehörte mehr in das Repertoire ihrer schnurrigen Geschichten. Tatsache war eben auch, dass bei der Fronleichnamsprozession vor der Apothekentür der Familie ein Altar aufgebaut war. Die Familie war also von Anfang an mit den örtlichen Traditionen vertraut – und sie war dadurch „eingebürgert“, wie ein Jahrgangsgenosse sagte. 

Und sicherlich ist eine Apotheke, die 70 Jahre in Familienhand ist, als ein erfolgreiches Unternehmen zu bezeichnen, doch diese Formalität ist Nebensache, angesichts der geschätzten Persönlichkeit von Hildegard.

In Trier am 05.07.1939 geboren wurde sie, weil die Mutter zwar eine Saarländerin war, Kleinblittersdorf war und blieb der Bezugspunkt der mütterlichen Linie und oft wurden dorthin noch Ausflüge gemacht, um die Verwandten zu  besuchen, doch Hildegards Vater war Trierer, darum kam es 1938 zu der beiden Ansiedlung in Ruwer. Und hier wurde im Jahr drauf Hildegard geboren und auf den Namen Hildegard Konstanze getauft.

Zwei Monate nach ihrer Geburt warf das Deutsche Reich die Fackel zum Weltenbrand über die polnischen Schlagbäume. Ein Ereignis, das der kleine Säugling weder mitbekam, noch von dessen Konsequenzen jemand am Paulinsufer eine Ahnung hatte. Die Angstzustände, die Hildegard in ihrem späteren Leben in Abständen zu schaffen machten, können ihre Initialzündung in den Nächten im Keller in der Rheinstraße gehabt haben. Es gab die dunkle Erinnerung an ein Kinderbettchen, das im Keller für sie im Falle eines Bombenangriffs bereit stand, und die Erinnerung an eine Szene auf der Straße, als Jagdflieger Ruwer überflogen und wahrscheinlich Gerta Zimmer es war, die das unbedachte Mädchen in einen Hauseingang zerrte.

Die tatsächlichen Toten, die Familie und das Vieh im oberen Paulinsgarten und die vielen toten Zivilisten und Soldaten, die im Stollen (kurz vorder ARAL) ihr Leben ließen, hat Hildegard selbst nicht gesehen. Aber die Angst wird sie gespürt haben und das Unvorhersehbare, das im Falle eines Falles zu befürchten war. Der Lärm der Detonationen auch, die in ihr junges Leben einbrachen, insbesondere des Angriffs Weihnachten 1944.

Hildegard blieb Einzelkind. Nach dem Krieg besuchte sie die Volksschule in der Rheinstraße und wurde als begabtes Kind aufs AVG nach Trier geschickt.

Vielen kennen sie aus der Schulzeit als das brave Mädchen, das des morgens mit im „Roten Elias“ fuhr. Ein Kind ohne Arg. Noch mehr aber erinnern sich die Kameraden an die lustige Jugendliche, die gern feierte.

Als sie das Studium der Pharmazie in Main aufnahm, starb ihr Vater Emil.  Emil, der im Ort bekannt für seine Marotte war, mit dem leeren Glas in den „schwarzen Raben“ gegenüber zu gehen, sich dieses füllen zu lassen, um im Anschluss das randvolle Glas mit ausgestrecktem Arm über die Straße zurück in die Apotheke zu „zelebrieren“.

Die Mutter, selbst Pharmazeutin, führte die Apotheke mit souveräner Hand. Viele Hände wurden gebraucht. Es gab Assistentinnen. Und Hildegard erinnerte sich, zu Fuß nach Trier gelaufen zu sein, um Substanzen für die Medizin abzuholen oder in die Zweigstellen nach Waldrach geschickt worden zu sein, um Medikamente auszuliefern.

Was sie vom Vorbild der Mutter auf jeden Fall lernte war deren fleißige Art, mit der sie Überblick behielt und alles im Griff hatte.

Es mag dieses mütterliche Vorbild gewesen sein, mit dem sie selbst später über das Lernen und Werden ihrer Kinder wachte. Denn eine Familie zu haben, war ihre größte Sehnsucht. Um über den Tellerrand des kleinen Ortes hinaus suchen zu können, annoncierte sie in der Apothekerzeitschrift. Und so wurden sie aufeinander aufmerksam und fanden einander 1974/75.

Im Jahr darauf wurde geheiratet und 1978 wurde Ihnen beiden der Sohn Christoph geschenkt. Übers Jahr darauf kam 1979 Andreas dazu. Und die Familie komplett machte 1984 Stephanie.

Hildegard widmete sich ganz den Kindern und ihrer Familie. Einerseits ermöglichte das ihre Mutter Käthe, die bis ins 78. Lebensjahr berufstätig bleib. Andererseits hatte Hildegard auch einen Apotheker geheiratet. Und diese Umstände ermöglichten es ihr, sich ganz ihren Lieben zu widmen.

Diese Konstellation führte zu der in einem Ort wie Ruwer typischen Kategorisierung, dass der Apotheker lange „Hildegard Jungs ihr Mann“ blieb.

So dorftypisch das einerseits sein mag. Die Erfindung des Begriffs wirft ein eindeutig anerkennendes Licht auf Hildegard selbst, die als Schlüsselgestein in der Bevölkerung durch diese Begrifflichkeit geadelt wird.

Hintergrund ist nicht nur das Fleißerbe ihrer Mutter, die Bedeutung, die eine Apotheke für Ruwer hatte, sondern die umgängliche Persönlichkeit von Hildegard. Sie hatte eine entgegenkommende Art, einen extrovertierten Sinn für die Menschen, die sie umgaben, sie war offen und ansprechbar. Die Menschen schätzten und honorierten es, das sie fürs Gespräch mit ihnen zu haben war.

Die Familien Jung und Zimmermann führten ein offenes, integrierendes Haus. Nicht nur die Mutter Käthe lebte mit unter dem einen Dach. Die Helferinnen waren oft zu Gast. Und es gab das Faktotum Hilde Badem, die mit zur Familie gehörte. 

Eine ganz wichtige Person im Gravitationsfeld der Familie war Gerta Zimmer. Sie hatte schon Hildegard gewickelt als diese noch Säugling war und später war sie Hand als deren Tochter Stephanie gewickelt und großgezogen werden wollte. Gerta saß mit der Familie unterm Weihnachtsbaum und Gerta fehlte bei keinem der wichtigen Feste.

Dieses Verwobensein mit den Menschen vor Ort war Hildegard eine Selbstverständlichkeit und Stütze gleichermaßen. Deren Bereitschaft hielt ihr den Rücken frei, sich um die Kinder zu kümmern. Und das tat sie mit Erfülltheit. Sie kochte dem Erstgeborenen sein Lieblingsesse, sie war es, die die Vokabeln abhörte, die hinter den schulischen Leistungen der Kinder her war, denn Fleiß und der Ehrgeiz für gute Ergebnisse waren ihr selbst mit auf den Weg gegeben worden. Entsprechend anerkennend freute sie sich über gute Noten, was das seine zum Fleiß der Kinder beitrug.

Sie war aber auch eine fürsorglich nachfragende Mutter. Und in gewisser Weise das Urbild dessen, was wir heute eine Helikoptermutter nennen, also ein Elternteil, der die Kinder zu jeder Schul-, Tanz- oder Sportveranstaltung in die Stadt fährt und sie wieder abholt.

Wir können uns die Krise vorstellen, die eintrat, als das jüngste Kind ausgezogen war, als die vertraute Tages- und Versorgungsstruktur sinnlos geworden war.

Sie horchte vermehrt in sich hinein. Ihrer Arthrose gab sie den unvermeidlichen Raum. Sie nahm an äußerer Unbeweglichkeit zu. Und die innere wurde fixiert von den immer wieder auftauchenden Ängsten.

Hildegard verließ das Haus immer seltener. Seit 2012 kam der Pflegedienst ins Haus. Die Telefonnummern, die sie wählte, waren irgendwann nicht mehr angeschlossen. Dazu gehörte die von Gerta Zimmer, die 2017 verstorben ist.

Im Mai 2018 war Hildegard dann in Reinsfeld mit ständiger Betreuung besser untergebracht.

Mit dorthin genommen hat sie Fähigkeit Klavier zu spielen, die sie vor wenigen Jahren wiederentdeckt hatte. Einmal mehr und für sie ganz typisch sammelte sie die Menschen um sich, denen sie nach wie vor Positives zu geben verstand.

Aber Anfang dieses Jahres wurde sie dann bettlägerig. Und nun ist sie eingegangen in die Versammlung, die vor Gott spielt. In seinem letzten Buch (Ufergedanken) schreibt der Theologe Jörg Zink „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.

Amen.

Queen Mum

Traueransprache über Ps 107, 6. + 7.

für

Christel Kettig

am 23. Januar 2020 in Grünhaus

Die zum Herrn riefen in ihrer Bedrängnis, die befreite er aus ihrer Angst, und er führte sie den richtigen Weg, dorthin, wo sie gut leben konnten.

Im Rückblick versteht der Mensch oft, sieht die gute Führung und erkennt die Zusammenhänge. Im Vorfeld zu wissen, was falsch und was richtig ist, das ist eine Herausforderung.

Herausgefordert war auch Christel Schonebohm. Früh schon, denn sie war die älteste der drei Geschwister und darum seit Kindesbeinen mit der Verantwortung für die jüngeren betraut. Das ist ein Teil der grundlegenden Erfahrung, die sie prägte. Verantwortung zu übernehmen und anzusagen, wo es lang geht. Es kommen einige Faktoren zusammen, die ihren Anteil beigesteuert haben zu einem Charakter, der schon in jungen Jahren ein Bild klares davon hatte, wie etwas richtig gemacht wird und wie man es nicht zu machen habe. Denn auch ihr selbst gab Sicherheit die Bestimmtheit, dass eine Sache so und nicht anders richtig sei. Für sie war eine solche Positionierung gleichsam wie ein Geländer am schwierigen Weg der Möglichkeiten. Eine Orientierung, die ihr im Ton der Zeit schon im Elternhaus mit auf den Weg gegeben wurde. Da gab es kein Dazwischen, kein grau, nichts, über das man hätte debattieren können.

Vorschnell wäre ihr gegenüber aber eine Kategorisierung als typisch westfälischer Dickschädel, denn genetisch stammte nur die väterliche Linie aus Westfalen, die mütterliche aus Schwaben. In dieser Mischung lebten die Eltern seit einer Generation als Bauern in Posen. Rein geografisch ist sie gebürtig in dieser fruchtbaren Ebene zwischen Bromberg und Breslau. Blumenau, der Ort ihrer Kindheit, wurde von ihr stets als Hort der Glückseligkeit beschrieben.

„Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude,

ich erwachte und sah es ist Pflicht.

Ich handelte und siehe,

die Pflicht war Freude“

Diese Weisheit Rabindranath Tagores setzte Christel wie eine Maxime über ihre früh gewonnene Einstellung. Sie zitierte den Dichter oft und schrieb mit dem Zitat gleichsam eine Überschrift über ihre eigene Haltung.

Kein Wunder also, dass zunächst ihre eigene Tochter streng in das Regelwerk der deutschen Orthographie eingewiesen wurde, später ihre Enkelin Friederike beim Lernen vom Takt der großmütterlichen Vorgaben profitierten. „Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen“, hieß es. Und umgesetzt wurde der Bogen von Anspannung und Entspannung, von Arbeit und Belohnung, in dem die Hausaufgaben und Klavierstunden betreuende Großmutter kochte, buk und die entspannende Teestunde nach dem Abfragen der Vokabeln zelebrierte.

Doch das war alles viel später, jüngste Vergangenheit sozusagen. Denn vergessen wir nicht, Christel ist der Zeuge eines ganzen Jahrhunderts. In der Weimarer Republik geboren. Im Takt des Gleichschritts von Soldatenstiefeln zur Schule gegangen. Gelitten unter dem Krieg und seinen Folgen. Christels Vater wurde eingezogen, der Bruder geriet in russische Kriegsgefangenschaft, die Schwester litt und wurde krank. Die Familie verlor die Heimat. Und es gehört zu Christels traumatischen Stunden, was sie nach der ersten Fluchtetappe in der untergehenden Reichshauptstadt erlebte. Von den Eindrücken der bombardierten Stadt, brennender Menschen erholte sie sich auf dem Gut von Frau Melchian, nur, um sodann vor der russischen Besatzung zu Verwandten ihres Vaters nach Porta zu flüchten.

Tatsächlich führte Gott sie nach Barkhausen, wo sie 1951 in den Hafen der Ehe einlief, wo den Eheleuten 1959 die Tochter Kerstin geschenkt wurde, wo 1964 ein eigenes Haus bezogen werden konnte, wo sie mit ihrer Kochkunst ihre Lieben verwöhnte, wo sie intensiv beim Schützenfest mitfeierte, wo die Familie zwischen 1964 bis ins Jahr der Jahrtausendwende in der Jägerstraße ihren Mittelpunkt hatte.

Auch hier wieder die Freude an der Selbstbestimmtheit. Eine Vereinsmitgliedschaft kam nicht in Frage, denn sie wollte ihr eigener Herr bleiben.

Als 1987 ihre Mutter starb, war es so, als ob nun Christel an den Platz ihrer „Queen Mum“ aufrückte.

Hut ab also vor der Entscheidung, einen Menschen mit einem solch eigenen Kopf ins Haus auf zu nehmen. Zumal es anders kam, als gedacht, denn Christels Mann verstarb leider schon nach einem Jahr hier in der neuen Heimat an Ruwer und Mosel.

Für sie selbst bewährte sich dann aber einmal mehr, dass sie sich stützte auf Disziplin im Umgang mit Unwägbarkeiten und Trauer. Schnell hatte sie neue Aufgaben gefunden, angefangen bei der Versorgung der Enkeltochter bis hin zum Garten. Der gedieh unter ihrer Wachstumsaufsicht, denn sie widmete sich täglich zwei Stunden den Blumen und dem Rasen. Stunden, die ihr gesundheitlich sehr zugute kamen, brachten sie doch Bewegung und Sinn mit sich.

Disziplin bewies sie auch in Sachen Ernährung. Sie achtete auf die Kalorien legte Wert auf die äußere Erscheinung. Grande Dame ganz bei den entsprechenden Anlässen.

Alles Dinge, die ihren Genen die Chance gaben, ihr volles Potential zu entwickeln. „Das Leben währet siebzig, wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre“, heißt es im Psalter. Ihr waren – es fehlt nicht viel – fast einhundert vergönnt. Ein Geschenk, zumal sie so gesund blieb, dass sie bis vor drei Jahren die Wachstumsaufsicht im Garten führen konnte.

Dann begann die Zeit, wo Kinder und Enkel ihr von der Liebe zurückgeben konnten, die sie durch sie empfangen hatten.

Vertreten auch durch Frau Breit, die ihr zu einer geschätzten Gesprächspartnerin und Vertrauten geworden war.

Aufzuzählen sind die Gespräche und Fahrdienste der Kinder Apotheke, Arzt, Einkauf; besonders erwähnenswert scheint mir auch das halbe Jahr, in dem ihr Schwiegersohn sich intensiv um sie kümmern konnte, eine Zeit, die die Beziehung der beiden bereicherte.

Fast achtundneunzig Erdenjahre, die Zeugnis von einer guten Wegweisung ablegen. Nicht überhört haben wir dabei alle, dass Christel ein Mensch war, der selbst gern die Führung inne hatte, im Besitz der Wahrheit auftrat. Sie ist damit nicht schlecht gefahren, zumal sie sich nicht scheute, ihre Position im Streitgespräch intensiv zu verteidigen. Nach solcherlei Auseinandersetzungen pflegte sie zu resümieren: „Wir haben uns doch wunderbar unterhalten“.

Nun sagen wir „Danke“ für dieses Leben. Es liegt mit seinen Licht- und Schattenseiten vor Gott wie ein offenes Buch. In sein Buch des Lebens sind ihre Jahre eingeschrieben. Und vor ihm, dem Unsterblichen, wird sie lebendig bleiben. Denn jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes.

Geben wir Christel heute ihrem himmlischen Wegweiser und Schöpfer zurück.

Amen

Jesu Auftrag gefolgt

Traueransprache über Mt 6, 21

für

Emma Ken, geb. Fuchs

17. Januar 2020, Pfalzel

Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz

Ein Wort Jesu, das über dem Leben und der Würdigung von Emma Ken stehen soll. Dieser Bibelvers war schon der Konfirmationsspruch ihrer Mutter, den diese 1907 zugesprochen bekam.

Es ist ein wichtiges Wort für unser eigenes Leben, denn es stimmt, woran wir unser Herz hängen, das bestimmt auch unser Leben. Hängen wir es an irdische Güter, an Besitz, dann werden wir ängstlich und fürchten den Verlust, sammeln wir Schätze im Himmel, dann führen wir ein freies und im Sinne Gottes glückliches Leben.

Dieser Rat Jesu steht gleichsam als Überschrift über dem Leben von Emma. Und wir werden sehen, dass dies ein zutreffender Satz ist.

Emma Fuchs wurde am 07. November 1923 Ersary in Turkmenistan geboren. Das ist jetzt fast ein Jahrhundert her. Das bedeutet, dass Gott ihr weit mehr an Jahren geschenkt hat, als es die Bibel für normal hält. Im Psalter heißt es, das Leben währet siebzig, wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre. Emma waren 97 vergönnt. Das ist allein ein Reichtum, für den wir zu danken haben.

Reich war die Familie auch an Kindern, Emma hatte fünf Geschwister. Zu ihrer Schwester Natalja, verheiratete Grimm hielt sie ein Leben lang regen Kontakt. Das gelang durch die Wirren des Krieges nicht zu allen Schwestern und Brüdern. Wir dürfen nicht vergessen, dass Emma eine Zeitzeugin eines bewegten Jahrhunderts ist. Fast noch in der Zarenzeit geboren, sprach sie zunächst in der deutschen Enklave mit allen deutsch. Die Sowjetunion begann 1917 und erstarkte 1922. Mit Stalin wurde Russisch Pflichtsprache. Das erlebte die zehnjährige Emma, als sie mit ihrer Familie nach Bayram-Ali zog, eine Landstadt nicht mehr weit weg von der Grenze zum Iran. Der Vater war Schmied und hatte in der Stadt gute Arbeit. Ab diesem Zeitpunkt musste auch Emma in der Schule Russisch sprechen, bzw. es lernen.

Abermals das Schicksal vieler hunderttausend Deutschstämmiger erlitt sie mit der Mehrzahl ihrer Geschwister, als Nazideutschland die Sowjetunion überfallen hatte und die Russen die deutsche Minderheit nach Sibirien befahl. Emma Fuchs kam 1943 nach Tscheljabinsk, genauer nach Korkino, einem 25 km südlich gelegenen Ort.

In dieser Phase lernte sie Paul Ken kennen und lieben. Die beiden heirateten 1947. Ihnen wurden in den folgenden Jahren die Kinder

  • 1948 Lilli
  • 1949 Anna
  • 1952 Paul
  • 1954 Viktor

geschenkt.

Als Viktor ein Jahr alt war, zog die Familie nach Turkmenistan zurück.

Emma arbeitete zunächst als Hausfrau, 1962, als ihr Jüngster bereits in die Schule ging, begann sie als Küchenhilfe und wurde bald Köchin in der Kantine einer großen Steinfabrik.

In dieser blieb sie bis zum Eintritt in die Rente 1978.

15 Jahre später ging sie noch einmal einen großen Schritt. In der Mitte ihrer Familie siedelte sie, abermals im Strom mit hunderttausenden von Landsleuten, nach Deutschland um. Die erste Station war die Klostermühle zwischen Lorscheid und Herl. Dann folgte Pfalzel.

Hier durfte Emma noch einmal fast eine Generation lang leben. Die Zeit von 1993 – 2020, also fast 27 Jahre. Jahre, die sie in aller Bescheidenheit verbrachte. Sie war geborgen in der Mitte ihrer Familie, lebte bei ihrem jüngsten Sohn und ihrer Schwiegermutter. Und sie gab umgekehrt die Geborgenheit, die eben eine Mutter gibt, die das Leben von Kindern und Geschwistern begleitet, die die großen Stunden miterlebt und die sie teilt.

Dazu gehörte bei ihr vor allem der Stolz über Enkel.

Besondere Zeiten waren für sie die gemeinsamen Urlaube. Unvergessen ist der in Spanien, in den sie mit Sohn, Schwiegertochter, Enkeln und ihrer Schwester Natalja reiste.

„Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz“. Emmas Herz schlug für ihre Familie. Das ist ein Leben im Sinne Gottes. Denn unser Gott, Vater – Sohn und – Heiliger Geist ist die „Beziehung höchstpersönlich“. Emma ging es um Beziehungen. Sie nahm Anteil am Leben der Ihren.

Für sich selbst stellte sie keine Ansprüche. Diese Bescheidenheit hatte sie in einem Leben voller Entbehrungen gelernt.  Eine manchmal bittere Erfahrung, die ihr half, ihr Geschick und nun im Alter auch ihre Krankheiten anzunehmen. Das ist klug im Umgang mit sich selbst. Das machte aber vor allem den Umgang mit ihr einfach.

Als sie die 80 überschritten hatte, musste sie in die Wohngemeinschaft mit Sohn und Schwiegertochter aufgenommen werden. Auch in dieser Phase blieb sie die zufriedene Frau, die dankbar für jede Art von Zuwendung und Aufmerksamkeit war.

In ihren letzten Tagen schloss sich der Kreis, sie kehrte in Gedanken ganz an den Anfang ihres Lebens zurück, ihre Mutter war ihr wieder gegenwärtiger und sie erlebte ihre Kindertage noch einmal.

In gewisser Weise hat sie so Kontakt zu denen aufgenommen, die vor ihr gegangen sind.

Für uns ist wichtig, dass sie zu ihrem Schöpfer zurückkehrt. Denn vor ihm bleiben alle seine Kinder lebendig.

In das Licht seiner hellen Liebe wollen wir Emma entlassen. Uns bleibt die Erinnerung an eine bescheidene Frau, die ihr Leben im Sinne der Worte Jesu geführt hat, die ihr Herz an Menschen hängte und sich nicht dem Besitz verschrieb. Wir dürfen sicher sein, dass sie einen Schatz im Himmel gesammelt hatte und nun dort Frieden in Ewigkeit hat.

Amen

Sprachlosigkeit als Krankheitsursache

Über die Perikope zur Jahreslosung (Mk 9) 2020

Als sie (vom Berg der Verklärung) zu den Jüngern zurückkamen, sahen sie diese inmitten einer großen Menschenmenge, von Schriftgelehrten in ein Streitgespräch verwickelt. 15 Die Volksmenge erkannte ihn sofort und wurde ganz aufgeregt. Die Leute liefen zu ihm hin und hießen ihn willkommen. 16 Und er fragte sie: »Worüber hattet ihr Streit mit meinen Jüngern?«

17 Ein Mann aus der Volksmenge antwortete: »Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem bösen Geist besessen, der ihn der Sprache beraubt hat. 18 Wenn der Geist ihn packt, wirft er ihn zu Boden. Er bekommt Schaum vor den Mund, knirscht mit den Zähnen und sein ganzer Körper verkrampft sich. Ich habe deine Jünger gebeten,  dass sie den Geist austreiben – aber sie konnten es nicht.« 19 Da antwortete er ihnen: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation? Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir!« 20 Und sie brachten den Jungen zu Jesus. Sobald der Geist Jesus sah, schüttelte er den Jungen durch heftige Krämpfe. Er fiel zu Boden, wälzte sich hin und her und bekam Schaum vor den Mund. 21 Da fragte Jesus den Vater: »Wie lange hat er das schon?« Er antwortete: »Von klein auf. 22 Der böse Geist hat ihn auch schon oft ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Wenn du kannst, dann hilf uns! Hab doch Erbarmen mit uns!« 23 Jesus sagte: »Was heißt hier: ›Wenn du kannst‹? – Wer glaubt, kann alles!« 24 Da schrie der Vater des Jungen auf: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben.« 25 Immer mehr Menschen kamen zu der Volksmenge.  Als Jesus das sah, gebot er dem unreinen Geist: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlasse den Jungen und kehre nie wieder in ihn zurück!« 26 Da schrie der Geist auf und schüttelte den Jungen durch Krämpfe hin und her. Dann verließ er ihn. Der Junge lag da wie tot. Schon sagten viele: »Er ist tot.« 27 Aber Jesus nahm seine Hand und zog den Jungen hoch. Da stand er auf.

28 Dann gingen Jesus und seine Jünger nach Hause. Als sie allein waren, fragten die Jünger ihn: »Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?« 29 Er antwortete ihnen: »(Krankheiten) dieser Art können nur durch das Gebet ausgetrieben werden.«

„Hast du deine Mathearbeit gut vorbereitet?“, fragt der Vater seine Tochter. „Ich glaube, bei der Mathearbeit hilft nur noch beten“, antwortet diese. „Meine Liebe,“ darauf der Vater „da hast du etwas missverstanden. Beten ist nicht für die Wunscherfüllung da. Es dient dazu, eine andere Haltung zu gewinnen. Aber für deinen Fall hat der liebe Gott die Arbeit erfunden!“

Um das Verhältnis von Glauben und eigner Verantwortung geht es. Um Selbstvertrauen und die richtige Einstellung zu eigener Ohnmacht. Es geht um das Vertrauen in Gott, seine Führung und die Kraft, das eigene Schicksal anzunehmen, auch wenn es nicht unseren Wünschen entspricht. Wie oft rufen wir angesichts eines Schicksalsschlages in ungeeigneter Weise nach Gott!

Statt „Richte Du es, lieber Gott, verändere die Wirklichkeit zu meinen Gunsten; hol mich hier raus“ sollten wir darum bitten, unser Schicksal annehmen zu können.

Menschen in ihrer Not greifen nach jedem Strohhalm. Sie benötigen eigentlich den Glauben von Jesus, aber angesichts seiner Jünger und Nachläufer sind sie der Ansicht, auch diese vermöchten all das, was der Meister kann. Sie suchen die Lösung außerhalb ihrer selbst.

Im übertragenen Sinne stellt die Erzählung eine Frage an Jesu Nachfolger, also an die Kirche! Kann sie den ersetzen, den sie auf Erden vertritt? Und wenn Ja wie? An späterer Stelle fragen die Jünger ihren Meister, warum sie versagt haben, und er wird ihnen antworten, dass im vorliegen Fall nur Beten hülfe, also eine spirituelle Einkehr am Muster von Jesu Gebet in Gethsemane „Herr, nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner!“ Diese Bitte macht deutlich, dass der Mensch sich durch Beten in heilsamer Weise selbst los wird.

Dass er ein neues Selbstverhältnis oder ein neues Verhältnis zu den Umständen findet, die ihn haben beten lassen.

Jesus öffnet den Jüngern die Augen dafür, dass der Vater durch Reflexion seiner Haltung, eben durch Beten, schon früher und durch sich selbst hätte hilfreich werden können.

Wir staunen zunächst einmal, dass der betroffene Vater noch Hoffnung hat. Von Kindesbeinen an leidet sein Sohn unter einer Krampfkrankheit, die genau beschrieben wird. Es ist nicht wichtig, dass wir ihr eine Diagnose, einen Namen als Überschrift geben. Denn die Erscheinung der Krankheit ist nur das Symptom einer Befindlichkeit, die auch als Folge des Verlusts der Sprachfähigkeit beschreiben wird. Das erste Wunder ist also zunächst, dass der Vater nicht allen Glauben verloren hat und schimpft, mit solch einem Gott, der das zulässt, der uns das antut, will ich nichts zu tun haben!

Insofern frappiert die Aussage Jesu an den Vater „Wer glaubt, vermag alles“, denn der Vater mag Jesu Worte mit dem Ohr gehört haben: weil sein Glaube nicht stark genug gewesen sei, hätte der Sohn bisher nicht gesund werden können. Das hat den Geschmack einer Schuldzuweisung.

Und der Vater zieht sich genau den Schuh an! Er bittet darum, dass seiner falschen Einstellung, seinem Unglauben abgeholfen werde.

Wir erkennen hinter der Liebe des gebeutelten Vaters zu seinem Kind seine eigene Unfähigkeit, den Jungen so anzunehmen wie er ist.

Gleichzeitig wissen wir, das das Verhalten, die Haltung der Eltern entscheidend für das Wohl und die Entwicklung des Kindes ist.

Dieser Vater aber ist gefangen im Widerspruch zwischen Fürsorge und Ohnmacht. Die Szene wird beschrieben als eine, die ein jahrelanges Vorspiel hat. So stellt es Jesu nachfragende Anamnese deutlich heraus. Es mag den Vater überfordert und an die äußersten Enden seines Gefühlslebens geführt haben, wenn er zwischen Hoffnung und Niedergeschlagenheit hin und her gerissen wurde. Die Krankheit des Sohnes drückt dieses Gebeuteltsein bildhaft aus. Es besteht offensichtlich eine symbiotische Verbundenheit zwischen der Haltung des Vaters und dem Krankheitsbild des Sohnes.

Jesu Nachfrage erhellt, dass der Vater seinen Sohn unter der Bedingung liebt, dass er gesund wird. Das mag uns normal erscheinen. Aber es ist genau diese krankmachende Ambivalenz der Haltung des Vaters, die Jesus barsch zurück weist. Er, Jesus, will nicht der sein, an dem man glaubt, der letzte Strohhalm, der Wundermann, dem gelingt, was andere nicht vermögen. Nein, Jesus weist die Einstellung zurück, dass er Kraft seiner Person als Mensch etwas könne, was andere nicht könnten. Im Gegenteil sagt er: dem Glaubenden ist alles möglich! Und er meint damit jeden, besonders hier den Vater und dessen verständliche aber in Sachen erlösende Heilung kontraproduktive Haltung. Denn es komme, so betont Jesus, auf ein solches Vertrauen an, das einer von Gott her jeder Form der menschlichen Not entgegen bringt. Ein Vertrauen, das sich selbst zurück nimmt, eines, das sich in Gott und seiner Führung geborgen weiß und seine eigenen Aufgaben anzunehmen versteht.

So lernt der Vater durch die Antwort, dass sein Sohn durch eine neu zu gewinnende väterliche Einstellung genesen wird. Die Zuversicht des Vaters heilt den Sohn.

Denn dieses Kind hatte von frühauf erlebt, dass es im Mittelpunkt der elterlichen Sorge und Aufmerksamkeit stand. Dass es den Eltern gut ging, wenn es ihm gut ging, und dass sie in Entsetzen aufgelöst waren, wenn es ihm schlecht ging. An ihm lag es, ob die Eltern aufatmeten oder in Verzweiflung erstarrten. Der Junge wird sich unter großen Druck gesetzt haben – ähnlich den Scheidungskindern, die häufig meinen, Schuld am Zerwürfnis der Eltern zu sein. Der Knabe wird sich verantwortlich gefühlt haben für das Ergehen seiner Eltern. Ein Druck, der nun wirklich kontraproduktiv im Umgang mit einem Anfallsleiden wirkt.

Auch Vermeidungsdruck ist Druck.

Und zu recht nennen wir es bis heute einen Teufelskreis, wenn ein Kind seine Eltern hilflos erlebt, wo es doch gerade sie als seine wichtigste Stütze stark und ausgeglichen haben möchte. Dieser Kreis bleibt unaufgebrochen, solange beide Seiten nicht über ihre Sicht reden. Dem Sohn jedenfalls war die Sprache, die Fähigkeit abhanden gekommen, über seine Sicht der Dinge zu sprechen. Er konnte sich nur noch körperlich ausdrücken.

„Du sprachloser, stummer Geist, ich gebiete dir: Fahre aus von ihm, und kehre nie wieder in ihn zurück!“, befiehlt Jesus. Das ist kein Zauberspruch, sondern der Mann aus Nazareth hat einen klaren Blick für die Ursachen der Krämpfe.

Aus dem Ackerboden der Erkenntnis eigenen Ungenügens – der Vater sieht seine falsche Haltung ein – erwachsen Zuversicht, Gottvertrauen. Und so geschieht es. Noch einmal schlaff wie ein Neugeborener beginnt der Sohn sein Leben in diesem Moment gleichsam ein zweites mal, nun genesen. Die Geschichte endet mit einer Zusammenfassung. Jesus zieht den Jungen hoch. Er hilft ihm eben im übertragenen Sinne auf die Beine. Nun kann er selbständig durchs Leben gehen. Wie aus einem bösen Traum erwacht, geht er in ein neues Leben. Eines, das nun unterstützt wird von der Zuversicht eines Vaters, der seinem Sohn genug zutraut und der sich selbst entspannt, weil er sein Schicksal – vielleicht durch Beten – angenommen hat. Eines, in dem beide Seiten nicht mehr stumm bleiben, sondern ihren Gefühlen auch in Worten Ausdruck geben können.

Dieser Vater wird schließlich als einer aus der Volksmenge beschrieben. Darum sind wir noch nicht fertig mit der Auslegung. Denn die Masse, die Gaffer haben immer noch die Haltung, die der Vater ehemals hatte. Eine krank machende Haltung. Denn diese anonyme Volksmenge steht für diejenigen Kräfte in uns, die alles immer schön, rite, korrekt, perfekt, vorschriftsgemäß, koscher oder ordentlich gemacht sehen möchten. Für die die Außendarstellung wichtiger ist als die Wahrheit. Die am Geländer ihrer Unsicherheit nach Sicherheiten schreien, die sie selbst nicht haben.

Insofern positioniert Markus dieses Ereignis bewusst nach Jesu Abstieg vom Berg der Verklärung. Jesus geht im zweiten Teil seines Evangeliums seinem Leiden entgegen. Seine Fragen „Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen?“ sind die nach unserer Eigenverantwortung und Selbständigkeit. Denn tatsächlich ist Jesu Aufseufzen hier der Wegweiser nach Golgatha und ans Kreuz. Die Saubermänner und Heilsverwalter sind es, die ihn dorthin bringen. Denn sie verstehen Jesu Ansatz als Gotteslästerung. Sie sind alle nicht anders als der Vater vor seiner Einsicht es war. Menschen, die nach dem starken Mann, der Hilfe von außen fragen und sich selbst nicht verändern wollen.

Wann also, liebe Gemeinde, werden wir endlich die Balance zwischen befreiender Selbstlosigkeit durch das rechte Gebet

und die moralische Eigenständigkeit haben, die Jesus uns vorlebt. Wann endlich werden der Vater im Himmel und der Sohn neben ihm uns nicht mehr als so selbstbezogen und gleichzeitig hilfesuchend ertragen müssen?

Amen.

STALLWACHE

Heilig Abend 2019

Themenpredigt:

Stallwache

Waren sie schon einmal in Rom? Und haben sie in den Katakomben das Symbol für Christus gesehen, das in den ersten Jahrhunderten geläufig war? Es mag erstaunen, dass das Kreuz für Jahrhunderte noch nicht das Zeichen der Christen war. Allerdings auch nicht die Krippe, wie jetzt der eine oder die andere spontan denken mag. Lange Zeit war es vor allem der „Gute Hirte“.

Dieser muskulöse junge Mann, mit Riemensandalen um die strammen Waden und Brottasche bewaffnet, das kleine Lamm sorgsam auf die breiten Schultern gebettet, galt neben dem Erkennungszeichen „Fisch“ als Heilssymbol. So finden wir diesen Hirten auch farbenfroh auf den Mosaiken in manch römischer Villa. Der gute Hirte war das Maß des guten Menschen.

Lediglich in der Zeit um die Entstehung der Weihnachtsgeschichte war das biblische Bild vom Hirten ein wenig mit Makeln befleckt. Damals war das Gewerbe irgendwie zeitweise in Verruf geraten. Das ist eine typische Folge der Verstädterung der Gesellschaft. Entweder idealisiert sie das Landleben – oder sie wendet sich naserümpfend und voller Vorurteile ab. 

Jahrtausende lang aber sieht die Bibel im Hirten ausschließlich Positives, ja die Qualifikation zum Hirtenamt geht Hand in Hand mit der zum Leiten und zu einer Initiative im Sinne Gottes. Abraham, Isaak, Jakob – die Stammväter waren Hirten, starke Männer. Wenn die Schrift den pastor bonus beschwört, weiß sie, wovon sie spricht: Räuber mussten abgewehrt, wilde Tiere vertrieben, Streitigkeiten am Brunnen ausgetragen werden – kein Job für Weicheier. Allein in der Nacht im Gegenüber mit einer zähnefletschenden Bedrohung erwies sich das Rückgrat solch eines Charaktertypen.

So ist im ganzen Orient und bis ins Griechenland Homers der gute Hirte (ὁ ποιμὴν ὁ καλός ) zum Bild des verantwortungsbewussten Herrschers geworden.

An seinem Gegenteil, dem schlechten Hirten, ist ersichtlich wie segensreich oder aber wie zerstörerisch die Tugenden oder Schwächen der Menschen im Hirtenamt sich auswirken. Und für diese sind wir seit wenigen Jahren besonders sensibel geworden. Wir messen die heutigen Hirten am Maß des römischen guten Hirten.

Vielleicht ist der in die Jahre gekommen? Auch Hirten werden älter. Was ist eigentlich dann, wenn solch ein Mensch alt und gebrechlich wird?

Der Hirte, dem die Traute unter dem Zahn der Zeit abhanden gekommen ist, der gichtige alte Schäfer, nachtblind geworden, heute soll genau er im Stall unser Augenzeuge sein.

Sie kennen den Begriff der „Stallwache“? Im Stall hat die aufbrechende Hirtenmannschaft den zurückgelassen, den sie auf der Weide am wenigsten gebrauchen konnte. Im Stall war der gut aufgehoben, der vielleicht eine Verwundung bei früheren Einsätzen davon getragen hatte, der hinkte, der auf Grund seines Alters nicht mehr so schnell, nicht mehr so nachtsichtig, nicht so geschickt mit dem Werfel oder der Steinschleuder war.

Stallwache, das war Degradierung, zweite Wahl.

In guter Gesellschaft mit ihm befinden sich hier all diejenigen, die um ihre Schwächen, ihre blinden Flecken, ihre ausgeprägte Individualität wissen und die es leid sind, am Maß des Modells und am Mut von Superman gemessen zu werden.

Recht haben sie. Und siehe da! Genau in diese Gesellschaft degradierter Tüchtiger, Zurückgelassener, Heimatloser, wunderlicher Sternengucker hinein ist Jesus geboren. Bzw. umgekehrt, jene fühlen sich zu ihm hingezogen, suchen jemanden wie ihn. 

Gott hat sich bewusst in die Mitte derer begeben, die nicht perfekt, nicht am Maß von Hollywood und Barbie geraten sind. Er sagt uns allen damit: so wie ihr seid, seid ihr genau richtig! In eurer Gesellschaft fühle ich mich angebracht. Mitten unter euch will ich groß werden und klar machen, was es heißt, Mensch in Gottes Nähe zu sein.

Anerkennung und Demonstration von Ohnmacht in einem. Denn diese Christgeburt in einer Familie ohne Bleibe, diese Geburt in der Abstellkammer besagt, dass Gott sich hilflos in die Hände von uns Menschen legt. Dass er sich dem Risiko aussetzt, in der Angewiesenheit eines Säuglings unter die Menschen zu geraten. In die Hände eben solcher, die nicht vollkommen sind.

Und warum setzt er sich dem aus?

Weil er so (!) das Beste aus uns Menschen herauslocken wird. Die Liebe nämlich, die annimmt, die gibt ohne zuerst an sich zu denken und die aufs Leben vorbereitet.

Die elterliche Liebe, die das Menschlein in all seiner Vorläufigkeit und Angewiesenheit satt an Leib und Seele macht. Die sich die Nächte um die Ohren schlägt, um jederzeit tröstend da zuzusprechen: ich bin für dich da. Die großelterliche Zuneigung, die den Überblick behält und die Entwicklung fördert, im hilfreichen Abstand zum klein-klein des Alltags hat, oder sich gerade im Engpass des Alltags hilfreich einbringt. Das Verständnis von Freunden, die einfach da sind, zuhören können.

Offensichtliche Angewiesenheit kann dies alles hervorbringen. Gott steht zu seiner Ohnmacht. Hier beginnt eigentlich erst die Wundergeschichte seiner Allmacht. Jesus jedenfalls wird sich in seinen 33 Erdenjahren immer wieder auf genau diese Gesichter der Liebe beziehen. Einer Liebe, die ein Auge für Schwäche hat. Er wird groß werden, weil er sie alle im Antlitz seines Vaters im Himmel erkennt, weil er diesen einen „lieben Vater“ nennt, der es gut mit den Kleinen meint, der uns im Sinne des 23. Psalms eben wie ein Hirte durch dick und dünn führen, begleiten wird.

Der Säugling dieser Nacht, dann im eigenen Herzen und auch sonst sichtbar erwachsen geworden, wird sich gerade den Marginalisierten zuwenden, eben solchen, die nicht genug Muttermilch bekommen haben. Solchen, deren Eltern nicht genug Liebe hatten, die nicht erwachsen geworden waren. Diese Menschen sind ihm von Anfang an nah. Er kennt ihr Seelenleben. Wenn Ängste überhand genommen haben und eine Eigendynamik entwickelten, die die Symptomträger haben blind, lahm, blutflüssig, hautkrank, schon wie tot mitten im Leben erscheinen lassen, und die unverständige Massenpsyche solche Bedrängten abgetan hat, sie seien von einem Dämon besessen, dann hat Jesus sein bestes gegeben, eben die liebevolle Zuwendung, in die er sich mit Haut und Haaren hineingegeben hat. Denn der Mann aus Nazareth wusste zuversichtlich: Genau solch eine intensive Zuwendung lässt uns Menschen gesund werden. Wessen Haut Kontaktscheu anzeigt, der konnte sich danach wieder vertrauensvoll anlehnen; wer vom Glanz des Geldes geblendet war, der wurde wieder sehend für das, was Leben wahrhaft ermöglicht; wer sich aufgegeben hatte, bekam wieder Lebensmut von ihm eingeblasen. Alle erfuhren, wie gut es tut, wenn sich jemand einlässt auf uns, auf unsere Besonderheiten, Schwächen, auf uns eben, wie wir sind.

So wird deutlich: er ist der Hirte im Stall. Er ist tatsächlich der Gute Hirte, den die Mosaiken und Bilder in den Katakomben zeigen. Er hält die Wacht in Bethlehem, wenn die Muttertiere bei den Milchlämmern im Stall bleiben, weil die Tage und Nächte auf der Trift noch zu anstrengend wären.

Insofern stellt diese Sicht auf das Geschehen der Heiligen Nacht eine kritische Anfrage an Karrieredenken und Leistungsgesellschaft, an das angeblich harte Leben draußen und die hochgelobte Bewährung dort dar; und lenkt den Blick auf die Tugenden, die uns wahrhaft leben lassen.

Stallwache scheint mir nun gar nicht mehr Inbegriff zweiter Klasse und Hort von Zurückgebliebenen zu sein. Sie wird zum ermutigenden Auftrag, wird Quellpunkt des Vertrauens, das wir ruhig Glauben nennen dürfen.; wird zu einer Initiative der Liebe inmitten einer liebeslahmen Welt.

Und erzählt die Bibel nicht genau davon, dass die Hirten draußen auf den Feldern, dort, wo die Härten der Welt sie fordern, von dieser guten Nachricht hören? Berichtet sie nicht, dass genau diese rauhbeinigen Kerle heimkommen an diesen Ort der Herzenswärme, dass sie hier weiche Knie, das eine oder andere feuchte Auge bekommen und dass sie vor allem ihre Herzen schlagen hören?

Sie gehen von nun an anders durch die Welt. Sie verlassen den Stall in einem neugewonnen Selbst-, Welt- und Gottesverhältnis. Etwas hochtrabend nennen wir so etwas Erleuchtung.

Einen Funken davon aber mag jede und jeder heute aus diesem Stall mit in sein Leben hinaus nehmen. In der Mitte des Stalles steht das Symbol dafür: das Licht. Es gibt Orientierung und hilft uns, auf dem rechten Weg zu bleiben.

Wie der Kienspan ehemaliger Stallromantik gibt es für jedes Haus eine Stalllaterne mitzunehmen. Es könnte die des armen arbeitsmüden Hirten sein, der in diesem Stall als Wächter zurückgelassen wurde. Nehmen Sie gleich am Ausgang eine solche Krippenlaterne mit zur Erinnerung an die Verheißung dieser Nacht. Stellen sie sie in ihrer Krippe auf. Aber packen sie sie keinesfalls beim Abbau derselben mit ein. Denn diese Laterne ist ein Licht auf den Wegen des Alltags. Nehmen sie sie mit in ihr Leben. Amen.

„Wachet auf“ ruft uns die Stimme

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“, so beginnt ein Kirchenlied. Im evangelischen Gesangbuch steht es unter der Liednummer 147. Der Strophentext geht so weiter „der Wächter sehr hoch auf der Zinne, wach auf, du Stadt Jerusalem!“

Nachtwächter sind etwas Romantisches. Wenn wir eine Stadtführung in Trier buchen, dann zeigt uns der Führer das Türmerzimmer. Hoch über dem Hauptmarkt hielt der Türmer Feuerwache, ein Ofen wärmte seinen Wachraum und um ihn herum führte eine Balustrade, von der er auf die Dächer der Stadt mit wachsamem Auge blickte. 

Heute überwachen Satelliten die feindlichen Militärbewegungen, Rauchmelder die Luft in Wohnhäusern und an der Haustür wacht eine Kamera und zeichnet alle Gästegesichter auf.

In früheren Zeiten riefen die Nachtwächter und Türmer nicht nur die Stunde aus, sie hatten auch nicht nur vor Unheil zu warnen, sie konnten auch Boten der Freude sein. „Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen“, zu Beginn der zweiten Strophe klärt auf, dass die Wächter Freudenbotschaften an die Stadtbewohner auszurichten hatten.

Der Liedtext nimmt eine Bildrede Jesu auf. Diese Bildrede von den fünf törichten und fünf klugen jungen Frauen haben wir eben gehört. Jesus bedient sich des Gleichnisses, um auf den unerwarteten Beginn der Endzeit hinzuweisen. Wir wissen nicht, wann es soweit ist.

Wir wissen nicht, wann es mit diesem Leben zu Ende ist und wir wissen nicht – und das ist hier das Entscheidende – wann es mit dem Reich Gottes beginnt.

Diese Trennung von Vorläufigkeit hier und dann der Vollendung in einer anderen Welt ist nicht Jesu gelebter und gepredigter Ansatz. Im Gegenteil, Jesus wird nicht müde, das „schon jetzt“ des Gottesreiches, sein Aufblitzen zwischen den Menschen hier und da zu betonen. Ist er nicht selbst das leuchtendste Beispiel für die Gegenwart Gottes unter den Menschen?

Jesus sagt ebenfalls: Wachet auf, aber im Sinne von „Mach die Augen auf!“ „Sieh hier und sieh da!“, ruft er die Wahrnehmbarkeit Gottes in unserer Gegenwart ins Bewusstsein. Nämlich immer dann, wenn es gelingt, im Sinne Gottes zu leben, dann ist sein Reich schon da: wenn Menschen sich verstehen, wenn die Liebe das letzte Wort hat, wenn vergeben wird, wenn Neuanfänge geschenkt werden, wenn Zuwendung gesund macht.

Das ist etwas anderes, als die Lampen blank und gefüllt zu halten gleichsam in soldatischer Bereitschaft für einen Tag X. So etwas ist ein mühseliges Geschäft und darüber könnte man tatsächlich müde werden. Und haben Menschen, die den Schein ihrer geputzten Lampen tagtäglich erneuern nicht auch etwas Zwanghaftes? Die Klugheit der Jungfrauen reimt sich auf ein Klosterleben, das sich ganz Gott gewidmet hat. Kirchliche Alltagsethik setzt andere Schwerpunkte. Gibt es denn nichts Wichtigeres zwischen den Menschen zu tun als Brennstoffvorräte zu horten und Geräte zu polieren?

Ja, das gibt es, wichtigeres! Die Ironie der Geschichte offenbart sie an ihrem Ende. Sie bürstet ihren tieferen Sinn dort gegen den Strich des als Warnung zu verstehenden ersten Teiles des Gleichnisses.

Die Zuspätkommenden bleiben draußen im Dunkeln. Der Gastgeber kann ihre Gesichter nicht erkennen. Er sagt: „Ich kenne euch nicht“.

Das ist es, liebe Hörerinnen und Hörer, worauf es ankommt: Gesicht zu zeigen, im Tagesgeschehen sich einzumischen, die Ethik der Entschiedenheit, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Hab Zeit für den Nächsten, biete dich an, schau, wo du gebraucht wirst. 

Da vernehme ich eher den Herzschlag Jesu in dieser Geschichte. Hier und heute gilt es. Nicht irgendwann.

Denn wer Gesicht zeigt, der wird auch am Gesicht erkannt. Zu dem spricht Gott: Dich kenne ich!

Wo warst du, als du nicht da warst?

Ansprache anlässlich Totensonntag über die Frage Hiobs:

Wo warst Du, als Du nicht da warst? Eine Frage an den Gott, von dem wir glauben, dass er immer und überall da sei. Allgegenwart ist in vielen christlichen Kirchen sein Namen. Lateinisch Ubiquität, gehört geradezu zu seinen Eigenschaften, die wir in einem Glaubensbekenntnis zuerkennen möchten, sie sind ein Edelstein im Gewand seiner Allmacht.

Wo warst Du, als Du nicht da warst?, erscheint uns auf den ersten Blick als eine absurde Frage. Ist also die weitere Beschäftigung mit ihr, ist eine mögliche Antwort auch absurd?

Oder liegt der Fehler in unseren Prämissen? Ist Gott vielleicht nicht allmächtig und darum auch nicht allgegenwärtig?

Denn ist es nicht so, dass er schon immer als parteiisch galt, sich auf die eine Seite gestellt hat, die der Unterdrückten, der Witwen und Waisen; dass er er Herz für Frauen, Hungrige, für Zöllner und Sünder und die Benachteiligten hatte? Sein Sohn erklärt die Einseitigkeit offensiv mit der Aussage, dass die Gesunden den Arzt nicht nötig hätten.

Könnte also die Antwort auf die Frage nach seinem Aufenthalt, nach dem wo warst Du? lauten: bei den anderen, bei denen, die mich nötig hatten?

Die Dringlichkeit der Frage wird in der Bibel auf den Punkt gebracht. Denn sie wird von einem gestellt, dem alles genommen wurde: Frau, Familie, Nachfahren, Besitz und Gesundheit. Hiob. Die Romanfigur aus der hebräischen Bibel, ein idealisierter Held, der gläubig bleibt trotz allen Leidens und der eben aus seiner Grube heraus und in Sack und Asche gekleidet schreit: Wo warst Du?

Hiob, Inbegriff des Leids, erlaubt jenseits seiner niemandem, Gott und sein Eingreifen noch nötiger zu haben als er selbst. Das verschärft unsere Frage.

Denn auch wir stellen sie, rufen sie heraus, wenn wir selbst in Not sind, uns das Wasser bis zum Hals steht, weil auch unser eigenes Leben sich dramatisch verändert hat, weil wir ein Kind, einen Partner verloren haben, weil wir Eltern zu Grabe zu tragen hatten, also die, die die ganze Zeit unseres Lebens an unserer Seite waren, denen wir so viel verdanken und mit denen wir vertraut waren.

Weil wir leiden und mit dem Verlust eines Teilstücks unseres Lebens nicht zurecht kommen, darum zitieren wir Hiob mit seiner Frage. Wir schreien wie die Kinder, die sich allein gelassen fühlen. Und da sollte Gott uns nicht hören? Der Immerda, der angeblich alles sieht, er hat eine Hörschwäche?

Kaum.

Aber ist es nicht zynisch, was an möglichen Antworten im Raum steht? Dass wir wachsen sollen dürfen an unseren Herausforderungen, denn der Mensch lernt bekanntlich unter Schmerzen. Dass wir schon verstehen werden, denn im Rückblick erkennen wir oft die gute Führung. Dass das eben unsere Natur sei, die wir auf dem Zeitstrahl nur in die eine Richtung gehen können, die, die wir Zeit nennen.

Zumindest stellen wir uns einen „lieben Gott“ anders vor, einfühlsamer, hellhöriger und mit klarem Blick für unser Befinden und vor allem einem warmem Herzen. Zugewandt wie Vater und Mutter in einem. So hat Jesus ihn erkannt. So hat er ihn genannt: Vater im Himmel. Und diese seine Entdeckung hat ihn groß gemacht. Und bis heute nennen wir uns christlich, weil wir uns in unserem Glauben an dieses Bild von Gott als einem Vater im Himmel anschließen.

Allein, dieser Vater im Himmel hat ein Problem mit der Macht. Denn entweder kann er alles, dann kann er bitte auch das Unglück in der Welt abstellen. Oder er will es nicht, dann wäre er nicht gut. Oder aber er ist eben nicht allmächtig. Und das, weil er auf einen Teil seiner Macht verzichtet hat.

Genau das glaube ich, dass er auf einen Teil seines Einflusses verzichtet hat. Denn es ist geradezu eine Definition seines Wesens, dass er teilt, dass er abgibt. Dass er sich mitteilt, menschliche Gemeinschaft sucht.

Darum hat er diesen Menschen, sein Gegenüber, willentlich mit der Freiheit beschenkt. Mit der Freiheit zur Entscheidung zwischen gut und böse.

Er hat damit dem Menschen mehr Verantwortung übertragen als wir bekanntlich zu tragen moralisch in der Lage sind.

Der liebe Gott kann also nur noch auf einer Seite stehen, der der Opfer unserer Macht und Willkür.

Es gibt eine Antwort auf die Frage, wo Gott gewesen ist. Es gibt die Antwort auf die Frage, wo Gott gewesen ist, als Jesus am Kreuz verreckte. Sie wird am besten erzählt in dem Bericht von Elie Wiesel aus dem KZ Auschwitz. einen minderjährigen Jungen hatte die SS gefasst als er Botschaften von Baracke zu Baracke schleuste. Nun mussten alle antreten und mitansehen, wie der Junge gehängt wurde. Der leichte Leib zappelte am Galgen. Und einer fragte „Wo ist nun Gott?“ Die Antwort aus der Menge frappiert. „Dort hängt er, dort in dem Gehängten ist Gott!“ sagte einer und deutete auf den Jungen.

Die christliche Antwort lautet dementsprechend: Gott ist in Jesus am Kreuz. Er ist es selbst, der da leidet, der auf sich nimmt, was Menschen einem Menschen antun.

Gott ist näher am Leidenden, als dieser bei sich selbst.

Die weihnachtliche Menschwerdung Gottes ist dagegen nur einen Verniedlichung dieser Identifikation, seiner Hingabe ins Menschsein, seines wörtlichen Mit-Leids und seiner Liebe.

Mag sein, dass wir, so gesehen, seine liebevolle Parteilichkeit mit anderen Augen sehen. Dass wir seine Nähe aus den liebevollen Worten anteilnehmender Freunde herausspüren können. Er war in den Herzen dieser Freunde. Er war in den Gebeten der Anteilnehmenden. Er war in den Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen die wir die lieben Verstorbenen haben loslassen können, die wir sie wohltuend gehen gelassen haben. Er war bei uns, als er uns mit neuer Freiheit beschenkt hat.

Denn, wenn wir eines von Jesus lernen dürfen, dann, dass Liebe wirkt!

Sie mag im politischen Bereich ohnmächtig wirken. Denn sie wirkt anders als die Welt wirkt. Denn ihre Werkzeuge sind Überzeugung und Nähe.

Die Antwort auf die Frage: Wo warst Du, als Du nicht da warst, lautet also: Ich war da, auch wenn du mich anders erhofft hattest; ich war aber und ich bin bei dir. Du kannst lernen, mich zu sehen. Auch wenn es dunkel ist. Wenn du, genau wie ich, ein Stück von dir, von deinen Erwartungen, deinen Stützen, deiner Macht abgibst. Wenn du dich frei machst und öffnest, dann wirst du gewiss sein, dass ich immer bei dir war.

Amen

nicht mehr alles geschluckt

Traueransprach für Lore Schaer am 11. November 2019 in Grünhaus

Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung; aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Lore Schaer, geb. Meyer-Haake, ist ein Kind der Weimarer Republik. Sie ist dies nicht nur von ihrem Geburtstag her, dem 05. April des Jahres 1923, sie ist es von ihrem Wesen, vor allem von ihrem taffen Mut zur eigenen Emanzipation her. Die Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit, neues zu wagen einerseits, Frauen an den pädagogischen Hochschulen zuzulassen, sie Autos fahren und Flugzeuge fliegen zu lassen – und der gerade abgeworfene kaiserzeitliche Rahmen, das feste Gefüge der Rollen und Aufgaben andererseits, in diesem Spannungsfeld verstehen wir auch Lore Schaer. Sie war eine beherzte Frau, die dieses Feld in einem langen erfahrungsreichen Leben für sich auslotete.

Den Mut dazu mag sie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Denn wenn sie von ihrer Herkunftsfamilie sprach, dann immer von einem behütenden Elternhaus und von Großeltern, bei denen zu Hause Annahme und gesellige Familie gelebt wurden. Ihren Vater beschrieb sie als jemanden, der seine Tochter verwöhnt habe. Und die Brüder des Vaters hätten abwechselnd mit den Nichten und Neffen gespielt. Meist geschah das im Haus der Großeltern, die der Sammelpunkt der Großfamilie waren.

Aus diesem frühkindlich erworbenem Selbstbewusstsein erklärt sich manche spätere Entscheidung. Zum Mut kamen bei ihr eine geistige Klarheit, die sie vernünftig planen und überblickend argumentieren ließ.

Als Lore in die Schule kam, genoss sie es, dass diese dicht neben dem Elternhaus lag und sie schnell nach Hause laufen konnte. Wenig später freute sie sich über ihr erstes Fahrrad, weil sie nun den längeren Schulweg sparen und mit dem Rad die kurze Strecke durch den Park nehmen konnte.  Sie berichtete von den Laubsägearbeiten, mit denen sie sich beschäftigte, von selbst hergestellter Weihnachtsdekoration, die jahrelang zum Einsatz kam. 

Das geliebte Rad benutze sie, um zum ersten mal in ihrem Leben ins außerschulische Vereinsturnen zu fahren. Und hier liegen bereits die ersten Konstanten, die sich über fast neun Jahrzehnte durchziehen: die hohe Bedeutung, die Familie für sie hatte und der Vereinssport, der immer wieder Haltepunkt für sie wurde.

Als der Vater reaktiviert und an den Flugplatz von Fassberg beordert wurde, zog die ganze Familie mit ihm in die Heide. Der dreijährige Aufenthalt bedeutete für Lore, ihre Schulkameradinnen hinter sich und sich selbst auf ein neues Leben einzulassen. Sie erzählte, mit 14 aus dem Klassenverband gerissen worden zu sein. Das war ein schmerzliches Erleben, denn sie ging gern in die Schule.

Auch in Fassberg besuchte sie eine Schule. Aber bald folgte der Umzug nach Berlin. Sie blieb dort nicht lange bei den Eltern, sondern entschied, dass sie ihr Pflichtjahr in Göttingen verbringen wollte. Als sie zurück kam, stand die Welt bereits in Flammen. Sie begann auf der Handelsschule und erlebte die ersten Bombardements der Reichshauptstadt. In dieser Phase wurde der Vater nach Wien versetzt. Das war 1941. Ein weiteres mal in ihrem Leben war es ihr nicht beschieden, Freundschaften in der Schule zu entwickeln und sie pflegen zu können.

Erst in Wien fand sie eine gute Freundin, Auguste Panhans, die mit ihr auf der Dienststelle des Luftwaffencorps arbeitete. Durch ihren Vater war sie dort in die Schreibstube gekommen. Dieser selbst flog die Strecke Wien – Zagreb und brachte begehrte Lebensmittel mit nach Hause.

Auch die Stationierung weit ab vom Brennpunkt Berlin schenkte zunächst noch einmal „Frieden“, Kultur und die Freuden gemeinsamer Unternehmungen. Mit den jungen Kameraden ging sie tanzen, ihr Chef führte sie in die Oper aus. Sie erzählte von Theateraufführungen und Konzerten. Aber immer auch von den Wegen dorthin und zurück. Zunächst noch in der Straßenbahn. Doch dann, als auch die Bomben auf Wien fielen und die Schienen zerstört waren, wieder mit dem Fahrrad.

Unvergessen sind die Ausflüge und die Gebirgswanderungen. Ihre Einheit belegte gemeinsam einen Segelkurs. An diese Momente hatte sie eine lebendige Erinnerung.

Nicht minder detailliert beschrieb sie die Auflösung der Dienststelle, den Verlust ihrer letzten Habe, den Koffer, der nie dort ankam, wohin sie floh. Mit nichts anderem als dem, was sie auf dem Leib trug, fand sie sich ein am verabredeten Ort der Familie, einer Hütte in den österreichischen Bergen. Aber sie mussten als Deutsche das Land verlassen, wurden nach Bayern abgeschoben. Fast ein Jahr lebte sie mit ihren Eltern unter kümmerlichen Bedingungen am Schliersee. 1946 kehrte sie in ihre Geburtsstadt Bremen zurück. Die weitläufige Verwandtschaft brachte die Familie unter. Schnell fand sie eine Stelle als Bürokraft bei den Amerikanern. Doch als Lehrer gesucht wurden und dies ihr die Möglichkeit bot, eine Berufsausbildung mit gleichzeitiger Unterrichtserteilung zu machen, schrieb sie sich im Lehrerseminar ein. Lore war schon immer ein kulturinteressierter Mensch. Nicht zuletzt darum entschied sie sich für den Beruf der Lehrerin.

In dieser Zeit lernte sie beim Faschingsfest Hermann kennen. Zum 05.04.1947 erhielt sie von ihm einen Armreifen aus rausgeklaubtem Wehrmachtsaluminium als Geburtstagsgeschenk, der heute noch getragen wird, und Weihnachten desselben Jahres verlobte sich das junge Paar. Nachdem es zweieinhalb Jahre später im Juni 49 den Bund der Ehe einging, konnte es auch in ein erstes gemeinsames Zimmer in Bremen ziehen. Tante Trudel und Tante Friedel hatten das möglich gemacht.

Im Jahr darauf, 1950, wurde den beiden der Sohn Bernd geschenkt, und vier Jahre später kam Siegrid zur Welt. Lore erzählt von den dramatischen Umständen der zweiten Geburt, denn parallel zu ihr lagen Vater und Mutter im selben Krankenhaus. Die Mutter hat es nicht lebend verlassen, sie starb drei Tage nach der Geburt ihres zweiten Enkels.

Lange dagegen hatte Lore von ihren Großeltern, ein Umstand, auf den sie mit Dankbarkeit schaute.

Inzwischen hatten Sie, Herr Schaer, Arbeit bei einem Elektrogroßhandel gefunden, der eine Neubauwohnung zur Verfügung stellen konnte. Dort lebte die junge Familie und wuchs 1957 um Sohn Helmut.

Ein neuer Arbeitsplatz führte die fünf zunächst nach Gütersloh, aber wenig später schon nach Achern in Baden. An diese Zeit gibt es von allen lebendige Erinnerungen. Und hier geschah es auch, dass Lore zum ersten mal aufbegehrte, gleiches Recht auf Urlaub und Wochenende für beide Eheleute einklagte. Sie reiste Ihnen einfach mit Kind und Kegel nach, als sie mit Freunden zum Skiwochenende weggefahren waren. Sie demonstrierte unter großem Aufwand Gleichberechtigung. Und sie unternahm auch etwas dafür, von den Skiwochen nicht ausgeschlossen zu bleiben. Sie lernte selbst das Skifahren.

Zuhause führte sie in aller Rationalität das Kassenbuch, denn ihres Mannes Wünsche gingen höher hinaus als der Kontostand. Sie war die Rechnerin der fünfköpfigen Familie, ihre Maxime war Sparsamkeit.

Noch einmal zog die ganze Familie um. Dieses mal nach Lübbecke, in die Stadt des elterlichen Betriebs von Großvater Schaer. Unter hohen Reibungsverlusten wurde dort eine Existenz erstritten. Auch ein eigenes Haus konnte für die Familie 1967, sechs Jahre nach dem Zuzug, bezogen werden. Auch dies war eine Frucht von Lores finanziellem Überblick.

Lore, die Abbrüche und Neuanfänge in ihrem Leben gewohnt war, hatte zur Strategie entwickelt, sofort dem Turnverein beizutreten und dadurch schnell einen Bekanntenkreis aufzubauen. Als aber die verbleibende Tageszeit ihres Mannes nach der Arbeit mehr und mehr in den Vereinsaufbau floss, kriselte es in der Ehe. Konstruktiv suchte Lore nach Freiräumen, um sich zu emanzipieren. Sie erlernte Französisch und besuchte einen Literaturkurs, sie widmete sich neben der Familie ebenfalls dem Vereinsleben, pflegte ihre Doppelkopfrunde. Freundschaften entstanden. Familie Fritz und Familie Czerwinsky gehörten in den Wochenplan, der Hund Purzel bereicherte die Familie. Vor allem aber machte sie sich unabhängig von den Fahrkünsten ihres Mannes. Und dies auch gegen seinen Willen. Sie erwarb den Führerschein. Anlass war nicht zuletzt der lange Aufenthalt der kranken Tochter Siegrid im Klinikum von Hannover. Weiter begann Lore, eigene Gaben zu entdecken und zu entwickeln.

Ihr Großvater war Porzellanmaler in Meißen gewesen und ihr Urgroßvater Kunstmaler. Auch der Vater konnte gut zeichnen. So besann sie sich mit 55 auf diese Gaben und begann zu malen. Volkshochschule und Ferienakademien wurden ihr Eldorado und sie versuchte sich in verschiedenen Techniken. Sie verteidigte für sich den Freiraum, einer eigenen Malgruppe anzugehören.

Über all dem vernachlässigte sie weder Familie noch Haus. In diesem tapezierte sie selbst, sie strich die Fensterrahmen, sie sorgte mehr und mehr für die Möblierung. Der Garten war ihr gleichzeitig Ort der Beschäftigung und der Erholung.

Jenseits des Alltags war ihr die Beschäftigung mit Kultur ein Herzensanliegen. So verging kein Urlaub nach Österreich, ohne dass Mann und Kinder in Klöster und Kirchen geschleppt wurden. Der Alpen müde, entschied sie, ohne Hermann nach Marokko zu reisen. Gemeinsame Fahrten führten sie nach Griechenland, auf die Inseln und nach Kreta. Die Museen wurden abgeklappert und es entstanden Aquarelle, manchmal auch erst später auf der Basis von Ansichtskarten. In die Zeit hier in Ruwer gehört die große Donaukreuzfahrt bis zum imposanten Durchbruch bei Passau, dem eisernen Tor.

Am Leben der Kinder nahm Lore intensiv Anteil. Eine ihrer größten Tugenden und vielleicht auch das Geheimnis ihres langen Lebens ist ihr Interesse, ihre bleibende Neugier.  Sie blieb offen für junge Menschen, fragte nach ihren Ansichten und hatte selbst jung gebliebene Ansichten.

Mehr und mehr setzte sie sich damit ab von klassischen Klischees. Bei der Grundentscheidung, ob man die eigenen Kinder mit dem Lebensunterhalt der Eltern belasten solle, stellte sie sich hinter die Kinder.

Mit Klugheit, lebenslanger Demut und Liebe zur Familie hatte sie ihre Aufgabe auch im Vermitteln gesehen. Nun aber leistete sie Widerstand. Der Buchtitel Dietrich Bonhoeffers „Widerstand und Ergebung“ mag Ihnen dazu einfallen. Denn genau zwischen diesen Polen hatte sie ihr Leben ausgespannt.

Nicht zuletzt aus Glauben wurde sie ihrer Verantwortung für andere gerecht. 

Das waren zuallererst die Kinder, die sie überall auf der Erde und in allen neuen Lebensumständen besuchte, um Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Sei das eine neue WG in Deutschland oder geschätzte 10 – 15 Reisen zum Ältesten nach New Mexico.

Da war auch die Rolle, ihren Mann verantwortungsvoll zu versorgen.

Aber mehr und mehr machte sie deutlich, dass sie nicht alles zu schlucken bereit war. Dieser widerständige Impuls wurde am Ende gar manifest und drückte sich körperlich wahrnehmbar als ihr Abwehrreflex aus.

Lore Schaer hat sich begeistert und mit Initiative in den Neuaufbau des Seniorenkreises der Kirchengemeinde eingebracht.

Sie hat über mehr als zwei Jahrzehnte hier die Gottesdienste im Raum besucht und mir das Kreuz über dem Altarraum als ein Symbol beschrieben, das sie schätze. Es komme nicht nur dem Menschen als Bild einer Liebe entgegen, die vergeben könne, die sich selbst opfernd einbringe, es schien ihr auch die Wände zu weiten, die begrenzenden Mauern zu sprengen.

Und tatsächlich: Lore ist gegangen ohne Groll. Sie konnte nicht alles verstehen, aber in ihrem großen Herzen alles verzeihen.

Und ebenso hat sie für sich Räume erobert, die ihr ein eigenes Leben garantierten. Es gelang ihr, sich abzugrenzen und deutlich zu emanzipieren. Zum Schluss sogar einen Weg allein zu gehen.

Darum ist es wichtig, genau dies zu akzeptieren. dass sie sich aufgemacht hat in eine Welt, die wir noch nicht kennen. Sie ist uns verheißen. Und die Navajos drücken das Unsagbare mit irdischen Bildern strahlenden Lebens aus:

„Ich bin nicht dort.

Steht nicht an meinem Grab und weint um mich, ich bin nicht dort.

Ich wehe als Wind auf blauer See,

ich strahle als Diamant auf weißem Schnee.

Ich scheine als Sonne auf reifes Getreide,

ich regne im Frühling auf grüner Weide.

Ich strahle als Stern in dunkler Nacht

und wenn ihr im Morgenlicht erwacht,

ich bin der Vogel, der himmelwärts fliegt,

aus dem Schwarm, der dort seine Kreise zieht.

Steht nicht an meinem Grab und trauert,

ich bin nicht dort – weil die Ewigkeit dauert.“

Erntedank

Lk 12, 13 – 21

Ich liebe den Herbst. Im Anprall tiefstehenden Lichtes flammt das Laub in rot und gelb auf. Andere Blätter, bereits am Boden, legen einen sanften Mantel aufs Erdreich. Noch hat die Sonne Kraft, doch die Nächte sind bereits kühl.

Der Herbst ist die Zeit zwischen den Zeiten. Die Sonnentage gehören noch dem Sommer – die Nächte bereits dem Winter. Der Herbst mahnt mit seinem unübersehbaren  Ablauf an den Fluss der Zeit. Pilzduft und Modergeruch mischen sich. Letzte Rosenblüte und erste Blattlosigkeit. Walnüsse, Pilze und Wein protzen mit Geschmack und prallem Leben – doch zugleich feiert das Leben sein letztes Fest – der Winter wird alles erstarren, zum Rückzug, zum Schlaf auffordern. Leben und Tod – auch das ist der Herbst. Seinen Reiz macht aus, dass beides so dicht beieinander liegt.

Unüberhörbar spricht auch unser heutiger Predigttext von beidem:

13 Da sagte einer aus der Menge: „Meister, sag meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teilen soll!“ 14 Er entgegnete: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch eingesetzt?“ 15 Und er sagte zu ihnen: „Gebt acht und hütet euch vor der Habsucht! Denn auch wenn jemand im Überfluss lebt, so ist sein Leben doch nicht durch das gesichert, was er besitzt!“ 16 Dazu sagte er ihnen ein Gleichnis: „Einem reichen Mann hatte sein Land eine reiche Ernte beschert. 17 Und er überlegte bei sich: „Was soll ich tun? Denn ich habe nicht genug Lagerraum für meine Frucht.“ 18 Da sagte er: „Ich weiß, was ich tue: ich reiße meine Scheunen ab und baue größere, in denen ich all mein Getreide und all meine Ernte unterbringen kann! 19 Und dann will ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du viele Güter daliegen, auf viele Jahre hinaus. Nun ruh dich aus, iss, trink und sei guter Dinge!“ 20 Da sagte Gott zu ihm: „Du Tor – heute Nacht noch wird man dir deine Seele abfordern! Wem wird dann gehören, was du hier gespeichert hast?“ 21 So geht es dem, der sich Schätze ansammelt, aber keinen Reichtum bei Gott hat!“

Jesus stößt uns vor den Kopf.

Er ist für Gerechtigkeit bekannt. Ein Mann sorgt sich um seinen Anteil aus der Erbmasse – doch Jesus verhilft ihm nicht nur nicht zu seinem Recht, er weist ihn regelrecht zurecht.

Und dann: was muss das für ein schlechter Bauer sein, der nicht vorausplant, der seine Ernte nicht sicher unterbringen will. Ein vernünftiger Mann ist das hier im Gleichnis Jesu: er ist fern von aller Habgier, er freut sich über seinen Erfolg, er plant Investitionen und wird ganz ruhig über seinen Gedanken an die Zukunft. Eine Ruhe, die ihn innerlich frei macht für neue Einfälle.

Und dann ist sie plötzlich wieder da: die Zwiespältigkeit des Lebens zwischen Sein und Nichtmehrsein. Den Mann überfällt der Gedanke an den eigenen Tod. Auf einmal reimt sich auf Lebensplanung Todesahnung.

Herbst des Lebens. Verändert er meine Einstellung zu den Dingen? Zu den Ernten meines Lebens? 

Egal, ob sie Früchte der Hände oder des Kopfes waren. Mauerwerk, Dachgestühle, Zeichnungen oder Berechnungen, egal ob Text oder Zahl, sie haben ebenso meinen Fleiß verdient, wie sie auch wenn gelungen, befriedigten.

Ich bekenne: auch die Frucht einer Leistung kann für eine Weile sättigen. Die Freude über den Erfolg. Ein Ziel erreicht, ein Musikstück gespielt oder gar komponiert zu haben, ein Land bereist, ein Buch geschrieben, einen Acker gesät und auch geerntet zu haben.

Ja – auch ein Herz gewonnen zu haben.

Denn die Landwirtschaft, liebe Gemeinde, ist an Erntedank in unserer spezialisierten Gesellschaft nur ein Bild. An ihrem Beispiel wird deutlich, was der Mensch vermag, und was er nicht kann. An ihr wird klar, wessen der Mensch bedarf und was ihm an allem wirklich Wichtigem im Leben einfach auch zufällt. Am Schauen in die Landwirtschaft schärft sich der Blick für den Gabencharakter des Lebensnotwendigen.

Erntedank konfrontiert den Menschen mit sich selbst.

Der Bauer in Jesu Bildrede gerät in eine Krise. Diese Krise, ausgelöst durch den Todesschrecken, ist eine Krise der Einstellung zu seinem bisherigen Dasein, ist eine Infragestellung insbesondere seiner Beziehung zu seinem Eigentum. Er erntete offensichtlich für sich selbst.

Durch des klugen, des gottnahen Josefs Rat, gelingt es dem Pharao

verantwortlich für seine Untertanen zu planen und vorzusorgen. Und so ist biblisch bereits gefüllt, was Jesus hier zwischen den Zeilen sprechen läßt: was nämlich solche „Schätze bei Gott“ sein können.

Keiner der Arbeiter wird dabei verworfen, weder der mit der Hand, noch der mit dem Herzen, noch der mit dem Hirn arbeitet. Es geht allein um die Grundeinstellung:

leben von oder leben für.

Dieses „oder“ ist die Krise des reichen Bauern. Sie kann so oder so ausgehen. Wird es ihm gelingen, seine Habe dafür zu gebrauchen, wofür sie gedacht ist, nämlich damit zu helfen, dass auch andere leben können? Weiß er etwas von der sozialen Verantwortung des Eigentums?

Er könnte es begreifen, denn wer in der Krise steckt zwischen Leben als Leistung oder Leben als Leihgabe, der hat es schon weit gebracht. Davon bin ich in meinem Alltag oft überzeugt.

Das ist der Herbst des Lebens mit seinen beiden Wegen, den in den Winter und den in den Sommer.

Wenn wir haben wollen um zu haben, dann stößt Jesus uns vor den Kopf. Gerechtigkeit hin, Gerechtigkeit her. Denn es geht um nicht weniger als ein Leben im Sinne Gottes. Und das wird tatsächlich manchmal erst gewonnen durch den Verlust der Habe.

Weil Haben uns am Sein hindert.

Das ist wie mit den Kinder. Sie zu bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist jedes Mal ein Geschenk. Sie „haben“ sie nicht. 

Aber mit ihnen zu sein, das ist geschenkte Freude. Und die Freude mehrt sich mit der Verantwortung, die sie als Eltern und Betreuer wahrnehmen. Denn der Sinn des Lebens wächst im Miteinander.

Jesus hat uns Menschen gezeigt, wozu wir da sind: Nicht haben zu müssen – sondern Sein zu dürfen.

Amen.