Über dem Comer See

 

Impressionen aus dem Rucksack

 

Mai 2018

 

Der Seespiegel ist wie der gläserne Zwischenboden eines Kühlschranks inmitten die Bergwände geklemmt. Dieser See fängt den ersten Blick des Wanderers, sobald dieser ihn vom schmalen Saumpfad heben kann. Wir haben zur Rast auf über 1000m Höhe (Seespiegel 198m) unsere Rucksäcke ins Gras einer Alm geworfen und lassen die Augen schweifen.

Erstarrte olivgrüne Formationen werfen sich auf, häufen sich übereinander. Sie sind so steil, als fielen sie rhythmuslos und wild als Flanken dieses Glasbodens beidseits von oben. Kaskaden ungezähmten Gesteins. In ihrem höchsten Gezack am Horizont das Profil von Dante – rückenliegend, spitzes Kinn, zackige Nase, Lorbeerkranz im Stirnhaar – gibt dem Grat seine Kontur himmelwärts. Aber auch de Gaulle und Julius Caesar haben den Gipfeln ihr Profil geliehen. Darunter dichte Eichen-, Kastanien- und Birkenwälder. Sie bekleiden die massigen Riesen. Auch Linden, Ahorn und Haselnuss sind häufig anzutreffen. Wie Weihnachtsbaumkugeln tupfen die rotschindeligen Weiler Farbklekse ins grün der Bergdreiecke. Das gnädige Baumkleid über dem Fels wird modelliert vom Licht und vom Schatten, je nachdem, wie das gewaltige Gewand hingeworfen scheint. So wandern die Augen auf und nieder, finden keinen Halt als die Fläche dieses Sees.

Vergeblich suchen sie auch über den Seebergen einen Fixpunkt. Über der bewaldeten Landschaft, dicht unter dem Äther nur die erodierten Gipfel aus grauem Granit, sie tragen Diademe aus Schnee und ewigem Eis.

Unten fällt die aufgehäufte Landschaft auch unter dem Wasserspiegel in die Tiefe, doch hat sich in dieser heute der See gestaut. Graugrün eingefärbtes gesandstrahltes Glas, vom steten Wind blind. Nur ein weißes Fährboot zieht in diese makellos geschmirgelte Fläche seine Bugwelle, sie bildet ein langgestrecktes V, also zöge man ein Zirkuszelt an der Spitze immer höher, ein Wellenzwilling wird immer neu geboren und gespalten, der elegant den Bögen des Kurses folgt, sich weitet, sich konkav spreizt. Er glänzt wie ein silberblondes Haar, denn allein diese beiden Strähnen werden im blaugrünen Einerlei vom Sonnenlicht versilbert, eine Intarsie eingearbeiteten Frauenhaars in der Oberfläche eines tiefen unsichtbaren Wasserkeiles, der sich in den Abgrund spitzt und dem Auge nur die obere Schlagseite offenbart. Das Silber mag vom Haar der Loreley stammen, denn die Klüfte von Landschaft und Abgrund erzählen alte Mythen. Geschichten von Römern und Lombarden, von Hirten und unsagbar reich gewordenen Kaufleuten. Die Erzählungen sind so knorrig wie die Baumrümpfe der Kastanien. Die haben Astlöcher, in denen die Eulen hausen, doppelte Stämme unter ein und derselben Rinde, bieten Nisthöhlen groß wie Fuchsbauten und schießen weidengleich aus scheinbar totem Holz mit einem Strahlenkranz von grün.

Lästigen Mücken gleich dagegen sind die Wasserflugzeuge und Hubschrauber, die den See gelegentlich passieren. Obwohl hoch über dem Wasser, den weißen Segeln der Surfer, wirken sie doch insektenklein von hier oben. Die Entfernung unserer Basishütte sind über sechs Kilometer Serpentinen, unbefestigtes Bankett, vignettenpflichtige Wirtschaftsstraße, also menschleerer Abstand. Hoch erhaben und weit abgelegen von den dichteren rotgedeckten Siedlungen am Ufer, die gern die Schwemmlandzonen in den Deltas der erosionsgenährten Gebirgsbäche befallen haben. So wie Dervio uns gegenüber am östlichen Seeufer. Kein menschenverursachtes Geräusch von dort drüben hier oben.

 

Früher zogen Dampfloks die Wagons, und der Dampf aus ihren Schornsteinen gab ihnen den Namen. Solcher Dampf liegt heute, einen Tag später, wie ein riesiger Lindwurm über dem See. Er dehnt sich nicht aus wie der der Lokomotiven, sondern windet seinen langen weißen wolkigen Leib von Süden her auf die Alpen zu. In den Tälern hat er Kinder, die teils noch den waldigen Hängen entsteigen, teils sich in andere Richtungen schlängeln als der Riese über dem See. Der schiebt sich wie ein chinesischer Prozessionsdrache durch den Raum über dem See. Er robbt durch den Luftraum, wellt sich den Alpen entgegen, getragen von abertausenden unsichtbaren schlitzäugigen Stangenträgern.

Unter ihnen ist die Oberfläche des Gewässers beschattet und vom Regenschlag blind.

 

Das ganze ist ein lautloses Schauspiel. Eine Prozession ohne Instrumente. Fast. Vor dem Kontinuum des Baches im Wald, des nahen Wasserfalles, gelegentlich der Kuckuck mit seinem „Fotuu – Fotuu – Fotuu“ – Ruf, in den sich das Messgeläut einer Kirche vom anderen Seeufer webt. Wenn die Rufe verstummen, die Wandlung vollzogen, bleibt nur der Bach mit seinem Lied. Mit dem Cantus firmus des Wasserfalls.

Doch dann kommen die Ziegen und ab und an die Schafe; sie tragen Glocken wie die Kühe in Österreich. Sie durchstreifen den Wald, dessen grün bewachsene Lichtungen, dann verstummt ihr Geläut wieder, denn sie sind weitergezogen durch eine basisalpine Landschaft, in der nächsten Kluft verschwunden, hinter der Biegung im Wald diffundiert.

Wer ihnen folgt, der stößt mitten im Gelände immer wieder auf bruchsteinerne Häuser. Wenige renoviert wie das unsrige. Die Mehrheit Ruinen, verlassene Zeugnisse alter Schäfer- und Käsereien. Die Terrassen um sie herum längst nur noch eine Welle im abschüssigen Waldboden, wo ehemals Vieh weidete jetzt Kastanienwald. Wo die Häuser ihr Dach stolz und windfest aus flachen Granitschindeln trugen heute ein Gerippe letzter bemooster Stämme, die hölzerne Zwischendecke der zweistöckigen Häuser längst eingebrochen und völlig verschwunden. Widerstandfähiger dagegen die Eichentüren, die ohrwedeln vor leeren Türhöhlen oder hängen unbeholfen in schwarzer Erde und Bergen verwehten Kastanienlaubs in ihren geschmiedeten Scharnieren, sperrangelweit offen, denn im Geviert der Mauern gibt es nichts zu verschließen als stachelige Kastanienschalen, Laub, Humus, Liegengelassenes, Entsorgtes, meist nur das eingebrochene Dachgestein. Aussparungen in den Bruchsteinwänden erzählen noch vom Ort des Gebälks der Zwischendecke oder einer Ablage für Werkzeug oder Brot. Eine rechtrechteckige Nische in der Zelle, die die Stube bezeugt, war einstmals mit Rahmen und Holztür versehen und gab den „Schrank“ her, einen Zweiregaltabernakel für den wenigen Besitz, den Leib Brot, der so vor dem Fuchs, kaum aber von den Mäusen gesichert werden konnte. Im Untergeschoss regelmäßig zwei behauene hervorspringende Steine, die als Gesims, als Träger für die Produkte derer dienten, die den Sommer in diesen Behausungen lebten, der Schäfer, Hirten und Käser. Hier lagerten die Käsetorten, hier reiften sie und wurden fermentiert, bevor der Käser die Räder dann talwärts auf einen der Märkte brachte; der arme in der Kiepe, der reichere auf dem Gespann.

Die restaurierten Bauernhütten sind heute Urlaubsdomizil für Touristen, Wochenendhäuser der Italiener im Tal, Ferienheim auch mancher Franzosen, deren Vorfahren den See auf der Suche nach Arbeit verließen und die heute die Spuren ihrer Altvorderen wieder aufgenommen haben. Sie sitzen des Sommers mit ihren Kindern und Enkeln in diesen Bergen, forschen gelegentlich in den Taufarchiven der barocken Kirchen in den Uferstädten, in der übrigen Zeit gehen sie ihren Arbeiten in Marseille und Lyon nach und schreiben am Stammbaum.

Von diesen restaurierten Rustici soll es mehr als 1.200 in den Berglagen rund um den See geben.

 

Zweimal treffen wir auf Schäfer, der eine mit einer Palette Dosenbiers vor seinem dicken Leib beladen schleppt sich hinab zur Hütte. Sein Gesicht erzählt von den Entbehrungen und wie er sich mit Alkohol seine Existenz schöntrinkt. Er riecht aus der Nähe beim Wechseln der freundlichen Worte nicht anders als seine Tiere.

Der andere hat ein Feuer aus Akazien- und Kastanienholz entfacht. Der Rauch zieht durch einen gemauerten Schlot und dann hinaus durch die Steinplatten auf seinem Dach. Würzig riecht der Rauch. Wie dieser Schäfer riecht, können wir nicht sagen, dazu ist die Entfernung zu groß und der Duft des Rauches nach Platanenrinde und Kastanienholz zu papillefüllend.

 

Wir winken unser „Civediamo“ und nehmen den Weg talwärts. Die Sonne erleuchtet die Baumblüten und lässt den See vor dunklen Wäldern lächeln. Phallisch erhebt sich eine Dorfkirche mit mächtigem Läutwerk aus dem Schindelhaufen der Ortschaft. Wie ein zu groß geratenes Uhrwerk einer Armbanduhr, denke ich. Das Dorf mit seiner es überragenden Kirche passt in das Fenster, das zwei alte Eichen zwischen sich offen lassen. Die Wohnhäuser fließen sich duckend über das Land, sind eingebettet in den Saum angrenzender Wälder, in den See hinein dagegen dringt maskulin der Glockenturm, schiebt sich in den Vordergrund, entflammt stolz im Licht der anbrandenden Abendsonne. Wir staunen über den See, seine Gleichmut, seine Geduld. Aus unserer Perspektive wirkt er wie eine ganze Seenlandschaft, taucht hier und da zwischen den Baumgruppen portioniert auf – und bildet den einzig waagrechten Kontrast zum diagonalen Einerlei der Urwälder, der Berghänge, der V-Täler über den wilden Bächen. Dieser See, der wie Schöpfung im Chaos wirkt, wie der Kontrapunkt in einer unzähmbaren Melodie, wie ein trittfester Balkon in der Steilwand. Dieser See eben, einer Glasplatte gleich eingeschoben in eine wilde Wandwelt aus wüster Urzeit, ist unser Ziel, seiner Einladung sind wir gefolgt.

Im Felsgestein des Ufers, auf seinem Kiesstrand auch noch ein paar waagrechte Streifen. Wie die Rückstandsränder in einer weißen Porzellantasse, aus der der Kaffee nicht in einem Zug sondern über eine Stunde verteilt nur gelegentlich genippt wird, so zeugen am Ufer des Sees die Linien am Gestein von unterschiedlichen Wasserständen.

 

Apropos Café. Wir freuen uns auf den italienischen Café in der Bar neben der Kirche im Tal und nehmen die Rücksäcke wieder auf.

über den Pyrenäen

Die Stille ist perfekt. Die Neumondnacht hat alles eingewickelt in ihren schwarzen Samt, das Trogtal des Ordessa Nationalparks tief unten, wie auch den Monte Perdido über uns. Nichts ist zu sehen von der Breche de Rolando, weil oben wie unten schlicht schwarz in schwarz übergeht.

Nichts ist zu hören; kein Bach gluckst, kein Stein kullert unter dem Huf einer Gämse, einfach nur ein Gewölbe an Geräuschlosigkeit inmitten einer gigantischen unsichtbaren Natur.

Doch im Blut zittert das Adrenalin. Denn der Morgen will kommen, in der Gortizhütte wird es bald schon Frühstück geben.

Ich ziehe den Reißverschluss meines Ultraleichtzeltes auf – und als ob es ein Echo wäre, andere Zipper antworten. Das Glissando eines Schlafsackes auf der Isomatte. Leben kommt auf herum um die Refuge. Überall glimmen Stirnlampen auf und beginnen mit ihrem strahllosen Schein herumzugeistern. Zelte werden abgeschlagen, das verrät das Klappern von Alurohr. Die herumtastenden Lichter stammen von den erwachenden Bergwanderern, Trailrunnern, Kletterern.

Der Morgen graut, als sie alle sich in der Goritzhütte ihr Frühstück holen, vorbei an dem Regal im Vorraum, in das die Bergstiefel der Hüttennutzer gestellt werden, indem sie sich ein paar Crocs für die Benutzung in der Schutzhütte herausnehmen. Der Duft von mehreren dutzend durchgeschwitzter, oft durchnässter, wieder eingefetteter Lederstiefel ist ebenso typisch wie einmalig, ein olfaktorischer Schutzschirm vor dem Eintritt in den Speisesaal. Kaffee und heiße Milch aus der Niromaschine, Toast und eine Sorte Marmelade, kleine Bisquittörtchen und für jeden ein Croissant. Alles wird schnell verzehrt oder nicht minder flink eingepackt. So geisterhaft die Auferstehung des ersten Lichts und ersten Geräusches auf der Alm, so schnell ist der Spuk eines stummen morgendlichen Gedränges zu Ende.

Schon sind die ersten gelben, grünen, orangenen Jacken mit ihrem bewegten Innenleben am Berg zu sehen, mäandern hinauf, dem Monte Perdido entgegen, immer im Zickzack, ein Ameisenmännchen hinter dem anderen.

Die Zelte sind längst verstaut, das gelegentliche Klappern stammt jetzt von den Stöcken, die sich wie Tausendfüßlerfüße auf einer Ameisenstraße den Berg herauf arbeiten. Die Felsen sind noch nachtgrau. Die Stirnlampen erloschen. Aus den Sprossenfenstern der Gortizhütte allein fällt Lichtschein und wird von der sterbenden Nacht gefressen. Sie hat kein Bleiben. Denn die ersten Berghänge färben sich als wollten Kupfer und Macchia eine neue Farbe kreieren.

Ein Gipfel fängt Feuer! Orangerot springt auf den nächsten über und schiebt sich Minute für Minute den Fels hinunter, schafft dem Tag Fläche auf Erden, während der Himmel sich in zartestem blaugrau übt.

 

Den ganzen Vormittag noch wird der Fuß des Perdido im Schatten liegen. Auch Spätaufsteher kommen noch auf der sonnenabgewandten Seite bis hinauf dorthin, wo der letzte Grat zum Endspurt aufruft. Hier oben sind wir schon auf 2.500m Höhe, in geeigneten Nordlagen hat sich ewiger Schnee gehalten. Ich gehe unter einer Schneebrücke hindurch, zart gespannt wie eine chinesische Pagode, in Wirklichkeit jedoch von unten her ausgewaschen zu jener Sichelform. Etwas überhalb lädt ein bereits beschienener Felsen zum Verweilen ein. Der Primuskocher zaubert heißes Wasser für einen Kaffee. Weil der Tütenkaffee hier konkurrenzlos ist, wird er natürlich von meinen Mitwanderern als der beste Kaffee der Welt gelobt. Im Tal mag er nach Gerstenmalz schmecken, hier macht er aus einem Stein einen Barhocker und aus seinem Besitzer einen Kaffeehausbesucher.

 

Später bin ich allein. Mein Weg führt nicht hinauf auf den Gipfel, ich will ja ins Valle Pineta. Ich taste mich an blasigem Gestein entlang, das aussieht wie weiße Lava, Murmeltiere pfeifen und verschwinden zwischen den Ritzen. Dann wieder geräuschloses Steigen auf einem Erdegraben, der zwischen der Grasnarbe entstanden ist. Später ist ein Felsfeld zu überqueren, das haben die Giganten liegen gelassen. Vergessenes Wurfspielzeug mythischer Tage. Mein Schritt und Atem reimen sich, haben ihren Rhythmus gefunden. In das Stoßen des Ausatmens passt gut ein Kirchenlied, das ich immer wieder vor mich hin singe.

So komme ich zur ersten Kletterpassage. Ein Kette ist vertrauenserweckend großgliedrig und entsprechend mächtig verankert. Oben sprudelt frisches Bergwasser direkt aus der Felswand, die sich hunderte von Meter senkrecht nach oben dehnt. Unterhalb der Abbrüche und Klettersteige fällt der Fels allerdings auch hunderte Meter tief. Am Abbruch geht der Weg, ein Teil des GR 11, als schmaler Saumpfad entlang. Geriete der Schotter in Bewegung, alle Steine und auch ich Menschlein würde wie von der Ladefläche eines Lasters in die Tiefe gekippt.

Weil dies ab und an passiert, sind jetzt auch die Geier da. Sie passieren diesen Ort mehrmals am Tag und spähen das Tal nach Beute aus.

Und dann kommen die Adler! Auch sie auf Patrouille. Lautlos gleiten sie an mir vorbei. Zunächst tiefer als ich, von der Sonne beschienen liefern sie ein Puzzle zum Panorama. Später sind sie nur noch wenige Meter über mir. Hier sind sie die Meister und ich der geduldete Gast.

Dem Schauenden öffnet sich die Erde. Ein Canyon wie das des Ordessatales klafft zu meinen Füßen. In eine begraste Erdhaut hat über Jahrmillionen Wasser der Erde diese lange Narbe zugefügt. Eine Ader, vielleicht auch wie eine Wurzel, ein Priel mitten im Gebirge, Vergleiche aus Geologie und Biologie drängen sich auf. Und tatsächlich, es sind dieselben Naturgesetze, die hier die Formen schaffen. Wie Adern im Embryo angelegt werden, wie Priele sich durchs Watt graben, so entstehen hier ähnliche Formen im Maß von Erdzeitaltern. Für mich Eintagsfliege aber liegt das Gebirge als stille Masse da unter einer Glasvitrine, einer klaren Glasform, die durch nicht ein Stäubchen verunreinigt ist. Wie ein Mond unter sengender Sonne mein Umfeld, in der Ferne die Sierra der weiteren Pyrenäen, zu meinen Füßen dieses Canyon, dessen Tiefen sich im schwarz eines Tagschattens verlieren. Einzig sichtbares Leben eben jene Handvoll Adler, die in der Thermik ihre schlaglosen Kontrollrunden abfliegen, den Kopf links, den Kopf nach rechts drehend.

 

Zwei Kletterpassagen später stehe ich über dem Valle Pineta. Tief unten lädt der Parador für die Nacht ein. Doch bis dahin sind es noch 1.300 Höhenmeter Abstieg, letztlich werden es fünf Stunden sein, die zunächst über schottrige Abhänge, dann durch den Wald und schließlich über das Geröll des Bachbetts abgestiegen werden müssen. Wenige Bäche führen in diesem Sommer 2016 Wasser. Er war ein trockenes Jahr in Spanien. Doch von der Stirn des Trogtales stürzen sich majestätisch fünf Wasserfälle von Kaskade zu Kaskade. Dieses Schauspiel, von den Pinien des Tales gerahmt, machen das Valle gleichen Namens zu einem Erlebnis, das die Reise, das die Wanderung lohnt.

 

Ansichten eines Bankers

Hanebecks Hof, Juni 2016

 

 

 

Wenige Kilometer hinter Badenweiler und noch einen Steinwurf dann hinter Sehringen geht rechts ein geteertes Sträßchen ab. Leicht zu übersehen, doch ein in Schwarzwaldmanier geschnitztes Schild verweist auf das Ziel hinter den Bäumen: Hanebecks Hof. Der duckt sich am Ende des Sträßchens hinter den Streuobstwiesen ins hohe Gras. Die Viezäpfelbäume geben ihm erfolgreich Deckung vor den flüchtig neugierigen Blicken von Reisenden auf der Landstraße. Am Ende des Waldweges also ein gutsherrliches Tor und dann die Streuobstwiesen und Weiden. Nein, da ist ja noch etwas: eine Bank. Oberhalb des Weihers krallt sie sich in die Grasnarbe und bewacht das Gewässer, das in der oberen Spitze des riesigen Areals bereits das Wasser sammelt, das vom Blauen durch die Waldhänge hinabgeplätschert kommt. Vom Bänkchen aus kann man die beiden Staubecken und darunter die Weiden, die Kühe und dann die Kirschbaumplantagen auf ihrem Weg ins Tal überblicken. Grell beschienen leuchtet dort unten der Kirchturm von Feldberg, dann werfen sich noch einmal bewaldete Hügel auf, bevor es endgültig ins Rheintal hinab geht. Wingerte säumen den Blick, dunkel mäandert das Band des Rheins – und dahinter Frankreich, die Vogesen als blauer Hügelsaum auf den Horizont genäht. Darüber Äther. Schickt der Atlantik Wolken, sprechen sie Französisch, zumindest kommen sie von der Bretagne gezogen und über Paris, bevor der Wind sie die Hänge des Schwarzwaldes empor schiebt.

 

Das kann der Gutsherr besonders eindrücklich von einer anderen Bank aus beobachten. Sie steht oben im Steilhang östlich vom Hof, dort, wo der Wald vom Sonnenaufgang her kommend endet und steil die Weide zum Gebäudeensemble des Gehöfts abfällt. Dort oben sitzt der Mensch gleichsam zwischen Himmel und Erde, den Wald im Rücken, die Kulturlandschaft zu seinen Händen. Die rückwärtigen Tannen halten den Himmel auf Abstand. Der Verweilende sieht die Schicht, auf der die Wolken schwimmen. Er sitzt gleichsam – er und seine Vorfahren – seit Jahrhunderten dort und sieht den Globus, sieht, dass er von einer Lufthülle umschlossen ist, die eindeutig eine Kugel ist. Er und seine Vorfahren saßen dort und sahen das Schauspiel. Vielleicht schon vor Kopernikus Zeiten als die Weltsicht vom Biblizismus einer katholischen Kirche dekretiert und der Blick auf die physikalische Wahrheit verstellt wurde. Denn der Himmel ist eine Linse, ein wenig eingedrückt vom lieben Gott, der sich wohl droben auf dem ätherischen Sitzball niedergelassen hat. Eine Kugel also eigentlich, und die Erde darunter auch. Die Westwinde wehen vom Ozean herauf und hinter den Bergen wieder herab gen Osten, nach Prag, nach Moskau… Sie hinterlassen verwehende Cirren. Und so räkelt sich eine blaue Qualle und pulst langsam über die himmlische Leinwand.

 

Hier auf dieser Bank weht ein anderer Wind. Vom Tal weht er herauf und riecht nach der Kirschblüte. Und da, eine weitere Bank versteckt sich am tiefsten Ende des Wohngrundstücks. Sie ist gleichsam den Wurzeln eines Ficus entwachsen. Sein Schnitt macht ihm zum tiefen Schirm, zum Dach für den, der auf der Bank sitzt. Der Stamm schlank, schlängelt sich an sich selbst und seinen Nebenstämmchen hoch, die Krone geschnitten wie in buddhistischer Tempelschirm. Die gelackten Ficusblätter tändeln wie deren goldene Insignien. Dem in seinem Schatten Verweilenden bietet sich ein neuer Blick. Der über einen Bilderrahmen abgebenden Weidezaun hinunter ins Gelände, wo die Kühe grasen, auf den Bach, der vom Weiher heruntergeronnen kommt. Das Gewässer trennt die Hänge an ihrer tiefsten Stelle. Drüben enden die Weiden am Waldrand. Zur Dämmerung tritt Rehwild aus der Dickung. Ein Kitz spielt neben der Ricke. Beide so weit entfernt, dass sie auf den Hund neben dem Sitzenden nicht reagieren. Die Weinberge strahlen noch einmal im Gold der Abendsonne auf. Eine Sichel Goldes legt auf jedem Hügel ab. Toskanisches Gebaren allabendlich in einer Landschaft, die ansonsten eindeutig badisch ist. „Krone“, „Ochs“ und „Rebstock“ heißen die Gaststätten, in denen sich hervorragend speisen lässt vor der Bauerngärten wilder Farbpracht, auf der Tafel dagegen gebügeltes Linnen, im Glas ein Weißer von eben jenen Hängen, die die Abendsonne anlacht. Bauernrosen, Fingerhut und Königskerzen wetteifern in allen Farben. Phlox lehnt sich entspannt auf die Zaunbretter.

 

Eine abermals andere Bank sitzt auf dem letzten Sporn des Geländes, bevor es stetig gen Feldberg abfällt. Hier beschließt der Gutsherr seinen Tag, bis er dann zwischen den Obstbäumen hindurch zu seinem Schwarzwaldhaus zurück schlendert; oder aber er hat das Abendrot von ganz oben genossen, von dort, wo er über die roten Pfannen seines Anwesens bis nach Frankreich schaut; oder – wie meist – von der Bank aus, die ihn unter dem Dach eines Baumes geborgen, das äsende Rehwild beobachten lässt. Jede stille Viertelstunde solchen Verweilens eine Andacht.

 

Ob von hier oder dort, dieser oder jener Bank. Das Schauen und Verweilen macht einen Teil des Lebens hier aus – nein, macht das Leben in Hanebecks Hof aus, denn das versinnbildlicht das Ensemble der Bänke im Gelände: das Leben ist wesentlich Ansichtssache.

Wo nicht nur die Badener baden

 

 

BADEN-BADEN

 

Eine Stadt, in der eine „Kaiserallee“ im „Hindenburgplatz“ endet, kann man der trauen, zumal als Deutscher?

Vielleicht sind darum 40% der Immobilien in russischer Hand, weil diese Hände nicht trauen, sondern trauern; und zwar um den Zaren. Und mit ihnen bevölkern all diejenigen als Kurgäste den Ort, die der Monarchie nachtrauern?

 

Ein wirklich sym-badischer Altweibersommer feiert fröhliche Urstände zwischen hundertjährigen Kastanien. Das Laub schreit auf in gelb und rot angesichts der letzten Sonne dieses Jahres. Und so scheinen es auch die Menschen den Blättern gleich tun zu wollen. Baden-Baden Unterstadt, ein Wallfahrtsort gutbürgerlicher Biederkeit: Sachertorte statt Devotionalien. Kinderwagenschiebende Großfamilien, multilinguale Freundesgruppen mischen sich mit den Flaneuren, die einen Spazierstock mit Silberknauf schwingen. Kutschen warten am Goetheplatz auf bunt behütete Frauenzimmer, denen nach einer Lustfahrt ist. Den Reifrock haben sie gegen den roten aus Filz getauscht, und er will sich reimen auf ein rotes Käppchen mit Fasanenfeder, wie es der Requisitenkammer der Gründgensschen Faustinszenierung entsprungen sein könnte. Die Pärchen mit asiatischen Gesichtern und die Gruppen aus dem Nahen Osten mit und ohne Kopftuch mischen sich mit Kunstinteressierten in Anzug und Schlips und schlendern deutlich golden beringt dort durch den Park der Lichtentaler Allee, wo morgens die deutschen Innenstadtbewohner ihre Hunde Gassi geführt haben, wo sie sie in undeutschem Ungehorsam über alle Schildbürgeranweisungen hinweg haben frei laufen lassen. Denn die Parkordnung ist streng, sie verbietet so gut wie alles, was alten Menschen unmöglich ist oder Angst einjagen würde. Eine Welt für Alte oder innerlich steif gewordene. Herren- und Sachertorte tun ihre Pflicht. Und bitte mit Sahne. Den noch auf Bänken und Stühlen in den Cafes im Schutz einer Wolldecke Verweilenden wird Augentheater geboten. Denn das Publikum begibt sich mangels anderer als der Schaufensterangebote selbst auf die Bühne, es stellt sich dar: Matronen in den neusten Geschmacklosigkeiten von Versace schleppen sich auf Krokoschuhen schwankend über den Kies, Männer mit verderbten Gesichtern, hinter übergroßen Guccibrillen mühsam verborgen, kreuzen den Kurs, und dort, tatsächlich einer unter Melone, der seine überpralle Brieftasche so fest hält, dass die Finger totenweiß sind. Sie alle geben sich ein Stelldichein und gerieren sich wichtig unter den blinden Augen der Karyatiden. Und da dies marmorne Publikum nicht applaudiert, gibt man sich noch närrischer, parfümiert sich noch aufdringlicher. Fasttote, die voreinander ihren letzten Auftritt haben, als wollten sie sich in besonderer Weise ihrer Lebendigkeit versichern.

Wohltuend dazwischen ein wirklicher Millionär – die Stadt hat von ihnen 36 auf 10.000 Einwohner, also fast fünf mal 36. Er kommt im abgewetzten Seemannszwirn daher. Aber hat nicht auch er nur Avaritia gegen Superbia getauscht?

 

Unten die kaiserzeitlichen Fassaden mit ihren Balkonen, Erkern und Bogenfenstern, oben in der Stadt unter den Türmen, Burschenschaftsfahnen und Zinnen das Fachwerk, spinnenversponnen, dazwischen das Treppauf – Treppab wie es auch Marburg und Tübingen kennen, dort aber Studenten auf den Gassen, hier die Japaner und Russen, die sich auf der Suche nach den „Caracalla-Thermen“ im mittelalterlichen Labyrinth verlaufen haben und hilflos Stadtplan und Straßenschilder vergleichen. Gleich wird Minotaurus kommen und dem Spuk ein Ende bereiten.

 

Oder nicht, dann verspielen die Flaneure des Mittags um Mitternacht Eigenheime oder ganze Flotten. Ihre Gattinnen wedeln mit Zweihunderteuroscheinbündeln so dick wie Zigarrenkisten und lassen die Pagen weiche Knie bekommen.

 

Am Eingang der Stadt dagegen stehen die Häuser in Habachtstellung. Es sind ergraute Militärhäuser aus der Zeit der französischen Präsenz. Längst sind sie aus französischem Besitz über das Bundesliegenschaftsamt in städtischen Besitz übergegangen, haben aber die Flüchtlinge auf dem Weg zur Eigentumswohnung abgeworfen, wie Hunde den Floh. Nun reihen sie sich traurig aneinander.

 

Alles träumt hier in dieser Stadt von vergangenen Zeiten.

 

Parallel zur Kaiserallee hakt sich Louise beim Monarchen unter. Was mag sich wohl der Baden Badener für die Zukunft wünschen? Der badende Gast schlendert jedenfalls noch vom Kaiser auf Hindenburg zu. Sonnt sich im Ehrenglanz von Eichenlaub.

 

Eine Stadt, deren Gesinnung man misstrauen muss.

Belle-Ile en-mer

Netze bei St. Nazaire
Netze bei St. Nazaire

Menhire bei Carnac
Menhire bei Carnac

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Ankunft auf Belle Ile bei Le Palais
Ankunft auf Belle Ile bei Le Palais

Bucht bei Locmaria
Bucht bei Locmaria

französischer Kaffeebrand hilft auf die Füße
französischer Kaffeebrand hilft auf die Füße

Leuchtfeuer bei Port Andro
Leuchtfeuer bei Port Andro

Küstensiedlung bei Kerdonis
Küstensiedlung bei Kerdonis

freie See bis Amerika (bei Port Coton)
freie See bis Amerika (bei Port Coton)

Aiguilles de Port Coton - eben jene, die auch Claude Monet gemalt hat
Aiguilles de Port Coton – eben jene, die auch Claude Monet gemalt hat

Sauzon vom Pier aus
Sauzon vom Pier aus

Im Vorhafen von Sauzon bei Ebbe
Im Vorhafen von Sauzon bei Ebbe

wo schwimmt der Fisch?
wo schwimmt der Fisch?

Le Grand Phare de Goulphar (1836) geht in Betrieb bei Sonnenuntergang
Le Grand Phare de Goulphar (1836) geht in Betrieb bei Sonnenuntergang

Kervilahouen
Kervilahouen

Petit Cosquet
Petit Cosquet

Dinghis im Tidenhafen von Le Palais
Dinghis im Tidenhafen von Le Palais

typische Ladenfront im Hinterhafen von Le Palais
typische Ladenfront im Hinterhafen von Le Palais

Möven vor dem tour du phare de Goulphar
Möven vor dem tour du phare de Goulphar

Abschied von Belle Ile
Abschied von Belle Ile

Wir sprechen Breton

Belle-Ile en-mer

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Plage de Donnant

Der Nordwind weht der auflaufenden Brandung eine Elvislocke ins schlohweiße Haar. Er tut es mit der Präzision eines akkuraten Friseurs. Durch das Teleobjektiv sehen die aufeinander folgenden Wellen wie militärisch dressierte Fünflinge aus, so exakt wiederholt sich das Schauspiel am selben Ort. Der Wind greift dort an, wo man von der vordersten zur hintersten Welle ein Lineal diagonal auflegen könnte. Es ist, als ginge der himmlische Schreiner mit einer Handkreissäge an diesem imaginären Band entlang. Spänen gleich weht er die Cabriolocke von der Stelle ab, wo die Woge sich bricht. Diese Bruchkanten wandern auf den Graten der auflaufenden Brandung synchron nach außen. Trippelndes Ballett. Großes Theater. Den weißen Schaum weht die Luft im Bogen nach hinten davon, als ob sie vom imaginären Sägeblatt sternschnuppengleich wegfunkten oder jemand sein ergrautes Haupthaar nach hinten wirft. Immer genau am sich überschlagenden Kamm bläst der Sturm die rittlings auf der Welle tanzende gläserne Gischt auf den dunklen Rücken der Woge zurück.

Die Wellenwand spannt sich über die Breite des Strandes, liegt als Parallele unter dem Horizont, sperrt den Weg hinaus aufs Meer. Eine hinter der anderen läuft gegen das Land an. Ihre heranwallenden Fronten prunken in meerblau, in den seichten Wellentälern dagegen schimmert der Sandstrand in karibischem grün herauf. Ein Netz von Lichtreflexen tänzelt über dem Sand. Dieses Schauspiel lädt zum Baden ein. Allein, das Wasser hat eine Temperatur von 14°C. Darum liegen auch nur wenige Strandgäste im Windschatten der Dünen. Dem Strandläufer schießt der Nordwind den Sand wie Schrot an die nackten Schienbeine und Arme. Die Brillengläser drohen blindgeschmirgelt zu werden. Dieser energische Winde ist es, der die Gischt hinter die anrennende Wellenwand zurückföhnt.

Zu beiden Seiten des Strandes haben sich plump Felsen gelagert, gegen den Horizont der See zeigen sie Silhouetten von Echsen und Fabeltieren, ihre beerdeten Häupter tragen Gräser und Strandhafer, in

 

 

 

 

 

 

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denen der Wind wiegt. Er modelliert energisch in ihnen wie Menschenhand, die ein Tierfell streichelt.

Jenseits der Sandstrandzungen liegt der ganze Ufersaum als eine modellierte Felsmasse dort. Mancher bizarre Stein ist aus der Masse der Insel gefallen. Er kann dort im Meer als springende Robbe, als Delphin, als Saurier schwarz und schwartig auf algigen Grünfüßen über der weißen Gischt stehen. Höher noch ragen die geschlossenen Klippen auf. Auf ihnen wieder Sandboden und wiegendes Gras. Von oben betrachtet liegt die ganze Masse der Insel da, in der Fläche nur schwach gewellt und an den Rändern ausgeklüftet. Die Leiche einer ausgelegenen weggeworfenen Hotelmatratze, dellig und aus der Form geraten. Die ehemaligen Ränder wie von Ratten zerfleddert. Zerfasert rinnen sie ins Meer. So liegt die Insel da; an den Rändern unfassbar, wie die Quallen, die bei Ebbe auf ihren Stränden vergehen.

Fest wirken nur die schwarzen Felsen. Dort oben auf den höchsten Kuppen der Erhebungen – direkt vor dem Himmelsblau – stellen sich jetzt ein paar Menschen ein. Als ein Hahnenkamm stehen drei auf dem nächsten Hügel und schauen auf das Schauspiel des Meeres hinab. Sie wanken leicht im Sturm und tragen rote Windjacken, die dieser organisch aufbläht. Sie schauen eine Weile, plötzlich werden es mehr. Die sportlicheren haben auf ihre Gruppe gewartet. Denn nun kommt ein ganze Busladung von Wanderern den Dünenpfad hinab. Auf dem Trampelpfad hinab in einer Linie gerät die Kolonne zu einer Raupe in Warnfarben. Rote Jacken, gelbe, dazu Sonnenhüte in allen Farben, Rucksäcke in brombeer und orange, in blau die Shorts, seemännische Ringelpullis, alle Farben sind vertreten im Heer derer, die erst den Saumpfad abwärts pulsen, jetzt hinabmäandern bis zum Strand, ein Sprung noch vom letzten Gestein und sie sind auf Meeresniveau. Die bunte Gruppe – es sind tatsächlich so viele, wie ein Bus Sitze hat – bringt sich an der Leeseite des felsgestützten Dünenabhanges in Sicherheit vor dem Wind. Unter einem schwarz und (glücklicherweise) zahnlos gähnenden Maschinengewehrfenster lassen sie sich in voller Montur nieder. Wie nasse Vögel sitzen sie still und erschöpft von der Wanderung auf der untersten Gerölllinie und mümmeln ihre Brote. Nicht minder bunt als ihr Outfit sind die Graffitis der Sprayer, die zu ihren Häupten auf den Betonschild des „Atlantikwalls“ auf sein gestriges kriegsgrau farbenfrohe Runen aufgesprüht haben. Geränderte Buchstaben blähen sich neben gebleckten Zähnen eines Gesichtes, animalische Figuren in Ethnomustern auch, die südamerikanischen Wüstenzeichnungen entlehnt sein könnten.

Rund um die Insel zieht sich auf den Höhen der Küstenfelsen ein Wanderweg. Er ist die Hauptattraktion des Eilandes. Nach jedem schmalen Strandband windet er sich wieder in Serpentinen empor, schwingt sich von Höhe zu Höhe, um dann wieder zu einer der Buchten, der seltenen Strände oder gar zu einem Ort abzusteigen.

Sauzon, Le Palais und Locmaria sind diese Ortschaften, von denen die ersten beiden über eine schiffbare Bucht verfügen. Dort allein sind Häfen angelegt, in deren hinterem Teil, durch ein tiefer als die Ebbe gelegtes Becken in Sauzon bzw. durch eine Schleuse in Le Palais Einkieler mit großem Tiefgang bei Niedrigwasser schwimmen bleiben. Alle übrigen Boote fallen in den Vorhäfen trocken. Die Katamarane, die Trimarane, die Motorboote kommen auf die Rümpfe zu stehen, bzw. den ebenen Schiffsboden. Abgestützt steht ab und an ein Kielboot dazwischen wie ein Einbeiniger unter Nichtinvaliden. Ein Stelzengeher auf dem Jahrmarkt der Tide. Die Badeleiter hat der Schiffsführer um eine Haushaltsleiter mit 11 Stufen verlängert, um an sein Schlauchboot in der Tiefe unter dem Heck zu kommen; zumindest solange ein Dingi noch nötig ist. Danach gelangen die Besatzungen über den Schlick in Seestiefeln oder barfuß zum Quai , vorbei an den trocken gefallenen Bojen und Booten. So liegen dann Ballons in orange und Neon auf einem grünen Algenbett, angekettet an rostige Glieder, die sich auf dem Schlick Strandwürmern gleich eingerollt haben.

In diesem Teil des Hafens, der im Auf und Ab von Ebbe und Flut pulst, haben auch die Aluyachten französischer Bauart ein Zuhause, die den Ballast im Rumpf tragen und über ein Schwert verfügen, das sie einziehen können, die Ovnis von Alubat zum Beispiel.

 

Locmaria

Zwischen Ginster und Gräsern, zwischen flammendem gelb und kiefergrün der Macchia windet sich der Inselrundweg hoch vom winzigen Strand, schwingt sich auf und gibt den Blick zurück frei auf den wehrhaften Wachbau von Port Maria. Ein weißer Kontrapunkt in einer Welt aus grünem Farn, gelbblühendem Stechginster, dem schwarz der nassen abfallenden Felsen und dem Khaki des Sandes. Das alles unter einem makellos blauen Äther, kein Kondensstreifen marmoriert den Himmel, aquamarinblau über dem Land geht ungestört über in marienblau im Zenit. Der Kuckuck schreit, wie überall auf Belle Ile. Er ruft aus dem Kieferwald, der die Macchia landeinwärts krönt. Einziges Anzeichen menschlicher Anwesenheit sind die weißen Giebel, die in der Ferne aus dem Wald blinken als wollten sie für einen Fremdenverkehrsprospekt werben.

Uns zu Füßen inzwischen das Wehrhaus, eines von einer Handvoll, die die sensiblen Zugänge der Insel, die Sandzungen und flachen Aufgänge zwischen den Klippen und steilaufragenden Felsufern, bewachten als es noch Piraten in dieser Gegend gab. Es erinnert an spanische Bauart. Rustikaquader betonen an Zinnen, Schießscharten und Fenstern die Wehrhaftigkeit des quaderförmigen Hauses. Die Flächen zwischen diesen Natursteinen sind blendend weiß verputzt. Drei mal drei Schießscharten in je einer Gruppe im ersten Stock. Alterniert durch zwei wehrhafte Balkone auf jeder Hausseite. Die großen Fenster im unteren Stock sind wahrscheinlich später eingebaut, wie auch die Garage an der Seite jüngeren Datums ist, weil die neue, die touristische Nutzung es verlangt.

 

Sauzon

Der Friedhof in Sauzon ist für die Lebenden Sperrgebiet. Das Tor ist verschlossen. Ein schweres Vorhängeschloss verhindert das Öffnen der stählernen Flügeltore, die sich in Mauerhöhe in die Lücke der mannshohen Umfriedung aus Quadern gepflanzt haben. Das Mauergeviert trennt die Lebenden von den Toten. Unüberwindlich. Nur das Ableben erlaubt dorthin den Zugang – nimmt aber sonst alles. Das Mauergeviert speichert die Hitze des Tages. So schwitzt denn der sterbende Jesus hundertfach allein am Kreuz inmitten der Steinwüste dieses Ortes der Toten. Die mörderische Sonne ist einziger Gesellschafter der Kreuze. An ihnen hängt der INRI in groß und klein. Es ist immer dasselbe Modell. Mal groß, mal klein, mal farbig bemalt, mal in Bronze, mal mit Grünspan auf dem verwitternden Metall, mal goldbemäntelt, mal in silbrigem Aluminiumguss. Kleingolgatha nach dem inneren Bild eines Handwerkers, der im 19. Jahrhundert Dürer rezipierte und die Vorstellung vom Gekreuzigten geprägt hat wie kein anderer. Hier ist dieses Bild allein hundertfach empor gehoben an die Kreuze aus Stein, die durch die eingekerbten Kreuzesarme ihre Zugehörigkeit zum irisch-keltischen Kulturraum bekennen.

Auf der anderen Seite der Mauer, in der Welt der Lebenden, geht es beschaulich zu. Und windiger, darum kühler. Im Gegensatz zur steinernen Innenwelt des Friedhofes protzt draussen üppiges grün, Farne und Fici, Papyri und Palmen, Rosen und Rododendren. Das Leben pulst im Takt von Sonne und Regen, von Ebbe und Flut. Im Rhythmus der seltenen Fährverbindungen. Dann füllt sich der rosa dekorierte Crepesladen, der auch das Eis verkauft, dann stehen drei Leute Schlange in der Boulangerie, deren Schaufenster in englischem pubrot gerahmt ist, dann gehen auch mal ein paar Postkarten im Zeitungsladen in die Hände von Touristen über. Der Zeitungsladen hat seine Front postgelb gestrichen, er verkauft auch Briefmarken. Schiffsmodelle und geschnitzte Möven, beides in weiß und blau bietet ein Schaufenster dazwischen feil, das ebenfalls im selben blau gefasst ist.

So stehen sie links und rechts der Kirche, die Häuserfronten in rosa, in gelb, in pink, die Läden und Fensterrahmen in meer- oder himmelblau, in bordeaux und beige. Die Zeile rauf, die Zeile runter. Das ist alles. Den größten Raum nimmt das Hafenbecken ein mit seinem stets schwankendem Wasserspiegel. Es ist die Variable im Konstanten, im Einerlei dieses einladenden Hafenstädtchens.

 

Le Palais

Rasenmähen im Kleingarten. Das scheint der Traum jedes Parisienne zu sein, der das Jahr über im 4. oder 6. Stock seiner Wohnung im 17° verbringen muss, der Metro zur Arbeit fährt und im 18. Stock hinter Glas arbeitet. Doch dann kommt der Urlaub auf Belle Ile. Bretonisches Papphäuschen und kleiner Garten. Die Ferienhausidylle ist genormt. 80m2 auf zwei Ebenen. Oder weniger. An den Giebelseiten traditionell die Kamine. So ist die Bauvorschrift. Die dünn besiedelte Insel überzieht inzwischen ein Schuppenkleid dieser uniformen Häuser. Überall blinken sie geflissentlich weiß aus dem Farnkleid, aus den Kieferwäldern hervor. Bemessen gestaltetes Idyll. Es könnte schlimmer sein. Und doch offenbart die Menge der Siedlungen, dass sie Heimstätten des Urlaubsvollzuges sind. Durch Hecken getrennt reihen sich Häuschen und Gärtchen aneinander. Heute mäht der Nachbar links, morgen schneidet der Inselurlauber rechts die Hecke, übermorgen ist im Häuschen gegenüber Quartierwechsel und das Team aus Putzfrau und Gärtner scherzt laut bei der Arbeit und schimpft sich „Schaf“. Und wer Pech hat, der lebt nah an der Baustelle, auf der neue Reihenhäuschen entstehen; da werden Grundplatten gegossen, Kräne summen, Kreissägen kreischen und der Hammer der Dachdecker gibt den Takt auf hallendem Holz. Reihe um Reihe schiebt sich der heckenbewehrte Traum des Parisers in die Wirklichkeit der empfindlichen Inseloberfläche.

Alteingewachsen dagegen schon die Festungsanlage ihres Planers Vauban. Das V aus seinem Namen scheint Programm für die Keile und Bastionen der komplett erhaltenen begehbaren Anlage. In dem Graben zwischen den beiden bewaldeten Wällen stehen sonntags auf gemähtem Rasen Hüpfburgen und Kinder johlen auf einem Karussell, das aus geronnenem Zuckerwerk zu bestehen scheint, Pferd und Wagen, Nixen und Einhörner aus Grimmschen Zeiten.

Die Wälle sind die Grüne Lunge eines Städtchens, dem das Meer täglich mehr als genug Luft zuatmet. Die Bäume auf ihnen aber nehmen dem Seewind die Kraft und geben dem Flaneur Schatten, denn dieses Wäldchen gehört zu den großen zusammenhängenden Baumstücken des Eilandes, halb Stadtpark halb Wildnis. Diese Wälle fassten einmal mehr Soldaten als innerhalb von ihnen im Städtchen Le Palais untergebracht werden konnten. Einem schnuckeligen Seestädtchen, dessen zentraler Kreisverkehr – wir sind in Frankreich! – von einer Fahrwasser-Mitte-Tonne zentriert wird. Schräg hängt sie im Beton, als zerrte noch der Tidenstrom an ihrem Grundgeschirr.

 

Borfloc´h

Aber es gibt das Paradies noch, den alten Hof, der neu gestaltet inmitten eines weiteren Wäldchens liegt, der nahe See lässt die Frösche quaken und der Baumschatten der alten Kiefern fällt auf grünen Parkrasen, der Platz für Kinder, wie Hunde und eine Hollywoodschaukel gleichermaßen bietet. Die Nebengebäude sind aus Bruchstein und im Schafstall stehen noch Schafe. Dem Kuckuck antwortet der Ruf der Seemöve, und das Rotkehlchen setzt sich zutraulich auf die Lehne der Gartenstühle.