Konfirmanden an die Quelle!

Konfirmationsansprache über „Wasser des Lebens“, 2019

Ich habe hier eine Flasche „Aquavit“ mitgebracht. Große Feste laden auch gern dazu ein, sich miteinander zuzuprosten. Allerdings geht es bei dieser Flasche nicht um den Inhalt, sondern zunächst nur um den Namen auf dem  Etikett. Und um das zu entziffern brauche ich – so wie überhaupt in diesem Teil des Gottesdienstes – Helfer. Wir brauchen hier, um weiterzukommen, einen Lateiner. Wer kann Latein?

Gut: Aquavit heißt also Lebenswasser.

Es gibt also Getränke, von denen hat man tunlichst eine kleine Reserve im Apothekenschrank. So haben das die Menschen schon lange gemacht. Angefangen bei den irischen Mönchen, die die Kunst des Brennens überhaupt entdeckt haben. Im Schottischen heißt das Getränk ebenfalls Lebenswasser – „uisge beatha“ in der alten Sprache. Und aus „uisge“ ist dann Whisky geworden. 

Weiß jeder. Hat aber nicht jeder heute mehr im Haus.

Was aber jeder im Haus hat ist eine Heizung.

Könnte mir ein weiterer Predigthelfer sagen, was sich bei ihm zu Hause im Heizungskreislauf befindet?

Da haben wir es schon wieder: Wasser. Warum ist Wasser in der Heizung? Weil kein anderer Stoff Wärme so gut aufnehmen und transportieren und wieder gern abgeben kann wie Wasser. Es ist das ideale Medium für unsere moderne Heizung.

Meere wirken temperaturausgleichend, weil sie im Sommer die Wärme aus der Atmosphäre aufnehmen und in der kalten Zeit wieder abgeben. Darum sind die Meere für eine ausgeglichenes Klima so wichtig.

Vielleicht haben Sie nicht nur eine Heizung, sondern auch einen kleinen Fischteich zu Hause. Und in diesem Teich gar Goldfische? So ein Teich sollte dann mindestens 1.20m tief sein. „Warum?“ ist abermals die Publikumsfrage.

Nun, Sie können nicht alles wissen, darum hat man einen Pastor, er weiß gemeinhin über die letzten Dinge des Lebens bescheid. Und Pastoren haben nicht nur mit Schafen zu tun, sondern auch Fische und Fischer spielen in ihrer Hauptlektüre eine bedeutende Rolle.

Die Antwort! Wasser hat seine größte Dichte bei 4°C. Das heißt bei dieser Temperatur ist Wasser am schwersten. Eis dagegen, bekanntlich mindestens 0°C kalt, ist wieder leichter, bleibt weiter oben, wird gleichsam getragen von der schwereren Schichten flüssigen Wassers. Und genau das ist eines der Geheimnisse des Lebens auf dieser Erde. Denn in diesem tieferen Wasser überleben die Fische nicht nur den europäischen Winter sondern auch eine ganze Eiszeit.

Nach der Frage an die Physiker noch eine an die Mediziner. Wie hoch ist der Anteil Wassers im Blut?

(55% des Blutes macht das Blutplasma aus; und dieses besteht zu über 90% aus Wasser)

Warum ist das Wasser im Blut ein so bedeutender Stoff? Weil es durch seine Molekülstruktur: zwei Wasserstoffatome an einem Sauerstoffatom ein V ergibt, das sich in einem Winkel von 105° spreizt. Da verhakt sich nichts, es ist einfach gut flüssig. Das ideale Medium, um andere Stoffe, hier Nährstoffe zwischen sich zu transportieren.

Wo wir schon mitten im Physikunterricht und Sie zu meinen Predigthelfern geworden sind: Kennen Sie die vier Aggregatzustände des Wassers: flüssig, fest, gasförmig und – die Hollandtomate.

Ich fragte also die Konfirmanden: Was ist das denn hier im Text: „lebendiges Wasser“ – und einer sagt: das ist Sprudel, da sind doch die Blasen drin, steigen auf und machen das Wasser lebendig. Das spürt man noch, wenn man es getrunken hat, und mancher lässt es dann auch hören.

Lebendiges Wasser liegt nicht nur einfach so da, so etwas nennen wir Pfütze oder in meiner Heimat Brackwasser. Nein lebendiges Wasser ist etwas Appetitliches. Mindestens also so etwas wie „Tafelwasser“.

Aber auch das ist nur ein Gesicht von Wasser. Denn Wasser kann Freude machen. Warum fahren wir denn im Urlaub an den Bergsee oder ans Meer?

(Wasserspritzer in die Gemeinde – Aufschrei). Na, Sie hören es doch alle selbst: Wasser bereitet Vergnügen!

Schales, abgestandenes Wasser macht keine Freude. Die Frau am Brunnen, sie weiß das. Quellwasser ist so viel besser. Hier am Brunnen gibt es normaler Weise nur das Zisternenwasser. Das mag für Kamele gut genug sein. Aber lebendiges Wasser, also sich bewegendes frisches Wasser, das ist etwas anderes. Da hat auch der Konfirmand recht: stille Wasser mögen tief sein, aber ein Wasser mit Sprudelbubblen kommt meist besser.

So ein mitreißendes Wasser führte auch die Ruwer, in der wir Hannah kurz vor der Konfirmation tauften. Das war ein Moment, den keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird. Hannah wurde drei mal in die Ruwer getaucht. Sie hat „ja“ dazu gesagt, so wie Jesus bei seiner Taufe im Jordan. In diesem Moment an der Hochwasser führenden Ruwer wurde deutlich, um was es hier geht. Jesus hat sich gleichsam ertränken lassen. Der alte Adam wird ersäuft, sagt Martin Luther zu dieser Bedeutungsebene von Taufe. Und Jesus sagte „Ja, Gott, dir traue ich zu, dass du mich empor ziehst, hier auf Erden, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, und darüber hinaus. Denn Gottes Ja gilt seinerseits ein für alle mal und über dieses irdische Leben hinaus.

Weniger nicht. Das wissen diese Konfirmanden, die heute alle Ja zu ihrer Taufe sagen. Als religionsmündige Christen.

Sie stellen dieses Vertrauen, nennen Sie es Glauben, über die Angst. Denn das sind die beiden großen Kräfte in unserem Seelenleben: Vertrauen und Angst.

Darum traktieren wir in diesem Eurem Jahrgang und in diesem Festgottesdienst das Wasser so ausführlich. Weil es nicht weniger als ein Symbol ist für den Menschen, der dadurch definiert ist, dass er im Spannungsbogen zwischen

Mangel und Erfüllung

Angewiesensein und Entgegenkommen

befürchteter Bedürftigkeit und erhofftem Segen

steht.

Johannes, der Philosoph unter den vier Evangelisten, spielt bewusst und an vielen Stellen mit Missverständnissen.

Liebe Gemeinde, jedes von diesen ist eine Herausforderung. Das Missverstehen der Samariterin steht für die Herausforderung jedes einzelnen: nämlich zu entziffern, was das Lebensnotwendige für Sie und mich, für Euch ist.

„Gib mir das Lebensnotwendige!“, auf diese Auflösung läuft das johanneische Rätsel hinaus. Glaube an das Gelingen des Lebens kann nicht erworben – nur geschenkt werden. Wer aber mit ihm beschenkt wurde, der weiß, dass der Glaube auch dann trägt, wenn das ansonsten Nötige fehlt; dass einer das Miteinander gelingen lassen  w i l l, auch wenn es gerade Differenzen gibt; dass ich lieben kann und geliebt werde – unter allen Umständen.

Solcher Glaube zieht Kreise – ganz wie das Wasser.

Weil ihr im Apothekenschrank Eures Lebens solch einen Schluck Lebenswassers stehen habt, weil Ihr dieses Vertrauen in Euch tragen dürft, lasst Ihr Euch heute segnen.

Fast möchte ich sagen „Prost“. Aber hier heißt es immer noch Amen.

Im Kielwasser römischer Galeeren

Galeeren und Lastsegler, kleine und große Kauffahrer durchpflügten das mare nostrum. Das Mittelmeer zur Zeit der römischen Kaiser. Zwischen dem kornreichen Afrika und der Millionenstadt Rom herrschte reger Schiffsverkehr. Umschlagplatz des Getreides für die nimmermüde und immerhungrige Stadt war Ostia. Unweit von deren Reede lagen weitere Marinebasen, in denen das Imperium Kriegsschiffe vorhielt und Ausrüstung, damit die vitalen Versorgungswege auf See geschützt werden konnten. Auf die Spuren dieses Aspekts römischer Mittelmeergeschichte stießen wir bei unserem Chartertörn 2006.2006-06-17 055Wir besegelten die Region südlich von Ostia. Ausgangshafen war Gaeta. Kein Tagestörn südwestlich erhebt sich Ventotene, eine heute malerische Insel. In den weichen Tuffstein des Eilandes gruben die Sklaven der Römer geräumige Lagerhallen. Auf dem Quai wurden die Kriegsschiffe aus dem Arsenal heraus beladen und ausgestattet. Bug an Bug, Rammsporn an Rammsporn lagen die Ruderer zusammengehalten wie Blütenblätter einer Margerite im Kreis. Dieses platzsparende Hafensystem hatte Rom von seinem Erzfeind Karthago abgeschaut. Tauwerk, Blöcke, Riemen, Pech, Segeltuch, Waffen, Amphoren mit Lebensmitteln, alles wurde aus dem Lager bei Bedarf auf die auszurüstenden Holzschiffe geschleppt. Dieses Marinearsenal ist heute noch vorhanden. Allerdings nutzen die Fischer die Lagerräume für ihre Zwecke und bunt sind die Verschlagtüren in der Manier des Mittelmeeres angemalt.

der ehemalige Liegeplatz römischer Kriegsschiffe dient heute Fischerbooten und einigen Yachten als Hafen
der ehemalige Liegeplatz römischer Kriegsschiffe dient heute Fischerbooten und einigen Yachten als Hafen

Doch Schritt für Schritt, Schlag für Schlag sozusagen. Für den Nachmittag unserer Einschiffung war eine Windzunahme gemeldet. Wir hielten die Nase also in den Wind und tasteten uns bei Beaufort 4 aus dem Hafen. Das ist ein äußerst angenehmer Wind für den ersten Tag. Mit jeder Seemeile Abstand vom pittoresken Gaeta2006-06-17 183 nahm der Wind zu. Erst auf 25, dann auf 30Knoten. Wir merkten, wir kamen aus der Landabdeckung. Also wurde ein Reff ins Großsegel gesteckt. Die Genua, eine komfortable Rollanlage ließ sie leicht beherrschen, wurde um ein Drittel eingerollt.

Doch Rasmus wollte es uns so richtig zeigen. In 7sm Distanz zur rettenden Küste blies er aus geblähten Lungen. Die See baute sich mächtig hinter uns auf. Ich schätzte mich glücklich angesichts all der Segelanfänger an Bord, dass er uns von hinten in die Segel blies. Ein Hoch-am-Wind-Kurs wäre gleich zu Beginn noch bedrohlicher erschienen. Doch drei Meter stiefen die Wellen jetzt schon hinter uns auf und drohten uns zu verschlingen. Aufpassen und Kurs halten, sagte ich mir. Und gleichzeitig die jungen Seeleute beschäftigen und ablenken. Beim Blick in die Gesichter konnte ich unschwer ihre unterschiedlichen seelischen Konstitutionen erkennen. Doch dann zeigte der Windmesser 7 Bf an. Zeit für ein weiteres Reff. Die Schnauze in den Wind zu stecken, ist die einzige Möglichkeit, das Groß zu reffen

langsam baute sich die See auf

. Die Halse mit viel Gefühl gelang noch ganz gut. Doch jetzt hielt sich das Schiff mit Maschinenunterstützung auf der Stelle im Wind und die Höhe der Seen ließ uns Bergundtalbahn fahren. Erstaunlich, dass nach so einem geringen fetch von 10sm sich eine solche See aufbauen kann. Mit Sicherheitsgurt um Leib und zwischen den Beinen durch musste ich an den Mast. Die Stimme trug kaum bis in Cockpit. Die größte Schwierigkeit schein mir zu sein, die eingeschliffenen Seglertermini Laien zurück zu übersetzen, die noch nicht einmal einen Segelroman gelesen, geschweige denn ein Ausbildungsbuch in der Hand gehabt hatten. Ich kann diese Zeilen aufschreiben, folglich ist alles gut gegangen. Das Reff wurde eingesteckt, die Genua brachte uns wieder auf Kurs, das Pferdchen zog und wir näherten uns danach mit perfekt getrimmtem Schiff und geborgen wie in Abrahams Schoß der gr0ßzügigen Reede von Ponza. Die Isole Ponziane sind eine kleine Inselgruppe aus vier Eilanden auf der Breite von Neapel. Die Stadt Ponza verfügt über Stadthafen, Marina und eine Bucht, die sich als Reede eignet. Kreuzfahrtschiffe, auch Viermaster liegen ein wenig außerhalb, wo der Ankergrund rein ist, denn viele Felsdolmen2006-06-17 012 und kleine Inselchen ragen in Sichtweite der Bucht aus dem Wasser. Auch bekannte Schiffsnamen konnten wir durchs Glas erkennen. Uns aber stand der Sinn nach einem ruhigen Ankerplatz für die Nacht. So fuhren mit Blick auf den Tiefenmesser in der aufgewühlten Bucht herum und fanden schließlich die Stelle, die mir geeignet schein. Das Grundeisen fiel. Das Dinghi wurde betriebsbereit gemacht. Den Außenborder hinunter zu reichen, das ist keine einfache Sache, wenn das Gummiboot mal auf der Höhe des Unterwasseranstrichs und mal auf Reelingshöhe ist. Doch ohne ihn zu versenken gelang auch dies. Und er sprang auch noch an, ich brauste zum Hafen davon wie ein Pferdeflüsterer, der ein Seepferd einreitet.

Die Nachricht, die ich zurück brachte, lautete, wir dürfen im Stadthafen anlegen, aber Morgen, wenn die Fähre kommt, müssen wir wieder weg sein. Das kam der Mannschaft sehr gelegen, die zwar die Lage der malerischen Häuser über uns bewunderte, die aber dennoch vorhersahen, dass sie in diesem unruhigen Gewässer in der anstehenden Nacht nicht ein Auge zu tun würden. So machten wir also eine halbe Stunde später dankbar im Stadthafen2006-06-17 015

von Pona fest. Oder ehrlich gesagt, wir versuchten fest zu machen. Denn während unser Nachbarskipper, ein braungebrannter Mittzwanziger, barfuß, dreitagebärtig und sofort alle Blicke meiner weiblichen Crewmitglieder auf sich ziehend, seinen 20m Luxussegler einhändig und mit bravourösem Schwung römisch-katholisch an die Pier brachte, gelang uns das mit zehn Hände nicht. Immer wieder slippte der Anker sobald wir die Kette ein wenig strammer holten, damit unser Heck von der Betonpier den erforderlichen Anstandsabstand einhielt. So neugierig die ersten Sehleute herzugeeilt waren, um das Spektakel zu sehen, so gelangweilt wandten sie sich nach unserem fünften Versuch ab. Diese Langweiler, gehen wir lieber einen guten Roten trinken.

Irgendwann lagen auch wir fest. Die Planke wurde auf die Pier gelegt. Die Pizzaria fünf Meter gegenüber unserer Gangway hatte auch noch eine halbwarme überteuerte Maffiaorte für uns und sanken nach Mitternacht, zurückgekehrt an Bord, in einen tiefen Schlaf. Lautes Schlagen aufs Deck weckte uns. Es schien ein schlechter Traum. Doch das Klopfen war aggressiv und wiederholt. Ich steckte den Kopf aus dem Niedergang. Platz machen für die einlaufende Fähre! Im Schlafanzug warfen wir die Festmacher los, holten den Anker mit halboffenen Augen ein und verholten uns mit bösem Kater an den Liegeplatz, den wir am Abend zuvor zuerst angelaufen hatten. Dass Seeleute fluchen können, weiß jederman. Die Flüche, die wir an diesem Morgen durch unsere ungeputzten Zähne entfliehen ließen, die waren selbst in der Hölle neu.

Eine Tasse Kaffee und zwei Croissants später war die Stimmung wieder wie die Sonne – über dem Horizont. Solch ein Tag ist zum Segeln da. Also auf ins Kielwasser der Galeeren und ab nach Ventotene. Diese Insel bildet mit der Isola di Stefano eine Zwiegestirn und wir fanden sie auf südöstlichem Kurs. Das alte römische Becken des Kriegshafens wird direkt neben dem Leutturm angelaufen. Wir legten uns in den neuen Hafen keine 50m daneben. An der zweihundert Meter lange Pier hatten wir die freie Auswahl. Nur zwei weitere Segler verbrachten die Nacht hier. Wieder wurde es windig. Mir schlich sich nach den Anstrengungen des Vortages eine Migräne unter die Schädeldecke und zwisc2006-06-17 056hen die Augen. Die Crew sah sich herausgefordert, das Schiff mit Springs gegen das Rucken zu sichern. Sie lösten diese Aufgabe, indem sie den benachbarten Segler um Rat fragten.

In Ventotene darf die Kamera nicht an Bord bleiben. Nicht ohne Grund haben sich auf diese Insel manche Stars und Sternchen zurück gezogen.  Das Städtchen ist einfach malerisch. Die Türen, mit denen die Fischer die einstigen Arsenalhallen verschließen, sehen beispielsweise so aus, wie rechts abgebildet. Aber auch die Treppen, die in den Ort hinauf führen, der Leuchtturm, und die von den Römern durchlöcherten Ufersteine fragen danach, auf Photos nach hause gebracht zu werden, damit man dort von ihnen erzählt.

Wasser gibt es keines aus Quellen auf der Insel. Gr0ße Tankschiffe bringen es von Neapel, denn seit dem es Touristen auf der Insel gibt, reicht das in Zysternen aufgefangene Regenwasser nicht mehr aus, um alle Wünsche zu befriedigen.

2006-06-17 043 Prodotti locali. Früchte und Produkte aus eigenem Anbau und eigener Herstellung bot uns ein Eingeborener an. Er erzählte uns von den Schwierigkeiten, hier zu überleben. So manche nette Story hatte er über den Briefträger der Insel zu berichten, der lange der einzige war, der lesen konnte. Er brachte nicht nur die Briefe, er musste sie auch vorlesen und die Antwortschreiben im Diktat aufnehmen. Eine Insel ohne eigenes Wasser und ohne Schreibfähigkeit. Aber ausdrucksstark und zäh wie alle, die am Rande der Welt leben.

Durch den Canale di Procida – erstmals ein Stückchen, das Navigation erforderte – gings in den Golf von Neapel. Der mächtige Felsen Felsen mit dem Castello Aragones wies uns den Weg zu den schönen Ankerplätzen. Die Strände von S. Angelo luden uns ein, neben einem anderen Ankerlieger zu verweilen. Schnell war das Dinghi wieder gewassert und ein Spaziergang am Strand half uns, die Beine zu vertreten. Doch warum war der Strand nach Sonnenuntergang noch so warm? In geringer Tiefe war er geradezu heiß. Die tektonische Aktivität der Region erinnerte uns an die Nähe zum Vesuv. In Pozzuoli verschwindet die Kaimauer des Hafens in einigen Jahren unter der Wasseroberfläche, um Monate später wieder 50cm hinaus zu ragen. So sehr ist die Erde hier in Bewegung.2006-06-17 092 Um so fruchtbarer ist der Boden. Die Vegetation in S. Stefano lud uns zum Verweilen und Bewundern ein. Wir drehten unsere Runden, bzw. stiegen die Treppchen berauf und bergab. Wir fragten uns, wie hier die Hotels ihren Müll los werden. Doch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und kam uns auf vier Hufen entgegen. Der Esel tut hier noch seinen Dienst bei den vielfältigen Aufgaben der Stadtdiener.

Der Stadtrundgang schenkte manch schönen Ausblick auf Gärten voller Palmen, aufs Meer, auf die im Zickzack herauflaufenden Gassen, auf die Fliesen, die Wege, gemauerte Geländer und von oben einsehbare Dachterrassen zierten.

Dann brummte der Außenborder und brachte uns auf die „Lilly“ zurück.DSCN1320 Dort packten wir unsere Beute, Melonen, weiße Pfirsiche, luftgetrockneten Schinken aus und machten uns zu einer Flasche Vermentino darüber her.

So gesättigt ließen wir den Abend kommen und seine Sternendecke über uns und allen ausbreiten. Das nächtliche Meer lud uns zu einer verschwiegenen Viertelstunde im lauwarmen und phosphorizierenden Wasser ein. Damit das Salz nicht zu sehr im Bette kratzt, war das letzte Geräusch des Tages das Plätschern der Decksdusche.

Die Versuchung war groß, die Frühstückseier im nahen Strand in geringer Tiefe zu kochen. Doch die durch das morgendliche Dorf streunenden Hunde und ihre Aktivitäten am Strand ließen uns dann Abstand von diesem Unterfangen nehmen. Kaum waren die Hunde weg, kamen die Hoteldiener und bauten die Liegen für den Tag auf …

Wir lichteten den Anker und machten uns davon, denn der Wind kam aus gesegneter Richtung. Es wurde überhaupt der schönste Schlag des ganzen Törns. Leicht vorlicher als halber Wind. Die Segel standen einwandfrei, zogen spürbar willig. Die Selbststeueranlage mochte den Kurs. Das Boot fuhr wie ein Raumschiff auf dem Leitstrahl von Ischia nach Capri hinüber. Hier wurde voller Lohn für die Anstrengungen am ersten Nachmittag gezahlt. Und der Sonnenuntergang von Capri aus sollte uns den Tag noch vergolden. Da gab es doch mal ein Lied, das diesen Moment des Tages in dieser Region besingt… Die Marina von Capri nahm die Lilly freundlich auf und freuten uns über die Farbenpracht der Region.2006-06-17 160 Wir schlenderten durch die Altstadt der Unterstadt, lifteten mit der Zahnradbahn in die Oberstadt, immer ein Auge auf den Stand der Sonne, denn den Moment, wenn die Sonne bei Capri im Meer versinkt, den wollten wir ja nun auf keinen Fall versäumen.

Die Bilder von diesem Moment habe ich bewusst nicht auf diese Site gesetzt. Denn schließlich soll der Tourismus weiter leben auf Capri. Und die Kamerahersteller. Und die Postkartenverkäufer auch.

Anders als bei uns ist auf Capri auch manches andere. Ein Moped nicht auf der Straße zu parken, sondern mal schnell im Friseursalon, scheint dort zum guten Ton zu gehören. Wir hatten kein Moped dabei, sonst hätten wir es auch mal versucht.

Haarfriedhof und Garage in einem
Haarfriedhof und Garage in einem

Auch die Katzen des Ortes hatten es uns angetan. Malerisch drappierten sie sich auf Dächer, kuschelten sich an Kamine oder räkelten sich auf Fensterbänken. Capri scheint der Katzenhimmel zu sein.

Wir ergatterten einen Sitzplatz auf einem kleinen Balkon und ließen die Sonne im Meer versinken. Der Leutturm des Hafens und etliche kleine beleuchtete Heiligenhäuschen wiesen uns den Weg zurück an Bord. Auch konnten wir den Hafen nicht verfehlen, denn das Ziel lag eindeutig immer nur bergab.

Die von unten angestrahlen Luxusyachten imponierten uns mächtig. 2006-06-17 142Die Petroleumlampe in der „Lilly“ hatte aber auch ihren Charme und als sie uns das eigene kleine Reich illuminierte kehrte Frieden in unsere Herzen und ließ uns ruhig schlafen. Stunden nach dem Auslaufen querten wir wieder den Gold von Neapel und gnädiges Wetter ließ uns den Schicksalsberg der Stadt sehen. Wir schlichen uns aus dem aufregenden Becken. Wieder hindurch durch die Straße von Procida und richteten unseren Bug gen Gaeta.2006-06-17 168Gaeta allein ist sicherlich eine Reise oder einen Urlaubsaufenthalt wert. Hingewürfelt liegen die Häuser an den Hängen des Stadtberges. Ocker, weiss, gelb, sand, malve, rot sind die Farben ihrer Wände. Ein mächtiges Hafenkastell bewacht die Ansammlung der Wohnstätten. Alles nach dem Wüten des WKII wieder aufgebaut. Der Stadthafen birgt nur Fischerboote außer den beiden, die unserem Vercharterer gehören. Eine Schar emsiger Helfer ist den heimkehrenden Booten zu Diensten. So finden wir unseren Platz wieder und genießen einen letzten Abend das Theater, das die allabendliche passegiata mit sich bringt. Nach Mitternacht ist die Uferpromenade noch voller Menschen, die vom Essen kommen. Fünfjährige springen zwischen den schlendernden Erwachsenen herum. Liebespärchen finden einen Platz auf der Mauer oder gar ein Bank mit Blick aufs Wasser. Die ganze Stadt ist um diese Stunde auf den Beinen.

Uns dagegen hat die Woche auf See geprägt und unsere Beine sind zu Seemannsbeinen geworden. Das läßt sich nicht verbergen, als wir wieder deutschen Boden unter den Füßen haben.

uns sind Seemannsbeine gewachsen
uns sind Seemannsbeine gewachsen

Ich bin ein Korse

so steht es auf einem T-Shirt, das ich sehr geliebt habe. Ganz plüschig und erhaben kam der weiße Piratenkopf und die Aufschrift auf Französisch aus dem nachtschwarzen Stoff heraus. Mit 19 hatte ich die Insel gemeinsam mit zwei Freunden besucht und mir dieses Souvenir mitgebracht. Ich liebte das Kleidungsstück. Doch meine ordentliche Mutter hielt es nach jahrelangem Quälen in der Waschmaschine für zu schäbig und entsorgte es in einer heimlichen Stunde. Seitdem wollte ich zurück auf dieses Korsika, diese Insel, die der Seemann am Duft der Macchia erkennt schon lange bevor er sie sieht.

Damals brachte uns eine Fähre, auf der wir von vier lustigen Mädchen aus Paris aufgetan wurden, auf das Eiland. Dieses mal sollte es ein selbst geführtes Schiff sein, das uns auf die napoleonische Insel brachte.

fremder Segler zieht die Blicke auf sich
fremder Segler zieht die Blicke auf sich

Wir charterten es auf Elba bei den Eheleuten Buechi. Dieser Familienbetrieb besticht durch das persönliche Engagement, die Schiffe in Ordnung zu halten, die Kunden zufrieden zu stellen und in beidem das Beste zu geben. Mühsam hatte ich noch eine Klappkarre in den Kofferraum gequetscht, weil ich dachte, das sei hilfreich, um das Gepäck aufs Schiff zu befördern. Die Buechis hatten natürlich Schubkarren und Lastwägelchen vor Ort, um diese Aufgabe etliche mal im Jahr für ihre Gäste zu erfüllen.

In Portoferraio auf Elba übernahmen wir das Schiff
In Portoferraio auf Elba übernahmen wir das Schiff

Die Bucht von Portoferraio gehört zu den schönsten besiedelten Buchten im Mittelmeerraum. Eine große achtförmige Bucht bildet das Becken, das gegen Winde aus allen Quadranten außer dem nordwestlichen gut geschützt ist. Wir ließen die Sonne sinken, den Blick auf Napoleons Domizil gerichtet.

Blick von Maggazini nach Portoferraio
Blick von Maggazini nach Portoferraio

Unweit der Landmarke, die die Grotte genannt wird, und die Standort einer römischen Villa war, liegt die Anlage des Deutschen Hanseatischen Hochseeschiffervereins. In unmittelbarer Nähe der Schuljollen ankerten wir und genossen am ersten Tag unsere Unabhängigkeit vom Land.imm010Als die rosenfingrige Eos ihre Fingerspitzen ausstreckte, warfen wir die Bettlaken von unseren erholten Körpern und stachen in See. Die Nordspitze Korsikas war unser Ziel. Zwischen Giraglia und Punta dei Agnello mogelten wir uns, geführt von einer Schule fröhlicher Delphine, hindurch und rundeten Capo Grosso. Das Tagesziel war St.-Florent, ein anmutiges Städtchen am südlichsten Zipfel des gleichnamigen Golfes. Unweit des Phare de Fornali warfen wir das Grundeisen mit Blick aus dem Cockpit auf die historischen Gemäuer von St-Florent.

Eine Männercrew hat ihre eigenen Vorstellungen von Sauberkeit und Gemütlichkeit
Eine Männercrew hat ihre eigenen Vorstellungen von Sauberkeit und Gemütlichkeit

Vor Jahren war ich von Elba über Macinaggio in die Girolatabucht gesegelt. Dieses Ziel war genauso tief in meinem Herzen verankert wie es das schwarze T-Shirt war. Die Girolata sollte es also sein. Vorbei an Calvi mit seinem einmaligen und immer wieder sehenswerten Charme ging es Richtung Golfe de Porto. Die Einfahrt in die Girolata geht entlang von wilden ausgewaschenen Felsformationen, in denen wir alle möglichen Tiere und Figuren sahen. Spannend ist eine Abkürzung zwischen Felsnadeln hindurch. Links die gewaltigen Massive der Insel, rechts die Felsen und unter dem Schiff, zu Greifen scheinbar nahe, der Grund der See. In Wirklichkeit ist die Tiefe über 2m und bei ruhigem Wetter ein Passieren ungefährlich. Arlamiert huschte die Crew von Buchkorb zum Tiefenmesser und vom Tiefenmesser zum Kartentisch mit dem Revierführer.

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Augapfelnavigation bei der Einfahrt in die Girolatabucht

Girolata selbst ist das Piratennest schlechthin. Man sieht es nur, wenn man es kennt. Im Innersten der Bucht eine Landzunge. Der Neuling hält sie für das Ende des Wassers und den Beginn des Landes. Doch es gibt eine schmale Durchfahrt und das Gewässer dahinter ist ein verborgener Ankerplatz für kleine Schiffe. Ein trutziger Wachturm schützt die kleine Anlage.

Wir ankerten außerhalb, bestiegen zu sechst das kleine Schlauchboot,

13 Mann und ne Buddel voll Rum
13 Mann und ne Buddel voll Rum

das bis zum Süllrand einsank und motorten mutig von der Plage de Tuara um das kleine Kap in die innerste Bucht. Die Herde dampften, das Essen war gar. Wir ließen es uns schmecken. Auch dem Rotwein sprachen wir zu. Inzwischen war das Dunkel einer mondlosen Nacht über das Mittelmeer gefallen. Die Rückfahrt über die dunkle See ernüchterte uns schnell. Denn etliche Ankerlieger hatten in der Bucht festgemacht. Einige vorschriftsmäßig mit Ankerlicht, andere lagen nur als dunkler Schatten da. Doch welcher der Schatten war unser Heim? Wir begannen umher zu irren. Und ich nahm mir vor, in Zukunft bei solchen Aktionen immer zwei Anglerlichter unter die Saling zu hängen, eine Kombination von Farben, die es sonst in der Seefahrt nicht gibt.

Der erholsame Schlaf erfolgte erst am folgenden Tag in der Mittagsstunde, als wir vor Sagones herrlichem Sandstrand geankert hatten und einfach die 300m zu den Buden und Strandkörben geschwommen sind. Die folgende Küste lud hier und da zu Ankermanövern ein. Wir übten auch das MOB und erkannten, wie schwer es ist, bei Strömung den Punkt der treibenden Boje genau zu treffen. Aus der Luft sieht das Seegebiet so aus.

der Golfe de Valinco mit Propriano im innersten Zipfel
der Golfe de Valinco mit Propriano im innersten Zipfel

Den Höhepunkt des bisherigen Segelns wollte Bonifacio bilden. Auf der Straße von Bonifacio versuchten wir die Einfahrt zum Ort ausfindig zu machen. Doch nichts als ein Kliffküste bot sich unserem Blick dar. Wie ein Vorhang, der vor das Ziel gezogen wird, hing der Felsabhang vor der Stadt. Wo war sie bloß? Erst als wir uns den Punkt merkten, an dem kleine Schiffe, Fischerboote und auch mal eine größere Fähre aus dem Gestein zu quellen schienen, entdeckten wir auch den Leuchtturm, der die Einfahrt markierte. Bonifacio ist zweifellos einer der markantesten Häfen des mare nostrum.

Blick vom Fort zurück auf das Innere des Hafens
Blick vom Fort zurück auf das Innere des Hafensund der Hafen selbst

Doch die Region ist noch reicher an Besonderheiten. Die Ile Lavezzi erzählt ihre lange Geschichte als Seemannsgrab und sie möchte auch gern besucht werden. Ein Ort für längeren Aufenthalt ist sie nicht. Aber eine Nacht auf ihr dankt sie mit klösterlichem Charme. Das Maddalenaarchipel wird auch das Aquarium Italiens genannt. Dieser Nationalpark vor der Nordküste Sardiniens hat den Wert von Karibik und Südsee. Im seichten Wasser mitten zwischen den Inseln Budelli, Rázzoli und St. Maria kann man schnorcheln und die Fische über den Grund huschen sehen. Im September hat das Wasser tatsächlich Badewannentemperatur. Hier beginnt ein Revier, dessen Schönheit sich niemand entziehen kann. Es muss nicht die teuerste Marina der Welt sein, Porto Cervo, an der Costa Smeralda, auch kleinere Häfen in dieser Region sind, obwohl synthetisch hingesetzt, ins Landschaftsbild eingepasst und wirken regionaltypisch. Ein gelungenes Beispiel für entwickelten Tourismus. Vom kraftvollen Schlauchboot des Hafenmeisters ließen wir uns in den Hafen stupsen und in die schmale Parkgasse einparkieren wie ein Delphinjunges von seiner Mutter. Hin und her turnte das schwarze Schlauchboot, stieß hier, drückte dort und schon war unser schwerer Segler dort, wo ihn der Master hin haben wollte. Zweifellos hatte dies seinen Preis. Wir haben den schönen Ort als teuersten Hafen unseres Törns in Erinnerung.imm112Eine günstige Brise führte uns danach nach Porto-Vecchio. Wir genossen das Segeln. Erst spät erreichten wir Punta de la Chiappa. Der Revierführer hatte uns den Durchschlupf genau beschrieben. So hangelten wir uns an den Lichtern entlang, hakten sie eines nach dem anderen ab. Gerade an der Baie de Stagnolo ist mit den Untiefen nicht zu spaßen. Es ist reizvoll, in einen Golf bei Nacht einzulaufen, den man bei Tag noch nicht vorher hatte inspizieren können. In Fußgängergeschwindigkeit tasteten wir uns zum Stadthafen hinein.

Nach dieser Leistung lobten wir uns am nächsten Morgen bei einer Tasse französichen Kaffees selbst, weil niemand sonst da war, den das im Hafenbistro sonderlich interessierte. Wir würfelten, ob es weiter an der korsischen Ostküste entlang nach Elba zurück gehen solle, oder ob nicht Porto Ercole, das in verschiedenen Seefahrerromanen die Kulisse stellte, der interessantere Anlaufpunkt war. Wir entschieden im Sinne Italiens Festland und ließen den kräftigen Wind aus NW in die Segel blasen.imm103Wieder wurde es eine Nachtansteuerung. Zwischen Giglio und Giannutri gings hindurch, getrieben von einem üblen Gewitter. Das erleichterte die Sicht nicht. Es war schwarz wie im Bärenarsch, doch die Leuchtfeuer versahen ihren Dienst, der Kompass stimmte und ich nahm ständig Peilungen, denn die Seekarte wies großflächige Flachs vor Porto Ercole aus. Damals hatte ich keinen Plotter, nur das günstigste Hand-GPS-Gerät, das es auf dem Markt gab. Brav wurde alle 15min die Position in die Karte eingetragen. Das Rotlicht über dem Kartentisch half, die Nachtsichtigkeit nicht zu verlieren. Am nächsten Tag, dann fest im Hafen, die Einfahrt auf dem Papier nachzuvollziehen, heißt die Schwächen des nächtlichen Manövers zu reflektieren und zu lernen.

navigare necesse est
navigare necesse est

Am nächsten Tag bestaunten wir die ersten Skiter, aber wir sahen auch, was einem Unglücklichen widerfahren ist, der vielleicht in einen stärkeren Sturm geraten war als wir oder dessen Anker nicht gehalten hatte.

Totalverlust
Totalverlust

Unser Kurs führte über Monte Christo zurück nach Elba. Elba allein ist eine einwöchige Umseglung wert. Wir ankerten auf der Reede vor Porto Azzuro. Die Stadt hat einen anderen Namen, der zu sehr an ihre dunkle Vergangenheit erinnerte, gegen diese verbale Einladung eingetauscht. Für uns hatte sie keinen Anleger frei. So fluteten wir nur unsere Tanks und warfen dann Anker unweit der Einfahrt zum Stadthafen.

Das Leben an Bord ist auch nach Feierabend schön
Das Leben an Bord ist auch nach Feierabend schön

Für mich ging dieser Törn dann nach einer weiteren Nacht vor Anker in der Bucht von Portoferraio zu Ende. Es war schön, mit alten Freunden gemeinsam unterwegs gewesen zu sein, gemeinsam Neues entdeckt und gleichzeitig alte Wege bedacht zu haben.

Ausblick und Einblick gleichermaßen
Ausblick und Einblick gleichermaßen

Doch mein geliebtes T-Shirt habe ich auf Korsika nicht wieder erhalten. Nun – ein anderes tritt an dessen Stelle. Es ist nicht so schön. Aber schließlich bin auch ich nicht mehr so kuschelig. Und wie man sieht, haben wir alle kräftig daran gearbeitet, an den inneren Werte zu wachsen und uns alles Äußerliche scheißegal sein zu lassen.imm408

Ile de Porquerolles – zu den Goldinseln!

Wie soll Man(n) seinen 50. Geburtstag begehen?

Wächter über den Ankerliegern in der Bucht von Porquerolle
Wächter über den Ankerliegern in der Bucht von Porquerolles

Das ist eine philosophische Frage. Freunde sind mit das Wichtigste im Leben. Also liegt der Gedanke an eine Party nahe. Oder ist dieser 50. Jahresring nicht Anlass genug, einmal tief ins sich zu gehen. Also wäre ein Klosteraufenthalt für drei Tage das Mindeste. Urlaub ist knapp. Die Gelegenheit zum Segeln somit auch. Also machte ich aus der Pein, dass mir ab diesem Tag „die Sonne auf den Rücken scheinen wird“ eine Tugend und lud Frau, Sohn und einen Freund von ihm ins Auto und wir starteten durchs schöne Burgund

inmitten des Weinanbaugebietes von Burgund
inmitten des Weinanbaugebietes von Burgund

immer der Rhone entlang bis hinunter ans Mittelmeer in den Hafen von Hyère den Port de Bormes-les-Mimosas. Dort lag eine Yacht des Herstellers, den ich auf Grund seines Konzeptes so schätze: eine Ovni 39, die hatten wir gechartert. Also nach 1000km wieder raus mit den Kisten und Seesäcken, das Auto geparkt, das Schiff übernommen und beladen.

die Ovnis sind ein Aluminiumknickspanter, was man auf diesem Bild gut erkennen kann
die Ovnis sind ein Aluminiumknickspanter, was man auf diesem Bild gut erkennen kann

Eine Nacht zu Beginn im Hafen erfreut das Gleichgewichtsorgan und beugt somit der Seekrankheit vor. Hilfreich ist auch, in den Tagen vor dem Inseestechen ausreichend Vitamin C zu sich zu nehmen. Doch die Witterung im Sommer im Gebiet um die Iles d´Hyères bügelt das Meer im Allgemeinen eher ganz platt. Ausnahme macht der Mistral, der gern aus der Haustür Frankreichs über die Rhonemündung hinausjagt und das Meer auch schon mal mit der Kraft von Beaufort 11 aufpflügt. Davon kann der Segler bis nach Sardinien profitieren. Und derjenige an der Westküste von Korsika sollte sich noch vorsehen. Doch vor den Augen der heute Auslaufenden legte sich das Meer bleiern in sein Bett.

Die See ruht über die Mittagszeit
Die See ruht über die Mittagszeit

Dem einen oder anderen Crewmitglied war es gerade recht. Wir schoben uns langsam am Cap Bénat vorbei hinaus in die Rade d´Hyères. Vor allem die Jugend kam so auf ihre Kosten. Denn die beiden Pubertierenden wollten nicht minder gern Steuermann spielen als der fast Fünfzigjährige. So wurde die Maschine angeworfen, brav kühlte die Box das frisch gebunkerte Bier, Gemüse und Fleisch und die Batterien luden fleißig für einen eventuellen nächtlichen Schlag. Die Jungens übten sich in Manövern und schielten auf das Dinghy. Denn dessen Außenborder würde das kleine Ding doch sicherlich auf die mehrfache Geschwindigkeit dessen beschleunigen, was der große Kahn zu laufen bereit war.

Sohn Yorick und Freund Thomas als müssige Freibeuter
Sohn Yorick und Freund Thomas als müßige Freibeuter

Also wurde eine der einladenden Buchten angesteuert, das Grundeisen geschmissen, es sorgfältig mit dem Rückwärtsgang eingefahren und dann das Schlauchboot vom Davit gelassen. Die Boote von Alubat haben häufig den Geräteträger, einen beliebten Nährboden, aus dem GPS-Antenne, Inmarsatkuppel, Radardom, UKW- oder MW-Antenne sprießen. Dieser Träger bietet sich an, auch als Davit fürs Beiboot genutzt zu werden. Ideal eignet er sich als Sprungbrett für die Sportlichen. Ein ständiges Anbordkrabbeln, Emporklettern und Platschen der Springenden eröffnete den Tag in der Bucht. Dann musste die Insel erforscht werden. Laut riefen die Zikaden übers Meer.

für die Zikaden ist Porquerolle bekannt. Nirgendwo zirpen sie lauter als hier
für die Zikaden ist Porquerolles bekannt. Nirgendwo zirpen sie lauter als hier

Die jungen Piraten folgten dem Ruf und verstanden ihn als Einladung zur Schatzsuche. Der Yamaha tuckerte munter los, eine Ehrenrund noch ums Mutterschiff und die beiden waren nun eigene Kapitäne und frei von der

vom Beutezug zurück

Bevormundung des alternden Admirals. Jetzt musste die Prise jeder erlebten Viertelstunde nicht mehr geteilt werden, die Beute jedes Augenblicks ging ganz allein in die Schatztruhe ihrer Erinnerungen. Hoffnungsvoll landeten sie am Strand südwestlich des Pnte du Lequin, zogen das Dinghy vorschriftsmäßig auf den Sand von Porquerolles und setzen ihre Dukaten am bald aufgespürten Eisstand um. Wer den Verlockungen des Landlebens so schnell anheim fällt, der wird es natürlich nie zum eigenen Schiff bringen. Darum kehrten sie arm an Gold aber reich an Erlebnissen an Bord zurück.

Vom Beutezug zurück

Inzwischen war in Hyères auch Christian gelandet. Ein Freund aus den Tagen des SSS-Kurses auf Elba. Er hatte schon sehnsüchtig Ausschau gehalten nach einer Gelegenheit, die Kenntnisse im Mittelmeer anzuwenden, denn das eigene Schiff lag mit Gänsehaut angesichts des kalten Ostseewassers im Kieler Yachtclub am Steg. Die eigene Seekarte in der Architektenrolle geschultert, entstieg er dem Flieger aus Hamburg und tauschte den Schlips gegen die Badehose.

kriegsrat
Kriegsrat

Dann wurden Pläne geschmiedet. Welche Bucht, welcher Ankergrund, welche Tauchreviere oder herausfordernden Passagen riefen: „Komm, besuch mich!“? Christian, Yorick und Thomas waren sich schnell einig und das erste Ziel wurde ins Auge gefasst. Ein schwarz-gelber Leuchtturm sollte den Weg weisen.

Wo ist nur das Seezeichen?
Wo ist nur das Seezeichen?

Doch wo war nur dieser Leuchtturm? Weit und breit kein Seezeichen in den in der Karte angegebenen Farben. Die GPS-Daten stimmten. Allein die Farbe nicht. Doch kaum waren wir am Leuchtfeuer entlang gefahren, offenbarte sich uns der Grund. Ein Mann hing im Bootsmannsstuhl vom Turm herab und pinselte ihn emsig um.2005-09-04 069 Nun hatten wir unsere Position wieder und das Selbstvertrauen und legten die Ovni in eine Bucht, die uns zum Verweilen für die Nacht einlud. Die abendliche Fahrt mit dem Dinghy zum Grillen am Strand zeigte uns die Segelyacht in ihrer vollen Schönheit.

mit dem aufgeholten Schwert kann man dicht unter Land gehen
mit dem aufgeholten Schwert kann man dicht unter Land gehen

Einen Tag später verblüfften wir eine Reihe von Ankerliegern in einer schmalen Bucht auf der Ile de Port-Cros (Port-Man), als wir an ihnen allen vorbei fuhren bis in den flachsten Zipfel der Bucht. Längst war für ihre tiefgehenden Kiele nicht mehr genügend Wasser unter dem Kiel. Aber die Ovni konnte nicht nur das Schwert liften sondern auch mit der Hydaulikpumpe das Buderblatt aufklappen, so dass sie ihren Tiefgang auf 83cm reduzierte. Neben dem gerade noch schwimmenden Boot kann man im Wasser stehen ohne dass die Badehose nass wird! So weit trieben wir es nicht.

Ruder aufgeholt kann die Ovni an die schönsten Tauchgründe vorstoßen
Ruder aufgeholt kann die Ovni an die schönsten Tauchgründe vorstoßen

der Anker hat sich gut eingegraben
der Anker hat sich gut eingegraben

Nur für die Tauchgänge blieben wir im Port-Man, dann für die Nacht suchten wir uns einen seriöseren Ankerplatz. Einen, der uns eine einsame Insel zum Erforschen anbot. Überhaupt ist das Aufbrechen und das Ankommen das, was beim Segeln auf einem Dickschiff den größten Reiz ausmacht. Mit Badehose und Latschen bewaffnet warfen wir uns also ins Beiboot und erforschten die neue Insel.

jede der Goldinseln hat ihr eigenes Gepräge und ihren eigenen Reiz
jede der Goldinseln hat ihr eigenes Gepräge und ihren eigenen Reiz

Wir liefen über Strände, hüpften über felsige Klippen und stromerten in der Macchia herum, wir entdeckten eine Küstenwachstation aus napoleonischer Zeit und immer wieder stießen wir auf neue Buchten. Jede schien uns die schönste zu sein. Abermals waren wir also auf einer „Schatzinsel“ gelandet.

eine Bucht schöner als die andere
eine Bucht schöner als die andere

Doch unerbittlich schreitet die Zeit voran. Ich merkte es daran, dass tatsächlich mein Geburtstagsmorgen geschlagen hatte. Noch war das Wasser der Bucht jungfräulich. Ich glitt leise hinein, wie es jeden Morgen meine Art ist, wenn die Crew noch schläft. Ich paddelte herum, ließ mich treiben und beobachtete die großen Fische unter mir. Ein Motorgeräusch rief mich an Deck zurück. Es war der Bäcker. Derselbe Mann, der kurz vor Mittag mit seiner Dieselschute durch die Bucht tuckert und das Langnesefähnchen gehisst hat, Eis aus einer Truhe an Bord verkauft, die das halbe Schiff einnimmt, der brachte jetzt zur Frühstückszeitzeit frische Brötchen und Croissants von Ankerlieger zu Ankerlieger. Das ist Frankreich! So kam es, dass am Geburtstagsmorgen statt Müsli aus der Tüte frisches Gebäck den Cockpittisch zierte.

frisches Gebäck statt Kuchen am Geburtstag
frisches Gebäck statt Kuchen am Geburtstag ...

... foan Skipp un sien Fru
... füan Skipp un sien Fru

Ich habe es nicht bereut, meinen Geburtstag so begangen zu haben. So friedlich und voll schöner Überraschungen der Tag begann – die Zikaden hatten ihr Ständchen schon um Mitternacht unter vollem Mond gebracht und schwiegen freundlich zur Morgenstunde – so wohltemperiert glitt er auch wieder aus dem Sonnenlicht heraus und hinterließ einen goldenen Hauch auf der Seele. Dank Euch, die Ihr mich durch Törn und Tag begleitet habt; auch Euch wünsche ich auf Eurer Reise durch die Jahre immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel Eures Lebensschiffes.

Euer Matthias

Sundowner in der Hand, noch die Sonne des Tages im Herzen und auf der Haut
Sundowner in der Hand, noch die Sonne des Tages im Herzen und auf der Haut

Warum segeln?

Segeln ist nicht unbedingt Sport, Segeln ist nicht unbedingt eine Art sich fortzubewegen, Segeln ist vor allem eine Lebenseinstellung.  Sich zwischen den beiden Elementen Wasser und Luft fortzubewegen, bedeutet sich im Medium dessen zu bewegen, was ich zum Leben unbedingt brauche. Luft zum Atmen und Wasser zum Trinken. Zum Phaszinosum Segeln gehört, dass ich mich auf dem Wasser durch die Kraft des Windes fortbewege. Die Gabe des menschliches Geistes spielt auch eine Rolle dabei: die menschliche Sehnsucht, die Boote über tausende von Jahren entwickelt hat und der Erfindungsgeist, der Konstruktionen wie heutige Fahrten- und Rennyachten ermöglicht.

Leben auf dem Wasser fordert und fördert gleichzeitig des Menschen Disziplin: sich mit dem Einfachen und dem Praktischen zu bescheiden. Komplizierte Technik ist nur auf den ersten Blick komfortabel. Fällt sie aus und muss auf See oder in der dritten Welt mit Bordmitteln repariert werden, so muss sich der Skipper häufig mit dem Wegfall des Systems abfinden. Der Gedanke, es einfacher hinzubekommen, wird lebendig.

Wie eine Wüstendurchquerung hat jede Ozenaüberquerung etwas Meditatives. Das Einerlei des Alltags auf See entschlackt die Seele. Doch der eigentliche Reiz des Segelns liegt im Ablegen und im Ankommen. Die Lust auf Neues treibt zum Aufbruch. Der Landfall erfüllt den Navigator mit Stolz. Aufbrechen und Ankommen, Anker lichten und Anker fallen lassen sind Synonyme für Zielsetzung und Zurruhekommen.

Im Kern

Die Faszination des Segelns wird an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land geboren
Die Faszination des Segelns wird an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land geboren

geht die Faszination des Segeln von diesem Grenzbereich zwischen Land und Wasser aus. Dafür steht das folgende Bild:

Von Schottland nach Frankreich auf der Endurance

Oban ist nicht nur für seinen Whisky berühmt, sondern auch für die Tatsache, dass man an einem Tag alle vier Jahreszeiten kennen lernen kann.

Ankerbucht bei Tarbet-Bay Loch Nevis

Ankerbucht bei Tarbet-Bay Loch Nevis

Aber gegen Regen ist dem Seemann der Südwester gewachsen. Das Lichtspiel in schottischen Breiten ist durch den Wechsel von Sonne und Wolken malerisch. Unter schwarzem Himmel strahlt oft eine Bergkulisse wie unter einem Bühnenspot auf. Manchmal beleuchtet das Gestirn nur punktuell ein Castle auf wildem Fels. Überhaupt stellt Schottland eines der einladendsten Reviere

der Hafen von Oban ist der Tide ausgesetztder Hafen von Oban ist der Tide ausgesetzt

für Segler.  Nach der Regatta von Brennerei zu Brennerei ist es Zeit, die Ovni zurück an die französische Geburtstätte zu bringen. Für mich die Gelenheit, über Glasgow an die schottische Küste zu reisen. Zwischenstopp Glasgow ist wegen seiner Architektur für mich unvermeidlich. Aber auch die Lebensfreude der dynamischen Stadt einzuatmen hilft, die stundenlangen Bahnfahrten durch Wälder bis Oban auszuhalten.

Mackintosh Hochschule
Mackintosh HochschuleFarben helfen der Seele im Kampf gegen den täglichen Regen

Die Tidegewässer sorgen für Bilder eigener Qualität. Mit dem Strom segelnd kommen uns Landmarken, Leuchttürme in rasender Gesschwindigkeit entgegen. In engen Sunden hat das Wasser die Fließgeschwindigkeit des Rheines in seiner Mitte. Es gibt verrufene Ecken, in denen Wind gegen Strom hoch springende Seen erzeugt. An Corryvrecan fliegen wir mit dem auslaufenden Wasser vorbei. Ein kurzer Blick durch den Spalt zwischen Islay und der Nachbarinsel durch das gefürchtete Gewässer auf eine meiner Lieblingsbrennereien, die von Bunnahabain, dann heißt es schon wieder eine Tonne ins Auge fassen, die sich mit ihrem Betonanker verzweifelt am Grund festkrallt.

Duart Castle on Mull
Duart Castle on Mull

Entgegenkommer kriechen über das Wasser wie vollgeladene Flussschiffe auf Bergfahrt. Aber die Reise dauert im Atem der Natur gerecht lange, sechs Stunden später kämpfen wir gegen das auflaufende Wasser, und so folgt Einatmen auf Ausatmen und der Rhythmus macht uns an einem Tag zweimal zu Gewinnern und zweimal zu Verlierern.

Die Natur zieht uns so in ihren Bann, dass wir alles Kämpferische verlieren und uns in ihren Puls fügen. Wir nehmen es schließlich auf unserer langen Überfahrt wie es kommt. Wir staunen über die Kaps, legen die Köpfe in den Nacken, um die Leuchtfeuer ganz oben auf hunderte Metern hohen Felswänden zu betrachten, wir summen Paul McCartneys Mull of Kentyre als wir es runden.

Neish Point lighthouse
Neish Point lighthouse

Wir weiten den Blick, um irgendwo am Horizont die Isle of Man auszumachen. Wir wechseln uns ab am Ruder, denn wir sind Tag und Nacht nur zu dritt auf dem 43-Fuß-Boot. Ein Schwabe, ein Schotte und ich. Da bin ich als Prasser verurteilt, so sparsam ich auch bin. Wir haben trotzdem alle gut gelebt und es uns an nichts fehlen lassen. Bekanntlich ist der Koch der zweitwichtigste Mann an Bord von seegehenden Schiffen, denn sein Essen soll Leib und Seele zusammen halten.

"Enjoy your meal!"
"Enjoy your meal!"

Eric ist in seinem Karo erschienen und so wird er, der gebürtige Schotte auch in Frankreich von Bord gehen, im Bus und im Zug nach Deutschland fahren.

Abgang als Auftritt
Abgang als Auftritt

Doch zunächst entpuppt er sich als unerschrockener Segler, denn an manchem Kap bläst es schulbuchartig mit 100% mehr Wind als auf den Meilen davor. Genua einrollen, Fock am zweiten Vorstag setzen, wenn einen 40 Knoten Wind von den Beinen zerren wollen, ein Reff im Groß mehr einstecken, für Eric alles gern wahrgenommene Aufgaben. Nebenbei erklärt er seine Heimat, die Landschaft am Horizont, die Entstehung des Whiskys, die Geschichte der McDonalds.

View of Rum across Canna Harbour
View of Rum across Canna Harbour

An manchen Abenden lassen wir uns einfach trocken fallen. Die Ovni von Alubat ist ein Segelschiff mit Bleiballast undSchwert. Wir holen Ruder und Schwert mit Hilfe der Hydraulik auf und lassen uns im letzten ablaufenden Wasser auf Schiet fallen. 5 Stunden Ebbe. Zeit genug, um die Gummistiefel anzuziehen und an Land zu gehen. Irgendwo wird es schon Menschen geben, eine Bude mit Fish und Chips oder vielleicht sogar eine Räucherei mit frischem Seefisch. Es ist praktisch, wenn die Stiefel das Dinghy ersetzen. Nur schnell genug musst Du laufen. Denn läuft beim Rückweg das Wasser in die Stiefel, warst Du zu langsam, denn das Dinghy hängt ja im Heck unter den Davits.

Trockengefallen und fertig für den Landgang
Trockengefallen und fertig für den Landgang

Aber noch hat uns die rauhe Welt der schottischen Küste fest im Griff. Holyhead wartet mit dichtem Nebel auf. Wir besuchen Kirche und alle obligaten Sehenswürdigkeiten. Wir freuen uns über den Leuchtturm von See aus. Immer legen wir ein passendes Musikstück in den CD-Rekorder und lassen es durch die wasserdichten Boxen im Cockpit aufklingen. Tränen sind erlaubt.

Leuchtturm von Holyhead
Leuchtturm von Holyhead

die alte Kirche von Holyhead, die Kissen auf den Bänken sind mit Motiven wie "Love"und "Peace" bestickt.
die alte Kirche von Holyhead, die Kissen auf den Bänken sind mit Motiven wie "Love"und "Peace" bestickt.

Tags drauf erreichen wir Irland. Die Farben der Häuser, das rot der Briefkästen, die Eric jeden Tag ansteuert, um seinen täglichen Abwurf von mindestens vierzig Postkarten zu leisten, tut den grau in grau gewöhnen Augen geradezu weh. Wir ankern auf der Reede von Dublin und beobachten Jollensegler beim Training. Die müssen ganz schön fix springen, die Kerle, das lob ich mir doch unser Dickschiff. Es sind Jungs im Skiff, einer Jolle mit überbreitem Rand zum Ausreiten.

Farben von Irland
Farben von Irland

Jeden Tag viele Worte für viele Freunde in aller Welt
Jeden Tag viele Worte für viele Freunde in aller Welt und den Adel halb Schottlands.

Wir haben die nebligsten Ecken noch vor uns. Bei den Bishops taste ich mich eine ganze Nacht lang nur mit Radar zwischen den Fischerbooten und um den berühmtberüchtigten Leuchtturm herum.

Auch am Tag noch Nebelbänke, die Land vortäuschen
Auch am Tag noch Nebelbänke, die Land vortäuschen

Doch dann haben wir bald Landsend erreicht und runden den südwestlichsten Punkt Englands. Damit lassen wir den Berufsverkehr, der nach Liverpool (war zur Stevensonzeit der größte Seehafen Englands) ein- und ausfährt hinter uns und nähern uns den Verkehrstrennungsgebieten des Kanals.

Leuchtfeuer auf Landsend
Leuchtfeuer auf Landsend

Doch zunächst wollen wir noch einmal englisches Bier trinken. Sollen wir das mondäne Penzance ansteuern? Oder hätten wir es gern lieber etwas rustikaler?

die an südliche Gefilde erinnernde Promenade von Penzance. Der Golfstrom ermöglicht hier Palmen ausgeglichenes Klima.
die an südliche Gefilde erinnernde Promenade von Penzance. Der Golfstrom ermöglicht hier Palmen durch ausgeglichenes Klima.

Wir lassen die Begegnung mit einem Fischerboot aus Newlyn entscheiden und legen zwischen all den Arbeitsbooten des Fischereihafens an.

Fischer aus Newlyn
Fischer aus Newlyn

Eine gute Wahl, denn der Hafen von Newlyn ist für den Fotografen eine Augenweide. Nicht nur die Bäume aus Stahl

Baumwald der Kanalfischer
Baumwald der Kanalfischer

sondern auch die Mädchen in den Kneipen sind von der herben Art. Die einen schlafen fest in einen Fensterrahmen geklemmt, als wir die Kneipe gegen 18.00 betreten. Die anderen sind eben erst aufgestanden und zwar aus dem Bett ihres Tatooveurs.

Das Serviermädchen im Pub der Fischer und Hafenarbeiter von Newlyn
Das Serviermädchen im Pub der Fischer und Hafenarbeiter von Newlyn

Insgesamt ist der Ton rauh aber herzlich. Es landet schon mal eine Seemannsfaust unter dem Kinn eines Widersachers und dieser dann im Krankenhaus. Aber wir bleiben unverbeult und auf dem Rückweg – Big Ben hat schon vor einer Stunde den neuen Tag eingeläutet – schlendern wir durch die Fischhallen, in denen der Fang der Nacht mit Eis beschippt und in Kisten für den Transport verpackt wird. Wir machen deutlich, dass wir arme Segler sind und Hunger verspüren. Die besten zehn Fische der Halle wandern in eine Einkaufstüte und dann in unseren Kühlschrank. Später bereuen wir unsere zu großen Augen. Zwei Fische hätten es auch getan. Das auslaufende Fischwasser ist einfach nicht mehr aus Kühlschrank, Bilge und Schiff zu bekommen.

Es wird aussen an den Fischerbooten festgemacht. Eric posiert auf dem Weg an Land. Das sind die Farben, mit denen Kodak früher Reklame gemacht hätte...
Es wird aussen an den Fischerbooten festgemacht. manchmal sind drei, vier Boote zu überqueren, ehe es 10m an rostiger Leiter in die Höhe geht. Eric posiert auf dem Weg an Land. Das sind die Farben, mit denen Kodak früher Reklame gemacht hätte...

Mit vollem Bauch und Kühlschrank brechen auf über den Kanal. Gegen Abend erreichen wir das Verkehrstrennungsgebiet. Unterwegs hatte uns noch ein Kugelfisch Freude bereitet. Doch jetzt wird uns angst und bange. Ein Schiff reiht sich ans nächste. Wie eine Lasterkolonne auf dem Stadtring von Mailand zieht die Kette der hell erleuchteten Schiffe auf ihrer Einbahnstraße. Wie da hindurchkommen? Die Tanker und Containerschiffe fahren alle über 20kn. Sozusagen Stoßstande an Stoßstange. Da geht keine abgegriffene Bildzeitung mehr dazwischen, geschweige denn wir. So entscheiden wir uns nach langem Sinnieren vor dem Radarschirm dafür, erst am westlichen Ende des VTG den Kanal zu queren. Da haben wir mehr Rechte und vor allem mehr Seeraum, um die entsprechende Lücke zu finden. Zwar droht südwestlich der Biskaya ein Tief. Doch das Risiko von Starkwind scheint uns angesichts unseres robusten Aluminiumschiffes kalkulierbar. Und tatsächlich, es briest auf, aber die „Endurance“ schwimmt wie eine Ente auf den Welle. Ein fantastisches Schiff. Inzwischen hat der Wind auf 7 Beaufort zugelegt, der Windgenerator singt sein Lied in höchsten Tönen. Als er zu kreischen anfängt, schaltet Rolf ihn ab. Das Schiff jedoch liegt gut auf dem Ruder. Doch Haltung zu bewahren, das ist die Kunst des Steuermanns. Mehr der Wind als die Krängung setzten dem zu, der Wache geht.

ohne Worte
ohne Worte

Der andere betreibt Augenpflege, wie es Segler zu tun pflegen: auf der harten Teakbank in der Plicht.

so ruht ein Seemann auf Freiwache
so ruht ein Seemann auf Freiwache

Wir nähern uns am nächsten Tag der bretonischen Küste. Die Biskaya zeigt sich von ihrer besten Seite. Je näher wir den gefährlichen Felsen kommen, desto zahmer wird sie. In der folgenden Nacht müssen wir sogar motoren, was uns den nötigen Strom für Positionslichter, Radar, Kühlschrank und Selbststeueranlage beschert.

Wir statten dem Hafen von Belle Ile einen Besuch ab
Wir statten dem Hafen von Belle Ile einen Besuch ab

So erreichen wir die Juwelen Frankreichs vor seiner Küste. Fast unbekannte und darum noch wunderbarere Urlaubsziele im Atlantik. Wir legen die Endurance auf die Reede vor Belle Ile und fahren mit dem Dinghy in den Stadthafen. Beim Festmachen an den Leitern warnen schon die meterhohen feuchten Steine, dass hier der Tidenhub mächtig ist und eine spezielle Art des Festmachens erfordert. Und eine Taschenlampe. Denn natürlich sprechen wir den kulturellen Genüssen des Landlebens zu

Französische Lebensart lädt an jeder Ecke ein
Französische Lebensart lädt an jeder Ecke ein

ehe wir dann spät in der Nacht unser Dinghy suchen und die Seemeile raus zu unserem Mutterschiff cruisen.

Dinghy ist noch da. Wir müssen kein Hotelzimmer nehmen.
Dinghy ist noch da. Wir müssen kein Hotelzimmer nehmen.

Hier auf Belle Ile und vor allem Ile de Groix halten wir uns eine Weile auf. Erstens haben wir ein fantastisches Speiserestaurant entdeckt. Es hat dreißig verschiedene Tische und viermal so viel unterschiedliche Teller, Gläser und Besteck. Kein Gedeck ist gleich. Und das Essen wird lobend in verschiedenen Küchenführern erwähnt.

La Maison am Ortsrand des Hafenstädtchens
La Maison am Ortsrand des Hafenstädtchens

Sodann haben es mir die Farben, die zarten Pastelltöne der Häuser angetan. Trotz der rauhen See drumherum lädt jedes Gehäuse zum Einziehen und Leben in Leichtigkeit ein.

Herrenhäuschen auf der Ile de Groix
Herrenhäuschen auf der Ile de Groix

Wir opfern auch dem Gott der Touristenpflichten und kehren in einer Musskneipe ein, die Generationen von Fahrtenseglern aufgenommen und abgefüllt hat. Auch uns ergeht es nicht anders. Eric zieht sich noch schnell 400€ aus dem Automaten, um dann auf dem Rückweg samt Spiegelreflexkamera und Brieftasche einen Fehltritt zu tun.

In der Inkneipe "Ti Beudeff" treffen wir auf Segler, die mit der Jolle vom Festlang hier sind und deren Normannenblut sie auch des Nachts nach hause wird finden lassen.
In der Inkneipe "Ti Beudeff" treffen wir auf Segler, die mit der Jolle vom Festlang hier sind und deren Normannenblut sie auch des Nachts nach hause wird finden lassen. Die Wände sind mit Gedichtgekritzel aus aller Welt beschrieben.

Er selbst taucht ernüchtert bald wieder auf. Doch in dem strömungsreichen Hafenwasser bei einer Tiefe von sieben Meter haben unsere Tauchversuche bei Tageslicht, eine Mütze Schlaf später also, keinen Erfolg. Neptun wird sich mit Erics Geld manches leisten können. Doch auch Eric zeigt stolz seine Neptun abgerungenen Schätze, die er statt seiner Kamera geborgen hat: eine Plastikkamera für Kinder und Reste eines Bordbestecks.

nicht die erhoffte Beute
nicht die erhoffte Beute

Also verlassen wir Belle Ile, winken seinem Leuchtturm hoffentlich nicht zum letzten mal zu und reisen über die noch einladendere Ile de Groix Richtung Les Sables d´Olonne.

Abschied von Ile de Groix
Abschied von Ile de Groix

Die Küste wird ab hier flacher und sandiger. Die Inselwelt selbst hält noch einige gute Ankerplätze für Schiff und Mensch vor. Hier in Lee der Inseln ist gut ankern. Aber auch auf dem Land liegen ideale Grundstücke für einen längeren Aufenthalt.Auf Reede vor Belle Ile

Auf der Reede von Belle Ile

schöner wohnen auf den geheimen Juwelen der Franzosen im Atlantik
Schöner Wohnen auf den geheimen Juwelen der Franzosen im Atlantik

Jetzt heißt es, sorgsam zu navigieren. Die Küste ist kaum auszumachen. Aber das Wasser ist unzuverlässig tief. Strom setzt und bei der Einfahrt nach Les Sables steht eine unangenehme See, die uns selbst auf der schweren Endurance auf und nieder hüpfen lässt. Manchmal sind beide Füße für einen Moment gleichzeitig in der Luft. So kurz und Steil steht hier die Welle. Gut festhalten und sehr genau in all den Strömungen Kurs halten ist die Devise. Wir erreichen die Hafeneinfahrt gerade mit noch genügend Wasserstand. An wenig entfernten Stellen bilden sich bereits Grundseen. In solchem Gewässer und unter diesen Bedingungen kann man sein Schiff schnell zerlegen. Noch einmal eine haarige Herausforderung ganz am Ende des Törns.

Hier im Hafen von Les Sables posiert Skipper Rolf vor einer 60er. Da würde er doch gern mal mitfahren.
Hier im Hafen von Les Sables posiert Skipper Rolf vor einer 60er. Da würde er doch gern mal mitfahren.

Dann machen wir endlich die Endurance dort fest, wo sie zum ersten mal in ihr Element gekommen ist. Hier liegt die Alubat-Werft, die diese herrlichen Schiffe baut. Hier an Mutters Brust soll sie für die nächste große Reise und Saison überholt werden. Wir verbringen noch einen Abend an Bord, die Gedanken kreisen um das Erlebte. Es ist Zeit, aufzuheben und zu sammeln. Was war besser, der schottische

Crew vor Rest in Oban
Crew vor Rest in Oban

Whisky oder der französische Rotwein?Wein auf Ile de Groix

Am besten wir fangen gleich noch einmal von vorne an und entscheiden später.

Auf den Grund sehen

Klares Wasser bis zum Grund. Das ist für uns Mitteleuropäer in unseren Ballungsgebieten schon ein Grund zur Freude. Dass wir das könnten: den Grund des Meeres noch in über zehn Meter Tiefe sehen, das wurde uns für die kroatische Küste versprochen. Vertrauen ist gut – selbst nachsehen ist besser, und auch eine gute Skippereigenschaft. Also machten wir uns Anfang Juni 2008 auf nach Istrien, mäanderten über die Österreichischen Alpen, staunten in Porec über die Euphrasiusbasilika. Hier an der Schnittstelle zwischen west- und oströmischem Reich, zwischen Lateinisch und Griechisch sprechenden Staatsbürgern des einstigen Weltreiches treiben auch die Baustile interessante Blüten. Die Kirchtürme in Istrien

Im Dunstkreis Venedigs und doch auf viel älteren Füßen
Im Dunstkreis Venedigs und doch auf viel älteren Füßen

sehen aus, als seien sie in Venedig entliehen. Und tatsächlich reichte des Dogen mächtige goldberingte Hand jahrhundertelang hier herüber. Die Euphrasiusbasilika spiegelt jedenfalls aus noch früheren Tagen den Glanz des mächtigen Konstantinopel, wenn auch in Kleinformat. Dafür aber so gut erhalten: die Goldmosaiken glänzen wie am ersten Tag, das Perlmutt der Altarintarsien schimmert reich und die römischen Fußböden sind mit Stolz freigelegt und sichtbar gemacht.

Konstantins Erben lassen grüßen
Konstantins Erben lassen grüßen

Auch der Blick vom Turm lädt ein, die Ziele der nächsten Tage, Inseln und Badebuchten auszumachen und die Vorfreude anzuheizen. Und dann sind wir auch schon da. Rovinjes Abendrot legt uns seinen Purpur auf die Seele und sagt: Urlaub hat angefangen. Die Bootsübernahme verläuft sehr ordentlich. Alles ist akkurat. Die Menschen ausgesprochen freundlich. Und der Blick vom Steg sagt: tatsächlich,hier ist das Wasser auffällig klar.

Blick vom Turm auf das Schiff der Basilika, die Altstadt und das Meer
Blick vom Turm auf das Schiff der Basilika, die Altstadt und das Meer

Nach einer ersten Nacht an Bord haben sich die Gleichgewichtsorgane akklimatisiert und wir werfen euphorisch die Leinen los. Der Wind spielt mit und im Fazanskikanal müssen wir nur zweimal kreuzen. Dann liegt schon die Hafeneinfahrt von Pula backbord querab. Wir wissen, hier ist seit jeher ein Knotenpunkt. Heute erhält der Segler hier alles für sein Wohl und das des Schiffes, und damals wurden die pensionierten Legionäre im Amphitheater bespaßt. Es gilt unter den sechs vollständig erhaltenen als das Schönste.

Wir sind wegen wasser und Wind hier, so möchte die Crew nicht schon bei Pomer den Anker schmeißen sondern den steten Wind nutzen. So gelangen wir bis in die Bucht von Medulin und tasten uns im flachen Becken der geschützten Bucht bis zu einem völlig einsamen Ankergrund. Die Crew sammelt dort erste Erfahrungen mit dem Hunger der Aussenborderschraube

Wer den Scherstift von der Schraube mit einem Tampen abbekommt, der lernt Paddeln
Wer den Scherstift von der Schraube mit einem Tampen abbekommt, der lernt Paddeln

nach frischem Tauwerk. Es gibt ja noch die Riemen. Derweil bruzzelt die Pfanne in der Pantry Fleisch aus dem Supermarkt von Rovinje. Die Wohlgerüche rufen alle Hände vom Schnorcheln, Rudern bzw. dem Landausflug an Bord zurück. Auf 44N49.290 und 13E55.258 liegen wir in der Nacht wie in Abrahams Schoß.

Die Seeleute stehen mit dem Wind auf. Dieser bringt uns in eine andere Welt. Als wir in Susak auf Susak gegen Mittag an riesigen Quadern im fußballfeldgroßen Hafenbecken festmachen, lädt uns eine Insel zum Erobern ein, die schon auf den ersten Blick anders ist. Keine Quelle, Trinkwasser aus Zysternen hat die Menschen seit Jahrhunderten anders leben lassen.

Der kleine Stadthafen von Susak
Der kleine Stadthafen von Susak

Anders sind ihre Sitten geblieben. Auch die nach New York Ausgewanderten kommen zur Hochzeit zurück auf ihren riesigen Löshaufen. Ihre alten Familiennamen und ihre eigene Sprache sind Gegenstand weitreichender Forschung. Auch die Vegetation auf dem angewehten Eiland ist anders. Circe sitzt neben Pan im hohen Schilf und lauscht seinem Flötenspiel. Schnell eine süße Feige vom Ast gepflückt. Aus dem Garten des Nachbarn sind sie bekanntlich am besten.

leicht weht der Wind, streichelt Grab und Gräser
leicht weht der Wind, streichelt Grab und Gräser

Der Schlag nach Losinj ist in zwei Stunden getan. Fest im Stadthafen um 15.50. Da bleibt genügend Zeit für eine Dusche im ersten Stock des Versorgungshauses. Durch die Fensterläden bietet sich ein Blick auf Stadt und Hafen wie aus 1001 Nacht. Doch es kommt noch besser. Ein Wirt wirbt auf offener Straße um uns. Welche Speisekarte könnte überzeugender sein, als der Zahnbarsch in seiner Hand, den er gerade vom Fischer

Die Nacht legt Losinj das Schlafgewand an
Die Nacht legt Losinj das Schlafgewand an

entgegen genommen hat. Der Wein ist gut, der Fisch schwimmt in ihm und die Abenddämmerung verzaubert das erleuchtete Losinj gegenüber der Speiseterrasse, die sich aufs Wasser hinaus erstreckt.Yvonne 170

Der Wind am 03. Juni weht mäßig, höchstens mal mit 10kn. So dümpeln wir hinüber nach Rab. Es ist der richtige Wind, um

blauer Blister bläh dich!
blauer Blister bläh dich!

den Blister auswehen zu lassen. Die blaue Blase macht sich gut über dem Meer. Wieder machen wir am frühen Nachmittag fest, um die Stadt mit ihrer turmreichen Silhouette zu erlaufen. Ob Obst oder Angelschnur, hier sind wir richtig. Vor allem aber kommen die Fotografen immer wieder auf ihre Kosten. Der Abend ist dann den Romantikern gewidmet. Denn uns zieht es weg von der Pier in die Bucht von Fumija. Wieder bewahrheitet sich, dass das Wasser glasklar ist. Unsere Augen schauen aber auch immer wieder zur Stadtbefestigung von Rab, die sich einige hundert Meter von uns erhebt. Die Glocken tragen bis in unsere Bucht, in der wir ganz allein liegen. In der Nacht allerdings gehen die Augen auch schon mal zum Himmel, denn dort zucken die Blitze. Über dem kroatischen Festland grollt es mächtig. So muss alle dreißig Minuten jemand Ankerwache gehen.

Der nächste Morgen führt Boot und Mannschaft noch einmal an die Pier von Rab, damit Wasser gebunkert und die Wettervorhersage geholt werden können. Unser Bug weist nach Punat. Der Wind bläht den Schmetterling. Die Stimmung ist denkbar gut. Ein Bullenstander verhindert, dass sie schlagartig schlechter werden könnte. Wieder lädt uns Kroatien, das buchtenreiche, zu einer Einfahrt in ein geschütztes Gewässer ein. Das Kloster Koslin liegt auf einer Insel, die von einem fast geschlossenen See umgeben ist. Doch der See ist in Wahrheit eine Bucht, durch einen mit seglerischer Disziplin zu nehmenden natürlichen Kanal mit dem Meer verbunden. Wir ankern auf 2m Wassertiefe und booten die Interessierten aus der Crew aus, damit sie das Kloster und dessen Sammlungen besuchen können.

Was gibt es beim nächsten Landgang zu sehen?
Was gibt es beim nächsten Landgang zu sehen?

Es muss doch möglich sein, nicht auf dem Weg, den wir gekommen sind aus der Bucht auszulaufen, sondern den kürzeren, direkt zwischen Klosterinsel und Landzunge hindurch und hinein in den meerführenden Kanal. Die Karte spricht von Wassertiefen unter zwei Metern. Langsam, langsam tasten wir uns vor. Das Echolot singt 50cm unterm Kiel, dann 20, dann wieder 30, dann null. Wir sitzen auf. Das Echolot ist zentimetergenau. Ich tauche, kann neben dem Schiff auf dem Kies stehen. Allein, wir sitzen auf Schiet. Die Maschine bringt uns nicht runter von der Barre. Ich sehe es durch meine Taucherbrille genau. Es ist ein Kiesbarre, die nach Steuerbord abfällt. 20m weiter dort wären wir durch gekommen. Aber auch, als wir frei gekommen sind, riskieren wir es dort nicht. Nicht noch einmal eine Wiederholung der Schande.

Rausgeholfen hat uns ein Kroate, der aus seinen Zeiten als Gastarbeiter in Deutschland einwandfrei deutsch spricht „Ich kenne mich hier aus, hier ist meine Heimat, dort und dort müsst ihr lang…“ Erst nimmt erunsere zwei Heckleinen zum Ziehen in Empfang, dann zwei Flaschen Ruwerriesling aus unserer Heimat. Mögen sie dem freundlichen Helfer auf seinem kleinen Fährmotorschiff gut bekommen.

Draußen erwarten uns erfreuliche 21kn Wind. Rasmus weiß mein von Neptun gekränktes Skipperherz wieder aufzubauen. Auf der Kreuz haben wir viel Segelspaß. Aber die Strecke über Grund ist nicht die Luftlinie nach Nerezine, sie ist fünfmal so lang. Darum kommen wir erst spät in der Nacht beim vorgesehen Liegplatz an. Wir gleiten in den Abend. Peilen das letzte

Leuchtfeuer bereits bei Mondschein. Frieden legt sich über den Sund. Die Crew sitzt, schweigt und genießt. Erst um 22.45 nehmen wir die Segel weg. Wir verwerfen den Liegeplatz an der Werft und schleichen uns in den Stadthafen von Nerezine. Hier tobt noch das Leben. Wir mischen uns unters Volk. Für die Fotojagd sind wir ganz früh am Morgen wieder in der Stadt. Eine Pirsch, die sich lohnt.

Dann zahlen des Liegeplatzes im Stadthafen. Umgerechnet 2,70€. Wir tuckern mit anderen Booten zur Drehbrücke von Osor. Schaulustige könnten ins Boot spucken, so dicht sind die beiden Spundwände. Wieder unter Segeln beobachten wir eine Schule Delphine bevor wir wieder in den Fazanski-Kanal steuern. Bei M. Brijum inspizieren wir unser Unterwasserschiff. Doch die Nationalparkspolizie siehts nicht gern und wir werden des Platzes verwiesen und müssen riskieren, dass der Taucher in der Heimatmarina die Kratzer an der der Kielbombe muniert.

Doch er tut´s nicht, obwohl wir auf die Grundberührung aufmerksam gemacht haben. Es war wohl doch weniger als ein Kratzer. Aber durch die Tauchgänge wissen wir es jetzt wirklich: das Wasser ist klar bis zum Grund.

Spezielle Fischarten sind hier so typisch und wohlschmeckend wie nirgends auf der Welt. Wie nirgends im Imperium. Denn die römischen Kaiser ließen sich bestimmte Fischsorten aus genau dieser Gegend von Expressreitern in Bastkörben voller Eis bis in ihre Residenz nach Trier bringen.

Wir haben sie versucht, diese Kostlichkeiten. Im angesagtesten Restaurant von Rovinj (also nicht in einem dieser hell erleuchteten Schlemmen an der Wasserkante) gab´s den Fisch teilweise roh. Trotz aller früheren Überzeugungsversuche japanischer Freunde hab ich´s hier zum ersten mal gewagt. Gewagt und gewonnen: hier in Istrien immer wieder. Den Fisch, das Wasser, die Kultur, das Segeln. Hier haben wir auf den Grund gesehen – alle Gründe, die uns immer wieder hierher (ent)führen werden.

Der Fisch muss schwimmen
Der Fisch muss schwimmen

Wie Kolumbus – in 21 Tagen über den Teich

Landfall St. Vincent

Sechs Richtige

 

Dass ARC nicht Atlantik Richtung Caribik heißt, war uns klar, als wir einer nach dem anderen auf Gran Canaria einschwebten. Und doch sollte es für uns genau diese Bedeutung erhalten.

Denn unser Schiff, die „Blue Ocean“, lag nicht brav am Pier von Las Palmas, sondern an der entgegen gelegenen Seite der Insel stand es auf seinem Kiel in der hintersten Ecke eines kleinen Privathafens. Kein Ruderblatt im Rumpf, weder Ankerwinsch noch Klampen an Deck, bar jeder Elektronik lächelte uns der Rumpf zahnlos entgegen. Da hieß es: in die Hände gespuckt, denn immerhin war noch eine Woche Zeit bis zum Startschuss. Treppauf treppab kletterten wir wie die Heinzelmännchen. Bald schon hatte das Schiff auch seinen neuen Namen weg: „Blaumann“ musste es natürlich heißen. Schließlich war der Skipper mit Schweißgerät und Akkuschrauber, mit Lötlampe und mit allen Tricks eines Maschinenbaumeisters angerückt.

Doch es half alles nichts: die Zulassung für die Teilnahme an der Atlantic Rallye for Cruisers war nicht zu bekommen. Zuvielen Standards hinkten wir noch hinterher, die der Sicherheit der offiziellen Teilnehmer zu dienen pflegen.

Genau dieses Konzept des Altmeisters Jimmy Cornell hatte uns ermutigt, die 2.800 Seemeilen lange Strecke ohne Landsicht zu wagen. Funkrunden am Nachmittag, ein Arzt in Rufweite und das verlässliche Wetterrouting.

Am Sonntag 26. November, zur Stunde des Startschusses, wischten wir uns die ölverschmierten Hände ab, sahen uns das noch kahle Fockstag, die verwaiste Ankerlast und die fransige Bimini an. Und wir blickten einander in die Augen. Sollte das das Ende eines langgehegten Planes sein? Keine Chartercrew hat ihr Schiff wahrscheinlich so genau vor dem Leinen-los kennen gelernt wie wir. Wir waren gleichsam durch den Luftfilter in den Motor gekrochen und hatten das Getriebe am Wellenausgang wieder verlassen. Und da war noch das Iridiumhandy, auf dessen Freischaltung wir mit Zagen warteten. Zwar war das Regattafeld schon in der Nacht an unserem Liegeplatz vorüber gezogen, doch an diesem ersten Tag der ARC haben wir uns auf „Atlantik Richtung Caribik“ geeinigt. Wir wollten die Verfolgung aufnehmen. Böcke weg, die elf Tonnen ins Hafenwasser und die letzte Last mit Lebensmitteln gefüllt. Die Taktik sollte sein, die Freischaltung für´s Iridium bis spätestens El Hierro, dem westlichsten Punkt von Europas Handynetz zu erreichen. Und die Rechnung ging auf. Ruder rum – Südkurs. Die Nase hoch in der Luft, den Passat zu erschnuppern.

Aber auch hier schon blies es uns günstig in Groß und Genua. Eine meterhohe See dank eines Tiefs vor Spanien schob noch hilfsbereit mit.

So dauerte es nur ein paar Tage, bis der Vercharterer am anderen Ende der Leitung uns ermutigte: fünfzig Plätze habt Ihr von hinten schon aufgerollt.

Nun, da lehnten wir uns doch genüsslich gegen die harten Lehnen des Cockpits und kramten im auftauenden Kühlschrank nach Zutaten für einen Planters Punch.

Dieser bekam uns dann so gut, dass wir jeden Tag andere karibische Rezepturen zur teatime aus dem Kochbuch hoben. Letzteres musste besonders zu Rate gezogen werden, als der erste Fisch an Bord kam. Nun, sie standen nicht Schlange, aber zwei Goldmakrelen, ein Thun, zwei Bonitos wollten durchaus von unserem Rum kosten und luden sich bei uns zu Tische. Wir hießen sie alle willkommen und variierten unseren Speiseplan. Dann wurden die Fische größer: eine Schule Delfine besuchte uns. Und als der Ruf „Wal, da bläst er!“ die Freiwache aus den Kojen riss, wurde es vor lauter Andacht ganz still an der Reling. Ja, tatsächlich, ein riesiges sandbraunes Tier glitt unter dem Schiff durch. Seine weißen Flossen gaben dem spindelförmigen Leib etwas Verspieltes. Fünf Meter, sieben Meter, neuen Meter, die Schätzungen der Crew waren vor Begeisterung nicht auf einen Nenner zu bringen. Das Adrenalin sank langsam, nachdem das majestätische Tier eine Stunde später nach einem anderen Spielkameraden Ausschau hielt.

Warum sahen wir diese anderen Schiffe nicht? 250 sollen gestartet sein, all die inoffiziellen, wie wir, nicht gezählt. Hier mal des nachts ein Topplicht, dort ein verrauschtes Funkgespräch. Unterm Strich bilanzieren wir, dass wir mit einem Prozent der Mitüberquerer Kontakt hatten.

Im Grunde sind wir eine Insel. Fünf Männer, eine Frau. Nur eine funktionierende Toilette. Das Schiff, Lebensraum und Lebensversicherung in einem. Vor dem Mast haben wir einen „Garten“ eingerichtet. Wer sich hier aufhält, wird nicht angesprochen, hat sich zurückgezogen. Und tatsächlich, der Blick vom Balkon, dem Bugkorb, schenkt Weite, gute Gedanken, schöne Sonnenuntergänge.

Miteinander gehen wir vorsichtig um, keiner kannte vor der Ankunft am Start einen der anderen persönlich. Wir haben keine Eile mit Spielen wie „sag mir, was du machst – und ich sage dir, wer du bist“. Nur keine Vorurteile. Vor allem keine Eile.

Denn von Europa nach Amerika, das dauert im Durchschnitt drei Wochen.

Langsam wagen wir uns aus der Deckung. Die Nachtwachen – das Schiff hat keine Windsteuerung – werden paarweise gegangen, und die Paare finden sich alle zwei Tage neu zusammen. So kommen wir einander näher. Handwerker und Intellektuelle, Computerfachleute und ein Geistlicher. Der Hauptnenner aber: alles Segler. Der Notar bringt dem Pfarrer die Astronavigation bei. Der Ingenieur bietet einen Crashkurs im Fischen an. Unsere allerbeste Steuerfrau entpuppt sich auch als begeisterte Lektrice im allnachmittäglichen Beisammensein im Cockpit. Darf´s ein Weltumseglerroman sein oder lieber etwas Thomas Mann?

Sechs Richtige also, die einundzwanzig Tage auf eine Herausforderung beim Segeln warten und die dabei der Herausforderung des Teamlebens Tag für Tag gerecht werden.

Glück gehabt, wenn ich da an frühere Crewzusammensetzungen denke.

Aber erst in den Nächten wird das Glück perfekt, weil der Himmel sich von seiner besten Seite zeigt. Ausnahmsweise der dunklen – aber der mit seinem blankgeputzten Firmament. Die Sternenkarten von Kosmos und dem nautischen Jahrbuch geben uns Nachhilfeunterricht, während wir unser Schiff durch die tintenschwarze See gen Westen steuern. Der Orion steigt auf Richtung Himmelszenit, der hilfreiche Sirius mit ihm und bald schon wird unter ihm der Canopus sichtbar. Wenige Tage noch, dann sehen wir an der Kimm zur Backbordseite das Kreuz des Südens. Ein Feuerwerk begleitet dieses Ereignis. Es gibt Sekunden, da hinterlassen zwei Sternschnuppen im selben Augenblick ihren rauchigen Schweif, blitzen kurz auf oder ziehen einen langen Cursorstrich übers Himmelsdisplay.

Über dem Wachdienst werden uns die Tage nicht lang. Trotzdem hat der Skipper vorsichtshalber nach Kolumbusmanier einen Golddukaten in Form der letzten Dose Bieres in der Kühlbox an den Mast genagelt. Bleistiftminendünn taucht dann auch Barbados am Horizont auf. Land. Nachdem sich die 270-Grad Marke der Kompassrose über zwanzig Tage und Nächte lang schon fest in unser Gehirn gebrannt hatte.

Nein seglerisch ist die Passatroute trotz aller squalls keine Herausforderung, aber den Pokal nehmen wir trotzdem dankbar aus Neptuns Hand: karibische Inseln mit ihrem Flair, Basils Bar mit seinem einmaligen Lobster, Tauchen in türkisgrünem Wasser und einen Tag am menschenleeren Strand von Mustique.