Wahrheit der Mitte – zugewandter Geist

über Joh 4, 19 – 26

Im Johannesevangelium schließt an die Geschichte von Nikodemus die von der Samariterin am Jakobsbrunnen an. Das Evangelium bewegt sich von Nikodemus, dem Lehrer Israels, der seine Unfähigkeit zu glauben bekennt,

hin zu der Nichtjüdin, der aber zum Glauben kommt.

Dieses vierte Kapitel führt durch immer neue Missverständnisse gleichsam aus der Dunkelheit ins Licht des Messiasbekenntnisses.

Hatte Jesus dem Nikodemus zur nächtlichen Stunde eröffnet, dass dessen Wunderhoffnung niemals zum Gottesbeweis, nicht zum Glauben werden könne, weil Gott nicht bewiesen sondern vorausgesetzt werden will; – so verblüfft er die Samariterin nun damit, dass er ihr sagt, wer sie ist und was sie glaubt.

Die Samariter sind ein Mischvolk, entstanden durch die assyrische Umsiedlungspolitik des 8. Jahrhunderts. Der Schmiedehammer des Krieges und der Besatzung hatte damals fünf Stämme und ihren Glauben verschmolzen. Auf diese fünf Glaubenswurzeln spielt Jesus mit der Nennung der fünf Männer dieser Frau an. Und dass der gegenwärtige, nämlich der Gott der Juden, Jahwe, auch nicht der ursprüngliche der Samariterin, ihr rechtmäßiger sei.

Über diesem Gespräch ist heller Tag geworden, will sagen, dass sich zwei Menschen auf Augenhöhe über ihren Glauben unterhalten.

Unser heutiger Text setzt hier ein:

Die Frau sagte zu ihm: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.“ Jesus sprach zu ihr: „Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen – denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Die Frau sagte zu ihm: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der uns alles erklären wird.“ Da sagte Jesus zu ihr: „Ich bin es, ich, der mit dir spricht.“

Ist es die richtige Art, vom Garizim aus Gott anzubeten oder vom Zion, also von Jerusalem aus?

Was ist die richtige Art?

Und wir hören die Frage heraus: Was ist die richtige Religion?

Wir denken da nicht nur an die Samariter, die mit den Juden den Jahweglauben und die fünf Bücher Mose gemeinsam haben,

sondern wir denken an die allein seligmachende Kirche und das Wort ihres Oberhauptes, dass die protestantische Kirche nicht Kirche im eigentlichen Sinne sei. Wir denken wenige Tage nach dem Reformationsjubiläum daran, dass der Graben zwischen römisch-katholisch und evangelisch vor nicht allzu langer Zeit tiefer war.

Und wir schauen nach Frankreich, wo radikalisierte Muslime ihren Glauben über alles setzen, den weltlichen Staat zu destabilisieren versuchen. Denn sie verstehen intuitiv, dass auch das so etwas wie Glaube geworden ist: eine Verfassung nämlich, die allen gleiche Rechte zugesteht, darunter eben auch das der freien Meinungsäußerung und der religiösen Vielfalt.

Unser Text fragt: bekommen nicht alle Konfessionen und Denominationen mit dem Jesuswort für den heutigen Sonntag den Spiegel vorgehalten? Haben nicht auch Christentum und hier wieder jede Konfession einen blendenden Splitter im Auge?

Jesus spricht deutliche Worte: allein die Art des Gottesglaubens qualifiziert ihn, nicht die Orte der Anbetung. Es geht um nicht weniger als „Geist und Wahrheit“.

Zwei ihrerseits interpretationsbedürftige Termini. Deren Auslegung gleichzeitig Auskunft darüber gibt, wie wir es mit dem Christentum und mit dem Wort vom Heil, das von den Juden kommt, halten.

„Geist“. Das ist kein Abstraktum. Es ist Sinn und Ordnung. Vor allem aber ist es der Geist der Liebe.

Hintergrund ist: Gott genügt sich nicht. Er ist wesentlich Beziehung. Und er will Beziehung. Gelingende Beziehung. Darum zunächst die Welt und besonders den Menschen als Gegenüber. Und dann das Miteinander der Menschen untereinander.

Natürlich ist dieser Geist auch der Schöpfergeist. Aber nicht aus Spielerei, sondern aus der Sehnsucht nach einem anderen geistbegabten Wesen.

Auf diesen Geist kommt es an. Der eben keines Tempels und auch keiner verfassten Kirche bedarf – aber doch mehr als bloß einer Kammer des Herzens; nämlich schon einer Gemeinschaft der Gläubigen! Sie definieren sich nicht durch einen Namen, sondern durch ihr Gegenüber: Gott.

Nicht ein Papstwort kann, sondern das Verhalten der Konfessionsgemeinden zueinander und das Verhalten der Geistlichen untereinander wird offenbaren, wes Geistes Kind eine jede Kirche und ein jeder Gläubige ist. Daran dürfen wir sie messen, darauf dürfen wir hoffen; und daran müssen auch wir uns messen lassen: ob wir unseren Glauben im Miteinander leben, Wahrheit im Dialog finden und nicht behaupten. So zeigt sich der „richtige Geist“.

Nicht minder konkret ist die „Wahrheit“. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, reimt Erich Kästner diese Wahrheit. Die Wahrheit ist immer konkret. Sie ist keine absolute Richtigkeit, sondern misst sich an dem, was dem Nächsten gut tut.

Aus den Worten Jesu folgt die messianische Konsequenz der Weltverantwortung und ein Zeugendienst, der auf die täglich konkrete Situation, auf materielle Sorgen, soziale Verhältnisse, psychische Befindlichkeiten und auf das wie der körperlich-leiblichen Gemeinschaft achtet.

In seinem kleinen Land und seinen Glaubensgeschwistern vor allem will Jesus zeigen, dass es einen Weg gibt, vor Gott richtig auf Erden zu leben. „Wir beten an, was wir kennen“. Haben sie die Veränderung im Text bemerkt? Sprach die Samariterin noch von „Gott“, ändert sich der Akzent bei Jesus. Jetzt heißt es „Vater“. Gott kennen und erleben Jesus und die Seinen als Herkunft und Anleitung, als schützenden Vater.

Alle, die sich nach diesem Christus nennen, sind herausgefordert, diesem Geist und dieser Wahrheit überzeugend Raum zu geben. Und das können wir auch, denn dieser Geist ermutigt, Formen hinter uns zu lassen, die der Liebe entgegen stehen; und die konkrete Wahrheit erfindet fantasievolle Wege, durch die die Menschen Nahrung für alle, Frieden, neue Anfänge und innere Heimat finden.

Der Brunnen, an dem Jesus seine Identität aufdeckt ist überall, wo Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und im Gegenüber das andere Gotteskind entdecken.

Mit dem Bild vom Dunkel und Licht spielt das jüdische Rätsel, das ein Rabbi seinen Schülern aufgibt: Wann ist die Nacht zu Ende und der Tag beginnt? Die richtige Antwort lautet: Sobald ich im Angesicht meines Nächsten den Bruder erkenne. Amen.

Auf den Boden kommt es an

Beerdigungsansprache über Mk 4, 1 – 9

für

Eberhard Prehn,

06. November 2020, Ehrang

Vor nicht allzu langer Zeit, als es so heiß war wurde Rasensamen im Garten ausgebracht. Als sich nach ein paar Tagen noch kein Rasenhälmchen gezeigt hatte, fragte ich den Gärtner.

Er antwortete mir mit einem Wort, das ich so schnell nicht vergessen werde. Der Mann sagte: der Rasen denkt jetzt!

Welches gewagte Einfühlungsvermögen: der strohern daliegende Rasen denkt darüber nach, welche Chancen er hat aufzugehen. Er fühlt in den Morgentau, tastet nach der Qualität der Erde, summiert die Sonnenstunden und weiß, wann es wie viel regnet.

Und tatsächlich, obwohl überall ums Haus derselbe Rasen gesät worden war, keimte er an den Schattenseiten zuerst – hier hatte der Keimling die besten Chancen, nicht zu verbrennen. An besonders exponierten Stellen liegt der Same heute noch unaufgeschlossen – wartet auf seine Zeit.

Dieses Wunder der denkenden Natur  hat mich den Menschen neu sehen gelernt.

Denn das folgende Gleichnis vom Sämann benutzt Jesus aus keinem anderen Grund, als uns den Menschen zu erklären. Wie der Rasen bedarf auch der Mensch eines Wurzelgrundes, um gedeihen zu können.

1 Und wieder begann er, am Seeufer zu lehren; und eine riesige Menschenmenge drängte sich bei ihm zusammen, so dass er in ein Boot steigen und sich auf dem Wasser niedersetzen musste, während die ganze Menge zu Lande am Seeufer war. 2 Und er hielt ihnen eine lange Lehrrede in Gleichnissen und sagte darin folgendes:

3 „Hört! Also, ein Sämann ging aus zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg: da kamen die Vögel und fraßen es auf. 5 Anderes fiel auf den Felsboden, wo es nur dünnes Erdreich gab, und ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. 6 Doch als die Sonne brannte, wurde es versengt und musste verdorren, weil es keine Wurzeln hatte. 7 Anderes fiel unter die Disteln, doch die Disteln überwucherten und erstickten es; es konnte keine Frucht bringen. 8 Anderes fiel auf guten Boden und wuchs auf, reifte und brachte Frucht und trug dreißigfach, sechzigfach, ja hundertfach!“ 9 Und er sagte: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ 

Heute bei der Würdigung von Eberhard Prehn geht es bei der Auslegung weder um die Oberflächlichen, die einfach oben liegen bleiben, weil Tiefgang nicht ihre Sache ist, es geht auch nicht um die, die im Gestrüpp einer lieblosen Welt hängen bleiben, um die Strandenden,

sondern es geht um den Wurzelgrund der Heimat, der im Leben von Eberhard eine Rolle spielt.  Da sind zunächst seine Eltern. Der Vater, ein gelernter Bankkaufmann, der auf dem Bauamt seinen Schreibtisch hatte, und dem die Gabe, Gefühle zu zeigen nicht mitgegeben war.

Dann die Mutter, die ihre sechs Geschwister in schwierigen Zeiten großzuziehen gehabt hatte, die also in Sachen Kinder ebenso praktisch dachte wie sie Sehnsucht nach einem eigenen Leben hatte.

Zwischen ihnen beiden wuchs Eberhard auf. Er war das einzige Kind. Und er blieb als Kind allein. Da die Großeltern behindert waren und nicht helfen konnten, die Mutter aber in der Kriegsindustrie arbeiten musste, war Eberhard oft auf sich allein gestellt.

Er lernte so, noch bevor er zehn Jahre alt war, die Dinge mit sich selbst auszumachen.

Wenn Menschen ihn später als gesetzte, als ruhige, als in emotionalen Dingen zurückhaltende Person einschätzten, dann mag das daran gelegen haben, dass in den Jahren bis Kriegsende kein Raum für kindliche Gefühle und kein Gegenüber für deren Bestätigung da war.

Es war die Zeit, in der Jungen gesagt wurde „ein Indianer zeigt keinen Schmerz“. 

Und es war die Zeit, in der tatsächlich der heimische Wurzelgrund unter den Füßen weggezogen wurde. In Schweidnitz,  Niederschlesien, südwestlich von Breslau, wo Eberhard am 27. April 1936 geboren wurde, konnte die Familie nicht bleiben, so ließ Eberhard zwangsläufig seine erste Heimat hinter sich, seine Spielgründe und was ihm vertraut war.

Es ging nach Westen. In Ilmenau wurde die Familie eingewiesen. Der Bewohner der Stockwerkswohnung musste ihnen ein Zimmer abgeben. Schulunterricht gab es für Eberhard keinen, aber eine Mitbewohnerin unterrichtete ihn behelfsweise, bis es dann weiter ging nach Erfurt.

Hier hoffte der junge Mann richtig einwurzeln zu können. Eine Ausbildung sollte sein Fundament sein. Er schloss die Schule ab. Die Firma Telefunken kam seiner Liebe zur Präzision entgegen mit der Lehrstelle als Feinmechaniker. Den Gesellenbrief hatte er in der Hand. Und „Telefunken“ übernahm ihn.

Nach dem Schulausfall durch Krieg und Vertreibung hatte Eberhard das erste mal das Gefühl, festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Den Westbesuch mit der Mutter hielt er beim Aufbruch für eine kurze Episode, man reiste mit kleinem Gepäck. Allein – sie eröffnete ihm westlich der Zonengrenze in Bad Oeynhausen angekommen, dass auch dieser Ortswechsel ein Aufbruch ohne Wiederkehr sein werde.

Vielleicht ist Trauma das passende Wort, um zu beschreiben, dass Eberhard sich abermals wie aus dem Wurzelgrund gerissen fühlte. Konnte er noch vertrauen , dass es einen Boden gibt, auf dem er bleiben, einwurzeln und sich entfalten darf?

Dieser Ort lag in der Pfalz. Wöllstein war es, wo sie zunächst bei einem Winzer unterkamen. Eberhards Vater machte diesem die Buchhaltung.

Ein neues Kapitel in seinem Leben wurde aufgeschlagen. Im Technikum in Bingen studierte Eberhard, um Elektroingenieur zu sein.

Die Zugfahrten zum Studienort unternahmen viele junge Leute. Uschi, Wolfgang, Eberhard und Anneliese trafen sich oft im Abteil. Irgendwann hielt Eberhard der strickenden Abteilgenossin gehorsam das Wollknäuel.

Es war, als hätte er den Fadenanfang einer lebenslangen Verbindung ergriffen. Die beiden verstanden, dass sie sich gemeinsam auf der Lebensreise befanden. 1959 hatte Eberhard als Ingenieur beim RWE begonnen, das erste Geld wurde verdient; und im Sommer vier Jahre später, 1963, konnte geheiratet werden.

Die Arbeitsstelle lag in Bad Kreuznach, eine Zweizimmerwohnung wurde daselbst gefunden. Hier nun wurde der Grundstein der Familie gelegt. Der Baum fasste Wurzeln und ein Nest entstand. 1964 wurde Eckard geboren und 1971 machte Annemarie die Familie komplett. Dies allerdings schon im Häuschen in Ebernburg, welches 1968 bezogen werden konnte.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war es der Quellpunkt der Familie und das Refugium des Ehepaares.

Also gab es für Eberhard doch einen Ort, den man bei dieser Verweildauer getrost als Heimat bezeichnen darf, an dem er sich und seine Kinder wachsen sah.

Aus der Erfahrung seiner Kinder- und Jugendtage gestaltete Eberhard diese Phase ganz bewusst. „Ich war ein Schlüsselkind. Meine Kinder sollen es anders erleben“, wünschte er sich. So hatten Sie eine Mutter, die Sie zu Hause empfing, wenn Sie aus der Schule kamen.

Der Vater widmete konsequenter Weise die Wochenenden seiner Familie. Das war sein Anteil. Dazu gehörten auch die Verwandtschaft, gegenseitige Besuche und gemeinsame Unternehmungen.

Diese Konzentration auf die Familie in seiner freien Zeit empfing eine bedeutsame Erweiterung durch Eberhards Entdeckung der Langsamkeit. Wandern und Radfahren schenkte die angemessene Geschwindigkeit im Urlaub, so dass dem Menschen und der Beziehung zwischen den Menschen genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden konnte.

Von Seiten Eberhards ein kompensatorischer Akt, das haben wir schon verstanden.

Er, der Elektroingenieur und Feinmechaniker, der mit dem Mikrometer maß und gleichzeitig in Gefühlsangelegenheiten so unberedt war, er wusste um die Bedeutung des Heimatbodens für sich. Er wusste, warum Genauigkeit ihm Halt gab; warum er das Maß der Anerkennung anderen gegenüber oft an deren Liebe zur Präzision festmachte. Er wusste um den preußischen Teil seines Mutterbodens.

Doch er gehörte in seiner Liebe und mit seinem positiven Denken gleichzeitig auch zu der letzten Gruppe, von der Jesus spricht, zu denen, die nach dem Sinn fragen und nach dem, was trägt.

Zu denen, die nicht mit einfachen Antworten zufrieden sind und nicht mit einer mediengemachten Meinung, sondern in die Tiefe gehen;

die, die sich nicht anpassen, sondern eine Meinung haben, die diesen Namen verdient: „Meinung“, also etwas, das meins geworden ist, etwas von mir persönlich, etwas, das ich mir angeeignet, erlitten, erlebt habe. 

Die Nichtangepassten, die auch noch in schweren Situationen eine Deutung finden,

die sogar dem Leiden Sinn abgewinnen können

und die dort, wo für andere kein Sinn am Horizont letzter Fragwürdigkeit auszumachen ist, doch das Vertrauen in eine führende Hand behalten.

Genau diesen Glauben wünsche ich Ihnen: dass nämlich Gott einen Menschen, der stirbt, eben nicht aus der Hand verliert, sondern im Gegenteil zu sich zieht!

Ich wünsche Ihnen die Überzeugung, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist; und wir als solche, wir die Sterblichen, vor ihm dem Ewigen so lebendig bleiben.

Und damit die Gewissheit, dass Eberhard bei Gott angekommen ist und Sie ihn hier auf Erden gehen lassen können.

Amen.

Reformbedürftige Kirche heute

Reformation 2020

Themenpredigt zur Wortbedeutung „re-formare“

Hilfsmittel: Sandförmchen, Flipchart, Zettel und Stifte

Jeder kennt das hier: ein Sandförmchen. Er soll uns heute helfen zu verstehen, was das Wort Reformation in seiner Tiefe bedeutet. Solch ein Förmchen gibt dem Spielsand seine Form. „Form“ ist seinerseits zunächst ein Begriff, der uns etwas über die Erscheinung eines Gegenstands verrät. Also in unserer Sandkiste, ob es sich um einen Seestern, ein Törtchen, einen Wal oder ein Feuerwehrauto handelt.

Auch die Nichtlateiner unter uns wissen, dass die Silbe „re-“ zurück bedeutet. Re-Formation ist also die Rückformung einer Sachen.

Zurückformen zu was? das ist hier die Frage. Ein Reformator geht davon aus, dass die eigentliche Form einer Sache oder Einrichtung oder Bewegung verloren gegangen ist. Der Zahn der Zeit, Gegenbewegungen oder einfach das Meer haben unseren Gegenstand verändert oder gar dem Sandstrand wieder gleich gemacht.

„Reformare“ heißt also, dieser Sache oder Bewegung die alte, die eigentliche Gestalt zurück zu geben. Sie wieder zu dem zu machen, was sie eigentlich ist oder sein soll. Denn zur Zeit der kritischen Betrachtung ist sie aus der Form geraten.

Schon seit den Tagen des unglücklichen Johannes Hus, der vor den Toren des Konstanzer Konzils auf dem Scheiterhaufen verbrannte, klagen engagierte Theologen über die sklerotisch gewordene Kirche. Sie diagnostizieren ihr eine Entfernung von den Menschen, sie klagen ihren Selbsterhalt als deren erstes Ziel an, sie vermissen eine höhere Leitlinie, die das Allzumenschliche eines Papstes korrigiert, der die Tiara über der Ritterrüstung trägt, sie ziehen das Sodom und Gomorrha in Klöstern ans Tageslicht, in denen die Hälfte aller Nonnen schwanger ist, geschwängert von den Mönchen des Nachbarklosters.

Nach John Wycliff und Johannes Hus entdeckt auch Martin Luther diesen Maßstab, mit dessen Hilfe die Kirche korrigiert werden kann: die Heilige Schrift. Er übersetzt sie in zwei seiner Lebensphasen ins Deutsche. Das Neue Testament im Winter 1521/22 auf der Wartburg aus dem Altgriechischen und dem ihm viel vertrauteren der lateinischen Vulgata in das Frühneuhochdeutsche. Das Alte Testament aus dem Althebräischen und Aramäischen gut zehn Jahre später mit einem Stab von Altphilologen europäischen Ranges, an erster Stelle Philipp Melanchthons.

Die größere Nähe des Textes zur Landessprache der Gläubigen machte nicht nur ein Ende mit verballhornten Missverständnissen wie dem Wort „Hokuspokus“, dass das Bäuerlein verstand, wenn der Priester in der Wandlung „hoc est Corpus meum“ sagte, sondern es legte auch die Lunte an eine Form der Kirche, die in der europäischen Finanzwelt in der ersten Liga mitspielte, deren Steuersystem das haltbarste und effizienteste des Mittelalters geworden war.

Wahrheit und Wirksamkeit gerieten durch Luther in Konflikt. So wie überhaupt die Wertewelt zwischen Sizilien und Salamanca, zwischen Rom und Rostock aufs Vehementeste durcheinander gerieten:

Denn woher wissen wir denn überhaupt, dass die Richtungskorrektur nach rückwärts zu erfolgen hat? Was gibt uns die Sicherheit, dass re-formiert werden muss, dass die alte Gestalt die richtige war?

Gerade der Übergang des Mittelalters zu Neuzeit ist im lateinisch sprechenden Mittelmeerraum durch die Impulse der Renaissance eine nach vorne blickende Welt geworden. Man glaubte: Entwicklung bringt Verbesserung. Nach vorne hin, morgen, wird es besser. Morgen werden die Früchte der Entwicklungen, der Entdeckungen, des Fortschritts, der Investitionen geerntet. Es ist dies der Glaube der neuentstandenen Finanzwelt, der Fugger und der florentinischen Bankhäuser. Es ist dies das Credo der Finanzwelt.

Dieses Glaubensbekenntnis wird zur Weltanschauung.

In diesem Moment fragt der Mönch aus Wittenberg: Wenn Kirche also ihr eigentliches Gesicht wieder bekommen soll, welches ist es dann: das des himmlischen Jerusalem oder das der Urgemeinde? Ist eigentliche Kirche die von morgen, schreiten wir aus in eine himmlische Zukunft – oder ist Rückbesinnung angesagt, ist das Maß vom Altbewährten herzunehmen? Ist die Welt schlechter, verdorbener geworden und der Tag ist dort hell, wo wir hergekommen sind?

In vielen Ansichten ist Martin Luther ein mittelalterlicher Mensch. Seine Entdeckung des gnädigen Gottes befreit aus der Höllenangst dieser Zeit. Aber sein Rückgriff auf die Übersetzung der alten Sprachen ist eine Renaissancetat. Und genau diese führt auf den Grat zwischen Rückbesinnung und Fortschrittsglauben.

Was spricht für eine Entwicklung zum Guten, und was eher für einen Schluck aus den alten bewährten Quellen?

Vor kurzem verlautbarte, dass die Situation heute in indischen und afrikanischen Klöstern kaum anders ist, als sie zur Lutherzeit beklagt wurde. Schwestern werden geschwängert und niemand hilft ihnen.

Der schleppende Umgang mit der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe hierzulande ist die schwerste Bürde unserer Schwesterkirche.

Die Angst in allen Kirchen, angesichts der coronabedingten Veranstaltungsausfälle als überflüssig angesehen und abgetan zu werden, legt den Finger in die Wunde der Frage: was ist der Auftrag der Nachfolge Jesu?

Ist nämlich die Ursache manch wunderbarer Heilung durch Jesus nicht dessen unbedingt geschenkte Nähe?

Ist also nicht unsere Aufgabe, solch heilsame Nähe anzubieten?

Wenn Menschen in Zeiten epedemiebedingten sozialen Abstands leiden, dann ist Nachfolge in Jesu Sinne unsere besondere Herausforderung.

Wenn aber die Nähe zu den Menschen seitens Jesu Kirche verloren gegangen sein sollte, wie machen wir uns dann auf und suchen diese Nähe wieder? Wie stellen wir sie her?

Ist die Trennung von helfender Hand und predigendem Mund in unserer Zeit nicht fatal? Müssen nicht Diakonie und Gemeinde viel dichter verwoben werden? Und dies gerade in Zeiten, in denen in der Welt Altersversorgung und Pflege ausgesondert, abgegeben und delegiert wird?

Wenn Kirche, eben auch evangelische, sich verfangen hat in Selbsterhalt, ist dann nicht genau hier neu zu reformieren?

Vielleicht ist ihr dem Staat abgeschautes Rechtsprinzip „Jedem das Gleiche“  – Napoleon lässt grüßen – der einer Reform bedürftige Gegensatz zum vorbildlichen und angstfreien Ansatz Jesu, der das Prinzip lebte „Jedem das Seine“?

Was meinen Sie?

Was spricht im Jahr 2020 für einen Schritt nach vorne und wenn ja welchen?

und was rät eher zu einem Innehalten, zur Rückbesinnung?

Was meinen Sie?

Für Ihre Meinungsäußerung stehen Ihnen diese Zettel zur Verfügung. Sie weisen mit ihren beiden Spalten und den Pfeilen darüber in je eine Richtung:

  • nach links, wenn Ihr Stichwort auf die Quellen zurückverweist
  • nach rechts, wenn Sie einen Impuls im Sinne der Zukunftshoffnung aufschreiben möchten.

Amen.

seinen Senf dazu geben

Zum Thema anlässlich der Einführung der Presbyterinnen und des Presbyters 2020

Gusterath, 25.10.2020

über Mt 13, 31 – 32

„Ab heute dürft Ihr Euren Senf dazugeben“. 

Das Amt, das Ihr seit März bekleidet, in das Ihr heute gottesdienstlich eingeführt werdet gibt Euch ein Mitspracherecht, eine Mitwirkungspflicht.

Dabei bedeutet der Spruch: „Etwas Gutes, das aber unpassend ist, als Beilage aufzutischen“. Denn vielleicht wisst Ihr, wie diese Redewendung entstanden ist? Nach 1750 war Senf das, was die Menschen in Frankreich für das Beste vom Besten hielten. Und Wirte, die etwas auf sich hielten, servierten Senf zu allem, was sie auf den Tisch brachten. Das goutierte verständlicher Weise nicht jedem. Denn Senf mag zu Fisch, Fleisch und Salatsaucen passen, sicherlich auch zu bayrischen Festen, aber eben zu vielem anderen ist er kein guter Begleiter.

Also überlegt Euch, wozu Ihr Euren Senf dazugeben wollt.

Denn die Leute werden Euch fragen, sie erwarten von Euch Ideen. Und sie schauen auch auf Euch, denn sie sehnen sich danach zu sehen, wie die frohe Botschaft im individuellen Profil eines Menschen aufleuchtet. 

Das ist im guten Sinne eine Herausforderung.

Als Wegbegleitung scheint mir eine Bildrede Jesu richtig für die vor Euch liegende Aufgabe zu sein.

Jesus sprach „Das Reich der Himmel gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf den Acker säte. Dieses ist zwar kleiner als alle anderen Samenarten; wenn es aber herangewachsen ist, so ist es größer als die Gartengewächse und wird ein Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.“

Was haben nicht Menschen schon alles unternommen, um die Welt besser zu machen! Propheten, Apokalyptiker, Weltverbesserer und Ideologen haben Veränderungen beschworen, bei denen kein Stein auf dem anderen geblieben ist oder wäre. Der Sprengstoff der Unzufriedenheit, das Ekrasit der Armut und das Schwarzpulver des Elends hatten jeweils ein explosive Kraft.

So ganz anders kommt Jesu Bildrede daher. So mild und sanft! Sie predigt vom ruhigen Reifen längst gesäter Kräfte. Sie ermutigt dazu, das Gute zu sehen, das schon da ist. Sie rät zum verweilenden Durchatmen.

Ab und an fragt mich ein verzweifeltes Elternpaar, was sie denn angesichts ihres schwierigen Kindes noch unternehmen könnten. Nach dem Hinhören, Hinschauen und vor dem Antworten führe ich mir stets den Gehalt der heutigen Bildrede Jesu vor Augen.

Denn implizit spricht sie von den Gefahren des Aktionismus und Nichtwartenkönnens. Sie predigt von den Zwillingen Glaube und Geduld. Und sie ermutigt zum positiven Hinschauen, zum Pflegen und Bestärken, zur Geduld.

Zu unserem eigenen Unheil verfahren wir doch oft so, dass, kaum regt sich ein Gefühl der Ungemütlichkeit, der Sorgen, überlegen wir, was wir denn machen können. Kaum streckt sich ein fremdes Kräutlein aus dem Boden, betonieren wir ihn zu. So gehen wir mit den Feldern in der Agrarindustrie um, wir „schützen“ und „verbessern“ mit Chemie und Genmanipulation, bis alles ausgelaugt, verdorben und vergiftet ist. Bis die Ketten der Lebenszusammenhänge gesprengt und die Arten ausgestorben sind.

Jesus sagt hier nicht explizit „Vorsicht!“, sondern er malt ein Bild von den wunderbar geschenkten Lebenszusammenhängen, wenn der Baum groß geworden ist und nun auch noch unerwartet andere etwas davon haben, hier die Vögel des Himmels in ihm nisten können. Es ist tatsächlich das gleiche Wort „Himmel“ in beiden Stellen – das Reich der Himmel und die Vögel des Himmels, das der Text verwendet, so dass uns diese „Früchte“ jenseits der Senfernte allesamt tatsächlich wie „ein Geschenk des Himmels“ vorkommen dürfen. Der Schöpfer denkt in anderen Dimensionen und überblickt Zusammenhänge, die wir nicht absehen.

Also haltet auch mal die Füße still, die Hände gefaltet und habt – jawohl, darum geht es – Vertrauen. Den Glauben nämlich, dass Gott schon gesät hat. Dass es zum Guten angelegt ist.

Wir sind so anders erzogen. Man sagt uns „Auf uns kommt es an!“ „Übernimm Verantwortung“ „Tu doch was!“ Aber der blinde Tatendrang hat schon viel verdorben. 

Und oft fehlt auch den unglücklichen Eltern ihrer ausprobierenden Kindern nichts anderes als das geduldige Zutrauen.

Weil ich das Gleichnis ernst nehme, darum kommt von mir heute an Euch keine ermunternde Aufforderung, Eure Ideen einzubringen, Eure Tatkraft zu fordern, Eure Persönlichkeit zu zeigen, den Kalender weit zu öffnen, jeden Ball zu spielen und immer dabei zu sein.

Nein, lehnt Euch auch mal zurück, lasst den lieben Gott einen guten Mann sein, glaubt an das, was schon ausgebracht ist und wachsen möchte.

Und Ihr werdet sehen: gerade so, vermittels solch einer Haltung, möchte das Evangelium durch Eure Persönlichkeit in der Gemeinde glaubhaft sein, möchte Beispiel geben und überzeugen. 

Lao-Tse hatte die Einsicht: „Durch das Nicht-Machen ist alles gemacht“.

Und Jesus verdeutlicht, dass es hier nicht um einen Aufruf zur Faulheit oder zum Wegschauen geht, sondern im Gegenteil: schon dem Allerkleinsten etwas zuzutrauen.

In diesem Sinne hatte er schon gepredigt „Wenn ihr nicht ganz klein wie die Kinder werdet, so lernt ihr die Macht Gottes nimmer kennen“. In diesem heutigen Gleichnis sagt er uns: „Was wir brauchen, ist einzig das Vertrauen in das Wachstum des Geringen in uns und umgekehrt ein gewisses Misstrauen gegenüber allem buchstäblich Groß-Tuerischen“ (Drewermann, Markus, I, S. 349).

Und Jesus, dieser Meister und Lehrer der Sanftmut, kleidet seine Wahrheit bewusst in ein Gleichnis – kein „Du musst“ möchte daraus sprechen, kein „Du sollst groß dabei herauskommen“ will am Ende stehen – sondern seine gewaltfreie Lehre lehrt uns, wie alles mit allem zusammenhängt, wie aus dem Vertrauen ins Kleine etwas großes entstehen kann, wie selbst Vögel davon profitieren können und ein wunderbar gesundes Ganzes am Ende herauskommt. Das Miteinander von Mensch, Getier und Pflanze gelingt. So möchte Gott, der Meister des Dialogs, das Miteinander haben.

Auch Euer Glück ist sein Ziel. Über Reifung und Ruhe, über Harmonie und Herz führt der Weg. Vertraut ihm.

Amen

Die Genauigkeit der Buchhalterin

Traueransprache

für 

Kunigunde Lorenz

über

Lk 6, 38

16.10.2020, Friedhof Ruwer

Gebt, so wird euch gegeben werden. Ein gutes Maß voll, zusammengedrückt, überfließend, wird man euch in den Schoß schütten; denn mit eben dem Maß, mit ihr zumesst, wird Gott euch zumessen.

Sie alle kennen noch eine Lohnbuchkladde? In hohem schmalen Einband gefasst reihen sich Seite für Seite die sorgsam gestaffelten Spalten. Die Zeilen füllt der Buchhalter mit seinem Stift oder Füller, in Sütterlin oder Fraktur. Die Spalten aber gaben alles bis auf den Heller und Pfennig vor, sie waren gleichsam die aufgerichteten Notenlinien, die die Melodie des Lebens spielte. Zumindest die des Einkommens, der Überstunden und Abzüge.

Kunigunde Tibo sollte Lohnbuchhalterin werden. Der Bahnhofsvorsteher aus Staudernheim hielt es für den richtigen Beruf für seine am 17. Mai 1928 noch in Cochem geborene Tochter Angela Kunigunde.

Und so wurde sie Lohnbuchhalterin, im Blick auf Aspekte ihrer Persönlichkeit nicht die unpassendste Entscheidung.

Denn als spätere Ehefrau von Theodor Lorenz und Mutter von Achim erwies sie sich als exzellente Köchin. Sie nahm das Kochbuch so genau als Handlungsanweisung als beschriebe das Rezept die Zehn Gebote. Bei den Zutaten durfte in keiner Richtung abgewichen werden. Diese Genauigkeit mag eine Folge ihres zur Exaktheit aufgeforderten Berufes gewesen sein, oder aber sie brachte diese Liebe zur Genauigkeit schon mit und der Vater, der Bahnhofsvorsteher, hatte die richtige Eingabe bei der Berufsvorgabe seiner Tochter.

Der Mann muss überhaupt nicht nur souverän sondern auch von einem verschmitzten Humor gewesen sein, wie er seinen Stammtischbruder, den Dorfpolizisten darüber im Unklaren ließ, dass seine Tochter im Besitz des Motorradführerscheins war; und nicht – wie der Ordnungshüter glaubte – ohne Erlaubnis mit dem Zweirad ihres Vaters im Ort unterwegs war. Lassen Sie sich diese Geschichte im Anschluss an die Beerdigung von der Familie erzählen.

Kunigunde jedenfalls machte die Vorgabe ihrer Kladden auch zum Maß ihrer Haushaltsführung. Sie kochte und buk nicht nur aufs Gramm genau die Vorgaben von Dr. Oetker nach. Sie hielt auch bei der Anzahl ihrer Rezepte Maß. Die war überschaubar. Sie reichte weit über die Woche hinaus, war aber ohne den Anspruch, über Monate hinweg jeden Tag ein neues Gericht auf den Tisch zu bringen. Bei den Kuchen ließen sich die Favoriten Sandkuchen, Käsekuchen, Bienenstich und kalter Hund an einer Hand aufzählen.

Irgendwann in den Jahren 1946/47 war Theodor in seiner Position an der Zugangssperre zum Bahnsteig von Sobernheim auf die junge Kunigunde aufmerksam geworden. Jeden Morgen kam sie dort an, um vom Bahnhof in Sobernheim zu ihrem Arbeitsplatz zu eilen. Des Nachmittags zurück Richtung Staudernheim. Er sprach sie an und gewann ihr Herz.

Am 25.12.1950 verlobten sich die beiden und genau drei Jahre später wurde in Sobernheim am 19. 12. die Hochzeit gefeiert.

Mit der Versetzung von Theodor nach Trier, fand auch Kunigunde eine Arbeit hier an der Mosel. In der Lohnbuchhaltung bei Hägin verdiente sie das, was der Familie ein Auskommen erlaubte. Als Achim im September 1959 aus dem Ehepaar diese Familie machte, brach ihr Anteil am Einkommen weg. Alle ihre Ansätze, wieder in den Beruf zurück zu kehren scheiterten am Schichtdienst des Ehemannes.

Kunigunde fügte sich. Es ist eine ihrer ganz großen Tugenden, dass sie sich wie kaum ein anderer zurückzunehmen verstand. Sie gliederte sich ein, wusste, dass der Schichtdienst und das Kind einen Tribut von ihr forderten. Sie war eine Frau, die sich gern über den Beruf definiert hätte.

Darum tastete sie sich ungemein vorsichtig in ihre Aufgabe als Mutter. Traute sich nicht, den kleinen Achim zu baden, hatte Angst, er könnte entgleiten und ertrinken. So musste für etliche Wochen Tante Hilde ins Haus kommen, bis diese eines Tages entschieden abreiste und Kunigunde in ihre Aufgabe hineinwuchs.

Kunigunde sang das Loblied der Harmonie. Sie übernahm das Unumgängliche, sie füllte ihre Aufgaben aus, sie war gutmütig und vor allem hat sie immer wieder zurecht gebracht, wieder ins Lot gebracht, was an anderer Stelle in Schieflage geraten war.

Das rechte Maß eben, das war ihre Welt. Die Summe am Ende der Lohnbuchspalten musste stimmen.

In diesem Sinne hat sie ihr letztes gegeben.

Ich bin mir sicher, dass genau darum das Jesuswort eine Wahrheit für sie in Ewigkeit ist, dass Gott ihr überfließend und anerkennend zumisst, wie sie gegeben hat.

Im Leben war das ihre Rolle in der Ehe, war das die nimmermüde Mühe als Mutter, war das die Unterstützung ihres Mannes bei seiner Vereinstätigkeit im Tennisverein, war das die kulinarische Versorgung der Mitglieder, war das die hingebungsvolle Liebhaberin von Rosen und die Freude an den Orchideen. Die Rose auf der Urne ist ein Symbol für dieses Gesicht von ihr.

Die andere Seite ist die Unbeholfenheit in technischen Dingen. Sie meinte z.B. Küchenmaschinen trachteten ihr nach dem Leben. Haushaltsmaschinen hielt sie grundsätzlich für gefährlich und mied sie so weit sie zu entbehren waren.

Dieses Gesicht von ihr, sich nicht mit neuerer Technik, mit neuen Lebensherausforderungen anfreunden zu wollen, zeigte sich mehr und mehr in einer Furchtsamkeit.

Beruhigend war das Verlässliche. Der tägliche Ausflug ins Viezlokal, sei das in Trier, in Kenn, in Schweich oder in Longuich, brachte das Gespräch mit Bekannten, hielt die Gewohnheit hoch und schenkte so Beruhigung.

Andererseits wurden ihr im Alter die Dinge und die Menschen immer fremder. Sie vergaß. Und sie erschrak gleichzeitig über dieses Abhandenkommen von vertrauten Gesichtern. Eigene Familienmitglieder wurden zu Unbekannten. 

Achim schreibt in der Anzeige: „Als ich mich und meine Liebsten nicht mehr wahrnahm“, … da wurden die Ängste groß.

In der Welt wurde ihr Vieles fremd – zuletzt auch sie sich selbst.

Kunigunde hatte sie sich selbst verloren.

Als sie am 08.10.2020 wie ein Embryo eingemummelt die Augen für immer zumachte, hatte der Bogen ihres Lebens wieder die Erde berührt. Weit gespannt hatte er sich, über 92 Jahre lang. Nun war er zu seinen unbewussten Ursprüngen zurück gekehrt.

Kunigunde hat ihren Körper hier zurück gelassen, zart und klein wie am Anfang. Ihr „Ich“ aber war schon eine Zeit lang vorher in den Himmel zurückgekehrt. Eben an jenen Ort, an dem ihr für ihre Liebe, für ihre Bescheidenheit, für ihr Bemühen um Harmonie, für ihr Engagement im selben Maße zurück gegeben wird, wie sie es hier gegeben hat. 

Versprochen ist versprochen, sagt Jesus zu ihr und uns.

Im Vertrauen darauf dürfen wir Kunigunde Gott zurück geben.

Amen

Lob der Geduld

ERNTEDANK 2020

Predigt über das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat – Mk 4,26-29 

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch den Samen auf die Erde wirft 27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same sprießt hervor und wächst, er weiß selbst nicht, wie. 28 Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst Gras, dann eine Ähre, dann vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn aber die Frucht es zulässt, so SCHICKT ER SOGLEICH DIE SICHEL, DENN DIE ERNTE IST DA. 

Liebe Gemeinde,

anlässlich meines Geburtstags schrieb mir ein Jahrgangsfreund Gedanken über unsere Lebensphase und meinte, dass jetzt die Zeit der Ernte begönne. Das im Beruf Gesäte wäre jetzt hie und da reif für die Sichel.

Pfarrer ernten manchmal die Früchte ihres Gemeindeaufbaus. Das mag sein, dass eine Gemeinde unter geduldigem Gärtnern bunt und lebendig geworden ist. Auch zur Freude der Aktiven.

Pfarrer meines Alters mögen ein System der Auslegung für biblische Stellen gewonnen haben. Ja, auch das ist möglich. Aber ist das ein Verdienst der jeweiligen Person?

Ist es nicht vielmehr so, dass unser Horizont gleichsam natürlich mit den Jahren wächst, dass die Gedanken sich in der ihnen eigenen Logik ketten?

Ich bin für mich überzeugt, dass es mir wie dem Sämann in diesem Gleichnis geht. Er hat seinen kleinen Anteil, der liegt in seiner Initiative; doch seine eigentliche Tugend ist die Geduld. Denn die Bildrede vom Sämann betont, dass die Saat über Nacht gleichsam von selbst wächst. Sie arbeitet heraus, dass er am Wachsen selbst keinen Anteil hat.

Er könnte es durch einen Mangel an gelassenem Vertrauen sogar verderben. Lao-Tse ist Pate des japanischen Sprichworts „Sei flexibel wie der Bambus, nur den starren Baum zerbricht der Wind“.

Geduld den eigenen Ideen und Vorhaben gegenüber, ist Ausdruck des richtigen Glaubens. Sie wartet auf den richtigen Augenblick. Und sie weiß, dass dieser Augenblick oft einfach ein Geschenk ist.

Wer ein Ziel unbedingt und möglichst schnell erreichen will, der kann sein Vorhaben damit auch verderben. Abermals eine asiatische Weisheit erzählt vom jungen Reisbauern, der seine Saat ausgebracht hat. Ihren heimkommenden Sohn fragt die erfahrene Bäuerin: „Was hast du heute getan?“ Dieser antwortet: „Ich habe den Reis gesät“ „Gut“, lobt ihn die Mutter.

Am nächsten Tag antwortet er auf die Feierabendfrage: „Ich habe den Reis gewässert“. Wieder lobt ihn die erfahrene Frau.

Am dritten Tag sagt er stolz: „Ich habe dem Reis beim Wachsen geholfen!“ Entsetzt humpelt die Alte an die Tür. Und tatsächlich, alle Pflanzen sind von oben gezupft und damit ausgerissen worden, schwimmen verdorben auf dem Wasser der Terrassen.

Für die Geduld, geschehen zu lassen, für den Langmut, dem Wachstum Zeit zu geben, dafür möchte ich am heutigen Erntedanktag ausdrücklich Danke sagen.

Geduld ist nicht nur eine Tugend, sondern zunächst einmal ein Geschenk. 

Und sie ist die Schwester des Glaubens. Beide haben gemeinsam, dass sie auf etwas warten. Glaube hofft auf Vollendung und erwartet sie spätestens am Ende der Tage. Im Wort „Erwartung“ steckt „warten“.

Geduld erträgt die momentane Unfertigkeit und zieht ihre Kraft ebenfalls aus der Zukunft, aus der Vision einer besseren Möglichkeit.

Wenn unsere Familie in den 60ern von Koblenz, wo wir lebten, an die Nordsee aufbrachen, dann fragten wir Kinder spätestens auf der Rheinbrücke: „Wann sind wir denn da?“ Und die väterliche Antwort: „Noch ein gut Viertelstündchen“ ließ uns zufrieden einem Spiel zuwenden wie „Ich sehe was, das du nicht siehst“, eines erfinden oder bereits träumen von dem, was wir uns unter dem Meer vorstellten.

Ich singe heute das Loblied der Geduld, weil wir alle Säleute sind, die etwas ausgebracht, angeregt, begonnen haben, wir alle hoffen, haben Ziele und Sehnsüchte. Der kluge Sämann hat das Notwendige getan, seinen kleinen Anteil, die Aussaat, doch er weiß vor allem eins: alles andere wird ihm geschenkt. Amen

Goldhochzeit Pudritz

Ansprache über Röm 12, 12

für die Goldene Hochzeit am 18. September 2020

in Johannes zu Grünhaus/Mertesdorf

von Siegfried und Magret Pudritz

Für Ihre grüne Trauung am 18. September 1970 in Nordhorn hatte Ihnen Pastor Bormann eine Wegweisung des Apostels Paulus in seinem Brief an die römische Gemeinde mit auf den Eheweg gegeben:

Seid fröhlich in Hoffnung,

geduldig in Trübsal,

haltet an am Gebet

Sicher ein gutes Rezept für eine gelingende Ehe. So wie man für Buletten gutes Hackfleisch, Semmelbrösel und Zwiebeln verwenden sollte, so ist es für das Miteinander förderlich, positiv in seiner Grundstimmung zu sein, Geduld an den Tag zu legen und eben einmal am Tag Abstand zu sich selbst einzunehmen. Eben Hoffnung, Geduld und die Kunst des Abgebens in Gottes Hand zu üben.

Ihre Eltern, Herr Pudritz, pflegten die Tradition, den Tag mit einem Gebet, auch mit einem Lied in Gottes Hand zurück zu geben.

Sie sind heute ebenfalls hier, um Dank zu sagen, was in 50 Ehejahren jedem von Ihnen Gutes widerfahren ist, Dank zu sagen für das Gelingen der Ehe selbst, Dank für den Partner auszudrücken, der Ihnen zu einem wesentlichen Teil Ihres Lebens geworden ist, und diesen Dank Gott gegenüber auszusprechen.

Mit den Worten des Apostels Paulus ist es dabei nicht getan. So gediegen seine Rezeptur sein mag, bei Ihnen beiden ist es noch etwas mehr, das da zusammen gekommen ist. 

Es ist noch nicht einmal etwas, das Sie  t u n  könnten. Paulus gibt ja Hinweise, was man von seiner Haltung her tun kann – nein, Sie beide sind mit dem Glück beschenkt, dass es jenseits Ihres Willens und Ihres Planens, jenseits allen Tun-Wollens  Empfindungen gibt, die sie im Gleichklang schwingen lassen.

Das begann an dem Tag im Tanzcafé, in das Sie mit einer Gruppe von Freunden jeweils gegangen waren.

Als Siegfried vom Tisch seiner Freunde auf Sie zukam, da standen Sie automatisch auf, lange bevor er an Ihrem Tisch ankam, weil Sie einfach wussten, dass es dieser Mann ist, der Sie nun zum Tanz bittet.

Und das wurde es dann auch, ein Tanz, ein gegenseitiges Führen und Geführtwerden, das nun immerhin fünf Jahrzehnte anhält.

Nach dem Gewürz im Rezept gefragt, antworteten Sie, Herr Pudritz nach einem Moment des Nachdenkens, dass Sie beide nichts vom anderen fordern, sondern zuallererst sich selbst erst einmal einbringen. Eine gute Beigabe, die der Apostel vielleicht einfach in seiner Rezeptur übersehen hat.

So etwas ist eine Haltungsfrage, genau wie es Hoffnung und Geduld sind.

Der Segen dieses  m e h r  aber, von dem ich sprach, das ist Ihre gleichsam telepathische Sensibilität füreinander. Zu wissen, was dran ist. Zu spüren, was der andere möchte, wes er oder sie bedarf, die Intuition zu haben, was kommen wird.

Das ist um so bedeutsamer, als Sie Ihr Miteinander in klassischer Rollenverteilung gelebt haben; und Sie, Herr Pudritz, in der beruflich aktiven Zeit sehr viel unterwegs in fernen Ländern waren; Sie, Frau Pudritz, also allein zuständig waren für das, was Sie beide am meisten lieben, Ihre Familie.

Es mag sein, dass Loriot Recht hat und eine Ehe sich weniger abnutzt, wenn der eine Partner viel außer Haus ist,

ich denke aber, dass die Grundstimmung viel mehr wiegt und auch Zeiten aufwiegen kann, in denen die Beziehung unter Leistungsdruck steht. Und dieser Grundstimmung sollen Sie bei einem ersten gemeinsamen Spaziergang unbewusst dadurch Ausdruck verliehen haben, in dem Sie immerzu das Lied „Wir wollen niemals auseinandergehen“ gesummt haben.

Soweit das „seid fröhlich“ und das „seid geduldig“ Ihres Trauspruchs. 

Dann ist da schließlich noch das Gebet. Beten schenkt Abstand. Wir legen das Problem, die unbeantwortbare Frage, den Tag in Gottes Hand. Wir sehen sozusagen einen Moment lang mit Gottes Augen auf uns.

Beten in diesem Sinne bewirkt viel in uns. Nicht nur Theologen sagen das, auch Psychologen bestätigen das.

Aber auch hier gilt bei Ihnen beiden wieder, dass es mehr ist, was Sie zu bieten haben. Gebete können nicht nur gesprochen, nicht nur in der Stille gedacht sein.

Um das vorzubereiten, was ich sagen will, erzähle ich Ihnen in Analogie einen Witz: Zwei Mönche, ein Franziskaner und ein Jesuit, gehen im Klostergarten spazieren. Beide rauchen beim Wandeln. „Ist es eigentlich erlaubt, dass wir beim Beten rauchen?“ fragt einer den anderen selbstkritisch. „Ich weiß es nicht, fragen wir den Bischof“, ist dessen Antwort. Nach zwei Wochen treffen sie sich. Der Jesuit raucht im Klostergarten. Der Franziskaner sagt erstaunt: „Ich habe den Bischof gefragt, ob wir beim Beten rauchen dürfen, das hat er verneint“. Gewitzt antwortet der Jesuit und zieht an seiner Zigarette: „Du hättest ihn fragen müssen wie ich, nämlich ob man beim Rauchen auch beten dürfe!“

Ich will darauf hinaus, dass Gebete durchaus nicht nur gesprochene oder gedachte Worte sein können. Liebe Frau Pudritz, ich glaube, Sie haben es in Ihrem tiefsten Innern schon verstanden: Gebete können auch gesungen werden. Vielleicht sind sogar die gebeteten Lieder und die gesungenen Gebete die weiterführenden. Als Sie am Sterbebett Ihrer Schwiegermutter wachten und als Sie immer wieder „so nimm den meine Hände“ angestimmt haben, da haben Sie in die größten Tiefen dieser Frau gebetet und sie in Schwingungen gebracht und die alte Dame an die Oberfläche zurück geführt.

Und abermals haben wir es, es sind die Schwingungen der Zuneigung, Ihr Gespür füreinander, das Führen und Geführtwerden beim Tanz durchs Leben. Es ist der Gleichklang Ihrer Seelen, der Sie so gut miteinander hat leben lassen.

Dass Sie sich begegnet sind und Sie sich gefunden haben, das ist es, wofür wir heute danken.

Und Sie selbst wissen, dass der eigentliche Bibelvers, der über Ihrer Ehe stand und steht ein anderes Wort des Apostels Paulus ist, nämlich das aus dem an die Galater: „Einer trage des anderen Last“. (6, 2)

Amen.

Von Häusern und dem Hausen, der wahren Heimat

Predigt über Häuser bauen und bewohnen

über Dt. 6, 10 – 13

gehalten am  13.09                                     in: Ehrang

                       20.09                                     Gusterath

                       27.09                                     Schweich

Lieder:           577, 1.3.6.                             Lesung in Predigt Mt 6, 23 – 34

                       529, 1.10.12.                        Liturgie: eigene

                       395

                       311                                        bibl. Lesung: Gen 12, 1-5

                       586

10 Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringen wird, von dem er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, es dir zu geben – große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, 11 und Häuser voller Güter, die du nicht gefüllt hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht gegraben hast, und Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast –, und wenn du nun isst und satt wirst, 12 so hüte dich, dass du den HERRN vergisst, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat, 13 sondern du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen und bei seinem Namen anrufen.

Sie wissen alle, dass ich im Blick auf meinen nahen Ruhestand aus dem Pfarrhaus ausgezogen bin und dort einer jungen Pfarrerin Platz gemacht habe.

Ich selbst bin in ein kleines Haus in Kasel gezogen. Ich habe dieses weder geplant noch selbst gebaut, aber für gut für meine Frau und mich befunden und es gebraucht gekauft. Und während ich nun auf der erworbenen Terrasse sitze und in den altangelegten Garten schaue – was der größte Vorteil eines gebrauchten Hauses ist: der angewachsene Garten mit seinen bereits großen Bäumen – fällt mir dieser Text in die Hände. „Du wirst in Häusern wohnen, die du nicht gebaut hast.“

Gemeint bin ich nicht mehr oder weniger als wir alle. Wir sind alle mit diesem Text gemeint!

Dass Menschen in meinem Sinne in Häuser ziehen, die andere gebaut haben, spricht nicht von Architekten und Verkäufern, nicht von Käufern und Krediten. Es meint das Schicksal ganzer Völker, und nur in diesem Sinne das Ergehen des Einzelnen. Es spricht von Krieg und Frieden, schreibt von Vertreibung und der Suche nach Glück und Heimat. Es spricht von dem, was sich in der rabiaten Menschheitsgeschichte wieder und wieder ereignet. Dass 1945 deutsche Familien ihre Häuser zwischen Schlesien und Stettin unter der Drohgebärde eines vorgehaltenen Gewehrs verlassen mussten, dass die Habe auf Trecks verladen wurde und oftmals verloren ging, dass nur das Hemd blieb, dass 2017 Rohingyas aus ihren Städten in Nordmyanmar vertrieben und über die Grenze nach Bangladesch gedrängt werden, dass 2020 die Friedenhoffnung in Eritrea erloschen ist und Menschen in Nordostafrika die vertrocknete Krume auf ihren Weiden und immer noch die Syrer der desolate Zustand ihrer zerschossenen Heimat in die Arme von Schleusern und aufs gefährliche Meer treibt,

dass umgekehrt 1945 Polen aus ihren Häusern in die noch warmen Häuser der geflüchteten Deutschen eingewiesen wurden, dass bis heute Versteppung, Krieg und politische Verfolgung Menschenmassen dazu bringt, in Länder und letztlich Häuser zu ziehen, die nicht ihre Heimat waren, die sie nicht gebaut haben und in denen nun Neues entstehen soll.

Davon erzählt unser Bibeltext.

Die Bibel spricht solche Worte der Verheißung und guter Zusagen aufbrechenden Erzvätern und Mose zu. Sie droht aber auch mit ihrer Umkehrung, dann lauten die Worte: ihr sollt Häuser bauen – aber nicht darin wohnen; und ihr pflanzt Weinstöcke – werdet aber nicht in den Genuss der Ernten kommen.

Das Buch der Bücher weiß also um die Ambivalenz des Hauses und des Hausens, um die Hoffnung, Haus und Hausstand zu gründen, wirtschaftliche Grundlage legen zu dürfen – und weiß um die enttäuschte Hoffnung, weiß von Deportation, Exil, Flucht, Vertreibung und Verlust der Heimat wie kein anderes Werk, setzt über das unstete Leben schon mit Adam und Eva und deren Vertreibung aus dem Paradies gleichsam eine Überschrift, erzählt dann von Abraham, seinem Aufbruch, von Israel in Ägypten und seinem Auszug, schließlich von Jesus und seiner Flucht unter Herodes. Die Bibel, eine Dokumentation der Sehnsucht nach einem Hort und von Heimatlosigkeit als Humanum.

Andererseits meint es den Geschenkcharakter des Aufgenommen- des Untergekommenseins, den Geschenkcharakter des Lebens überhaupt.

Gott versorgt.

Was Jesus zu dieser Wahrheit zu sagen hat, steht in einem seiner schönsten Worte in Mt 6.

Im Blick auf Besitz und Sesshaftigkeit ist der Mensch ein angewiesener Empfänger. Er kann nur vordergründig Schmied seines eigenen Glückes sein. Die Absicherung des Besitzes trügt und bleibt brüchig und unstet, weil solche Beruhigung nur ein Blatt am Baum der Geschichte ist.

Darum ist die Dankbarkeit für Heimat und Sesshaftigkeit das, was unser Text anmahnt. Der ganze Bibeltext hat das eine Ziel, unsere Augen für diese Geschenke zu öffnen.

Friedrich der Weise, der Landes- und Schutzherr Martin Luthers ließ in Wittenberg einen Steinwurf weit von Luthers Stadthaus ein Schul- und Wohngebäude für Philipp Melanchthon errichten. Dort wohnen und lehren zu dürfen gewährte dem Professor und Altphilologen, dem Praeceptor Germaniae, zu Deutsch: dem Lehrer Deutschlands lebenslang eine enorme Sicherheit. Frei wie ein Mönch in seiner Klosterzelle war er damit aller weltlichen Sorgen um Bleibe ledig.

Genau solch eine Einstellung mögen auch wir zu unserem Versorgtsein entwickeln, wünscht sich unser Bibeltext. Zum Glück des Augenblicks ebenso wie zu Umständen, für die wir vielleicht selbst gesorgt haben mögen, die wir aber trotzdem nach dem Maßstab der Menschheitserfahrung als geschenktes Glück verstehen dürfen.

Eine solche Haltung schenkt Unabhängigkeit und versieht mit Dankbarkeit.

Gewinnen können wir sie nur durch Vertrauen.

Das Vertrauen Jesu nämlich, dass der Vater im Himmel weiß, wes wir bedürfen.

Uns schenkt das die Freiheit von Angst und Sorge und öffnet uns für das Tun  des Richtigen.

Amen.

Auf dem doppelten Fundament von Glauben und Ingenieurskunst

Traueransprache über Ps 62, 6-8

für

Horst Lethen

28.August 2020 St. Martin, Mertesdorf

Lebensreichtum, liebe Trauergemeinde, hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit dem Maß an Erfahrung, an Fülle, das wir in unseren Jahren sammeln dürfen.

Im Blick auf Horst dürfen wir uns ganz sicher sein, dass er sein Leben in diesem Sinne hat voll machen dürfen. Es steckt voller Eindrücke und Erfahrungen, teils von einer Tragik und einem Gewicht, dass nicht jeder von uns die Bürde seiner Erfahrung geschultert bekommen möchte.

Dabei ist er von seiner Persönlichkeit ein positiv denkender, ein konstruktiver, ein gläubiger und hilfreicher Mann geblieben. Den Zusammenklang dieser beiden Seiten möchte ich in meiner Würdigung verdeutlichen.

Horst setzte seinen Erfahrungsschatz selbst gern in Beziehung zu seinem Glauben, dem er die Überschrift gab „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Ein Wort, das wir eingangs gesungen hörten. Ganz nah ist es am 62. Psalm, der sein Konfirmationsspruch war. Dort heißt es: Ruhe du, meine Seele, in Gott – von ihm allein kommt Hilfe. Er ist mein Fels und mein Heil, er ist meine Burg, darum wanke ich nicht – … ER ist meine Zuflucht.

Ein starker Glaubenssatz, wie er ja auch von Martin Luther in das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ eingegossen wurde.

Von seinem Glauben ist Horst also ein Lutheraner, vom Ort der Geburt her ein Schängelscha. Am 23. April 1935 erblickte er in Koblenz das Licht der Welt. Sein Vater war Lagerist in einer Metallwarenfabrik und leider nicht ohne Makel. Die Mutter trennte sich von ihm als Horst etwa zwei war. Sie ging mit dem Jungen nach Wuppertal, wo sie bei der Großmutter unterkamen. Er erzählte, wie er die Aufbauleistung der Großeltern bewunderte. Diese haben die Einstellung des Jungen geprägt, denn als der Großvater nicht mehr die Kraft hatte, als Bergmann zu schuften, arbeitete er als Bierkutscher in einer Brauerei und sparte fleißig, so dass er eines Tages ein Hotel aufmachen konnte. Gleichzeitig erzählt Horst mit dieser Geschichte seine eigene, denn als der Krieg nach Deutschland zurückkehrte, von wo er ausgegangen war, da verbrannte all diese Mühe in einer Nacht. Der Neunjährige floh mit seiner wachsenden Familie nach Neuwied. Ein Bruder kam aus der zweiten Ehe der Mutter dazu. In Neuwied besuchte Horst die Grundschule und hier probierte er sich aus. Er erlebte den Einmarsch der Amerikaner. Die Brücke von Remagen lag in diesem Augenblick einen Steinwurf weit entfernt und hat ein filmisches Denkmal der Zeit gesetzt. Es waren hungrige Jahre, insbesondere die ersten beiden Nachkriegsjahre. Horst selbst war ein echter Lausbub, der sich ausprobierte und dafür manche Tracht Prügel erhielt.

Mit Neuwied verband er auch den Abbruch seiner Gymnasialzeit und den Beginn seiner Lehre. Zum ersten Mal blitzen die Klugheit und Leistungsbereitschaft aus seinen Plänen, die für ihn später so bezeichnend waren. Er sagte „Sollte es später mit dem Studium nicht klappen, dann ist eine Lehre ein gutes Fundament für eine weitere Ausbildung“. Und tatsächlich schloss er die Lehre als Maschinenschlosser als Jahrgangsbester ab und sein Weg führte an die Ingenieurschule auf der Karthause in Koblenz.

Seinen ersten Taler verdiente er in Eschweiler in einem Betrieb, der sich auf das Schweißen von Kesseln spezialisiert hatte. Dann folgte für zwei Jahre eine Arbeit in Moers. Fundament genug, um eine Ehe einzugehen. 1956 – 58 lebte er in Neuss. Doch dann verlor er unter tragischen Umständen auf seiner dritten beruflichen Lebensstation die Frau und war plötzlich allein verantwortlich für den siebenjährigen Sohn.

Mit dieser Aufgabe von Haushalt, Kind und voller Stelle in Trier konfrontiert kam ihm seine Organisationsgabe zu gute. Hilfreich war auch das Verständnis seines Vorgesetzen, der Horst viel Freiheit bei der Gestaltung seines Tages ließ. Ein Umstand, für den er sich Herrn Zimmermann, dem späteren Bürgermeister, bis in seine jüngsten Erzählungen dankbar zeigte.

Solches Entgegenkommen fiel bei einem Menschen wie Horst auf fruchtbaren Boden, denn eine seiner spürbaren Tugenden war die Großzügigkeit.

Bei all dem war der junge Ingenieur ungeheuer fleißig. Zwischen 1968 und 1971 wurde in Trier die Umstellung des Stadtgases von „Low“ auf „High“ vorbereitet. Eine Ferngasleitung wurde zugeführt. Dann kam der große Tag der Umstellung. Mit 1.000 Mitarbeitern wurde in 6 Stunden unter der generalstabsmäßigen Leitung von Horst Lethen die Versorgung der ganzen Stadt umgestellt. Ein Moment, an den er bis zum Ende voller Stolz dachte.

Für solche Arbeit bedarf es der Umsicht und der Vorsicht. Zwei Tugenden, über die Horst bereits seit Kindertagen verfügte. Er ging schon als Kind nicht aus dem Haus, ohne Heftpflaster und ein wenig Klopapier in die Hosentasche gesteckt zu haben. Es könnte sich ja einer der Kameraden verletzten. Vorauszudenken und vor allem hilfreich sein zu wollen, das waren weitere Wesenszüge von ihm.

Über Zeltingen und Kenn war er immer näher an Trier herangezogen, um 1991 schließlich das Haus in Mertesdorf zu bauen, in dem er die letzten dreißig Lebensjahre verbringen durfte.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit acht Jahren mit Ihnen, Marlies, verheiratet.

Beruflich zeigte sich, dass mit seiner Stringenz und seiner Wahrhaftigkeit nicht nur Harmonie erzeugt wurde, denn der Schatten seiner Tugend, nichts dem Zufall überlassen zu können, gern alles geplant zu haben und dann auch nicht mehr von diesen Plänen ablassen oder etwas verändern zu können fiel auf das kollegiale Klima. Ein Diplomat ist Horst nicht gewesen. So kam er oft verärgert nach Hause. 1991 ging er noch mit Elan nach Dresden, um dort die Umstellung auf Hochdruckgas vorzubereiten, doch dann erlitt er einen Schlaganfall.

Der sorgte für sein berufliches Ende.

Im Rückblick war er nicht nur stolz auf die großen unvergessenen Stunden, sondern er dachte auch mit Befriedigung, an das Fachbuch, zu dem er mit seinem Wissen beigetragen hatte, das vor allem durch seine nicht nachlassende Mühe herausgegeben werden konnte. Im 50. Jahr seines Abschlusses auf der Ingenieurschule ehrte man ihn mit dem Angebot einer Vorlesung.

So war er vom ausgebombten vaterlosen Kind Schritt für Schritt, mit konsequentem Fleiß zum anerkannten Ingenieur geworden. Mit der gleichen Energie ging er der Entwicklung seiner Lieben nach, sorgte sich um die berufliche Entwicklung seines Sohnes, telefonierte in jeder Fußballhalbzeit, um sich über die Wahrnehmungen auszutauschen, besuchte regelmäßig seine Kirche in Mertesdorf-Grünhaus, hatte dort seinen Stammplatz und teilte mir nach dem Gottesdienst mit, wie sich seine Gesundheit entwickelte, wie ihm der Schlaganfall zu schaffen machte, 2015 die Lungenembolie dazu kam, welche Probleme die Knie machten und dass er 2017 zwei mal mit dem Fahrrad verunglückte. Gleichzeitig bewies er Energie im regelmäßigen Schwimmen und machte in dieser Zeit das Goldene Sportabzeichen.

Beruflich wie privat war er voller Tatendrang und setzte in seinem Leben Stockwerk auf Stockwerk. Gern sagte er mit Hermann Hesse:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Bei ihm reimten sich tatsächlich die Kraft zu immer neuen Anfängen mit einer konsequenten Verfolgung der Pläne und Ideen.

Einerseits hatte er Angst vor Unglück, daher die Leidenschaft für Pläne, andererseits wusste er sich bei allen Schicksalsschlägen von Gott geführt und auch bewahrt. Regelmäßig suchte er das Gespräch mit seinem himmlischen Vater.

Nun schaut er Gott von Angesicht zu Angesicht und wird sprechen mit den Worten seines Psalmes:

Ja, ruhe du, meine Seele, in Gott. 

Amen

Lebensmarathon

Traueransprache über Mk 4

für Harald Reich

27. August 2020

Friedhof Issel

Als es an diesem Tage Abend geworden war, forderte er sie auf: „Fahren wir hinüber an das Jenseitsufer!“ Darauf entließen sie das Volk und ruderten ihn, wie er war, hinaus; und noch andere Boote waren mit von der Partie.  Da kam ein gewaltiger Sturm auf, und die Brecher schlugen in das Boot, so dass es zusehends voll Wasser lief.  – Doch er lag schlafend im Heck auf einem Kopfpolster. Da weckten sie ihn und sagten: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?!“ Da stand er auf, herrscht den Sturm an und sprach auch zum Meer: „Leg dich“, „Beruhige dich“ – da legte sich der Sturm und es trag völlige Windstille ein. Und er sagte zu ihnen: „Warum habt ihr immer noch keinen Mut, warum habt ihr keinen Glauben?“

Aufbruch vom arbeitsreichen Gestade des Tagwerkes, sich einstellende Müdigkeit und wohlverdienter Schlaf am Lebensende, davon spricht diese Stelle nicht. Sie spricht auch nicht in Metaphern von der großen Überfahrt, sie ist nicht neutestamentliche Übersetzung der griechischen Rede von Hades und Styx. Das Jesuswort vom Jenseitsufer meint schlicht das andere Ufer des Sees Genezareth.

Denn diese Geschichte erzählt vom Leben. Und davon, was Leben gelingen lässt und wie wir es uns schwer machen. Sie erzählt vom Leben, das mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Sie erzählt davon, dass dieses diesseitige Leben selbst so etwas wie eine Überfahrt ist.

Es gibt Tage, die laufen gut, ganz so wie ein Schiff auf ruhigem Wasser seinen Kurs zieht. Und es gibt eben die, an denen mit Gegenwind zu kämpfen ist und eben die See ins offene Boot schlägt, so dass wir schlicht Angst haben.

Die Perikope spannt den Bogen zwischen die beiden Pole Angst und Vertrauen.

Wo wir uns dabei selbst verorten, das ist eine Frage unserer Prägungen, unserer genetischen und pädagogischen Mitgift, unserer Erfahrungen und des Glaubens.

Ich halte es für wahrscheinlich, dass Harald, als ältestes von zwei Kindern am 18. September 1948 in Trier geboren durch seinen strengen und emotionslosen Vater nicht hat lernen dürfen, über seine Gefühle zu sprechen. Zu seinem introvertierten Wesen mag beigetragen haben, dass er als einziger Evangelischer seines Jahrgangs als Fremder in Tavern angesehen wurde, ebenso, dass er der einzige seiner Klasse war, der nach Trier aufs Gymnasium ging.

So nimmt es nicht Wunder, dass er sein Leben und seine Erfahrung in den nahen Wäldern spielte, dass er den Trapper und Waldläufer mimte und seine Freude in der Einsamkeit und Natur hatte.

Die Herzenswärme seiner Mutter aber ermutigte ihn, in vertrauten Kontexten über sein Innenleben zu sprechen, über seine Gefühle und ab und an auch über den Glauben.

Harald zog es aber meist vor, sich in anderen Sprachen auszudrücken, Englisch wurde zu seinem Beruf, und er lernte die Querflöte, denn Musik war ihm sowohl als Hörer als auch als Interpret ein probates Mittel, um seinem Gefühlsleben Ausdruck zu verleihen.

Nicht minder interessierte er sich für die Kultur anderer Länder und so führten ihn später als Ehemann und dann als Familienvater die Urlaubswege rund um die Welt.

Bei einer weiteren Prägung blitzt sein Elternhaus auf. Den Gerechtigkeitssinn seines Vaters hat auch Harald verinnerlicht. Er hatte seine Prinzipien und nach denen wurde geurteilt und entschieden.

Diese ihm eigene Disziplin drückte sich an anderer Stelle viel deutlicher und wahrnehmbarer aus. Beim zweiten Standbein in seinem Leben, dem Sport. Die verschiedensten Sportarten hatten es dem Sport- und Englischlehrer Harald Reich angetan. Am wichtigsten war ihm aber das Laufen, Langstrecke, Halbmarathon und Marathon. Meilen machen, Höhe gewinnen. Die Atmung in Einklang mit dem arbeitenden Körper zu bringen.

Später ersetzte das Rennrad die Laufschuhe. Und es waren die Steigungen, die Harald reizten. Mit der Höhe den Überblick zu gewinnen. Bei aller Anstrengung konnte er so zur Ruhe kommen.

Nicht das Hinabsausen war das Ziel des Aufstiegs, sondern im Sichverausgaben zu sich zu finden, an den Grenzen zu wachsen.

So liebte Harald es, sich selbst zu begegnen.

Es ist schwer für einen Menschen, der sich über eigene Fähigkeiten und Leistung bestimmte, die Grenzen der Leistungsfähigkeit anzunehmen. Darum bedeutete ihm auch die Variante der Erzählung von der Sturmstillung etwas, die Matthäus erzählt. Denn bei diesem anderen Evangelium tritt die Person des Petrus an die Stelle der vielen namlosen Jünger. Er wagt sich hinaus aus dem schwankenden Schiff und geht seinem Meister entgegen. Aber ungeschützt und ohnmächtig bekommt er es bei diesem Vorhaben mit der Angst zu tun.

Loslassen zu können. Im Vertrauen darauf, dass Jesus mir die Hand gibt und mich hält, das ist die Lektion dieser Stunde und die Botschaft der Erzählung. Gerade wenn sich angstmachende Abgründe unter der Oberfläche auftun, wenn Gegenwind uns hemmt und hochgehende See uns bedroht, dann zu vertrauen, dass wir nicht aus Gottes Hand fallen können, zu glauben, dass es unterhalb der Angst machenden Tiefen einen Grund gibt, der uns trägt, dieses Vertrauen schenkt der Glaube.

Ein Mensch ist mehr als ein verbrennbarer Körper. Harald wird nun wissen, wie der Grund unter den Abgründen trägt, wie liebevoll die Hand ihn hält, die Gott ihm reicht.

Im Vertrauen auf diesen Halt, diese Zusage und die aufnehmende Liebe Gottes in seinem Reich

wollen wir den irdischen Teil von Harald verabschieden und zurück in Gottes Hand legen.

Möge das gelingen. Amen