Warum segeln?

Segeln ist nicht unbedingt Sport, Segeln ist nicht unbedingt eine Art sich fortzubewegen, Segeln ist vor allem eine Lebenseinstellung.  Sich zwischen den beiden Elementen Wasser und Luft fortzubewegen, bedeutet sich im Medium dessen zu bewegen, was ich zum Leben unbedingt brauche. Luft zum Atmen und Wasser zum Trinken. Zum Phaszinosum Segeln gehört, dass ich mich auf dem Wasser durch die Kraft des Windes fortbewege. Die Gabe des menschliches Geistes spielt auch eine Rolle dabei: die menschliche Sehnsucht, die Boote über tausende von Jahren entwickelt hat und der Erfindungsgeist, der Konstruktionen wie heutige Fahrten- und Rennyachten ermöglicht.

Leben auf dem Wasser fordert und fördert gleichzeitig des Menschen Disziplin: sich mit dem Einfachen und dem Praktischen zu bescheiden. Komplizierte Technik ist nur auf den ersten Blick komfortabel. Fällt sie aus und muss auf See oder in der dritten Welt mit Bordmitteln repariert werden, so muss sich der Skipper häufig mit dem Wegfall des Systems abfinden. Der Gedanke, es einfacher hinzubekommen, wird lebendig.

Wie eine Wüstendurchquerung hat jede Ozenaüberquerung etwas Meditatives. Das Einerlei des Alltags auf See entschlackt die Seele. Doch der eigentliche Reiz des Segelns liegt im Ablegen und im Ankommen. Die Lust auf Neues treibt zum Aufbruch. Der Landfall erfüllt den Navigator mit Stolz. Aufbrechen und Ankommen, Anker lichten und Anker fallen lassen sind Synonyme für Zielsetzung und Zurruhekommen.

Im Kern

Die Faszination des Segelns wird an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land geboren
Die Faszination des Segelns wird an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land geboren

geht die Faszination des Segeln von diesem Grenzbereich zwischen Land und Wasser aus. Dafür steht das folgende Bild:

Ansprache über Joh. 6, 1 – 15
anlässlich einer Taufe

Gehalten am:         27. Juli 2009                   in: Grünhaus (17.00)

Danach ging Jesus zum jenseitigen Ufer des galiläischen Meeres von Tiberias fort. Ihm folgte eine große Menschenmenge, weil sie die Zeichen gesehen hatten, die er an den Kranken getan hatte. Jesus aber bestieg den Berg und setzte sich dort im Kreise seiner Jünger. Es war die Zeit kurz vor dem Passah, dem Fest der Juden. Als Jesus nun seine Augen aufhob und sah, wie die Leute in Scharen zu ihm kamen, sagte er zu Philippus: „Woher sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen bekommen?“ Das sagte er freilich nur, um ihn auf die Probe zu stellen. Er selbst wusste ja, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: „Selbst für zweihundert Denare Brot würden nicht ausreichen, dass jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück Brot bekäme.“ Einer von seinen Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zum ihm: „Hier ist ein Kind, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Doch was ist das für so viele!“ Jesus sagte: „Lasst die Leute sich lagern!“ Es gab reichlich Gras in der Gegend, und so lagerten sich die Leute, fünftausend an der Zahl. Da nahm Jesus die Brote, sprach den Lobpreis, und verteilte sie unter den Lagernden, ebenso auch von den Fischen, soviel sie wollten. Als sie satt geworden waren, sagte er zu seinen Jüngern: „Sammelt die übrig gebliebenen Brocken auf, damit nichts verdirbt!“ Da sammelten sie sie auf und füllten zwölf Körbe mit Brocken, die von den fünf Gerstenbroten beim Essen übrig geblieben waren. Wie die Leute das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: „Wahrhaftig, dieser Mann ist ein Prophet, der in die Welt kommen soll!“ Doch weil Jesus merkte, dass sie drauf und dran waren, ihn mit Gewalt zu entführen, um ihn zu ihrem König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück.

Das Leben ist Anspannung und Entspannung. Einatmen und Ausatmen. Große Dinge können wir nur leisten, wenn wir uns auch Entspannungsphasen gönnen, Zeiten, in denen wir uns sammeln und zu Kräften kommen. Der Rückzug Jesu auf einen Berg steht für Phasen in unserem Leben, in denen wir Überblick im wahrsten Wortsinn gewinnen, vielleicht Zeiten wie den Urlaub, in denen wir aus dem Alltag herauskommen.

Auch steht ein Wunder in Gegensatz zu der Publicity, die es auslöst. Der Ruf: „Macht Jesus zum König“ ist kein schlechter Gedanke. So jedenfalls hat es schon Platon in seinen Überlegungen zum idealen Staat gefordert. Die, die herrschen wollen, denken an sich selbst und sind darum nicht geeignet. Aber die Denker, die wissen, worauf es ankommt, die wollen nicht Könige werden. Also muss man die denkenden Philosophen zu Königen machen.

Was gegen diesen Ansatz des Platon spricht, wird in dieser Szene offenbar. Die Ethik des Reiches Gottes ereignet sich stets zwischen Mensch und Mensch, stets frisch und unverbraucht. Sie lässt sich nicht in das Gesetzeswerk eines noch so königlich regierten Staatswesens eindosen. Sie wäre dann dazu verurteilt, weil allgemein gültig, dem ein oder anderen gerade dadurch wieder nicht gerecht zu werden.

Wir lernen: Jesu Ethik ist Situationsethik, er will nicht „in die Welt“ und vor alle Welt. Er will ihr Kontrapunkt sein. Und zweitens: wahre Wunder und Publicity schließen sich aus. Will gar ein wahres Wunder sich zur Schau stellen, dann wird es zur schlichten Ware. Wahre Wunder ereignen sich zwischen Menschen. Gerät solch ein Geschehen vor die Augen neugieriger oder gar gieriger Menschenmassen, dann verkommt es bestenfalls zur Zeremonie (eine Anfrage an unsere Kirchen), meist jedoch zur mehr oder weniger ehrgeizigen Show.

Dem verweigert sich Jesus. Keinen Starkult bitte.
Ihm kommt es allein darauf an, in der jeweiligen Begegnung mit Menschen zu offenbaren, wie nah das Reich Gottes sein will. Und dass dieses Aufleuchten des Reiches das Gegenteil von dem ist, was wir Event nennen. Wieder sind wir Kirchen aufgefordert, über den Einsatz von Pomp und Kult neu nachzudenken.

Wenn also das Ereignis am See mehr Sein als Schein ist; was also genau geschieht an diesem Tag am Ufer gegenüber von Tiberias? Neugierige und sehnsüchtig auf Veränderung wartende Menschen sind weitab der Zivilisation gelandet, die allein sie alle ernähren könnte.

Die Erwähnung des nahen Passahfestes leitet das Verständnis des Lesers zum Thema Abendmahl. Johannes will uns verstehen lassen, dass es bei der bevorstehenden Selbstgabe Jesu in Jerusalem – „Ich bin das Brot, ich bin der Wein“ so wird er die Abendmahlsgaben deuten – dass er bei dieser anstehenden Selbsthingabe durchaus auf den ganzen Menschen als Empfänger abzielt. Es geht nicht um Glauben allein oder etwa nur ein frommes Gefühl. Es geht ihm darum, dass alle Menschen satt an Seele und Leib werden!

So konkret will das Reich Gottes sein: alle Menschen sollen satt und zufrieden sein. Auf dieser Erde ist genug für alle da. Wie kann eine gerechtere Verteilung der Güter gelingen?

Genau davon erzählt die Perikope. Die Erwähnung eines unschuldigen Kindes als Bringer von Brot und Fisch gibt uns den Fingerzeig, dass es uns nur in kindlicher Unschuld gelingen kann, das Richtige zu tun.

Ich stelle mir die Sache so vor. Jesus gibt offenherzig. Die Leute merken: er hält nichts zurück. Denn unter den vielen Neugierigen sitzen auch etliche Skeptiker und solche, die auf Sensationen hoffen. Doch Jesus und seine Jünger beginnen einfach nur das, was sie haben, zu verteilen. Sie denken an die anderen zuerst. Die Jesusleute geben und legen nicht zuerst etwas für sich zurück.

Das ist das eigentliche Wunder! Denn für gewöhnlich sind wir so, wie die mitten in der Menschenmenge. Erst mal abwarten, mal hinschauen, was die anderen machen. Und wie die sich für gewöhnlich verhalten, das wissen wir aus den Erzählungen vom reichen Kornbauern und vom reichen Jüngling. Sie versagen, als es darum geht, sich nicht abzusichern, sich ganz in Gottes Hand zu wissen. Sie wollen und können nicht auf Sicherheit und Rücklagen verzichten. Sie haben mit dem Anreichern und Anhäufen begonnen und stützen sich darauf – weil? Ja, weil sie Angst haben, weil es ihnen an Vertrauen fehlt.

Hier aber geben Jesus und seine Jünger im vollen Vertrauen, dass auf Erden niemand zu kurz kommt. Und die Menschen merken das. Da gehen auf einmal die Ranzen auf, die Hirtentaschen und auch aus den Umschlägen der Gewänder kommen die Tomaten, die Brote, die Vesperschnitten, die man sich sicherheitshalber eingesteckt hatte, und das Obst. Auf einmal füllt sich das ausgebreitete Tuch zwischen den sich Lagernden und tatsächlich: alle werden satt!

Dieser Aspekt vom Reich Gottes wird immer dann wahr, immer dann Wirklichkeit, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Dann hören die Einflüsterungen des Herrn der materiellen Welt auf: Halte was du hast, und: Genug ist nicht genug.

Das Wunder der Speisung der Fünftausend ist also das, dass Menschen einander aufschließen mit ihrem eigenen Vertrauen. So ziehen wieder Freizügigkeit und Gastfreundschaft in unserer Welt ein. So rückt unsere Welt an die ran, wie sie um Gottes Willen sein soll.

Die zwölf Gefäße, die sich aus den Resten dessen füllen, was ein unschuldiges Kind einfach so gebracht hat, diese zwölf sind natürlich die Jünger, die nach diesem Wunder der Zwischenmenschlichkeit voll von diesem Vertrauen sind, dass wir letztlich alle satt werden. Gott will es. So, liebe Gemeinde, dürfen auch wir sein. Amen.