Neue Kraft – Taufansprache für Richard von Schubert

Die aber auf den Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40, 31)

 

Lieber Richard!

 

Dein Name ist Programm. Noch bist du zart und in deiner Zukunft liegt noch, ein schneller Läufer und durchhaltender Kämpfer zu sein, wie sie der Prophet in den Versen aufzählt, bevor seine Vision in die göttlichen Bekräftigungen mündet, die auch dir mit deinem Taufspruch zugesprochen werden.

 

Doch langsam. Dein Name sei Programm, sagte ich. Rich- als Wortteil bedeutet „viel an“, „viel von“, „reich“. Wir erkennen diese Silbe im englischen „rich“ ebenso wie im deutschen „reich“. –Hard steht für widerstandsfähig ebenso wie für kräftig.

„Groß an Kraft“ ist also das Motto, das dir mit deinem Namen mit auf den Lebensweg gegeben wird.

Das kann Zuspruch aber auch Anspruch von außen sein. Manchmal wollen wir im Leben einfach nur wir selbst sein, und Ansprüche von außen sind uns eine Last. Sie können sogar als Zumutung empfunden werden.

Das heißt zwar wörtlich genommen, dass diese anderen Mut zu uns haben, uns etwas zutrauen – wir selbst aber manchmal nicht, das Abgeforderte übersteigt unsere Kräfte.

 

In solchen Momenten ist es sinnvoll, deinen Taufspruch aufzuschlagen und zu meditieren:

Die nötige Kraft soll derjenige, dem er zugesprochen wird, nicht aus sich selbst aufbringen. Das braucht er nicht! Vom Ende aller eigenen Energie selbst der Kräftigsten ist in den vorhergehenden Versen die Rede.

 

Der Prophet Jesaja hält mit seiner ganzen Ansprache eine hochpolitische Rede. Seine Zuhörer haben ihr Freiheit, ihre Autonomie, ihren Stand verloren. Sie sind Fremde im Land, deportierte Israeliten in babylonischer Gefangenschaft. „By the rivers of Babylon, where we set down …“, da saßen sie und hatten keine Hoffnung, ihre Heimat, ihre Identität und Selbständigkeit, ihr eigenes Land und ihre Freiheit wieder zu bekommen.

Das Wort der Ermutigung wird von Jesaja – selbst einem Mitgefangenen – den Entmutigten zugesprochen. Das unerwartet Gute wird eintreten, verspricht er in Gottes Namen.

 

Wir wissen nicht, wie dein Leben sich entwickeln wird. Aus der Erfahrung wissen wir aber, dass es immer ein Auf und Ab gibt. Auf frohe Stunden können auch nachdenkliche folgen.

Wenn du einmal andere enttäuscht haben solltest oder gar von dir selbst enttäuscht bist, weil du deinen Ansprüchen nicht genügt hast, nicht schnell genug gelaufen, nicht hoch genug gesprungen, nicht fleißig genug Vokabeln oder Formeln gepaukt hast, wenn es gesundheitlich nicht so läuft, wie du es dir erträumst oder in der Tanzstunde – dann schlag deinen Taufspruch auf, dieses Prophetenwort. Es spricht nämlich von einem Geschenk. Jesaja erzählt von der Unplanbarkeit, Unvorhersehbarkeit und auch Unverfügbarkeit Gottes. Von ihm fließt völlig unverhofft Kraft dem zu, der auf Gott setzt.

Das wirkt dann immer so wie ein Wunder.

So wurde das Volk Israel tatsächlich wieder frei und zurück in seine Heimat und Häuser entlassen. Historisch eindeutig verbürgt! – anders als die erste Rettung, der Auszug der Kinder Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten …

 

Kraft, die zum Ziel führt. Viel Kraft. Wie dein Name selbst sagt.

Hier reimen sich Name und Taufspruch!

„Die auf den Herrn vertrauen …“ – das sind die, die glauben. Der Glaubende sucht Gewissheit außerhalb seiner selbst.

Wer also im Dialog mit anderen steht, wer sein Leben in Bezug zu anderen versteht, wer auch an seinen Nächsten denkt – der lebt im Sinne solchen Glaubens.

Wer wir sind, das erfahren wir oft durch andere:

  • Vater und Mutter, die uns zeigen, wie sehr wir geliebt werden;
  • Tanten und Onkel, die uns erfahren lassen, dass wir Glieder einer großen Familie sind;
  • Lehrer und Freunde, die aus uns hervorlocken, was alles in uns steckt.

Aus solchem Netzwerk fließt uns Kraft zu.

Gott wirkt durch diese Verbundenheit auf uns ein. Weil er die Verbundenheit (dreifach) in Person ist.

 

Und so mögest du erfahren, dass du nicht alles selbst stemmen musst, sondern dir Kraft zuströmt. Gerade, wenn menschliche Fähigkeiten am Ende sind, ist dir verheißen zu sein, was dein Name sagt: reich an Kraft!

 

Amen

Iris – mit Leib und Seele

Ansprache für Iris Zahn-Sobbe

* 04. Juni 1961

+ 04. August 2016

 

über

Mk 8, 35 + 36

 

  1. August 2016, Konstantin-Basilika zu Trier

 

Vor der Tür der Familie Sobbe brennt still eine Kerze. Als ich zum Kondolieren komme, werde ich mit den Worten begrüßt: „Wie gut, dass Du nicht in schwarz gekommen bist“. Iris, die Nonkonformistin, sie konnte die Oberflächlichen so gut aufs Korn nehmen. Correctness als bloße Form war ihr zuwider – eine schwarze Krawatte hätte sie in dieser Situation bespöttelt.

 

In der Würdigung Ihrer Person haben wir Inneres und Äußeres miteinander im Gespräch darzustellen, so wie sie es selbst in einmaliger Weise lebte. Denn die psychosomatische Einheit von innen und außen, von Leib und Seele verträgt kein Auseinanderdividieren dieses siamesischen Zwillingspaares. Form und Inhalt, äußerer Eindruck und innere Einstellung mussten sich für Iris reimen. Daraus sprach nicht die Ästhetin, sondern beides zusammen zu denken war für sie Ausdruck umfassender Lebendigkeit. Denn gerade ihre Stimmung war die Voraussetzung dafür, ob ein Ort, eine Szene, ein Stellplatz für den Wohnwagen auf einem niederländischen Campingplatz, eine Fläche an der Wand für ein Bild geeignet oder unannehmbar erschienen. „Hier bleib ich nicht“, konnte sie sich nach vierstündiger Fahrt empören, wenn sich am Ankunftsort nicht Befinden und Vorfinden deckten.

Und auch umgekehrt konnte das Vorfindliche ihr Befinden beeinflussen.

Sprechen wir von Iris, dann kommen wir am inneren Dialog dieser beiden Seiten nicht vorbei.

 

Und genau solch ein Paar von Persönlichkeit hier und nach außen gelebter Haltung dort meint Jesus, als er dem Volk predigt: „Wer nämlich sein Leben retten will, wird es verlieren; wer es aber einsetzt um meinet- und der Heilsbotschaft willen, der wird es gewinnen. – Denn was hülfe es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und er büßte darüber seine Seele ein!“

 

Was belebt die Seele, was beseelt das Leben?, danach fragt dieser Text in gleicher Weise, wie Iris danach forschte, was ihrem Leben die nötige Dichte und Wärme zu geben vermochte.

 

Einerseits kennen viele Iris als sprühende Gesellschafterin, als Lebensfreude in Person. Mit Emphase konnte sie sich ins Gespräch einbringen. Genoss die großen Feste, die Essen an gedeckter Tafel unter Wendt Kuschmanns Regie. Sie bereitete solche Feste im eigenen Haus vor, das Schlafzimmer wurde ausgeräumt um Tanzraum zu gewinnen. Wir kennen diese Frau als jemanden, der seine Lebensmelodie kräftig heraussingen konnte. Nicht nur im übertragenen Sinne an der Partytheke, nicht nur als Mensch, der sein Herz in markantem Alt auf den Lippen trug – auch als Chorsängerin, im Studentenchor in Aachen, 1987 – 91 im Chor in Bremen und hier in Trier im Unichor unter Martin Folz und später im Speechor.

 

Andererseits kennen Begleiter ihres Lebens die stillen und manchmal auch dunklen Phasen. In für sie typischer Weise ging sie mit der späteren Diagnose genauso offensiv um wie mit dem damaligen Einfrieren ihres Gemüts.

 

Depression als Indikator unerfüllten Lebens will Moratorium sein. Die Seele tritt dem Leistungsleben auf die Bremse, um wie in der winterlichen Vegetationsphase Besinnung und neue Schwerpunktsetzung anzukeimen.

– Keine leichte Aufgabe für das Unterbewusstsein bei einem Menschen wie Iris, die gern gesteuert und kontrolliert hat, die nichts dem Zufall überließ; die unbekannte Worte sofort im Lexikon nachblätterte, die sich Schulthemata der Kinder aneignete, um mitreden, um beraten zu können. Eine Kontrolle, die ihr bekanntlich und symptomatisch beim Durchfahren von Tunneln abhanden kam. Urlaubsfahrten wurden so geplant, dass angstauslösende Passagen umfahren werden konnten. Keine leichte Aufgabe bei einem Kopf, der nicht aufhörte zu denken, der die Dinge wendete und auch von der anderen Seite betrachten wollte. Berufliche Entscheidungen konnte dieser Persönlichkeitszug verkomplizieren, denn sie bedachte Folgen, ja Gegenargumente, ohne dass der andere diese schon eingebracht hätte. Sie antizipierte Gesprächsverläufe. Und stets verblüffte es ihr Gegenüber, wenn sie bereits konterte, ohne dass der andere überhaupt widersprochen hatte.

Iris, ein interessierter Geist, rege, ein rastloser Denker, neugierig und oft im wahrsten Sinne vor-läufig. Mit diesem Perpetuum mobile im Kopf konnte sie sich auch im Wege stehen – sie, die Zukunftsskeptikerin.

 

Darum (!) ist ihre große Leistung nicht hoch genug einzuschätzen, dass sie nicht blind weitergab, was sie erlebte. Dass sie Aufmerksamkeit schenkte, wo ihr doch Anerkennung gefehlt hatte, dass sie Anwesenheit anbot, wo sie unter Abwesenheit gelitten hatte. Dass sie eben nicht durchreichte, was ihr widerfuhr, sondern es bearbeitete, bis es zum guten Gegenteil geraten war.

Denn die damals 11-Jährige hat unter dem Unfalltod ihrer Mutter gelitten, sie hat den Vater verurteilt, der in einer neuen Familie lebte, sie hatte Sehnsucht nach Nestwärme und intakter Familie, die auch die warmherzige Großmutter in Friesenrath nicht zu stillen vermochte und auch die liebevolle Zuwendung ihrer Tante Gerlinde und ihres Partners Pümpel kompensierte nicht die fehlende Anerkennung durch die abwesenden Eltern.

Anderen Kindern wurden die Ranzen durch Vater oder Mutter kontrolliert oder gar gepackt für den Stundenplan des nächsten Tages. Nicht so bei Iris. Fehlten ihr dann Bücher oder notwendiges Material fremdschämte sie sich ob einer Vernachlässigung, die sie am mindesten zu verantworten hatte.

 

Das alles widerfuhr ihren Kindern nicht!

Sie schaute nicht nur nach dem Ranzeninhalt, sie lebte mit den Entwicklungsphasen ihrer Töchter Lea und Nora. Darum (!) beschäftigte sie sich mit den Schulthemen, darum belas sie sich zu den Hausaufgaben, darum förderte sie die Talente, darum ermöglichte und forcierte sie deren musikalische Ausbildung. Hinter allen Inhalten stand ein Herz. Sie gab Nähe und bekannte ihre Freude zur engen familiären Verbundenheit. Dafür gab es ein Symbol: das Gehäuse des Autos. Wenn die Familie vereint im Wagen saß, der Wohnanhänger angekuppelt gen Küste hinterher lief, dann gehörte diese enge Gemeinschaft zu den erfüllendsten Situationen: „endlich sind wir alle zusammen, haben Zeit füreinander!“, freute sie sich.

Außerhalb der Ferien, im Alltag, ersetzte der Küchentisch die Intimität der Urlaubsviersamkeit Wagen. Am Küchentisch teilte sie alles mit den Ihren. Ihre Fort- und Rückschritte, die Befindlichkeiten und eben die Angelegenheiten von Nora, Lea und Heiner.

Diese beiden Orte, das Auto und der Küchentisch sind Symbole für ihre Offenheit. Bildort für die Liebe, die sie zu geben vermochte obwohl ihr selbst davon – wenn auch schicksalhaft – vorenthalten worden war.

 

Wie sie einfühlsam mit ihren Lieben teilte, so solidarisierte sie sich aus demselben Grund auch mit den einfachen Menschen, den Angestellten, dem Hausmeister, der Bedienung. Mit ihnen hat sie sich gut gestellt, um sie besser zu stellen. Denn darum ging es ihr, anderen die großen und kleinen Möglichkeiten zu geben, die ihr verwehrt waren.

 

Dabei ging es hauptsächlich um Anerkennung. Eine gefühlte Mitgift. Denn tatsächlich war Iris durchaus privilegiert. Der Vater zahlte das Studium. Aber der Frauenarzt hielt nicht viel von ihrer Wahl, der Kunstgeschichte. „Wenn du in dieser Fakultät mit dreißig noch keinen Doktor hast, dann musst du ihn machen“, lästerte er. Lieber hätte er seine Tochter unter den Juristen gesehen.

Dass Iris zu vielem fähig war, zeigte sich an der Ausbildung in Freiburg zur Arzthelferin. Ein Schritt, den sie tat, um den Lehramtsanwärter Heiner zu unterstützen. In Bremen arbeitete sie dann aus demselben Grund in mehreren Praxen um sich dann an der Fachhochschule zur Verwaltungsfachfrau auszubilden. Ein Schritt, der sie in der Trierer Lebensphase erfolgreich in die ADD führte.

 

Sie tat das auch für sich, vor allem aber verstand sie es als Beitrag für die Familie. Hier haben wir ihn wieder, diesen Altruismus, der sie auszeichnete, weil er frühe Erfahrung kompensierte, und dessen tiefe Wahrheit aus dem Jesuswort spricht „wer sein Leben aber um meinet- und der Heilsbotschaft willen einsetzt, der wird es gewinnen!“

Sich einzusetzen und Liebe zu geben, lässt sich nicht befehlen. Bedeutende Bibelworte wie dieses können ins Leben rufen, oder aber gängeln und in Unmündigkeit halten. Oft missbraucht von kirchlichen Amtsträgern, um in Abhängigkeit und Nachläufertum zu halten. Geradezu pervers ist die Forderung blinden Gehorsams und Leidens aus dem Grund, weil Gott das so wolle. Das Wort, das über Iris Würdigung seht, will nicht wörtlich, will im übertragenen Sinne verstanden werden. Ein Plädoyer für die wahre Humanität, die der Mann aus Nazareth mit seinem Weg vorgelebt hat. Er sagt uns so:

Wer sich selbst gefunden, gelernt hat, sein Leben zu leben, der kann von sich absehen und sich für die Belange anderer einsetzen, der vergibt sich nichts, wenn er sich gibt. Und er verschenkt nichts, wenn er sich verschenkt.

 

Darum setzt die Krankheit von Iris auch ein großes Fragezeichen. Warum tauchte sie 2012 auf, als sich vieles auf so gutem Wege befand? Als Iris glücklich über erreichte Ziele war? Hier sind Leib und Seele im ungeklärten Disput geblieben.

Für Euch, die Kinder, den Mann und die Geschwister, Herausforderung und Chance zugleich, von erhaltener Aufmerksamkeit zurück zu geben. Danke zu sagen.

Abermals schwer anzunehmen für eine Persönlichkeit wie Iris. Wie oft entschuldigte sie sich, gerufen und um Hilfe gebeten zu haben.

 

Das Leiden konnte auch zwischen die Familie treten, das vertraute Miteinander in einseitiges Geben lenken und mindern. Und immer jagten Hoffen und Verzagen einander.

Kontrolle behalten oder loslassen Können.

 

Es ist ein großes Wort von Euch Kindern, dass Ihr nach Iris letztem Atemzug sagen konntet: „Nun haben wir sie wieder, nun kann wieder ihre Persönlichkeit im Mittelpunkt stehen und nicht mehr die Krankheit. Gerade weil Iris sich von ihrem Körper befreit hat, können wir sie im Herzen wieder überall hin mitnehmen.“

 

Wie gut, dass ich nicht in schwarz gekommen war. Ja, sie hätte nicht nur gespottet; Iris konnte sarkastisch sein! In ihren vitalsten Momenten war dieser Sarkasmus besonders bissig. Was ihr Innen und Außen aber auszeichnete, war, dass sie eben nicht nur andere da draußen aufs Korn nahm, sondern auch über sich selbst in derselben Weise lachen konnte. Zuallerletzt gilt also der heilsame Abstand von sich selbst, vielleicht so, wie Jörg Zink über eine Beobachtung am Meer, das auch Iris so liebte, schreibt: „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.“

Amen

Ansichten eines Bankers

Hanebecks Hof, Juni 2016

 

 

 

Wenige Kilometer hinter Badenweiler und noch einen Steinwurf dann hinter Sehringen geht rechts ein geteertes Sträßchen ab. Leicht zu übersehen, doch ein in Schwarzwaldmanier geschnitztes Schild verweist auf das Ziel hinter den Bäumen: Hanebecks Hof. Der duckt sich am Ende des Sträßchens hinter den Streuobstwiesen ins hohe Gras. Die Viezäpfelbäume geben ihm erfolgreich Deckung vor den flüchtig neugierigen Blicken von Reisenden auf der Landstraße. Am Ende des Waldweges also ein gutsherrliches Tor und dann die Streuobstwiesen und Weiden. Nein, da ist ja noch etwas: eine Bank. Oberhalb des Weihers krallt sie sich in die Grasnarbe und bewacht das Gewässer, das in der oberen Spitze des riesigen Areals bereits das Wasser sammelt, das vom Blauen durch die Waldhänge hinabgeplätschert kommt. Vom Bänkchen aus kann man die beiden Staubecken und darunter die Weiden, die Kühe und dann die Kirschbaumplantagen auf ihrem Weg ins Tal überblicken. Grell beschienen leuchtet dort unten der Kirchturm von Feldberg, dann werfen sich noch einmal bewaldete Hügel auf, bevor es endgültig ins Rheintal hinab geht. Wingerte säumen den Blick, dunkel mäandert das Band des Rheins – und dahinter Frankreich, die Vogesen als blauer Hügelsaum auf den Horizont genäht. Darüber Äther. Schickt der Atlantik Wolken, sprechen sie Französisch, zumindest kommen sie von der Bretagne gezogen und über Paris, bevor der Wind sie die Hänge des Schwarzwaldes empor schiebt.

 

Das kann der Gutsherr besonders eindrücklich von einer anderen Bank aus beobachten. Sie steht oben im Steilhang östlich vom Hof, dort, wo der Wald vom Sonnenaufgang her kommend endet und steil die Weide zum Gebäudeensemble des Gehöfts abfällt. Dort oben sitzt der Mensch gleichsam zwischen Himmel und Erde, den Wald im Rücken, die Kulturlandschaft zu seinen Händen. Die rückwärtigen Tannen halten den Himmel auf Abstand. Der Verweilende sieht die Schicht, auf der die Wolken schwimmen. Er sitzt gleichsam – er und seine Vorfahren – seit Jahrhunderten dort und sieht den Globus, sieht, dass er von einer Lufthülle umschlossen ist, die eindeutig eine Kugel ist. Er und seine Vorfahren saßen dort und sahen das Schauspiel. Vielleicht schon vor Kopernikus Zeiten als die Weltsicht vom Biblizismus einer katholischen Kirche dekretiert und der Blick auf die physikalische Wahrheit verstellt wurde. Denn der Himmel ist eine Linse, ein wenig eingedrückt vom lieben Gott, der sich wohl droben auf dem ätherischen Sitzball niedergelassen hat. Eine Kugel also eigentlich, und die Erde darunter auch. Die Westwinde wehen vom Ozean herauf und hinter den Bergen wieder herab gen Osten, nach Prag, nach Moskau… Sie hinterlassen verwehende Cirren. Und so räkelt sich eine blaue Qualle und pulst langsam über die himmlische Leinwand.

 

Hier auf dieser Bank weht ein anderer Wind. Vom Tal weht er herauf und riecht nach der Kirschblüte. Und da, eine weitere Bank versteckt sich am tiefsten Ende des Wohngrundstücks. Sie ist gleichsam den Wurzeln eines Ficus entwachsen. Sein Schnitt macht ihm zum tiefen Schirm, zum Dach für den, der auf der Bank sitzt. Der Stamm schlank, schlängelt sich an sich selbst und seinen Nebenstämmchen hoch, die Krone geschnitten wie in buddhistischer Tempelschirm. Die gelackten Ficusblätter tändeln wie deren goldene Insignien. Dem in seinem Schatten Verweilenden bietet sich ein neuer Blick. Der über einen Bilderrahmen abgebenden Weidezaun hinunter ins Gelände, wo die Kühe grasen, auf den Bach, der vom Weiher heruntergeronnen kommt. Das Gewässer trennt die Hänge an ihrer tiefsten Stelle. Drüben enden die Weiden am Waldrand. Zur Dämmerung tritt Rehwild aus der Dickung. Ein Kitz spielt neben der Ricke. Beide so weit entfernt, dass sie auf den Hund neben dem Sitzenden nicht reagieren. Die Weinberge strahlen noch einmal im Gold der Abendsonne auf. Eine Sichel Goldes legt auf jedem Hügel ab. Toskanisches Gebaren allabendlich in einer Landschaft, die ansonsten eindeutig badisch ist. „Krone“, „Ochs“ und „Rebstock“ heißen die Gaststätten, in denen sich hervorragend speisen lässt vor der Bauerngärten wilder Farbpracht, auf der Tafel dagegen gebügeltes Linnen, im Glas ein Weißer von eben jenen Hängen, die die Abendsonne anlacht. Bauernrosen, Fingerhut und Königskerzen wetteifern in allen Farben. Phlox lehnt sich entspannt auf die Zaunbretter.

 

Eine abermals andere Bank sitzt auf dem letzten Sporn des Geländes, bevor es stetig gen Feldberg abfällt. Hier beschließt der Gutsherr seinen Tag, bis er dann zwischen den Obstbäumen hindurch zu seinem Schwarzwaldhaus zurück schlendert; oder aber er hat das Abendrot von ganz oben genossen, von dort, wo er über die roten Pfannen seines Anwesens bis nach Frankreich schaut; oder – wie meist – von der Bank aus, die ihn unter dem Dach eines Baumes geborgen, das äsende Rehwild beobachten lässt. Jede stille Viertelstunde solchen Verweilens eine Andacht.

 

Ob von hier oder dort, dieser oder jener Bank. Das Schauen und Verweilen macht einen Teil des Lebens hier aus – nein, macht das Leben in Hanebecks Hof aus, denn das versinnbildlicht das Ensemble der Bänke im Gelände: das Leben ist wesentlich Ansichtssache.

Seinem Leben eine Mitte geben

Konzentration

 

Gestern war ich im Konzert. Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis spielten für einen gemeinnützigen Zweck. Im bereits halbdunklen Saal hatten fast alle Menschen schon ihre Plätze eingenommen, da erhoben sie sich gleichzeitig unerwartet und rauschend, formierten sich neu, weg von der Bühne, wo die Künstler eilig Ons Heemecht improvisierten (die Luxemburger Nationalhymne), hin zu seiner Königlichen Hoheit Henri, der mit Ministergefolge den großen Saal der Philharmonie betrat. Aus einem im Muster von Blockschokolade gerasterten Publikum wurde ein konzentrisches Rad. Aus einem Volk Gleicher eines von Untertanen mit dem Großherzog in der Mitte der Radnabe.

Schon früher hatte ich es erlebt, wie ein ganzer quirliger Hauptbahnhof – der von Hamburg mit seinen 13 Gleisen – für Momente in seinem ameisenhaufenartigen Durcheinander innehielt und sich neu formierte, dirigiert wie von magischer Hand. Eine Mutter hatte ihre Brust entblößt und legte ein Neugeborenes an. Für Sekunden wurde diese Szene zum Mittelpunkt von tausend Lebens-Reisenden, von tausenden Augen und Herzen, die ihr Reiseziel für Momente vergaßen und der eigenen Herkunft gedachten, süße Erinnerung frühkindlicher Erfüllung, Inbegriff von Glück. Die Mutter und ihr Kind im Mittelpunkt von Anteilnahme und Besinnung.

Sich neu ausrichten, erfüllende Ziele in den Blick zu nehmen, das kann dem eigenen Leben unerwartet Struktur geben. Müde gewordene Alltäglichkeiten, ausgelaufene Wege bekommen den Stellenwert, den sie verdienen, auch im Kalender werden sie kleiner geschrieben. Im Mittelpunkt stehen Anstrengungen, die wichtig für mich sind. Die Bilder aus der Philharmonie und vom Bahnhof können auch Vorbilder für die eigene Ausrichtung sein. Mönche vieler Religionen praktizieren das in ihrer Kontemplation ebenso wie es einer hierzulande mit Gebet und Andacht versucht: durch Konzentration seinem Leben eine neue Ausrichtung und Mitte zu geben.

Lob des Schattens

ANDACHT ZUM THEMA: Schatten

(regionaler Pfarrkonvent, 09. Juli 2015, Gusterath)

 

Lieder: 296, 5; 326, 1.2.

 

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt

und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg,

mein Gott, auf den ich hoffe. (Ps 91, eg 739)

 

Schirm und Schatten sind zwei Reizworte, die uns im hitzegebeutelten Zentraleuropa unmittelbar anspringen.

Gehen wir z.Zt. durch unsere Straßen, sehen wir tagsüber alle Rollläden heruntergelassen. Verlassene Öffentlich, Emigration nach innen. Wir versuchen, die Hitze außen vor den verriegelten Fenstern zu halten. Ab Sonnenaufgang herrschen bei uns italienische Verhältnisse. Schattenplätze in Stadtcafés und unter Schwimmbadbäumen sind die begehrtesten Orte.

 

Apropos Italien. Ich verstehe das kopfschüttelnde Schmunzeln der Römer und Florentiner tief aus dem Schatten der Kaffeehöhle von Mama Leone heraus, wenn sie den kulturbeflissenen deutschen Studienrat in Hawaiihemd, Socken und Sandalen auf der Sonnenseite der Straße in den Mittagsstunden unter Kappe oder Strohhut vorbeiziehen sehen.

 

Wir haben in den letzten zwei Wochen die angenehme Seite des Schattens selbst erlebt, die Seite, die die Hebräer wie alle Nomaden der Steppenregionen als vitalen Vorteil gelobt haben. Schirm ist nicht nur Schirmherrschaft, also von der betreuenden Macht Abglanz; Schatten eines Mächtigen nicht nur etwas, aus dessen Glanz ich heraustreten will, sondern physikalischer Schatten schenkt Leben in lebensfeindlicher Umwelt.

 

Ein Lob dem Schatten!

 

„Der hat ´nen Schatten“, dagegen umschreibt umgangssprachlich, dass jemand nicht voll zurechnungsfähig ist, eine Macke hat.

Dicht an diesem Sprachgebrauch ist auch die Verwendung des Begriffs „Schatten“ in der Psychologie. Dort ist damit der vergessene Anteil von unserem Selbst gemeint, der auch Auswirkung auf Verhalten und Persönlichkeitsauftritt hat. Ein Schatten, der dadurch entsteht, dass wir durch Erziehung und Übernahme ausgesuchter Werte bestimmte Persönlichkeitszüge auf Kosten von anderen bevorzugen. Die vernachlässigten aber, die drängen ins Licht und sie sind unser Schatten. Sie lassen sich nicht unter der Oberfläche halten. Sie stören unser Bild von uns selbst. Darum versuchen wir, sie ins Dunkel zurück zu drängen, sie unter den Teppich zu kehren. Niemand soll sie wahrnehmen können. Hier gilt für Anteile unserer Seele, was Brecht über die Verwerfungen zwischen oben und unten in unserer Gesellschaft geschrieben hat:

 

„Die einen steh´n im Dunkeln, die andern steh´n im Licht.

Man sieht nur die im Lichte,

die im Dunkeln sieht man nicht.“

 

Dies geschieht in uns, wenn wir perfekt sein wollen.

Wenn wir mit unserer Schokoladenseite prunken wollen.

Doch je heller diese Seite beleuchtet wird,

desto deutlicher wird auch der Schatten geworfen.

 

Der Fehler ist: vollkommen sein zu wollen.

Die Lösung heißt: vollständig sein zu können.

 

Auch das mag schweißtreibend sein – aber es ist der Mühe wert.

Jesus steinigt den Pharisäer

Zu einigen, die sich in Selbstüberschätzung für Gerechte hielten und auf die anderen verächtlich herabsahen, sagte er folgendes Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf zum Tempel um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und betete: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Menschen, die Räuber, die Betrüger, die Ehebrecher und auch nicht wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten ab von allen meinen Einkünften.

Weitab stellte sich der Zöllner und wollte seine Augen nicht zum Himmel heben; er schlug sich an die Brust und seufzte: Gott, sei mir Sünder gnädig.

Ich sage euch, im Gegensatz zum anderen ging letzterer hinab zu seinem Haus gerechtfertigt! Denn: wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht.

 

Fast jeder kennt dieses Gleichnis. Es fällt auf: auch jene kennen es, die mit Glauben wenig am Hut haben. Es ist als Sprichwort Volksgut geworden.

Besonders gern wird es von jenen zitiert, die mit der in dieser Geschichte wohlfeilen Rechtfertigung ihre Behäbigkeit bemänteln wollen – einer Rechtfertigung, die ja gerade dem Loser hinterhergeworfen wird. Scheinbar einfach ist es, den Persilschein von Gott zu erhalten. Das Ticket ist auf ein wenig Bußfertigkeit gedruckt und bei passender Gelegenheit vorzuweisen.

Sie merken, die Selbstauslegung der Perikope gerät ins Stocken. Der rote Faden liegt nicht längs auf dem Weg der Interpretation sondern quer zur Laufrichtung, ja er wird jäh emporgezogen zum Stolperseil.

Denn lebt unsere Gesellschaft nicht davon, dass die Menschen sich engagieren, dass sie die anderen nicht ausnehmen, dass sie Steuern zahlen, den Zehnten gern abführen, dass der einzelne sich zu zähmen, zurückzunehmen weiß, dass er im Fasten Bewusstsein an den Tag legt und gewinnt? So schnell wird nicht schwarz und weiß gezeichnet, liebe Gemeinde. Sagt der Volksmund nicht in seiner klugen Art: die Wahrheit liegt in der Mitte. Ich will den Pharisäer nicht als Karikatur von der Bühne geschickt sehen. Er bemüht sich wenigstens, er erliegt nicht der Versuchung, sich zu bereichern, er betrügt weder seinen Nächsten noch seine Frau.

Hut ab.

Denn wie oft ist diese Schwarz-weiß-Malerei Jesu missbraucht worden als Alibi für eigene Trägheit. Die Leute sagen in Verkehrung der Jesuworte: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie dieser Pharisäer! Fasten ist mir ein Fremdwort und zu esoterisch, Kirche sagt mir nichts mehr und Gemeinde auch nicht: beten kann ich doch auch zu Hause, Steuerhinterziehung und Ehebruch sind mir nicht fremd. Wie schön, Gott, dass du den Zöllner lieb hast!

 

Liebe Gemeinde, wegen dieser Interpretation ist das heutige Gleichnis so bekannt, auch bei denen, die sonst nicht viel von Jesus wissen.

Aber ich sage weder, dass sich gefälligst vom Oberförster beerdigen lassen soll, wer meint, den lieben Gott sonntags vormittags im Wald finden zu können; noch bestätige ich, dass „fromm“ keine Tugend mehr, eher ein Schimpfwort geworden sei für einen weltvergessenen Exzentriker, ja Sektierer; ich sehe nur, dass diese Geschichte ihren Kern woanders hat!

 

Schließlich sehen wir unsere Kardinaltugend in Deutschland auch nicht in der Frömmigkeit sondern im Fleiß. Wir definieren uns durch die Arbeit. Die Pensionsinfarkte im ersten Ruhestandsjahr sprechen eine beredte Sprache. Arbeit ist uns alles. Ohne Arbeit stolpern wir in die Sinnlosigkeit, wir wissen nichts mit uns und unseren Nächsten anzufangen. Wir sind sozusagen nur etwas durch die Arbeit.

Wie gut, dass ich nicht so bin wie mein Nachbar. Der tat auch nach seiner Entlassung immer so, als ginge er zu Arbeit, packte seine leere Thermosflasche ein und ging mit praller Aktentasche zur Bushaltestelle, aber einen Job hatte er schon lange nicht mehr. Ich aber bin fleißig, arbeite lieber etwas mehr als zu wenig, so ist mir die Anerkennung der Leute gewiss. Meine Familie steht nach der Sinnstiftung durch den Beruf an erster Stelle. Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen, die Faulpelze, die Flüchtlinge, die Unpünktlichen, die Arbeitslosen.

 

Liebe Gemeinde, besser sein zu wollen als die anderen. Zu vergleichen! das ist das Übel, das Jesus mit seiner Schwarz-weiß-Zeichnung anprangert. Das soziale Gerangel, der Wettkampf darum, zu den Guten zu gehören ist biblisch gesprochen vom Teufel. Denn die Gesetzmäßigkeit dieses Denkens führt in die Hölle. Es handelt sich um ein System, das sich verselbständigt. Das Hamsterrad kann von innen einer Karriereleiter täuschend ähnlich sehen! Und auf solche Sicht reimen sich die oberflächlichen Versprechen der alltäglichen Reklamebeilagen: ein bisschen Himmel auf Mallorca, Fünfsterneparadies am weißen Strand, liegen in diesem Relaxsessel nach Feierabend wie auf Wolken. Denn ich habe es mir verdient. Du gönnst dir ja sonst nichts.

Du opferst dich schließlich für die Firma, du arbeitest selbst noch eine Woche weiter, während die Familie schon am Strand ist, du bist unentbehrlich, fleißig, besser eben.

Das Grundübel des Vergleichens kann auf jedes Gebiet deines Lebens übergreifen. Es frisst Freizeit, Freundschaften und vor allem den inneren Frieden. Die Hirnwäsche des Konkurrenzkampfes und seine Parolen halten Freundschaft, Verständnis und Solidarität für Sentimentalitäten.

Die Tretmühle des Vergleichens rät dazu, auf andere herabzuschauen, sicherheitshalber, falls ich nicht wirklich besser bin.

Das Suchtpotential ist groß in diesem System. Es bezahlt mit falscher Währung: mit der falschen Hoffnung nämlich, dass auch von woanders her Anerkennung für mein Bessersein, meine Leistung kommen werde. Die verbissen erkämpften vorderen Plätze sind nur Derivat für die Hoffnung, dass der Vergleich mit anderen zu meinen Gunsten ausfällt.

 

Solange ein wenig Aussicht besteht, dass er zu meinen Gunsten ausfallen könnte. Solange bis … Dann aber bricht das System zusammen. Der Zöllner schlägt sich auf die Brust. Es ist aussichtslos für ihn, in dieser Gesellschaft der Guten zu bestehen. Das ist der Offenbarungseid.

 

Und diese Einsicht in die grundsätzliche Unmöglichkeit, gut zu sein, macht ihn plötzlich frei vom Zwang zu vergleichen. Weil keine Chance besteht, in diesem Vergleich auch nur einen Punkt zu machen.

Erst diese Bankrotterklärung für die Sinnlosigkeit des Mitrennens öffnet ihm die Augen. Er hält inne. Abseits des Massenphänomens. Dort allein kann er zu sich kommen.

Die Augen erhebt er nicht zum Himmel. Er schaut auch nicht um sich, sieht nicht, schielt nicht zu den anderen. Das heißt: er vergleicht nicht mehr!

 

Das ist es, was ihn frei macht! Er steht mit seinem Herzen unverstellt vor Gott. Er hat aufgehört, sich durch Leistung vor anderen lieb Kind zu machen, ein wenig Anerkennung vielleicht auch von Gott zu erhaschen, weil er so fleißig, so gut, so lieb, so fromm ist. Er hat aufgehört damit.

 

Frei geworden ist er für die direkte Erfahrung Gottes. Für die Erfahrung einer Liebe, einer Anerkennung, für die er nicht „zahlen“ muss, die keine Qualitäten, keine Vorleistungen erfragt. Frei geworden für eine neue Erfahrung des Lebens.

 

Frei geworden ist er vom Zwang der Beschönigung, frei geworden ist er für das Wunder von Wertschätzung in der Liebe.   Amen

Du sollst dir (k)ein Bild von Gott machen

Konfirmationsansprache

zum Jahresmotto

„Du sollst dir (k)ein Bild von Gott machen“

über Ex 3, 1-7, 10. 13+14

 

Es ist der Tag des Bildes. Hier auf dieser Konfirmation werden heute im Anschluss unzählige Erinnerungsfotos geschossen und die Menschheit schießt rund um den Erdball allein heute 2 Billionen Bilder. Bilderflut statt Sintflut. In ihr ertrinkt die Fähigkeit zum Verstehen.

Um Bilder, die dagegen zu Verständnis führen, ging es uns im vergangenen Unterrichtsjahr. Um ein Bild von Gott.

 

Ein Bild von Gott können wir nicht mit dem Fotoapparat machen. Und doch sollten wir uns ein Bild von ihm machen. Das war geradezu die Aufgabe des Unterrichts, eine Vorstellung nämlich davon zu bekommen, worum es bei Gott geht und wen wir da als Gegenüber haben: wenn wir glauben, wenn wir beten.

Darum haben wir uns in einem Fotowettbewerb während der Rüstzeit versucht. Die Ergebnisse waren tastende Versuche, den Unsichtbaren sichtbar zu machen.

 

Gleichzeitig haben wir gelernt, dass wir uns kein Abbild von Gott machen sollen. Es ist mehr als ein Hinweis in den Geboten, dieses Bilderverbot. Und das ist nicht einfach damit weggewischt, dass zur Zeit der 10 steinernen Tafeln das Volk Israel sich nicht mit den Nachbarvölkern und ihrem Vielgötterglauben gemein machen sollte, indem es wie diese einfach goldene Götzen herstellt und diese in Tempel und Hausaltäre positioniert und vor ihnen niederfällt.

Es geht nicht um „anders sein“, „besonders sein“, sondern der plausible Grund für ein Bilderverbot liegt im Wesen Gottes selbst. Die Geschichte vom brennenden Dornbusch gibt uns einen entscheidenden Hinweis. Gott offenbart sich dem Mose gegenüber als einer, der sich zeigen wird. „Ich bin, der ich bin“, darf auch übersetzt werden mit „Ich bin der, als der ich mich erweisen werde“.

 

So wie wir oft erst im Nachhinein verstehen, wozu ein Umweg, ein Schicksalsschlag, ein Widerstand in unserem Leben gut war, wir den Sinn und vielleicht sogar Gottes gute Führung im Rückblick erkennen, so soll genau umgekehrt die Zukunft für Gott offen bleiben.

Einerseits heißt das, dass er nicht verfügbar gemacht werden will. Also eben nicht in die Form eines goldenen Ephods gepresst, eingepackt in die Satteltaschen der damaligen Kamele und in die Umzugskartons von uns heutigen Lebensnomaden, mitgenommen und ausgepackt werden will, wann es uns Menschen passt. Unverfügbar bin ich, darum lass die Finger von solchen Versuchen. Sie würden mir nicht gerecht und dich, Mensch, nur enttäuschen.

 

Andererseits rät uns dieses Gotteswort, die eigene Zukunft nicht zu detailliert zu verplanen, Platz für Gottes Wirken zu lassen. Eine Herausforderung, denn wir kontrollieren so gern und ertragen Unsicherheit schlecht. Es beruhigt viele, den morgigen Tag möglichst umfassend strukturiert zu haben.

So wie es des Mose eintönigen Alltag auf der Weide unterbricht, seine Neugier weckt, was er da auf einmal in der Wüste sieht, so unterbricht Gottes Erscheinen immer auch unseren Alltag heilsam. Den Trott, die vermeintlichen Unentrinnbarkeiten, die falschen Sicherheiten.

 

Das Feuer, das sich nicht und den Dornbusch nicht verzehrt, gibt uns einen entscheidenden Hinweis auf Gottes Wesen, seine Dynamik. Sie erleuchtet, ohne Asche zu produzieren. Sie braucht kein fremdes Opfer, um lebendig zu sein und Wärme zu schenken. Insofern ist dieses wundersame Feuer schon ein Hinweis auf Jesu Weg und Wesen. Er hat nicht nur die Randfiguren unserer Gesellschaft aus ihrer Opferrolle befreit, er hat vor allem für die Verwirklichung seiner Wahrheit keine Bauernopfer hingegeben, sondern sich selbst eingebracht. Ganz und gar, und dieses „mit Haut und Haaren“, das verstehen wir zu recht als Liebe.

 

Sie merken: hier reimt sich das Wesen Gottes in beiden Erscheinungen, dem Wüstenstrauch am Horeb und dem Wundermann aus Nazareth.

 

Bilder für etwas Unsichtbares, das uns doch unmittelbar angeht, weil es für etwas steht, das wir zum Leben brauchen.

 

In Jesus ist Gott fassbar geworden. Als Mensch, den Jünger ansprechend, Angewiesene hilfreich fanden ist er das Abbild Gottes, das mit uns ins Gespräch kommen will. Im Gegensatz zu der Billion Bilder, die zum bloßen Datensatz entleibt sind, zeigt er in Fleisch und Blut, wie wahre Menschlichkeit gelebt wird. Was uns unbedingt angeht, darum ging es im Unterricht, wie diese seine Schöpfung um Gottes Willen aussehen soll, wie wir seinem Vorbild im Umgang miteinander am ehesten entsprechen können und eine Ahnung davon zu bekommen, wie Gott und wie Leben in seiner Nähe aussehen könnte.

 

Gute Bilder vom Leben laden auch im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit zum Gespräch ein. Sie führen kein Schattendasein im Museumsshop auf Tassen und auf Taschen, auf Lesezeichen und in Laptops. Sie wollen sich nicht darauf zurückziehen, Gegebenes zu wiederholen, sondern sichtbar zu machen.

 

Das ist ein Prozess. Ein Schritt der Schöpfung inmitten der Schöpfung. Darum sollen wir uns kein fertiges Bild machen!

Von Gott nicht und von uns nicht.

Von Gott nicht, weil wir ihm die Freiheit lassen sollen, sich morgen unerwartet neu zu erweisen.

Von uns nicht, weil weil wir nicht den Reklameidolen heutiger Bilderflut erliegen brauchen, nicht in ihr ertrinken sollen, sondern weil wir uns selbst begegnen dürfen und unserem Sinn. Keine Selfies müssen Alibis liefern, weil wahres Leben hoffnungsvoll im Fluss ist.

 

Weil Gott vom Staunen und von sich entwickelnden Beziehungen lebt, weil er selbst lebendige Beziehung z.B. zwischen Vater und Sohn, z.B. zwischen ihm und Dir ist,

betone ich immer wieder: Gott ist nicht, Gott geschieht.

 

Ein Bild, das ihm gerecht wird. Denn ein gutes Bild macht sichtbar, will uns hineinziehen, regt an, macht lebendig, will Dialog, bewegt. Das Altgriechische Wort zoón ist im übrigen ein Wort für beides: für Lebewesen und für Bild.

 

Amen.

kleidsame Tugend

Predigt über Kol 3, 12 – 16

gehalten am: 24.04.2016                           in: Hetzerath und Grünhaus

01.05.2016                           Gusterath (AM)

 

Lieder:           166, 1-4                    Lesung: Joh 4, 5 – 14

148, 1.5.7.

495, 1.3.5.                 Liturgie:

334

425

 

So kleidet euch denn, ihr Erwählten Gottes, seine Heiligen und Geliebten in herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Großmut. Ertragt euch gegenseitig und vergebt, was ihr einander vorzuwerfen habt. Eben so, wie der Herr euch vergeben hat, so verhaltet auch ihr euch. Über all dies aber zieht die Liebe an; sie fügt alles zur Vollkommenheit zusammen. … Und werdet Menschen, die danken können.

 

Sich in Tugenden kleiden, diese Metapher Pauli regt ihrerseits zu inneren Bildern an, die sich tatsächliche Kunstwerke in Erinnerung rufen, jenes Gemälde von Gustav Klimt vielleicht, das sich dekorativ füllt durch ein Gewand, kostbar gewoben und belegt mit goldenen Flächen, mehr wirkt es wie eine steife Decke, ein gefalteter Karton, geometrisch ausgemalt eben mit den paradiesischen Mustern: Rechtecken und Pfauenaugen, goldgrundig prunken sie im Herzstück des Werkes. Die dekorativen Flächen der Gewänder, eines Mantels und eines Kleides entsprignen ihrerseits zu ihren unteren Säumen einer Blumenlandschaft, die mehr wie eine Insel oder Blumenampel im Raum der Fantasie schwebt. Alles spielt sozusagen im siebten Himmel, der ebenfalls goldgrundig mit Myriaden von Sternen eine bergende aber namenlose Kulisse abgibt. Ja, das ganze ist hingebungsvoll und kontemplativ in die Gemüter der Betrachter gemalt, denn es will Innigkeit darstellen, Gefühl. „Der Kuss“ ist das Bild betitelt. Die Küssenden sodann sind Menschen aus Fleisch und Blut, ihre lebendigen Arme, Füße und die Gesichter entschlüpfen dem Ornament des Gewandes wie Briefe einem geöffneten Umschlag. Befremdlich realistisch stehen sie in Kontrast zum formatfüllenden Gewand. Auch bei anderen von Klimt gemalten Tugenden, der Gesundheit zum Beispiel oder der Hoffnung steht das weiße lebendige Fleisch weniger Körperteile in auffälligem Kontrast zu eben den übergeworfenen Kleidungen.

Kleidet euch in Tugenden. Sie sollen euch ausmachen, schreibt Paulus. Meiner Meinung nach werden wir dann zu Menschen, die so aussehen wie diese Liebenden des Wiener Jugendstilmalers. Wie Adele Bloch-Bauer oder andere seiner Modelle. Erkennbar am Gesicht, doch von der ganzen Erscheinung durch die Gewänder Wesen aus einer anderen Welt.

 

„Kleider machen Leute“ betitelt Gottfried Keller eines seiner Bücher. Einsicht in die Wahrheit, dass das Auge sich täuschen lässt, dass die Krone nicht den König macht.

 

Aber kann dem gegenüber denn die Güte, können Demut, Milde und Großherzigkeit des anderen Königs Reich aufscheinen lassen? Hat das Reich von Jesu Vater, das er als eines nicht von dieser Welt bezeichnet, eine Chance auf Wirksamkeit hier und jetzt in eben dieser?

Haben die von Paulus aufgeführten Tugenden das Zeug dazu, sich hier durchzusetzen?

 

Oder bleiben sie nur Dekoration, wie die übers Fleisch gemalten Goldbrokate und Dekogewänder eines Gustav Klimt? Ist Tugend Tüll und Tinnef oder verändern Erbarmen, Herz und Güte die Welt zum Guten?

 

Das kann nicht taktisch entschieden werden. Würden wir, um des Guten Ergebnisses willen tugendhaft leben wollen, wir machten uns zu dekorativen Wandgemälden, wir lebten eine Äußerlichkeit, die keine Zeile im Kolosserbrief wert wäre.

 

Denn die Gabe der menschlichen Qualitäten wird hier verstanden als Konsequenz. Weil du geliebt bist, kannst du lieben. Weil dir vergeben wurde, kannst du großzügig sein.

Den Schlüssel liefert die zum Schluss genannte Tugend: die Dankbarkeit.

 

Wer inne hält. Wer sein Leben aus der Distanz anschaut. Eines Urlaubs beispielsweise, eines Einkehrtages, einer Zeit der Stille in Kloster oder Abgeschiedenheit. Der wird begabt mit der Chance zum Staunen. Über all das Gelungene, über das, was uns im wahrsten Sinne dabei zugefallen ist. Also die Dinge, die unverdient, nicht erarbeitet, einfach so geschenkt wurden. Zuvorderst die Zuneigung, die Liebe, aber auch die Großzügigkeit, die Haltung von Freunden und immer wieder die von Partnern und Eltern.

 

Diese Erfahrung macht reich.

„Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über“, sagt ein Sprichwort. Es darf übertragen werden auf unsere Persönlichkeit. Wem die Augen geöffnet wurden für all das, für das er dankbar sein darf, der fühlt sich beschenkt.

 

Und so kommt Bewegung in unser Miteinander, in unseren Umgang. Wie Ferment wird diese Sicht auf die Beziehungen und das eigene reiche Leben eingebracht ins Handeln, in die Meinung, ins Reden. Und wirkt ansteckend. Großzügigkeit gebiert Großzügigkeit, das Erleben von Vergebung schenkt Milde,

 

Es ist im sozialen Miteinander eben so, wie es Conrad Ferdinand Meyer in seinem „römischen Brunnen“ besingt:

 

Auf steigt der Strahl und fallend gießt

er voll der Marmorschale Rund,

die sich verschleiernd überfließt

in einer zweiten Schale Grund.

Die zweite gibt,

sie wird zu reich,

der dritten wallend ihre Flut.

Und jede nimmt und gibt zugleich

und strömt und ruht.

 

Geben bereichert. Allein die Liebe wird beim Teilen nicht weniger sondern mehr.

Es lässt sich also mit der Bergpredigt regieren. Doch spürt man es dem Beeinflussen nicht ab, dass es um ein Regiment geht. Denn es will gar nicht herrschen, Recht bekommen, wahrgenommen werden.

 

Nur auf Basis dieser Grundhaltung, sich nämlich schon wahrgenommen und geliebt zu wissen, gelingt auch die Beziehung zu anderen.

Nur auf Basis einer solchen Einstellung beziehen die genannten Tugenden Wohnung in unserer Persönlichkeit.

Nur auf Basis einer solchen Haltung gerät das Ankleiden mit solchen Eigenschaften nicht zur Maskerade, zum schönen Dekogemälde bloß, sondern wir hineingenommen in die Mitte glaubhaften Handelns und wahrhaftigen Lebens.

 

Amens

 

 

Felix (der Glückliche), der Peter

Traueransprache über 2. Tim 4, 7

für

Dr. Peter Windfuhr

am

  1. April 2016 in Grünhaus

 

Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich bin im Glauben treu geblieben

 

„Ich hab´ so Glück gehabt“, manche Hiobsbotschaft leitete Peter Windfuhr für sein Gegenüber mit diesen Worten ein. Ich hab´ so Glück gehabt, war aber auch Überschrift einer Haltung, seiner Haltung, die sein Leben, dessen Länge und Qualität bestimmte. Wir nennen das Prinzip, das Sichtweisen, Summenschlüsse und Lebensbewertungen unter solch eine Überschrift stellen „positives Denken“.

 

Wie kommt ein Mensch dazu, sein Lebensganzes, selbst unangenehme medizinische Widerfahrnisse, aber auch biographische Notizen unter eine derart glückliche Generalsicht zu stellen?

 

Weil er Glück gehabt hat!

 

Zunächst, am 21. Juli 1929 als jüngster Sohn in eine Familie mit zwei wesentlich älteren Brüdern geboren. Er, das Nesthäkchen, er, dem genug Liebe, Muttermilch, Zuwendung zu teil wurde. Beides, die äußere, wie die Zuwendung des Herzens hat Peter in den letzten Jahren der Weimarer Republik, teils äußerlich mageren Jahren, an Leib und Seele zufrieden werden lassen. In Hochachtung seiner Mutter gegenüber dankte er ihr dieses empfangene Glück des Genügens ein Leben lang. Die Mutter, Hedwig, war Klavierlehrerin und von ihr erhielt er nicht nur die Musikalität, sondern die Lebensmelodie ins Herz geschrieben.

Der Vater, Alfred, Mathematiker und kaiserzeitlich streng, vermachte ihm etwas anderes: die Struktur und Disziplin. Zwei Tugenden, die sich mit der anderen mütterlichen Mitgift wie Melodie und Takt symphonisch reimten.

 

Sodann das Glück eines, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist, und trotzdem mit einer gehörigen Portion Fortune davonkommt. Denn es war nicht nur keine leichte Kindheit und Jugend in Bernau und in Berlin. Das Gedröhn der Knobelbecher bestimmte zunehmend das Leben. Und der 14 jährige Peter wurde in sie gesteckt und als Kriegshelfer abkommandiert.

Er war am 18. März 1945 im Weichbild der Stadt im Einsatz, als die Bomber kamen. Gemeinsam mit einem Kameraden erlebte er die Bombardierung. Dicht neben ihnen fielen die Bomben. Die beiden Jungen sprangen tief in einen Bombentrichter und im selben Moment explodierte die nächste Bombe neben ihnen. Der Trichter gab den beiden Schutz. Seit jenem Märztag hatte Peter nicht nur einseitig eine Beeinträchtigung des Ohres, sondern vor allem feierte er den 18.03 als seinen zweiten Geburtstag. Nicht dem Mutterleib entstiegen sondern den hadestiefen Erdnarben des gefräßigen Krieges.

Positives Denken eben und auch Dankbarkeit im Sinne des Bibelverses, der über dieser Würdigung steht. Denn Dankbarkeit ist die Schwester des Glaubens.

 

1946 machte Peter in Berlin sein Abitur und zog dann über Itzehoe, wo einer seiner Brüder lebte, nach Kiel, um dort Medizin zu studieren. Schon zuvor hatte er sich als Sektionshelfer das nötige Geld verdient.

Als Student waren ihm jede Form von Vereinnahmung und Chorgeist zuwider. Das mag einerseits mit seinen Erfahrungen während des Nationalsozialismus begründet werden, andererseits offenbaren sich hier auch Charakter und Erziehung seines Vaters, der sich weder im Dritten Reich zum Mitglied der NSDAP dingen ließ noch in der DDR Genosse in der KPD werden wollte und dem wegen dieser undoktrinierbaren Liberalität der Aufstieg ins Rektorat der Schulen jeweils verweigert wurde.

 

Was die Familie wegen ausgebliebener Karriere arm machte, machte Peter charakterlich reich. Seine Unbestechlichkeit, das gerade Rückgrat stammen in direkter Linie von der Haltung der Eltern ab.

Neben die Aufrichtigkeit, die Disziplin und sein positives Denken tritt nun in der Zeit als Arzt in Itzehoe ein weiteres Charakteristikum von Peter. Seine unbedingte Neugier auf das andere, das Fremde. Seine ehrliche Offenheit auch für den anderen, dessen Erfahrungen und Prägungen.

Später lernen viele hier in Trier den an ihnen wahrhaft interessierten Gegenüber, den Tennis- den Tanzfreund, den Nachbarn, den Grandsenior Peter Windfuhr kennen, der sich Lebensgeschichten anhört und der seinerseits detaillierte Anekdoten aus dem eigenen reichen Leben beizusteuern hat.

Dieser weltoffene Peter, er wird zum ersten mal offenbar durch eine mehr als halbjährigen Seereise auf der Bayerstein. Als Schiffsarzt bereist er für die HAPAG Lloyd Südostasien und alle Meere in Fernost. In logbuchgenauen Erzählungen berichtet er später von dieser Zeit, die sein Leben in einmaliger Weise bereichert hat und eben erstes Indiz für diesen Persönlichkeitszug ist, der Grenzen überschreiten will und das Neue im Fremden sucht. Das Leben erweitern und Staunen, gebe ich diesem Gesicht von Peter zum Namen. Von Weihnachten 1959 – Sommer 1960 wird er zum Seemann, um sich sodann endgültig und mit festen Wurzeln an Land niederzulassen.

 

In einer Phase, als er, der Behandelnde selbst Patient war, hatte er Heidi an seinem Krankenbett kennen gelernt.

Am 05.04.1961 heiratet er Heidi, die Liebe seines Lebens, zieht noch im selben Jahr mit ihr nach Trier um. Hier bekleidet er eine Stelle als Oberarzt. 1962 wird Sohn Andreas, 1965 Sohn Jochen und 1968 den beiden die Tochter Susanne geboren. Noch einmal ein Jahr später lässt er sich als Internist mit Praxis nieder, die er bis 1994, es ist sein 65. Lebensjahr, führt. 1971, zu Sylvester zieht die fünfköpfige Familie von der Castelforte ins eigene Haus nach Ruwer um.

Vielleicht hätte er diese bedeutende und an Erlebnissen reiche biographische Phase ebenso nüchtern aufgelistet, denn Tatsache ist auch, dass er in dieser Zeit seinem Beruf nachging und in klassischer Zuweisung der Aufgaben, Heidi die Kinder erzog, den Haushalt führte, seine privaten sozialen Beziehungen organisierte, sprich einlud, zum Tanzkurs anmeldete, die Tennisverabredungen traf, für die traditionellen Familienferien packte. Einmal im Jahr wurde gemeinsam im Sommer Urlaub gemacht und einmal in den Winterferien gemeinsam Ski gefahren. Das waren die Fenster, in denen die Kinder den Vater näher kennen lernen konnten, in denen sie etwas von ihm hatten. Ansonsten nahmen sie ihn wahr als Versorger der Familie, als strengen, ja aus ihrer Sicht teilweise intoleranten Erzieher, als musikalisches Talent – aber eben hauptsächlich als gefragten, und d.h. abwesenden Arzt.

Mit dem Ende der Schulzeit der Kinder begann ein neuer Rhythmus. Wegzüge zu Studienorten brachten Trennungen. Doch der tragischste Einschnitt für Peters Leben war, seine Frau sterben zu sehen und loszulassen und die Lücke zu füllen, die sie hinterließ als sie 1999 starb.

 

Gern zitierte Peter neben anderen Klassikern Cicero: „Fange nie an aufzuhören und höre nie auf anzufangen“. Dieser Ansatz gereichte ihm ebenfalls zum Lebensmotto. Denn tatsächlich nahm er zunehmend sein privates Leben in die Hand. „Schau, ich kann sogar kochen“, bilanzierte er angesichts eines mehrgängigen Menues, das er für einen seiner Söhne vorbereitet hatte. Er bewies seine Lebensfähigkeit im Häuslichen. Aber beruflich ließ er ebenfalls nicht nach. Er arbeitete im Gutachter- und anderen Ausschüssen. Er war Betriebsarzt. Er gab Unterricht für MTAlerinnen an der Berufsschule. Er blieb Hans Dampf in allen Gassen und setzte das Reisen fort. Cuba, Peru und Norwegen. Immer wieder stimmte er in die Melodie ein, die mit seiner Zeit als Bordarzt auf er Bayerstein angestimmt hatte: Stückgutfrachter und Postschiffe waren beliebte Reisequartiere für ihn und führten in alle Welt. 2008 bereiste er mit seinem Ältesten Kanada.

Peter blieb in Bewegung. Beim Reisen wehrte er das Rasten ab und geistig beugte er dem Rosten vor, in dem er sich mit der Politik, der Welt und anderen Menschen auseinander setzte. So kennen ihn die Betriebe, so kennen und schätzen ihn viele Bekannte.

Aber es gab auch den anderen Peter. Den in sich gekehrten. Neben dem strukturierten Leben, der vita activa gab es auch den Träumer, den Musiker, der die vita contemplativa lebte. Dann saß er an seinem Seerosenteich, meditierte über der stillen Beschaulichkeit, beobachtete die Maisen beim Brüten, hörte auf den Gesang des Gefieders im Garten, manchmal saß er nur und hörte auf Klaviersonaten und Beethovens Harmonien erlaubte er, die angeblich ruhenden Tiefen seiner Seele zu aufzurühren.

Ja, der strenge Mann konnte weinen.

Und hinter seinem ironischen Humor vermochte er oft nicht den Schalk zu verbergen. Peters Persönlichkeit spannte einen weiten Bogen: Geradlinigkeit und Gefühl, Ordnung und Offenheit, Dienst und Dankbarkeit. Immer wieder diese Dankbarkeit über das Geschenk des Lebens. Zunächst die leibliche Geburt im Juli 29, dann der sogenannte zweite Geburtstag im Bombentrichter 45, und es gab noch die vermeintlich tödliche Diagnose in den Sechzigern, die ihm einen Hirntumor zuschrieb, die ihn zur Auseinandersetzung mit dem persönlichen Ende zwang. Sie bestätigte sich nicht.

„Ich hab so Glück gehabt“, räsonierte er und das beschenkte ihn mit der Haltung, die nicht halten muss. Mit der Lockerheit lassen zu können.

Sein Leben nämlich, als es Zeit wurde.

Er hat seine Jahre voll machen dürfen, nicht nur an Tagen, nicht nur mit Tanzen, Tennis und Traumreisen, mit erfüllter Liebe, mit sinnvollem Tun, mit gelöschtem Lebensdurst. Er hat dies alles als nicht selbstverständlich erkannt. Alles als Zugabe, musikalisch verstanden. Als Leihgabe, die seinem Schöpfer nun zurück zu geben, er von Grund auf einverstanden war.

 

Eine vorbildliche Haltung, die nun, da er seinen Lebenslauf vollendet hat, als gut, als fair gelobt werden darf. „Ich habe den guten Kampf gekämpft“ steht über seinem Leben.

Peter Windfuhr, der sich glücklich nannte, weil er im gleichen Maße glücklich war wie er auch Glück über die Maßen gehabt hatte;

Peter, der weltoffene, der am anderen interessierte Freund,

Dr. Windfuhr, der strukturierte Chef und hilfreiche Arzt, der Lehrer,

der Musiker, der Ehemann, der Reisende, der Vater, der offen geworden war, von seinen Kindern noch zu lernen,

der Berliner, mit seinem verschmitzten Humor,

der Sportsfreund und Kamerad ist tot. Er ist zu dem gegangen, aus dessen Hand wir nicht fallen können.

Vor ihm lebe Peter Windfuhr in Ewigkeit!

Einheit wächst unterwegs

Joh. 17, 911

„Einheit“

 

gehalten am:             10.04.2016              in: Gusterath und Grünhaus

17.04.2016               Ehrang

 

Lieder:                       168, 1-3

184                            Lesung: 2. Mose 3, 13 – 15a

262, 1.3.7.

268, 1-5                    Liturgie: eigene („Einheit“)

168, 4.

 

Vater, wenn ich zu Dir gehe, bleiben sie noch in der Welt. Aber ich nicht mehr. Heiliger Vater, bewahre sie! Kraft Deines Namens, den Du mir gegeben hast, damit sie eins seien wie wir es sind.

 

Eins sein. Das ist augenblicklich wieder ein Thema in Kirche und Welt. Es tut not, dass die Religionen das Gespräch suchen und um Einheit bemüht sind. Im Zusammenhang mit dem Lutherjahr werden wir gemeinsam auf die Geschichte des Reformators und die Bedeutung des Jahres 1517 schauen. Ins Gespräch kommen wird die Bedeutung der eigenen Geschichte für Identität und Ansatz, aber eben auch die Betonung der erreichten Gemeinschaft. Der guten Gründe für das Aneinanderrücken der Kirchen, und der stolze Blick auf erzielten Wandel.

 

Weit weg scheint Einigkeit zwischen Schiiten und Sunniten dagegen. Doch, wer an die Distanz von Katholiken zur protestantischen Minderheit in der Eifel und in Trier vor 50 Jahren denkt oder umgekehrt an das hypertrophe Selbstbewusstsein der Evangelischen angesichts der Diasporasituation der Katholiken im deutschen Norden vor einer Generation, der mag Hoffnung haben auf eine Entwicklung hin zur Verträglichkeit auch bei anderen Konfressionen.

 

Hoffnungsvoll stimmen vor allem muslemische Theologen wie Mohanad Korchide und N.N., die nicht ausschließen sondern die gemeinsamen Nenner suchen.

 

Eins sein. Das ist spirituell Programm im Blick auf Kirchen und Konfessionen, aber auch im Blick auf Paare und andere Menschenkonstellationen, seien sie nun durch Zuneigung oder durch eine Idee oder ein Ziel verbunden.

 

Eins sein, das ist das Schlüsselwort des heutigen Bibeltextes. Mitten in seiner sogenannten Abschiedsrede stellt dieser Gedanke den Dreh- und Angelpunkt. Nach dem Evangelium von Johannes hält Jesus eine vorösterliche Rede. Und inmitten dieser Rede betet er. Er bittet Gott für seine Anhänger um dieselbe Einheit, die auch ihn und den Vater verbinde.

Er bittet um den Geist der Einheit. Den Pfingstgeist der Verbindlichkeit.

 

Der Geist der Einheit ist nicht schlicht Einigkeit. Bedeutet nicht, dass alle einer Meinung seien, schon gar nicht, dass es nur eine Meinung zwischen den Betroffenen geben dürfe.

Es bedeutet, dass miteinander gesprochen wird, dass man im Austausch ist und sich darum bemüht, eines Sinnes und Geistes zu sein, wie wir in einem Kirchenlied singen.

 

Denn um diesen gemeinsamen Weg geht es. Nicht um Ergebnisse am Ende. Sondern der Weg ist bereits das Entscheidende, in all seiner Dynamik. Im Hin- und her der Meinungen und Worte.

 

Denn im Dialog ereignet sich Gott!

 

Weniger nicht! Diese Glaubensaussage bedeutet, dass Gott nicht schlicht einfach ist. Bedeutet, dass Gott nichts Statisches, Absolutes, Unwandelbares ist, sondern ein Geschehen.

 

Gott als dynamische Kraft, als sich selbst wandelnde Größe.

Eine solche Sicht Gottes hat weitreichende Konsequenzen. Bis hinein in das Verständnis der Schöpfung. Denn ein sich wandelnder Gott darf und will sich auch in der Evolution selbst ausdrücken. Die beiden Ausschließlichkeiten Zufall und Notwendigkeit als Motoren der Naturentwicklung werden als Ausdruck Gottes nach diesem Verständnis gemeinsam ernst genommen. Doch das ist ein anderes Thema.

Heute geht es mir darum, dass wir wahrnehmen, dass Gott keine unwandelbare Marmorstatue im Himmel ist, sondern dass er sich ereignet. Er ereignet sich zwischen Menschen. Das ist ihm wesentlich.

 

Trinität ist eines der scheinbar schwierigen Mysterien der christlichen Religion. Wenn wir uns Gott als etwas vorstellen, dass sich ereignet, und dem es wesentlich ist, zwischen Personen dialogisch lebendig zu sein, dann verstehen wir plötzlich mehr von der scheinbar schwierigen Trinität. Sie schließt sich uns auf und wir erkennen, dass es nicht hauptsächlich gleichsam um drei Mensch-ärger-dich-nicht – Figürchen geht, sondern dass die Beziehungen zwischen diesen dreien, zwischen Vater, Sohn und Geist viel bedeutsamer sind; als die dicken bunten Pfeile zwischen den statischen im Dreieck aufgemalten Figuren. Wenn also gleichsam der sonst eher im Schatten stehende Geist so betont wird, dann, weil er etwas wichtiges auszusagen hat. Denn Gott ist es wesentlich mit anderen in Beziehung zu stehen. Er findet sich im Austausch. Ist, weil und solange dieser hin- und her fließt. Er ruht nicht in sich selbst, er genügt sich nicht. Er strebt nach einem Du. Darum Vater und Sohn. Und was zwischen beiden das Band der Nähe knüpft und den Faden der Verständigung, das ist der Geist. Darum sind die Drei so eng verknüpft, bedingen sich gegenseitig. Weil es Gott wesentlich ist, sich zu vereinigen, sich zu ereignen. Im hin und her der drei gleichwichtigen, gleich ursächlichen Personen zu weben und zu fließen.

 

Und es folgt: Gott ereignet sich zwischen Menschen. Dort will er sein, im Raum der Verständigung, im Spannungsbogen des Dialogs. Gott erfindet sich zwischen Menschen, die sich suchen, er erlebt sich besonders lebendig zwischen solchen, die sich um Einheit bemühen. Und ich behaupte, am liebsten erfindet er sich zwischen Liebenden.

 

Nicht zu Unrecht wird Gott mit der Liebe gleichgesetzt.

 

Doch gilt, dass er nicht etwas ist wie Liebe, sondern dass er dort wirklich wird, wo geliebt wird.

 

Es ist sicher ungewohnt, sich Gott zu denken als jemand, der sich ereignet. In einer frühen Selbstoffenbarung Mose gegenüber bezeichnet sich Gott als der „Ich bin, der ich sein werde“. Auch übersetzt als „Ich bin der, als der ich mich zeigen werde“.

 

Eben weil er nicht vorhersagbar in Erscheinung tritt, sollen wir uns kein Bild von ihm machen. Es geht nicht nur um die abgelehnten Götterbilder in Gold, die Kritik am Kult der Nachbarvölker Israels, der sogenannten Heiden mit ihren Götzenbildern. Es geht im Wesentlichen um die Unverfügbarkeit Gottes in der Geschichte, in Deiner, in meiner, in unserer. Wiederum ist es wie in der Liebe. Gott ist nicht machbar, nicht verfügbar.

Aber wenn Liebe sich ereignet, wenn Dialog gelingt, wenn Miteinander fruchtbar und fröhlich ist, dann ist plötzlich klar, dass er mit von der Partie ist. Bei Menschen, die bereit sind, sich durch andere verändern zu lassen. Bei Menschen, die sich beeindrucken lassen. Bei Menschen, die aufeinander hören.

Genau dies ist die Einheit, von der in unserem Bibeltext die Rede ist.

Der Geist wehe, wo er will, wird es bald zu Pfingsten heißen. Auch hier wieder die Unverfügbarkeit.

Ein ergebnisoffener Dialog dagegen ist für Gott eine einladend offene Tür.

 

Dies reimt sich wieder auf Gott und seine Wahrheit, die eben nicht festgeschrieben, kein Dogma sein will. Denn Gottes Wahrheit ist abermals nichts Absolutes. Nach dem dialogischen Verständnis von Wahrheit kann sie nur miteinander gefunden werden. Da sind sich Jesus und sein Vater einig.

So sollen auch wir es sein. Das ist eine Art Segen. Er besagt, dass solche Einigkeit möglich ist. Sie liegt irgendwo in der Zukunft zwischen den sich bildenden Meinungen der Gesprächspartnern. Sie will immer erst noch gefunden werden. Und sie kann das.

Dieser Entdeckungsprozess gibt Gott Raum, sich zu ereignen.

 

Dies alles ist entscheidend für unsere Art, miteinander umzugehen, miteinander zu reden. Nur wenn ich nicht von meinem angeblich guten Recht ausgehe, nur wenn ich nicht davon ausgehe, dass ich die Wahrheit mit Löffeln gefressen habe, kann die Einheit sich ereignen, um die Jesus Gott für uns bittet.

 

Vielleicht hilft es dem ökumenischen Dialog, von einem unverfügbaren, sich ereignenden Gott auszugehen. Dann steht er nicht mehr als eine Festung der Richtigkeiten zwischen den Partnern. Und diese müssen sich nicht mehr hinter Artikeln und Paragraphen verschanzen, sondern die Chance wächst, dass er sich als zu findende Wahrheit ereignet. Kein Dogma mehr und keine alleinseligmachende Seite, keine Ausschließlichkeiten mehr.

 

Ein solches Gelingen könnte auch anderen Religionen ein Fingerzeig sein, dass eine jede Konfession im Bemühen um Einigkeit mit anderen Gott näher ist, ihm mehr entspricht, als in ihrer gegenwärtigen Haltung.

 

Wäre das nicht im wahrsten Sinne göttlich?

 

Amen