Heimatverlust und ewige Heimat

Traueransprache über Mt 4, 4

für

Ida Strass, geb. Schultz

am

  1. Okt. 2017

in

Cosmas und Damian, Gutweiler

 

Der Bibelvers, der Ida Strass in ihrem Leben stets viel bedeutete, soll auch über dem Abschied von ihr stehen:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.

 

Es ist eines jener ganzheitlichen Worte, die den Menschen definieren, die von seiner Komplexität sprechen: der Verbindung von Körper und Geist. Menschliches Leben umfasst beides. Es ist dies ein Wort vom „sowohl als auch“.

Es besagt: das Leben ist mehr als Essen und Trinken. Es besagt: der Mensch ist ein soziales Wesen. Er wird erst Mensch durch Menschen. Die Eltern beispielsweise. Er wird erst Mensch durch andere und kann sein Leben nur voll machen durch Beziehungen. Gemeinschaft gehört zu seinem Wesen, Freude und Freunde und die Familie. Liebe Gemeinde: das Wort stiftet Verständnis und Beziehung. Das Wort stiftet sozialen Sinn. Auch in diesem Sinne ist das Wort als eben das Schöpferwort recht verstanden.

 

Der Text aus dem Matthäusevangelium war für Ida ein Leitwort fürs ganze Leben. Und es war für sie wie maßgeschneidert. Denn erzählt nicht die Bibel von Adam und Eva an, die des Paradises vertrieben werden, von Abraham an, der seine Heimat verlassen soll, von Mose und dem Auszug aus Ägypten an über Israel in der babylonischen Gefangenschaft bis hin zu Jesus, der von Herodes verfolgt und nach Ägypten gebracht wurde von Flüchtlingen?! Nicht minder war Idas Leben bestimmt durch ein Leben weit ab von ihren Spielgründen, geboren in Piegonisko, aber der Heimat verlustig durch den deutschen Angriffskrieg und dessen Folgen für 12 Millionen Deutsche im Osten. „Ich bin ein Flüchtling“, sagte sie oft. Und meinte damit die Welt ihrer Gefühle, den Verlust der Heimat eben und definierte ihr Leben als eines auf der Suche nach dem Verlorenen.

 

An vielen Stationen ihres Leben wird deutlich, woher sie kam und was ihr diese verlorene Heimat mitgegeben hatte. Die Mitgift der Liebe zum Land, die Gabe der Sprache. Ida sprach eben so gut Polnisch wie Deutsch. Sie sprach auch Englisch und – dies eben auch ein Tribut an ihre erste Heimat – Russisch.

 

Ida Schultz – „nur echt in dieser Schreibweise mit tz“ – wurde am 03. Februar 1931 ihren Eltern geboren und blieb auch deren einziges Kind. Die Eltern bewirtschafteten ein großes Gut. Der Vater war gleichzeitig noch Beamter am Standesamt von Kalisch. So wird oft die Mutter die leitende Gutsherrin gewesen sein. Diese Faktoren bestimmten Idas Persönlichkeit. Sie sog zwei Lehren mit der Muttermilch auf:

  • dass es sich gut als Einzelkind wohlhabender Eltern auf einem Gut leben ließ
  • und dass Menschen in solch einer Gemeinschaft streng geführt werden mussten.

Also wieder dieses „sowohl als auch“. Auf der einen Seite wurde sie verwöhnt, galt als die kleine Prinzessin; auf der anderen Seite erlebte sie die Strenge der Menschenführung – ihr Vater trat als schneidiger Parteigänger auf – , die sie für sich übernahm bis hinein in die Erziehung ihrer eigenen Tochter.

 

Auf einem ebensolchen Paar Füße steht, dass sie einerseits einziges Kind ihrer Eltern blieb, andererseits ihre Mutter Olga neun Geschwister hatte, so dass sie in einem lebendigen Meer von Cousins und Cousinen aufwuchs. Abermals sowohl ein Einzelkind als auch eingebunden in eine Großfamilie.

 

Dann brach der Krieg aus. Der Vater fiel 1944 in Petersburg. Das Gut musste evakuiert werden. Die Flucht im Treck muss nicht näher bebildert werden. Ida blieben keine der uns allen hinlänglich bekannten Eindrücke dieser deutschen Schicksalsmonate erspart. Es verschlug sie nach Wernigerode. Zusammen mit drei Cousinen wurde sie in einem Haushalt, dem von Familie Gutsche, aufgenommen. Dort blieb die Rumpffamilie eine Weile. Die Mutter fand wenige Jahre darauf wieder einen Mann. Und dieser „Onkel Georg“ bestand auf einem Schulabschluss für Ida und auf der Konfirmation. Sie begann eine kaufmännische Lehre und machte den Führerschein. Den Kontakt zur weiteren Familie pflegte sie auch über die Zonengrenze hinweg, und sechs Jahre vor der Mauer blieb die 24-Jährige anlässlich eines Westbesuches in Kaiserslautern bei einer Tante. Sie telefonierte und teilte mit, dass sie sich entschieden hatte zu blieben, denn „hier sie alles sehr viel besser“. Und tatsächlich: bald schon hatte sie eine Arbeit auf dem Standesamt von Ulmet gefunden. Dort in Ulmet auf der Brücke über den Glan soll sie ihren späteren Mann kennen gelernt haben.

Am 13. August 1959 heirateten die beiden in Kaiserslautern. Die Arbeit ihres Mannes brachte der Familie manchen Wohnungswechsel. Der erste führte das Ehepaar nach Trier. In die Sternstraße 1. In dieser Phase wurde den beiden am 14. September 1963 die Tochter Ursula geschenkt. Ehemann Helmut arbeitete auf der E-Stelle. Die Wohnung „Am Weidengraben“ ab 1967 lag dichter am Arbeitsplatz. Von 1968 bis 69 bot sich die Gelegenheit, erst in Alaska, dann in New Mexico Militärlastwagen zu erproben und mit der Familie dort zu leben. Idas Englisch half mancher deutschen Kollegenfrau bei Ämtergängen.

Dann wurde die Tochter Uschi eingeschult und die Familie lebte wieder in Trier. Das war 1970. Zwei Jahre später konnte Idas Mann sich den Lebenstraum eines eigenen Hauses erfüllen. Und dies, weil Ostflüchtlingen mit landwirtschaftlichem Hintergrund ein besonders günstiger Bundeskredit angeboten wurde. Wieder bestimmte Idas Herkunft ihr Leben. Denn nicht alle Bezüge zur verlorenen Heimat sind überschattet von Verlustgedanken und Fremdheitsgefühl.

Ida wertete es als positive Mitgift, dass sie zunächst im Architekturbüro „Konder und Partner“, später bei „Wenzel und Hardt“ gerade mit polnischen Restauratoren in deren Muttersprache kommunizieren konnte, Männern, die für die Domrestauration nach Deutschland gekommen waren.

Immer wieder gibt es diese Bezüge zur Heimat, dieses sowohl polnisch als auch deutsch, diese Doppelständigkeit, die schließlich auch in der Zeit nach dem Tod ihres Mannes, 2006, bedeutsam wurde. Ihre Demenz wurde diagnostiziert und Pflege wurde nötig. Diese Pflege kam aus Polen.

Ihr Leben liegt wie eine Kurve vor uns. In deren abflachendem Verlauf spricht sie am Ende ihres Lebens wieder Polnisch, ihre letzten verständlichen Worte sagte sie in der Sprache ihrer verlorenen Heimat.

Der Verlust der Sprache schließt den Kreis ihres Lieblingsbibelwortes, einer Jesusweisheit über die Bedeutung der Sprache als Verbindung der Menschen, die Bedeutung des (Gottes-)Wortes für das Leben.

 

Nun, Gott hat verheißen, die Verluste und das Bruchstückhafte von Idas Leben zu heilen. Das ist uns allen versprochen. Heute, wo das, was wir nachzusehen haben in Vergebung und mit Vervollkommnung aufgehoben ist, mag er ihr in den Ohren klingen mit seinem Schöpferwort vom ewigen Leben, in dem alles zurecht gebracht ist – und mögen ihr auch ihre Augen übergehen dort, wo ihr das ewige Licht leuchtet. Amen.

als Jesus einmal Urlaub machen wollte

Allerheiligen 2017

 

Ich weiß nicht, wie viel Wert Ihnen Ihr Urlaub ist.

 

Meiner ist mir sehr wichtig, weil er mir erlaubt, alle Aufmerksamkeit, jede Anspannung, was nun als nächstes passieren könnte und zu tun sein wird, herunter zu fahren. Am besten fahre ich im Urlaub weg, verlasse das Pfarrhaus. Denn es passiert immer wieder, dass trotz besprochenem Anrufbeantworter, dass trotz out-of-office-response irgend jemand einfach vor der Tür steht und klingelt. So ging es mir vor kurzem im letzten Urlaub. Wieder einmal riskierten wir es, die freien Tage zu Hause zu verbringen. Zumal meine Frau am Fuß operiert worden und nicht gut zu Fuß war. Prompt klingelte mein privates Handy. Und ein Bekannter war am Telefon, mit dessen Arbeit ich beruflich zu tun habe.

Der Mann hatte große Probleme. Die Weiterbeschäftigung an seinem Arbeitsplatz war akut gefährdet. Er bat mich um Beratung. Wir verabredeten uns.

Wir sortierten also auf einem gemeinsamen Spaziergang seine Gedanken. Wir buchstabierten seine Möglichkeiten durch. Gleichzeitig versuchte ich ihm klar zu machen, dass er selbst durch sein Verhalten seine Stelle gefährdet hatte und niemand anderem die Schuld geben konnte. So etwas ist Arbeit. Gern hätte ich ihm noch mehr aufbauende Zuwendung gegeben, denn er war am Boden zerstört. Dann kam die arbeitsrechtliche Entscheidung, die wie erwartet hart für ihn war.

Ich hörte ihm zu und bat ihn schließlich, mit dem nächsten Gespräch nach meinem Urlaub zu warten.

 

Von seinem ersten Anruf in meinen Urlaub hinein bis zu dieser Abgrenzung musste ich immer wieder an eine Geschichte in der Bibel denken. Im Markusevangelium steht:

 

Von da brach er auf und zog in das Gebiet von Tyrus. Dort zog er sich in ein Haus zurück und niemand sollte das wissen.

Aber es blieb nicht unentdeckt. Im Gegenteil: eine Griechin aus Phönizien hatte davon gehört, deren Töchterlein unter einem unreinen Geist litt. Diese Frau suchte ihn nun auf und bat, er möge den Daimon aus ihrer Tochter austreiben.

Doch er wollte sie abfertigen und sprach: „Lasst zuerst die Kinder satt werden. Denn es ist nicht recht, der Kinder Brot zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Doch sie erwiderte: „Gewiss, Herr. Aber auch die Hunde unter dem Tisch fressen von den Brosamen der Kinder.“

Da sagte er zu ihr: „Um dieses Wortes willen geh hin: der Daimon ist aus deiner Tochter ausgefahren!“ Sie ging nach Hause. Und tatsächlich, sie fand die Tochter auf dem Bette liegen; der Daimon war von ihr ausgefahren. eÜ

 

Der Ort Tyrus liegt nicht in Israel. Er liegt im Ausland. Jesus macht nichts anderes, als wir für gewöhnlich tun, wenn wir über die Grenze nach Österreich reisen, um dort Erholung zu suchen.

Jesus reist ins Ausland, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. Schon einmal vorher berichtet Markus, habe Jesus die Bewohner eines Dorfes einfach stehen lassen und sei mit einem Boot fort gefahren. Er braucht das, diesen Abstand vom Alltag und seinen Anstrengungen. Er braucht den Rückzug und die Sammlung.

 

Für Jesus war es wichtig in den Jahren seiner Berufung zu zeigen, dass es einen Ort auf der Welt gibt, in dem man menschlich richtig vor Gott lebt. Er wollte, dass dies in Israel geschieht. Außerhalb dieses Gebietes erklärt er sich nicht zuständig für Gott. Er zieht sich zurück und will es niemanden wissen lassen.

 

Diese Sicht auf den urlaubsreifen Jesus widerspricht einer platten Definition dessen, was denn „sich heiligen“ heißt. Gemeinhin würden wir sagen: sich einzubringen bis zur Selbstaufgabe, das entspräche doch dem Vorbild Christi. An Ostern gipfelt diese Selbstzurückstellung in der Selbsthingabe am Kreuz.

 

Doch die Erzählung von Jesu Begegnung mit der syrophönizischen Frau in seinem Urlaub lenkt den Focus auf ein anderes Verständnis. Auf den lebendigen Menschen. Denn Leben heißt geben und auftanken, heißt einatmen und ausatmen.

In dieser Geschichte lehrt Jesus und lernt diese Frau, dass wir nur geben können, wenn wir auch auf uns selbst achten, wenn wir auch unser eigenes Wohlbefinden, unseren Akkustand im Auge behalten. Denn geben können wir nur, wenn wir auch etwas zu geben haben.

 

Dabei ist diese biblische Erzählung voll unerwarteter Dynamik.

Zunächst will der Mann aus Nazareth raus aus seiner Verantwortung, will nichts mit den Nöten der Menschen zu tun haben. Doch dieses spritzige Wortgefecht ändert seine Pläne. Der in seiner Ruhe aufgespürte und gestörte Jesus verwendet starke Worte, redet offensiv, will die Frau von sich weisen. Doch seine Gegnerin pariert intelligent. Denn die Not sitzt ihr im Nacken.

 

Wir lernen an dieser Stelle, dass Not international groß ist. Wir haben es schon in den Nachrichten wahrgenommen, die von den Flüchtlingen aus Myanmar berichteten. Um wie viel mehr verstehen wir angesichts der Flüchtlinge aus Syrien bei uns, dass Not länderübergreifend groß ist. Denn die Syrer sind bei uns angekommen und leben inzwischen hier mitten unter uns im Ruwertal mit ihren Geschichten von Krieg und Flucht.

In seiner Reaktion zeigt Jesus, dass er das versteht, dass ihn die Nachricht solcher übernationaler Not und überreligiöser Bedrückung erreicht und verändert. Er ändert seine Haltung.

 

Eine höchst interessante Notiz. Denn sie zeigt uns einen Menschen, der nicht festgefahren in seinem Ansatz ist, sondern eben ganz Mensch.

 

Aber nicht nur Jesus versteht die Not dieser Mutter, sondern auch umgekehrt kommt die Frau zu einer ihr Leben verändernden Einsicht. Es ist gerade das Bestehen Jesu auf seinen begrenzten Kräften und der Bemessenheit überhaupt, das für diese Frau aus Phönizien die wichtigste Wandlung mit sich bringt. Möglicherweise wurde ihr erst in diesem Augenblick deutlich, dass selbst derjenige, von dem sie alles erwartet, und den sie Retter und Heiland nennt, ein Recht hat, zu seinen Grenzen zu stehen.

Um wie viel mehr dann sie selbst: auch sie darf zu den Grenzen ihrer Verantwortung und ihrer Möglichkeiten stehen.

 

Er, dem wir für gewöhnlich alles zutrauen, der belehrt uns, dass der Mensch Grenzen hat.

 

So erhalten auch wir die Erlaubnis, sie einzuhalten.

 

Das kann heilsam sein.

 

Denn heute geht es um unsere Fähigkeit zu trauern. Auch hier geht es um unsere Kräfte und Grenzen.

Es geht um unser Vertrauen, dass niemand verloren geht: die nicht, deren Gräber wir heute besuchen und auch wir nicht, denen die Verstorbenen fehlen.

Die Geschichte lehrt uns zweierlei: wir dürfen gnädig mit uns umgehen und unseren begrenzten Fähigkeiten – und niemand fällt aus der Gemeinschaft Gottes, denn er wendet sich dem Bittenden oft ganz unverhofft zu.

 

Amen.

vom Primat der Seele über den Körper

14 Als sie zu den Jüngern zurückkamen, sahen sie diese inmitten einer großen Menschenmenge – von Schriftgelehrten in ein Streitgespräch verwickelt.

16 Er fragte sie: „Worum streitet ihr mit ihnen?“

17 Einer aus der Menge antwortete: „Meister, ich wollte hier meinen Sohn zu dir bringen, weil ein Geist in ihm steckt, der ihn der Sprache beraubt. 18 Und immer, wenn er ihn anfällt, zerrt er ihn hin und her, so daß er schäumt, mit den Zähnen mahlt und krampft. Nun habe ich zu deinen Jüngern gesagt, sie mögen ihn austreiben. Doch sie konnten es nicht!“ 19

Er antwortete ihnen: „O ihr ungläubiges Geschlecht, wie lange muß ich noch bei euch sein? Wie lange muß ich euch noch ertragen? Bringt ihn her zu mir!“ 20 Und sie brachten ihn zu ihm. Sowie ihn der Geist erblickte, krampfte er den Knaben zusammen und dieser stürzte zu Boden und wälzte sich schäumend hin und her. 21 Da fragte Jesus dessen Vater: „Wie lange geht das schon so mit ihm?“ Er antwortete: „Von Kindheit an! 22 Oft hat er ihn auch schon ins Feuer geworfen und ins Wasser, um ihn umzubringen. Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ 23 Jesus reagierte: „“Wenn du etwas kannst“ – wer glaubt, kann alles!“ 24 Sogleich schrie da der Vater des Kindes: „Ich möchte glauben! Hilf meinem Unglauben!“ 25 Als nun Jesus den Menschenauflauf sah, herrschte er den unreinen Geist an und sagte: „Du sprachloser, stummer Geist, ich gebiete dir: Fahre aus von ihm und kehre nie wieder in ihn zurück!“ 26 Da schrie er auf, krampfte ihn heftig zusammen und fuhr aus. Der Knabe lag dann wie tot, so daß viele Leute sagten: „Er ist gestorben.“ 27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er erhob sich.

28 Als er ins Haus gegangen war, fragten ihn seine Jünger, als sie mit ihm alleine waren: „Warum konnten wir ihn nicht austreiben?“ 29 Er sagte zu ihnen: „Diese Art weicht nur dem Gebet.“

 

Kaum kehrt Jesus vom Berg der Erleuchtung zurück in die Niedrungen menschlicher Alltäglichkeit, begegnen ihm hier auch wieder alle möglichen menschlichen Schwächen.

Wie dumme Jungs stehen sie da, die Jünger. Sie sind nicht in der Lage, Rede und Antwort zu stehen. Offensichtlich sind die Jünger in diesem Streitgespräch unterlegen, wie sie sich schon zuvor als unfähig erwiesen hatten, den epileptischen Jungen zu heilen.

 

Viele hier im Raum kennen das: das einem einfach manchmal die Worte fehlen. Z.B. weil etwas so anrührend ist. Oder aber vor Aufregung. Die Jünger kommen sich von den Schriftgelehrten examiniert vor. Ihnen fehlt es an der Gelassenheit. Das verschlägt ihnen die Sprache.

Das ist menschlich. Das geht uns in tiefer Trauer so und auch die Verliebten können ein Lied davon singen: wie tappen sie nur nach Bildern und Vergleichen, um etwas in Worte zu fassen, wofür ihnen eigentlich aber die Begriffe fehlen.

 

Stumm und sprachlos schließlich sei auch der Geist, der von dem Jungen ihn krankmachend Besitz ergriffen hat.

 

Es geht hier in dieser Perikope gleich mehrfach um Sprachlosigkeit. Es geht um die fehlende Erfahrung mit Lebensfragen und mit Gefühlen. Darum fehlt uns beim Betreten von Neuland oft der passende Begriff.

Im Grunde ist Jesus enttäuscht über seine Jünger, denn sie sind nun schon eine Weile an seiner Seite und Zeugen der Macht des Geistes. Er seufszt, weil er die Menschen immer wieder so ohnmächtig, so unfähig zum Glauben und zum Guten vorfindet.

 

Wenn da also die Jünger mit den Schriftgelehrten wortduellieren, dann stehen wir selbst neben ihnen in der Arena: unser Wort ist gefragt, das will uns diese Geschichte lehren. Unser Veto angesichts von Unrecht gegenüber Hilflosen, Rechtlosen und Mittellosen. Wo ist unsere Stimme für die Asylanten, unser Aufschrei angesichts der Flüchtlinge dieser Welt, die vor den deutschen Waffen aus ihrer Heimat fliehen? Wir selbst sind gefragt angesichts unserer Sprachlosigkeit, die eine Folge der Gedankenlosigkeit, der Bequemlichkeit und vielleicht auch der Reizüberflutung ist. Hier liegt die Moral, die jeden Hörer dieser biblischen Geschichte angeht.

 

Sodann geht es um einen ganz speziellen Fall von Wortlosigkeit. Einen biographischen Casus. Es ist die Geschichte dieses Vaters mit seinem Sohn und die dieses Sohnes mit seinem Vater. Ein Drama hat sich entwickelt und aufgeschaukelt aus der fehlenden Aussprache, aus dem versäumten Aussprechen dessen, was die Betroffenen bewegt und führt so zur Krankheit, die unser Text so treffend beschreibt. Es ist eindeutig Epilepsie mit ihren Krämpfen, dem Schaum vor dem Mund und all der Angst vor den Anfällen.

 

So plötzlich diese Anfälle ihr Opfer niederwerfen, und so sehr sie ihre Opfer wie ein Blitz aus heiterem Himmel ereilen, sie sind doch untrennbar mit der sozialen Umwelt des Kranken verbunden.

„Erbarme dich über u n s“, ruft der Vater, der mindestens ebenso betroffen ist wie der kranke Sohn.

So steht z.B. in der Ausgabe des WEG (8/96)von einem Epilepsiekranken namens Thomas: „Die Ärzte hatten ihm zwar die Diagnose Epilepsie mitgeteilt, aber er wußte trotzdem nicht viel über seine Krankheit. Bis sie ihn plötzlich bei vollem Bewußstein erwischte. „Mein Gehirn war wie gespalten,“ erinnert sich der junge Mann. „Einerseits erlebte ich meinen eigenen Anfall, andererseits beobachtete ich meine Umwelt. Das war einfach schrecklich.“ Thomas spürte die Gewalt des Krampfes und sah dabei in die erschreckten, zum Teil angewiderten Gesichter der Passanten. Von nun an spielten sich die immer gleichen Szenen ab: erst die Panik, dann der Anfall, dann das Entsetzen der anderen. „Er, der Anfall, liebte die Öffentlichkeit oder meinen Anbeitsplatz. Er trat nur noch dort auf. Um es überspitzt zu sagen: meine Anfälle brauchen Publikum.“

 

Im Fall des biblischen Epileptikers ist es der Vater, der besonders mit dem Schicksal des Kindes und mit den immer wiederkehrenden Anfällen verbunden ist.

Seit Kindheit an sei der Junge anfallskrank. Seit vielen Jahren also immer das hin und her zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das hin neuer Gebete und Versprechen an Gott, denn Epilepsie, lat. morbus sacer galt als heilige Krankheit – und das her offensichtlicher Zurückweisung durch den Höchsten.

Angesichts der erbsenzählerischen Kargheit an Worten des Markusevangeliums will die eigens erwähnte Frage Jesu nach der Dauer der Erkrankung etwas bedeuten.

Die Bitte des Vaters um Heilung durch Jünger und dann Jesus hat offensichtlich ein ebenso langes wie zermürbendes Vorspiel gehabt. Mit jedem neuen Anfall, mit jeder neu erfahrenen Hilflosigkeit mag die Angst, die Erklärungslosigkeit und irgendwann auch die Wut des Vaters gewachsen sein.

Durch seine Ohnmacht wird die Fürsorge nicht nur in Entsetzen, sondern auch in Wut dem Sohn gegenüber verwandelt worden sein.

Der Junge seinerseits nimmt die Doppelgesichtigkeit des Vaters wahr. Er weiß, daß es an ihm liegt, auf welcher Seite der Gefühlswechselbäder der Vater sich gerade befindet, ob auf der Seite der Zuversicht oder der Verzweiflung. Doch er mag sich noch so unter diesem Vorsatz anspannen, es gelingt ihm nicht, dieser Verantwortung gerecht zu werden: im Gegenteil, je mehr er sich anstrengt, desto eher bricht das Blitzunwetter in seinem Gehirn wieder los.

Der Sohn spürt, daß ihn der Vater zwar „liebt“, doch nur unter der Bedingung, daß er gesund und normal ist.

Und je mehr er sich um Wohlgefallen bemüht, desto mehr scheint er den Teufel im Leib zu haben.

So leuchtet uns ein, daß er seine Aggression schließlich gegen sich selbst wendet. Die zerstörerische Krankheit kommt ihm gerade recht. Sie ist nicht nur das Loslassen, sondern auch die Genugtuung. Sich, den Unfähigen bestraft der Junge mit jedem Anfall ebenso, wie den Vater, der nicht bedingungslos liebt. Der Junge steht seinen Anfällen wie ein Süchtiger seiner Sucht gegenüber.

 

Dreh- und Angelpunkt ist das wohl nie ausgesprochene ambivalente Verhältnis des Vaters zu seinem Kind. Offensichtlich war nicht nur der Junge sprachlos in seiner Krankheit, sondern auch der Vater in einer Weise sprachunfähig, die krank macht!

Der Höhepunkt der Geschichte ist der Moment, in dem der Vater aufschreit. Das Heilungswunder Jesu setzt beim Vater an. Ihn führt Jesus aus seiner Haltung verzweifelter Larmoyanz und verheimlichter Aggression heraus. So unterbricht er den Teufelskreis zwischen Vater und Sohn.

 

Auch in dieser Geschichte stellt die Bibel einen psycho – sozialen Zusammenhang zwischen einer Krankheit und dem Umfeld des Erkrankten her. Sie tut das immer wieder, dass sie die psychosomatische Einheit einer Abweichung von der Norm als dynamischen Prozess verstehen lehrt. Ganz so, wie wir auch heute den Einfluss von außen auf Entstehen einer Krankheit und die innere Einstellung, nennen wir es den Glauben, auf die Heilung beobachten können.

 

Damals geschah folgendes:

Der an anderen orientierte schwache Glaube des Vaters wird zum Vertrauen eines Mannes, der in sich selbst ruht.

Und für den von unerfüllbarer Erwartungshaltung entlasteten Sohn kommt es zu totaler Entspannung. In dem Moment, als er sein altes Leben hinter sich läßt, wirkt er wie tot. Und dann, dann taucht er auf wie aus einem Traum und tritt ins Leben ein. An Jesu Hand richtet er sich auf.

 

Und für uns öffnet es eine Verständnisdimension, dass dieses griechische Wort für „Aufrichten“ dasselbe Wort (anestä) ist wie das für die österliche „Auferstehung“.

 

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

Gebet:

 

„Wann, Herr, haben wir endlich die Kraft, aufzustehen, aufzustehen gegen das Unrecht und unsere Stimme zu erheben gegen die Täter?

Wann, Herr, üben wir den Aufstand, den Aufstand gegen die Feigheit und Bequemlichkeit?

Wann endlich treten wir auf für Vergebung und Neuanfänge,

werden zu Anwälten des Lebens?

Wann endlich läßt Du uns alle verstehen, daß die Streitgespräche der Schriftgelehrten unsere Worte sind? Worte, die unseren Ängsten entsprechen und immer wieder neue Abergeister wecken. Geister, die gegen Deine Lebensfreude ihr „aber“ sprechen.

Wann werden wir die Kraft haben, uns von jeder Ideologie des Unlebens, von jeder koscheren Scheinwelt, von all unseren schriftgelehrten Bedenken, Ängsten und schließlich Besessenheiten zu befreien und in dieser Welt und Wirklichkeit kein ungläubiges Geschlecht mehr sein?

Wann, Herr, werden wir fähig zum Glauben und zum Guten?“

… die dicksten Kartoffeln

Erntedank

(Eine Schubkarre voll Grasschnitt vor dem Altar)

 

Haben Sie schon mal mit dem Grasschnitt Bodenunebenheiten auf ihrer Wiese ausgeglichen? Das ist leichter als mit Schippe und Schubkarre irgendwo Erde abzutragen und in die Mulden zu fahren. Schließlich will der Grasschnitt auch zu Erde werden.

Ich hab ´s getan. Und tatsächlich verfestigte sich die Muldenfüllung. Tatsächlich fing neues Gras an, dort zu wachsen, wo vorher Wühlmäuse wüteten oder ich einen Wurzelstock rausgenommen habe.

Doch dann kam die Sommerhitze. Die der ersten drei Augustwochen. Wenn Sie sich bitte an den fantastischen Sommer vor dem September erinnern. Das frische Gras, nun überall auf demselben Niveau wurde dort schnell welk, wo es auf den Schüttungen entstanden war.

Ich sah mir das Elend an. Und da fiel mir folgende Bibelstelle ein:

 

Jesus sprach zu den Menschen in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seine Saat. Und während er arbeitete, fiel einiger Samen auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen´s auf. Und einiges fiel auf Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keinen tiefen Wurzelgrund hatte. Und einiges fiel unter die Dornen; und die wuchsen schneller und erstickten es. Anderes aber fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.

Und Jesus sagte: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

Die Bibel lehrt uns Wahrheiten für unser geistliches Leben durch die Blume. Sie sagt sie uns mit der Evidenz der Erfahrung, mit der Überzeugungskraft eben des praktischen Lebens, aus dem sie ihre Bilder entlehnt.

 

Da hatte ich den Salat. Schöne Idee, wenig Mühe und schneller, scheinbar guter Erfolg. Ich blickte auf die braune Stelle im Rasen. Ein Desaster.

Schon das Schicksal des ersten Saatauswurfs hätte einen stutzig machen können. Das sind die, die auf die breite Straße des Lebens gefallen sind. Menschen im Strom, im Trend der Zeit. Sie fragen danach, was angesagt, was chic, was in ist. Religion spricht sie nur an, wo diese im Blick auf Selbstdarstellung etwas zu sagen hat, bei Hochzeiten beispielsweise – im Blick auf Tiefe, auf Geistigkeit, auf Besinnung erscheint ihnen Glaube als ein abgelegenes Feld. Abwegig im eigentlichen Sinne. Für diesen Typus liegt das, was zählt vor einem. Der Weg ist vorgegeben. Es ist sozusagen der Strom der Zeit, der sie mitreißt wie tote Fische. Und sei es durch die Medien, die alltägliche Reklame. Das sind die Samenkörner, die die Vögel fressen. Stimmvieh sind sie, denn die sogenannten Fake-News sind genau auf ihre Weltanschauung abgestimmt, um ihr Wahlverhalten zu bestimmen. Sie tun, was opportun ist. Die großen Vögel haben sie zum Fressen gern.

 

Und dann kommt der Vergleich, der mich als Gärtner hätte warnen können. Es ist von denen die Rede, die keinen tiefen Wurzelgrund gefunden haben. Menschen, die den Weg des geringsten Widertandes wählen. Dabei können Pflanzen Teerdecken aufsprengen und Wurzeln Fundamente brechen. Diese hier aber bemühen sich nicht, sie geben sich mit dem schnellen Fressen, dem Fastfood zufrieden, der dünnen Erdschicht, die der Wind in irgendwelche Bodenunebenheiten geweht hat. Sie nehmen was kommt. Die Beliebigen. Sie haben kein eigenes Profil. Der Volksmund sagt von Ihnen: nur eine Null hat keine Ecken. Sie sind ohne Ecken und Kanten. Sie sind im eigentlichen Sinne gar nicht.

Denn wenn es mal heiß hergeht, dann versagen sie.

 

Wie gewinnen wir Tiefe?

Keine Frage, wir lernen unter Schmerzen. Wir lernen z.B. am Verhalten anderer uns gegenüber wie wir es gern hätten oder wie gar nicht. Gut gelitten sind die dran, die das umsetzen können. Glücklicher noch die, denen die Eltern liebevoll das Leben mit allen Konsequenzen vorleben. Das ist eine der Lehren aus dem Gleichnis. Denn das können wir, dem Sämann den Boden vorzubereiten. Humus ausbringen, unterpflügen, Zwischensaaten säen und einarbeiten. Mutterboden verbessern eben. Der Same aber wächst von allein, wie es im ersten Gleichnis heißt.

 

Diesen Umstand bewundern wir am heutigen Erntedanktag: das Geheimnis der selbstwachsenden Saat. Für die unerwarteten Ernten danken wir. Und für die unverdienten. Erntedank ist der Feiertag der Bescheidenen.

 

Am Einbringen sind wir nur am Ende mit der Sichel und ganz am Anfang eben beteiligt. Den Boden bereiten, das ist alles, was wir beitragen können. Nicht mit faulen Tricks wie dem mit dem Grasschnitt in die Bodenunebenheiten. Denn deren Frucht hält der Wahrheit des Lebens, ihren Hitzezeiten und den Kälteperioden nicht stand.

Belastbare Vorarbeit, liebe Gemeinde, ist Kärrnerarbeit, mühselige Kleinarbeit. Das Auswählen, Vorleben (!) und Vortragen der guten Beispiele und Geschichten für unsere Kinder und Enkel, die Märchen und Gute Nacht Geschichten, die biblischen Figuren für die Lebenswelt und Glaubensvorstellung der nächsten Generationen;

das Herbeibuckeln von Mutterboden, also das miteinander Basteln, Arbeiten und Bedenken, das Befragen und Interpretieren von Ereignissen, Widerfahrnissen der Gegenwart, eben der deutschen Geschichte von morgen;

die Feldarbeit, das ist das Unkrautzupfen, das jedes Schuljahr und jedes Lebensjahr, meinetwegen auch das Vegetationsjahr gute Bedingungen schafft.

 

Keine leichte Schulter, keine faulen Tricks, wie diese hier in der Schubkarre.

Wie nah die Bibel mit ihren Texten am Puls und an der Wahrheit unseres eigenen Lebens ist, das offenbart dieses Jesuswort für den heutigen Tag.

Es spricht von der großen Spannbreite des Glücks beim Leben. Und von der handbreit Verantwortung, die wir dabei haben.

Wir sind Handlanger des Lebens. Vielleicht zum Glück können wir nicht alles machen, nicht alles steuern und manipulieren.

Das Wunder der selbstwachsenden Saat wird uns jenseits unserer Bemühungen geschenkt. Das, was wir eigentlich zum Leben brauchen, die Liebe anderer Menschen, das fällt uns einfach zu. Hundertfach empfangen wir, dürfen wir ernten.

Heute sind wir uns dessen bewusst und unendlich dankbar dafür.

 

Amen

 

Liebe lässt gelten

Traueransprache für Margret Jahns, geb. Möller

am 28.08.2017 im GHG

über Joh 14, 1 – 6

 

Auch wenn wir heute singen „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“ – wir Menschen sind keine Augenblickswesen. Denn Identität gibt es nicht ohne Geschichte, und Zukunft braucht Herkunft. Wir leben zwar hier und jetzt, aber wir sind bestimmt durch Ideen und Ideale und geprägt durch unsere Vergangenheit. Sie bestimmt unsere Gegenwart.

 

So sagen wir z.B. vom ewig dickfelligen, unerschütterlichen Charakter, er habe als Kind genügend Muttermilch erhalten. Auch andere Charakterzüge führt der Volksmund auf frühkindliche Umstände zurück.

 

Wir alle haben durch Leben, Schicksal und Verhalten unserer Eltern, die politischen Umstände Prägungen in unsere eigene Entwicklung geschrieben bekommen.

So fiel mir das Bild ein, dass Ihr Vater, der in seinem Erstberuf Küfer war, seine Ordnungsvorstellungen wie Fassreifen über die Seinen getrieben hat. Sein Werterigorismus und Kontrollzwang haben seine Frau ebenso geprägt, wie sie den Frohsinn der Kinder beschnitten hat im Sinne von Anpassung.

Die Mitgift ihrer Mutter dagegen ist vielfältig. Sie reicht in einer Breite von der Liebe zur Natur über die zur Freiheit hin zum Stolz der Selbständigkeit. Das Selbstbewusstsein dieser Frau ist keinesfalls unbeeinflusst durch die Alkoholabhängigkeit ihres eigenen Vater. Dieser, häufig arbeitslos, war den Kinder, Margret allzumal nah, denn er war im häufiger im Haus als die Mutter, und Margrets Zuneigung und Verantwortungsgefühl, ja ihre Identifizierung mit dem Vater zeigte ihr einen ebenso langen wie schmerzlichen Lernweg vor.

 

Margret ist in ihren Vorlieben ebenso wie in ihren Schwächen wie jeder Mensch geprägt durch die Gene, Charaktere, das Vorbild und Schicksal der Eltern und ihrer Familie. Zwei tiefe Narben neben vielen wunderbaren Eindrücken sind in ihrer Biografie unübersehbar. Die erste ist der Verlust ihrer Zwillingsschwester Hildegard. Beide Fünfjährige waren 1940 an Diphterie erkrankt. Margret genas, Hildegard erlag der Krankheit. Und es ist, also ob Margret seither nach ihrer anderen Hälfte suche, als sei durch den Verlust des Zwillings ein Stück von ihr selbst genommen.

Suche bleibt seit diesen Kindertagen Programm in ihrem Leben. Suche nach Vervollkommnung, nach Heimat, nach Eigenständigkeit, nach Glück. Die Schatten dieses Ergänzungswillens sind die Selbstzweifel, nach denen sie sich am liebsten aus der Welt nehmen würde.

Ehe, der elterliche Garten, Kinder und eigene Familie sind sicher Glück für sie, doch die Antwort auf die offene Lebensfrage, die Sehnsucht nach Wiedervereinigung der Seelen, die Sehnsucht nach lebendiger Gemeinsamkeit können sie nicht stillen.

 

Das zweite Trauma reimt sich auf das erste. Das Zerbrechen der Ehe. Für sie ist die Abgrenzung, die Enge, auch das Kontrollbedürfnis ihres Mannes aus Misstrauen nicht nachvollziehbar. So gleicht sich für sie der Verlust der Einheit, der Ehe mit dem Verlust der Schwester.

Nicht nachvollziehbar ist ihr, der lebensfrohen Frau, jene Angst, denn sie traut umgekehrt anderen Menschen viel zu. Sie kann gelten lassen. Sie ist bestimmt von sozialer Toleranz. Haltungen, von denen wir heute lernen können.

Denn sind nicht gerade heute die Enge, der Glaube, im Besitz der Wahrheit zu sein, die Skepsis statt der Neugier allem Fremden und allen Fremden gegenüber das Ferment in diesem Lande ebenso wie im Nahen Osten, das in der Gesellschaft Unfrieden sät?

Margret war da ganz anders.

Sie liebte das Leben. Im Singen und Tanzen drückte sie diese Freude zuallererst aus. Aus langen Wanderungen durch die Natur zog sie Lebenskraft, brachte sich ein Blümchen, ein Erinnerungsstück aus diesen frohen Stunden mit zurück in ihr jeweiliges Wohngehäuse.

Sie liebte überhaupt. Zuallererst die Kinder. Und wer liebt, kann lassen. Sie ließ ihre Kinder, ihre Entscheidungen, ihre Lebenswege gelten. Sie tat nach Kräften das beste dazu, kämpfte für den höchsten Schulabschluss und dann den Universitätszugang für ihre Tochter. Eine Innovation in der Familie. Sie scheute aus Überzeugung zu den Gaben der Kinder den Bruch mit der Tradition nicht. So wie sie Neues wagte, war sie überhaupt eine wenn auch vielleicht unbeabsichtigte aber überzeugte Freundin der Emanzipation – und zahlte dafür mit dem Scheitern ihrer Ehe.

Von ihrer Mutter hatte sie das Bild im Herzen, dass eine Frau eine Familie ernähren kann. Nun legte sie selbst sehr viel Wert auf Selbständigkeit und eigenes Leben, auf eigenen Beruf und eigenes Geld. So hoffte sie, der sozialen Kontrolle und der Fremdbestimmtheit zu entkommen. Darum bildete sie sich 1971/72 zur Stenokontoristin aus. Was bis 1977 voll berufstätig bei Caramba-Chemie in Duisburg und bis zum Ruhestand 1996 bei Klöckner Industrie-Anlagen daselbst.

Sie wissen um die Schwierigkeiten und das Auf und Ab ihres Seelenlebens in diesen Jahren. Wir dürfen aber nicht nur die psychosoziale Seite sehen sondern heute auch würdigen, was Margret in den Endachtundsechzigern und danach mit ihrem Lebensbeispiel vorlebte und leistete.

 

Solch ein Mensch ist selten ein einfaches Gegenüber. Ihre Lieben hat sie nicht nur mit der Durchsetzung des Gymnasiumbesuchs gefördert sondern mit ihrer Art gefordert. Ihre eigene Unvollkommenheit blieb eine ständige Herausforderung.

Das Greifen nach Angehörigen, die schwierigen Anrufe, die offenkundige Sehnsucht nach den anderen, dabei das Überschreiten von Grenzen, machte sie zu einem schwierigen Gesprächspartner. Sie provoziert so Rückzug der anderen und manche schlaflose Nacht, Gedanken bis heute darüber, wie man ihr hätte entgegenkommen können.

 

Doch die Antwort hat sie in ihrem Leben und mit ihrer Haltung selbst gegeben. Wer liebt, kann lassen. Sie hat Sie geliebt, also angenommen, dass Sie so sind, wie Sie sind und Ihr Leben so leben, wie Sie es eingerichtet haben. Margret hat selbst ja genau dazu gesagt. Liebe kann das.

 

Das Vermächtnis, das Margret mit auf den Lebensweg und für die Entwicklung ihrer Kinder und Kindeskinder gibt ist im Gegenteil: der Auftrag, sich treu zu sein, vor sich bestehen zu können, die eigene Unvollkommenheit, auch die Begrenztheit anzunehmen.

 

Denn abermals gilt: Zukunft braucht Herkunft. Und die ist immer begrenzt, bestimmt, definiert. Dazu gilt es sich zu verhalten. Das ist die Herausforderung von morgen.

 

U.a. im Blick auf die Trauer. Denn diese kann nicht mit einer Entscheidung be- oder geschlossen werden. Sie ist ein Prozess. Und der braucht Zeit. Oder in den Worten von Margret: In Ruhe abwarten und Tee trinken, also geschehen lassen. Dann verfliegen die Schatten der Nacht. Zum Zeichen für diese Wahrheit werden wir den Gottesdienst am Ende mit der Komposition von Cat Stevens „Morning has broken“ beschließen, zum Zeichen, dass Gott JA zu uns gesagt hat, ein JA, das über die irdische Zeit hinaus gilt, zum Zeichen, dass auf Dunkelheit sein Licht folgt.

 

Ein jeder von uns ist ein guter Gedanke Gottes. Also solcher bleiben wir vor ihm, dem Ewigen lebendig, auch wenn wir hier zeitlich sind.

 

Amen

 

Von der Sehnsucht nach Zusammensein mit anderen geliebten Menschen; von der Sehnsucht nach Zusammensein im Angesicht Gottes spricht der Bibeltext, in dem Jesus Erfüllung denen verheißt, die nach Heimat, die nach Gemeinschaft, die nach Freude auf der Suche sind: Lesung von Joh 14, 1 – 6.

Sonnenstich

Predigt über Apg 9, 1 – 20

gehalten am: 03. September 2017 in: Gusterath (AM)

Wir lernen in den biblischen Geschichten viele Charaktere kennen. Paulus und Barnabas wurden in der Lesung wider willen zu Helden gemacht. Wie Menschen mit aufgedrängtem Ruhm umgehen, ist eine andere Predigt wert. In dieser Perikope hier lernen wir Paulus von seiner vorhergehenden Lebensphase kennen. Wir dürfen, ja wir müssen bei der Auslegung den beschriebenen Persönlichkeiten hinter die Stirn, in ihre Seele, auf ihr Leben schauen, dann erkennen wir, dass die Beschriebenen unsere Geschwister, Ebenbilder sind; und wir können von ihnen und ihrem Schicksal lernen.

Anders blieben die biblischen Erzählungen eine Sammlung von schönen Gute-Nacht-Geschichten. Blieben stumm und irrelevant.

 

Vom jungen Mann Paulus berichtet bereits das 7. Kapitel der Apostelgeschichte. Dort wird er Zeuge der Hinrichtung eines Menschen. Der bekennende Christ Stephanus wird von einer fanatischen Menge gesteinigt. Inwieweit Saulus-Paulus beim Hochkochen der Volkswut mit angestachelt hat, geht in diesem Stadium nicht hervor. Aber es steht geschrieben, dass er Gefallen an seinem Tode gehabt habe.

 

Der junge Mann Paulus wird Zeuge, wie der Märtyrer mit letztem Atem Gott bittet, die Sünde seiner Ermordung den Tätern nicht zuzurechnen. Ein Christ also ganz in der Gefolgschaft des Gekreuzigten, der ebenso Gott um Gnade für die Täter gebeten und zu Lebzeiten Feindesliebe gepredigt hatte.

 

Saulus ist ein Rechtgläubiger. Sektierer sind ihm zuwider. Seine Art von Überzeugung hat etwas Rechthaberisches. Tolerant ist es jedenfalls nicht, dass er nach Kapitel 8 die Menschen der jungen Gemeinde denunzierte und Verhaftungen veranlasste.

 

In diesem, dem 9. Kapitel hat er die Blockwartmentalität hinter sich gelassen und seine Ausschließlichkeitsgedanken haben ihn zum aktiven Verfolger, zum Täter werden lassen. Er hat Vollmachten erwirkt, in Damaskus Christen aufzuspüren und zu verhaften, um sie in Jerusalem dann dem Gericht vorzuführen. Ein überzeugter Wahrheitsbesitzer, der durch eine immer härtere Haltung zum Kopf des Pogroms gegen die vermeintlichen exjüdischen Sektierer, die Christen geworden ist.

 

Auf dem Weg zu dieser neusten Kampagne hört er eine Stimme. Die anderen hören sie nicht, nur den sprechenden Paulus. Es mag die laut gewordene Stimme seines Gewissens gewesen sein, durch das Gott ihn nun einbremst.

Das letzte Stöhnen eines Gerechten, eines Menschen, den der Jüngling Paulus hat verrecken sehen, die Fürbitte des milden Heiligen Stephanus für die Täter, seine letzten Worte werden nicht ohne Spuren in Pauli Seelenleben geblieben sein.

Aber es ist typisch menschlich, dass er dieser Stimme in sich kein Gehör schenkt. Im Gegenteil, wir neigen dazu diese innere Stimme zu übertönen, wenn sie sich anschickt, uns auf andere Geleise setzen zu wollen. Wir reagieren oft heftig und mit vermehrter Anstrengung, um uns nicht ändern zu müssen. Das Beharrungsvermögen der Gravitation. Mit Schnauben und Wüten eskaliert der Aktionismus eines Paulus, typisch Mensch eben, einer, der sich in Frage gestellt fühlt, ohne das zulassen zu können.

 

Jetzt in der Stille der Natur, inmitten eines Reiseweges durch die Einöde wird die unterdrückte Stimme auf einmal laut: Warum verfolgst du mich? Da ist die Geschichte auf einmal wieder präsent.

Warum tust du das? Vermeintlich engagiert für die Orthodoxie, tust du doch das Gegenteil: reines Unrecht. Du hast Dreck am Stecken, Saul!

Diese direkte Konfrontation hebt den Mann aus dem Sattel, wie von der Sonne gestochen fällt er in den Sand.

Dass er fortan blind ist darf man psychologisch oder symbolisch verstehen. Er hat die Orientierung verloren. Er weiß nicht mehr, was richtig ist und wohin. Und symbolisch vielleicht seine Selbsterkenntnis, dass er bis zu diesem Augenblick blind gewesen sei. Das darf auch als Gär- oder Genesungsprozess verstanden werden, denn so heißt es: seine Blindheit dauerte drei Tage an.

Seine physikalischen Augen vollziehen nach, was sein inneres Auge erlebt hat, sein Nichtsehenwollen der Tatsachen. Dass er gütige und liebevolle Menschen verfolgt hat. Wie Kinder sich die Augen zuhalten und meinen, nun nicht mehr gesehen zu werden, so macht dieser Denunziant und Inquisitor jetzt die Augen zu vor der Größe der Einsicht. Im Sinne der moralischen Selbstbehauptung ist das völlig verständlich.

So führen ihn nun zunächst andere.

Paulus hat den Aktionismus ad acta gelegt.

Er hat sich überhaupt zurückgezogen, zurückgezogen aus einer Welt, in der er viel Unrecht und Leid angerichtet hatte. Abgekehrt von einer Gemeinschaft, in der hysterische Massen sich die Ohren zuhielten, weil sie Andersdenkender Meinung nicht ertrugen, in der sie die Verkündiger töteten, weil sie meinten, deren Wahrheit und Worte damit zum Schweigen bringen zu können.

 

Erst der aktive Kontakt anderer, die Auflegung der Hände durch Hananias, holt ihn in das gemeinschaftliche Leben wieder zurück. Jetzt steht er auf der anderen Seite. Auf der Seite der Verfolgten.

Und wie so oft sind Konvertiten besonders eifrige Vertreter ihres nun als richtig erkannten Weges. Mit derselben Emphase verkündigt Paulus danach die christliche Lehre, mit der er sie zuvor verdammt hatte.

 

Wir verstehen Lebenswege oft ebenfalls im Nachhinein, wir lesen auch diese Geschichte von ihrem guten Ausgang her. „Er ist mein auserwähltes Werkzeug, damit er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel“, lässt uns Sinn sehen in einer Phase der Konvergenz, in der der Betroffene zunächst die Orientierung völlig verloren hatte.

„Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen“, erklärt post festum die Warumfrage des Leidens mit Sinn und guter Absicht Gottes.

 

Das kann die eigene Warumfrage nicht beantworten. Dazu bedarf es einfach der Geduld, wenn Einsicht und Weitblick – um im Bilde der vorübergehenden Blindheit zu bleiben – abhanden gekommen sind. Bis jemand kommt, der uns hilft, die Augen zu öffnen.

So wie es die annehmende Nähe eines Du ist, die Paulus zur Einsicht verhilft.

 

Es geht um die Einsicht in die unheilige Allianz von Glaube und Gewalt. In den Irrtum der Ausschließlichkeit. In die Rechthaberei. Es geht um die Erkenntnis des eigenen Fanatismus. Der eigenen Enge.

Und lässt das nicht nur uns in die Seele schauen sondern auch den „Brüdern“, wie Hananias den ehemaligen Häscher freundlich nennt, den Brüdern von heute in Damaskus, in Aleppo, in Donezk, wo gelyncht und gefoltert wird, wo das Andersdenken mit dem Tode bezahlt wird.

 

Anstrengung, die es weniger richten will, die mehr zuhört, könnte ein guter Anfang sein. Im Reformationsjubiläumsjahr soll Luther das letzte Wort haben: der Mensch wird vor Gott gerecht ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Hier schließt sich der Kreis und wir kommen beim Märtyrer Stephanus raus, bei dem wir begonnen haben, einem milden Christen, der auf jeden Zwang aus Überzeugung verzichtete. Weniger Gesetzlichkeit, mehr Offenheit. Das Gegenbild eines Eiferers. Ein Gegenbild im Christentum auch zum später so oft immer noch übereifrigen Saulus-Paulus.

 

Amen.

 

Liebe auf das erste Wort

Trauansprache für Dörthe Ernst und Niklas Alexander Stein

am 15. 07. 2017 in der Konstantinbasilika zu Trier

über Hebr. 10, 24

 

„… und lasset uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken“

 

Ja, gibt es denn das, liebe Festgemeinde: Liebe auf das erste Wort?

In einer Bildergesellschaft soll das Wort lebensentscheidend und bestimmend sein und nicht der Blick? Und das zwischen Menschen, die der Altmeister Goethe schon als Augenwesen definiert hat und in einer Welt, die sich inzwischen trotz aller Multimedialität zu einer dominanten Bilderwelt gemausert hat?

Für Dörthe und Niklas und aus diesem Grund für uns alle heute ist das Hören auf die Worte des anderen bestimmend geworden. Wir Gäste und begleitenden Freunde hoffen und hören auf ein Ja, für Euch beide liegt dies in der Evidenz Eures bisherigen Hörens aufeinander. Das begonnen hat auf dem Liederwettbewerb 2014, genau genommen mit der Wortwahl von Niklas bei seiner Vorstellung Dir gegenüber. Die hat Dich ihn entdecken lassen.

 

Aufhorchen, ganz Ohr sein!, das kennen wir.

 

Ein aufmerksam Werden, das aus der visuellen Blindheit befreit. Denn die leidige Regentschaft des Sehens in unserer Gesellschaft wird einmal mehr betont durch das Wort des Volksmundes, dass Liebe blind mache.

Hier irrt der Volksmund allerdings. Verliebtsein macht blind. Der Verliebte sieht gleichsam durch eine rosarote Brille, er sieht vor allem sich selbst und im Anderen sein Ergänzmich-Du. Dem fiebert der Verliebte entgegen. Liebe dagegen macht sehend. Der Liebende sieht den anderen wie er ist:

Du, Dörthe, siehst Niklas Freude an der Lyrik der Natur; und lässt Dich Deinerseits durch ihn anregen. Du, Niklas, schätzt Dörthes Bewegungsdrang hinaus in diese Natur; und nimmst Deinerseits die Herausforderung an, für Ziele dieses Stromerns und Endeckens zuständig sein zu wollen. Ihr habt die Definition gefunden: Dörthe ist fürs Unterwegssein und Niklas fürs Ankommen zuständig.

Für Dich, Dörthe, muss ein Garten Blumen hervorbringen, für Dich, Niklas, müssen in ihm zwei Bäume stehen, stark genug, eine Hängematte tragen zu können. Das schließt sich keinesfalls aus, und es wird die Kunst der nächsten Jahre sei, einen solchen Beziehungsgarten zu pflanzen, der eben bunt und nützlich zugleich ist. Das ist mit diesem gegenseitigen „Anspornen“, „Anregen“ Eures Trauspruchs gemeint.

Ergänzen in diesem Sinne wollen sich weiterhin auch Eure Neigungen zum Tanzen. Der eine bringt die Leidenschaft für Standard- , der andere die für lateinamerikanische Tänze mit. Beides wiederum gibt nur eine gute Figur ab, wenn Ihr die Aufforderung Pauli ernst nehmt, der sagt „lasst uns aufeinander achthaben“. Die Sensibilität für den anderen, der Wechsel von Führen und sich führen Lassen sind nun ein Bild für den wortlosen Ge-horsam im besten Sinne. Da steckt hören drin, hören können. Das ist der Sensus für das, was der andere zu sagen hat. Und das kann auch – um im Bilde zu bleiben – die Idee einer Figur beim Tanzen sein. Euer wortloses sich Verstehen beim Gesellschaftstanz verrät, dass es sich nicht nur um das gesprochene Wort handelt, sondern um den Geist, der hier Verbindung und Verstehen schafft. Der in Bewegung bringt und Euch miteinander fare una bella figura, eine gute Figur abgeben lässt.

 

In Eurer jungen Beziehung habt Ihr gleich die Probe aufs Exempel gemacht und eine ausgedehnte Reise durch Südamerika unternommen. Ziele zu finden und mit Ausdauer zu erreichen, das kann ebenso eine gelungene Metapher für Ehe sein. Weil sie wie ein Weg ist.

Das Unterwegssein selbst ist dabei das Ziel. Die Qualität dieses miteinander Strecke Machens. Das Seite-an-Seite-Stehen.

Und die Erkenntnisse über die Gaben und Bedürfnisse des anderen können dabei zielführend sein. Wieder bildlich zu verstehen, dass Niklas die Pausen und Aufenthalte neben dem Ziel wichtig sind, Dörthe dagegen der Fortschritt und die Bewegung. Der eine ein beschaulicher aber nicht minder akkurater Planer, die andere von möglicher Entwicklung und dem ahnungsvoll nächsten Eindruck angetrieben.

 

Es wird zu mitteln sein, was Euch beide bewegt und ausmacht. Und dazu bedarf es der Worte. Es bedarf der Erklärungen, mit denen Ihr Euch dem Du aufschließt. Und es bedarf immer wieder der Ohren, die diese Worte auch aufzunehmen bereit sind.

Und da haben wir sie wieder, die Liebe, die aus dem Wort geboren wird und auch den Ge-Horsam im wahren Wortsinn umfassen muss.

 

Aber noch etwas gibt Euch Euer Trauspruch mit auf den Weg. Er nennt es die „Liebe zu guten Werken“. Das übersteigt den einzelnen von Euch und auch Eure Zweisamkeit und öffnet den Blick dafür, dass wir durch den Einsatz für andere uns selbst geschenkt bekommen. Wohltuend befreit dieses Engagement von der Verengung auf sich. Wir bekommen nur, was wir verschenken, sagt eine Weisheit.

Diese Empfänger Eurer Aufmerksamkeit und Zuwendung sind andere, dritte, jenseits von Euch beiden. Ihr könnt verbunden sein im Anstreben dieser guten Werke. Das beginnt bei der Pflege der Freundschaften, geht über die Schnittmenge Eurer Hobbies und reicht zum Engagement der Nächstenliebe.

 

Nach all diesen schönen Wahrheiten als empfohlener Grundlage einer Beziehung spitzt sich meine Rede auf die entscheidende Frage zu,

was also ist das wichtigste für das Gelingen einer Ehe?

 

Die rechte Selbsterkenntnis?

Die Pflege der Zweisamkeit?

Die Selbstlosigkeit anderen gegenüber?

 

– Also das Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen.

– Die Pflege gemeinsamer Interessen, die Pfadfinder und das Tanzen.

– Oder die Gabe, Ziele außerhalb zu haben, um sich selbst so erst zu finden.

 

(untermalt durch den Zaubertrick mit drei ungleichlangen Seilen)

 

Sehen Sie, Ehe ist keine Zauberei; alle drei Ansätze sind gleich wichtig!

Amen

vergnügt – erlöst – befreit Konfirmation 2017

„Die Zeit rinnt mir durch die Finger“, Sie kennen diese Bildrede. Ich meine mit ihr heute nicht das Zeitfenster für diese Predigt, in der ich etwa soviel sagen möchte, dass es das Maß Ihrer Geduld überstiege. Nein, ich meine heute damit nicht weniger als unsere Lebenszeit. Sie ist gemeint mit der fließend-fliehenden Zeit. Eine Metapher, die Zeit und Wasser vergleicht.

Unhaltbar beides. Flüchtig.

 

Es kann Angst machen, dass ich die Zeit nicht festhalten kann. Vom Gegenteil spricht der 31. Psalm. Und darum kann sein Ansatz trösten. „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Sie geht genau so wenig verloren wie ich selbst. Kein Ablauf des Haltbarkeitsdatums.

Keine Frist.

Keine Hast.

 

Diese andere Sicht auf die Dinge hat der gläubige Liedermacher und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch in seine bekannte Übertragung dieses Psalms gefasst:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Gott nahm in seine Hände meine Zeit ...“

 

Die drei Adverbien „vergnügt“, „erlöst“, „befreit“ waren das Jahresmotto dieser Konfirmandengruppe, und sie sind am Ende ihrer Zeit Überschrift über diesem Festgottesdienst.

 

„erlöst“ – der Philosoph und Religionskritiker Friedrich Nietzsche stichelte: es fiele ihm leichter an der das Evangelium zu glauben, wenn die Christen erlöster aussähen.

Warum sehen sie denn nicht erlöst aus? Weil sie die Botschaft noch nicht verinnerlicht haben. Darum vielleicht hat Hüsch sie in seine Worte neu gefasst, denn sein Motto lautete: das Schwere, leicht gesagt.

Ja, Leichtigkeit kann einen überkommen, einen heben aus schweren Gedanken, wenn bewusst wird, dass wir – jeder – ein guter Gedanke Gottes sind. Dass wir vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben. Kein Moment geht verloren. Wider allen Anschein und wider das hektische Ticken der rasenden Atomuhren.

Unsere Zeit ist eingeschrieben in seine Hand. Keiner verlischt in Ewigkeit, darum „erlöst“. Vom Zwang, es selbst richten zu müssen.

 

Lebendig bleiben wir und unsere Zeit vor ihm. Das betrifft alle Zeiten, die guten, wie die schlechten. Der Psalter beschönigt nicht, im Gegenteil, er wird nicht müde beides zu besingen: die Hoffnung in der Not und den Dank nach der Rettung. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück“, diesen Vers aus dem 23. Psalm kennt fast jeder.

 

Ein wenig erlöster dürft Ihr ruhig aussehen, denn es ist wahr, dass Gott Euch im Auf und Ab des Lebens seine Hand anbietet. Und das haben wir vom KU-Team versucht, Euch nahe zu bringen: Wir beginnen unsere Suche nach Gott als Gefundene!

 

Darum beginnt der Ostersonntagsgottesdienst mit einem Witz. Weil Christen gut Lachen haben.

 

„vergnügt“-Sein ist allerdings nicht das Verb zum Nomen Vergnügen. Das ist „Vergnügen haben“ und bedeutet Spaß. Vergnügt sein dagegen ist eine Haltung. Auf diese reimt sich Humor. Er ist der Vater der Selbstdistanz, die dazu verhilft, dass bei aller Selbstkritik das „Ich Herr im Hause bleiben kann“, wie Sigmund Freud es beschrieben hat.

 

„befreit“, ein Kernwort der Bibel. Handelt sie doch von Befreiung vom Auszug der Kinder Israel an über die Propheten und ihre Worte von der Befreiung von ungerechter Herrschaft bis eben zu Jesus und seinen Heilungswundern, die geschehen, wenn der Mensch von seinen Ängsten, seinem fehlenden Vertrauen, dem sozialen Druck befreit wird.

 

Befreiung war auch eine Triebfeder der Reformation, deren 500 jähriger Initialzündung wir dieses Jahr gedenken. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“, schrieb Luther in „Die Freiheit eines Christenmenschen“. Und umgekehrt „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Also die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Gebundenheit, von Selbstbestimmung und Verantwortung.

Denn genau darum geht es auch hier wie so oft: um den Selbst- , den Welt- und den Gottesbezug.

Wir sind frei vom Zwang uns beweisen zu müssen, frei davon, uns messen lassen zu müssen. Christen müssen sich nicht selbst darstellen. Sie haben in sich genug Applaus und Annahme durch ihren Schöpfer.

Und gerade darum sind wir frei für die Zuwendung zu anderen, für Empathie und Nächstenliebe. Auf Reisen kann man das gut lernen, aber auch hier bei uns sehen: wer keine Angst um seine Habe hat, der ist ein guter Gastgeber. Und er wird umgekehrt beschenkt mit Ehrlichkeit und Menschlichkeit, die man für kein Geld kaufen kann.

Die drei bedingen sich gegenseitig: weil wir befreit sind, können wir zu erlösen helfen und miteinander vergnügt sein.

 

Das Wort „vergnügt“ kommt übrigens in der Bibel wörtlich so gar nicht vor. Doch als der Kämmerer aus dem Morgenland die Botschaft von Jesus verstanden hatte, als in seinem Herzen ankam, was Philippus ihm erzählte, da ließ er sich von ihm taufen. Und dann heißt es. „danach aber zog er seine Straße fröhlich“ (Apg. 8, 39).

Wenn Ihr heute Ja zu Eurer Taufe sagt, Euch konfirmieren lasst, dann mögt Ihr sodann ebenso „wohlgemut“ Eures Lebensweges ziehen.

 

Amen

Philine Zanders

Taufansprache

für

Livia Philine Zanders, geb. 27. 10. 2016

 

  1. April 2017,

Gnadenkirche, Bergisch Gladbach

 

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

so würde auch dort deine Hand mich leiten

und deine Rechte mich halten.

(Psalm 139, 9.10.)

 

Der Psalm ist ein literarisches Urlaubsfoto. Vielleicht eines irgendwo am Mittelmeer. Die Sonne färbt den Osthimmel rosa, marmoriert ihn mit Schleierwolken, die wie Engelsflügel in der Ätherschale schweben. Die rosenfingrige Eos, wie die alten Griechen singen konnten, markiert so den Ort, an dem sie aufgehen will. Vorschein, der die Bühne beleuchtet, den Ort des Geschehens.

Stellen wir uns diesen Blick am Kap Sunion vor. Von dort weit hinter dem Horizont wandert er hinüber, zeichnet den Weg des Sonnenlaufes nach hinüber auf die andere Seite, wo er tief im Westen wieder hinter dem Horizont verschwindet. Ein die Erde draußen im All weit umspannender Bogen:

Dieser erste Vers Deines Taufspruchs, Philine, ist Wort gewordenes Staunen!

Sonnenweg wie Betrachter am Kap, vielleicht einer Silhouette von Caspar David Friedrich gleich, sind dabei eine Metapher. Mehr allerdings als das Bild unserer selbst als Bewunderer der Natur ist es ein Bild unseres Glaubens. Denn es geht nicht um den sehnsüchtigen Blick des Kulturmenschen auf ein vermisstes Idyll, weil wir im Auto, im Büro, im Haus gebunden wären, weil wir im Alltag tief in unserem Herzen von genau solchen Bildern lebten, Eindrücken von Weite, Erinnerung an Sehnsuchtsorte weil wir im Stau, im Stress, in der zentralbeheizten Wohnung entfremdet leben.

Es geht vielmehr um den Glauben an einen Gott, der „es wirklich bringt“, den wir nötig haben und der uns bei aller Erhabenheit nah sein will.

Dieses alte Wort ist also eines an Menschen heute. An Dich und an mich.

 

Philine, Deine Eltern kennen Dich als energischen, schon sehr bewegten Menschen. Früh hattest Du Freude am Drehen und Wenden. Gleichzeitig nimmst Du die Welt mit offenen Augen wahr. Beides spricht davon, dass Du genau solche Impressionen, wie Dein Taufspruch sie abbildet, gerne bestaunen wirst.

 

Mögest Du auch im Glauben offen sein für einen Gott solcher Weite! Für das erstaunliche umfasst-Sein von einer Hand. Der Hand eines Unsichtbaren.

 

Du wirst heute hineingenommen in die Gemeinschaft der Christen. Das sind die Menschen, die sich im Leben von dieser Hand gehalten und geführt wissen. Die überzeugt sind, dass sie nicht tiefer fallen können als bis in diese Hand. Sehen kannst Du sie nicht. Aber spüren. Du kannst sie erfahren.

 

Wir Menschen verstehen oft erst im Nachhinein, im Rückblick, wozu dieses oder jenes in unserem Leben gut war. Im Augenblick sind wir enttäuscht, ein Ziel nicht erreicht zu haben, einen anderen Weg gehen zu müssen, hinterher aber verstehen wir es als gute Führung.

 

Der alte Luther hat sich gefragt, ob das Leben nicht ein Spiel Gottes sei. Ein ludum Dei, an dem wir wachsen dürfen. Gerade die Wegstrecken, auf denen uns diese führende Hand gar nicht zart und wohlwollend vorkommt, auf denen sie uns hart anfasst, seien von ihm gewollt, damit wir unsere Schwächen erkennen, damit wir wachsen.

Das hört sich hart an. Manchem kommt es gar zynisch vor.

– Aber es erklärt, warum Christen Gott allmächtig nennen und gleichzeitig gut. Weil wir davon ausgehen, dass er jenseits unserer Wege durch die Weite, durch die schönen Strecken und auch die bergigen Passagen, die bitteren Steigungen und finsteren Täler, schon da ist, auf uns wartet, immer bei uns war.

 

Das gilt nicht nur für dieses Leben, sondern – das ist das Entscheidende an der Taufe – über dieses Leben hinaus. Wenn wir selbst also körperlich wirklich ganz am Ende dessen sind, womit Du gerade erst angefangen hast, dann ist er auch da und heißt uns willkommen, hält uns bei der väterlichen Hand. Das ist unser Glaube. Es ist also ein Begleitwort für die weite Spanne des ganzen Lebens – und „tief im Westen“, beim Sonnenuntergang, darüber hinaus!

 

Wiederum Wort gewordenes Staunen.

Denn natürlich werden wir auch dann im nachhinein manches verstehen. (So wie es nun einmal ein Humanum ist, Sinn finden, verstehen zu wollen.)

Doch das Wunder ist nicht: zu verstehen – sondern das eigentliche Wunder ist: verstanden zu werden!

Und das tut die Liebe.

Der Dich liebt, versteht Dich, nimmt Dich an. Er komme Dir entgegen und führe Dich mit seiner rechten Hand.

Er segne Dich, die Spanne Deines Lebens und Deine Lieben.

In memoriam: Werner Zschachlitz

Traueransprache Werner Zschachlitz

11.03.2017 Grünhaus

 

über Jes. 41, 10

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit

 

Weichen oder standhalten, gehalten sein oder fallen gelassen werden, schwach werden oder Rückgrat beweisen, das sind Alternativen, die in Werner Zaschachlitz Leben oft eine Rolle gespielt haben.

Für ihn ist dabei nicht maßgeblich, ob Gott hinter dem Zuspruch steht, im Gegenteil, der Glaube ans Transzendente spielte in Werners Leben keine besonders wichtige Rolle.

Das eindeutig Vorfindliche, die Welt der Zahlen auch, die ersichtlichen Prinzipien des kaufmännischen Denkens einerseits, das Herz aber andererseits mit seiner Freude, in jungen Jahren dem ungebremsten Übermut, in den späten die Genugtuung und besonnene Zufriedenheit, das zeichnet eine erste Silhouette.

Ein Menschenleben ist mehr als wir in einer Ansprache ausbreiten könnten. Es hat für uns selbst andere Täler und Höhepunkte als Betrachter sie sehen. Wir meinen, der Kern unserer Antriebe liege im Verborgenen.

Aber eben so, wie Außenstehende unser Leben wahrnehmen und mehr als skizzieren, weil Linien und Charakterzüge sich im Lebensganzen abzeichnen, so will auch Gott sich im Konkreten, im gelingenden Miteinander der Menschen, im Du und im hier und jetzt ausdrücken.

Diese seine haltende Hand hat Werner vielleicht nicht gesehen, aber er hat sie zumindest unbewusst gespürt.

 

Mag Werner Zaschachlitz Lebensbaum mit seinen 95 Jahresringen auf den ersten Blick unumspannbar erscheinen, ist es doch möglich, Persönlichkeit und Lebensstationen zu konturieren. Wie Blitze eine Landschaft erhellen, so sind die Momente und Stationen, die im folgenden sein Leben beleuchten.

 

Da ist zunächst die Geburt am 18. November 1921 in Gotha. Ein Geschenk für den Bankkaufmann Rudolf Zaschachlitz und seine Frau Elisabeth Stumme. Beide Kinder der Kaiserzeit. Werner muss im übertragenen Sinne „genug Muttermilch“ bekommen haben, denn er wuchs fröhlich und im Glauben an seine eigenen Kräfte auf. Die liberalen Kräfte der Weimarer Republik standen gleichsam Pate bei seiner Lebensfreude, wie umgekehrt die Pädagogik der Kaiserzeit es ihm nie erlaubte, seinen eigenen Gefühlen für andere, für die eigenen Kinder beispielsweise, zu trauen, geschweige denn offen zu ihnen zu stehen: Tränen der Freude wie der Trauer blieben ihm lange ein Tabu.

Das Indianer-kennen-keinen-Schmerz-Prinzip der damaligen Männererziehung ließen ihn später unbeholfen erscheinen im Umgang mit Enkeln, aber es hat ihm auch geholfen, in den härtesten Jahren seines Leben zu überleben.

Dazu kam sein „Witz“, mit dem er sich in den Kriegsjahren zwischen Weichen und Standhalten durchwand.

 

Zunächst besuchte Werner in Gotha die Schulen, wo er 1939 sein Abitur machte. Die Abiturfeier liest sich später wie ein Menetekel. Die von den Nazis in ihrem Sinne geordnete Maturafeier sprengte Werner mit seinen Freunden und einem Auftritt als Clown. Hinter der Maske der Lebensfreude wird in diesem Moment nicht nur der Bruder Leichtfuß im Gemüt des jungen Mannes sichtbar, sondern auch sein Charakter: nämlich kritisch zu sein, sich nicht einfach gleichschalten zu lassen und so unbequem und Ferment zu sein.

Seine Kameraden schätzen ihn in den Schuljahren als witzigen Menschen, als belebenden Gesprächspartner, als Freund der Freiheit. Das galt auch für die folgenden Kameradschaften. Für Kameraden in der Kompanie. Es ist eine gern erzählte Anekdote, warum Werner nicht zur Luftwaffe kam, sondern Fahrer, Kradmelder und einfacher Landser wurde. Der Marschbefehl schickte ihn 1940 nach Frankreich. Die missglückte Abwehr der „Invasion“, der deutsche Rückzug, die Ardennenoffensive und Hürtgenwald waren der geschichtliche Hintergrund seiner Kriegswahrnehmung. Niemanden wundert es, dass der kritische Abiturient, der sich nicht gleichschalten ließ, nun nicht freudig im Gleichschritt marschierte. Er hatte nicht nur seinen eigenen Kopf, sondern eben auch diesen Witz des „braven Soldaten Schwejk“, dem es nun einfiel, sich Fahrbefehle geben zu lassen, die ihn immer weg von den Brennpunkten und Massakern führte. Das war seine Form von Widerstand durch Abwesenheit.

 

Sie half ihm allerdings nicht, der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Im Gegenteil, er war dabei, als die hungrigen Landser auf den Rheinwiesen bei Sinzig Wind und Wetter ausgesetzt waren und schlimme Wochen erlebten, sich Höhlen in der Wiese gruben, um Schutz zu finden, sich um eine Kruste Brot prügelten oder mit über den Zaun geworfenen rohen Spaghetti der Gis den Magen verdarben.

Den Güterwagen, der ihn mit anderen nach Gotha bringen sollte, sah er mit Skepsis. Er sprang ab und lief den langen Weg in die Heimat lieber auf eigenen Sohlen.

 

Nach dem ersten Blitzlicht auf den lebensfrohen, widerständigen, den kritisch-unbequemen, eigenwilligen Oberschüler Werner, dürfen wir hier den nächsten Schattenriss festhalten.

Rudolf transportiert Mobilar und Akten der Gothaer Lebensbank Fuhre um Fuhre von Gotha nach Göttingen. Ist oft im Westen. Geblieben aber ist seine Familie. Die findet Werner in unterstützensbedürftiger Situation vor. Er, der als Soldat das „organisieren“ von Lebensmitteln und anderem gelernt hat, fühlt sich berufen, die seinen mit Kohlen, mit Brennholz, mit Kartoffeln zu versorgen. Hier sehen wir den verantwortungsvollen Werner, der sich ganz in den Dienst der Familie stellt. Er findet eine Arbeit an der Quelle, in einer Gemüseabgabestelle.

Sein Rückgrat, seine Gradlinigkeit und sein Verantwortungsgefühl bringt er in dieser Phase zum Tragen.

 

Ein Kohlkopf soll auch dann der Türöffner gewesen sein, mit dem er seine Tanzstundenbekannte und spätere Frau besuchte. 1946 gaben die beiden ihre Verlobung bekannt. 1947 wurde geheiratet. Es waren trotz Jobs in der Ausgabestelle karge Zeiten und von der Hochzeit ist der Ausruf des Entsetzens über die Bankrotterklärung von Küche und Speisekammer überliefert: „Keinen zweiten thüringischen Klos gab es, noch nicht einmal für den Bräutigam!“

 

Werner bleibt der unverhohlen offene und kritische Geist, der er schon zur Schulzeit war. So eckt er mit dem neuen Regime an. Und als er dieses als nicht minder schlimm als das nach 12 Jahren untergegangene tausendjährige Reich charakterisiert, wird das der Staatssicherheit hinterbracht und der werdende Vater verhaftet und wegen Hochverrats zu 25 Jahren Haft verurteilt. Seinen im Dezember 1948 geborenen Sohn Wolfgang sieht er erst nach 6,5 Jahren, als er im Rahmen einer Amnestie entlassen wird.

Im Rückblick bezeichnet er die Jahre der Haft in Bautzen als die schlimmsten seines Lebens, „schlimmer noch als den Krieg“.

Als Soldat hatte er gewisse Freiheiten, bzw. nahm sie sich. Im Zuchthaus leidet er unter der Einzelhaft genau so wie unter den Zwängen in den großen Sälen. Zeit Lebens ist er kein Freund von Vereinsleben geworden, „Musik wird oft nicht schön gefunden,

Weil sie stets mit Geräusch verbunden“. (Dideldum, 1874)

Nicht nur seine Eigenheiten und Ticks hat die Haft herausgearbeitet, sie hat vor allem seine Entschiedenheit kompromisslos gemacht.

Kurze Zeit nach der Entlassung flüchtet er konsequent mit seiner Familie aus der Republik, einen Verwandtenbesuch vortäuschend.

Dort, bei den Verwandten, den Großeltern in Göttingen, wird es eng. Sechs Personen in zwei Zimmern. Wir schreiben das Jahr 1954. Die Ereignisse überschlagen sich, Werner wird aus Bautzen entlassen, für seinen 6,5 jährigen Sohn ist er ein Fremder, er kehrt der DDR den Rücken, Sohn Ralf wird geboren, die wachsende Familie weicht in eine Flüchtlingsunterkunft in Münster aus.

Aus dem Zeugen der Weimarer Republik, des dritten Reiches, der DDR wird nun der des Wirtschaftswunders.

Ein Freund bringt ihn in der Rentenversicherungsanstalt unter. Werner bildet sich zum Diplomverwaltungswirt aus, wird Betriebsprüfer, erhält eine Wohnung zugewiesen. Es geht aufwärts. Zehn Jahre später, Okt 1964 wächst die Familie um Tochter Jutta.

 

Die Disziplin, die er von sich selbst beruflich und menschlich, vor allem im Blick auf Wahrhaftigkeit fordert – eben die, die ihn für viele undiplomatisch erscheinen ließ – diese Disziplin fordert er auch von den Kindern, fördert sie durch die Vorgabe, dass die Hausaufgabenhefte bei seiner Heimkehr vorzulegen seien.

Heraus-Forderung ist das Stichwort in diesem Zusammenhang. So wie ihn das Leben herausgefordert hat, so fordert er seine Kinder. Er fördert ihre Entwicklung, so dass sie heraus kommen ins Leben und gewappnet sind, sich dessen Ansprüchen zu stellen. Alle Kinder behandelt er gleich, alle, Tochter wie Söhne, sollen studieren können.

Das ist nicht nur Gerechtigkeit, das ist seine Form, seine Liebe zu den Kindern zu zeigen.

Eine tiefgründige Zugewandtheit, die sich im Einsatz für den anderen zeigt. Zuerst bei den Seinen, aber nicht minder engagiert auch bei Klienten und Schutzbefohlenen. Zuletzt in seiner Funktion als freiberuflicher Rentenberater. Seine Hilfebereitschaft war nicht oberflächlich, nie war es ihm zu viel, im Zweifelsfall für die Menschen vor das Sozialgericht zu gehen.

Da haben wir sie, die Lebendigkeit Gottes im Einsatz für den Anderen, den sozial Schwachen, den wirtschaftlich Benachteiligten. So will er lebendig sein zwischen den Menschen.

Wenn wir Leben und Person von Werner Zaschachlitz im Licht des Prophetenwortes von Jesaja aufleuchten lassen, dann dürfen wir schließen mit dem Gedanken „ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“. Dem nicht anpassungsbereiten Werner hat der Zeitgeist oft ins Gesicht geweht, Werner hat sich nicht verbiegen lassen. Ihm ist dadurch viel Ungerechtigkeit widerfahren. Krieg, Gefangenschaft und politische Haft sehen wir als dunkle dünne Zeiten seines Lebensschnittes. Aber in der Fülle seiner Jahre überwiegen die breiten Jahresringe. Das sind die inneren der Jugend und die äußeren des Alters. Die Paderborner Jahre mit dem Haus im Wagnerweg, die die Familie in einem halben Jahrhundert ausgekostet hat. „Weil“, so witzelte Werner „wir ja auch zwei mal für dieses Haus angezahlt haben“.

Da ist das Glück über eine Frau, die in den Jahren im Zuchthaus auf ihn gewartet hat. Da ist die Freude am Tanzen miteinander. Die Erfüllung, die die Eheleute miteinander über das Gelingen ihrer Kinder ziehen konnten und die ihm dann aus den Enkelkindern zufloss, auch wenn er erst lernen musste seine Gefühle zu zeigen.

Gerechtigkeit liegt auch in der Tatsache seines Resümees: „So gut ging es uns noch nie!“ bekannte er in den späten Jahren seinen Kindern gegenüber. Oft im Hotel in Bad Lippspringe, wo er die großen Feste auszurichten pflegte. Als Grandseigneur residierte er dort auf Zeit: der Patriarch erfreut sich am Gelingen seiner Kindeskinder. Geschenktes Glück verstand er als eigenes Glück.

Gerechtigkeit widerfuhr dem kantigen Mann so, späte Dividende sozusagen. Sie machte aus dem streitbaren Kollegen und Vater einen altersmilden Großvater.

Schließlich durften die Eheleute Abschied nehmen von der gemeinsamen irdischen Zeit. In diesem Jahr vollenden sie ihr siebzigstes Ehejahr. Auch dies ein Segen.

So erfüllt sich im Lebensganzen von Werner Zaschachlitz die Ermutigung des Jesaja.

Amen