Warum reisen? Neujahrsempfang

Andacht über das gemeinsame Unterwegssein, nach der Lektüre von George Sand, „Ein Winter auf Mallorca“

 

 

Zu Weihnachten bekam ich das Buch von George Sand, ein Winter auf Mallorca geschenkt. Eine aufwärmende Lektüre über ihre Zeit mit Frederic Chopin auf der bekannten Mittelmeerinsel.

„Warum reisen Sie?“

1855 stellt Aurora Dupin diese Frage ihrem Leser. Was ist es im Grunde, das „uns auf die Suche nach diesem kostspieligen, ermüdenden, manchmal gefährlichen und immer voller unzähligen Enttäuschungen Vergnügen treibt?“

Und sie, die uns als Gefährtin Chopins im Winter 1838/39 und eher unter ihrem Pseudonym George Sand bekannt ist, erweist sich als Reisende par excellence. Als Forscherin in Sachen Reisen. Denn sie verbringt mit dem Komponisten ein paar Monate auf einer Insel, die von Touristen noch nie vorher besucht worden ist: Mallorca. Heute Inbegriff teutonischen Sonnens, damals ein vergessenes spanisches Niemandsland kurz vor Afrika.

Warum reisen Sie, fragt sie und antwortet selbst: „es liegt daran, dass wir uns selbst nie an einem Ort völlig wohlfühlen;“.

Wir sind Suchende. Wir sind körperlich unterwegs, auf Reisen, weil unser Herz auf der Suche ist. Auf der Suche nach einem gesünderen Klima, einer gerechteren Gesellschaft, neuen Ideen – kurz: auf der Suche nach einer idealen Welt.

Aber diese Frau wäre nicht Vorreiterin der emanzipatorischen Idee von Frau und Volk gewesen, würde sie uns nicht auch in die Seele schauen. So ist es die Seelenforscherin, die erklärt:„Alle reisen wir, sowie wir eine kleine Gelegenheit und Geld haben, oder besser gesagt, wir fliehen, denn das Wichtige ist nicht so sehr Reisen, sondern Abreisen, weißt Du?“

Abreisen, hinter sich lassen, Abstand gewinnen vom Alltag, von Lasten, vom Gewöhnlichen, vom Überdruss. Von Orten und Befindlichkeiten eben, an denen wir uns nicht wohlfühlen.

Abreisen heißt auch mutig sein und sich Ungewohntem auszusetzen. Abreisen heißt neugierig sein und sich selbst verändern zu wollen. Ein solcher Aufbruch zehrt vom Vergangenen, von dem, was wir im letzten Jahr erlebt, gelernt haben, was wir besser machen wollen.

Wandlung eben. Die eigene Entwicklung, die ein Bild des Lebens schlechthin ist. So wollen wir – katholische und evangelische – Christen, miteinander unterwegs sein, Seite an Seite in unseren beiden Ortsgemeinden Pluwig und Gusterath durchs Jahr gehen, menschliche Begegnung und unsere Mitwelt gestalten, weil wir wissen, dass wir im Aufbruch sind. Aufeinander zu und miteinander.

Denn tatsächlich, diese Welt ist eine vorläufige, ein Land, in dem wir uns noch nicht völlig wohlfühlen.

Gerade wir ökumenischen Christen sind Suchende, sind auf der Suche nach einer idealen Welt.

Und wir wissen, miteinander sind wir diesem Ideal ein Stück näher – und drücken es auch in versöhnter Verschiedenheit dicht nebeneinander ein Stück weit besser aus!

Darum sind Abreise, Aufbruch ins neue Jahr, Ende und Anfang so bedeutsam. Weil sie für Aufbruch, für Mut und gemeinsame Ziele stehen.

Mögen uns Aufbruch, Unterwegssein und Ankunft gelingen. Mögen uns die Augen aufgehen über dem Neuen – und mögen wir uns selbst in erfrischender Weise neu entdecken.

Denn darum reisen wir doch, oder?

sieh hier und sieh da

Predigt über Offb. 21, 1 – 4, 10. 12. 23. + 25.

anlässlich der Trauerfeier für

Irmgard Gärtig

  1. Dezember 2017, Grünhaus

 

 

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und die Heilige Stadt Jerusalem sah ich, neu, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. 3 Und ich hörte eine Stimme vom Thron erschallen: „Siehe! Die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er, Gott, wird mit ihnen sein, 4 und alle Tränen von ihrem Angesicht abwischen; und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Jammer und keine Mühsal, denn das erste ist vergangen.“ 10 Und er trug mich im Geist zu einem hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem: … 12 sie hatte eine Mauer, groß und hoch, mit zwölf Toren, auf denen zwölf Engel stehen … 23 Die Stadt hat es nicht nötig, dass Sonne und Mond ihr scheinen, denn Gottes Herrlichkeit hat sie licht gemacht: ihr Leuchter ist das Lamm. 25 Ihre Tore werden am Tage niemals geschlossen – und Nacht wird es nicht mehr geben

 

Die Zusammenfassung dieses Textes wird in jedem Gottesdienst gesprochen. Ein kleiner Vers nur. Manchmal schlicht überhört. Weniger weil er zu bescheiden wäre, wohl eher, weil gleichzeitig erhofft und als unerreichbar erkannt: „Dein Reich komme!“

Ein kleiner Vers für eine große Sache. Der Welt nämlich so, wie sie um Gottes Willen sein soll.

 

Es kommt nicht mit Weltuntergangsgetöse und Donnerschlag, sondern ganz unverhofft erkennen wir, dass es hier und da gelingt. Es kommt eher zart und unauffällig daher. Manchmal auch flüchtig, ätherisch, gar nicht gut greifbar. Sein Erleben zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

 

Darum hat Irmgard an der falschen Stelle gesucht, wenn sie meinte, dieses Leben hier sei alles, was uns zugemessen wird. Mehr gebe es nicht.

 

Die Begegnung mit ihrem späteren Mann in einem Berliner Krankenhaus ist wie ein Bild für diese Wahrheit. Oft erzählte sie, dass sie aus armen Verhältnissen stammte, dass das Haus, in dem sie mit ihren Geschwistern in Landsberg an der Warthe aufwuchs nicht mehr als eine Bretterbude war, eine Kate auf einem Hof, in dem es ein Schwein und ein paar Hühner gab. Die Kinder wurden im Trog gewaschen und hinterher gab es noch einen kalten Wasserguss, weil die Mutter darauf schwor, dass das gesund sei.

Mit dieser Armut im Hintergrund kam Irmgard nach Berlin, hatte ihre BDM Zeit absolviert und wurde nun in eine Krankenschwesteruniform gesteckt. Sie besaß nicht mehr als diese Tracht.

Und da trat ein Mann in ihr Leben, der ihr alles bieten konnte, der ihr, wie sie so oft zum besten gab, 14 Paar Schuhe an einem Tag schenkte.

Dieses Erlebnis liest sich im Blick auf ihr Leben und ihren Glauben wie ein Menetekel. Das Unverhoffte kann oft kommen. Es tritt an völlig unerwarteten Stellen ein.

Diese Zuversicht hat Irmgard sich ein Leben lang bewahrt. Ihre Grundzufriedenheit kam aus ihrer Herkunft, dass der Mensch wenig braucht um glücklich zu sein. Auf diesem Fundament stand sie.

 

Und eine solche Haltung lässt das Glück des Augenblicks ein.

Darum war sie ein so positiver, ein lebensfroher und gutmütiger Mensch. Sie hatte immer ein Witzchen auf Lager, etwas, das die Situation entschärfte, zum Guten deutete und wandte.

1944 heiratete sie diesen ehemaligen Patienten, einen zwanzig Jahr älteren Mann. Dessen Herkunft war ein großes Berliner Tanzlokal, der Blumengarten in Oberschönweide.

Das verweist gleichzeitig auf einen zweiten Aspekt von Irmgards Leben, ihren Lebenshunger. Denn sie stammte vom Lande, in Berlin aber tobte das Leben, sie wollte tanzen, aber die Nazizeit verbot und verhinderte viele Freuden. Sie wurde gleichsam um ihr junges Erwachsensein gebracht, aber die Sehnsucht pochte, sie klopfte weiterhin an.

Da wieder war der so viel ältere Mann ohne Verständnis. Er hatte zwar viele Ideen, doch den Antrieb zu deren Umsetzung, den verlangte er von Irmgard, er lehnte sich lieber zurück und sog an seiner Zigarre.

Nun war Irmgard das Arbeiten gewohnt. Sie war es, die nach dem Umzug von Berlin nach Kaiserslautern die Reinigung betrieb, die lernte, wie man Versicherungswesen gestaltet, die sich autodidaktisch Englisch beibrachte und diese Sprache perfektionierte, obwohl sie nur die Chance gehabt hatte, eine Volksschule zu absolvieren.

In allem was gelang, in der Souveränität, mit der sie die Agentur betrieb und im Lächeln über kleine Missgeschicke, in der Freude über gelungene Begegnungen, überall da blitzt das auf, wovon der Bibeltext erzählt.

 

Jesus weist in seinem Leben und Lehren gerade nicht auf ein fernes und unerreichbares Reich, sondern er wird nicht müde, in seinem eigenen Wort und Wirken die Frage des Lukasevangeliums „wann wird es denn sein?“ zu beantworten, die Antwort zu leben und in die Jetztzeit zu holen.

 

Wo zerbrochenes Leben heil wird, da hat der himmlische Arzt gewirkt.

Wo Verzeihen gelingt, da regiert dieses Reich schon jetzt.

Wo Vergebung neues Leben schenkt, da drückt sich der Herr aus, der das Leben will und schuf.

Wo Christen nicht zurückschlagen, Gewalt nicht eskalieren lassen, sondern sich etwas einfallen lassen, das befriedet, da bleiben die Tore dieser Stadt offen.

Wo Traurige wahrhaft Getröstete sind, da leben sie im Licht des himmlischen Jerusalem.

 

Irmgard schöpfte die Kraft aus der Liebe zu den Menschen. Sie liebte es, sich an ihren Wohnorten mit Tieren zu umgeben. Die liebte sie ebenso. In Kaiserslautern gab es nicht nur das Haus, das Geschäft, es gab auch einen Garten und es gab dort Tiere. Alle hatten Namen. Auch in Sembach, der nächsten Station lebten Tiere um sie herum. Sie stehen für mich für den kleinen Bauernhof ihrer Herkunft, einen Ort, so arm er war, der sie dort glücklich hat Kind sein lassen. Dieses Glück blieb ihr gegenwärtig durch jedes Geschöpf um sie herum.

 

Die nächste Station ist Wittlich. Das war 1979. Auch dort eröffnete sie wieder eine Versicherungsagentur. Sie blieb die lebenshungrige Frau mit Pack an, sie wurde über die wachsende Familie zu der Mutter, zu der Oma, die die Fäden in der Hand hielt. Sie war das Integral der ganzen Familie.

Als 1984 ihr Mann starb, hörte sie kurze Zeit später mit der Berufstätigkeit auf und widmete sich ganz ihrer inzwischen groß gewordenen Familie.

Sie kochte jedem Enkel das Lieblingsessen. Ihr war nichts zuviel. Unvergessen ist beispielsweise ihre Mostrichsauce.

So war sie den Menschen nah, so band sie die Familie zusammen, so brachte sie Freude in den Alltag ihrer Lieben.

 

Vielleicht hilft es, sich das Reich Gottes weniger als das zu schreibende Kapitel im Geschichtsbuch vorzustellen, weniger als eine zukünftig historische Größe,

sondern vielmehr als eine qualitative.

 

Am „wie“ des Lebens, an der Art unseres Miteinanders wird die Nähe Gottes ablesbar.

 

Darum suchen wir an der falschen Stellen, wenn wir auf ein eigenes Reich schauen. Es ist mitten unter uns, das was uns Gott von seiner Welt hier zur Verfügung stellt: die Liebe nämlich.

 

Irmgard hat viel geliebt. Und es gehört zur Gerechtigkeit, dass ihre Kinder und Enkel ihr etwas davon zurückgeben durften. Dass sie es geben durften in einer Zeit, in der Irmgard nicht mehr gut konnte.

 

Ich lernte sie 2007 in Farschweiler kennen, als sie bei ihrer Enkelin direkt neben dem Kängurugehege lebte. Ihre Offenheit und ihren Witz schätzte ich. Sie erzählte, wie sie es schätzte, direkt neben den Tieren zu leben.

Dann fand ich sie 2013 wieder im Waldracher Neubaugebiet. Damals war sie körperlich schon angeschlagen. Ihren Geburtstag musste sie wegen Darmblutungen im Ehranger Krankenhaus verbringen.

Ihre letzten beiden Lebensjahre war sie dann eben in der Situation, in der sie die Nehmende und ihre geliebte Familie die Gebende war.

 

Sie war eine große Frau. Familienmittelpunkt und aufrechte Persönlichkeit. Bescheiden und auf die Leistungen der Ihren stolz. Babysitterin der Enkel und Geschichtsbuch für die Spätgeborenen. Zeitzeuge der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus, des Wiederaufbaus. Optimistischer Wegbegleiter der heutigen Generation.

Nun ist sie am 11. Dezember gestorben.

 

Darum dürfen wir der Trauer Recht geben, aber sie behält nicht das letzte Wort. Die Liebe ist stärker. Sie will von uns mit hinüber genommen werden in jeden Tag. Denn heute zeigt sich, ob ich im Vergangenen gefangen bin oder ob ich lebendig gemacht bin und der Liebe ein Wort, eine Geste, eine Zuwendung leihe, die sie heute leuchten lässt.

 

So wird unsere Welt hier offener. Eine Stadt gleichsam, deren Tore nicht verschlossen werden müssen. Sie hat solche Maßnahmen nicht nötig.

 

Sie will von uns mit hinüber genommen werden in die Wirklichkeit, in der wir ganz in der Gegenwart Gottes sind. Weniger ist uns nicht verheißen.

 

Mögen Irmgard nun die Augen übergehen, wenn sie direkt vor Gottes Licht und Liebe steht und sie das himmlische Jerusalem schaut. Möge sie im besten Sinne erstaunt sein und sich angenommen wissen in seiner Nähe.

 

Amen

die Krippe am Fuß der Himmelsleiter

Ansprache Heilig Abend 2017 Grünhaus 18.00

 

Mir ist, als ob die Verbindung vom Menschen zu Gott am heutigen Tag geerdet wird. Gott wird Mensch, sagen wir und erzählen dazu Geschichten. Zwei von ihnen sollen heute im Mittelpunkt stehen, die genau das erstmalig belegen: dass die Verbindung zwischen Himmel und Erde geerdet wird, Gott seinen Fuß auf die Erde bekommt.

 

Lesung: Gen 28, 12

 

Hier steht sie nun, die Himmelsleiter. Mit ihren Füßen kratzt sie im Heu des Stallbodens. Dort, wo am Ende der Verbundenheit ein Kind liegt. Wie eine Nabelschnur verweist diese Leiter auf das Glück an ihrem Ende. Ein Menschlein, ein Gotteskind zugleich. Ein Menschenkind, das ein Gottesgeschenk ist wie jeder neugeborene Mensch.

 

Und unübersehbar ist da diese Leiter. Nicht nur ein Ausrufezeichen, das auf seine Füße schaut, und auf das, was dort im Stroh des Stalles liegt.

Sondern mehr als ein Wegweiser, als Klettergerüst ein Weg selbst. Als dieser Weg ein Symbol für menschliche Sehnsucht. Platt ausgedrückt: die, in den Himmel zu kommen.

Jakob wollte hoch hinaus. Es war ihm lebensstreckenweise egal wie. Hauptsache Karriere machen. In den Genuss der Erbschaft seines Vaters zu kommen, sie einzusacken – und sei es auf Kosten seines erstgeborenen Bruders.

 

Auf der Flucht vor dem Düpierten ist er, als er diesen Traum von der Himmelsleiter hat.

In Zeiten der Verfolgung, der Not, des ungenügenden Provisoriums sind Fantasien besonders nah. Sind Tag- und auch Nachtträume besonders einprägsam und aussagewillig, sie kompensieren, weil sie von Besserung der Umstände sprechen und vom Gelingen und gutem Ausgang. Sie malen dem flüchtigen Jakob Bilder von besseren Zeiten. Er vernimmt dazu sogar Gottes Versprechen.

Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, seine Situation ist selbst verschuldet. Und Jakob weiß das. Er ist ein Schlitzohr.

Am Ende seines Lebens wird er hinken. Diesen Schlag ins eigene Kontor symbolisiert der beim Ringen um Anstand und Behauptung eingesteckte Hieb eines Engels auf seine Hüfte, wie die Bibel ausgiebig jene Szene beim Überschreiten einer Grenze, des Jabbokflusses, ausgestaltet. Seitdem ist dieses Hinken Bild seines Pferdefußes, sein Schatten. Er steht für sein menschliches Ego, das meint auf Kosten anderer leben zu können.

 

Wer das kennt, wer diese innere Stimme schon in seinem Leben vernommen hat, der weiß, dass Jakob diese Leiter nicht nur als Hotline zum Himmel versteht, dass sie Inbegriff der Verbindung von der Erde nach oben ist,

sondern dass sie sein Wesen ausdrückt. Seine Sehnsucht, selbst an ihr hinauf zu klettern, aufzusteigen in der Gesellschaft, empor zu kommen, hoch hinaus zu gelangen.

Jakob, der Emporkömmling, fühlt sich von den Möglichkeiten dieser Stiege angezogen.

 

Ganz anders der Mensch, um den es am Fußes dieses symbolischen Ausrufezeichens heute geht. Der Mann aus Nazareth wollte nicht hoch hinaus. Er spürte diese Verbindungsleiter in seinem Herzen, er sprach und handelte aus der Verbundenheit zum Himmel. Er trug diese gelebte Verbindung in sich, in seinem Herzen.

Hoch hinaus wollen die, die nicht genug Liebe, Erdung, Anerkennung bekommen haben. Einfühlsam wusste Jesus um diese Ursachen bei Emporkömmlingen, um die Sehnsüchte eines jeden Gernegroß. Und gab denen beidhändig aus seiner eigenen Fülle und Einsicht.

 

Weil er genug Liebe in sich hatte, musste er nicht hoch hinaus.

Aber hoch gehängt haben sie ihn dann, weil sein Anspruch als Zumutung, als Aufdeckung empfunden wurde, schwer zu ertragen von denen, die sich das Aufglänzen des Himmels auf Erden ganz anders vorstellen.

 

Doch zu den Anfängen. „Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum ist völlig unverständlich; man sollte lachen, fröhlich sein, den ER erschein doch endlich!“ dichtet Heinz Erhardt, spitzt die Füße dieser Leiter an, die verweist auf jenes Menschlein, das an der Quelle all der Freude, des Genügens und der Fülle liegt, der Anfang einer anderen Art zu leben ist. Der, weil voller Liebe, selbst zum Quellpunkt einer neuen Menschlichkeit werden möchte.

Speisungswunder und das Zeichen der Hochzeit zu Kanaan, aus Wasser Wein zu wandeln, sprechen davon, dass Menschen in seiner Gegenwart ihn auch als solchen Brunnen verstanden haben, aus ihm geschöpft haben, als sie erschöpft waren.

Das ändert das Leben, das verändert Haltung und Ansichten. Man beachte: diese Scheunenleiter ist ein Stück Stall. Dieser Ort im Licht göttlicher Gegenwart. Wie schon am oberen Ende der Jakobsleiter Gott selbst erscheint und dadurch der Standpunkt dieser Engelsstiege zum heiligen Ort wird, von Jakob Bethel genannt, Haus Gottes,

so wollen auch wir nicht überhören, wie beides zusammen kommt: der schlichte Standort dieser zwei Stangen, ein Stall, eine Scheune und das Heil der Welt.

An diesen unprätentiösen Ort will Gott den Menschen als abhängiges empfindliches Wesen gelegt wissen. Zum Zeichen, wie empfindlich wir eigentlich sind, abhängig von Zuwendung und Miteinander, zum Zeichen der Zartheit, Schlichtheit seines Reiches.

Kein Gedröhn von Stiefeln, kein nationaler Größenwahn, kein groß-raus-Kommen, weder Revanchismus noch Rassenglaube.

Dieser kleine Wurm ist noch nicht aus den Windeln, da beginnen für ihn Verfolgung und Flucht. Fluchtgeschichten stehen am Anfang der Heiligen Schrift mit der eines ganzen Volkes aus Ägypten und enden damit, dass Josef und Maria mit eben diesem Neugeborenen auf die Flucht nach Ägypten gehen. Das berichtet von dem Schicksal des Menschen jenseits des Paradieses, vom Ohmen des Irdischen.

Und stellt hier mit dem Winzling im Stroh die Sehnsucht nach gelingendem Leben in Frieden in den Vordergrund. Er liegt am Fuße der Leiter, d.h. doch, hier ist der Himmel auf Erden gekommen. Hier ist Gott in der Welt. Gott mit seinem alternativen Modell zu unserer Art des Umgangs miteinander. All die Nachrichten vom Gräuel der Vertreibung sollen verstummen angesichts der Verheißung dieser Nacht. Hier liegt und lebt der Held, nach dem keine Nationalhelden mehr eine Rolle spielen müssten, Herodesfürsten ausgespielt haben, keine Völkerscharen mehr das Land ihrer Mütter und Väter verlassen und ein „Land der Knechtschaft“ Fremdwort geworden ist.

 

Das ist alles mehr als Mindestlohn, Klassenlosigkeit, Kastenüberwindung, interreligiöse Anerkennung, sauberes Wasser für alle und genug zu essen. Es ist uns ganz nah, weil es bei uns selbst beginnt. Denn dieser Leiterfuß auf dem Stallboden und ein Gotteskind auf dem Erdboden machen für mich und dich spürbar, dass das Reich Gottes hier in Grünhaus, hier in Trier, hier in Rheinland-Pfalz buchstabiert werden will. Immer wo das gelingt ist Weihnachten Wirklichkeit.

Denn schon von Urväterzeiten an setzt der Traum vom Himmel den Maßstab der wahren Menschlichkeit. Sie ist das Maß des Himmels für diese Erde. Weihnachten und in den dreiunddreißig Jahren danach ist es uns in diesen Erdboden konkret eingraviert worden. Mit einfachen Mitteln, auf einfachen Boden, für einfache Menschen. Aber nicht weniger als das Maß des Himmels für die Erde. Amen

 

 

K rippaler Infekt

Krippaler Infekt – Andacht  (nach  einer Idee von Wolfgang Raible)

 

Jetzt in der Winterzeit kurz vor Weihnachten wünschen wir uns vielerlei. „Gesundheit!“ rufen wir dem Niesenden zu.

Nun ich wünsche Euch einen herzhaften krippalen Infekt. Jawohl, Ihr habt richtig gehört: einen krippalen Infekt.

 

Und zwar den mit „k“ vorne.

 

Also einen, der seine Inkubationszeit in der Vorfreude auf die Krippe, im Advent hat, vier Kerzen lang dauert und sich dann im provisorischen Stall, direkt an der Krippe so recht infektiös zeigt. Der sich ansteckt an der Botschaft des Mannes aus Nazareth. Und der weitergereicht werden will von Mund zu Mund, von Herz zu Herz.

 

Denn in der kalten Zeit so einen Infekt zu bekommen, das ist doch ziemlich naheliegend. Die Herzenskälte der Menschen, wie sie einander auf den Straßen an den Adventssamstagen als Konkurrenten, Parkplatzjäger und Innenstadtverstopfer empfinden, vor allem wir sie hinweggehen über das Leid, das einer dem anderen antut, wie sie ihr persönliches Wohl suchen, indem sie Geflüchtete ausnutzen, die ihre Rechte nicht kennen, wie Menschen, Frauen meist, als Leibeigene in fremde Länder vermarktet werden, wie sie Kindern die Organe entnehmen und in die erste Welt verkaufen, da kann einem schon die heiße Wut aufsteigen!

 

Die Symtome: zunächst einmal Schwäche. Schwäche für andere Menschen. Für die, die so sind, wie sie sind. Sie so nehmen zu können, weil Ihr euch dafür interessiet, wie sie sind und wie es ihnen geht. Weil Ihr sie so akzeptiert wie mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen sind.

 

An welchen Symptomen man den krippalen Infekt sonst noch erkennen kann? An Schluckbeschwerden. Wenn Ihr nicht mehr alles schlucken könnt, was Ihr an Ungerechtigkeiten und Lieblosigkeiten gesagt bekommt, wenn Ihr es Leid seid, dass Ihr nicht ernst genommen werdet.

 

Und was kann man tun, wenn man diesen krippalen Infekt hat? Nun zunächst einmal inhalieren: alles einatmen und aufnehmen, was den Geist Jesu atmet. Das ist der Gemeingeist, der, der dem Miteinander gut tut, der für Verstehen und Verständnis sorgt, der den Kontakt sucht zu Zurückgezogenen und der selbst offene Türen liebt. Sie wissen doch: wegen dem Durchzug. Frischer Wind soll wehen können in alten Beziehungen, das macht die Liebe lebendig.

 

Und dann ist es wichtig, eine gesunde Mischung zwischen Ruhe und Bewegung zu finden. Sich also einerseits selbst Ruhe zu gönnen, inne zu halten. Momente der Stille in den Tag einzubauen, Zeit zu lassen für eine Betrachtung, für ein Gebet. Und sich andererseits in Bewegung bringen zu lassen: gegen Plattes und Vordergründiges mit Tiefe, Offenheit und Wahrhaftigkeit anzureden. Aufzustehen gegen Unrecht und ehrlich zu sein.

 

Und wenn Weihnachten dann vorbei ist, dann werdet Ihr merken, dass dieser krippale Infekt keine Winterkrankheit ist, dass er das ganze Jahr zwischen den Menschen virulent bleiben und weiter gegeben werden kann. Na dann: Hatschi, Gesundheit und Amen.

Das Fieber der Schwiegermütter

Sie sind heute hier in die Kirche gekommen. Aber wir wollen in Gedanken noch ein Haus weiter gehen. Bis in das Haus der Schwiegermutter des Petrus.

Und wir wollen auch nach dem Hören des Bibeltextes, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist, mit den Gedanken einen Schritt weiter gehen, hineinhorchen in das Seelenleben der Beteiligten und in die Lebensnähe der Bibel.

 

Gleich als er aus der Synagoge kam, ging er der in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Petrus lag in Fieber darnieder. Er trat zu ihr, nahm sie bei der Hand und richtete sie auf. Da verließ sie das Fieber und sie wartete ihnen auf.

Abend war es geworden, die Sonne gesunken, da brachten sie all die Kranken und von Abergeistern Besessenen. Es war bald die ganze Stadt vor der Tür versammelt. Und er heilte viele, an welcherlei Krankheit sie auch litten. Er trieb viele böse Geister aus.

Und früh, noch in stockdunkler Nacht, stand er auf, ging hinaus und zog sich an einen ruhigen Ort zurück, um allein zu beten.

 

Was ist das für eine seltsame Fieberkrankheit, die da die Schwiegermutter des Petrus ereilt hat. Die gerade in jener Zeit ausbricht, als Jesus in der Nähe ist und in ihr Haus kommt.

Und die geheilt ist, wie es heißt, als er sie bei der Hand nimmt und aufrichtet. Wir dürfen vermuten, es handelt sich um ein Aufrichten, das mit dem entsprechenden Zuspruch gepaart eine heilende Zuwendung beinhaltet, eine Veränderung zum Guten.

Führen wir uns beim Zugang zur Geschichte und ihres rechten Verständnisses die Ereignisse des Vortages vor Augen, jene dramatischen Ereignisse die folgten, als Jesus am See auftauchte: wir Jesus Simon, den Schwiegersohn der später Erkrankten, dessen Bruder Andreas und zwei weitere Fischer zu Menschenfischern berief. In den Versen vorher heißt es: und sogleich verließen sie ihre Netze, ließen die Boote liegen und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde, diese abrupte Lebensentscheidung kann nicht spurlos an den betroffenen Familien vorüber gegangen sein!

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie die Ereignisse auf die Schwiegermutter des Simon gewirkt haben.

Ich stelle mir vor, wie sie den Mann ihrer Tochter zur Rede stellt: „Was fällt dir ein, Simon – oder Petrus, wie du dich neuerdings nennst – deine Frau und deine Kinder mir nichts dir nichts im Stich zu lassen und diesem Jesus hinterher zu rennen. Kann der Mann der Nazareth dir denn wenigstens ersatzweise einen ordentlichen Arbeitsplatz verschaffen oder wenigstens ein geregeltes Einkommen zusagen?“

Petrus wird wahrheitsgemäß abgewunken haben.

„Und wovon, bitte, sollen wir leben? Von der Luft und dem Wasser des Sees wahrscheinlich?“

Betrachtungen Petri des solidarischen Sozialsystems der Fischergemeinschaft, dass etwa die Genossenschaft die Witwen umgekommener, ertrunkener oder arbeitsunfähig gewordener Fischer miternährt, wird seine Schwiegermutter erst recht in Rage gebracht haben. „Jetzt ist genug; unverschämter kann man kaum denken. Dein Verhalten ist asozial: Du versäumst es, die Deinen nach Kräften zu versorgen und empfiehlst uns der sozialen Gemeinschaft an. Wir sollen wie Parasiten leben obwohl du zwei gesunde Hände hast. Die Arbeit überlässt du anderen, während du dem nachgehst, was du offenbar als deine neue Freiheit entdeckt hast!“

Es mögen auch Sätze gefallen sein über fehlendes Pflichtbewusstsein und Verantwortungslosigkeit. Wie genau der Disput abgelaufen ist, darüber schweigt sich das wortkarge Markusevangelium aus. Vielleicht macht eine vorderorientalische Frau den Mund gegenüber ihrem Schwiegersohn gar nicht auf, frisst alles in sich hinein. Dort gärt ihre Sorge um das Überleben von Tochter und Familie.

 

Ja, es wird noch mehr gewesen sein, was sie erschüttert. Dieser Jesus aus Nazareth stellt ihr Wertesystem auf den Kopf. Er stellt in existentieller Weise in Frage, worauf sie baute, woran sie meinte, sich festhalten zu können.

 

Bis heute ist das eingerichtete Leben, eines das tut, was man immer schon tat und vor allem „was man so tut“ zur Norm einer Gesellschaft und ihrer einzelnen geworden und geblieben. Soziale Kontrolle und anderer Anpassungsdruck halten viele Menschen im Rahmen des Gewöhnlichen.

Jeder verspürt nämlich in sich den Wunsch zu gefallen und ein bestimmtes Maß an Sicherheitsbedürfnis. Und viele spült die Trägheit immer wieder in das Flussbett des Mainstreams zurück. Ordnungsdenken, was in einer Gesellschaft als richtig und anständig verstanden wird liefern dabei die Alibis. Oft zum Terror für die anderen, zum Anlass für nachbarschaftlichem Unfrieden.

 

Zurück zur Schwiegermutter. Sie hat also Grund genug, krank vor Sorge und Aufregung zu werden. Wie mit Entsetzen und Ohnmacht das sogenannte Fieber aufsteigt, können wir vielleicht gut nachvollziehen.

Und dann will dieser Aufrührer zur Anarchie, dieser Verführer zu asozialer Selbstverwirklichung auch noch höchstpersönlich unter ihr Dach kommen. Ja, da kann man ja nur noch an Fieber erkrankt aufs Lager sinken.

 

Mit Absicht hat Markus an die Heilung der Schwiegermutter direkt die Erzählung von den Abergeistern angeschlossen. Das ist seine literarische Art, die Krankheit der Frau zu interpretieren. Sie hatte nicht nur berechtigte Sorgen und Einwände sondern sie geriet in eine körperliche Krise weil sie in einer seelischen Krise war.

Diese Abergeister, die die Ursache von Krankheit bei denen sind, die nun vor die Tür ihres Hauses gebracht werden, diese Abergeister sind auch der Hemmschuh in ihr, der sie vom eigentlichen Leben abhält.

Es sind die Stimmen der Opposition und Verneinung in uns, die sich auf unserem Weg zum Glück, zu uns selbst, zur Wahrheit in uns in den Weg stellen. Kaum meinen wir, endlich mit Händen greifen zu können, wozu wir eigentlich berufen sind, erheben sie ihre Stimme: „Aber, das macht man nicht, Aber, das darfst du nicht, Aber, so geht das nicht“, flüstern die Abergeister ein und hemmen das Leben, blieben beim Alten, beim Gewöhnlichen.

 

Dass diese Abergeister nicht das letzte Wort behalten müssen, das hat Petrus begriffen als er Jesus am See hörte. Und von ihm fiel es wie ein schlechter Traum ab, was ihn bisher vom eigentlichen Leben abgehalten hatte.

Er begriff, dass unser Leben noch einmal beginnt, tiefer, erfüllter und reicher als jemals zuvor, dass unsere Seele wie ein blühender Garten, ein farbenprächtiges Paradies werden will.

 

Durch Jesu Entgegenkommen, seine Zuwendung und sein Zupacken muss davon auch etwas die Schwiegermutter des Petrus verstanden haben. Mit ihren Lebensängsten fällt auch das Fieber von ihr ab.

Wie jeder hier im Raum hat auch sie entdecken dürfen, dass unser Leben in der Nähe Jesu neu werden darf, dass wir im Vertrauen auf Gott und seine Liebe zu mir und dir auf einem Fundament stehen, das mit Eigenabsicherung, mit Versicherung und Co nichts zu tun hat. Die Liebe Gottes, die das Leben will, ist ein zukunftsträchtiger Boden inmitten all der Erschütterungen unseren scheinbar so eingerichteten Lebens.

 

Und davon spricht der dritte Teil der Perikope. Hier können wir durch die Lebensführung Jesu lernen, wie man den Kontakt hält zu Gott uns seiner Freude an meinem Leben.

Ganz früh steht er auf und zieht sich an einen Ort zurück, wo er ganz mit Gott und sich allein ist. Wo er wesentlich werden kann.

So eindeutig sein Ja angesichts all der an Abergeistern erkrankten Menschen ist, so eindeutig ist hier sein Nein zu Fremdbestimmung und dem Sog der Menge. Jesus liebt grenzenlos und kennt gleichzeitig seine Grenzen.

 

Abermals zeigt er uns, was es heißt, sich selbst zu leben anstatt fremdbestimmt gelebt zu werden.

 

Amen

Heimatverlust und ewige Heimat

Traueransprache über Mt 4, 4

für

Ida Strass, geb. Schultz

am

  1. Okt. 2017

in

Cosmas und Damian, Gutweiler

 

Der Bibelvers, der Ida Strass in ihrem Leben stets viel bedeutete, soll auch über dem Abschied von ihr stehen:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.

 

Es ist eines jener ganzheitlichen Worte, die den Menschen definieren, die von seiner Komplexität sprechen: der Verbindung von Körper und Geist. Menschliches Leben umfasst beides. Es ist dies ein Wort vom „sowohl als auch“.

Es besagt: das Leben ist mehr als Essen und Trinken. Es besagt: der Mensch ist ein soziales Wesen. Er wird erst Mensch durch Menschen. Die Eltern beispielsweise. Er wird erst Mensch durch andere und kann sein Leben nur voll machen durch Beziehungen. Gemeinschaft gehört zu seinem Wesen, Freude und Freunde und die Familie. Liebe Gemeinde: das Wort stiftet Verständnis und Beziehung. Das Wort stiftet sozialen Sinn. Auch in diesem Sinne ist das Wort als eben das Schöpferwort recht verstanden.

 

Der Text aus dem Matthäusevangelium war für Ida ein Leitwort fürs ganze Leben. Und es war für sie wie maßgeschneidert. Denn erzählt nicht die Bibel von Adam und Eva an, die des Paradises vertrieben werden, von Abraham an, der seine Heimat verlassen soll, von Mose und dem Auszug aus Ägypten an über Israel in der babylonischen Gefangenschaft bis hin zu Jesus, der von Herodes verfolgt und nach Ägypten gebracht wurde von Flüchtlingen?! Nicht minder war Idas Leben bestimmt durch ein Leben weit ab von ihren Spielgründen, geboren in Piegonisko, aber der Heimat verlustig durch den deutschen Angriffskrieg und dessen Folgen für 12 Millionen Deutsche im Osten. „Ich bin ein Flüchtling“, sagte sie oft. Und meinte damit die Welt ihrer Gefühle, den Verlust der Heimat eben und definierte ihr Leben als eines auf der Suche nach dem Verlorenen.

 

An vielen Stationen ihres Leben wird deutlich, woher sie kam und was ihr diese verlorene Heimat mitgegeben hatte. Die Mitgift der Liebe zum Land, die Gabe der Sprache. Ida sprach eben so gut Polnisch wie Deutsch. Sie sprach auch Englisch und – dies eben auch ein Tribut an ihre erste Heimat – Russisch.

 

Ida Schultz – „nur echt in dieser Schreibweise mit tz“ – wurde am 03. Februar 1931 ihren Eltern geboren und blieb auch deren einziges Kind. Die Eltern bewirtschafteten ein großes Gut. Der Vater war gleichzeitig noch Beamter am Standesamt von Kalisch. So wird oft die Mutter die leitende Gutsherrin gewesen sein. Diese Faktoren bestimmten Idas Persönlichkeit. Sie sog zwei Lehren mit der Muttermilch auf:

  • dass es sich gut als Einzelkind wohlhabender Eltern auf einem Gut leben ließ
  • und dass Menschen in solch einer Gemeinschaft streng geführt werden mussten.

Also wieder dieses „sowohl als auch“. Auf der einen Seite wurde sie verwöhnt, galt als die kleine Prinzessin; auf der anderen Seite erlebte sie die Strenge der Menschenführung – ihr Vater trat als schneidiger Parteigänger auf – , die sie für sich übernahm bis hinein in die Erziehung ihrer eigenen Tochter.

 

Auf einem ebensolchen Paar Füße steht, dass sie einerseits einziges Kind ihrer Eltern blieb, andererseits ihre Mutter Olga neun Geschwister hatte, so dass sie in einem lebendigen Meer von Cousins und Cousinen aufwuchs. Abermals sowohl ein Einzelkind als auch eingebunden in eine Großfamilie.

 

Dann brach der Krieg aus. Der Vater fiel 1944 in Petersburg. Das Gut musste evakuiert werden. Die Flucht im Treck muss nicht näher bebildert werden. Ida blieben keine der uns allen hinlänglich bekannten Eindrücke dieser deutschen Schicksalsmonate erspart. Es verschlug sie nach Wernigerode. Zusammen mit drei Cousinen wurde sie in einem Haushalt, dem von Familie Gutsche, aufgenommen. Dort blieb die Rumpffamilie eine Weile. Die Mutter fand wenige Jahre darauf wieder einen Mann. Und dieser „Onkel Georg“ bestand auf einem Schulabschluss für Ida und auf der Konfirmation. Sie begann eine kaufmännische Lehre und machte den Führerschein. Den Kontakt zur weiteren Familie pflegte sie auch über die Zonengrenze hinweg, und sechs Jahre vor der Mauer blieb die 24-Jährige anlässlich eines Westbesuches in Kaiserslautern bei einer Tante. Sie telefonierte und teilte mit, dass sie sich entschieden hatte zu blieben, denn „hier sie alles sehr viel besser“. Und tatsächlich: bald schon hatte sie eine Arbeit auf dem Standesamt von Ulmet gefunden. Dort in Ulmet auf der Brücke über den Glan soll sie ihren späteren Mann kennen gelernt haben.

Am 13. August 1959 heirateten die beiden in Kaiserslautern. Die Arbeit ihres Mannes brachte der Familie manchen Wohnungswechsel. Der erste führte das Ehepaar nach Trier. In die Sternstraße 1. In dieser Phase wurde den beiden am 14. September 1963 die Tochter Ursula geschenkt. Ehemann Helmut arbeitete auf der E-Stelle. Die Wohnung „Am Weidengraben“ ab 1967 lag dichter am Arbeitsplatz. Von 1968 bis 69 bot sich die Gelegenheit, erst in Alaska, dann in New Mexico Militärlastwagen zu erproben und mit der Familie dort zu leben. Idas Englisch half mancher deutschen Kollegenfrau bei Ämtergängen.

Dann wurde die Tochter Uschi eingeschult und die Familie lebte wieder in Trier. Das war 1970. Zwei Jahre später konnte Idas Mann sich den Lebenstraum eines eigenen Hauses erfüllen. Und dies, weil Ostflüchtlingen mit landwirtschaftlichem Hintergrund ein besonders günstiger Bundeskredit angeboten wurde. Wieder bestimmte Idas Herkunft ihr Leben. Denn nicht alle Bezüge zur verlorenen Heimat sind überschattet von Verlustgedanken und Fremdheitsgefühl.

Ida wertete es als positive Mitgift, dass sie zunächst im Architekturbüro „Konder und Partner“, später bei „Wenzel und Hardt“ gerade mit polnischen Restauratoren in deren Muttersprache kommunizieren konnte, Männern, die für die Domrestauration nach Deutschland gekommen waren.

Immer wieder gibt es diese Bezüge zur Heimat, dieses sowohl polnisch als auch deutsch, diese Doppelständigkeit, die schließlich auch in der Zeit nach dem Tod ihres Mannes, 2006, bedeutsam wurde. Ihre Demenz wurde diagnostiziert und Pflege wurde nötig. Diese Pflege kam aus Polen.

Ihr Leben liegt wie eine Kurve vor uns. In deren abflachendem Verlauf spricht sie am Ende ihres Lebens wieder Polnisch, ihre letzten verständlichen Worte sagte sie in der Sprache ihrer verlorenen Heimat.

Der Verlust der Sprache schließt den Kreis ihres Lieblingsbibelwortes, einer Jesusweisheit über die Bedeutung der Sprache als Verbindung der Menschen, die Bedeutung des (Gottes-)Wortes für das Leben.

 

Nun, Gott hat verheißen, die Verluste und das Bruchstückhafte von Idas Leben zu heilen. Das ist uns allen versprochen. Heute, wo das, was wir nachzusehen haben in Vergebung und mit Vervollkommnung aufgehoben ist, mag er ihr in den Ohren klingen mit seinem Schöpferwort vom ewigen Leben, in dem alles zurecht gebracht ist – und mögen ihr auch ihre Augen übergehen dort, wo ihr das ewige Licht leuchtet. Amen.

als Jesus einmal Urlaub machen wollte

Allerheiligen 2017

 

Ich weiß nicht, wie viel Wert Ihnen Ihr Urlaub ist.

 

Meiner ist mir sehr wichtig, weil er mir erlaubt, alle Aufmerksamkeit, jede Anspannung, was nun als nächstes passieren könnte und zu tun sein wird, herunter zu fahren. Am besten fahre ich im Urlaub weg, verlasse das Pfarrhaus. Denn es passiert immer wieder, dass trotz besprochenem Anrufbeantworter, dass trotz out-of-office-response irgend jemand einfach vor der Tür steht und klingelt. So ging es mir vor kurzem im letzten Urlaub. Wieder einmal riskierten wir es, die freien Tage zu Hause zu verbringen. Zumal meine Frau am Fuß operiert worden und nicht gut zu Fuß war. Prompt klingelte mein privates Handy. Und ein Bekannter war am Telefon, mit dessen Arbeit ich beruflich zu tun habe.

Der Mann hatte große Probleme. Die Weiterbeschäftigung an seinem Arbeitsplatz war akut gefährdet. Er bat mich um Beratung. Wir verabredeten uns.

Wir sortierten also auf einem gemeinsamen Spaziergang seine Gedanken. Wir buchstabierten seine Möglichkeiten durch. Gleichzeitig versuchte ich ihm klar zu machen, dass er selbst durch sein Verhalten seine Stelle gefährdet hatte und niemand anderem die Schuld geben konnte. So etwas ist Arbeit. Gern hätte ich ihm noch mehr aufbauende Zuwendung gegeben, denn er war am Boden zerstört. Dann kam die arbeitsrechtliche Entscheidung, die wie erwartet hart für ihn war.

Ich hörte ihm zu und bat ihn schließlich, mit dem nächsten Gespräch nach meinem Urlaub zu warten.

 

Von seinem ersten Anruf in meinen Urlaub hinein bis zu dieser Abgrenzung musste ich immer wieder an eine Geschichte in der Bibel denken. Im Markusevangelium steht:

 

Von da brach er auf und zog in das Gebiet von Tyrus. Dort zog er sich in ein Haus zurück und niemand sollte das wissen.

Aber es blieb nicht unentdeckt. Im Gegenteil: eine Griechin aus Phönizien hatte davon gehört, deren Töchterlein unter einem unreinen Geist litt. Diese Frau suchte ihn nun auf und bat, er möge den Daimon aus ihrer Tochter austreiben.

Doch er wollte sie abfertigen und sprach: „Lasst zuerst die Kinder satt werden. Denn es ist nicht recht, der Kinder Brot zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Doch sie erwiderte: „Gewiss, Herr. Aber auch die Hunde unter dem Tisch fressen von den Brosamen der Kinder.“

Da sagte er zu ihr: „Um dieses Wortes willen geh hin: der Daimon ist aus deiner Tochter ausgefahren!“ Sie ging nach Hause. Und tatsächlich, sie fand die Tochter auf dem Bette liegen; der Daimon war von ihr ausgefahren. eÜ

 

Der Ort Tyrus liegt nicht in Israel. Er liegt im Ausland. Jesus macht nichts anderes, als wir für gewöhnlich tun, wenn wir über die Grenze nach Österreich reisen, um dort Erholung zu suchen.

Jesus reist ins Ausland, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. Schon einmal vorher berichtet Markus, habe Jesus die Bewohner eines Dorfes einfach stehen lassen und sei mit einem Boot fort gefahren. Er braucht das, diesen Abstand vom Alltag und seinen Anstrengungen. Er braucht den Rückzug und die Sammlung.

 

Für Jesus war es wichtig in den Jahren seiner Berufung zu zeigen, dass es einen Ort auf der Welt gibt, in dem man menschlich richtig vor Gott lebt. Er wollte, dass dies in Israel geschieht. Außerhalb dieses Gebietes erklärt er sich nicht zuständig für Gott. Er zieht sich zurück und will es niemanden wissen lassen.

 

Diese Sicht auf den urlaubsreifen Jesus widerspricht einer platten Definition dessen, was denn „sich heiligen“ heißt. Gemeinhin würden wir sagen: sich einzubringen bis zur Selbstaufgabe, das entspräche doch dem Vorbild Christi. An Ostern gipfelt diese Selbstzurückstellung in der Selbsthingabe am Kreuz.

 

Doch die Erzählung von Jesu Begegnung mit der syrophönizischen Frau in seinem Urlaub lenkt den Focus auf ein anderes Verständnis. Auf den lebendigen Menschen. Denn Leben heißt geben und auftanken, heißt einatmen und ausatmen.

In dieser Geschichte lehrt Jesus und lernt diese Frau, dass wir nur geben können, wenn wir auch auf uns selbst achten, wenn wir auch unser eigenes Wohlbefinden, unseren Akkustand im Auge behalten. Denn geben können wir nur, wenn wir auch etwas zu geben haben.

 

Dabei ist diese biblische Erzählung voll unerwarteter Dynamik.

Zunächst will der Mann aus Nazareth raus aus seiner Verantwortung, will nichts mit den Nöten der Menschen zu tun haben. Doch dieses spritzige Wortgefecht ändert seine Pläne. Der in seiner Ruhe aufgespürte und gestörte Jesus verwendet starke Worte, redet offensiv, will die Frau von sich weisen. Doch seine Gegnerin pariert intelligent. Denn die Not sitzt ihr im Nacken.

 

Wir lernen an dieser Stelle, dass Not international groß ist. Wir haben es schon in den Nachrichten wahrgenommen, die von den Flüchtlingen aus Myanmar berichteten. Um wie viel mehr verstehen wir angesichts der Flüchtlinge aus Syrien bei uns, dass Not länderübergreifend groß ist. Denn die Syrer sind bei uns angekommen und leben inzwischen hier mitten unter uns im Ruwertal mit ihren Geschichten von Krieg und Flucht.

In seiner Reaktion zeigt Jesus, dass er das versteht, dass ihn die Nachricht solcher übernationaler Not und überreligiöser Bedrückung erreicht und verändert. Er ändert seine Haltung.

 

Eine höchst interessante Notiz. Denn sie zeigt uns einen Menschen, der nicht festgefahren in seinem Ansatz ist, sondern eben ganz Mensch.

 

Aber nicht nur Jesus versteht die Not dieser Mutter, sondern auch umgekehrt kommt die Frau zu einer ihr Leben verändernden Einsicht. Es ist gerade das Bestehen Jesu auf seinen begrenzten Kräften und der Bemessenheit überhaupt, das für diese Frau aus Phönizien die wichtigste Wandlung mit sich bringt. Möglicherweise wurde ihr erst in diesem Augenblick deutlich, dass selbst derjenige, von dem sie alles erwartet, und den sie Retter und Heiland nennt, ein Recht hat, zu seinen Grenzen zu stehen.

Um wie viel mehr dann sie selbst: auch sie darf zu den Grenzen ihrer Verantwortung und ihrer Möglichkeiten stehen.

 

Er, dem wir für gewöhnlich alles zutrauen, der belehrt uns, dass der Mensch Grenzen hat.

 

So erhalten auch wir die Erlaubnis, sie einzuhalten.

 

Das kann heilsam sein.

 

Denn heute geht es um unsere Fähigkeit zu trauern. Auch hier geht es um unsere Kräfte und Grenzen.

Es geht um unser Vertrauen, dass niemand verloren geht: die nicht, deren Gräber wir heute besuchen und auch wir nicht, denen die Verstorbenen fehlen.

Die Geschichte lehrt uns zweierlei: wir dürfen gnädig mit uns umgehen und unseren begrenzten Fähigkeiten – und niemand fällt aus der Gemeinschaft Gottes, denn er wendet sich dem Bittenden oft ganz unverhofft zu.

 

Amen.

vom Primat der Seele über den Körper

14 Als sie zu den Jüngern zurückkamen, sahen sie diese inmitten einer großen Menschenmenge – von Schriftgelehrten in ein Streitgespräch verwickelt.

16 Er fragte sie: „Worum streitet ihr mit ihnen?“

17 Einer aus der Menge antwortete: „Meister, ich wollte hier meinen Sohn zu dir bringen, weil ein Geist in ihm steckt, der ihn der Sprache beraubt. 18 Und immer, wenn er ihn anfällt, zerrt er ihn hin und her, so daß er schäumt, mit den Zähnen mahlt und krampft. Nun habe ich zu deinen Jüngern gesagt, sie mögen ihn austreiben. Doch sie konnten es nicht!“ 19

Er antwortete ihnen: „O ihr ungläubiges Geschlecht, wie lange muß ich noch bei euch sein? Wie lange muß ich euch noch ertragen? Bringt ihn her zu mir!“ 20 Und sie brachten ihn zu ihm. Sowie ihn der Geist erblickte, krampfte er den Knaben zusammen und dieser stürzte zu Boden und wälzte sich schäumend hin und her. 21 Da fragte Jesus dessen Vater: „Wie lange geht das schon so mit ihm?“ Er antwortete: „Von Kindheit an! 22 Oft hat er ihn auch schon ins Feuer geworfen und ins Wasser, um ihn umzubringen. Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ 23 Jesus reagierte: „“Wenn du etwas kannst“ – wer glaubt, kann alles!“ 24 Sogleich schrie da der Vater des Kindes: „Ich möchte glauben! Hilf meinem Unglauben!“ 25 Als nun Jesus den Menschenauflauf sah, herrschte er den unreinen Geist an und sagte: „Du sprachloser, stummer Geist, ich gebiete dir: Fahre aus von ihm und kehre nie wieder in ihn zurück!“ 26 Da schrie er auf, krampfte ihn heftig zusammen und fuhr aus. Der Knabe lag dann wie tot, so daß viele Leute sagten: „Er ist gestorben.“ 27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er erhob sich.

28 Als er ins Haus gegangen war, fragten ihn seine Jünger, als sie mit ihm alleine waren: „Warum konnten wir ihn nicht austreiben?“ 29 Er sagte zu ihnen: „Diese Art weicht nur dem Gebet.“

 

Kaum kehrt Jesus vom Berg der Erleuchtung zurück in die Niedrungen menschlicher Alltäglichkeit, begegnen ihm hier auch wieder alle möglichen menschlichen Schwächen.

Wie dumme Jungs stehen sie da, die Jünger. Sie sind nicht in der Lage, Rede und Antwort zu stehen. Offensichtlich sind die Jünger in diesem Streitgespräch unterlegen, wie sie sich schon zuvor als unfähig erwiesen hatten, den epileptischen Jungen zu heilen.

 

Viele hier im Raum kennen das: das einem einfach manchmal die Worte fehlen. Z.B. weil etwas so anrührend ist. Oder aber vor Aufregung. Die Jünger kommen sich von den Schriftgelehrten examiniert vor. Ihnen fehlt es an der Gelassenheit. Das verschlägt ihnen die Sprache.

Das ist menschlich. Das geht uns in tiefer Trauer so und auch die Verliebten können ein Lied davon singen: wie tappen sie nur nach Bildern und Vergleichen, um etwas in Worte zu fassen, wofür ihnen eigentlich aber die Begriffe fehlen.

 

Stumm und sprachlos schließlich sei auch der Geist, der von dem Jungen ihn krankmachend Besitz ergriffen hat.

 

Es geht hier in dieser Perikope gleich mehrfach um Sprachlosigkeit. Es geht um die fehlende Erfahrung mit Lebensfragen und mit Gefühlen. Darum fehlt uns beim Betreten von Neuland oft der passende Begriff.

Im Grunde ist Jesus enttäuscht über seine Jünger, denn sie sind nun schon eine Weile an seiner Seite und Zeugen der Macht des Geistes. Er seufszt, weil er die Menschen immer wieder so ohnmächtig, so unfähig zum Glauben und zum Guten vorfindet.

 

Wenn da also die Jünger mit den Schriftgelehrten wortduellieren, dann stehen wir selbst neben ihnen in der Arena: unser Wort ist gefragt, das will uns diese Geschichte lehren. Unser Veto angesichts von Unrecht gegenüber Hilflosen, Rechtlosen und Mittellosen. Wo ist unsere Stimme für die Asylanten, unser Aufschrei angesichts der Flüchtlinge dieser Welt, die vor den deutschen Waffen aus ihrer Heimat fliehen? Wir selbst sind gefragt angesichts unserer Sprachlosigkeit, die eine Folge der Gedankenlosigkeit, der Bequemlichkeit und vielleicht auch der Reizüberflutung ist. Hier liegt die Moral, die jeden Hörer dieser biblischen Geschichte angeht.

 

Sodann geht es um einen ganz speziellen Fall von Wortlosigkeit. Einen biographischen Casus. Es ist die Geschichte dieses Vaters mit seinem Sohn und die dieses Sohnes mit seinem Vater. Ein Drama hat sich entwickelt und aufgeschaukelt aus der fehlenden Aussprache, aus dem versäumten Aussprechen dessen, was die Betroffenen bewegt und führt so zur Krankheit, die unser Text so treffend beschreibt. Es ist eindeutig Epilepsie mit ihren Krämpfen, dem Schaum vor dem Mund und all der Angst vor den Anfällen.

 

So plötzlich diese Anfälle ihr Opfer niederwerfen, und so sehr sie ihre Opfer wie ein Blitz aus heiterem Himmel ereilen, sie sind doch untrennbar mit der sozialen Umwelt des Kranken verbunden.

„Erbarme dich über u n s“, ruft der Vater, der mindestens ebenso betroffen ist wie der kranke Sohn.

So steht z.B. in der Ausgabe des WEG (8/96)von einem Epilepsiekranken namens Thomas: „Die Ärzte hatten ihm zwar die Diagnose Epilepsie mitgeteilt, aber er wußte trotzdem nicht viel über seine Krankheit. Bis sie ihn plötzlich bei vollem Bewußstein erwischte. „Mein Gehirn war wie gespalten,“ erinnert sich der junge Mann. „Einerseits erlebte ich meinen eigenen Anfall, andererseits beobachtete ich meine Umwelt. Das war einfach schrecklich.“ Thomas spürte die Gewalt des Krampfes und sah dabei in die erschreckten, zum Teil angewiderten Gesichter der Passanten. Von nun an spielten sich die immer gleichen Szenen ab: erst die Panik, dann der Anfall, dann das Entsetzen der anderen. „Er, der Anfall, liebte die Öffentlichkeit oder meinen Anbeitsplatz. Er trat nur noch dort auf. Um es überspitzt zu sagen: meine Anfälle brauchen Publikum.“

 

Im Fall des biblischen Epileptikers ist es der Vater, der besonders mit dem Schicksal des Kindes und mit den immer wiederkehrenden Anfällen verbunden ist.

Seit Kindheit an sei der Junge anfallskrank. Seit vielen Jahren also immer das hin und her zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das hin neuer Gebete und Versprechen an Gott, denn Epilepsie, lat. morbus sacer galt als heilige Krankheit – und das her offensichtlicher Zurückweisung durch den Höchsten.

Angesichts der erbsenzählerischen Kargheit an Worten des Markusevangeliums will die eigens erwähnte Frage Jesu nach der Dauer der Erkrankung etwas bedeuten.

Die Bitte des Vaters um Heilung durch Jünger und dann Jesus hat offensichtlich ein ebenso langes wie zermürbendes Vorspiel gehabt. Mit jedem neuen Anfall, mit jeder neu erfahrenen Hilflosigkeit mag die Angst, die Erklärungslosigkeit und irgendwann auch die Wut des Vaters gewachsen sein.

Durch seine Ohnmacht wird die Fürsorge nicht nur in Entsetzen, sondern auch in Wut dem Sohn gegenüber verwandelt worden sein.

Der Junge seinerseits nimmt die Doppelgesichtigkeit des Vaters wahr. Er weiß, daß es an ihm liegt, auf welcher Seite der Gefühlswechselbäder der Vater sich gerade befindet, ob auf der Seite der Zuversicht oder der Verzweiflung. Doch er mag sich noch so unter diesem Vorsatz anspannen, es gelingt ihm nicht, dieser Verantwortung gerecht zu werden: im Gegenteil, je mehr er sich anstrengt, desto eher bricht das Blitzunwetter in seinem Gehirn wieder los.

Der Sohn spürt, daß ihn der Vater zwar „liebt“, doch nur unter der Bedingung, daß er gesund und normal ist.

Und je mehr er sich um Wohlgefallen bemüht, desto mehr scheint er den Teufel im Leib zu haben.

So leuchtet uns ein, daß er seine Aggression schließlich gegen sich selbst wendet. Die zerstörerische Krankheit kommt ihm gerade recht. Sie ist nicht nur das Loslassen, sondern auch die Genugtuung. Sich, den Unfähigen bestraft der Junge mit jedem Anfall ebenso, wie den Vater, der nicht bedingungslos liebt. Der Junge steht seinen Anfällen wie ein Süchtiger seiner Sucht gegenüber.

 

Dreh- und Angelpunkt ist das wohl nie ausgesprochene ambivalente Verhältnis des Vaters zu seinem Kind. Offensichtlich war nicht nur der Junge sprachlos in seiner Krankheit, sondern auch der Vater in einer Weise sprachunfähig, die krank macht!

Der Höhepunkt der Geschichte ist der Moment, in dem der Vater aufschreit. Das Heilungswunder Jesu setzt beim Vater an. Ihn führt Jesus aus seiner Haltung verzweifelter Larmoyanz und verheimlichter Aggression heraus. So unterbricht er den Teufelskreis zwischen Vater und Sohn.

 

Auch in dieser Geschichte stellt die Bibel einen psycho – sozialen Zusammenhang zwischen einer Krankheit und dem Umfeld des Erkrankten her. Sie tut das immer wieder, dass sie die psychosomatische Einheit einer Abweichung von der Norm als dynamischen Prozess verstehen lehrt. Ganz so, wie wir auch heute den Einfluss von außen auf Entstehen einer Krankheit und die innere Einstellung, nennen wir es den Glauben, auf die Heilung beobachten können.

 

Damals geschah folgendes:

Der an anderen orientierte schwache Glaube des Vaters wird zum Vertrauen eines Mannes, der in sich selbst ruht.

Und für den von unerfüllbarer Erwartungshaltung entlasteten Sohn kommt es zu totaler Entspannung. In dem Moment, als er sein altes Leben hinter sich läßt, wirkt er wie tot. Und dann, dann taucht er auf wie aus einem Traum und tritt ins Leben ein. An Jesu Hand richtet er sich auf.

 

Und für uns öffnet es eine Verständnisdimension, dass dieses griechische Wort für „Aufrichten“ dasselbe Wort (anestä) ist wie das für die österliche „Auferstehung“.

 

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

Gebet:

 

„Wann, Herr, haben wir endlich die Kraft, aufzustehen, aufzustehen gegen das Unrecht und unsere Stimme zu erheben gegen die Täter?

Wann, Herr, üben wir den Aufstand, den Aufstand gegen die Feigheit und Bequemlichkeit?

Wann endlich treten wir auf für Vergebung und Neuanfänge,

werden zu Anwälten des Lebens?

Wann endlich läßt Du uns alle verstehen, daß die Streitgespräche der Schriftgelehrten unsere Worte sind? Worte, die unseren Ängsten entsprechen und immer wieder neue Abergeister wecken. Geister, die gegen Deine Lebensfreude ihr „aber“ sprechen.

Wann werden wir die Kraft haben, uns von jeder Ideologie des Unlebens, von jeder koscheren Scheinwelt, von all unseren schriftgelehrten Bedenken, Ängsten und schließlich Besessenheiten zu befreien und in dieser Welt und Wirklichkeit kein ungläubiges Geschlecht mehr sein?

Wann, Herr, werden wir fähig zum Glauben und zum Guten?“

… die dicksten Kartoffeln

Erntedank

(Eine Schubkarre voll Grasschnitt vor dem Altar)

 

Haben Sie schon mal mit dem Grasschnitt Bodenunebenheiten auf ihrer Wiese ausgeglichen? Das ist leichter als mit Schippe und Schubkarre irgendwo Erde abzutragen und in die Mulden zu fahren. Schließlich will der Grasschnitt auch zu Erde werden.

Ich hab ´s getan. Und tatsächlich verfestigte sich die Muldenfüllung. Tatsächlich fing neues Gras an, dort zu wachsen, wo vorher Wühlmäuse wüteten oder ich einen Wurzelstock rausgenommen habe.

Doch dann kam die Sommerhitze. Die der ersten drei Augustwochen. Wenn Sie sich bitte an den fantastischen Sommer vor dem September erinnern. Das frische Gras, nun überall auf demselben Niveau wurde dort schnell welk, wo es auf den Schüttungen entstanden war.

Ich sah mir das Elend an. Und da fiel mir folgende Bibelstelle ein:

 

Jesus sprach zu den Menschen in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seine Saat. Und während er arbeitete, fiel einiger Samen auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen´s auf. Und einiges fiel auf Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keinen tiefen Wurzelgrund hatte. Und einiges fiel unter die Dornen; und die wuchsen schneller und erstickten es. Anderes aber fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.

Und Jesus sagte: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

Die Bibel lehrt uns Wahrheiten für unser geistliches Leben durch die Blume. Sie sagt sie uns mit der Evidenz der Erfahrung, mit der Überzeugungskraft eben des praktischen Lebens, aus dem sie ihre Bilder entlehnt.

 

Da hatte ich den Salat. Schöne Idee, wenig Mühe und schneller, scheinbar guter Erfolg. Ich blickte auf die braune Stelle im Rasen. Ein Desaster.

Schon das Schicksal des ersten Saatauswurfs hätte einen stutzig machen können. Das sind die, die auf die breite Straße des Lebens gefallen sind. Menschen im Strom, im Trend der Zeit. Sie fragen danach, was angesagt, was chic, was in ist. Religion spricht sie nur an, wo diese im Blick auf Selbstdarstellung etwas zu sagen hat, bei Hochzeiten beispielsweise – im Blick auf Tiefe, auf Geistigkeit, auf Besinnung erscheint ihnen Glaube als ein abgelegenes Feld. Abwegig im eigentlichen Sinne. Für diesen Typus liegt das, was zählt vor einem. Der Weg ist vorgegeben. Es ist sozusagen der Strom der Zeit, der sie mitreißt wie tote Fische. Und sei es durch die Medien, die alltägliche Reklame. Das sind die Samenkörner, die die Vögel fressen. Stimmvieh sind sie, denn die sogenannten Fake-News sind genau auf ihre Weltanschauung abgestimmt, um ihr Wahlverhalten zu bestimmen. Sie tun, was opportun ist. Die großen Vögel haben sie zum Fressen gern.

 

Und dann kommt der Vergleich, der mich als Gärtner hätte warnen können. Es ist von denen die Rede, die keinen tiefen Wurzelgrund gefunden haben. Menschen, die den Weg des geringsten Widertandes wählen. Dabei können Pflanzen Teerdecken aufsprengen und Wurzeln Fundamente brechen. Diese hier aber bemühen sich nicht, sie geben sich mit dem schnellen Fressen, dem Fastfood zufrieden, der dünnen Erdschicht, die der Wind in irgendwelche Bodenunebenheiten geweht hat. Sie nehmen was kommt. Die Beliebigen. Sie haben kein eigenes Profil. Der Volksmund sagt von Ihnen: nur eine Null hat keine Ecken. Sie sind ohne Ecken und Kanten. Sie sind im eigentlichen Sinne gar nicht.

Denn wenn es mal heiß hergeht, dann versagen sie.

 

Wie gewinnen wir Tiefe?

Keine Frage, wir lernen unter Schmerzen. Wir lernen z.B. am Verhalten anderer uns gegenüber wie wir es gern hätten oder wie gar nicht. Gut gelitten sind die dran, die das umsetzen können. Glücklicher noch die, denen die Eltern liebevoll das Leben mit allen Konsequenzen vorleben. Das ist eine der Lehren aus dem Gleichnis. Denn das können wir, dem Sämann den Boden vorzubereiten. Humus ausbringen, unterpflügen, Zwischensaaten säen und einarbeiten. Mutterboden verbessern eben. Der Same aber wächst von allein, wie es im ersten Gleichnis heißt.

 

Diesen Umstand bewundern wir am heutigen Erntedanktag: das Geheimnis der selbstwachsenden Saat. Für die unerwarteten Ernten danken wir. Und für die unverdienten. Erntedank ist der Feiertag der Bescheidenen.

 

Am Einbringen sind wir nur am Ende mit der Sichel und ganz am Anfang eben beteiligt. Den Boden bereiten, das ist alles, was wir beitragen können. Nicht mit faulen Tricks wie dem mit dem Grasschnitt in die Bodenunebenheiten. Denn deren Frucht hält der Wahrheit des Lebens, ihren Hitzezeiten und den Kälteperioden nicht stand.

Belastbare Vorarbeit, liebe Gemeinde, ist Kärrnerarbeit, mühselige Kleinarbeit. Das Auswählen, Vorleben (!) und Vortragen der guten Beispiele und Geschichten für unsere Kinder und Enkel, die Märchen und Gute Nacht Geschichten, die biblischen Figuren für die Lebenswelt und Glaubensvorstellung der nächsten Generationen;

das Herbeibuckeln von Mutterboden, also das miteinander Basteln, Arbeiten und Bedenken, das Befragen und Interpretieren von Ereignissen, Widerfahrnissen der Gegenwart, eben der deutschen Geschichte von morgen;

die Feldarbeit, das ist das Unkrautzupfen, das jedes Schuljahr und jedes Lebensjahr, meinetwegen auch das Vegetationsjahr gute Bedingungen schafft.

 

Keine leichte Schulter, keine faulen Tricks, wie diese hier in der Schubkarre.

Wie nah die Bibel mit ihren Texten am Puls und an der Wahrheit unseres eigenen Lebens ist, das offenbart dieses Jesuswort für den heutigen Tag.

Es spricht von der großen Spannbreite des Glücks beim Leben. Und von der handbreit Verantwortung, die wir dabei haben.

Wir sind Handlanger des Lebens. Vielleicht zum Glück können wir nicht alles machen, nicht alles steuern und manipulieren.

Das Wunder der selbstwachsenden Saat wird uns jenseits unserer Bemühungen geschenkt. Das, was wir eigentlich zum Leben brauchen, die Liebe anderer Menschen, das fällt uns einfach zu. Hundertfach empfangen wir, dürfen wir ernten.

Heute sind wir uns dessen bewusst und unendlich dankbar dafür.

 

Amen

 

Liebe lässt gelten

Traueransprache für Margret Jahns, geb. Möller

am 28.08.2017 im GHG

über Joh 14, 1 – 6

 

Auch wenn wir heute singen „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“ – wir Menschen sind keine Augenblickswesen. Denn Identität gibt es nicht ohne Geschichte, und Zukunft braucht Herkunft. Wir leben zwar hier und jetzt, aber wir sind bestimmt durch Ideen und Ideale und geprägt durch unsere Vergangenheit. Sie bestimmt unsere Gegenwart.

 

So sagen wir z.B. vom ewig dickfelligen, unerschütterlichen Charakter, er habe als Kind genügend Muttermilch erhalten. Auch andere Charakterzüge führt der Volksmund auf frühkindliche Umstände zurück.

 

Wir alle haben durch Leben, Schicksal und Verhalten unserer Eltern, die politischen Umstände Prägungen in unsere eigene Entwicklung geschrieben bekommen.

So fiel mir das Bild ein, dass Ihr Vater, der in seinem Erstberuf Küfer war, seine Ordnungsvorstellungen wie Fassreifen über die Seinen getrieben hat. Sein Werterigorismus und Kontrollzwang haben seine Frau ebenso geprägt, wie sie den Frohsinn der Kinder beschnitten hat im Sinne von Anpassung.

Die Mitgift ihrer Mutter dagegen ist vielfältig. Sie reicht in einer Breite von der Liebe zur Natur über die zur Freiheit hin zum Stolz der Selbständigkeit. Das Selbstbewusstsein dieser Frau ist keinesfalls unbeeinflusst durch die Alkoholabhängigkeit ihres eigenen Vater. Dieser, häufig arbeitslos, war den Kinder, Margret allzumal nah, denn er war im häufiger im Haus als die Mutter, und Margrets Zuneigung und Verantwortungsgefühl, ja ihre Identifizierung mit dem Vater zeigte ihr einen ebenso langen wie schmerzlichen Lernweg vor.

 

Margret ist in ihren Vorlieben ebenso wie in ihren Schwächen wie jeder Mensch geprägt durch die Gene, Charaktere, das Vorbild und Schicksal der Eltern und ihrer Familie. Zwei tiefe Narben neben vielen wunderbaren Eindrücken sind in ihrer Biografie unübersehbar. Die erste ist der Verlust ihrer Zwillingsschwester Hildegard. Beide Fünfjährige waren 1940 an Diphterie erkrankt. Margret genas, Hildegard erlag der Krankheit. Und es ist, also ob Margret seither nach ihrer anderen Hälfte suche, als sei durch den Verlust des Zwillings ein Stück von ihr selbst genommen.

Suche bleibt seit diesen Kindertagen Programm in ihrem Leben. Suche nach Vervollkommnung, nach Heimat, nach Eigenständigkeit, nach Glück. Die Schatten dieses Ergänzungswillens sind die Selbstzweifel, nach denen sie sich am liebsten aus der Welt nehmen würde.

Ehe, der elterliche Garten, Kinder und eigene Familie sind sicher Glück für sie, doch die Antwort auf die offene Lebensfrage, die Sehnsucht nach Wiedervereinigung der Seelen, die Sehnsucht nach lebendiger Gemeinsamkeit können sie nicht stillen.

 

Das zweite Trauma reimt sich auf das erste. Das Zerbrechen der Ehe. Für sie ist die Abgrenzung, die Enge, auch das Kontrollbedürfnis ihres Mannes aus Misstrauen nicht nachvollziehbar. So gleicht sich für sie der Verlust der Einheit, der Ehe mit dem Verlust der Schwester.

Nicht nachvollziehbar ist ihr, der lebensfrohen Frau, jene Angst, denn sie traut umgekehrt anderen Menschen viel zu. Sie kann gelten lassen. Sie ist bestimmt von sozialer Toleranz. Haltungen, von denen wir heute lernen können.

Denn sind nicht gerade heute die Enge, der Glaube, im Besitz der Wahrheit zu sein, die Skepsis statt der Neugier allem Fremden und allen Fremden gegenüber das Ferment in diesem Lande ebenso wie im Nahen Osten, das in der Gesellschaft Unfrieden sät?

Margret war da ganz anders.

Sie liebte das Leben. Im Singen und Tanzen drückte sie diese Freude zuallererst aus. Aus langen Wanderungen durch die Natur zog sie Lebenskraft, brachte sich ein Blümchen, ein Erinnerungsstück aus diesen frohen Stunden mit zurück in ihr jeweiliges Wohngehäuse.

Sie liebte überhaupt. Zuallererst die Kinder. Und wer liebt, kann lassen. Sie ließ ihre Kinder, ihre Entscheidungen, ihre Lebenswege gelten. Sie tat nach Kräften das beste dazu, kämpfte für den höchsten Schulabschluss und dann den Universitätszugang für ihre Tochter. Eine Innovation in der Familie. Sie scheute aus Überzeugung zu den Gaben der Kinder den Bruch mit der Tradition nicht. So wie sie Neues wagte, war sie überhaupt eine wenn auch vielleicht unbeabsichtigte aber überzeugte Freundin der Emanzipation – und zahlte dafür mit dem Scheitern ihrer Ehe.

Von ihrer Mutter hatte sie das Bild im Herzen, dass eine Frau eine Familie ernähren kann. Nun legte sie selbst sehr viel Wert auf Selbständigkeit und eigenes Leben, auf eigenen Beruf und eigenes Geld. So hoffte sie, der sozialen Kontrolle und der Fremdbestimmtheit zu entkommen. Darum bildete sie sich 1971/72 zur Stenokontoristin aus. Was bis 1977 voll berufstätig bei Caramba-Chemie in Duisburg und bis zum Ruhestand 1996 bei Klöckner Industrie-Anlagen daselbst.

Sie wissen um die Schwierigkeiten und das Auf und Ab ihres Seelenlebens in diesen Jahren. Wir dürfen aber nicht nur die psychosoziale Seite sehen sondern heute auch würdigen, was Margret in den Endachtundsechzigern und danach mit ihrem Lebensbeispiel vorlebte und leistete.

 

Solch ein Mensch ist selten ein einfaches Gegenüber. Ihre Lieben hat sie nicht nur mit der Durchsetzung des Gymnasiumbesuchs gefördert sondern mit ihrer Art gefordert. Ihre eigene Unvollkommenheit blieb eine ständige Herausforderung.

Das Greifen nach Angehörigen, die schwierigen Anrufe, die offenkundige Sehnsucht nach den anderen, dabei das Überschreiten von Grenzen, machte sie zu einem schwierigen Gesprächspartner. Sie provoziert so Rückzug der anderen und manche schlaflose Nacht, Gedanken bis heute darüber, wie man ihr hätte entgegenkommen können.

 

Doch die Antwort hat sie in ihrem Leben und mit ihrer Haltung selbst gegeben. Wer liebt, kann lassen. Sie hat Sie geliebt, also angenommen, dass Sie so sind, wie Sie sind und Ihr Leben so leben, wie Sie es eingerichtet haben. Margret hat selbst ja genau dazu gesagt. Liebe kann das.

 

Das Vermächtnis, das Margret mit auf den Lebensweg und für die Entwicklung ihrer Kinder und Kindeskinder gibt ist im Gegenteil: der Auftrag, sich treu zu sein, vor sich bestehen zu können, die eigene Unvollkommenheit, auch die Begrenztheit anzunehmen.

 

Denn abermals gilt: Zukunft braucht Herkunft. Und die ist immer begrenzt, bestimmt, definiert. Dazu gilt es sich zu verhalten. Das ist die Herausforderung von morgen.

 

U.a. im Blick auf die Trauer. Denn diese kann nicht mit einer Entscheidung be- oder geschlossen werden. Sie ist ein Prozess. Und der braucht Zeit. Oder in den Worten von Margret: In Ruhe abwarten und Tee trinken, also geschehen lassen. Dann verfliegen die Schatten der Nacht. Zum Zeichen für diese Wahrheit werden wir den Gottesdienst am Ende mit der Komposition von Cat Stevens „Morning has broken“ beschließen, zum Zeichen, dass Gott JA zu uns gesagt hat, ein JA, das über die irdische Zeit hinaus gilt, zum Zeichen, dass auf Dunkelheit sein Licht folgt.

 

Ein jeder von uns ist ein guter Gedanke Gottes. Also solcher bleiben wir vor ihm, dem Ewigen lebendig, auch wenn wir hier zeitlich sind.

 

Amen

 

Von der Sehnsucht nach Zusammensein mit anderen geliebten Menschen; von der Sehnsucht nach Zusammensein im Angesicht Gottes spricht der Bibeltext, in dem Jesus Erfüllung denen verheißt, die nach Heimat, die nach Gemeinschaft, die nach Freude auf der Suche sind: Lesung von Joh 14, 1 – 6.