Der Heiland als Dissident

Als Jesus nun hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der das spricht (Jes 8, 23; 9, 1): „Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die saßen am Ort im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen“. Seit der Zeit fing Jesus an zu predigten „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“.

 

Immer, wenn jemandem etwas nicht richtig gelang, ein angekündigtes Ziel nicht erreicht worden war, pflegte meine Großmutter zu trösten mit den Worten: wer weiß, wozu es gut war.

Um diese Weisheit geht es in unserer heutigen Geschichte.

 

Vordergründig beginnt sie so: Jesu Vorläufer wird gefangen gesetzt. Jesus schließt daraus auf eine Gefahr für seine Person. Tatsächlich gab es zu Zeiten des Herodes Pogrome. Nicht nur politisch anders Denkende wurden nieder gemacht, waren den Verfolgungen der Geheimpolizei des Statthalters ausgesetzt. Auch religiöse Gruppierungen standen im Verdacht, die Macht zu untergraben. Es mag uns an die Verfolgung der Gülem-Bewegung in der Türkei in diesen Tagen erinnern. Aber es ist aus der Zeit des römischen Imperiums und seiner Kaiser bekannt, dass Verhaftungswellen selbst in der Provinz an der Tagesordnung waren.

Forscher fragen sich, wie groß der Einfluss des Täufers auf Jesus gewesen sein mag. Diese Stelle mag als ein Indiz dafür gelten, dass Jesus in seinen theologischen Kinderschuhen ein Zögling dieser Erweckungsbewegung gewesen war. Eine Bewegung, die man immer in der geistigen Nähe zu den Essenern, einer jüdischen Sekte, vermutete.

Herodes verfolgt also die religiösen Extremisten, die Sektierer.

Darum also flieht Jesus ins Ausland. Der spätere Heiland hier als Dissident. Der junge Jesus ein Exilant.

 

Dort, am See Genezareth entwickelt der Mann aus Nazareth seine Theologie. Aufschlussreich ist, dass er mit dem Bußruf des Johannes seine Verkündigung beginnt. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“.

So beginnt er dort, wo Johannes aufgehört hat. Er stellt mit dem zunehmenden Wachstum seiner Theologie, mit deren Reife, die Gedanken des Täufers vom Kopf auf die Füße. Hieß es noch in den ersten Tagen: Kehrt um, tut Buße, weil das Reich Gottes nahe gekommen ist. D.h. weil der Tag des Gerichts nahe ist, werdet anständige Menschen – eine Kehrtwendung im letzten Augenblick sozusagen, eine Besserung unter Androhung der Strafe;

so macht Jesus mit der Entdeckung des lieben Gottes, seines lieben Vaters im Himmel daraus eine andere Logik: Weil Gott schon da ist, weil er dich liebt, darum – und nur darum ! – kannst du dich ändern. Es ist die Theologie der Liebe und ihrer selbstverständlichen Früchte, die in der Zeit nach dem Aufenthalt am See Genezareth wächst.

Der Einzug in Jerusalem wird dann so etwas sein wie die Nagelprobe des Vertrauens in diese neue Botschaft, dass sich selbst gibt, wer denn wahrhaft liebt. Doch dazu zu Ostern mehr.

 

Das erstaunliche an unserer heutigen Perikope ist, dass der Evangelist mit der Skizze einer historischen Situation beginnt. Dass er einerseits erwähnt, warum Jesus sich absetzt. Ein Blitzlicht gleichsam auf die historische Situation, eine politische Randnotiz, die der Evangelist der Nachwelt überliefert.

Andererseits aber stellt er dieses Untertauchen Jesu in einen ganz anderen Zusammenhang, den nämlich einer alten jüdischen Vorhersage. Der Prophet Jesaja sagt Regionen, die besonders abgeschrieben waren, Regionen, die am Rande des Kulturgebietes im Übergang zur Steppe lagen, zu, dass sie von der Quelle des Lebens werden trinken dürfen. Wer im Schatten liegt soll ein helles Licht sehen, in den Fokus gestellt, wahrgenommen werden. Ich erinnere an Brecht: die einen sind im Dunkeln, die andern sind im Licht. Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Genau das ist die Botschaft Jesu, dass Gott dich wahrnimmt. Und diese Annahme lebt er in der folgenden Zeit in Person. Wie zum Beweis dieser Aussage sammelt der Evangelist dann in den folgenden Kapiteln Erzählungen über Jesus, der die Verlorenen sucht, die Kinder annimmt, die Ausgestoßenen heilt und wieder gesellschaftsfähig macht.

Auch wenn wir sagen, die Geschichte Jesu beginnt mit Weihnachten, so führt uns Matthäus doch zu den eigentlichen Anfängen: der beginnenden Wirksamkeit Jesu.

Eine Botschaft, die durch eine historische Verfolgungssituation ausgelöst wird. Die Flucht und damit Heimatlosikeit des Menschensohnes wird durch diese Initialzündung für Jesus zum Thema. Zum Quellpunkt seines Redens und Wirkens.

Es ist so, als ob die Erfahrung von Not und Vertreibung den Blick für Not und Flucht öffnet, als ob der Eindruck persönlich erlittener Verfolgung das Herz aufschließt für die Verfolgten, für die outcasts, für die Randgruppen der Gesellschaft.

Unsere heutige Perikope gibt also wahrscheinlich wieder, was in der Legende von der Flucht nach Ägypten verniedlicht wurde: die tatsächliche Flucht Jesu in den Untergrund und das Ausland.

 

Unüberhörbar legt der Evangelist den Schwerpunkt der Wiedergabe aber auf die Einordnung des Geschehens in einen größeren Zusammenhang. Den der Prophezeiung von Jeremia, dass Gott Licht in die Provinz bringen wird, dass die verlorenen Schafe gefunden werden werden; das die Marginalisierten wahrgenommen und wieder wertgeschätzt werden.

 

Und da haben wir die Situation, von der ich eingangs sprach: dass etwas anders läuft, als wir es uns gedacht haben. Dass der Mensch zwar denkt, Gott aber lenkt. Denn am Ende sehen wir, wozu ein Bruch in unserer Biographie, wozu ein augenscheinliches Missgeschick, wozu gar ein Unglück gut war.

 

Meine Großmutter pflegte den Spruch: wer weiß, wozu es gut war. Tatsächlich dürfen wir im Leben die Erfahrung machen, dass ein Missgeschick sich in Glück wandelt, dass wir im nachhinein verstehen, wozu etwas gut war.

 

Das ist der hidden code dieser Perikope vom Wirkungsbeginn Jesu, der vertrieben wird und so erst auf seine eigentliche Bestimmung stößt.

Wir alle erfahren im Grunde vom liebevollen Vater im Himmel nur, weil er an dieser Stelle Jesu Lebenswege so ruppig umgelenkt hat.

Und auch im Blick auf eigene Stolperstellen im Leben dürfen wir glauben, dass genau sie uns auf die Füße stellen können.

Amen

Traueransprache fürAlbert Seitz

 

Wir haben einen Gott, der hilft (Ps 68, 21)

 

Dies ist das Familienbibelwort. Es begleitet seit der Trauung über die Goldene Hochzeit hin zum heutigen Ereignis. Ein Gott, der hilft.

Und manchmal wirkt er auch Wunder. Alfreds Mutter konnte nämlich gar keine Kinder bekommen. So ihr Frauenarzt zu ihr nach einem Fahrradunfall.

Aber dann kam Alfred. Gegen alle medizinische Weisheit.

Wie seine spätere Frau blieb er zwar Einzelkind. Doch er war da. Und alle, die heute hier sind, viele, die ihn im Laufe des Lebens kennen lernen durften, werden sagen: das hat er gut gemacht.

Denn Alfred, am 20.04.1927 geboren, war ein menschenzugewandter Zeitgenosse, ein unterhaltsamer Gastgeber, ein schnurriger Erzähler, ein vielseitiger Mensch, ein strenger und doch liebevoller Vater, ein anregender Vereinskamerad.

 

Doch fangen wir vorne an. In der Weimarer Republik. Schließlich war Alfred Zeitzeuge dreier politischer Systeme im Reich und im späteren Deutschland. Es war die Epoche, in der Kinder in Matrosenanzüge gesteckt und in schwarz-weiß photographiert – mit „ph“ – wurden. Zu feierlichen Anlässen, aber auch beim Familienurlaub im Seebad steckte man die Knaben in marineblaues Tuch mit weißen Kragen und goldenen Knöpfen. Für den späteren Segler Alfred mag das wie ein Fanal zu lesen sein. Denn unter seinen Hobbies hatte die Segelei und alles, was damit zu tun hat, einen besonderen Stellenwert.

 

Am 04. 07. 1953 heiratete Albert Helga Fischer. Und nicht lange danach sieht man die beiden die ersten Boote gemeinsam schleppen. Hölzerne Jollen beispielsweise, die der junge vierjährige Armin, seinen handwerkenden Vater imitierend, meinte mit einem Holzbohrer bearbeiten zu müssen. Das Thema Wassersport füllt allein einen Band in der Familienchronik.

 

Ein anderes sind die Stationen der wachsenden Familie. Da waren zunächst Seckenheim und Mannheim. Ilwesheim, dann Hagen und schließlich Weißenburg. Hier beginnt für viele der Kinder der Familie der gemeinsame Weg, der schließlich in Gusterath gipfelt. Hätte Helga nicht der Umzieherei Grenzen gesetzt, weil sie den Kindern ein festes Nest bieten wollte, einen Standort, beständig genug, damit sich auch Freundschaften entwickeln und erhalten konnten, dann wäre Albert noch häufiger an neue Orte gezogen. So musste er manch fernen Arbeitsplatz gleichsam auf Montage erledigen, um am Wochenende in den Mittelpunkt der Familie zurück zu kehren.

In den Ferien kompensierte er dann die ihm unersträgliche Sesshaftigkeit mit dem Kajütboot, aber auch mit dem Wohnmobil wurde gewandert. Die Liste ist länger als Deutschland, England, Schottland, Frankreich, Spanien, Italien, Ostsee und Nordsee…

Der gelernte Maschinenbauingenieur Albert arbeitete vornehmlich im Kranbau. Aber auch Firmen, die Laufkatzen für Kräne herstellten oder Ausleger für Hallendächer konnte er zufrieden stellen. Er verstand es als einen frechen Zug des Schicksals, dass viele Firmen, für die er arbeitete, ihn nicht ins Pensionsalter bringen konnten, weil sie in schwieriger Marktlage viel zu bald nach Beginn seines Arbeitsvertrages Konkurs anmeldeten. Aber damit konnte der begabte Ingenieur umgehen.

 

Viel schwerer wog ein anderer Schicksalsschlag, der die Familie, auch die später geborenen Kinder, noch mitbeeinflusste. Und das war der frühe Unfalltod des zweitgeborenen Kindes, Sigrun, die zwei Jahre nach Rüdiger, 1956, geboren wurde. Das achtjährige Mädchen wurde überfahren. Albert lebte lange Zeit wie im Schock. Seine später geborenen Kinder, Armin 1964, Ingeborg 1966 und Heidrun 1968, verstehen seine Verhaltensdirektiven auch als Folge der Verunsicherung, die das Schicksal von Sigrun bei ihm auslöste. Sie interpretieren seine zeitweise Strenge als Ausdruck seiner väterlichen Sorge. Seine Gedanken um Sicherheit für die Mädchen, seine Bemühungen um ein breites zukunftssicherndes Fundament, seine Leidenschaft, der nachfolgenden Generation etwas beizubringen, empfanden sie aber auch als überaus lästig. Keine Spanienreise, kein Hafenbesuch, keine Wohnmobilfahrt ohne den Besuch von Ladekränen, die Lehrstunde am Ladequai, den physikalischen Anschauungsunterricht.

 

Albert hat es sich bei den großen Fragen seines Lebens nicht einfach leicht gemacht. Er blieb im Blick auf Gott ein Leben lang ein Suchender. In sein Persönlichkeitsprofil gehört die Lust am Hinterfragen. Gern diskutierte er mit seiner Familien, seinen Freunden, seinen Gästen, mit mir über das Hintergründige, über die Schriftreligionen, den Glauben, über Gott. Gern gab er sich dabei als Skeptiker.

Andererseits kennen seine Segelkameraden den sich gebetsnahen Ausruf nach einer stürmischen Passage zwischen Sizilien und dem italienischen Festland: „Ich weiß, dass du stärker bist“, will er gegen den Strum, gegen das himmlische Toben gebrüllt haben „du brauchst es mir nicht zu beweisen!“ Die Familie weiß auch um sein Vertrauen in die Hoffnung, dass alle sich dermaleinst wiedersehen werden.

 

Die agnostische Skepsis und der selbstverständliche Glauben, beides gehört in der Person von Albert Seitz zuhauf. Diese vereinten Pole spiegeln sich auch im strengen Erzieher einerseits und fürsorglichen Vater auf der anderen Seite, im grummeligen Separatisten im Keller, der doch ach so gern die kuschlige Nähe der anderen im oberen Stockwerk aufsuchte. Wir sehen den weiten Bogen seiner Persönlichkeit im geselligen Egoisten, im Einhandsegler, der nichts mehr liebte als die Vielfalt seiner Vereine, im Choleriker, der bald darauf auf windstilles Einvernehmen aus war.

Albert Seitz, ein Mensch, der einerseits gut allein leben konnte, in dessen Gesellschaft es aber nie langweilig wurde. Gerade wenn die Temperamente Ecke auf Kante stießen wie bei Ihnen, der geradlinigen, nüchternen, pflichtbewussten Ehefrau mit Familiensinn und Rückgrat und dem eher extrovertierten, manchmal künstlerisch spontanen Ehemann mit seiner typisch männlichen Art, seine Wehwehchen zu übersehen oder genau andersherum in den Mittelpunkt zu stellen.

 

Albert war vielseitig, Ingenieur und Musiker, Vater und Alleingänger, Partylöwe und Seebär, in einem früheren Leben Boxer, dann Fechter und Funker. In allem nicht nur ein interessanter Gesprächspartner sondern vor allem ein liebenswerter Mitmensch.

 

Auch, wenn er seine religiöse Skepsis häufig vor sich her trug, vertraute er in der Tiefe seiner Seele dem Gott des Familienpsalmes, dem Gott, der da hilft.

 

Vor ihm wird er nun leben. Nicht mehr hier in der körperlichen Begrenztheit, sondern im Licht des Gottes, der von Anfang an viel geholfen hat.

Und am Ende konnte Albert im Vertauen auf ihn loslassen.

Im Vertrauen auf ihn dürfen auch wir ihn Gott anbefohlen sein lassen.

Hier werden wir Albert vermissen, dort aber wissen wir ihn in guter himmlischer Gesellschaft. Amen

Die Bibel am Ende – zum Ende des Kirchenjahres Ausblick

Gottesdienst am Ewigkeitssonntag

über Offenbarung 21, 1

 

 

Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

 

Wir alle fallen! Diese Hand da fällt.

Und sieh Dir andre an: es ist in allen.

 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Heute gedenken wir der Vergänglichkeit. Für uns, die Anwesenden ist das keine philosophische Betrachtung. Denn wir gedenken des Vergangenen, weil wir heute von uns gegangener Menschen gedenken. Menschen, die wir lieb haben. Das Feuer in unseren Herzen für diese Menschen sagt uns etwas über die Wirklichkeit unserer Beziehungen zu ihnen. Sie waren da. Und wir vermissen sie.

 

In Gedanken zu stiller Stunde, ja manchmal am helllichten Tag angesichts eines Kleidungsstückes, eines Bildes ist gleichzeitig beides da: die Erinnerung an den geliebten Menschen und der Schmerz über seine endgültige Abwesenheit. Und dann erst der Blick in die Zukunft: Weihnachten ohne sie / ohne ihn, wie soll das werden? Kann das überhaupt gelingen?

 

Weil wir mitten dabei sind, Abschied zu nehmen, sind wir heute hier. Nein, es ist noch längst nicht verarbeitet. Formalitäten sind geregelt. Das allein hat schon viel Kraft und Zeit gebraucht. Doch Abschied nehmen, endgültig gehen lassen? Das wollen wir nicht. Aber wir sind herausgefordert, es zu tun. So stehen wir wie im Spagat zwischen Müssen und Nichtkönnen.

 

Das ist keine Gleichung, da hebt sich nichts auf, der Spagat zwischen Müssen und Nichtkönnen ist nicht Spannungslosigkeit, sondern offenbart die Schieflage unseres Lebens erst Recht. Vor allem aber darf der Tod eigentlich nicht sein in unserem Leben. Er bringt Ungleichgewicht in unser Leben. Er zerstört den Leib, er zerstört die Verbindung, er zerschneidet, was an Schönheit zwischen Mensch und Mensch webt. Er ruiniert das Leben und was daran köstlich ist. Soll Leben die Handschrift Gottes tragen, soll es voller Schalom, umfassendem Glück sein, darf es überhaupt keinen Tod mehr geben.

 

Gott weiß das. Und wir wissen das. Darum hören wir mit sensibilisierten Ohren auf das, was über die letzten Dinge in der Bibel steht. Die Bibel ist am Ende ihrer Weisheit, als sie auf den Tod zu sprechen kommt. Wenige Seiten gibt sie sich noch. Kein Blick zurück mehr auf jenen letzten Seiten, Zukunftsschau:

 

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und die Heilige Stadt Jerusalem sah ich, neu, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. 3 Und ich hörte eine Stimme von dem Thron her erschallen: „Siehe! Die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er, Gott, wird mit ihnen sein, 4 und alle Tränen von ihrem Angesicht abwischen; und der Tod wird nicht mehr sein und kein Leid, kein Jammer und keine Mühsal, denn das erste ist vergangen.“ 5 Und der Thronende sprach: „Siehe, ich erschaffe alles neu!“ Und er befahl mir: „Schreib auf! Denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.“ 6 Und er sagte zu mir: „Sie sind in Erfüllung gegangen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Dem Durstigen werde ich aus der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben unentgeltlich. 7 Wer obsiegt, wird dies zum Erbe erhalten, und ich werde ihm Gott und er mir Sohn sein. … „

 

Dass Gott der Witwe Recht schaffen will ist sein altes Programm, dass der Durst des Leidenden gelöscht werden soll auch, aber dass der Tod nicht mehr sein soll, das ist neu.

 

Gott lässt uns immer wieder staunen. Doch hier handelt es sich offensichtlich nicht um eine seiner leichtesten Übungen. Große Umbauten sind vorgenommen. Das Meer ist nicht mehr da. Aus ihm tauchte der Leviathan auf, für den antiken Menschen der Schrecken aller Schrecken. Dann hat er ausgespielt.

 

Auch heute schon gilt für uns, dass nichts mehr so wie früher sein kann, es aber auch nicht zu sein braucht, wir werden schon der Gegenwart ein neues Gesicht geben. D.h. nicht, dass wir des Vergangenen nicht mehr gedächten, das heißt nur, dass wir Wahrheit und Wirklichkeit zusammenbringen.

Denn auch unsere Erinnerungen sind Wirklichkeit. Sie wirken in uns, sind ein Teil von uns selbst. Wir wollen die Gegenwart gestalten, ohne die Vergangenheit zu verdrängen; – ja, mehr noch, wir wollen die unvergesslichen Momente der Vergangenheit, das, was uns lieb, das, was uns unentbehrlich am verloren gegangenen Menschen geworden ist, mit hineinnehmen in uns gegenwärtiges Leben.

Wir gestalten den anstehenden Tag und vergessen die Lieben, die an unserer Seite waren, nicht! Wir geben ihnen Raum, auch an Heilig Abend beispielweise: „Kommt, Kinder, diese Kerze habe ich bewusst aufgespart, wir wollen sie jetzt gemeinsam anzünden und dabei an N.N. denken!“

 

So sollen wir Menschen Bewältigung miteinander gestalten.

Das ist sicherlich im Sinne Gottes. Aber es sind kleine und oft auch mühevolle Schritte. Aber sie reichen nicht. Sie sind Krücken in der Not.

 

Darum will Gott Grundsätzliches ändern.

Er will zurecht bringen, was uns Menschen bedrückt. Schalom, nennt der Jude das: Das mit sich und der Welt eins Sein. Und zu Gott besteht ein familiäres Verhältnis.

 

Er will es aufheben, was uns trennt. Die Trennung, die uns am schmerzlichsten ist, der Tod mit seiner scheinbaren Endgültigkeit, sie will er überwinden.

Das himmlische Jerusalem, mit seinen zwölf edelsteinbesetzten Toren, hat keine Mauern. In den Toren der Städte des vorderen Orient wurde Recht gesprochen. Tore hat diese Stadt des Schalom vielleicht auch nicht mehr nötig, jedenfalls nicht mehr als Orte der Rechtsprechung. Vor allem aber hat sie die Grenzen abgeschafft. Was wir brauchen zur Abgrenzung, was wir für unsere Sicherheit aufbauen, Verteidigungsringe, das wird nicht mehr nötig sein. Einverständnis alles in allem. Keine Ausgrenzungen und kein Eingeschlossensein mehr.

 

Ausgeschlossen ist nur der Tod.

Dass Gott ganz nah, ganz nachbarschaftlich mit uns lebt, erscheint uns nicht minder wundersam wie das Bild einer Stadt wie dieser. Ich kann sie Ihnen auch nicht weiter erklären, keinen Stadtplan von ihr zeichnen. Ich spüre nur, welche Versprechen in dieser Verheißung liegen.

Einmal wird der Tod nicht mehr sein. Ist versprochen.

Einmal werden Schmerzen und Seufzer aus unserer Brust verbannt sein. Ist versprochen.

Einmal werden die Toten leben. Ist versprochen.

Einmal wird Gott alles in allem sein. Ist versprochen.

Darauf vertraue ich. Das ist viel mehr als nur mein menschliches Vertrauen, dass ich und jeder Mensch, den ich lieb habe, nicht aus seiner Hand fallen können. Das ist mehr als der Trost, dass ich nicht tiefer fallen kann, als bis in seine unendlich sanft haltenden Hände.

Es ist das Versprechen von Licht. Von Lebendigbleiben in seiner Gegenwart. Es ist die Zusage seiner Nähe und Geborgenheit für die, die wir hier vermissen.

Es bleibt auch seine Verheissung für uns.

Amen.

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift
Ansprache zum Gemeindefest 2015

Die Bibel eine Bibliothek.
Die Konfirmanden haben sie uns vor Augen geführt. 66 Buchrücken eingestellt in ein Regalsystem mit zwei Flügeln, dem Alten und dem Neuen Testament. Dies Hilfsmittel unabhängig davon, dass die Texte ursprünglich auf Rollen geschrieben waren, ins Regal geschoben wurden und davor über Generationen in den Köpfen der Nomaden, die die Geschichten ihren Söhnen an den Lagerfeuern der Steppe erzählt haben.

Die Bibel ist ein Lebensmittel.
Sie hilft uns zu leben. Schwarzbrot, sagen die einen, etwas zum Kauen – kein Weißbrot, keine leichte Kost.
Wäre sie nicht nur süß im Herzen, sondern auf der Zunge, dann wäre sie keine Blockschokolade, kann nie im ganzen verzehrt werden. Als junger Theologiestudent habe ich sie einmal in den Semesterferien von Anfang bis Ende durchgelesen. Das ist wie eine Urlaubsfahrt mit dem Navi. Man hat dann vielleicht eine ungefähre Ahnung, wo man ist, aber sehr eindrücklich ist das nicht. Man muss hingucken. Die solchermaßen überflogene Bibel gibt gerade preis, dass sie packende Biographien neben fallverliebten Gesetzestexten beinhaltet; im Vorbeiflug ist registriert, dass konstruierte Figuren wie Hiob neben fleischlichen Menschen wie Jesaja stehen. Nein, man muss schon zum Fenster hinausschauen, wenn man das bereiste Land auch sehen will; noch besser ist aussteigen und zu Fuß gehen.
Die Bibelgeschichten sind also nicht in einen Block gegossen, sondern sie wollen einzeln genossen werden. Das ist wie mit einer Schachtel Pralinen. Die wählen wir auch einzeln und mit Bedacht aus. Wir wiegen sie in der Hand und entblättern das Stanniolpapier vorfreudig.
Darum ist die Bibel in Kapitel und Perikopen untergliedert.

Sie beinhaltet nicht weniger als alle möglichen Lebenssituationen.

Und doch gibt es eine Klammer, die das Vielerlei zusammenbindet. Das ist die Erfahrung von Gott. Die Erfahrung Gottes durch den Menschen. Sie ist sozusagen das Regalsystem, in dem die Bücher stehen. Damit wird keine Monographie daraus. Denn die Erfahrung des eifersüchtigen Gottes steht neben der Jesu, der den lieben Vater im Himmel predigt.
Doch billiger ist diese eine Klammer nicht zu haben.
Das Zeugnis der geselligen Gottheit, die sich zwischen uns ereignen will. Gerechtigkeit in diesem Sinne ist nicht blinder Gehorsam einer Vorschrift gegenüber. Das wäre eben die blinde Fahrt allein nach Navi. Sondern Gottes Gerechtigkeit geschieht, wenn wir einander gerecht werden. Gott will sich einstellen, wenn wir des anderen ansichtig werden, wenn wir unser Du wirklich wahrnehmen.

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift. Das ist ein Buch mit vielen möglichen Titeln „Heilige Schrift“, „Wort Gottes“, „Buch der Bücher“ sind nur die geläufigsten. Der Anspruch auf Wahrheit ist kein mathematischer. Es geht nicht um Richtigkeiten. Sondern Wahrheit hat mit richtig geführtem Leben zu tun, die Bibel nennt das wahrhaftiges Leben. Und solches Leben versucht seine Wahrheit im Dialog zu finden. Im Gespräch mit anderen und eben im Gespräch mit Gott. Hören ist dabei wichtig. „Höre Israel“, so beginnt das jüdische Glaubensbekenntnis. Verstehen kommt nach Hören.

Die Bibel ist ein Hörbuch.
Darum lesen wir Sonntag für Sonntag aus ihr vor. Bringen sie zu Gehör. Weil der Weg vom Ohr zum Herzen kürzer ist als vom Gehirn zum Herzen.
„Wort für dich“, lautet auch darum eine Bibelausgabe.

Und die Unterschrift? Wessen Namen steht unter der Bibel? Viele Bücher sind mit dem Blut der Propheten unterschrieben, deren Spur sich im Exil, zwischen den Trümmern Jerusalems verliert, andere wurden in der frühen Kirche gesammelt, weil ein gewisser Paulus sie als Briefe geschrieben hat. Wieder andere sind Kunstwerke namenlos gebliebener Schriftsteller. Von den Überarbeitungsschichten von ganzen Stäben von Theologen am Hof, am Tempel, im Exil ganz zu schweigen.
Wer setzt also die Unterschrift, die für alle gültig ist? Für die Literaten, die Märtyrer, die Schreibtischtäter, die Missionare unter den Schreibern?

Verbunden sind die Schriften durch den Geist. Den Geist, der von sich zeugt. Er schenkt uns Verständnis vom richtigen Leben und von Gott. Der Geist, der zwischen Vater und Sohn weht und – weil Geist der Verbindlichkeit – gern auch zwischen uns
und eben zwischen den Schriften und den so unterschiedlichen Erfahrungen des einen Gottes.
Ein Geist der Einheit also, geschrieben mit unsichtbarer Tinte,
so dass noch Platz ist für Deinen und meinen Namen unter dem einen großen Dokument der Erfahrungen mit Gott.

Amen

Weihnachten 2016

Ansprache Heilig Abend 2016

 

über die Tiefen der Weihnachtsgeschichte

und die Dünnhäutigkeit des Herzens

 

 

Eine Frau füllt das Bildformat. Sie sitzt auf dem Boden, von dem sie eine wollene Decke trennt. Im Arm hält sie ein Kind. Beide sind notdürftig in einer Plane geborgen.

Die Frau sitzt so gewohnt gelenkig auf der Erde als ob sie so zu Hause zu sitzen gewohnt wäre. Aber sie sitzt nicht zu Hause, sie sitzt auf fremder Erde. Wahrscheinlich griechischer.

Die Kindernahrung zu ihren Füßen ist in einer Sprache aufgedruckt, die die junge Mutter nicht lesen kann. Wahrscheinlich in deutscher.

Mutter und Kind sind weder der einen noch der anderen Nationalität. Wahrscheinlich syrischer.

 

Eine Szene, wie wir sie hundertfach jeden Tag zu sehen bekommen. Ein Moment, der durch das tausendfache Einblenden in deutsche Wohnzimmer während der Nachrichtenzeit zur Bedeutungslosigkeit abgegriffen ist. Eine Momentaufnahme.

 

Und heute – Heilig Abend – ist sie Tagesthema. Maria füllt das Format dieser besonderen, dieser heilig genannten Nacht, zusammen mit ihrem Kind. Beide ebenfalls nach den Worten der Bibel nicht in der Heimat. Das Kind an einem fremden Ort entbunden.

Das Bild vom Stall ist Inbegriff des Provisorischen. Hier reimen sich beide Bilder. Der sogenannte Stall und die sogenannten europäischen Auffanglager.

Ebenfalls hundertmal gehört, tausendmal nicht an uns herangekommen die Risiken und Härten der Stallgeburt, weil sie hinter Lametta verhangen, von brokatenen Festtafeltüchern überdeckt, von Ei-popeia-Weihnachtsgedudel übertönt worden sind.

Denn in der alljährlichen Wiederholung lauert dieselbe Gefahr wie in der alltäglichen Nachrichtenschwemme.

Der ertrinkende Flüchtling im Mittelmeer wird ein zweites mal ertränkt in der Medienschwemme. Die Ausrufezeichen können auch erschlagen.

 

Genau das ist die Gefahr, der die Abgebildete ausgesetzt ist.

Dass sie übersehen wird!

 

So dünn wie eine Membran ist der Unterschied nur. Durchlässig oder nicht durchlässig, das ist hier die Frage.

Ein Hauch nur macht den Unterschied aus zwischen Übersehenwerden und Annahme. Und diesen Unterschied macht im wahrsten Wortsinn der „Augenblick“.

 

Für diese dünne Spanne, den Faden gleichsam, an dem alles hängt, gibt es ein Symbol.

Das ist die Rettungsdecke.

Die Folie, die im Bild Mutter und Kind birgt. Hier gibt sie dem inneren Geschehen einen Rahmen. Das innere Geschehen ist eine Herzensangelegenheit. Das Gold der Folie macht aus der Mutter eine Maria. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass die bedampfte Folie keine Selbstverständlichkeit, dass sie das Besondere am Besorgniserregenden der Situation ist.

 

Kennen Sie diese Rettungsdecke, die Frau und Kind birgt?

 

Ja, natürlich. Sie liegt im Verbandskasten ihres Autos. Sie wissen, dass sie dort liegen sollte. Eingeschweißt in ein Plastiksäckchen. Wiegt keine 50g. Und ist in zwei Schichten nach DIN 13232 zusammengeschweißt.

Eine Plane aus Polyesterfolie, keine 12 µ-Meter dick. Gelblich durchsichtig, das lässt die Decke auf der einen Seite golden erscheinen, auf der anderen ist sie mit Aluminium bedampft. Hier strahlt sie silbern. Diese Seite sollte dem zu Schützenden bei Kälte zugewandt werden, denn sie reflektiert seine Körperwärme und hält Verunfallte auch auf dem Boden warm. Sie isoliert aber nicht, das lernt der Rettungssanitäter. Nach außen soll die bedampfte Seite in der Wüste zeigen, wenn es gilt, warme Strahlung abzuweisen.

So dient die Rettungsdecke als Sonnen-, als Regenschutz, sie kann auf der Straße hilfreich sein, aber auch im Gebirge bei unvorhergesehen hereinbrechender Nacht als Biwak-Sack dienen.

Sie kann auf den Quais von Piräus den Unterschied von Leben und Tod, von Gesundheit und Erkältung bedeuten.

 

Eine Folie nur. Aber der Hauch Menschlichkeit auf diesem Bild. Das, worauf es ankommt.

Der dünne Film, der kleine Schritt, der den Unterschied macht.

 

Denn nicht der Regen in Piräus ist der Feind des Wohlergehens. Es ist die Gleichgültigkeit.

Innen und außen trennt hier eine ausgehändigte Massenware. So der Augenschein. Doch die Tatsache dieser Rettungsdecke über Mutter und Kind erzählt in Wahrheit gleichzeitig von einer anderen Welt. Von der Sicht der satten ersten Welt. Außen nämlich regiert oft die Arroganz. Die kurze Sicht der Leute, für die ihre überschaubare Welt so bleiben soll, wie sie immer schon war. „Sollen sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst“, eine verbale Lieblosigkeit, die erzählt von der Tradition der Fremdenfeindlichkeit. Als nämlich die Niederländer die Molukken erobert und als Kolonie dienstbar gemacht hatten, da kamen auch irgendwann die eingeborenen Zwischenhändler zu Wohlstand. Und sie und dann auch irgendwann die Kinder der ausgebeuteten Pfefferplantagenarbeiter, sie kamen von dort, wo der Pfeffer wächst, doch tatsächlich dorthin, wo die Schiffe der Ostindienkompanie das Hundertfache, ja das Tausendfache aus dem Wert ihrer Ladung holten.

„Sollen sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst“, ein fremdenfeindliches Perpetuum Mobile aus unserer sogenannten ersten Welt.

 

So unscheinbar die Rettungsdecke ist, sie erzählt doch von einer nicht unwesentlichen Welt. Sie macht hier und heute die Welt des Herzens sichtbar.

Eine Membran nur, aber sie stellt uns die Frage nach der Durchlässigkeit unseres Innenlebens.

Die Rettungsdecke selbst ist nicht dicker als ein Augenlied. Aber es ist eben die Frage, ob wir hinsehen. Es ist die Frage, ob ein Bild hineingeht, das tiefer gelangt als in den Intellekt. „Dann geht ein Bild hinein“, dichtet Rilke im Panter „geht durch der Glieder angespannte Stille, und – hört im Herzen auf zu sein.“ Ein Bild von Freiheit, das ihm nicht erlaubt ist, das darum im Ort der Sehnsucht taub geworden ist.

Ist uns das Bild vom Frieden noch weiterhin zumutbar, die Folgebilder und die unendlichen Bilderfolgen von Aufbruch, Flucht, Provisorium und Not? Abbilder der Sehnsucht nach dem Frieden für sich und die Kinder? Ertragen wir noch ein Bild mehr?

Dann sind Sie vielleicht offen oder sogar interessiert, was wir hier im zweiten Bezirk an fröhlicher Flüchtlingsarbeit leisten. Menschen mitten unter uns haben sich in großer ökumenischer Verbundenheit zusammengeschlossen und ein Netzwerk gebildet, das sich vielfältig als Überbringer solcher Folien der Zwischenmenschlichkeit einbringt: sie laden zum Café Welcome ein, sie machen Hausbesuche, begleiten zum Arzt oder zum Amt, sie haben für Flüchtlinge im sogenannten RADhaus über 1.000 Fahrräder gesammelt, repariert und ausgegeben, und jetzt haben wir miteinander den Begegnungsladen „Palaver“ in Waldrach ins Leben gerufen, den der Verein „Netzwerk“ betreibt. Dort können Sie mitwirken, oder einfach nur dem Verein als Fördermitglied beitreten. Beitrittserklärung auf der Rückseite des heutigen Gottesdienstprogrammes. Oder haben wir schon zugemacht, innerlich ausgeschaltet?

 

In den jüdischen Weisheiten der Chassidim wird folgendes Gleichnis erzählt. Ein Rabbi prüfte seine Schüler und fragte: Wann beginnt der Morgen? Wenn der Hahn kräht, so der eine; wenn die Sonne aufgeht, so ein anderer. Der Meisterschüler aber sagte: Wenn ich im Gesicht meines Nächsten den Bruder erkenne!

 

Liebe Gemeinde, eine Augenblickssache eben, kurz der entscheidende Moment, ob denn das Herz erreicht wird; eine Spanne dünn wie eine Rettungsdecke.

 

Amen

Weihnachten 2015

Weihnachtsansprache 2015

„Und nun auch noch Jesus … „

 

Wir feiern heute – Geburtstag. Ja, natürlich; einen Anfang. Mit dem Anfang anfangen, das sollen wir. So beginnt die Bibel immer wieder mit hoffnungsvollen Anfängen. Mit einigen Anläufen:

 

Die Vertreibung aus dem Paradies, einer Heimat, die alle ernährt und in der Friede über der gesamten Schöpfung liegt, wird in der Bibel nicht nur als eine Initialgeschichte an den Anfang gesetzt, sondern dieses Thema wird wieder und wieder durchbuchstabiert.

 

Zunächst Adam und Eva des Landes verwiesen, vom vor die Tür postierten Cherub singen wir Weihnachten wieder. Dann bereits die nächste Generation, der mörderische Kain ins Exil geschickt, also das Ausland schon jenes Auslandes jenseits des Paradieses.

Sarah und Abraham sodann siedeln um, sie ziehen in ein Land, das Gott ihnen zeigt, ein Land, in dem schon eine Urbevölkerung ansässig ist.

Ein Erleben, das tausendfach hochgerechnet wird, sich vervielfacht wiederholt, als die Kinder Israel aus Ägypten kommend den Sinai überwunden haben und ins Land der Philister einsickern, jenes in Wahrheit karge Land zwischen Wüste und Meer, in dem ihm Milch und Honig versprochen worden waren. Versprechen von Wohlstand, Genügen und Frieden, die einem Humanum gleich, bis heute Völkerscharen entheimatet und in den Exodus lockt.

 

Nach Ägypten waren die Kinder Israel zuvor im übrigen aus wirtschaftlicher Not gekommen. Im Nildelta gab es Getreide, während Jakob kein Brot mehr für seine Familie in Palästina findet: Wirtschaftsflüchtlinge waren sie, die Helden der Bibel, die sich dem Pharao als billige Arbeitskräfte anboten, was dieser auch weidlich nutzte, bis die menschenverachtende Ausbeutung zum Himmel stank.

Ein Sohn der Patchworkfamilie Jakobs, Josef, hatte es, trotz seines Makels, ein Ausländer zu sein, zum Berater des Pharao gebracht. Ein steile Karriere für jemanden, der zuvor als Handelsgut von Menschenhändlern transferiert worden war.

 

Und nun auch noch Jesus. Dessen Geburtstag wir so inbrünstig feiern, und dessen Festgestaltung sich so gern absetzt von dem, was uns im Alltag beschäftig. Dessen grau wird vom Lichterglanz verdrängt; dessen Einerlei von einem Stakkato der Adventssonntage belebt wird, das heute an Heilig Abend kumuliert. Weihnachten soll so anders sein als unser normales Leben mit seinen Nachrichten über Kriege, Krisen und Flüchtlinge.

Und nun auch noch Jesus. Auch er ein Flüchtling. Vertrieben von einem kindermordenden Tyrannen. Seine besorgten Eltern bringen ihn im Trabbikäfer des vorderen Orient, auf dem Esel, nach Ägypten. Ein Verfolgter, der in einer provisorischen Unterkunft auf dem Weg entbunden wird und der als Opponent im Keller gefoltert und dann öffentlich exekutiert wird.

Kann denn nicht wenigstens Weihnachten die heile Welt unterm Baum im Kleinen gepflegt werden und damit der Glaube an einen Himmel, in dem alles zurecht gebracht werden wird? Kann uns denn nicht die Bibel und ihre Zeugnisse an diesem Tag mit Flüchtlingsschicksalen verschonen? Haben wir es nicht verdient, dass wir nach einem harten Arbeitsjahr uns hier den Zuckerguss für die freien Festtage abholen können?

 

Kann sie nicht. Weil die Bibel Menschheitsgeschichte schreibt. Und weil sie sich sehr genau darin auskennt, wie wir sind: bedacht aufs Überleben und auf ein besseres Leben für unsere Kinder.

Weil Josef und Maria Jesum ins Ausland retten, bringen Achmed und Mirjam sie in die EU. Die einen, wie die anderen, sind Menschen. Sie reagieren menschlich.

Natürlich würden beide lieber bleiben, wo sie sind, wo sie die Nachbarn kennen, wo sie ihre Netzwerke haben, wo die Menschen beim Bäcker, beim Metzger, am Arbeitsplatz ihre eigene Sprache sprechen. Aber sie sind Treibgut im Meer der Mächtigen, der Interessen und Intrigen.

Gerade weil Europäer ihre Herkunftsländer als Interessengebiete verstanden und wie Kolonien ausgebeutet haben, diese eine globalisierte Welt aber keine Einbahnstraße für die dort günstig hergestellten Güter anbieten kann und darf, kommen eben auch die Menschen von dort, dorthin wo paradiesischer Frieden versprochen wird und Brot gegen die Not. So strömen die Menschen, weder von Gesetzen noch von Grenzen zu dämmen, wie die Bibel nicht müde wird, die schicksalsbestimmten Siedlungsflüsse der Menschen zu erzählen. Selbst durchs Wasser seien die ehemaligen Sklaven trockenen Fußes gekommen und auch Militär sei ihrer nicht habhaft geworden, so erzählt die Bibel vom Exodus und preist ihn als eine Heilserfahrung durch Gott.

 

Und nun auch noch Jesus. Ein unterwegs zu bürokratischer Registrierung geborener Mensch. Von Geburt ein Straßenkind. Ort seiner Niederkunft eine Tierunterkunft. Später ein Wanderprediger ohne feste Schlafstatt. Und doch der Antipode dieser Welt, wie sie sich gebärdet und gern mit Stiefelgedröhn daher kommt. Der Nazarener widerspricht und redet von der anderen Wange. Er ist der Visionär einer friedlichen Welt, die diese vorläufige überwindet. Er spricht von festen Familienbanden, einem liebevollen himmlischen Vater und einer Welt, die so werden kann, wie sie um Gottes Willen sein soll.

So zeichnet der Heimatlose gültige Heimat, so wird heil, was zerbrochen und wieder gegenwärtig, was verloren und zurückgelassen war. Stärker könnte der Kontrast nicht sein, als jener Fingerzeig, den einer der entsetzlichen Höhepunkte des ausklingenden Kalenderjahrs darauf hin gab, was unbeheimatet zu sein bedeutet. Die Attentäter von Paris waren Franzosen, heimatlos geworden im eigenen Land. Sie verloren das Gefühl der Zugehörigkeit, weil sie wieder und wieder erfahren mussten, dass sie nichts taugen, nichts können, nicht dazu gehören.

Ausgrenzung widerfährt auf dem Schulhof, im unfähigen Elternhaus, in der Lehrstelle,

ausgegrenzt fühlen sich erziehungsresistente Kinder, Menschen, die den Kontakt zum Mutterherz, zum anderen Menschen nicht aufbauen durften oder konnten. Auch im Land der körperlichen Geburt sind viele Menschen ohne Heimat. Kommen nie dort an, schlagen keine Wurzeln, wo wir unser zu Hause haben.

 

Solch ein Basiserlebnis hatte auch Jesus gemacht. Der Mann aus Nazareth, der in der Baracke von Bethlehem geboren worden sein soll. Er hat gelebt und gelehrt, wo wir eine gültige Heimat haben, wer andauernde Annahme anbietet.

Versöhnung, liebe Gemeinde, kommt nicht von „Sohn“, sie kommt durch einen, der Sühne anbietet, sie ist ein Geschenk der Liebe. Diese geht oft weite Wege für gelingende Gemeinschaft und Beheimatung von Leben. Vorurteile überwinden, Zurückweisung zurücknehmen, Zukurzgekommenen hinlängliches Genügen verschaffen, Minderwertigkeitsgefühle kompensieren, Schutzbefohlene annehmen, fördern. Annahme, Integration, Förderung und schließlich Vertrauen, die schenken Heimat.

Eine Heimat, die alle ernährt und in der Frieden über der Schöpfung liegt wird Paradies genannt – aber kleiner ist die Hoffnung der Bibel nicht. Es ist die Heimat, wie sie nur im Miteinander aller entstehen kann; sie hört auf zu verteufeln, sie gebärdet sich nicht mächtig, steht auch mal zur eigenen Ohnmacht. Sie findet im Dialog statt unter den Dächern von Palästen und Hütten. Gott ist dort dabei – und häufig ist er tatsächlich unterwegs und auf der Straße anzutreffen.

 

Amen.

Alle Heiligen (an Allerheiligen)

Allerheiligen 2016

Vom Wesen Gottes in allen Heiligen

 

Apg 17, (22) Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: dem unbekannten Gott.

 

 

In vielen Religionen finden wir das. Dass nämlich sicherheitshalber neben den Anbetungsorten für die bekannten Gottheiten noch einer errichtet wird, der all denen geweiht wird, die man eventuell nicht genannt, die man vielleicht übersehen hat.

Sicherheitsdenken, wie es in der Religion überhaupt ein eigentümliches Zuhause hat.

 

Allerheiligen ist ein Tag, an dem wir ähnliches tun. Nämlich nach 364 Tagen, die bestimmten Heiligen gewidmet sind, 364 Tagen, die Namenstage hergeben, noch einen Tag bestimmen, an dem all die ungenannten einen Ort haben. Sicherheitshalber wollen wir keinen vergessen.

 

Auf der Nadelspitze dieses Tages heute versammeln wir gleichzeitig unser persönliches Gedenken an die lieben Verstorbenen der eigenen Familien, wir verbinden das Anliegen von Allerseelen mit jenem Gedenken, das aus Gründen der Vorsicht und der Vollständigkeit einen Verehrungstag schafft für die eventuell übersehenen Heiligen.

 

Dabei ist in diesen Herbsttagen die Versammlung bekannter heiliger Größen ebenso prominent wie aussagekräftig:

am 11.11 feiern wir den Heiligen Martin, am 06.12 gedenken wir des Nikolaus, am 24.12 Jesu selbst, am 25 der Hirten, die Zeugen seiner Geburt waren, am 06.01 der heiligen drei Könige.

 

Bei genauerem Hinsehen kommen wir dabei ganz schön rum auf unserer Erde. Denn der erste ist ein ungarisch-römischer Soldat, der nächstgenannte ein türkischer Bischof, der dritte in seinem kurzen Leben ein aramäischer Wanderprediger, die anderen heimatlose Gesellen aus Obergaliläa und die Weisen schließlich nennen ihre Heimat Persien und die arabische Welt. Einer von ihnen wird später bewusst als Schwarzer geführt, um die Huldigung des Christus durch die ganze damals bekannte Welt sinnenfältig zu machen, den gleichen verbindenden Glauben von Europa, Asien und Afrika symbolisch auszudrücken.

 

Ich wage mir nicht vorzustellen, diese gemischte Gruppe würde in wenigen Wochen über den Dresdener Weihnachtsmarkt schlendern wollen, sich ihre hölzernen Abbilder auf Kerzenhaltern und Chorenden anzuschauen; oder gar einzelne von ihnen wären an einer sächsischen Bushaltestelle zur falschen Zeit am falschen Ort.

 

Wie ein Sicherheitskokon gewandet sich jede von diesen Heiligenfiguren in eine Legende oder schützt sich vor zu grellem Wirklichkeitsbezug durch ihren Mythos. Dabei sind sie vielleicht gerade dadurch Heilige geworden, dass sie ihr Schicksal angenommen und oft auch erlitten haben. Aber es liest sich im Buch ihrer Legenden gemütlicher als in der Tageszeitung von brennenden Flüchtlingsunterkünften und von rechten Wutbürgern zu erfahren, die Busse mit Kriegsflüchtlingen mit Steinen zertrümmern.

 

Dabei will uns der Konvoi dieser im Original in Toga und Tunika, in Kopftuch und Brustpanzer gekleideten Heiligen, dieser illustre Zug der heiligen Männer mit ihrer internationalen Herkunft etwas Wesentliches von Gott erzählen. Auch Cosmas und Damian gehören im übrigen in die farbenprächtigste Abteilung dieses Reigens und gerade in ihrer exotischen Erscheinung Gott zur Sprache bringen.

 

Gemeinsam erzählen sie darum Hand in Hand von Gottes ortsunabhängigen Ansatz, seiner herkunftsunabhängigen Menschlichkeit, von der erdumspannenden Geschwisterlichkeit aller Menschen.

Und dieser bunte Demonstrationszug aller Heiligen legt in seiner Dynamik Zeugnis ab von der Dynamis Gottes. Von seinem Wirken und Wesen. Dass er nämlich tatsächlich – wie Paulus dann in seiner Rede auf dem Areopag fortfährt – nicht „in Tempeln wohnt, die von Menschenhänden gemacht sind“, dass alle Menschen Geschwister seien und er „fürwahr, nicht ferne von einem jeden unter uns ist. Denn in ihm leben, weben und sind wir“.

 

Von Gott umgeben zu sein, das hilft uns in dieser Jahreszeit. Dass keiner aus Gottes Hand fällt und verloren geht, das tröstet, wenn wir an die Verstorbenen denken und an unsere eigene Zeitlichkeit.

Das Weben Gottes am Miteinander und seine Sehnsucht nach gelingendem Miteinander, dies dürfen wir als Ausdruck seiner selbst verstehen. Denn von einem spricht die Trinität bei allen ihren Geheimnissen ganz deutlich: von der Bezogenheit aufeinander.

Insofern ist unser Miteinander im besten Fall ein Spiegel dieses göttlichen Bezogenseins.

Und der bunte Zug der heute gefeierten Heiligen ist durch die Jahrhunderte ein Fingerzeig auf Gott selbst.

In unserem Umgang mit unseren Nächsten, in unserem Umgang mit denen, die bei uns ankommen will Gott selbst Wirklichkeit werden. Er verwirklicht sich in jeder gelingenden Beziehung.

Alle Heiligen zusammen und ihre Zeugnisse sind wie Farbtupfer auf einer Landkarte, die über die Zeit hinweg, zusammen ein Bild ergibt. Das Bild einer Welt, die zusammen gehört.

Wie die bunte Tempellandschaft Athens zur Zeit Pauli leben die Zeugen dieses Weltbildes verstreut über Zeit und Raum. Sie führen nicht selten selbst ein Wanderleben durch Nationen und Kulturen. Und weisen so auf den Punkt, der Halt gibt, den Tempel ohne Namen, den nicht menschengemachten Quellpunkt unseres Glaubens: Gott.

 

Sein Wesen ist Gemeinschaft, sein Wirken Glauben, sein Sein die Liebe. Amen

Es gibt Palaver

Grußwort Pfarrer Jens, zur Eröffnung des Integrationsladens „Palaver“

 

Normaler Weise sagt man: erfüllte Träume sind eine verlorene Sehnsucht. Im Falle der Eröffnung des Integrationsladens „Palaver“ ist das nicht der Fall.

Tatsächlich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ein von vielen Menschen in unterschiedlichen Farben und Füllungen geträumter Traum.

 

Dazu gehört auch folgende Sehnsucht:

Vor wenigen Wochen ging ich an der Promenade von Barcelona spazieren. Dort steht ein Kunstwerk. Eine Eisensäule, die ähnlich einer riesigen rostigen Zapfsäule an der Tankstelle ein analoges Zählwerk hat. Der Zähler stand auf 3.198.

Und darunter die Inschrift des Künstlers. Dies ist nicht irgendeine Zahl. Es ist die Summe der uns bekannten Menschen, die auf dem Weg in ein sicheres Europa in diesem Jahr im Mittelmeer ertrunken sind.

Für die Urlauber ein Schreck – das Meer vor ihnen ein riesiger Friedhof, für jeden Menschen eine Mahnung, für uns eben hier die Sehnsucht, dass es nach glücklicher Überfahrt eine Ankunft geben möge.

 

Heimat entsteht nicht von selbst. Sie wächst durch Bekanntschaften, durch Gespräche, durch Annahme, durch Teilen, durch gemeinsam durchgestandene schwere Phasen, durch gute Erfahrung im neuen Land, sie wächst gemeinsam mit Vertrauen.

 

Insofern habe ich noch viele Träume für den Wirklichkeit gewordenen Integrationsladen. Ich sehe Menschen beim Tee und beim Schach, ich rieche internationale Küche, Gerichte aus aller Welt, ich schmecke Eine-Welt-Kaffee, ich höre vertrauensvolle Gespräche in ständig besser werdendem Deutsch.

Die Vision von einem Ort für unsere Arbeit ist Wirklichkeit geworden – die Träume aber von wachsender Integration ehemals Fremder, von einem immer besseren Miteinander von Alt- und Neubürgern, von Teilhabe und wärmender Integration, die bleiben farbig auszumalen, denn sie sind die Wirklichkeit erst von morgen. Palavern wir miteinander und packen es an.

spitze Zunge

Reformationstag über Röm 3, 21, 22, 24

 

am:                           30. Oktober 2016                             in: Gusterath und Grünhaus

 

Lieder:           452, 1 – 4                              Lesung: Mt 6, 28 30, 33

                       182, 1 – 4

346, 1 – 3                             Liturgie: Nr: 88 und 89

362 (4)

162, 1 + 2

 

 

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben, … wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.

 

„Die gute alte Zeit“ ist das Ziel der Reformation. Denn wörtlich genommen soll eine Sache wieder so zurückgeformt werden, wieder so gestaltet sein, wie sie ursprünglich war.

Zurückgeformt – re-formiert – soll nach dem Willen Martin Luthers die Kirche werden. Seine Kirche.

 

Es waren diese Sätze Pauli, die Luther auf Spur die eines gnädigen Gottes führten. Denn das war seine Ausgangsfrage: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Und die Lektüre des Römerbriefes öffnete ihm die Augen für die Unverdienbarkeit der Gnade Gottes. Sie wird geschenkt. Gesetzestreue kann sie nicht verdienen, und käuflich ist sie schon gar nicht.

 

Als ich mir die 95 Thesen im Schein dieser Tage noch einmal in aller Ruhe durchgelesen habe, erhellte sich mir, wie vorsichtig der katholische Mönch bei seinen Gesprächsaufforderungen war. Bissig zwar in der Sprache, witzig auch, doch von diplomatischer Behutsamkeit. Kein entweder oder – kein Weg mit dem Teufelswerk Ablass – sondern mild urteilt der Professor, die Bischöfe hätten wohl gerade geschlafen als dieses Unkraut gesät wurde. Und er lobt die Vergebungsanteile, die der Papst erließe, sie seien keineswegs zu verachten.

Meister Martin, dem es um die Gründung seiner Kirche in der Wahrheit der Schrift geht, betreibt in seiner Kritik ein vorsichtiges Abwägen, ein relativierendes Werten, damit das Oberste wieder obenauf zu liegen kommt.

 

Zum Beispiel These 49: Man muss die Christen lehren: Die Ablässe des Papstes sind nützlich, wenn die Christen nicht auf sie vertrauen – aber ganz und gar schädlich, wenn sie dadurch die Gottesfurcht verlieren.

 

Oder 67 und 68: Die Ablässe, die die Prediger als „allergrößte Gnaden“ ausschreien, sind im Hinblick auf die Gewinnsteigerung tatsächlich als solche zu verstehen.

Doch in Wahrheit sind sie die allerkleinsten, gemessen an der Gnade Gottes und seiner Barmherzigkeit im Kreuz.

 

Die Offenlegung des Ablasshandels als eines Geschäftes markiert Luther als einen Geistlichen, der in der Welt der Politik angekommen ist. Seine spitze Zunge, mit der er das Wort „Gewinnsteigerung“ wörtlich auf Lob im Himmel anwendet aber gezielt anspielt auf die Gier der Geistlichen, wird die Leute haben lachen lassen.

Oder aber im Zorn über die Bloßstellung mit der Faust auf den Tisch haben schlagen lassen. Je nachdem.

 

Luther fechtet, er ist sich bewusst, dass man sich in diesem Streit vor und zurück bewegen muss.

 

Und er war nicht naiv. Er wusste, worum es ging. Sein Ringen um einen gnädigen Gott, das ihn zu einem großen Theologen hat werden lassen, mag auch Früchte des Vertrauens getragen haben, als man ihm an den Kragen wollte. Der Gottesmann lebte vom Vertrauen in den gnädigen Vater in Zeiten innerer wie auch äußerer Anfechtung.

 

In einer frühen Form dialektischen Denkens besteht er immer wieder auf dem sowohl-als-auch unseres Lebens. Er schreibt von der Gleichzeitigkeit des Christseins und dessen Freiheit und des Untertanseins und dessen Pflichten.

 

Manches sagt er deswegen auch durch die Blume.

 

So wie wir mit ihrer Hilfe ausdrücken, was wir nicht aussprechen wollen oder können. Wie es uns ums Herz ist. Wir erklären, wir entschuldigen uns, wir bedanken uns mit Hilfe von Blumen. Ihre Düfte lösen Emotionen aus, sie wecken Erinnerungen und Sehnsüchte.

Wir haben eine Blumensprache entwickelt:

  • die Rose ist zum Bild für die geschenkte Liebe geworden,
  • die Lilie Symbol für Reinheit des Herzens und die Keuschheit,
  • die Mimose ist Inbegriff der Empfindlichkeit,
  • der Kaktus deutet ein stachliges Wesen, eine distanzierte Beziehung an,
  • die Nelke ruft in den Arbeiterkampf.

 

Selbst die Farben sprechen eine eigene Sprache. Zum Zeichen für die protestantische Kirche ist die sogenannte Lutherrose geworden, eine weiße Rose im Mittelpunkt eines Siegels, das 1530 im Auftrag des Prinzen und späteren Kurfürsten von Sachsen, Johann Friedrich des Großmütigen, für Luther erstellt wurde. Lazarus Spengler schickte Luther eine Zeichnung des späteren Siegels zu. Luther betrachtete es als Ausdruck bzw. Zusammenfassung seiner Theologie und seines Glaubens.

 

Dieses Zeichen mit der Rose finden Sie als Abbild auf Ihren Plätzen:

 

„ein Merkzeichen meiner Theologie. Das erst sollt ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, daß der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Ob’s nun wohl ein schwarz Kreuz ist, mortifizieret und soll auch wehe tun, dennoch läßt es das Herz in seiner Farbe, verderbt die Natur nicht, das ist, es tötet nicht, sondern erhält lebendig … Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rosen stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose stehet im himmelfarben Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlische Freude zukünftig, jetzt wohl schon drinnen begriffen und durch Hoffnung gefasset, aber noch nicht offenbar. Und in solch Feld einen goldenen Ring, daß solch Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchste, köstlichste Erz ist.“

 

Die irdische Vorläufigkeit stellt Luther hier gegen himmlische Vollkommenheit. Das sogenannte „Jammertal“ ist der ständigen Reformation bedürftig.

Da ist sie wieder, diese ständige Herausforderung durch die Gleichzeitigkeit der Gegensätze. Sie erfordert Kritikfähigkeit für die klare Sicht auf die Situation, das Urteil über eigenes oder fremdes Verhalten und dann eben auch Mut in die Kräfte zur Veränderung des Verhaltens oder der Welt.

 

Allein und an und für sich gut war weder die Lutherzeit noch die alte Kirche davor. Gut war auch die Zeit unserer Eltern und Großeltern nicht in dem Sinne, dass wir das Rad der Geschichte zurückdrehen müssten.

Ich verstehe das katholische Nein zu einer großen Feier des Reformationsfestes, weil die Einheit der Kirche abermals nach der ersten großen Kirchenspaltung 1054 verloren gegangen ist, eine Einheit, die für das glaubwürdige Auftreten der Kirche sicher hilfreich wäre.

Aber ich sehe auch die vielen Wandlungen, die Luthers ursprüngliche Kirche inzwischen durchgemacht hat. Ich höre die Messe auf Deutsch seit dem zweiten Vaticanum, wir erleben, dass die Heilige Schrift in der katholischen Kirche wieder eine zentrale Rolle einnimmt, es wird gelehrt, dass die kirchlichen Ämter Dienste sind, die Rechtfertigung allein aus Gnade ist offizielle Lehre seit 1999.

 

Das Gute am Ideal einer Kirche kommt also gerade in einem langen Prozess nach oben, will wie Mark an die Oberfläche der Suppe. Rückwärtsrühren ist da kein Rezept für den Fortschritt.

Miteinander reden, der Aufforderung Luthers nach dem Diskurs Folge leisten, Argumente austauschen, aufeinander hören und sich ernst nehmen, das ist der Weg, den Konfessionen miteinander gehen können. Ein Zug in bunten Gewändern, unterschiedlichem liturgischem Tuch, der aber gerade an der Zugewandtheit der Diskutanten die eine Kirche erkennbar macht. So kann versöhnte Verschiedenheit zum Zeichen werden.

 

Wir alle sind Missionare aneinander. Wir wissen gleichzeitig, dass wir oft hinter den Ansprüchen, die wir im Blick auf Glaubwürdigkeit an uns haben, zurückbleiben, dass aber unser Leben und unser Alltag, die Botschaften, die unser Verhalten sendet, vom Glauben sprechen, überzeugen können.

 

So formen wir die Kirche zu der Gestalt, die sie haben soll.

 

Auch ich will es durch die Blume sagen.

 

Mahatma Gandhi wurde einmal von christlichen Missionaren gefragt, was sie tun müssten, damit die Hindus die Bergpredigt, das Sinnbild für den christlichen Glauben, annehmen. Seine Antwort lautete: »Denken Sie an das Geheimnis der Rose. Alle mögen sie, weil sie duftet. Also duften Sie, meine Herren!«

über den Pyrenäen

Die Stille ist perfekt. Die Neumondnacht hat alles eingewickelt in ihren schwarzen Samt, das Trogtal des Ordessa Nationalparks tief unten, wie auch den Monte Perdido über uns. Nichts ist zu sehen von der Breche de Rolando, weil oben wie unten schlicht schwarz in schwarz übergeht.

Nichts ist zu hören; kein Bach gluckst, kein Stein kullert unter dem Huf einer Gämse, einfach nur ein Gewölbe an Geräuschlosigkeit inmitten einer gigantischen unsichtbaren Natur.

Doch im Blut zittert das Adrenalin. Denn der Morgen will kommen, in der Gortizhütte wird es bald schon Frühstück geben.

Ich ziehe den Reißverschluss meines Ultraleichtzeltes auf – und als ob es ein Echo wäre, andere Zipper antworten. Das Glissando eines Schlafsackes auf der Isomatte. Leben kommt auf herum um die Refuge. Überall glimmen Stirnlampen auf und beginnen mit ihrem strahllosen Schein herumzugeistern. Zelte werden abgeschlagen, das verrät das Klappern von Alurohr. Die herumtastenden Lichter stammen von den erwachenden Bergwanderern, Trailrunnern, Kletterern.

Der Morgen graut, als sie alle sich in der Goritzhütte ihr Frühstück holen, vorbei an dem Regal im Vorraum, in das die Bergstiefel der Hüttennutzer gestellt werden, indem sie sich ein paar Crocs für die Benutzung in der Schutzhütte herausnehmen. Der Duft von mehreren dutzend durchgeschwitzter, oft durchnässter, wieder eingefetteter Lederstiefel ist ebenso typisch wie einmalig, ein olfaktorischer Schutzschirm vor dem Eintritt in den Speisesaal. Kaffee und heiße Milch aus der Niromaschine, Toast und eine Sorte Marmelade, kleine Bisquittörtchen und für jeden ein Croissant. Alles wird schnell verzehrt oder nicht minder flink eingepackt. So geisterhaft die Auferstehung des ersten Lichts und ersten Geräusches auf der Alm, so schnell ist der Spuk eines stummen morgendlichen Gedränges zu Ende.

Schon sind die ersten gelben, grünen, orangenen Jacken mit ihrem bewegten Innenleben am Berg zu sehen, mäandern hinauf, dem Monte Perdido entgegen, immer im Zickzack, ein Ameisenmännchen hinter dem anderen.

Die Zelte sind längst verstaut, das gelegentliche Klappern stammt jetzt von den Stöcken, die sich wie Tausendfüßlerfüße auf einer Ameisenstraße den Berg herauf arbeiten. Die Felsen sind noch nachtgrau. Die Stirnlampen erloschen. Aus den Sprossenfenstern der Gortizhütte allein fällt Lichtschein und wird von der sterbenden Nacht gefressen. Sie hat kein Bleiben. Denn die ersten Berghänge färben sich als wollten Kupfer und Macchia eine neue Farbe kreieren.

Ein Gipfel fängt Feuer! Orangerot springt auf den nächsten über und schiebt sich Minute für Minute den Fels hinunter, schafft dem Tag Fläche auf Erden, während der Himmel sich in zartestem blaugrau übt.

 

Den ganzen Vormittag noch wird der Fuß des Perdido im Schatten liegen. Auch Spätaufsteher kommen noch auf der sonnenabgewandten Seite bis hinauf dorthin, wo der letzte Grat zum Endspurt aufruft. Hier oben sind wir schon auf 2.500m Höhe, in geeigneten Nordlagen hat sich ewiger Schnee gehalten. Ich gehe unter einer Schneebrücke hindurch, zart gespannt wie eine chinesische Pagode, in Wirklichkeit jedoch von unten her ausgewaschen zu jener Sichelform. Etwas überhalb lädt ein bereits beschienener Felsen zum Verweilen ein. Der Primuskocher zaubert heißes Wasser für einen Kaffee. Weil der Tütenkaffee hier konkurrenzlos ist, wird er natürlich von meinen Mitwanderern als der beste Kaffee der Welt gelobt. Im Tal mag er nach Gerstenmalz schmecken, hier macht er aus einem Stein einen Barhocker und aus seinem Besitzer einen Kaffeehausbesucher.

 

Später bin ich allein. Mein Weg führt nicht hinauf auf den Gipfel, ich will ja ins Valle Pineta. Ich taste mich an blasigem Gestein entlang, das aussieht wie weiße Lava, Murmeltiere pfeifen und verschwinden zwischen den Ritzen. Dann wieder geräuschloses Steigen auf einem Erdegraben, der zwischen der Grasnarbe entstanden ist. Später ist ein Felsfeld zu überqueren, das haben die Giganten liegen gelassen. Vergessenes Wurfspielzeug mythischer Tage. Mein Schritt und Atem reimen sich, haben ihren Rhythmus gefunden. In das Stoßen des Ausatmens passt gut ein Kirchenlied, das ich immer wieder vor mich hin singe.

So komme ich zur ersten Kletterpassage. Ein Kette ist vertrauenserweckend großgliedrig und entsprechend mächtig verankert. Oben sprudelt frisches Bergwasser direkt aus der Felswand, die sich hunderte von Meter senkrecht nach oben dehnt. Unterhalb der Abbrüche und Klettersteige fällt der Fels allerdings auch hunderte Meter tief. Am Abbruch geht der Weg, ein Teil des GR 11, als schmaler Saumpfad entlang. Geriete der Schotter in Bewegung, alle Steine und auch ich Menschlein würde wie von der Ladefläche eines Lasters in die Tiefe gekippt.

Weil dies ab und an passiert, sind jetzt auch die Geier da. Sie passieren diesen Ort mehrmals am Tag und spähen das Tal nach Beute aus.

Und dann kommen die Adler! Auch sie auf Patrouille. Lautlos gleiten sie an mir vorbei. Zunächst tiefer als ich, von der Sonne beschienen liefern sie ein Puzzle zum Panorama. Später sind sie nur noch wenige Meter über mir. Hier sind sie die Meister und ich der geduldete Gast.

Dem Schauenden öffnet sich die Erde. Ein Canyon wie das des Ordessatales klafft zu meinen Füßen. In eine begraste Erdhaut hat über Jahrmillionen Wasser der Erde diese lange Narbe zugefügt. Eine Ader, vielleicht auch wie eine Wurzel, ein Priel mitten im Gebirge, Vergleiche aus Geologie und Biologie drängen sich auf. Und tatsächlich, es sind dieselben Naturgesetze, die hier die Formen schaffen. Wie Adern im Embryo angelegt werden, wie Priele sich durchs Watt graben, so entstehen hier ähnliche Formen im Maß von Erdzeitaltern. Für mich Eintagsfliege aber liegt das Gebirge als stille Masse da unter einer Glasvitrine, einer klaren Glasform, die durch nicht ein Stäubchen verunreinigt ist. Wie ein Mond unter sengender Sonne mein Umfeld, in der Ferne die Sierra der weiteren Pyrenäen, zu meinen Füßen dieses Canyon, dessen Tiefen sich im schwarz eines Tagschattens verlieren. Einzig sichtbares Leben eben jene Handvoll Adler, die in der Thermik ihre schlaglosen Kontrollrunden abfliegen, den Kopf links, den Kopf nach rechts drehend.

 

Zwei Kletterpassagen später stehe ich über dem Valle Pineta. Tief unten lädt der Parador für die Nacht ein. Doch bis dahin sind es noch 1.300 Höhenmeter Abstieg, letztlich werden es fünf Stunden sein, die zunächst über schottrige Abhänge, dann durch den Wald und schließlich über das Geröll des Bachbetts abgestiegen werden müssen. Wenige Bäche führen in diesem Sommer 2016 Wasser. Er war ein trockenes Jahr in Spanien. Doch von der Stirn des Trogtales stürzen sich majestätisch fünf Wasserfälle von Kaskade zu Kaskade. Dieses Schauspiel, von den Pinien des Tales gerahmt, machen das Valle gleichen Namens zu einem Erlebnis, das die Reise, das die Wanderung lohnt.