matthias 30. Dezember 2012
Von der Freiheit von und zu
bei den buddhistischen Novizen im Kloster von Luang Prabang



Fischerboote auf dem Mekong

auf dem Nachtmarkt von Luang
Pong – ein Schlag, wie gegen eine Tür, die nur noch in einer Angel hängt. Ich stemme meine müden Augenlider auf. Noch einer. Ihre Folge steigert sich in den nächsten Minuten über ein rhythmisches Stakkato zum vibrierenden Schlusswirbel. Es ist die Trommel des benachbarten Klosters, untergebracht mit seinem LKWreifengroßen Durchmesser in einem eigenen Häuschen, frei aufgehängt zwischen geschnitztem Gebälk und behütet vor tropischen Güssen von einem schmuckvollen Schindeldach. Im ehemaligen Indochina

Tempeltrommel im Wat Sene
ist die Tempeltrommel das, was im arabischem Raum dem Lautsprecher des Muezzins und bei uns der Kirchenglocke entspricht. Im Revierbehauptungskikerikie der Trommler-Hähne antwortet aus dem Palmendunkel unter dem Sternenhimmel eine zweite Trommel, dann stimmt ein drittes Riesentamburin mit seinen Pongs aus der Ferne mit ein. Jeder der trommelschlagenden Mönche hat seine eigene Handschrift, seinen Stil, die Klostertrommel zu schlagen. Sie lädt zum Morgengebet ein. Mich, der ich vis à vis des Wat Khi Li logiere ins benachbarte Wat Sop.
Die tatsächlichen Hähne zwischen den Höfen der Holzhäuser und in den Klostergärten schlafen noch. Es ist früh. Kurz vor vier.
Ich lebe mit den Mönchen in Luang Prabang. Will an ihrem Leben teilhaben. Will hier in Laos inmitten der gelebten Dreifaltigkeit von Marx, Marktwirtschaft und Mantras mehr von der Lebenswirklichkeit des Buddhisten verstehen. Dafür ist Luang Prabang ein guter Ort. Denn hier gab es ehemals 50 Klöster, jetzt sind es immerhin noch gut 30 Wats in einer Stadt von gerade mal 40.000 Einwohnern. Nach einem letzten schnellen Bestaunen der Myriaden von Sternenbrillianten, die auf das Samtblau des nächtlichen Firmaments genäht sind, schlage ich die Decke zur Seite, erhebe mich und fahre in die lange Leinenhose, das blumige Kurzarmhemd und die Flipflops. Beim Tempel bin ich der erste. Seine restaurierten Mosaiken, bzw. deren Goldteilchen glimmern verwunschen im Licht des aufgehenden Mondes. Ein Mönch naht und öffnet beide Türflügel der Tempeltür, entzündet erste Kerzen. Hinter der zentralen Buddhastatue flammt eine Lampe auf und schenkt dem Heiligen einen sichtbaren Halo. Die Kerzen vor ihm sind ebenfalls elektrisch und geben der ganzen goldsilbernen Dekoration einen eindeutigen touch von x-mas-Kitsch. Einen Moment ist es noch still auf dem Hof der Klosteranlage und ich habe die Szenerie für mich. Neben dem Trommelhaus konturiert jetzt ein weiteres Dach gegen den ersten Lichtstreif violettroten Tageslichts über den Palmen. Es ist das Bootshaus, das zwei Langbooten ein Dach bietet. Die anderen Klostergebäude hält noch der Nachtschatten unter seinem Mantel gefangen.
Die Tür vom Dormitorium der Novizen wird aufgestoßen und heraus fällt ein Bündel Neonlichtes, schlängelt sich blitzschnell die drei groben Holzstufen des auf Stelzen stehenden Novizenhauses herunter und patrouilliert über den erdigen Hof, überfällt die wenigen Teakblätter, die über Nacht zu Boden gesunken sind und versickert zwischen den geheimnisvollen Palmen des Klostergartens am Ufer des Mekong wie ein Trupp Vietcongs im Dschungel.
Bounlang ist der erste der Novizen, der heraus tritt. Er nestelt noch an seinem Überwurf und rückt ihn zurecht, damit im Tempel auch ja beide Schultern bedeckt sind. Tappend folgen die anderen Novizen die drei Stufen hinunter, einer hinter dem anderen. Sie schweigen noch ob der frühen Stunde. Aber gleich werden sie singen, der Bass neben dem Knabensopran und all die pubertären Zwischentöne können der Selbstverständlichkeit des Rituals nichts anhaben. Ohne Scheu und Zaudern wird es abgeleistet. Von Instrumenten wird der Gesang nicht begleitet und so wird der eigene Körper zum Resonanzboden all der männlichen Stimmen und entfaltet seine spirituelle Wirkung. Sie folgen dem Vorsänger und Mönche und Novizen singen auf Pali. Das ist die alte Sprache Sri Lankas. Die

Bounlang im Wat Khi Li
Mönchsmissionare hatten sie im 15. Jahrhundert auf ihrem Weg von Indien nach China mitgebracht und das Implantat einer vergangenen Sprache mitten zwischen den laotischen Dialekten der Lao Theung, der Lao Loum, der Bo und Hmong hat sie am Mekong zur heiligen werden lassen. Auf Pali sind auch die Texte geschrieben, die das Kloster bewahrt. Pali ist die Sprache der Anweisungen Gautama Buddhas und der erklingenden Psalmodien, des Sprechgesangs, der des großen Meisters Lehren rezitiert. Während des Tagesunterrichts werden die Novizen diese Sprache erlernen und mehr und mehr von dem verstehen, was sie hier singen. Für mich, der ich mich mit sorgsam vom Buddha abgewandten nackten Fußsohlen (die Schuhe habe ich vor der Schwelle ausgezogen) in der Nähe des Türflügels auf dem Boden niedergelassen habe, klingt es noch nach den skandierten Kindergartenliedern meiner Kindheit. Sinn wird erst noch entstehen, wieder und wieder reflektiert und neu entdeckt werden. „Ich will ein Geistlicher werden“, hat Bounlang mir erklärt „und den Menschen helfen richtig zu leben“. Seine Eltern sind arm und schicken ihn auf die Klosterschule, weil eine andere Schulbildung für sie nicht erschwinglich wäre. „Auch in Laos sind bereits viele Menschen entfremdet und wissen nicht mehr, wie sie eigentlich leben sollen“, sagt der Novize. Sie seien den Einflüsterungen einer Reklame- und Geldwelt erlegen. „Wir lernen hier, uns selbst zu finden und aus unserer Mitte heraus zu leben“. Es geht um das richtige Verhalten. Es geht um das Verhältnis zu den anderen und zu Besitz. Die Novizen müssen zunächst nur zehn Regeln beherzigen. Für die Mönche werden es 227 sein. Dazu wird gehören, nicht zu verurteilen, ja noch nicht einmal zu bewerten. Am Rande des morgendlichen Bettelgangs (Pindabat) gibt es von Gläubigen selbstgekochte Speisen und es gibt die für Touristen zum Kauf für die Mönche gemachte, oft minderwertige Mönchsspeisung und es gibt die frische aus dem Restaurant. „Du musst nehmen, was kommt und du sollst nicht sagen, dies mag ich gern, dies schätze ich nicht, und schon gar nicht sollst du um etwas bestimmtes bitten“, erklärt mir Bounlang diese Regel, die die Jungmönche Bescheidenheit lehren soll. „Buddhismus ist die Religion der Freiheit von“, doziert er. „Die Freiheit zu mag das Christentum stark gemacht haben, wir halten es mit der Freiheit von. Es ist die Freiheit von Schmerz, von Elend und letztlich von Wiedergeburt. Es sind die Begierden, das Haben-, Machen-, Ichseinwollen, die uns in falscher Weise an dieses Leben binden. Wie wir des morgens die Lebensmittel geschenkt bekommen, so erhalten wir in Wahrheit unser ganzes Leben geschenkt“. Mir fällt das Jesuswort in der Bergpredigt vom „ richtigen und falschen Sorgen“ ein, „drum fragt nicht, was sollen wir anziehen, was werden wir zu essen haben …“
Der Almosengang selbst ist eine Attraktion. Mehr als dreihundert Mönche machen sich im Morgengrauen auf den Weg von ihrem Kloster und folgen tagtäglich derselben Route über die Bürgersteige der Stadt. Das hat sich herumgesprochen. So sind die Gehwege in dieser UNESCO-Weltkulturerbestadt denn nicht mehr nur von knienden Frommen gesäumt, die vielfach sogar selbst für die Gottesmänner Klebreis und Gemüse gekocht, Bambus gebacken und Früchte und Wasser (und Chips) mitgebracht haben, sondern auch von einer Menge Schaulustiger, die sich in anderer Weise gerüstet haben; sie sind bewaffnet mit schwerem Gerät aus dem Hause Canon oder Nikon, sie schießen aus allen Rohren, Serienbildaufnahmen tackern wie Maschinengewehrfeuer. An der Wand, da stehen die



Mönche, laufen wie Freiwild barfuß an ihr entlang, nur mit ihren Bettelschalen bewehrt. Sie laufen hintereinander vor der Kulisse von Palastmauern und den dekorativ glasierten Schindeln ihrer Tempeldächer. Das erste Morgenlicht verfängt sich im orange ihrer Gewänder. Der Bettelgang wird zum Schaulaufen. Die spirituelle Übung verkommt zum Spektakel – die Mönche fühlen sich begafft und in ihrer Anstrengung zur Bescheidenheit bis an die Belastungsgrenze angesichts all der Zuschauer herausgefordert. Noch sind die Geistlichen zahlreicher als die angereisten Laien, die Amerikaner und Europäer, was aber wird sein, wenn auch die Chinesen noch kommen, wenn es mehr werden, die diese verzaubernde Insel inmitten des bevölkerungsreichen Asien entdecken, wenn die Belagerung noch erdrückender wird?
Gerne nehmen die Klosterbewohner die von den im Spalier knienden frommen Buddhisten dargereichten Gaben entgegen. Sie tun es ohne Dank. Denn geben sie nicht umgekehrt den Frommen so eine Gelegenheit, ihre Güte unter Beweis zu stellen? Für diese Übung kommen buddhistische Bürger aus Thailand im Bus angereist, obwohl sie auch in ihrer Stadt Mönche versorgen könnten. Die erkennbare Eitelkeit ist das minus in der Bilanz der gelebten Tugend. Wie sieht umgekehrt die weltlich-geistliche Bilanz aus? Sie geben physisch und erhalten von den Mönchen geistlich zurück, denn diese beten für sie. Ihr ganzes religiöses Leben setzen die Mönche für sie ein. Sie kommen zu Segnungen, führen Totengedenken durch und beten im Auftrag der Laien. Das macht religiöses Leben im Buddhismus für letztere einfach. Richtige kultische Praxis ist delegiert. Je komplizierter die religiösen Aufgaben werden, desto höher ist der Mönch aufgestiegen, der sie erfüllt.
Mönche und Novizen erhalten auch heute mehr als sie selbst für ihren bescheidenen Tagesbedarf in Anspruch nehmen möchten. Darum geben sie ab an die Armen. Meist die minderjährigen Jungen der Landbevölkerung, die hier in der Stadt eine Hilfsarbeit gefunden hat, sind es, die sich aus der Hand der Klosterbewohner Lebensmittel abgeben lassen. Sie sammeln es in Kartons und suchen auch nach dem Abschluss der Pindabat noch einmal die Wege ab, die die Prozession gegangen ist: hier ein Leib Brot auf einer Mauer, dort eine Dose Instantsuppe, etwas Reis, der Karton ist jedenfalls gefüllt als sie in ihre ärmliche Unterkunft abziehen.
An diesem Morgen darf man Laos als ein Refugium bezeichnen, noch hat die Restauration des Theravadabuddhismus eine Chance, noch gibt es eine große Nachfrage nach einem Platz als Novize, noch ist das Durchschnittsalter im Kloster keinesfalls vergreist, im Gegenteil, noch ist Laos, das Elefantenland, voller Geister, Wunder und Unberührtheiten, noch nimmt es seine Gäste mit geheimnisvoll sanftem Zauber gefangen.
Wie unter eine Glocke gestülpt kommt dem Reisenden Luang Prabang vor. Dem Gewusel von Hanoi, dem quirligen Bangkok, dem rushigen Saigon mit seinen hunderten von Verletzten und Verkehrstoten monatlich entkommen fühlt er sich zurückversetzt in das Morgenbett seiner Kindertage – heimlich hatte es in der Nacht geschneit und die Lautewelt draußen vor dem Fenster hat den Schalldämpfer aufgesetzt bekommen. Nie gekannte, geheimnisvolle Akustik nach erstem Schneefall. Schnee kennen die Tropen hier natürlich nicht. Aber es heißt, die Uhren gingen hier anders. Nein, dem ist nicht so – es ist extremer: es gibt überhaupt keine Uhren hier! Wie zum Beweis für die




Bedeutungslosigkeit der Zeit dieses magischen Ortes sind zwei Oldtimer am Straßenrand gestrandet, die Gangsterlimousine 11CV von Citroen in bordeaux und der 180er Mercedes in beige. Beide im Originalzustand und wie eben (1950, bzw. 1953) aus der Montagehalle gerollt. Die Flanken ihrer Weißbandreifen strahlen, prahlen von ihrer musealen Bewegungsarmut. Hier ist wirklich vieles anders. Die Tuktuks und Mopeds fahren Schrittgeschwindigkeit, Fahrradfahrer können mit ihnen mithalten. Und Fahrräder gibt es viele hier. Jedes Hotel und Gasthaus verleiht welche.




Wir aber machen uns zu Fuß auf, die vier befreundeten Novizen und ich. Bounlang hatte die Idee eines Ausflugs ins Umland. Das Nötigste für ein Picknick ist schnell zusammengepackt. Es verschwindet in den vier großen Taschen, die jedes Untergewand, die Antaravasaka, der Klosterjungen verborgen unter dem Überwurf (Sanghati) vorhält. Den Nam Khan überqueren wir auf einer Bambusbrücke, der wir ihre provisorische Existenz auf den ersten Blick ansehen. Aber sie hält. „Den starren Baum wird der Sturm zerbrechen, nicht aber das biegsame Bambusrohr“, gibt einer der Novizen beim Überqueren zu bedenken. Die Klosterbrüder sind in allen Verkehrsmitteln frei, auch hier zahle nur ich Brückenzoll. Das gleiche wiederholt sich an der Mündung des Nam Khan in den Mekong, wo wir eine Fähre nehmen, um an das rechte Ufer zu gelangen. Die Bootsproportionen sind nach wie vor die des Einbaums, nur hat die Größe und die Schiffsbaukunst sich verändert. Trotzdem ist die Fähre so schmal, dass die Passagiere hintereinander sitzen müssen. In ein solch schmales Boot – eine Banane erscheint dickleibig dagegen – steigt man tunlichst über Bug oder Heck ein. Als wir am anderen Ufer über die Bordwand abspringen, gerät der Kahn beträchtlich ins Schwanken, doch der Fährmann hat sein Gefährt im Griff, senkt die lange Welle in die Fluten und lässt den aufmontierten Toyotamotor aufheulen, schon schnellt er sein Boot sicher Richtung Flussmitte. Wir waten über das wadentiefe Schlammbett an Land. Doch es ist noch nicht das andere Ufer, es ist eine der fruchtbaren Schwemmlandinseln, die die Mutter aller Flüsse beschert hat. So mancher Bauer pflanzt hier im Schutz seines unvermeidlichen Strohhutes, was das Zeug, bzw. die Hand hergibt. Durch Senken und über Bambusstege arbeiten wir uns voran. Brackwasser gilt es zu überqueren. Zwei Bambusstangen nebeneinander müssen als „Brücke“ genügen. Mit barfen Füßen haben die jungen Männer zu ihrem mehr an Erfahrung auch noch den besseren grip.
Wir arbeiten uns die Böschung hinauf und oben erwartet uns ein besonderes Spektakel. Wie Vogelhäuschen auf dem Sperrmüll reihen sie sich auf: die Haustempel auf dem Haustempelfriedhof. Schließlich kann man einen heiligen Tempel ja nicht einfach wegwerfen. Hier im Urwald sind sie an dafür bestimmter Stelle abgelegt.
Durch Teakbaumplantagen mit braunen, herbstlich raschelnden Blätterteppichen, die sie mit ihren platztellergroßen Blättern legen und durch Bambuswälder hindurch und über (diesmal) gemauerte Brückchen geht es voran in immer ländlichere Gegenden. Auch hier stehen Klöster im Bambuswald. Einige sind verlassen und dem Verfall anheim gegeben. Das vorläufig letzte lassen wir hinter uns wandern über die Felder. Wasserbüffel schauen beiläufig den Passanten in ihren orangenen Kutten nach. Für beide ein gewohntes Bild. Für mich hat es etwas Malerisches, wie die Novizen inmitten der Bambushaine ihre Tücher immer wieder neu drapieren. Weitab aller Öffentlichkeit benutzen sie sie nun auch, um den Kopf vor der Sonne zu schützen, den Schweiß abzuwischen oder den Oberkörper auch mal zu entblößen. Das ist ihnen normalerweise nur bei der Arbeit auf den Beeten des Klostergartens gestattet.
Völlig frei genießen die Novizen den Ausflug. Singend ziehen sie durch den Dschungel. Wir machen Rast. Der Mittagsimbiss ist das letzte, was die Mönche am Tag zu sich nehmen dürfen. Ihren Klebreis essen sie gern, meine mitgebrachten Croissants verschmähen sie zwar nicht, aber sie bemerken, dass solche Dinge ihnen Verdauungsprobleme bereiten können.
Einige Kilometer Dschungelpfade später haben wir das Ziel der Tageswanderung erreicht: eine Zuckermühle. In Herzen eines schattigen Haines hat der Bauer seine Mühle aufgestellt. Gerade ist er mit seiner Familie dabei, die zweite Presswalze in ihr Lager zu stellen. Durch einen passenden Stein wird das Lager verstärkt. Die Walzen sind so groß wie die Ankerwinschen eines man of war zur Napoleonischen Zeit. Und sie werden auch ebenso in Bewegung gesetzt: mit langen Pallhölzern, die hier einfache Äste sind. Zwei Mann drücken die Stange und umwandern mit ihr die Mühle. Die Walzen drehen sich beide, denn ein markantes Schnitzwerk hat beider Seiten Oberfläche so gekerbt, dass die angetriebene in die andere eingreift und sie ebenfalls dreht. Wie die V-Profile eines Traktorreifens sehen die Schnitzereien aus. V greift in V und W in W und ein bewegliches Tatoo, ein Druchstock dreht sich gleich einer Zwillingsgebetsmühle und nimmt die Zuckerrohre ins Gebet, setzt die Daumenschrauben an und der milchigweiße Saft beginnt zu fließen, rinnt aus einer geschnitzten Rinne hinein in die Blechpfanne auf der Erde. Ist sie voll genug, wird sie auf dem nahe Feuer geschwenkt als gelte es Gold zu waschen. Der Saft karamellisiert. Eine köstliche Süßigkeit entsteht, die uns zum Probieren angeboten wird. Wir trinken Zuckersirup, wir naschen Karamell und lagern uns auf den Halden ausgepresster Zuckerrohre und beobachten das Spektakel. Der Zweijährige des Zuckerbauern versucht sich mit der Machete. Offensichtlich nicht zum ersten mal, denn beim Anspitzen eines Stockes legt er bereits eine gewissen Geschicklichkeit an den Tag. Der Einjährige jagt die scharrenden Hühner. Die Frauen liegen unter einem Bambusbaldachin und vespern. Eine ist mit dem Karamellisieren beschäftigt und hockt vor der offenen Feuerstelle, schiebt Ästchen nach. Im nahen Bachbett suhlt sich ein Wasserbüffel und versinkt bis über den halben Leib im Schlamm.
Erwachsene Mönche sind gekommen und helfen beim Pressen. Offensichtlich nicht ganz uneigennützig, denn der Bauer stellt noch anderes aus dem Sirup her. Davon verschwinden einige Flaschen in den Taschen unter seiner Sanghati.
Überhaupt scheint es mit der Freiheit von hier unter den Geistlichen eine verhandelbare Sache zu sein. Denn zurückgekehrt über die Stoppelfelder, durch die Dörfer mit ihren nackt spielenden Kindern, an den Herden der Wasserbüffel vorbei, zurückgekehrt in das heilige Luang Prabang ziehe ich mich in den Wat Pakkhan zurück, um den Tag Revue passieren zu lassen. Hier halten zwei Novizen Tempelwache. Und was zaubern sie aus ihren Taschen? Handys, mit denen sie moderne Musik hören, was sie eigentlich nicht sollen und auf denen sie Spiele spielen. Die Freiheit von haben sie noch nicht erreicht. Aber offensichtlich sind hier Christentum und Buddhismus Geschwister und sie haben die Freiheit zu.

Novizen halten Tempelwache im Wat Pakkhan

Blick auf den abendlichen Mekong