vergnügt – erlöst – befreit Konfirmation 2017

„Die Zeit rinnt mir durch die Finger“, Sie kennen diese Bildrede. Ich meine mit ihr heute nicht das Zeitfenster für diese Predigt, in der ich etwa soviel sagen möchte, dass es das Maß Ihrer Geduld überstiege. Nein, ich meine heute damit nicht weniger als unsere Lebenszeit. Sie ist gemeint mit der fließend-fliehenden Zeit. Eine Metapher, die Zeit und Wasser vergleicht.

Unhaltbar beides. Flüchtig.

 

Es kann Angst machen, dass ich die Zeit nicht festhalten kann. Vom Gegenteil spricht der 31. Psalm. Und darum kann sein Ansatz trösten. „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Sie geht genau so wenig verloren wie ich selbst. Kein Ablauf des Haltbarkeitsdatums.

Keine Frist.

Keine Hast.

 

Diese andere Sicht auf die Dinge hat der gläubige Liedermacher und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch in seine bekannte Übertragung dieses Psalms gefasst:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Gott nahm in seine Hände meine Zeit ...“

 

Die drei Adverbien „vergnügt“, „erlöst“, „befreit“ waren das Jahresmotto dieser Konfirmandengruppe, und sie sind am Ende ihrer Zeit Überschrift über diesem Festgottesdienst.

 

„erlöst“ – der Philosoph und Religionskritiker Friedrich Nietzsche stichelte: es fiele ihm leichter an der das Evangelium zu glauben, wenn die Christen erlöster aussähen.

Warum sehen sie denn nicht erlöst aus? Weil sie die Botschaft noch nicht verinnerlicht haben. Darum vielleicht hat Hüsch sie in seine Worte neu gefasst, denn sein Motto lautete: das Schwere, leicht gesagt.

Ja, Leichtigkeit kann einen überkommen, einen heben aus schweren Gedanken, wenn bewusst wird, dass wir – jeder – ein guter Gedanke Gottes sind. Dass wir vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben. Kein Moment geht verloren. Wider allen Anschein und wider das hektische Ticken der rasenden Atomuhren.

Unsere Zeit ist eingeschrieben in seine Hand. Keiner verlischt in Ewigkeit, darum „erlöst“. Vom Zwang, es selbst richten zu müssen.

 

Lebendig bleiben wir und unsere Zeit vor ihm. Das betrifft alle Zeiten, die guten, wie die schlechten. Der Psalter beschönigt nicht, im Gegenteil, er wird nicht müde beides zu besingen: die Hoffnung in der Not und den Dank nach der Rettung. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück“, diesen Vers aus dem 23. Psalm kennt fast jeder.

 

Ein wenig erlöster dürft Ihr ruhig aussehen, denn es ist wahr, dass Gott Euch im Auf und Ab des Lebens seine Hand anbietet. Und das haben wir vom KU-Team versucht, Euch nahe zu bringen: Wir beginnen unsere Suche nach Gott als Gefundene!

 

Darum beginnt der Ostersonntagsgottesdienst mit einem Witz. Weil Christen gut Lachen haben.

 

„vergnügt“-Sein ist allerdings nicht das Verb zum Nomen Vergnügen. Das ist „Vergnügen haben“ und bedeutet Spaß. Vergnügt sein dagegen ist eine Haltung. Auf diese reimt sich Humor. Er ist der Vater der Selbstdistanz, die dazu verhilft, dass bei aller Selbstkritik das „Ich Herr im Hause bleiben kann“, wie Sigmund Freud es beschrieben hat.

 

„befreit“, ein Kernwort der Bibel. Handelt sie doch von Befreiung vom Auszug der Kinder Israel an über die Propheten und ihre Worte von der Befreiung von ungerechter Herrschaft bis eben zu Jesus und seinen Heilungswundern, die geschehen, wenn der Mensch von seinen Ängsten, seinem fehlenden Vertrauen, dem sozialen Druck befreit wird.

 

Befreiung war auch eine Triebfeder der Reformation, deren 500 jähriger Initialzündung wir dieses Jahr gedenken. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“, schrieb Luther in „Die Freiheit eines Christenmenschen“. Und umgekehrt „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Also die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Gebundenheit, von Selbstbestimmung und Verantwortung.

Denn genau darum geht es auch hier wie so oft: um den Selbst- , den Welt- und den Gottesbezug.

Wir sind frei vom Zwang uns beweisen zu müssen, frei davon, uns messen lassen zu müssen. Christen müssen sich nicht selbst darstellen. Sie haben in sich genug Applaus und Annahme durch ihren Schöpfer.

Und gerade darum sind wir frei für die Zuwendung zu anderen, für Empathie und Nächstenliebe. Auf Reisen kann man das gut lernen, aber auch hier bei uns sehen: wer keine Angst um seine Habe hat, der ist ein guter Gastgeber. Und er wird umgekehrt beschenkt mit Ehrlichkeit und Menschlichkeit, die man für kein Geld kaufen kann.

Die drei bedingen sich gegenseitig: weil wir befreit sind, können wir zu erlösen helfen und miteinander vergnügt sein.

 

Das Wort „vergnügt“ kommt übrigens in der Bibel wörtlich so gar nicht vor. Doch als der Kämmerer aus dem Morgenland die Botschaft von Jesus verstanden hatte, als in seinem Herzen ankam, was Philippus ihm erzählte, da ließ er sich von ihm taufen. Und dann heißt es. „danach aber zog er seine Straße fröhlich“ (Apg. 8, 39).

Wenn Ihr heute Ja zu Eurer Taufe sagt, Euch konfirmieren lasst, dann mögt Ihr sodann ebenso „wohlgemut“ Eures Lebensweges ziehen.

 

Amen

Philine Zanders

Taufansprache

für

Livia Philine Zanders, geb. 27. 10. 2016

 

  1. April 2017,

Gnadenkirche, Bergisch Gladbach

 

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

so würde auch dort deine Hand mich leiten

und deine Rechte mich halten.

(Psalm 139, 9.10.)

 

Der Psalm ist ein literarisches Urlaubsfoto. Vielleicht eines irgendwo am Mittelmeer. Die Sonne färbt den Osthimmel rosa, marmoriert ihn mit Schleierwolken, die wie Engelsflügel in der Ätherschale schweben. Die rosenfingrige Eos, wie die alten Griechen singen konnten, markiert so den Ort, an dem sie aufgehen will. Vorschein, der die Bühne beleuchtet, den Ort des Geschehens.

Stellen wir uns diesen Blick am Kap Sunion vor. Von dort weit hinter dem Horizont wandert er hinüber, zeichnet den Weg des Sonnenlaufes nach hinüber auf die andere Seite, wo er tief im Westen wieder hinter dem Horizont verschwindet. Ein die Erde draußen im All weit umspannender Bogen:

Dieser erste Vers Deines Taufspruchs, Philine, ist Wort gewordenes Staunen!

Sonnenweg wie Betrachter am Kap, vielleicht einer Silhouette von Caspar David Friedrich gleich, sind dabei eine Metapher. Mehr allerdings als das Bild unserer selbst als Bewunderer der Natur ist es ein Bild unseres Glaubens. Denn es geht nicht um den sehnsüchtigen Blick des Kulturmenschen auf ein vermisstes Idyll, weil wir im Auto, im Büro, im Haus gebunden wären, weil wir im Alltag tief in unserem Herzen von genau solchen Bildern lebten, Eindrücken von Weite, Erinnerung an Sehnsuchtsorte weil wir im Stau, im Stress, in der zentralbeheizten Wohnung entfremdet leben.

Es geht vielmehr um den Glauben an einen Gott, der „es wirklich bringt“, den wir nötig haben und der uns bei aller Erhabenheit nah sein will.

Dieses alte Wort ist also eines an Menschen heute. An Dich und an mich.

 

Philine, Deine Eltern kennen Dich als energischen, schon sehr bewegten Menschen. Früh hattest Du Freude am Drehen und Wenden. Gleichzeitig nimmst Du die Welt mit offenen Augen wahr. Beides spricht davon, dass Du genau solche Impressionen, wie Dein Taufspruch sie abbildet, gerne bestaunen wirst.

 

Mögest Du auch im Glauben offen sein für einen Gott solcher Weite! Für das erstaunliche umfasst-Sein von einer Hand. Der Hand eines Unsichtbaren.

 

Du wirst heute hineingenommen in die Gemeinschaft der Christen. Das sind die Menschen, die sich im Leben von dieser Hand gehalten und geführt wissen. Die überzeugt sind, dass sie nicht tiefer fallen können als bis in diese Hand. Sehen kannst Du sie nicht. Aber spüren. Du kannst sie erfahren.

 

Wir Menschen verstehen oft erst im Nachhinein, im Rückblick, wozu dieses oder jenes in unserem Leben gut war. Im Augenblick sind wir enttäuscht, ein Ziel nicht erreicht zu haben, einen anderen Weg gehen zu müssen, hinterher aber verstehen wir es als gute Führung.

 

Der alte Luther hat sich gefragt, ob das Leben nicht ein Spiel Gottes sei. Ein ludum Dei, an dem wir wachsen dürfen. Gerade die Wegstrecken, auf denen uns diese führende Hand gar nicht zart und wohlwollend vorkommt, auf denen sie uns hart anfasst, seien von ihm gewollt, damit wir unsere Schwächen erkennen, damit wir wachsen.

Das hört sich hart an. Manchem kommt es gar zynisch vor.

– Aber es erklärt, warum Christen Gott allmächtig nennen und gleichzeitig gut. Weil wir davon ausgehen, dass er jenseits unserer Wege durch die Weite, durch die schönen Strecken und auch die bergigen Passagen, die bitteren Steigungen und finsteren Täler, schon da ist, auf uns wartet, immer bei uns war.

 

Das gilt nicht nur für dieses Leben, sondern – das ist das Entscheidende an der Taufe – über dieses Leben hinaus. Wenn wir selbst also körperlich wirklich ganz am Ende dessen sind, womit Du gerade erst angefangen hast, dann ist er auch da und heißt uns willkommen, hält uns bei der väterlichen Hand. Das ist unser Glaube. Es ist also ein Begleitwort für die weite Spanne des ganzen Lebens – und „tief im Westen“, beim Sonnenuntergang, darüber hinaus!

 

Wiederum Wort gewordenes Staunen.

Denn natürlich werden wir auch dann im nachhinein manches verstehen. (So wie es nun einmal ein Humanum ist, Sinn finden, verstehen zu wollen.)

Doch das Wunder ist nicht: zu verstehen – sondern das eigentliche Wunder ist: verstanden zu werden!

Und das tut die Liebe.

Der Dich liebt, versteht Dich, nimmt Dich an. Er komme Dir entgegen und führe Dich mit seiner rechten Hand.

Er segne Dich, die Spanne Deines Lebens und Deine Lieben.

In memoriam: Werner Zschachlitz

Traueransprache Werner Zschachlitz

11.03.2017 Grünhaus

 

über Jes. 41, 10

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit

 

Weichen oder standhalten, gehalten sein oder fallen gelassen werden, schwach werden oder Rückgrat beweisen, das sind Alternativen, die in Werner Zaschachlitz Leben oft eine Rolle gespielt haben.

Für ihn ist dabei nicht maßgeblich, ob Gott hinter dem Zuspruch steht, im Gegenteil, der Glaube ans Transzendente spielte in Werners Leben keine besonders wichtige Rolle.

Das eindeutig Vorfindliche, die Welt der Zahlen auch, die ersichtlichen Prinzipien des kaufmännischen Denkens einerseits, das Herz aber andererseits mit seiner Freude, in jungen Jahren dem ungebremsten Übermut, in den späten die Genugtuung und besonnene Zufriedenheit, das zeichnet eine erste Silhouette.

Ein Menschenleben ist mehr als wir in einer Ansprache ausbreiten könnten. Es hat für uns selbst andere Täler und Höhepunkte als Betrachter sie sehen. Wir meinen, der Kern unserer Antriebe liege im Verborgenen.

Aber eben so, wie Außenstehende unser Leben wahrnehmen und mehr als skizzieren, weil Linien und Charakterzüge sich im Lebensganzen abzeichnen, so will auch Gott sich im Konkreten, im gelingenden Miteinander der Menschen, im Du und im hier und jetzt ausdrücken.

Diese seine haltende Hand hat Werner vielleicht nicht gesehen, aber er hat sie zumindest unbewusst gespürt.

 

Mag Werner Zaschachlitz Lebensbaum mit seinen 95 Jahresringen auf den ersten Blick unumspannbar erscheinen, ist es doch möglich, Persönlichkeit und Lebensstationen zu konturieren. Wie Blitze eine Landschaft erhellen, so sind die Momente und Stationen, die im folgenden sein Leben beleuchten.

 

Da ist zunächst die Geburt am 18. November 1921 in Gotha. Ein Geschenk für den Bankkaufmann Rudolf Zaschachlitz und seine Frau Elisabeth Stumme. Beide Kinder der Kaiserzeit. Werner muss im übertragenen Sinne „genug Muttermilch“ bekommen haben, denn er wuchs fröhlich und im Glauben an seine eigenen Kräfte auf. Die liberalen Kräfte der Weimarer Republik standen gleichsam Pate bei seiner Lebensfreude, wie umgekehrt die Pädagogik der Kaiserzeit es ihm nie erlaubte, seinen eigenen Gefühlen für andere, für die eigenen Kinder beispielsweise, zu trauen, geschweige denn offen zu ihnen zu stehen: Tränen der Freude wie der Trauer blieben ihm lange ein Tabu.

Das Indianer-kennen-keinen-Schmerz-Prinzip der damaligen Männererziehung ließen ihn später unbeholfen erscheinen im Umgang mit Enkeln, aber es hat ihm auch geholfen, in den härtesten Jahren seines Leben zu überleben.

Dazu kam sein „Witz“, mit dem er sich in den Kriegsjahren zwischen Weichen und Standhalten durchwand.

 

Zunächst besuchte Werner in Gotha die Schulen, wo er 1939 sein Abitur machte. Die Abiturfeier liest sich später wie ein Menetekel. Die von den Nazis in ihrem Sinne geordnete Maturafeier sprengte Werner mit seinen Freunden und einem Auftritt als Clown. Hinter der Maske der Lebensfreude wird in diesem Moment nicht nur der Bruder Leichtfuß im Gemüt des jungen Mannes sichtbar, sondern auch sein Charakter: nämlich kritisch zu sein, sich nicht einfach gleichschalten zu lassen und so unbequem und Ferment zu sein.

Seine Kameraden schätzen ihn in den Schuljahren als witzigen Menschen, als belebenden Gesprächspartner, als Freund der Freiheit. Das galt auch für die folgenden Kameradschaften. Für Kameraden in der Kompanie. Es ist eine gern erzählte Anekdote, warum Werner nicht zur Luftwaffe kam, sondern Fahrer, Kradmelder und einfacher Landser wurde. Der Marschbefehl schickte ihn 1940 nach Frankreich. Die missglückte Abwehr der „Invasion“, der deutsche Rückzug, die Ardennenoffensive und Hürtgenwald waren der geschichtliche Hintergrund seiner Kriegswahrnehmung. Niemanden wundert es, dass der kritische Abiturient, der sich nicht gleichschalten ließ, nun nicht freudig im Gleichschritt marschierte. Er hatte nicht nur seinen eigenen Kopf, sondern eben auch diesen Witz des „braven Soldaten Schwejk“, dem es nun einfiel, sich Fahrbefehle geben zu lassen, die ihn immer weg von den Brennpunkten und Massakern führte. Das war seine Form von Widerstand durch Abwesenheit.

 

Sie half ihm allerdings nicht, der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Im Gegenteil, er war dabei, als die hungrigen Landser auf den Rheinwiesen bei Sinzig Wind und Wetter ausgesetzt waren und schlimme Wochen erlebten, sich Höhlen in der Wiese gruben, um Schutz zu finden, sich um eine Kruste Brot prügelten oder mit über den Zaun geworfenen rohen Spaghetti der Gis den Magen verdarben.

Den Güterwagen, der ihn mit anderen nach Gotha bringen sollte, sah er mit Skepsis. Er sprang ab und lief den langen Weg in die Heimat lieber auf eigenen Sohlen.

 

Nach dem ersten Blitzlicht auf den lebensfrohen, widerständigen, den kritisch-unbequemen, eigenwilligen Oberschüler Werner, dürfen wir hier den nächsten Schattenriss festhalten.

Rudolf transportiert Mobilar und Akten der Gothaer Lebensbank Fuhre um Fuhre von Gotha nach Göttingen. Ist oft im Westen. Geblieben aber ist seine Familie. Die findet Werner in unterstützensbedürftiger Situation vor. Er, der als Soldat das „organisieren“ von Lebensmitteln und anderem gelernt hat, fühlt sich berufen, die seinen mit Kohlen, mit Brennholz, mit Kartoffeln zu versorgen. Hier sehen wir den verantwortungsvollen Werner, der sich ganz in den Dienst der Familie stellt. Er findet eine Arbeit an der Quelle, in einer Gemüseabgabestelle.

Sein Rückgrat, seine Gradlinigkeit und sein Verantwortungsgefühl bringt er in dieser Phase zum Tragen.

 

Ein Kohlkopf soll auch dann der Türöffner gewesen sein, mit dem er seine Tanzstundenbekannte und spätere Frau besuchte. 1946 gaben die beiden ihre Verlobung bekannt. 1947 wurde geheiratet. Es waren trotz Jobs in der Ausgabestelle karge Zeiten und von der Hochzeit ist der Ausruf des Entsetzens über die Bankrotterklärung von Küche und Speisekammer überliefert: „Keinen zweiten thüringischen Klos gab es, noch nicht einmal für den Bräutigam!“

 

Werner bleibt der unverhohlen offene und kritische Geist, der er schon zur Schulzeit war. So eckt er mit dem neuen Regime an. Und als er dieses als nicht minder schlimm als das nach 12 Jahren untergegangene tausendjährige Reich charakterisiert, wird das der Staatssicherheit hinterbracht und der werdende Vater verhaftet und wegen Hochverrats zu 25 Jahren Haft verurteilt. Seinen im Dezember 1948 geborenen Sohn Wolfgang sieht er erst nach 6,5 Jahren, als er im Rahmen einer Amnestie entlassen wird.

Im Rückblick bezeichnet er die Jahre der Haft in Bautzen als die schlimmsten seines Lebens, „schlimmer noch als den Krieg“.

Als Soldat hatte er gewisse Freiheiten, bzw. nahm sie sich. Im Zuchthaus leidet er unter der Einzelhaft genau so wie unter den Zwängen in den großen Sälen. Zeit Lebens ist er kein Freund von Vereinsleben geworden, „Musik wird oft nicht schön gefunden,

Weil sie stets mit Geräusch verbunden“. (Dideldum, 1874)

Nicht nur seine Eigenheiten und Ticks hat die Haft herausgearbeitet, sie hat vor allem seine Entschiedenheit kompromisslos gemacht.

Kurze Zeit nach der Entlassung flüchtet er konsequent mit seiner Familie aus der Republik, einen Verwandtenbesuch vortäuschend.

Dort, bei den Verwandten, den Großeltern in Göttingen, wird es eng. Sechs Personen in zwei Zimmern. Wir schreiben das Jahr 1954. Die Ereignisse überschlagen sich, Werner wird aus Bautzen entlassen, für seinen 6,5 jährigen Sohn ist er ein Fremder, er kehrt der DDR den Rücken, Sohn Ralf wird geboren, die wachsende Familie weicht in eine Flüchtlingsunterkunft in Münster aus.

Aus dem Zeugen der Weimarer Republik, des dritten Reiches, der DDR wird nun der des Wirtschaftswunders.

Ein Freund bringt ihn in der Rentenversicherungsanstalt unter. Werner bildet sich zum Diplomverwaltungswirt aus, wird Betriebsprüfer, erhält eine Wohnung zugewiesen. Es geht aufwärts. Zehn Jahre später, Okt 1964 wächst die Familie um Tochter Jutta.

 

Die Disziplin, die er von sich selbst beruflich und menschlich, vor allem im Blick auf Wahrhaftigkeit fordert – eben die, die ihn für viele undiplomatisch erscheinen ließ – diese Disziplin fordert er auch von den Kindern, fördert sie durch die Vorgabe, dass die Hausaufgabenhefte bei seiner Heimkehr vorzulegen seien.

Heraus-Forderung ist das Stichwort in diesem Zusammenhang. So wie ihn das Leben herausgefordert hat, so fordert er seine Kinder. Er fördert ihre Entwicklung, so dass sie heraus kommen ins Leben und gewappnet sind, sich dessen Ansprüchen zu stellen. Alle Kinder behandelt er gleich, alle, Tochter wie Söhne, sollen studieren können.

Das ist nicht nur Gerechtigkeit, das ist seine Form, seine Liebe zu den Kindern zu zeigen.

Eine tiefgründige Zugewandtheit, die sich im Einsatz für den anderen zeigt. Zuerst bei den Seinen, aber nicht minder engagiert auch bei Klienten und Schutzbefohlenen. Zuletzt in seiner Funktion als freiberuflicher Rentenberater. Seine Hilfebereitschaft war nicht oberflächlich, nie war es ihm zu viel, im Zweifelsfall für die Menschen vor das Sozialgericht zu gehen.

Da haben wir sie, die Lebendigkeit Gottes im Einsatz für den Anderen, den sozial Schwachen, den wirtschaftlich Benachteiligten. So will er lebendig sein zwischen den Menschen.

Wenn wir Leben und Person von Werner Zaschachlitz im Licht des Prophetenwortes von Jesaja aufleuchten lassen, dann dürfen wir schließen mit dem Gedanken „ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“. Dem nicht anpassungsbereiten Werner hat der Zeitgeist oft ins Gesicht geweht, Werner hat sich nicht verbiegen lassen. Ihm ist dadurch viel Ungerechtigkeit widerfahren. Krieg, Gefangenschaft und politische Haft sehen wir als dunkle dünne Zeiten seines Lebensschnittes. Aber in der Fülle seiner Jahre überwiegen die breiten Jahresringe. Das sind die inneren der Jugend und die äußeren des Alters. Die Paderborner Jahre mit dem Haus im Wagnerweg, die die Familie in einem halben Jahrhundert ausgekostet hat. „Weil“, so witzelte Werner „wir ja auch zwei mal für dieses Haus angezahlt haben“.

Da ist das Glück über eine Frau, die in den Jahren im Zuchthaus auf ihn gewartet hat. Da ist die Freude am Tanzen miteinander. Die Erfüllung, die die Eheleute miteinander über das Gelingen ihrer Kinder ziehen konnten und die ihm dann aus den Enkelkindern zufloss, auch wenn er erst lernen musste seine Gefühle zu zeigen.

Gerechtigkeit liegt auch in der Tatsache seines Resümees: „So gut ging es uns noch nie!“ bekannte er in den späten Jahren seinen Kindern gegenüber. Oft im Hotel in Bad Lippspringe, wo er die großen Feste auszurichten pflegte. Als Grandseigneur residierte er dort auf Zeit: der Patriarch erfreut sich am Gelingen seiner Kindeskinder. Geschenktes Glück verstand er als eigenes Glück.

Gerechtigkeit widerfuhr dem kantigen Mann so, späte Dividende sozusagen. Sie machte aus dem streitbaren Kollegen und Vater einen altersmilden Großvater.

Schließlich durften die Eheleute Abschied nehmen von der gemeinsamen irdischen Zeit. In diesem Jahr vollenden sie ihr siebzigstes Ehejahr. Auch dies ein Segen.

So erfüllt sich im Lebensganzen von Werner Zaschachlitz die Ermutigung des Jesaja.

Amen

die Gaffer

Predigt Karfreitag 2017 über Lk 23, 33 … 48 (in Auszügen)

 

gehalten am:             14. April 2017                      in: Gusterath und Grünhaus (AM)

 

Lieder:                                                          Lesung:

 

 

 

 

 

 

Und als sie an den Platz kamen, welcher Schädel heißt, kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken.

Jesus aber sprach: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Sie aber warfen dann das Los über seine Kleider, um sie unter sich zu verteilen…

Und das Volk stand da und sah zu….

Einer der gehenkten Verbrecher aber lästerte ihn: Bist du nicht der Christus? Rette dich und uns! Der andere jedoch antwortete und sagte vorwurfsvoll zu ihm: Hast du denn gar keine Gottesfurcht, da du doch dem gleichen Urteil unterliegst? Wir gerechterweise. Er aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sagte: Jesus, denk an mich, wenn du mit deiner Königsherrschaft kommst. Und der antwortete ihm: Wahrlich, ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

Und es war ungefähr um die sechste Stunde, da kam eine Finsternis über das ganze Land, die dauerte bis zur neunten, die Sonne verlor ihren Schein; und Jesus rief mit lauter Stimme und sprach: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Und als er dies gesagt hatte, starb er.

Der Vorhang im Tempel aber riss mitten entzwei.

Und das ganze Volk, das zu diesem Ereignis mitgekommen war, schlug sich beim Wahrnehmen der Ereignisse an die Brust und kehrte zurück.

 

Gaffer sind ein Problem geworden. Sie halten bei Unfällen und filmen statt zu helfen, sie versperren die Rettungswege und sehen nicht den Menschen im Verunglückten. Das Leben als Realityshow.

Täglich werden wir selbst zu Zeugen tragischer Geschehen, tappen mit den Kameraleuten der Fernsehanstalten durch die Trümmer eines zerschellten Flugzeugs, in dem eine Schulklasse starb, bekommen Bilder von Menschen eingeblendet, denen kurz danach der Kopf abgeschlagen wird, schauen in verpixelte Gesichter von Opfern auf U-Bahnsteigen oder suchen nach Tätern mit Hilfe eines Fahndungsbildes, das uns anstarrt, Absperrbänder, Weihnachtsmarkt Berlin, Promenade Nizza, Zugunglücke in Bayern und Indien.

Und das Volk stand da und sah zu.

 

Also schon damals der Schauer angesichts eines gewaltigen Moments, schon immer die Schlüssellochneugier des Nichtbetroffenen, die heimliche Erleichterung, wenn das Schicksal dicht neben uns zugeschlagen hat, aber das Floriansprinzip den anderen erwischt und nicht mich.

 

Der Jedermann freut sich, vom Opfer unterschieden zu sein. Es hat den anderen getroffen, auf der Guillotine, im Verkehr, am Kreuz.

Du freust dich über die Galgenfrist?!

Aber der Gaffer versagt seine Mitmenschlichkeit, den Einsatz gegen ein Unrechtsurteil, das deutliche Nein zum Gegröle des Volkes, die erste Hilfe.

 

Das ist eine Frage der Haltung. Humanität ist kein rein christliches Terrain. Auf diesem Boden pflanzt auch der Buddhist seine Achtsamkeit, der Jude die Geschwisterlichkeit.

Sorge ums Leben, Empathie sind dabei häufig das Gegenteil von politisch vernünftig oder noch schlimmer: von wahltaktisch derzeit angesagt. Geflüchtete in Kriegs- und Krisengebiet zurück zu schicken – christlich im Sinne der Mitmenschlichkeit ist das nicht.

Es ist diese unchristliche Lieblosigkeit, die Karfreitagsszenarien schafft.

 

Ein Leben lang wurde Jesus nicht müde von der Nähe des Himmels zu zeugen. Mit ihm und seiner Zuwendung kam Gottes Reich in Person zu den Menschen. Wahre Menschlichkeit erlebten die Zeitgenossen in seiner Nähe.

 

Distanziert stehen diese Zeitgenossen nun da und lassen die gewähren, denen die jesuanische Nähe schon zu viel, zu bedrohlich erschien. Das sind die, die den Abstand von Himmel und Erde brauchen, die das Heilige gern mit Pomp und devot auf Distanz im fernen Himmel feiern. Kein auf du und du mit Gott, bloß nicht zu viel Himmel auf Erden.

Jetzt regieren die, die sich empörten über den Anspruch des Menschensohnes, ihn einen Gotteslästerer nannten.

Hängt ihn auf, damit er uns nicht länger zu nahe kommt. Er soll sich nicht in unser Leben mischen. Er soll nicht dazwischen reden, sich nicht in die Politik einmischen, soll nicht unsere Bankgeschäfte kommentieren. Schweigen soll er zu unserem Umgang mit den Fremden.

Kreuzige ihn!

 

Und das Volk stand da und sah zu.

 

Und Jesus widerspricht nicht. Er dagegen spricht: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Er betet, d.h. er ist kein Zuschauer, ihn rührt das Fehlverhalten, er interessiert sich für den anderen wahrhaft. Er fragt nicht nach sich, er denkt an den anderen.

Jetzt ebenso, wie er es sein Leben lang war: seine Zuwendung die Hoffnung für den anderen höchstpersönlich.

Diese Worte, diese Fürbitte für die Vollstrecker und Neider, die Befehlsempfänger und Gaffer sagt: Mensch, du bist nicht festgelegt auf das, was du getan hast, auf das, was du gerade tust. Du kannst anders.

Er betet für die, die ihn festnageln, dass sie frei sein mögen eben selbst nicht festgenagelt sind auf ihr Verhalten, ihre Vergangenheit, die Selbstgenügsamkeit, die Schuld, die Angst, die Wiederholungszwänge, die Süchte, nicht auf ihre Egozentrik. Nicht festgelegt auch auf die Meinung, die andere von ihnen haben. Nicht auf ewig festgebunden an die Folgen ihres mangelhaften Umgangs mit unseren Nächsten.

 

Auch wenn unser Focus heute das eine Kreuz sieht – es standen drei Kreuze da auf Golgatha an diesem Tag.

Drei Kreuze, das heißt: Jesus ist kein Einzelfall. Sein Kreuz steht mitten unter den Kreuzen anderer Menschen. Das sagt uns: Leben in seinem Sinne heißt in Beziehungen zu leben. Selbst hier in der Not der Schädelstätte ist Jesus nicht vorstellbar ohne andere an seiner Seite.

 

Und: nicht ohne Gott. Er ist und bleibt im Gespräch mit ihm. Er ist und bleibt auf dem Weg zu ihm.

Dem Schächer, der sein Gefühl für Recht und Unrecht nicht verloren hat, der etwas von dieser Unmittelbarkeit der Beziehung Jesu zu Gott ahnt, dem spricht er zu: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Das ist genau genommen der tiefe Zuspruch: Auch kommst heute bei Gott an.

 

Also noch einmal die Botschaft: Trotz deiner Taten, trotz deiner Fehler, deines missratenen Lebens kommst du gut bei Gott an!

 

Dieser Glaube ist die Summe seines Lebens. Jesus stirbt. Der Vorhang zerreißt. Was auf dem Heu der Krippe begann, endet hier am Galgen nicht. Denn dieser menschengemachte Vorhang im Tempel soll Erde und Himmel trennen, soll den profanen Vorhof vom Allerheiligsten geschieden halten.

Er fällt. Jetzt steht nichts mehr zwischen Mensch und Gott. Nichts trennt den Menschen mehr von ihm.

Luther würde sagen: Himmel und Erde gehören zu Hauf.

Und das heißt, dass sich die wahre Menschlichkeit nicht raushalten lässt aus unserem Alltag, unseren Geldgeschäften, unserer Politik, dass sie sich nicht dazu verurteilen lässt, sich von unserem Umgang mit anderen, mit den Fremden, mit den Geflüchteten fern zu halten.

Im Gegenteil: unser weltliches, unser rechtliches, unser finanzielles Denken und Entscheiden will vom Sauerteig des Himmels infiziert, durchwirkt sein.

 

Und das Volk, das dabei war und zusah, schlägt sich auf die Brust. Zum Zeichen dafür, dass es das eigene Herz spürt. Ein jeder dieser Gaffer und Zaungäste drückt so seine Reue aus und seinen Willen zur Umkehr. Die Sache mit der Taufe am Jordan geht weiter.

Ich habe verstanden, wie du, Gott, den Menschen haben möchtest. Ich bleibe nicht festgenagelt auf mein Versagen. Ich darf neu werden.

 

Ein jeder unter dem Kreuz schlug sich auf die Brust.

Ein jeder?

 

Amen.

 

 

 

 

Geld und Glück

Predigt über Mk 12, 41 – 44

 

gehalten am: 01. November 2015                                   in: Gutweiler (Allerheiligen)

  1. März 2017 Gusterath und Grünhaus (AM)
  2. März 2017 Schweich

 

Lieder:           653                                                   Lesung: Mt 11, 28 – 30

363

368, 1-3                                            Liturgie: eigene

409

436

 

41 Und er setzte sich dem Opferstock gegenüber und sah zu, wie die Leute das Geld einwarfen. Viele Reiche legten viel ein. 42 Da kam eine arme Witwe und legte zwei Kleinmünzen hinein, das ist gerade ein Groschen. 43 Da rief er seine Jünger herbei und sagte zu ihnen: „Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hier hat mehr hineingelegt als alle anderen, die etwas in den Opferstock hineingeworfen haben. 44 Denn sie alle haben aus ihrem Überfluss hineingeworfen – sie aber hat in ihrer Armut alles, was sie hatte, hineingelegt, ihren ganzen Lebensunterhalt!“

 

Wer hat – hat Angst.

 

Zu den grundlegenden Erfahrungen, die ich in meinem Sabbatjahr in den anderen Ländern dieser Erde sammeln durfte, gehört die, dass Menschen, die kaum etwas zu verlieren haben, weniger Ängste haben. Sie laden fremde Menschen, wie mich, zu sich ein. Öffneten mir ihre Wohnung. Ich konnte ein und ausgehen.

Bei etlichen Menschen stehen die Türen Tag und Nacht offen. Und einige haben gar keine Türen. Sie schlafen nur durch einen Vorhang getrennt von Straßenleben und Fremden.

 

Wir dagegen haben viel zu verlieren. Viele von denen, die viel zu verlieren haben, haben viel Angst.

Diese Witwe, deren Haltung Jesus dazu veranlasst, seine Jünger zusammen zu rufen, will uns zum guten Exempel werden. Schaut sie euch an, spricht Jesus. Sie hat bereits viel verloren: ihren Partner nämlich, Stütze ihres Lebens, den Verdiener wahrscheinlich. Und trotzdem hat sie keine Angst vor Verlusten.

 

Sie gibt nicht nur von dem, was ihr geblieben ist. Nein, sie gibt nicht aus der Fülle etwas heraus. Sie gibt, was sie hat, ihren ganzen Lebensunterhalt.

 

Sie tut dies ohne Angst vor Knappheit oder Hunger, weil (!) sie weiß, dass sie nicht von Verlust bedroht ist, weil sie sich sicher ist, dass Gott für ihren Tag sorgt.

 

Diese eine Bitte heute in unserem Gottesdienst, die sich so bescheiden ausnimmt und ein wenig wie ein Fremdkörper daherkommt, eingeklemmt zwischen die ethischen Bitten des Vaterunsers: „und gibt uns unser Brot heute – unser täglich Brot“, also das Notwendige fürs Überleben heute; diese Bitte möchte sich auf Vertrauen reimen. Ihre Erhörung ist dieser Frau zur täglichen Gewissheit geworden. Sie weiß sich gehalten, bewahrt, getragen – ernährt.

 

In aller Demut, liebe Gemeinde, diese Bescheidenheit steht auch uns gut an.

 

Aber sie fehlt manchem reichen Angsthasen. Ich kenne eine Familie hier im Ruwertal, die fährt nicht in Urlaub. Nicht, weil sie kein Geld dazu hätte. Nein, weil sie zu viel Geld hat. Die Mitglieder dieser Familie haben Angst um ihre teuren Teppiche, um die alten Möbel, den Schmuck, das Tafelsilber, sie haben Angst, dass eingebrochen werden und all das verloren gehen könnte, während sie in froher Urlaubsrunde sich an einem Strand tummeln, einen Berg besteigen, Ferien woanders machen. Durch ihre Befürchtungen geht ihnen dieses Leben verloren.

 

Die Frau dagegen, die Jesus seinen Jüngern und uns vor Augen führt, sie hat ein intensives Leben. Denn geben, liebe Gemeinde – das ist eine der Pointen dieser Perikope -, kann nur ein Mensch, der sicher ist, genug zu haben! Ich stelle mir vor, wie sie Gott dankt „ich bin so reich beschenkt, darf erfüllt leben, nimm diese bescheidene Gabe als Dank dafür“.

 

Das ist das Erstaunliche an dieser Geschichte. Diese Frau ist sich sicher, ein reiches Leben zu haben. Ich stelle sie mir als einen Menschen mit mit geradem Rückgrat, mit zufriedenem Lächeln und mit leuchtenden Augen vor.

 

Ein reiches Leben ist ein an Begegnungen, Freunden, Liebe reiches Leben. Es hat mit Geld nichts zu tun. Das lebt uns diese Witwe vor.

 

Wenn Jesus sich uns gegenüber setzen und seine Persönlichkeitsstudien treiben würde, was würde er aus unserem Verhalten lesen?

Wie sieht in uns das Mischungsverhältnis von Angst und Vertrauen aus?

 

Denn um dieses Verhältnis geht es. Meinen wir haben und halten zu müssen oder ist Leben für uns ein Geschenk und erkennen wir uns als reich Beschenkte?

 

Uns Christen aller Konfessionen verbindet in diesem Zusammenhang ein Bekenntnisakt. Die Taufe. In ihr geht es weniger um das rein gewaschen Werden vor Gott als vielmehr um das lebensbejahende Bekenntnis des Täuflings. Denn die Taufe ist ein martialische Zeichen. Johannes drückte Jesus im fließenden Jordan unter Wasser. Zum Zeichen des ertränkt Werdens.

Martin Luther sagt: der alte Adam wird ersäuft. Ja, spricht Jesus dazu: ja, lieber Vater im Himmel, dir traue ich zu, dass du mich empor ziehst, hier im Leben, wenn mir das Wasser bis zu Hals steht, aber eben auch darüber hinaus. Gewiss ziehst du mich zu dir empor, von dir weiß ich mich gehalten.

 

Dieses Ja ist das Ja zu Gott. Ist Gottvertrauen und Lebensbejahung. Es verbindet im Prinzip alle Christen dieser Welt.

 

Ein vertrauensvolles Ja zum Leben in Beziehungen, weil Gott zu uns in Beziehung stehen möchte, gebiert die Tugend der Freizügigkeit, der Freigiebigkeit, auch von der eigenen Zeit und legt die Basis zum Ehrenamt.

 

Darum bin ich auch so froh über die Beteiligung an der Flüchtlingsarbeit in dieser Gemeinde. Allein 60 katholische und evangelische Ehrenamtliche helfen beim Café Welcome mit. Etliche andere betreuen Flüchtlinge in den Dörfern vor Ort. Dann die Mitarbeiter im RADhaus, wo hauptsächlich Flüchtlinge für Flüchtlinge Fahrräder in Stand setzen. Dann diejenigen, die Deutsch unterrichten im Pfarrheim in Waldrach und „Deutsch am Küchentisch“ erteilen, wie wir das Projekt nennen.

 

Ich schäme mich nicht mehr, um ehrenamtliche Hilfe zu bitten. Denn ich weiß aus all der Rückmeldung, dass die Dankbarkeit anderer in unserem Leben Freude entzünden kann und Sinn stiftet.

Erfülltes Leben ist eben Leben in gelingender Gemeinschaft.

 

Sinn und Dank sind die Währung und das Entgelt beim Ehrenamt. Diese Münzen sind manchmal klein, aber immer blank.

So wie ein lachender, ein lebensbejahender Mund. Die gar nicht so arme von Jesus beobachtete Witwe, sie steckt gleichsam einen Schlüssel ins Schloss des rechten Verständnisses von Armut und Reichtum. Drehen und aufschließen, das müssen wir schon selbst in unserem Leben und unserem Alltag.

 

Aber klar ist. Nicht nur hier in der Verbandsgemeinde – in Deutschland, in der Türkei, in Mazedonien und Ungarn geht es in diesen Tagen um Menschlichkeit. Wir können sie verspielen, indem wir Nützlichkeitsberechnungen gegen Humanität stellen. Wir können diese Menschlichkeit aber auch gewinnen, indem wir sie leben.

 

Mit dem Bild dieser vertrauenden armen-reichen Frau beantworte ich die Sicherheits- und Sinnfrage.

 

Amen

Der Heiland als Dissident

Als Jesus nun hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der das spricht (Jes 8, 23; 9, 1): „Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die saßen am Ort im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen“. Seit der Zeit fing Jesus an zu predigten „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“.

 

Immer, wenn jemandem etwas nicht richtig gelang, ein angekündigtes Ziel nicht erreicht worden war, pflegte meine Großmutter zu trösten mit den Worten: wer weiß, wozu es gut war.

Um diese Weisheit geht es in unserer heutigen Geschichte.

 

Vordergründig beginnt sie so: Jesu Vorläufer wird gefangen gesetzt. Jesus schließt daraus auf eine Gefahr für seine Person. Tatsächlich gab es zu Zeiten des Herodes Pogrome. Nicht nur politisch anders Denkende wurden nieder gemacht, waren den Verfolgungen der Geheimpolizei des Statthalters ausgesetzt. Auch religiöse Gruppierungen standen im Verdacht, die Macht zu untergraben. Es mag uns an die Verfolgung der Gülem-Bewegung in der Türkei in diesen Tagen erinnern. Aber es ist aus der Zeit des römischen Imperiums und seiner Kaiser bekannt, dass Verhaftungswellen selbst in der Provinz an der Tagesordnung waren.

Forscher fragen sich, wie groß der Einfluss des Täufers auf Jesus gewesen sein mag. Diese Stelle mag als ein Indiz dafür gelten, dass Jesus in seinen theologischen Kinderschuhen ein Zögling dieser Erweckungsbewegung gewesen war. Eine Bewegung, die man immer in der geistigen Nähe zu den Essenern, einer jüdischen Sekte, vermutete.

Herodes verfolgt also die religiösen Extremisten, die Sektierer.

Darum also flieht Jesus ins Ausland. Der spätere Heiland hier als Dissident. Der junge Jesus ein Exilant.

 

Dort, am See Genezareth entwickelt der Mann aus Nazareth seine Theologie. Aufschlussreich ist, dass er mit dem Bußruf des Johannes seine Verkündigung beginnt. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“.

So beginnt er dort, wo Johannes aufgehört hat. Er stellt mit dem zunehmenden Wachstum seiner Theologie, mit deren Reife, die Gedanken des Täufers vom Kopf auf die Füße. Hieß es noch in den ersten Tagen: Kehrt um, tut Buße, weil das Reich Gottes nahe gekommen ist. D.h. weil der Tag des Gerichts nahe ist, werdet anständige Menschen – eine Kehrtwendung im letzten Augenblick sozusagen, eine Besserung unter Androhung der Strafe;

so macht Jesus mit der Entdeckung des lieben Gottes, seines lieben Vaters im Himmel daraus eine andere Logik: Weil Gott schon da ist, weil er dich liebt, darum – und nur darum ! – kannst du dich ändern. Es ist die Theologie der Liebe und ihrer selbstverständlichen Früchte, die in der Zeit nach dem Aufenthalt am See Genezareth wächst.

Der Einzug in Jerusalem wird dann so etwas sein wie die Nagelprobe des Vertrauens in diese neue Botschaft, dass sich selbst gibt, wer denn wahrhaft liebt. Doch dazu zu Ostern mehr.

 

Das erstaunliche an unserer heutigen Perikope ist, dass der Evangelist mit der Skizze einer historischen Situation beginnt. Dass er einerseits erwähnt, warum Jesus sich absetzt. Ein Blitzlicht gleichsam auf die historische Situation, eine politische Randnotiz, die der Evangelist der Nachwelt überliefert.

Andererseits aber stellt er dieses Untertauchen Jesu in einen ganz anderen Zusammenhang, den nämlich einer alten jüdischen Vorhersage. Der Prophet Jesaja sagt Regionen, die besonders abgeschrieben waren, Regionen, die am Rande des Kulturgebietes im Übergang zur Steppe lagen, zu, dass sie von der Quelle des Lebens werden trinken dürfen. Wer im Schatten liegt soll ein helles Licht sehen, in den Fokus gestellt, wahrgenommen werden. Ich erinnere an Brecht: die einen sind im Dunkeln, die andern sind im Licht. Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Genau das ist die Botschaft Jesu, dass Gott dich wahrnimmt. Und diese Annahme lebt er in der folgenden Zeit in Person. Wie zum Beweis dieser Aussage sammelt der Evangelist dann in den folgenden Kapiteln Erzählungen über Jesus, der die Verlorenen sucht, die Kinder annimmt, die Ausgestoßenen heilt und wieder gesellschaftsfähig macht.

Auch wenn wir sagen, die Geschichte Jesu beginnt mit Weihnachten, so führt uns Matthäus doch zu den eigentlichen Anfängen: der beginnenden Wirksamkeit Jesu.

Eine Botschaft, die durch eine historische Verfolgungssituation ausgelöst wird. Die Flucht und damit Heimatlosikeit des Menschensohnes wird durch diese Initialzündung für Jesus zum Thema. Zum Quellpunkt seines Redens und Wirkens.

Es ist so, als ob die Erfahrung von Not und Vertreibung den Blick für Not und Flucht öffnet, als ob der Eindruck persönlich erlittener Verfolgung das Herz aufschließt für die Verfolgten, für die outcasts, für die Randgruppen der Gesellschaft.

Unsere heutige Perikope gibt also wahrscheinlich wieder, was in der Legende von der Flucht nach Ägypten verniedlicht wurde: die tatsächliche Flucht Jesu in den Untergrund und das Ausland.

 

Unüberhörbar legt der Evangelist den Schwerpunkt der Wiedergabe aber auf die Einordnung des Geschehens in einen größeren Zusammenhang. Den der Prophezeiung von Jeremia, dass Gott Licht in die Provinz bringen wird, dass die verlorenen Schafe gefunden werden werden; das die Marginalisierten wahrgenommen und wieder wertgeschätzt werden.

 

Und da haben wir die Situation, von der ich eingangs sprach: dass etwas anders läuft, als wir es uns gedacht haben. Dass der Mensch zwar denkt, Gott aber lenkt. Denn am Ende sehen wir, wozu ein Bruch in unserer Biographie, wozu ein augenscheinliches Missgeschick, wozu gar ein Unglück gut war.

 

Meine Großmutter pflegte den Spruch: wer weiß, wozu es gut war. Tatsächlich dürfen wir im Leben die Erfahrung machen, dass ein Missgeschick sich in Glück wandelt, dass wir im nachhinein verstehen, wozu etwas gut war.

 

Das ist der hidden code dieser Perikope vom Wirkungsbeginn Jesu, der vertrieben wird und so erst auf seine eigentliche Bestimmung stößt.

Wir alle erfahren im Grunde vom liebevollen Vater im Himmel nur, weil er an dieser Stelle Jesu Lebenswege so ruppig umgelenkt hat.

Und auch im Blick auf eigene Stolperstellen im Leben dürfen wir glauben, dass genau sie uns auf die Füße stellen können.

Amen

Traueransprache fürAlbert Seitz

 

Wir haben einen Gott, der hilft (Ps 68, 21)

 

Dies ist das Familienbibelwort. Es begleitet seit der Trauung über die Goldene Hochzeit hin zum heutigen Ereignis. Ein Gott, der hilft.

Und manchmal wirkt er auch Wunder. Alfreds Mutter konnte nämlich gar keine Kinder bekommen. So ihr Frauenarzt zu ihr nach einem Fahrradunfall.

Aber dann kam Alfred. Gegen alle medizinische Weisheit.

Wie seine spätere Frau blieb er zwar Einzelkind. Doch er war da. Und alle, die heute hier sind, viele, die ihn im Laufe des Lebens kennen lernen durften, werden sagen: das hat er gut gemacht.

Denn Alfred, am 20.04.1927 geboren, war ein menschenzugewandter Zeitgenosse, ein unterhaltsamer Gastgeber, ein schnurriger Erzähler, ein vielseitiger Mensch, ein strenger und doch liebevoller Vater, ein anregender Vereinskamerad.

 

Doch fangen wir vorne an. In der Weimarer Republik. Schließlich war Alfred Zeitzeuge dreier politischer Systeme im Reich und im späteren Deutschland. Es war die Epoche, in der Kinder in Matrosenanzüge gesteckt und in schwarz-weiß photographiert – mit „ph“ – wurden. Zu feierlichen Anlässen, aber auch beim Familienurlaub im Seebad steckte man die Knaben in marineblaues Tuch mit weißen Kragen und goldenen Knöpfen. Für den späteren Segler Alfred mag das wie ein Fanal zu lesen sein. Denn unter seinen Hobbies hatte die Segelei und alles, was damit zu tun hat, einen besonderen Stellenwert.

 

Am 04. 07. 1953 heiratete Albert Helga Fischer. Und nicht lange danach sieht man die beiden die ersten Boote gemeinsam schleppen. Hölzerne Jollen beispielsweise, die der junge vierjährige Armin, seinen handwerkenden Vater imitierend, meinte mit einem Holzbohrer bearbeiten zu müssen. Das Thema Wassersport füllt allein einen Band in der Familienchronik.

 

Ein anderes sind die Stationen der wachsenden Familie. Da waren zunächst Seckenheim und Mannheim. Ilwesheim, dann Hagen und schließlich Weißenburg. Hier beginnt für viele der Kinder der Familie der gemeinsame Weg, der schließlich in Gusterath gipfelt. Hätte Helga nicht der Umzieherei Grenzen gesetzt, weil sie den Kindern ein festes Nest bieten wollte, einen Standort, beständig genug, damit sich auch Freundschaften entwickeln und erhalten konnten, dann wäre Albert noch häufiger an neue Orte gezogen. So musste er manch fernen Arbeitsplatz gleichsam auf Montage erledigen, um am Wochenende in den Mittelpunkt der Familie zurück zu kehren.

In den Ferien kompensierte er dann die ihm unersträgliche Sesshaftigkeit mit dem Kajütboot, aber auch mit dem Wohnmobil wurde gewandert. Die Liste ist länger als Deutschland, England, Schottland, Frankreich, Spanien, Italien, Ostsee und Nordsee…

Der gelernte Maschinenbauingenieur Albert arbeitete vornehmlich im Kranbau. Aber auch Firmen, die Laufkatzen für Kräne herstellten oder Ausleger für Hallendächer konnte er zufrieden stellen. Er verstand es als einen frechen Zug des Schicksals, dass viele Firmen, für die er arbeitete, ihn nicht ins Pensionsalter bringen konnten, weil sie in schwieriger Marktlage viel zu bald nach Beginn seines Arbeitsvertrages Konkurs anmeldeten. Aber damit konnte der begabte Ingenieur umgehen.

 

Viel schwerer wog ein anderer Schicksalsschlag, der die Familie, auch die später geborenen Kinder, noch mitbeeinflusste. Und das war der frühe Unfalltod des zweitgeborenen Kindes, Sigrun, die zwei Jahre nach Rüdiger, 1956, geboren wurde. Das achtjährige Mädchen wurde überfahren. Albert lebte lange Zeit wie im Schock. Seine später geborenen Kinder, Armin 1964, Ingeborg 1966 und Heidrun 1968, verstehen seine Verhaltensdirektiven auch als Folge der Verunsicherung, die das Schicksal von Sigrun bei ihm auslöste. Sie interpretieren seine zeitweise Strenge als Ausdruck seiner väterlichen Sorge. Seine Gedanken um Sicherheit für die Mädchen, seine Bemühungen um ein breites zukunftssicherndes Fundament, seine Leidenschaft, der nachfolgenden Generation etwas beizubringen, empfanden sie aber auch als überaus lästig. Keine Spanienreise, kein Hafenbesuch, keine Wohnmobilfahrt ohne den Besuch von Ladekränen, die Lehrstunde am Ladequai, den physikalischen Anschauungsunterricht.

 

Albert hat es sich bei den großen Fragen seines Lebens nicht einfach leicht gemacht. Er blieb im Blick auf Gott ein Leben lang ein Suchender. In sein Persönlichkeitsprofil gehört die Lust am Hinterfragen. Gern diskutierte er mit seiner Familien, seinen Freunden, seinen Gästen, mit mir über das Hintergründige, über die Schriftreligionen, den Glauben, über Gott. Gern gab er sich dabei als Skeptiker.

Andererseits kennen seine Segelkameraden den sich gebetsnahen Ausruf nach einer stürmischen Passage zwischen Sizilien und dem italienischen Festland: „Ich weiß, dass du stärker bist“, will er gegen den Strum, gegen das himmlische Toben gebrüllt haben „du brauchst es mir nicht zu beweisen!“ Die Familie weiß auch um sein Vertrauen in die Hoffnung, dass alle sich dermaleinst wiedersehen werden.

 

Die agnostische Skepsis und der selbstverständliche Glauben, beides gehört in der Person von Albert Seitz zuhauf. Diese vereinten Pole spiegeln sich auch im strengen Erzieher einerseits und fürsorglichen Vater auf der anderen Seite, im grummeligen Separatisten im Keller, der doch ach so gern die kuschlige Nähe der anderen im oberen Stockwerk aufsuchte. Wir sehen den weiten Bogen seiner Persönlichkeit im geselligen Egoisten, im Einhandsegler, der nichts mehr liebte als die Vielfalt seiner Vereine, im Choleriker, der bald darauf auf windstilles Einvernehmen aus war.

Albert Seitz, ein Mensch, der einerseits gut allein leben konnte, in dessen Gesellschaft es aber nie langweilig wurde. Gerade wenn die Temperamente Ecke auf Kante stießen wie bei Ihnen, der geradlinigen, nüchternen, pflichtbewussten Ehefrau mit Familiensinn und Rückgrat und dem eher extrovertierten, manchmal künstlerisch spontanen Ehemann mit seiner typisch männlichen Art, seine Wehwehchen zu übersehen oder genau andersherum in den Mittelpunkt zu stellen.

 

Albert war vielseitig, Ingenieur und Musiker, Vater und Alleingänger, Partylöwe und Seebär, in einem früheren Leben Boxer, dann Fechter und Funker. In allem nicht nur ein interessanter Gesprächspartner sondern vor allem ein liebenswerter Mitmensch.

 

Auch, wenn er seine religiöse Skepsis häufig vor sich her trug, vertraute er in der Tiefe seiner Seele dem Gott des Familienpsalmes, dem Gott, der da hilft.

 

Vor ihm wird er nun leben. Nicht mehr hier in der körperlichen Begrenztheit, sondern im Licht des Gottes, der von Anfang an viel geholfen hat.

Und am Ende konnte Albert im Vertauen auf ihn loslassen.

Im Vertrauen auf ihn dürfen auch wir ihn Gott anbefohlen sein lassen.

Hier werden wir Albert vermissen, dort aber wissen wir ihn in guter himmlischer Gesellschaft. Amen

Die Bibel am Ende – zum Ende des Kirchenjahres Ausblick

Gottesdienst am Ewigkeitssonntag

über Offenbarung 21, 1

 

 

Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

 

Wir alle fallen! Diese Hand da fällt.

Und sieh Dir andre an: es ist in allen.

 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Heute gedenken wir der Vergänglichkeit. Für uns, die Anwesenden ist das keine philosophische Betrachtung. Denn wir gedenken des Vergangenen, weil wir heute von uns gegangener Menschen gedenken. Menschen, die wir lieb haben. Das Feuer in unseren Herzen für diese Menschen sagt uns etwas über die Wirklichkeit unserer Beziehungen zu ihnen. Sie waren da. Und wir vermissen sie.

 

In Gedanken zu stiller Stunde, ja manchmal am helllichten Tag angesichts eines Kleidungsstückes, eines Bildes ist gleichzeitig beides da: die Erinnerung an den geliebten Menschen und der Schmerz über seine endgültige Abwesenheit. Und dann erst der Blick in die Zukunft: Weihnachten ohne sie / ohne ihn, wie soll das werden? Kann das überhaupt gelingen?

 

Weil wir mitten dabei sind, Abschied zu nehmen, sind wir heute hier. Nein, es ist noch längst nicht verarbeitet. Formalitäten sind geregelt. Das allein hat schon viel Kraft und Zeit gebraucht. Doch Abschied nehmen, endgültig gehen lassen? Das wollen wir nicht. Aber wir sind herausgefordert, es zu tun. So stehen wir wie im Spagat zwischen Müssen und Nichtkönnen.

 

Das ist keine Gleichung, da hebt sich nichts auf, der Spagat zwischen Müssen und Nichtkönnen ist nicht Spannungslosigkeit, sondern offenbart die Schieflage unseres Lebens erst Recht. Vor allem aber darf der Tod eigentlich nicht sein in unserem Leben. Er bringt Ungleichgewicht in unser Leben. Er zerstört den Leib, er zerstört die Verbindung, er zerschneidet, was an Schönheit zwischen Mensch und Mensch webt. Er ruiniert das Leben und was daran köstlich ist. Soll Leben die Handschrift Gottes tragen, soll es voller Schalom, umfassendem Glück sein, darf es überhaupt keinen Tod mehr geben.

 

Gott weiß das. Und wir wissen das. Darum hören wir mit sensibilisierten Ohren auf das, was über die letzten Dinge in der Bibel steht. Die Bibel ist am Ende ihrer Weisheit, als sie auf den Tod zu sprechen kommt. Wenige Seiten gibt sie sich noch. Kein Blick zurück mehr auf jenen letzten Seiten, Zukunftsschau:

 

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und die Heilige Stadt Jerusalem sah ich, neu, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. 3 Und ich hörte eine Stimme von dem Thron her erschallen: „Siehe! Die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er, Gott, wird mit ihnen sein, 4 und alle Tränen von ihrem Angesicht abwischen; und der Tod wird nicht mehr sein und kein Leid, kein Jammer und keine Mühsal, denn das erste ist vergangen.“ 5 Und der Thronende sprach: „Siehe, ich erschaffe alles neu!“ Und er befahl mir: „Schreib auf! Denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.“ 6 Und er sagte zu mir: „Sie sind in Erfüllung gegangen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Dem Durstigen werde ich aus der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben unentgeltlich. 7 Wer obsiegt, wird dies zum Erbe erhalten, und ich werde ihm Gott und er mir Sohn sein. … „

 

Dass Gott der Witwe Recht schaffen will ist sein altes Programm, dass der Durst des Leidenden gelöscht werden soll auch, aber dass der Tod nicht mehr sein soll, das ist neu.

 

Gott lässt uns immer wieder staunen. Doch hier handelt es sich offensichtlich nicht um eine seiner leichtesten Übungen. Große Umbauten sind vorgenommen. Das Meer ist nicht mehr da. Aus ihm tauchte der Leviathan auf, für den antiken Menschen der Schrecken aller Schrecken. Dann hat er ausgespielt.

 

Auch heute schon gilt für uns, dass nichts mehr so wie früher sein kann, es aber auch nicht zu sein braucht, wir werden schon der Gegenwart ein neues Gesicht geben. D.h. nicht, dass wir des Vergangenen nicht mehr gedächten, das heißt nur, dass wir Wahrheit und Wirklichkeit zusammenbringen.

Denn auch unsere Erinnerungen sind Wirklichkeit. Sie wirken in uns, sind ein Teil von uns selbst. Wir wollen die Gegenwart gestalten, ohne die Vergangenheit zu verdrängen; – ja, mehr noch, wir wollen die unvergesslichen Momente der Vergangenheit, das, was uns lieb, das, was uns unentbehrlich am verloren gegangenen Menschen geworden ist, mit hineinnehmen in uns gegenwärtiges Leben.

Wir gestalten den anstehenden Tag und vergessen die Lieben, die an unserer Seite waren, nicht! Wir geben ihnen Raum, auch an Heilig Abend beispielweise: „Kommt, Kinder, diese Kerze habe ich bewusst aufgespart, wir wollen sie jetzt gemeinsam anzünden und dabei an N.N. denken!“

 

So sollen wir Menschen Bewältigung miteinander gestalten.

Das ist sicherlich im Sinne Gottes. Aber es sind kleine und oft auch mühevolle Schritte. Aber sie reichen nicht. Sie sind Krücken in der Not.

 

Darum will Gott Grundsätzliches ändern.

Er will zurecht bringen, was uns Menschen bedrückt. Schalom, nennt der Jude das: Das mit sich und der Welt eins Sein. Und zu Gott besteht ein familiäres Verhältnis.

 

Er will es aufheben, was uns trennt. Die Trennung, die uns am schmerzlichsten ist, der Tod mit seiner scheinbaren Endgültigkeit, sie will er überwinden.

Das himmlische Jerusalem, mit seinen zwölf edelsteinbesetzten Toren, hat keine Mauern. In den Toren der Städte des vorderen Orient wurde Recht gesprochen. Tore hat diese Stadt des Schalom vielleicht auch nicht mehr nötig, jedenfalls nicht mehr als Orte der Rechtsprechung. Vor allem aber hat sie die Grenzen abgeschafft. Was wir brauchen zur Abgrenzung, was wir für unsere Sicherheit aufbauen, Verteidigungsringe, das wird nicht mehr nötig sein. Einverständnis alles in allem. Keine Ausgrenzungen und kein Eingeschlossensein mehr.

 

Ausgeschlossen ist nur der Tod.

Dass Gott ganz nah, ganz nachbarschaftlich mit uns lebt, erscheint uns nicht minder wundersam wie das Bild einer Stadt wie dieser. Ich kann sie Ihnen auch nicht weiter erklären, keinen Stadtplan von ihr zeichnen. Ich spüre nur, welche Versprechen in dieser Verheißung liegen.

Einmal wird der Tod nicht mehr sein. Ist versprochen.

Einmal werden Schmerzen und Seufzer aus unserer Brust verbannt sein. Ist versprochen.

Einmal werden die Toten leben. Ist versprochen.

Einmal wird Gott alles in allem sein. Ist versprochen.

Darauf vertraue ich. Das ist viel mehr als nur mein menschliches Vertrauen, dass ich und jeder Mensch, den ich lieb habe, nicht aus seiner Hand fallen können. Das ist mehr als der Trost, dass ich nicht tiefer fallen kann, als bis in seine unendlich sanft haltenden Hände.

Es ist das Versprechen von Licht. Von Lebendigbleiben in seiner Gegenwart. Es ist die Zusage seiner Nähe und Geborgenheit für die, die wir hier vermissen.

Es bleibt auch seine Verheissung für uns.

Amen.

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift
Ansprache zum Gemeindefest 2015

Die Bibel eine Bibliothek.
Die Konfirmanden haben sie uns vor Augen geführt. 66 Buchrücken eingestellt in ein Regalsystem mit zwei Flügeln, dem Alten und dem Neuen Testament. Dies Hilfsmittel unabhängig davon, dass die Texte ursprünglich auf Rollen geschrieben waren, ins Regal geschoben wurden und davor über Generationen in den Köpfen der Nomaden, die die Geschichten ihren Söhnen an den Lagerfeuern der Steppe erzählt haben.

Die Bibel ist ein Lebensmittel.
Sie hilft uns zu leben. Schwarzbrot, sagen die einen, etwas zum Kauen – kein Weißbrot, keine leichte Kost.
Wäre sie nicht nur süß im Herzen, sondern auf der Zunge, dann wäre sie keine Blockschokolade, kann nie im ganzen verzehrt werden. Als junger Theologiestudent habe ich sie einmal in den Semesterferien von Anfang bis Ende durchgelesen. Das ist wie eine Urlaubsfahrt mit dem Navi. Man hat dann vielleicht eine ungefähre Ahnung, wo man ist, aber sehr eindrücklich ist das nicht. Man muss hingucken. Die solchermaßen überflogene Bibel gibt gerade preis, dass sie packende Biographien neben fallverliebten Gesetzestexten beinhaltet; im Vorbeiflug ist registriert, dass konstruierte Figuren wie Hiob neben fleischlichen Menschen wie Jesaja stehen. Nein, man muss schon zum Fenster hinausschauen, wenn man das bereiste Land auch sehen will; noch besser ist aussteigen und zu Fuß gehen.
Die Bibelgeschichten sind also nicht in einen Block gegossen, sondern sie wollen einzeln genossen werden. Das ist wie mit einer Schachtel Pralinen. Die wählen wir auch einzeln und mit Bedacht aus. Wir wiegen sie in der Hand und entblättern das Stanniolpapier vorfreudig.
Darum ist die Bibel in Kapitel und Perikopen untergliedert.

Sie beinhaltet nicht weniger als alle möglichen Lebenssituationen.

Und doch gibt es eine Klammer, die das Vielerlei zusammenbindet. Das ist die Erfahrung von Gott. Die Erfahrung Gottes durch den Menschen. Sie ist sozusagen das Regalsystem, in dem die Bücher stehen. Damit wird keine Monographie daraus. Denn die Erfahrung des eifersüchtigen Gottes steht neben der Jesu, der den lieben Vater im Himmel predigt.
Doch billiger ist diese eine Klammer nicht zu haben.
Das Zeugnis der geselligen Gottheit, die sich zwischen uns ereignen will. Gerechtigkeit in diesem Sinne ist nicht blinder Gehorsam einer Vorschrift gegenüber. Das wäre eben die blinde Fahrt allein nach Navi. Sondern Gottes Gerechtigkeit geschieht, wenn wir einander gerecht werden. Gott will sich einstellen, wenn wir des anderen ansichtig werden, wenn wir unser Du wirklich wahrnehmen.

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift. Das ist ein Buch mit vielen möglichen Titeln „Heilige Schrift“, „Wort Gottes“, „Buch der Bücher“ sind nur die geläufigsten. Der Anspruch auf Wahrheit ist kein mathematischer. Es geht nicht um Richtigkeiten. Sondern Wahrheit hat mit richtig geführtem Leben zu tun, die Bibel nennt das wahrhaftiges Leben. Und solches Leben versucht seine Wahrheit im Dialog zu finden. Im Gespräch mit anderen und eben im Gespräch mit Gott. Hören ist dabei wichtig. „Höre Israel“, so beginnt das jüdische Glaubensbekenntnis. Verstehen kommt nach Hören.

Die Bibel ist ein Hörbuch.
Darum lesen wir Sonntag für Sonntag aus ihr vor. Bringen sie zu Gehör. Weil der Weg vom Ohr zum Herzen kürzer ist als vom Gehirn zum Herzen.
„Wort für dich“, lautet auch darum eine Bibelausgabe.

Und die Unterschrift? Wessen Namen steht unter der Bibel? Viele Bücher sind mit dem Blut der Propheten unterschrieben, deren Spur sich im Exil, zwischen den Trümmern Jerusalems verliert, andere wurden in der frühen Kirche gesammelt, weil ein gewisser Paulus sie als Briefe geschrieben hat. Wieder andere sind Kunstwerke namenlos gebliebener Schriftsteller. Von den Überarbeitungsschichten von ganzen Stäben von Theologen am Hof, am Tempel, im Exil ganz zu schweigen.
Wer setzt also die Unterschrift, die für alle gültig ist? Für die Literaten, die Märtyrer, die Schreibtischtäter, die Missionare unter den Schreibern?

Verbunden sind die Schriften durch den Geist. Den Geist, der von sich zeugt. Er schenkt uns Verständnis vom richtigen Leben und von Gott. Der Geist, der zwischen Vater und Sohn weht und – weil Geist der Verbindlichkeit – gern auch zwischen uns
und eben zwischen den Schriften und den so unterschiedlichen Erfahrungen des einen Gottes.
Ein Geist der Einheit also, geschrieben mit unsichtbarer Tinte,
so dass noch Platz ist für Deinen und meinen Namen unter dem einen großen Dokument der Erfahrungen mit Gott.

Amen

Weihnachten 2016

Ansprache Heilig Abend 2016

 

über die Tiefen der Weihnachtsgeschichte

und die Dünnhäutigkeit des Herzens

 

 

Eine Frau füllt das Bildformat. Sie sitzt auf dem Boden, von dem sie eine wollene Decke trennt. Im Arm hält sie ein Kind. Beide sind notdürftig in einer Plane geborgen.

Die Frau sitzt so gewohnt gelenkig auf der Erde als ob sie so zu Hause zu sitzen gewohnt wäre. Aber sie sitzt nicht zu Hause, sie sitzt auf fremder Erde. Wahrscheinlich griechischer.

Die Kindernahrung zu ihren Füßen ist in einer Sprache aufgedruckt, die die junge Mutter nicht lesen kann. Wahrscheinlich in deutscher.

Mutter und Kind sind weder der einen noch der anderen Nationalität. Wahrscheinlich syrischer.

 

Eine Szene, wie wir sie hundertfach jeden Tag zu sehen bekommen. Ein Moment, der durch das tausendfache Einblenden in deutsche Wohnzimmer während der Nachrichtenzeit zur Bedeutungslosigkeit abgegriffen ist. Eine Momentaufnahme.

 

Und heute – Heilig Abend – ist sie Tagesthema. Maria füllt das Format dieser besonderen, dieser heilig genannten Nacht, zusammen mit ihrem Kind. Beide ebenfalls nach den Worten der Bibel nicht in der Heimat. Das Kind an einem fremden Ort entbunden.

Das Bild vom Stall ist Inbegriff des Provisorischen. Hier reimen sich beide Bilder. Der sogenannte Stall und die sogenannten europäischen Auffanglager.

Ebenfalls hundertmal gehört, tausendmal nicht an uns herangekommen die Risiken und Härten der Stallgeburt, weil sie hinter Lametta verhangen, von brokatenen Festtafeltüchern überdeckt, von Ei-popeia-Weihnachtsgedudel übertönt worden sind.

Denn in der alljährlichen Wiederholung lauert dieselbe Gefahr wie in der alltäglichen Nachrichtenschwemme.

Der ertrinkende Flüchtling im Mittelmeer wird ein zweites mal ertränkt in der Medienschwemme. Die Ausrufezeichen können auch erschlagen.

 

Genau das ist die Gefahr, der die Abgebildete ausgesetzt ist.

Dass sie übersehen wird!

 

So dünn wie eine Membran ist der Unterschied nur. Durchlässig oder nicht durchlässig, das ist hier die Frage.

Ein Hauch nur macht den Unterschied aus zwischen Übersehenwerden und Annahme. Und diesen Unterschied macht im wahrsten Wortsinn der „Augenblick“.

 

Für diese dünne Spanne, den Faden gleichsam, an dem alles hängt, gibt es ein Symbol.

Das ist die Rettungsdecke.

Die Folie, die im Bild Mutter und Kind birgt. Hier gibt sie dem inneren Geschehen einen Rahmen. Das innere Geschehen ist eine Herzensangelegenheit. Das Gold der Folie macht aus der Mutter eine Maria. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass die bedampfte Folie keine Selbstverständlichkeit, dass sie das Besondere am Besorgniserregenden der Situation ist.

 

Kennen Sie diese Rettungsdecke, die Frau und Kind birgt?

 

Ja, natürlich. Sie liegt im Verbandskasten ihres Autos. Sie wissen, dass sie dort liegen sollte. Eingeschweißt in ein Plastiksäckchen. Wiegt keine 50g. Und ist in zwei Schichten nach DIN 13232 zusammengeschweißt.

Eine Plane aus Polyesterfolie, keine 12 µ-Meter dick. Gelblich durchsichtig, das lässt die Decke auf der einen Seite golden erscheinen, auf der anderen ist sie mit Aluminium bedampft. Hier strahlt sie silbern. Diese Seite sollte dem zu Schützenden bei Kälte zugewandt werden, denn sie reflektiert seine Körperwärme und hält Verunfallte auch auf dem Boden warm. Sie isoliert aber nicht, das lernt der Rettungssanitäter. Nach außen soll die bedampfte Seite in der Wüste zeigen, wenn es gilt, warme Strahlung abzuweisen.

So dient die Rettungsdecke als Sonnen-, als Regenschutz, sie kann auf der Straße hilfreich sein, aber auch im Gebirge bei unvorhergesehen hereinbrechender Nacht als Biwak-Sack dienen.

Sie kann auf den Quais von Piräus den Unterschied von Leben und Tod, von Gesundheit und Erkältung bedeuten.

 

Eine Folie nur. Aber der Hauch Menschlichkeit auf diesem Bild. Das, worauf es ankommt.

Der dünne Film, der kleine Schritt, der den Unterschied macht.

 

Denn nicht der Regen in Piräus ist der Feind des Wohlergehens. Es ist die Gleichgültigkeit.

Innen und außen trennt hier eine ausgehändigte Massenware. So der Augenschein. Doch die Tatsache dieser Rettungsdecke über Mutter und Kind erzählt in Wahrheit gleichzeitig von einer anderen Welt. Von der Sicht der satten ersten Welt. Außen nämlich regiert oft die Arroganz. Die kurze Sicht der Leute, für die ihre überschaubare Welt so bleiben soll, wie sie immer schon war. „Sollen sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst“, eine verbale Lieblosigkeit, die erzählt von der Tradition der Fremdenfeindlichkeit. Als nämlich die Niederländer die Molukken erobert und als Kolonie dienstbar gemacht hatten, da kamen auch irgendwann die eingeborenen Zwischenhändler zu Wohlstand. Und sie und dann auch irgendwann die Kinder der ausgebeuteten Pfefferplantagenarbeiter, sie kamen von dort, wo der Pfeffer wächst, doch tatsächlich dorthin, wo die Schiffe der Ostindienkompanie das Hundertfache, ja das Tausendfache aus dem Wert ihrer Ladung holten.

„Sollen sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst“, ein fremdenfeindliches Perpetuum Mobile aus unserer sogenannten ersten Welt.

 

So unscheinbar die Rettungsdecke ist, sie erzählt doch von einer nicht unwesentlichen Welt. Sie macht hier und heute die Welt des Herzens sichtbar.

Eine Membran nur, aber sie stellt uns die Frage nach der Durchlässigkeit unseres Innenlebens.

Die Rettungsdecke selbst ist nicht dicker als ein Augenlied. Aber es ist eben die Frage, ob wir hinsehen. Es ist die Frage, ob ein Bild hineingeht, das tiefer gelangt als in den Intellekt. „Dann geht ein Bild hinein“, dichtet Rilke im Panter „geht durch der Glieder angespannte Stille, und – hört im Herzen auf zu sein.“ Ein Bild von Freiheit, das ihm nicht erlaubt ist, das darum im Ort der Sehnsucht taub geworden ist.

Ist uns das Bild vom Frieden noch weiterhin zumutbar, die Folgebilder und die unendlichen Bilderfolgen von Aufbruch, Flucht, Provisorium und Not? Abbilder der Sehnsucht nach dem Frieden für sich und die Kinder? Ertragen wir noch ein Bild mehr?

Dann sind Sie vielleicht offen oder sogar interessiert, was wir hier im zweiten Bezirk an fröhlicher Flüchtlingsarbeit leisten. Menschen mitten unter uns haben sich in großer ökumenischer Verbundenheit zusammengeschlossen und ein Netzwerk gebildet, das sich vielfältig als Überbringer solcher Folien der Zwischenmenschlichkeit einbringt: sie laden zum Café Welcome ein, sie machen Hausbesuche, begleiten zum Arzt oder zum Amt, sie haben für Flüchtlinge im sogenannten RADhaus über 1.000 Fahrräder gesammelt, repariert und ausgegeben, und jetzt haben wir miteinander den Begegnungsladen „Palaver“ in Waldrach ins Leben gerufen, den der Verein „Netzwerk“ betreibt. Dort können Sie mitwirken, oder einfach nur dem Verein als Fördermitglied beitreten. Beitrittserklärung auf der Rückseite des heutigen Gottesdienstprogrammes. Oder haben wir schon zugemacht, innerlich ausgeschaltet?

 

In den jüdischen Weisheiten der Chassidim wird folgendes Gleichnis erzählt. Ein Rabbi prüfte seine Schüler und fragte: Wann beginnt der Morgen? Wenn der Hahn kräht, so der eine; wenn die Sonne aufgeht, so ein anderer. Der Meisterschüler aber sagte: Wenn ich im Gesicht meines Nächsten den Bruder erkenne!

 

Liebe Gemeinde, eine Augenblickssache eben, kurz der entscheidende Moment, ob denn das Herz erreicht wird; eine Spanne dünn wie eine Rettungsdecke.

 

Amen