Phu Quoc – Funken vom verlorenen Paradies

1. April 2013

Die Stunde verklingt in einer Durtonart, alles ist klar und rhythmisch gefügt, den Takt gibt das Meeresrauschen. Es landet den Pazifik wieder und wieder auf dem mehlfeinen Sand an, als wolle es das ewige All spiegeln. Denn die Welt ist Schwingung. Hier wird das deutlich. Gott ist eine Welle, die Frequenz die unter allem schwingt und alles trägt, Urschwingung, die sich überlagert und so etwas anderes als göttliche Ursequenz entstehen lässt, ja überhaupt etwas entstehen lässt. Tag und Nacht, Licht und Dunkel. Wasser und Feste. Meer und Sand. Gott setzt die Welt aus sich heraus. Dass etwas und nicht nichts ist, ist das manifeste Wunder dieser Landschaft ohne Mensch und Tier. Hier wie nirgends sonst ist er aufzuspüren. Anfang der Welt. Dazu muss man bis ans Ende der Welt fahren. Es ist gar nicht einfach, diesen Ort aufzufinden. Reiseprospekte reklamieren ihn zwar auf ihren Titelseiten, doch wo Fotografen den Strand zertrampelt haben, ist er schon nicht mehr zu finden. Denn dieser Sandstrand will unbetreten sein, wie jungfräulicher Schnee daliegen, Dschungel am Ufer und Leben nur im Meer.

Wer hierhin will, muss die ausgetretenen Pfade verlassen, muss mit der Fähre auf die Insel vor der Südküste Kambodschas auch die Menschen hinter sich lassen. Straßen gibt es hier keine mehr. Durch den Urwald sind

ein paar Pisten gezogen. Rotbraun prangt die offene Erde ihre Wunde an und der Dschungel würde sich die Schneise zurückerobern, gäbe es wirklich keine Menschen auf dem Eiland. Am anderen Ende der Insel sind es nur noch wenige von ihnen, man kann sie an einer Hand abzählen, die, die ich im Laufe des Tages sehen werde: nur Wald und Strand und Meer. Und eben das ewige Rauschen der Dünung.

So liegt der Hauch der ersten Schöpfungstage über der menschenarmen Bucht von Phu Quoc. Die Palmen wiegen sich kaum im Wind, ihre Alterswürde verbietet ihnen eine tiefere Verbeugung. Sie haben es im Kreuz und sehen wie alte Seebären über den Horizont und schauen aus nach dem, was sie schon immer haben kommen sehen: die Monotonie der Tage, das grün  der anwallenden Wogen, die ergebene Strandzone, hingestreckt und vom Schwemmgut aus einer anderen Welt, von Plastik in grün und orange, vergewaltigt; das ewiggleiche Sonnenloch, das sich der himmlische Schweißbrenner durch den Opal des Firmaments gleißt;das Gähnen einer gelangweilten Natur angesichts ewig gleicher Tage.

Der Wind hinterlässt seine gekrümelte Textur auf der Glasscheibe des Ozeans, er hat sich auf ihr angeschlichen wie eine Raubkatze, Katzenpfötchen nennen die Uferbewohner dementsprechend die vergänglichen Spuren des samtig schleichenden Passanten. Der Luftzug verhaucht, es bleibt der Rhythmus des anbrandenden Meeres. Es gibt keine Alltage, und kein Glockenklang kennzeichnet den Sonntag. Jeder neue Tag hat von beidem. Das Einerlei der Brandung erzählt von anderen Bedürfnissen und Mischungen und Maßstäben, erzählt von Äonen.

 

Menschen, die hier vorbei schauen, nennen es das Paradies. Sie staunen, baden und reisen bei Sonnenuntergang wieder ab. Am Tag lassen sie sich mitsamt ihrer luftblasengefüllten Gewänder im seichten Meer versinken, sitzen im knietiefen 28° warmen Wasser, wiegen wie Tang in der Dünung. Am Abend wringen sie die Batiktücher und setzen sie dem lauen Wind aus. Sie reisen in kultiviertere Zonen, in Gasthäuser oder Hotels sogar, oder fliegen vom improvisierten Inselflughafen mit einer Zweimotorigen nach Saigon zurück, in den siebten Stock eines Hochhauses. Ich aber bleibe. Ich bin gekommen, um zu bleiben. Wo? Das weiß ich zunächst selbst nicht. Es gibt zwar tatsächlich ein Luxushotel im weiten Bogen dieser Bucht, doch dies hat nur drei Appartements, im mittleren residiert der Chef selbst, die anderen beiden mit ihren Teakholzsuiten und Marmorbädern sind ebenfalls belegt. Ich frage einen Fischer, ob ich bei ihm in seiner Hütte Anschluss finde. Nicht Unterschlupf, denn hier kann man unter freiem Himmel schlafen – Anschluss, denn hier sind Menschen Mangelware. Und so reagiert er auch: selbstverständlich sei ich willkommen. So hänge ich meine Hängematte

am Abend in einem der beiden Räume auf. Der andere dient den Eheleuten als Schlafzimmer. Die Hütte ist aufgeständert auf Astholz., eine Haut ist ihr gegen die Abendbrise aus Flechtwerk von Palmenblättern gegeben worden. An manchen Stellen auch aus Plastikbahnen. Das Dach ist aus Wellblech, der Boden aus Stangenholz mit einem Stück PVC belegt. Das Küchenfeuer brennt außerhalb, noch unter dem Dach. So könnte man das Anwesen einen Zweieinhalbzimmer Bungalow nennen. Meerblick aus meinem Räumchen garantiert, denn die Palmwedel hören in halber Höhe auf und das Seepanorama wird zur lebenden Tapete. Bei stärkerem Wind wird der Fischer einen Laden aus Palmwedelgeflecht vor die Öffnung klappen. Das mindert den Wind, doch das Meer bleibt nahe. Bei Flut nagt es an den Füßen der Hütte, bei Ebbe zieht es sich ein paar dutzend Meter den weißen Sandstrand zurück. Doch hörbar ist es immer gleich. Monotonie der Urzeitgeräusche in einer Welt ohne Uhrzeit. Der gelegentliche Blick aus der Hängematte hat die Sternbilder weiterrücken lassen. Umdrehen geht nicht. So räkele ich mich neu  zurecht und schlafe wieder ein.

In der ersten Nacht merke ich noch nichts. Ich bin zu müde von der Anreise durch den straßenlosen Dschungel der Insel. In meiner Hängematte schlafe ich wie ein Faultier am Ast.

Doch um vier Uhr in der zweiten Nacht registriere ich das Leben im Raum. Ich blinzele aus meinem Nest. Unter meiner hängenden Bettstatt wird ein Gebetsteppich ausgerollt. Meine Gastgeber sind fromme Leute. Ganz leise erheben sie sich mitten in der Nacht und feiern ihre Andacht. Jeden Tag zu Tagesbeginn. Noch verrät kein Morgengrauen die Annäherung des neuen Tages. Ohne Licht zu machen bewegen die beiden sich ebenso lautlos wie routiniert in ihrer Hütte. Höflich knote ich meine Bettstatt ab und knie mich zu dem Fischerehepaar auf den Bohlenboden. Sie haben Seite an Seite mit ihrem Gebet begonnen. Zunächst eine stumme Verbeugung, dann fangen die beiden an zu singen. Ihr Singsang ist melodisch, mal dominiert die eine, mal schiebt sich die Stimme des anderen in den Vordergrund. Die parallele Harmonie zweier einen Wagen ziehende Pferde kommt mir in den Sinn. Sie beten in Pali, einer Sprache, die sie selbst nicht verstehen. Sie haben die Sätze auswendig gelernt. Ein abgegriffener Prospekt wird mir zugeschoben, macht auch mir die Texte zugänglich. Es sind dieselben Worte, die die buddhistischen Novizen im Kloster in Luang Prabang, Laos gesungen haben. Die Fischersleute rezitieren sie in gewissenhafter Andacht. Ihre Blicke auf ein zerknittertes Lackplakat gerichtet, von dem ein korpulenter weißer Bodhisattwa glücklich auf Sie herablächelt und sie segnet. Ja, gesegnet sind sie offenkundig, denn sie sind glücklich in ihrer einfachen Existenz.  Geerdet in ihrer Schlichtheit aber offensichtlich mit ihrer Seele dem Himmel nah.

Das Ehepaar und ich verstehen uns wortlos in der Religionsausübung. Obwohl wir keine gemeinsame Sprache haben. Ich kann nicht fragen, ob der Fischer in jungen Jahren Mönch war, ob er die Bedeutung der alten Verse aus Sri Lanka kennen gelernt hat, ob er Buddhas Weisungen gelesen hat, ob er überhaupt des Lesens kundig ist. Wir sprechen hier nur die Sprache der Herzen. Wir reden mit Händen und Füßen – und wir tauschen uns aus mit der Erfahrung von Menschen, die wir mit den Füßen auf der Erde stehen aber mit der Stirn den Himmel berühren.

Am Morgen gibt es für mich einen Nescafé  aus dem einzigen Glas im Haus auf dem nackten PVC-Boden der Hütte. Der heiße Trunk ist das ganze Frühstück. Aus diesem Glas hat das Ehepaar im Wechsel seit einer Generation getrunken. Der Fischer zelebriert das Getränk und bedeutet mir, dass er sich selbst so etwas noch nie gegönnt habe. Ich verhehle nicht, dass mich der Kaffee glücklich macht. Ich taste mich freudig hinein in sein Aroma und danke dem Gastgeber. Nach dieser – zweiten – Zeremonie, der für Körper und Lebensgeister, reicht er mir ein Leporello. Es enthält eine Lebensgeschichte in zwölf Bildern: die von Jesus aus Nazareth. Vielleicht eine Missionsschrift, vielleicht ein Katechismushilfsmittel für Kinder. Jedenfalls hat das Heftchen einen erstaunlichen Weg hinter sich und hier auf der Kommode, dem einzigen Möbel in dieser Hütte seinen Stammplatz am Ende der Welt gefunden. Es gehört zu den wenigen Schriftstücken, die die Fischer ihr eigen nennen. Der Karton mit den Gebeten auf Pali, die Broschüre über den Lebens- und Leidensweg Jesu. Sie liegen tags über aufeinander vor dem Poster mit dem marmornen Bodhisattwa und seinem Babylächeln. Jesus und Buddha vereint am Ende der Welt. Sie sind sich einig. Wie das Fischerehepaar. Hier am Ende der Welt wird ein Anfang wahr. So wie es von Anfang an war: im Einklang mit der göttlichen Urschwingung. Und den Takt gibt das Meerrauschen.

 

Kirche steht Kopf

1. April 2013

Andacht zum Thema

Kirche auf den Kopf gestellt

 

Vor der Wahl des neuen Papstes hatte ich einen Tagtraum. Mir träumte, dass eine der ersten Amtshandlungen des neuen Mannes an der Spitze der katholischen Kirche eine Anzeige von ihm bei ebay sein werde. Ich visionierte, der Papst würde sein Papamobil bei ebay zum Verkauf einstellen.

Nun ist er da, der neue Papst vom Ende der Welt. Und er hat in seinen beiden ersten Amtswochen schon einiges von der alten Ordnung durcheinander gewirbelt.

Mehrmals sprengte der das Protokoll, lief einfach zu den Menschen und schüttelte die entgegengereckten Hände. Den Bodyguards fällt es schwer, weiterhin gute Miene zum unberechenbar gewordenen Spiel zu machen. Da geht ein Papst ins Hotel, um seinen Koffer persönlich abzuholen. Und er ruft bei der Telefonvermitt-lung an, wenn ihm eine Durchwahl fehlt.

Schon aus Buenos Aires war bekannt, dass er als Kardinal sehr volksnah war und üblicherweise die öffentlichen Ver-kehrsmittel zu nutzen pflegte.

Er wird zwar wegen seiner bescheidenen und sparsamen Art nicht Mitglied der Grünen werden und nicht tun, was Greenpeace sich wünscht. Aber die Apparatschiks am Apostolischen Stuhl wird er voraussichtlich ganz schön durcheinander bringen.

Vergangenen Sonntag brachte er seine Oma ins Gespräch, die ihn gelehrt haben soll: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Der Name Franziskus scheint tatsächlich Programm zu sein. Die barocke Amtskirche Roms wird durchweht vom Geist einer wahren Kirche für die Armen. In seiner ersten Ansprache konstatierte der neue erste Mann doch tatsächlich: „Die wahre Macht ist der Dienst“.

Vielleicht wird mein Tagtraum ja noch Wirklichkeit. Ich werde gleich Morgen die Autoseiten von ebay durchschauen.

Jedenfalls ist es anregend, wenn Dinge mal auf den Kopf gestellt werden. Wenn so der Staub von Jahrhunderten und vielleicht sogar die eine oder andere Pelzlaus herausfällt.

Gerade der Kirche steht es gut zu Gesicht, wenn wir sie sich ungewöhnlich gebärden sehen. Perspektivwechsel bringt das mit sich. Vielleicht fällt sie ja gerade so auf die Füße!

Spiritus im Sonntagswald

1. April 2013

Andacht über

die Philosophie der Spiritualität

Matthias   J e n s

 

„Wer meint, den lieben Gott sonntags vormittags im Wald finden zu können, der soll sich auch vom Oberförster beerdigen lassen“. Dieser spitzen Bemerkung einer Berliner Pfarrerin zu den Ursachen mancher leeren Kirchenbank widerspreche ich täglich.

 

Ich lebe ihr entgegengesetzt und widerlege sie aus Gewohnheit.

 

Die Morgenrunde mit dem Hund ist meine. Immer steige ich eine Wiese am Waldrand auf. Im Winter ist es noch stockfinster und die Glühwürmchen Ehrangs reihen sich glimmend im Moseltal, ich Sommer fließt schon Sonnenlicht durch die Flur. Zur Zeit beginnen die Vögel ihren Hochzeitsgesang. Ich steige höher, komme ich ins Schnaufen; und beim tiefen Einsaugen und Ausstoßen der Morgenluft erfahre ich, was Spiritualität ist. Das Subjekt jeder Spiritualität ist „Spiritus“ – der Geist, der lebendig macht. Der Beziehungsgeist. Spiritus ist das lateinische Wort für Geist. Kann auch schlicht mit Luft übersetzt werden.

Nichts als schlicht Luft ist es, die eingesogen und ausgeblasen wird. Sie stellt die Beziehung her zwischen innen und außen. Zwischen mir und der Welt. Ich nehme auf, ich gebe ab. Das ist Leben, so ist der Stoffwechsel. Der erste Atem wurde eingehaucht, beschreibt die Bibel den Moment des Lebendigwerdens. Am Ende wird das Leben ausgehaucht. Leben heißt atmen und atmen heißt leben. In der eisigen Morgenluft dieser Tage spüre ich es körperlich.

Auch der Geist hat seinen Rhythmus. Anspannung und Entspannung.

In der Kontemplation unterscheiden die Meister den Weg der Sammlung, einer Methode höchster  Konzentration, vom Weg der Entspannung, einer Methode, die versucht, gerade „nichts“ zu denken, loszulassen, alle Lichter im Kopf zu löschen.

 

Einatmen und ausatmen, so steige ich am Wald entlang, mit dem Herzen bin ich bei denen, die ich liebe. Die in der Nähe und die ganz Fernen. Und schließe sie in mein Gebet ein. Es ist der Weg des Herzens in die Welt.

 

Gleichzeitig sehe ich drei Rehe. Immer dieselben drei. Früher flohen sie vor dem Hund. Heute bleiben sie stehen. Sie grüßen noch nicht – aber sie verharren. Misstrauen und Vertrauen halten sich die Waage. Sie sind Botschafter der Außenwelt und finden den Weg hinein ins Herz.

 

Innen und außen stehen in Beziehung.  Es ist dieser Morgenäther, der die Grenzen von innen und außen überwindet. Leben heißt, in Beziehungen zu stehen. Der spiritus, der Geist Gottes wird auch Gemeingeist genannt, weil er die Grenze zwischen ich und du überwindet, weil er Beziehung stiftet und zeigt, was wir gemeinsam haben, sind und glauben. Er teilt sich mit und teilt gern.

 

Darum hat Spiritualität (nicht nur nach Dorothee Sölle) mit sozialer und Schöpfungsverantwortung zu tun. Gott ist eben auch außerhalb der Kirche zu finden. Im Slum und auch im Wald. Wegen meiner Morgenrunde, selbst der sonntäglichen, muss ich mich nicht gleich vom Oberförster beerdigen lassen.

Was heißt Sieg über den Tod?

1. April 2013

Karfreitag 2013

Predigt über Joh. 12, 24. 28a. 31-31

Amen, Amen ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein. Doch wenn es stirbt, bringt es viel Frucht … Vater, verherrliche nun Deinen Namen … Jetzt bricht das Gericht über diese Welt herein, jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden

Ein hoher Feiertag. Was feiern wir eigentlich?

Die Vorstellung der traurigen Hinrichtung eines Unschuldigen kann nicht der Grund für einen der höchsten evangelischen Feiertage sein.

Denn unschuldige Opfer kommen mit jedem Tag, jeder Tagesschau hinzu, und wir hätten Feiertage mehr als Tage im Jahr, wenn jeder erschossene Bürger, der einem Diktator widersprach, jeder gefolterte Bürgerrechtler, jedes Justizopfer in amerikanischen Todeszellen, jeder Campesino, der anlässlich seiner Vertreibung vom Ackerland aufbegehrte und gewaltsam ums Leben kam, jedes Straßenkind, das erst Opfer seiner Eltern, dann der Todesschwadronen von Buenos Aires wurde, Anlass für einen Gedenktag würde.

Jedes dieser geliebten Gotteskinder macht Gott leiden. Jedem widerfährt Unrecht.

 

Nein, wir feiern Karfreitag nicht vor dem Szenario der Schädelstätten, Galgenberge, der durchsiebten Hinterhofmauern oder der blutbeschmierten Folterkeller. Sondern wir feiern ihn unter einem neu entdeckten Himmel. Denn dieses eine geliebte Gotteskind hat durch sein Verständnis von Vergebung einen neuen Umgang mit den Folterknechten und Henkern gelehrt, hat durch seine Sicht aufs Leben den Geschenkcharakter betont und hat durch seine Sicht auf den Himmel und seine Vaterliebe einen neuen Umgang mit dem Tod eröffnet.

Sein Verhalten hat ihn aus der Opferrolle geholt und zum Herrn über den Tod gemacht.

Wir feiern, dass Jesus uns zum Leben befreit hat, weil er es vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Diese Umkehr der Werte hat schon seine Zeitgenossen gespalten: in begeisterte Jünger hier und in verbissene Verfolger dort, in Nachfolger und Verfolger.

Provoziert fühlten sich die Vertreter von Glaubensinstitutionen, denen er die Machtinstrumente genommen hat durch seine Unmittelbarkeit der Gottessohnschaft. Die Krücken von Moral und Macht hatte er ihnen weggeschlagen. Und so führte sein Weg unter diese Knüppel der Macht und er musste beweisen, dass er es ernst meinte. Und er bewies es. Das feiern wir.

Den Tätern hat er vergeben;

Leben nicht als eigene Leistung und vor allem nicht als Besitz gesehen

und der Angst vor dem Tod hat er nicht nachgegeben.

 

Er ist nicht eingeknickt. Hat gelebt, dass es eine Wahrheit gibt, die Wort hält in Ewigkeit – und so hat er dem Tod das letzte Wort zu haben genommen.

Unserer kreatürlichen Angst vor dem Tod müssen wir seitdem nicht mehr gehorchen, sondern dürfen uns in einer mächtigeren Macht bergen. So (!) hat Jesus den Namen des Vaters verherrlicht.

 

Dem Tod das letzte Wort nehmen. Wie ist das zu verstehen wo er doch in eines jeden Leben von uns die letzte Strophe spielt?

 

Es geht beim ganzen Ostergeschehen nicht um eine Aufhebung der körperlichen Sterblichkeit, sondern es geht um die Überwindung der Angst vor dem Tod und auch der katastrophalen Folgen dieser Angst!

Denn was passiert nicht alles Böses in Folge der Unterordnung unter diese Angst. Für ein paar Atemstöße mehr verraten Menschen ihre Freunde. Das vermeintliche Verschieben des Todes ist das Eingangstor allen Übels in die Welt. Aus diesem Grunde spricht Jesus in den Karstunden: Jetzt ist Gericht über diese Welt, jetzt wird der Führer dieser Welt hinausgeworfen!

 

Führer dieser Welt, das ist der Tod. Ein Meister der Herrschaft, denn er versteht es, alle Register zu ziehen. Er arbeitet mit dem Gefühl, macht sich die Angst dienstbar. Und er arbeitet mit dem Verstand. Seiner Logik können wir uns kaum entziehen.

Heute haben wir das vielbemühte Wort „Sachzwänge“; Luther drückte sich blumiger aus, indem er die Hure Vernunft anklagte, dem Herrn dieser Welt willfährig zu sein.

Irdische Bedingtheiten, angeblich nicht veränderbare Rahmenbedingungen, in die man sich eingezwängt sieht und die Logik dieses nicht immer so leichten Mädchens Vernunft nehmen die bösen Konsequenzen unseres Tuns oder Lassens billigend in Kauf.

 

Der Erhalt von Arbeitsplätzen wird ins Feld geführt, wenn die Kritik an deutschen Rüstungsexporten laut wird. Wohlstands- und Arbeitsplatzargumente haben eine eigentümliche Panzerung. Ihre Logik versteht offensichtlich jeder. Ihr ordnet  sich sogar die Scham der Deutschen darüber unter, drittgrößter Waffenexporteur der Erde zu sein. Der Tod ist wieder ein Meister aus Deutschland.

Der Wandel des Verteidigungsgedankens hat schleichend eingesetzt und über Nacht ist aus dem Bürger in Uniform ein Berufssoldat geworden, der die Freiheit von Deutschland in Afghanistan und Mali verteidigt. Wurde in den fünfziger Jahren die Wiederbewaffnung Deutschlands nur angesichts der Unerlöstheit dieser Welt und nur unter der Bedingung, eine reine Verteidigungsarmee aufzubauen, geduldet, so haben wieder die sogenannten Sachzwänge der Weiterrüstung den Rücken gestärkt: Bündnistreue ist an erster Stelle zu nennen. Der Blick aufs liebe Geld und dessen Logik hat der Wehrpflicht den Garaus gemacht. Jetzt hast Du unterschrieben, und kein Heer von Müttern steht mehr auf und sagt „nein“ zum Kriegseinsatz ihrer Kinder am Hindukusch und in der Sahelzone. Die Debatte um den Kauf und Einsatz von Kampfdrohnen orchestrierte vor kurzem den jüngsten Satz deutscher Marschmusik.

 

Gewalt und ihre Androhung klingen eben logischer als die philosophischen Erkenntnisse eines Sokrates, der sagte: Gewalt erleiden ist besser als Gewalt ausüben. Vierhundert Jahre später reimte auf ihn der Mann aus Nazareth: Unrecht erleiden ist besser als Unrecht tun, bzw. wörtlich: und wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die linke hin.

 

Konsequent verblüffend anders, unerwartet, nicht den gewohnten Mustern unserer Argumentation entsprechend lehrte und lebte – und starb er.

 

Der Tod hat nicht das letzte Wort für ihn. Dessen ernüchternder Logik beugt er seine Wahrheit nicht. Er scheut Präzedenzfälle nicht und wendet sich dem Einzelnen zu. Bringt sich ganz ein. Und nun kann sogar die Angst vor dem Selbstverlust nicht seiner Selbstlosigkeit in die Parade fahren.

Heute wird der Herr dieser Welt hinausgeworfen, triumphiert der körperlich schon fast Inhaftierte. Die Freiheit seiner Seele feiern wir darum bis heute. Sie hat ihn in Wahrhaftigkeit leben lassen.

Sein Leben lang hat er gegen die Angst gekämpft, die uns Menschen bis hinein in die Körper krank macht, sie blind, verkrüppelt und gelähmt zurück lässt, gefesselt an die Habe, dem Zwang unterlegen, haben und behalten zu wollen.

Angefangen von der Hochzeit zu Kanaa bis zur Auferweckung des Lazarus ließ Jesus alle Wunder geschehen, damit gegen die Macht des Todes sich das Leben durchsetzt.

Das kann nur, wer an einen lebendigen Gott glaubt. Einem, dem unerwartete Wendungen gelingen, der lebendig macht, was tot ist. Amen

 

Auferstehungsberichte wollen von existentieller nicht von naturwissenschaftlicher Erfahrung erzählen

1. April 2013

Ostersonntag 2013

über Mk 16, 9 – 14

 

gehalten am  31. März 2013                     in: Gusterath (kurze freie Fassung)

und Grünhaus

Lieder:           103

560                                        Lesung: Lk 9, 24.25.

100                                        2. Kor. 4, 6 – 15

116                                        oder: 1. Kor. 15, 54.55.

107

 

Nach seiner Auferstehung in der Morgenfrühe des ersten Wochentages ist er zuerst Maria aus Magdala erschienen, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Sie ging hin und meldete es seinen Gefährten, die noch um ihn trauerten und seinen Tod beweinten. Als sie hörten, er sei noch am Leben und sei von ihnen gesehen worden, wollten sie es nicht glauben. Danach zeigte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen, die unterwegs waren, um aufs Land zu gehen. Sie kehrten zurück und meldeten es den übrigen. Aber auch ihnen glaubten sie nicht. Später zeigte er sich den Elfen selbst als sie beim Mahl waren…

 

Am heutigen Ostersonntag freuen wir uns über den Sieg des Lebens über den Tod. Das ist eine gute Überschrift über diesem Festtag.

Schnell sind wir mit einer Erklärung des Hintergrunds bei der Hand, die vom Durchbruch des Lebens aus kalter saftloser Winterstarre hinüber in treibendes grün spricht. Doch vergessen wir darüber, dass es beim Bemühen solcher Bilder zur Erklärung von Ostern nur um Vergleiche im Sinne eines „so wie“ handelt, landen wir schnell im Sog von Naturreligion.

 

Bei Auferstehung und den Berichten über sie will es nicht um die Beschreibung eines Naturphänomens gehen. Auferstehung ist eine existentiell berührende Erfahrung oder sie ist nicht.

 

Die großen Antagonisten unserer Lebenssteuerung sind Angst und Vertrauen. Angst oder Vertrauen, das ist im Leben die Frage.

Wer angstgesteuert lebt und entscheidet, verliert sein Leben; wer vertraut, Verletzungen in Kauf nimmt, sie bearbeitet, lebt im Sinne wahren Lebens, empfindet intensiv, liebt intensiv, lebt intensiv.

 

Ich möchte unseren Focus auf den ersten Satz des Predigttextes richten: „Nach seiner Auferstehung in der Morgenstunde des ersten Wochentages ist er zuerst Maria Magdalena erschienen, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.“

Immer wieder lehren uns die biblischen Texte, dass auch scheinbar nebensächlich eingestreute Satzteile eine grundsätzliche Botschaft mittragen. Lassen Sie uns also nicht übersehen, sondern fragen, warum Maria Magdalena hier als die Frau näher beschrieben wird, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hat.

Weil die Entdeckung von Auferstehung untrennbar mit dieser Geschichte verbunden ist. Denn sie soll nicht die Frau aus Magdala näher beschreiben. Dazu reicht der Zusatz „aus Magdala“ bereits.

Die Entdeckung, dass der Hingerichtete in Wahrheit nicht tot sei erklärt sich statt dessen aus der Vorgeschichte von Maria, aus ihrer Geschichte mit Jesus. Die Erfahrung von Auferstehung ist existentiell.

Maria mit ihrer Vorgeschichte und Menschen wie Maria können entdecken, was Auferstehung heißen kann. Und dass Auferstehung mehr ist, bzw. etwas anderes ist als der Sieg eines Frühlingsmorgens über die Winterstarre, mehr als ein astronomisches Geschehen, das sich jährlich wiederholt.

Die Erfahrung von Auferstehung ist nämlich meist verbunden mit der erlebten Zuwendung eines anderen Menschen und immer mit der Erfahrung des lebendigen Gottes. Und dieser zugewandte liebevolle Mensch hat etwas in Bewegung gebracht, hat etwas ausgelöst, hat mich zu einer Entwicklung befähigt, zu der ich ohne ihn in meinem Leben nicht gelangt wäre.  Die Erfahrung von Auferstehung ist an die erfahrene Liebe eines Du gebunden, das mich hat entwickeln helfen und diese Entwicklung ist lebendig und bleibt, unabhängig vom Leben oder Sterben des Gebers.

Wenn Menschen in vertrauensvollen Beziehungen leben, dann verändern sie einander.

Von sieben bösen Geistern befreit worden zu sein, bedeutet, dass sich Ängste aufgelöst haben, die zuvor Leben gehemmt und gehindert hatten;

dass Aber-Geister – also Stimmen aus unserer Entwicklung seit Kindertagen und Meinungen aus unserer gegenwärtigen Mitwelt, aus Umwelt und Überich, die mit ihrem Aber-Sagen, mit ihren Einwürfen und Widerständen unsere Selbstwerdung bremsen und verhindern, dass diese Lebenshemmer zum Schweigen gebracht worden sind; bedeutet, dass gegen alle Verkrümmungen, Hemmungen, Schädigungen dieser neugewordene Mensch die Fülle seines Lebens be- und ergriffen hat.

Im Falle von Maria aus Magdala hat offensichtlich Jesus das Entscheidende getan, um sie befreit und lebensfähig zu machen. Er hat es aus ihr herausgeliebt. Wie, das wird nirgendwo in der Bibel erzählt. Das eröffnet Raum für Spekulationen.

Wir dürfen aber unterstellen, dass Jesu Vertrauen in sie, seine insistierende Zuwendung, seine Liebe dieser Frau geholfen hat.

Die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast sagt: was ein anderer aus uns herausgeliebt hat, das bleibt lebendig, auch wenn dieser andere körperlich stirbt. Sie verbindet mit dem Wort „herausgeliebt“ die Vorgänge herausgelockt und geliebt miteinander.

Maria Magdalena erkennt nach dem schrecklichen Tod ihres Gegenübers auf der Folter, dass das, was dieser in ihr ausgelöst und auf den Weg gebracht hat, lebendig geblieben ist. Der, der mich ins Leben gezogen hat, ist nicht tot! Er wirkt weiterhin in mir, ist lebendig.

 

Dieses existentielle Erleben ist etwas anderes als die bloße Erinnerung an einen verstorbenen Menschen. Wenn nur die bliebe, dann stürben die Verstorbenen endgültig, wenn der letzte stürbe, der sich an sie erinnerte.

 

Immer sind solcherlei Erfahrungen von Auferstehung, wie sie Maria Magdalene existentiell hat machen dürfen, Erfahrungen erlangter Freiheit, Erfahrungen erlangter Kompetenz zum Leben. Aus ehemaliger Gefangenschaft, sei sie in Ländern der Knechtschaft gesammelt, oder sei sie eine innere, wird die Erfahrung von Befreiung, von Auszug, von Rettung. Wird die von Einzug ins gelobte Land, in Gegenden oder Umstände, in denen wahres Leben möglich ist.

Gottes Wegweisungen in die Freiheit und Auferstehung reimen sich hier. Beide kommen uns jeweils wie ein Wunder vor.

Am Morgen nach Jesu Ermordung, im Moment tiefster Traurigkeit stößt dieses Erleben, diese Erkenntnis nicht mehr zu nehmender Freiheit, neuen Lebens durch Jesus in ihre Welt, ihr Erleben, Denken und Erfahren. Ihr Leben und ihre Entwicklung zum Guten ist ihr Beweis seiner bleibenden Lebendigkeit. Gegen die schreckliche Zeugenschaft der Hinrichtung erlebt und bezeugt sie Jesu Sieg über die Mächte des Todes, steht sie für neues Leben schenkende, verändernde Macht der Liebe. Andere folgen und bis heute bekennen wir Jesus als in diesem Sinne lebendig. Mitten unter uns ist er gegenwärtig. Amen

Konfuzius, Kommunismus, Kirchen

17. Februar 2013

Konfuzius, Kommunismus und Kirchen
Zum Wachstum des Glaubens in der modernen PRC

In Paris, London, New York, Florenz, Prag oder Rom, wo immer man heute hin reist, trifft man auf eine erstaunlich große Zahl von Touristen aus China. Chinesen haben die blauen Maoarbeitsjacken abgelegt, ihre Fahrräder lassen sie im Keller. In China tragen sie Anzüge und fahren gern deutsche Autos. Als Gäste in Europa sind sie erst auf den zweiten Blick in ihren Markenklamotten von Koreanern, Japanern oder Vietnamesen zu unterscheiden. Im Zweifelsfall handelt es sich bei der Begegnung mit einem Asiaten inzwischen um einen Chinesen. Denn jeder sechste Mensch auf Erden ist ein Chinese. Und das Volk de 1,35 Milliarden wächst weiter. China boomt. Im Land der Mitte gibt es in Folge des wachsenden Wohlstands immer mehr Wohlhabende, die das Reisen entdeckt haben. Die gesamte chinesische Gesellschaft ist im Umbruch. An allen Ecken und Kanten wird gebaut. Die in wenigen Jahren hochgezogenen Städte wetteifern in ihrer Skyline mit New York und Singapur, selbst in der tiefsten Provinz werden Straßen geteert und neue vielstöckige Häuser errichtet.
Aber sagt der Wirtschaftsboom auch etwas über politische Weiterentwicklung, über zunehmende Liberalität und Toleranz in Meinungsfragen und gar über Religionsfreiheit aus? Blüht auf dem Bauland eines Manchesterkapitalismus der Wildwuchs neuen Glaubens oder ist alles ganz anders im Land der Seide?

15 Millionen Protestanten sind nach offizieller Zählung in China registriert. Doch die wachsenden Gemeinden misstrauen dem Staat. Zu oft kam schon die Polizei und gebärdete sich sperrig, verhaftete gar Gemeindeglieder. Kirchen, auf Privatgrund errichtet, wurden einfach mit dem Bulldozer abgerissen. Die Gemeinden sind vorsichtig. Folglich ist die Zahl der nichtregistrierten Protestanten viel höher anzusetzten. Schätzungen gehen von 60 Millionen aus. China steht mit seiner absoluten Zahl an Evangelischen eindeutig an zweiter Stelle in der Weltstatistik, direkt nach den 51% Protestanten, die die Mehrheit der 280 Millionen US-Bürger ausmacht. Im Land der Mitte allerdings ist der protestantisch-christliche Anteil an der Bevölkerung noch in einem Bereich, der die Fünf-Prozent-Hürde nicht schaffen würde. Im 1,35 Milliardenvolk gehören sie zu einer Minderheit. Auch sind die Gemeinden nicht vernetzt. Es gibt zwar einen „evangelischen Christenrat“ und auch die evangelische Kirche muss eine „Patriotische Vereinigung“ benutzen, wie alle anderen offiziellen Glaubensgemeinschaften (Daoisten, Katholiken, Buddhisten und Muslime), doch sind die meisten Gemeinden in Hauskirchen relativ eigenständig organisiert. So ist es schwer, die einzelne Gemeinde von der missionierender Evangelikaler zu unterscheiden, denn diese arbeiten überall im Land, gründen Gemeinden, und umgekehrt missionieren die katholischen wie die evangelischen Geistlichen selbst, betreiben aktiv Gemeindeaufbau. Eine Million Menschen Zuwachs verzeichnen die Protestanten jedes Jahr.

Offensichtlich hat christliche Kirche etwas anzubieten in einer Gesellschaft, die immer mehr materielle Versorgung sicher stellt, dies aber zu einem fragwürdigen Preis. Der gesellschaftlich-ökonomische Wandel hat die alten Werte in Frage gestellt, krasse Schichtenunterschiede aufgeworfen, zwischen arm und reich einen Graben aufgerissen. Evangelische Gemeinden gelten (wie katholische) unter den einzelkämpferischen Chinesen als sozial orientiert und sie bieten Zusammenhalt und Solidarität. Gerade Arme fühlen sich von der Botschaft und den konkreten Gemeindeangeboten angesprochen. Ob sich einmal mehr wiederholt, was schon unter Kaiser Konstantin das Tolerieren des christlichen Glaubens nahegelegt hat, dass Christen nämlich zu einer unübersehbaren Minderheit wurden, die das Staatswesen im Guten wesentlich mittrugen? Möglich ist das, denn die staatssteuernde KP ist selbst zu einer diversifizierten Größe geworden, in der viele gesellschaftlichen Kräfte repräsentiert sind. Das gilt wirtschaftlich wie sozialethisch oder gar religiös. Trotzdem bleibt vielleicht auch heute noch ein Rest des Ressentiments gegenüber jeglichem Wachstum von kirchlichen Gruppen, denn die Schrecken, die der Zulauf der Falung-Gong-Bewegung verursacht hatte, sitzen etlichen KP-Funktionären noch in den Knochen. Li Hongzhi hatte mit seiner Mischung aus indisch-asiatischer Religion und Science-Fiction binnen weniger Jahre Millionen von Altkommunisten auf einen Gegenkurs zur Parteilinie gebracht. Die Gewalt und das Unrecht, die mit der Niederschlagung dieser Bewegung einhergingen sitzt umgekehrt den Kritikern des Regimes noch in den Knochen.

Kritische Beobachter vergessen auch nicht, mit welcher Gewalt der Aufstand der Tibeter niedergeschlagen wurde. Die KP vergaß alle rechtsstaatlichen Ambitionen als ihre bewaffnete Polizei Hausdurchsuchungen und Verhaftungen durchführte. Dies war erst 2008.
Andererseits ist es realistisch, darauf zu hoffen, dass es für die Tibeter zwar keine politische aber doch eine religiöse Eigenständigkeit gibt. Dies mag als Maßstab für den Umgang mit anderen Glaubensrichtungen, wie eben dem Christentum dienen. Die Zukunft der Tibeter wird als ethnisch und religiös eigenständige Größe innerhalb der Grenze „Rot“Chinas liegen. Mit autonomen Regionen hat die Zentralregierung in Peking vielfältige und überwiegend gute Erfahrungen gesammelt. Yi-people sind in Yunnan beispielsweise mit einem Sonderstatus ausgestattet. Sie sind vom Einkindgebot ausgenommen. Eine kluge Entscheidung, die sie gegenüber der Mehrheit der Han-Chinesen aufwertet. Genauso könnte es auch in Tibet funktionieren. Allerdings nicht als selbstständiger Staat, der sich von China trennt, sondern als anerkannte ethnische Minderheit, die auch religiös einen erweiterten Spielraum eingeräumt bekommt. Im Idealfall könnte der Dalai Lama aus dem Exil in Darsalam zurückkehren in den Potala-Palast in Lhasa.

Viel schwerer dagegen ist vorherzusagen, wie es mit den christlichen Kirchen in der Volksrepublik voran gehen könnte. Im Augenblick sind die christlichen Denominationen als feste Größen noch kaum einzuordnen. Es gibt noch nicht einmal ein chinesisches Wort für katholische und evangelische Kirchen gemeinsam. Die protestantische Kirche wird Jiidu Jiao JingShen (Kirche im christlichen Geist) genannt und beide Kirchen als je eigene Religion verstanden. Katholische Kirche dagegen heißt Tian Zhu Jiao (Kirche Gottes im Himmel).

Auf den ersten Blick sind christliches Gedankengut und die traditionellen Werte des Ostens nicht kompatibel. Die christliche Vorstellung von einem gnädigen Vater reimt sich nicht auf das strenge Vaterbild der konfuzianischen Lehre. In der kommt es auf Hierarchie und Gehorsam an. Aber die alten Götter wanken. Insbesondere hat die kommunistische Ideologie ihre sinnstiftende Funktion eingebüßt und wesentlich an Kraft verloren. „Zukunftsglaube“ könnte man das nennen, was augenblicklich eine große Rolle spielt. 76% der Chinesen glauben, dass ihre Welt binnen fünf Jahren eine bessere sei (vgl. Georg Blume, China ist kein Reich des Bösen – trotz Tibet muss Berlin auf Peking setzen, S. 17). Und die wirtschaftliche Entwicklung mit ihrer Verbesserung der humanitären Situation gibt ihnen recht.
Gleichzeitig öffnet aber das Interesse am wirtschaftlichen Erfolg des Westens dem Chinesen auch den Blick für die westlichen Werte und deren religiöse Fundamente. Chinesen sehen protestantische Arbeitsethik, Selbstdiszipin und religiöse Nüchternheit mit Interesse.

So ist es kein Wunder, dass die protestantische Kirche in der PRC am Zongjiao re, am „Religionsfieber“ unverkennbar Anteil hat. Große Kirchgebäude entstanden nach 1994, größer als wir es uns hier träumen lassen, zweitürmig und nach neogotischem Vorbild sind sie gestaltet und innen in blendendster, um nicht zu sagen kitschigster Neoromantik ausgestaltet. Süßliche Bilder zeigen einen wunderwirkenden Jesus. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten (de gustibus non est disputandum) und schon der Besuch eines Chinarestaurants Deutschland legt offen, wie man sich in China Dekoration würdiger Räume vorstellt…. Parallel bestehen alte islamische Gemeinden und führen auch ein wahrnehmbares Leben. In Kunming wird der Tagesablauf vom Ruf des Muezzin (auch mit weiblicher Stimme!) fünf mal am Tag unterbrochen.
Und man besinnt sich der alten Tempel. Mit öffentlichen Mitteln werden zerstörte Klöster wieder

aufgebaut, Tempelgärten restauriert. In den berühmtesten Anlagen laufen die Zementmischer und die Restauratoren schnitzen emsig am goldbelegten Gebälk.

Wie reimt sich das alles auf die Doktrin? Öffnet sich das Land hinter der chinesischen Mauer tatsächlich oder hat die scheinbar neue Liberalität einen anderen Grund?

Karl Marx hatte formuliert, dass Religion Opium fürs Volk sei. Ist diese Wahrheit der Kommunistischen Partei Chinas keine verstaubte Lehrmeinung mehr? Es stellt sich die
beinharte Frage zur Ironie der Geschichte: wird in der PRC ein Großexperiment zur Bestätigung dieser These durchgeführt? Wird Religion bewusst eingesetzt, um das Volk zu benebeln und beruhigen. Religion hat sich im laizistischen China aus Politik und Öffentlichkeit heraus zu halten: Religion ist offiziell nur als Privatsache erlaubt.

Wird Religionsausübung instrumentalisiert? Wird das gesellschaftskritische Ferment des christlichen Glaubens nun von den Regierenden umgekehrt in den Brotteig der Massen eingebacken und bewusst institutionalisiert?

Es ist alles ganz anders! Die Auseinandersetzung über den Sinn, die Gefahr, den Nutzen, die Chancen u.a. auch christlicher Religion und Lebensanschauung ist bereits Teil der parteipolitischen Diskussion geworden ist. Nach außen gibt sich die KP als geschlossen. Doch als Focus eines Milliardenvolkes sind auch die Gruppen repräsentiert, die nach Sinn und Erfüllung fragen. Im Reich der Mitte wurde nicht nur erfolgreich an der wirtschaftlichen Basis gearbeitet, nicht nur in weltweit einmaligem Maßstab dafür gesorgt, dass aus bitterer Armut und Existenzangst verbreiteter Wohlstand und eine gesicherte Existenz wurde, sondern es wird auch die Frage diskutiert, was dem Leben des Menschen Sinn jenseits materieller Sorgenfreiheit schenkt.

Ja, es gibt die Nachrichten über ausgewiesene Priester, es gibt die Berichte über under-cover-Arbeit, und in den Untergrund gegangener weil verfolgter Gemeinden, doch ist man in China eindeutig lernwillig, ja lernbegierig. Die Zeichen stehen auf Vielfalt. Kirche hat eine Chance weil sie gefragt ist.

Die chinesische Gesellschaft setzt nicht nur auf Konsum, auf Boom und Wirtschaftswunder. Sie fragt auch danach, was der Mensch darüber hinaus braucht, was ihn ausmacht, woran er glauben kann.

Die Freiheit von und zu

30. Dezember 2012

Von der Freiheit von und zu

bei den buddhistischen Novizen im Kloster von Luang Prabang

Fischerboote auf dem Mekong

auf dem Nachtmarkt von Luang

Pong – ein Schlag, wie gegen eine Tür, die nur noch in einer Angel hängt. Ich stemme meine müden Augenlider auf. Noch einer. Ihre Folge steigert sich in den nächsten Minuten über ein rhythmisches Stakkato zum vibrierenden Schlusswirbel. Es ist die Trommel des benachbarten Klosters, untergebracht mit seinem LKWreifengroßen Durchmesser in einem eigenen Häuschen, frei aufgehängt zwischen geschnitztem Gebälk und behütet vor tropischen Güssen von einem schmuckvollen Schindeldach. Im ehemaligen Indochina

Tempeltrommel im Wat Sene

ist die Tempeltrommel das, was im arabischem Raum dem Lautsprecher des Muezzins und bei uns der Kirchenglocke entspricht. Im Revierbehauptungskikerikie der Trommler-Hähne antwortet aus dem Palmendunkel unter dem Sternenhimmel eine zweite Trommel, dann stimmt ein drittes Riesentamburin mit seinen Pongs aus der Ferne mit ein. Jeder der trommelschlagenden Mönche hat seine eigene Handschrift, seinen Stil, die Klostertrommel zu schlagen. Sie lädt zum Morgengebet ein. Mich, der ich vis à vis des Wat Khi Li logiere ins benachbarte Wat Sop.
Die tatsächlichen Hähne zwischen den Höfen der Holzhäuser und in den Klostergärten schlafen noch. Es ist früh. Kurz vor vier.
Ich lebe mit den Mönchen in Luang Prabang. Will an ihrem Leben teilhaben. Will hier in Laos inmitten der gelebten Dreifaltigkeit von Marx, Marktwirtschaft und Mantras mehr von der Lebenswirklichkeit des Buddhisten verstehen. Dafür ist Luang Prabang ein guter Ort. Denn hier gab es ehemals 50 Klöster, jetzt sind es immerhin noch gut 30 Wats in einer Stadt von gerade mal 40.000 Einwohnern. Nach einem letzten schnellen Bestaunen der Myriaden von Sternenbrillianten, die auf das Samtblau des nächtlichen Firmaments genäht sind, schlage ich die Decke zur Seite, erhebe mich und fahre in die lange Leinenhose, das blumige Kurzarmhemd und die Flipflops. Beim Tempel bin ich der erste. Seine restaurierten Mosaiken, bzw. deren Goldteilchen glimmern verwunschen im Licht des aufgehenden Mondes. Ein Mönch naht und öffnet beide Türflügel der Tempeltür, entzündet erste Kerzen. Hinter der zentralen Buddhastatue flammt eine Lampe auf und schenkt dem Heiligen einen sichtbaren Halo. Die Kerzen vor ihm sind ebenfalls elektrisch und geben der ganzen goldsilbernen Dekoration einen eindeutigen touch von x-mas-Kitsch. Einen Moment ist es noch still auf dem Hof der Klosteranlage und ich habe die Szenerie für mich. Neben dem Trommelhaus konturiert jetzt ein weiteres Dach gegen den ersten Lichtstreif violettroten Tageslichts über den Palmen. Es ist das Bootshaus, das zwei Langbooten ein Dach bietet. Die anderen Klostergebäude hält noch der Nachtschatten unter seinem Mantel gefangen.
Die Tür vom Dormitorium der Novizen wird aufgestoßen und heraus fällt ein Bündel Neonlichtes, schlängelt sich blitzschnell die drei groben Holzstufen des auf Stelzen stehenden Novizenhauses herunter und patrouilliert über den erdigen Hof, überfällt die wenigen Teakblätter, die über Nacht zu Boden gesunken sind und versickert zwischen den geheimnisvollen Palmen des Klostergartens am Ufer des Mekong wie ein Trupp Vietcongs im Dschungel.
Bounlang ist der erste der Novizen, der heraus tritt. Er nestelt noch an seinem Überwurf und rückt ihn zurecht, damit im Tempel auch ja beide Schultern bedeckt sind. Tappend folgen die anderen Novizen die drei Stufen hinunter, einer hinter dem anderen. Sie schweigen noch ob der frühen Stunde. Aber gleich werden sie singen, der Bass neben dem Knabensopran und all die pubertären Zwischentöne können der Selbstverständlichkeit des Rituals nichts anhaben. Ohne Scheu und Zaudern wird es abgeleistet. Von Instrumenten wird der Gesang nicht begleitet und so wird der eigene Körper zum Resonanzboden all der männlichen Stimmen und entfaltet seine spirituelle Wirkung. Sie folgen dem Vorsänger und Mönche und Novizen singen auf Pali. Das ist die alte Sprache Sri Lankas. Die

Bounlang im Wat Khi Li

Mönchsmissionare hatten sie im 15. Jahrhundert auf ihrem Weg von Indien nach China mitgebracht und das Implantat einer vergangenen Sprache mitten zwischen den laotischen Dialekten der Lao Theung, der Lao Loum, der Bo und Hmong hat sie am Mekong zur heiligen werden lassen. Auf Pali sind auch die Texte geschrieben, die das Kloster bewahrt. Pali ist die Sprache der Anweisungen Gautama Buddhas und der erklingenden Psalmodien, des Sprechgesangs, der des großen Meisters Lehren rezitiert. Während des Tagesunterrichts werden die Novizen diese Sprache erlernen und mehr und mehr von dem verstehen, was sie hier singen. Für mich, der ich mich mit sorgsam vom Buddha abgewandten nackten Fußsohlen (die Schuhe habe ich vor der Schwelle ausgezogen) in der Nähe des Türflügels auf dem Boden niedergelassen habe, klingt es noch nach den skandierten Kindergartenliedern meiner Kindheit. Sinn wird erst noch entstehen, wieder und wieder reflektiert und neu entdeckt werden. „Ich will ein Geistlicher werden“, hat Bounlang mir erklärt „und den Menschen helfen richtig zu leben“. Seine Eltern sind arm und schicken ihn auf die Klosterschule, weil eine andere Schulbildung für sie nicht erschwinglich wäre. „Auch in Laos sind bereits viele Menschen entfremdet und wissen nicht mehr, wie sie eigentlich leben sollen“, sagt der Novize. Sie seien den Einflüsterungen einer Reklame- und Geldwelt erlegen. „Wir lernen hier, uns selbst zu finden und aus unserer Mitte heraus zu leben“. Es geht um das richtige Verhalten. Es geht um das Verhältnis zu den anderen und zu Besitz. Die Novizen müssen     zunächst nur zehn Regeln beherzigen. Für die Mönche werden es 227 sein. Dazu wird gehören, nicht zu verurteilen, ja noch nicht einmal zu bewerten. Am Rande des morgendlichen Bettelgangs (Pindabat) gibt es von Gläubigen selbstgekochte Speisen und es gibt die für Touristen zum Kauf für die Mönche gemachte, oft minderwertige Mönchsspeisung und es gibt die frische aus dem Restaurant. „Du musst nehmen, was kommt und du sollst nicht sagen, dies mag ich gern, dies schätze ich nicht, und schon gar nicht sollst du um etwas bestimmtes bitten“, erklärt mir Bounlang diese Regel, die die Jungmönche Bescheidenheit lehren soll. „Buddhismus ist die Religion der Freiheit von“, doziert er. „Die Freiheit zu mag das Christentum stark gemacht haben, wir halten es mit der Freiheit von. Es ist die Freiheit von Schmerz, von Elend und letztlich von Wiedergeburt. Es sind die Begierden, das Haben-, Machen-, Ichseinwollen, die uns in falscher Weise an dieses Leben binden. Wie wir des morgens die Lebensmittel geschenkt bekommen, so erhalten wir in Wahrheit unser ganzes Leben geschenkt“. Mir fällt das Jesuswort in der Bergpredigt vom „ richtigen und falschen Sorgen“ ein, „drum fragt nicht, was sollen wir anziehen, was werden wir zu essen haben …“
Der Almosengang selbst ist eine Attraktion. Mehr als dreihundert Mönche machen sich im Morgengrauen auf den Weg von ihrem Kloster und folgen tagtäglich derselben Route über die Bürgersteige der Stadt. Das hat sich herumgesprochen. So sind die Gehwege in dieser UNESCO-Weltkulturerbestadt denn nicht mehr nur von knienden Frommen gesäumt, die vielfach sogar selbst für die Gottesmänner Klebreis und Gemüse gekocht, Bambus gebacken und Früchte und Wasser (und Chips) mitgebracht haben, sondern auch von einer Menge Schaulustiger, die sich in anderer Weise gerüstet haben; sie sind bewaffnet mit schwerem Gerät aus dem Hause Canon oder Nikon, sie schießen aus allen Rohren, Serienbildaufnahmen tackern wie Maschinengewehrfeuer. An der Wand, da stehen die

Mönche, laufen wie Freiwild barfuß an ihr entlang, nur mit ihren Bettelschalen bewehrt. Sie laufen hintereinander vor der Kulisse von Palastmauern und den dekorativ glasierten Schindeln ihrer Tempeldächer. Das erste Morgenlicht verfängt sich im orange ihrer Gewänder. Der Bettelgang wird zum Schaulaufen. Die spirituelle Übung verkommt zum Spektakel – die Mönche fühlen sich begafft und in ihrer Anstrengung zur Bescheidenheit bis an die Belastungsgrenze angesichts all der Zuschauer herausgefordert. Noch sind die Geistlichen zahlreicher als die angereisten Laien, die Amerikaner und Europäer, was aber wird sein, wenn auch die Chinesen noch kommen, wenn es mehr werden, die diese verzaubernde Insel inmitten des bevölkerungsreichen Asien entdecken, wenn die Belagerung noch erdrückender wird?
Gerne nehmen die Klosterbewohner die von den im Spalier knienden frommen Buddhisten dargereichten Gaben entgegen. Sie tun es ohne Dank. Denn geben sie nicht umgekehrt den Frommen so eine Gelegenheit, ihre Güte unter Beweis zu stellen? Für diese Übung kommen buddhistische Bürger aus Thailand im Bus angereist, obwohl sie auch in ihrer Stadt Mönche versorgen könnten. Die erkennbare Eitelkeit ist das minus in der Bilanz der gelebten Tugend. Wie sieht umgekehrt die weltlich-geistliche Bilanz aus? Sie geben physisch und erhalten von den Mönchen geistlich zurück, denn diese beten für sie. Ihr ganzes religiöses Leben setzen die Mönche für sie ein. Sie kommen zu Segnungen, führen Totengedenken durch und beten im Auftrag der Laien. Das macht religiöses Leben im Buddhismus für letztere einfach. Richtige kultische Praxis ist delegiert. Je komplizierter die religiösen Aufgaben werden, desto höher ist der Mönch aufgestiegen, der sie erfüllt.

Mönche und Novizen erhalten auch heute mehr als sie selbst für ihren bescheidenen Tagesbedarf in Anspruch nehmen möchten. Darum geben sie ab an die Armen. Meist die minderjährigen Jungen der Landbevölkerung, die hier in der Stadt eine Hilfsarbeit gefunden hat, sind es, die sich aus der Hand der Klosterbewohner Lebensmittel abgeben lassen. Sie sammeln es in Kartons und suchen auch nach dem Abschluss der Pindabat noch einmal die Wege ab, die die Prozession gegangen ist: hier ein Leib Brot auf einer Mauer, dort eine Dose Instantsuppe, etwas Reis, der Karton ist jedenfalls gefüllt als sie in ihre ärmliche Unterkunft abziehen.
An diesem Morgen darf man Laos als ein Refugium bezeichnen, noch hat die Restauration des Theravadabuddhismus eine Chance, noch gibt es eine große Nachfrage nach einem Platz als Novize, noch ist das Durchschnittsalter im Kloster keinesfalls vergreist, im Gegenteil, noch ist Laos, das Elefantenland, voller Geister, Wunder und Unberührtheiten, noch nimmt es seine Gäste mit geheimnisvoll sanftem Zauber gefangen.
Wie unter eine Glocke gestülpt kommt dem Reisenden Luang Prabang vor. Dem Gewusel von Hanoi, dem quirligen Bangkok, dem rushigen Saigon mit seinen hunderten von Verletzten und Verkehrstoten monatlich entkommen fühlt er sich zurückversetzt in das Morgenbett seiner Kindertage – heimlich hatte es in der Nacht geschneit und die Lautewelt draußen vor dem Fenster hat den Schalldämpfer aufgesetzt bekommen. Nie gekannte, geheimnisvolle Akustik nach erstem Schneefall. Schnee kennen die Tropen hier natürlich nicht. Aber es heißt, die Uhren gingen hier anders. Nein, dem ist nicht so – es ist extremer: es gibt überhaupt keine Uhren hier! Wie zum Beweis für die

Bedeutungslosigkeit der Zeit dieses magischen Ortes sind zwei Oldtimer am Straßenrand gestrandet, die Gangsterlimousine 11CV von Citroen in bordeaux und der 180er Mercedes in beige. Beide im Originalzustand und wie eben (1950, bzw. 1953) aus der Montagehalle gerollt. Die Flanken ihrer Weißbandreifen strahlen, prahlen von ihrer musealen Bewegungsarmut. Hier ist wirklich vieles anders. Die Tuktuks und Mopeds fahren Schrittgeschwindigkeit, Fahrradfahrer können mit ihnen mithalten. Und Fahrräder gibt es viele hier. Jedes Hotel und Gasthaus verleiht welche.


Wir aber machen uns zu Fuß auf, die vier befreundeten Novizen und ich. Bounlang hatte die Idee eines Ausflugs ins Umland. Das Nötigste für ein Picknick ist schnell zusammengepackt. Es verschwindet in den vier großen Taschen, die jedes Untergewand, die Antaravasaka, der Klosterjungen verborgen unter dem Überwurf (Sanghati) vorhält. Den Nam Khan überqueren wir auf einer Bambusbrücke, der wir ihre provisorische Existenz auf den ersten Blick ansehen. Aber sie hält. „Den starren Baum wird der Sturm zerbrechen, nicht aber das biegsame Bambusrohr“, gibt einer der Novizen beim Überqueren zu bedenken. Die Klosterbrüder sind in allen Verkehrsmitteln frei, auch hier zahle nur ich Brückenzoll. Das gleiche wiederholt sich an der Mündung des Nam Khan in den Mekong, wo wir eine Fähre nehmen, um an das rechte Ufer zu gelangen. Die Bootsproportionen sind nach wie vor die des Einbaums, nur hat die Größe und die Schiffsbaukunst sich verändert. Trotzdem ist die Fähre so schmal, dass die Passagiere hintereinander sitzen müssen. In ein solch schmales Boot – eine Banane erscheint dickleibig dagegen – steigt man tunlichst über Bug oder Heck ein. Als wir am anderen Ufer über die Bordwand abspringen, gerät der Kahn beträchtlich ins Schwanken, doch der Fährmann hat sein Gefährt im Griff, senkt die lange Welle in die Fluten und lässt den aufmontierten Toyotamotor aufheulen, schon schnellt er sein Boot sicher Richtung Flussmitte. Wir waten über das wadentiefe Schlammbett an Land. Doch es ist noch nicht das andere Ufer, es ist eine der fruchtbaren Schwemmlandinseln, die die Mutter aller Flüsse beschert hat. So mancher Bauer pflanzt hier im Schutz seines unvermeidlichen Strohhutes, was das Zeug, bzw. die Hand hergibt. Durch Senken und über Bambusstege arbeiten wir uns voran. Brackwasser gilt es zu überqueren. Zwei Bambusstangen nebeneinander müssen als „Brücke“ genügen. Mit barfen Füßen haben die jungen Männer zu ihrem mehr an Erfahrung auch noch den besseren grip.
Wir arbeiten uns die Böschung hinauf und oben erwartet uns ein besonderes Spektakel. Wie Vogelhäuschen auf dem Sperrmüll reihen sie sich auf: die Haustempel auf dem Haustempelfriedhof. Schließlich kann man einen heiligen Tempel ja nicht einfach wegwerfen. Hier im Urwald sind sie an dafür bestimmter Stelle abgelegt.
Durch Teakbaumplantagen mit braunen, herbstlich raschelnden Blätterteppichen, die sie mit ihren platztellergroßen Blättern legen und durch Bambuswälder hindurch und über (diesmal) gemauerte Brückchen geht es voran in immer ländlichere Gegenden. Auch hier stehen Klöster im Bambuswald. Einige sind verlassen und dem Verfall anheim gegeben. Das vorläufig letzte lassen wir hinter uns wandern über die Felder. Wasserbüffel schauen beiläufig den Passanten in ihren orangenen Kutten nach. Für beide ein gewohntes Bild. Für mich hat es etwas Malerisches, wie die Novizen inmitten der Bambushaine ihre Tücher immer wieder neu drapieren. Weitab aller Öffentlichkeit benutzen sie sie nun auch, um den Kopf vor der Sonne zu schützen, den Schweiß abzuwischen oder den Oberkörper auch mal zu entblößen. Das ist ihnen normalerweise nur bei der Arbeit auf den Beeten des Klostergartens gestattet.
Völlig frei genießen die Novizen den Ausflug. Singend ziehen sie durch den Dschungel. Wir machen Rast. Der Mittagsimbiss ist das letzte, was die Mönche am Tag zu sich nehmen dürfen. Ihren Klebreis essen sie gern, meine mitgebrachten Croissants verschmähen sie zwar nicht, aber sie bemerken, dass solche Dinge ihnen Verdauungsprobleme bereiten können.
Einige Kilometer Dschungelpfade später haben wir das Ziel der Tageswanderung erreicht: eine Zuckermühle. In Herzen eines schattigen Haines hat der Bauer seine Mühle aufgestellt. Gerade ist er mit seiner Familie dabei, die zweite Presswalze in ihr Lager zu stellen. Durch einen passenden Stein wird das Lager verstärkt. Die Walzen sind so groß wie die Ankerwinschen eines man of war zur Napoleonischen Zeit. Und sie werden auch ebenso in Bewegung gesetzt: mit langen Pallhölzern, die hier einfache Äste sind. Zwei Mann drücken die Stange und umwandern mit ihr die Mühle. Die Walzen drehen sich beide, denn ein markantes Schnitzwerk hat beider Seiten Oberfläche so gekerbt, dass die angetriebene in die andere eingreift und sie ebenfalls dreht. Wie die V-Profile eines Traktorreifens sehen die Schnitzereien aus. V greift in V und W in W und ein bewegliches Tatoo, ein Druchstock dreht sich gleich einer Zwillingsgebetsmühle und nimmt die Zuckerrohre ins Gebet, setzt die Daumenschrauben an und der milchigweiße Saft beginnt zu fließen, rinnt aus einer geschnitzten Rinne hinein in die Blechpfanne auf der Erde. Ist sie voll genug, wird sie auf dem nahe Feuer geschwenkt als gelte es Gold zu waschen. Der Saft karamellisiert. Eine köstliche Süßigkeit entsteht, die uns zum Probieren angeboten wird. Wir trinken Zuckersirup, wir naschen Karamell und lagern uns auf den Halden ausgepresster Zuckerrohre und beobachten das Spektakel. Der Zweijährige des Zuckerbauern versucht sich mit der Machete. Offensichtlich nicht zum ersten mal, denn beim Anspitzen eines Stockes legt er bereits eine gewissen Geschicklichkeit an den Tag. Der Einjährige jagt die scharrenden Hühner. Die Frauen liegen unter einem Bambusbaldachin und vespern. Eine ist mit dem Karamellisieren beschäftigt und hockt vor der offenen Feuerstelle, schiebt Ästchen nach. Im nahen Bachbett suhlt sich ein Wasserbüffel und versinkt bis über den halben Leib im Schlamm.
Erwachsene Mönche sind gekommen und helfen beim Pressen. Offensichtlich nicht ganz uneigennützig, denn der Bauer stellt noch anderes aus dem Sirup her. Davon verschwinden einige Flaschen in den Taschen unter seiner Sanghati.
Überhaupt scheint es mit der Freiheit von hier unter den Geistlichen eine verhandelbare Sache zu sein. Denn zurückgekehrt über die Stoppelfelder, durch die Dörfer mit ihren nackt spielenden Kindern, an den Herden der Wasserbüffel vorbei, zurückgekehrt in das heilige Luang Prabang ziehe ich mich in den Wat Pakkhan zurück, um den Tag Revue passieren zu lassen. Hier halten zwei Novizen Tempelwache. Und was zaubern sie aus ihren Taschen? Handys, mit denen sie moderne Musik hören, was sie eigentlich nicht sollen und auf denen sie Spiele spielen. Die Freiheit von haben sie noch nicht erreicht. Aber offensichtlich sind hier Christentum und Buddhismus Geschwister und sie haben die Freiheit zu.

Novizen halten Tempelwache im Wat Pakkhan

 

Blick auf den abendlichen Mekong

 

In eigener Sache

1. Dezember 2012

Der Autor im Jahr seines Abiturs. Mit dem 2 CV wurden schon 1974 die Blätter auf den Alleen von Südfrankreich aufgewirbelt und Reisen nach Korsika und anderen Zielen unternommen. Früh übt sich, wer improvisiert reisen will.

Bei Mutter Theresa

30. November 2012

Schon im Landeanflug auf Kolkata ist klar: diese Stadt liegt nicht auf der Sonnenseite der Erde. Natürlich tut sie dies im geographischen Sinne. Durch das offene Taxifenster werde ich später von 40° heisser Luft angeföhnt. Mir ist, als ob die pralle Sonne auf Hemd und Arm steht – doch ich sitze im Schatten. Nein, was ich aus dem Flugzeugfenster beim nächtlichen Landeanflug von der zweitgrößten Stadt Indiens sehe, ist nicht viel. Ein feines Gespinst notdürftig erleuchteter Straßen, einige Feuerstellen, Rauch über der Stadt. Mühsam bringen orangefarbene Lampen hier und da Licht auf Pisten, die nicht ins Licht gezogen werden wollen. Die Stadt schämt sich ihrer Armut.
Wir fahren vom Flughafen zum Hotel. Ich sehe schon auf dieser Strecke über 200 Menschen sprichwörtlich auf der Straße liegen. An einem Brückenaufgang hat sie die Müdigkeit niedergestreckt. Nur mit dem Tuch, das sie allein ihr eigen nennen, notdürftig im Schritt eingehüllt haben sie sich auf den tageswarmen Straßenbelag ausgestreckt. Sie liegen auf dem Gehweg wie auf einem Förderband, das zum Krematorium fährt, den Mund aufgesperrt wie die Schattenwesen, die die Bilder von den aufgefundenen KZ-Toten 1945 festgehalten haben. Verschwindende Menschen, die knochigen Arme in den Nachthimmel gespießt.
Drei Ziegenherden überholt das Taxi auf der einen Hauptschlagader Richtung Innenstadt. Die Hirten mit Stöckchen sind vielleicht 17 und hager, sie haben aber Hemd und Hose an; ihr hungriger Blick inventarisiert die Insassen im gelben Diesel, der knarzend zwischen dem ihm verbliebenen Gängen wechselt. Hunde fallen das Fahrzeug an, das sich mühsam um die Schlaglöcher und Schlafenden herum seinen Weg bahnt. Ich nehme den Arm vom Fenster ins Fahrzeug. Ich scheue diese Welt draußen, befürchte, mich an ihr anzustecken. Wir fahren wortlos. Nur hier und da weist der Fahrer mit dem Kopf in eine Richtung: besonders viele Schlafende auf der Straße, ein geländerloser Bahnüberweg aus Betonplatten hoch über den Gleisen, ein öffentlicher Brunnen, dessen Dach von den Schlafenden besonders begehrt ist.


An der Hoteltür wird geklopft. Es ist nach Mitternacht. Der Portier öffnet mit verschlafenen Augen und schiebt sofort nach mir wieder das schwere Schloss in die Halterungen, hinter dem Tresen erhebt sich der Congierge und steckt sich das Hemd in die zerknitterte Hose. Er und der Pförtner haben im Foyer geschlafen. So tun sie es jeden Tag. Dieser Arbeitsplatz ist auch ihr Wohnraum.

Der Fußboden in meinem Zimmerchen lebt. Kaum mache ich das Licht an, verschwinden die Kakerlaken unter Schränken und Bett. Das Mobilar ist speckig. Schwarz sind die Stellen, an denen sich Griffe befinden, die Zone um die makaber aus der Wand hängenden Lichtschalter ist battlezone für Bakterien und andere Kleinstlebewesen.
Indien ist ein Phänomen: ich habe weder einen Schluck getrunken noch etwas Essbares zu mir genommen – aber schon Durchfall. Mein Gepäck macht es sich auf den spakigen Möbeln bequem, ich erst auf der Klobrille (ein Sitzklo!), dann im frisch bezogenen Bett und lasse Morpheus über mich kommen, denn im chinesischen Flugzeug von Kunming her war er zu schüchtern zwischen all den arbeitenden Notebooks und auf Billigtabs laufenden Bildern.

Am nächsten Tag besuche ich die Sterbenden in der Altstadt und das Grab von Mutter Theresa. Während des Besuches eines Hindutempels wird dem wartenden Taxi die Frontscheibe eingeschlagen. Wir kommen aus dem Blut. Im Hindutempel gibt es eine Schlachtstätte. Die “Hörner des Altars”, wie es in der Bibel so oft heißt, sind nichts anderes als die Nackenhalterung für das Opfertier. Hier hinein wird der Hals gezwängt, kurz bevor man ihn aufschneidet. Vom letzten Opfertier ist noch das Blut in der drei mal drei Meter großen Abflusswanne zu sehen. Und zu riechen. Über einer Basisnote von aufdringlicher Vergänglichkeit schwebt die Herznote von süßem Blut. Süß sind auch die Träume des mageren Hundes, der mitten in der versickernden Blutlache seinen animalischen Rausch ausschläft. Später schlägt jemand mit einem Stein auf die Motorhaube des gelben Taxioldtimers, dass die spröde Farbe abplatzt und das Blech wie eine Wunde offen daliegt. Dem Fahrer macht das nichts, denn er ist nicht Besitzer sondern nur Mieter des Fahrzeugs. Aber ihm macht es nichts, weil es auch dem Eigentümer nichts ausmacht.

Indien ist in Kalkutta ein wundes, ein wunderliches und ein wunderbares Land. Zwischen Deponie und Schrottplatz, so sehen die kilometerlangen Säume der Straßen aus. Hier leben die Menschen in Behausungen, die sie sich aus Bambusgestänge, Plastikbahnen und Wellblech errichtet haben. Die Häuser waidwund, der Glanz der Kolonialtage ist lange schon abgeblattert. Wie nach dem Krieg offen gelassene Ruinen, aus den Mauerfugen und von den unbetretbaren Balkonen ragen die Bäume, die sich vor Jahren schon eingewurzelt haben, die Melodie der Fensterläden ist aus dem Takt geraten.

Wunderlich sind die Regeln, nach denen gelebt wird. Viermal stehe ich in einer falschen Schlange um eine Fahrkarte nach Darjiling an, dann werde ich zu einer anderen Verkaufsstelle in die Stadt geschickt. Hier erfahre ich, dass ich ein Problem mit dem Visum habe. Nichts möchte ich weniger, als in einem indischen Gefängnis wegen eines overstays einsitzen. Wunderbar dagegen die Menschen, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Schönheit. Unbeschreiblich nicht nur das Geschrei der Farben auf den Straßen, auch die Gerüche innerhalb weniger Meter: es riecht nach Pisse, nach Bratenduft, nach Moschus und Fäkalien, teures Parfum und Gewürze paaren sich olfaktorisch in der Smogluft der Stadt.

Ich besuche die Gegend mit den berühmtesten Hochschulen. Hier gibt es Bücherläden. Die Bücher gebraucht, in Stapeln getürmt. Der Buchhändler im Schneidersitz auf einem der Stöße, Zeitung lesend. Der Laden ist ein Verschlag von 1m x 1,20m Größe. Er unterscheidet sich vom Nachbarbuchladen durch die Farbe der dicken Holzläden, die nach Geschäftsschluss vorgeklappt werden.

Ein Tierkadaver platzt vor meinen Augen auf. Der Tod ist allgegenwärtig in dieser Stadt. Und so liegen verstorbene Rinder, überfahrene Hunde einfach auf der Straße.

Das spakige Hotel kommt mir bei der Rückkehr von meinen Streifzügen wie eine Hochburg der Sicherheit und Sauberkeit vor. Wie relativ Ansprüche und Hygiene sind, das lernt man in Indien.

 

 

 

Unterwegs in Kairo

29. November 2012

Die Stadt ist im Krieg, leistet Widerstand. Nicht nur gegen Diktatoren. Nicht nur am Midan Tahrir, dem Tahrirplatz. Überall. Denn sie wird in jeder Gasse, an jeder Ecke attackiert. Sie ist im Kampf gegen die Zeit, gegen den Zahn der Zeit. Ihren Überlebenskampf ist sie gewohnt und sie kämpft ihn mit einer Gelassenheit, die ernsthaft an einem Erfolg Zweifel aufkommen lässt. Fast venezianisch ist der morbide Charme der alten Dame, die Schminke ist verwaschen auf den Fassaden der Herrenhäuser, die Erker gleichen erschlafftem Fleisch, die gotisierten Fensterbögen haben hängende Lider bekommen, Stockwerke fehlen, die alte Dame ist invalid.

Sie ist ein Kind der Wüste und des Nils. Und die Ehe ist strittig. Beide Elternteile wollen das Kind, beide gaben ihm vom eigenen Besten und beide greifen nach dem Kind. Die Wüste stellte die Fläche zur Verfügung, auf der die Stadt gewachsen ist, die große Nilsenke, an den Rändern bewehrt mit festungsartigen Hochplateaus, hier borkenhaft dort erodiert aufragenden Schloten im Osten und der „Hoch“ebene von Gize im Westen; der Vater Nil schenkte jährlich den fruchtbaren Boden, der dreimal im Jahr Ernten heranreifen lässt und die Bewohner aus florierendem Füllholrn ernährt, und er reicht vor allem das Wasser dar, das sie trinken. Doch der Gott, den die Menschen schon vor 4000 Jahren mit Glied und Brüsten ausgestattet darstellten, griff auch in unregelmäßigen Abständen nach dem Leben seiner Kinder, überflutete das Land, ertränkte die Menschen, in einem Katastrophenjahr im 20. Jahrhundert gleich 20.000 von ihnen. So auch die Wüste, auch sie janusköpfig: sie gibt und fordert unbarmherzig zurück. Unaufhörlich wächst die Stadt wie ein Tumor weiter hinein in die Wüste. Und unaufhörlich wehrt sich diese und rennt umgekehrt gegen das außer Kontrolle geratene Kind an. Aber nicht mit massiven Verbänden, sondern mit Freischärlern, mit Partisanen. Mit Sand. Mit Staub. Mit Sand und Staub versucht die Wüste, sich die Stadt wieder zurückzuholen. Sie umgarnt sie, legt eine Glocke von Glost – mal schimmert er wie Gold, dann wieder wie Nebel – über sie, nimmt die Sicht, benebelt die Sinne, verwischt die Konturen und zeigt so, was sie will: der Stadt das Konkrete, das Konstruierte nehmen. Sie weht ihren Sand in die Straßen, auf die Dachterrassen, streut ihn auf Wege und in die Höfe. Im Windschatten der Mauern sammelt sie ihn und häuft ihn auf. Sie bläst ihn über Mensch und Vieh, hinein in die Treppenhäuser und zwischen die Zähne. Sie streut ihn gnädig über Abfall und höhnisch über die Planen, gemacht aus altem Militärmaterial oder aus Folien mit islamischen Mustern, mit denen Eigentümer ihre Autos abgedeckt haben.


An Feiertagen gewinnt die Stadt diesen Strauß. Sie verzichtet auf ihren Verkehr. Solche Selbstbeschränkung mindert den Smog. An verkehrsarmen Tagen beschenkt sich die Stadt mit neuer Klarheit. Sie gewandet sich unerwartet in Licht und Farben. Die Schirme über den Marktständen sind wieder in weiß und grün gestreift, die Turbane der Händler leuchten klar und hell, die Häuser zeigen Farbe, Bäume ergrünen, Reklametafeln werden farbenfroh und offensiv. Die blauen Kacheln der dritten blauen Moschee dieser Erde sind blau, die Halbmonde glänzen blank. Der Marmor lacht mit entblößten Zähnen. Die Inkrustationen zeigen sich in honiggelb, in grün und blecken mit dem Zahnweiß. Geputzte Fenster reflektieren in den Brunnenhäusern. Der Müll ist mit Schaufelladern brav vor jedem Freitag auf Lastwagen gebaggert worden und die Straßenränder sind gefegt. Die Vorabende der Freitage zeigen, dass es möglich ist, der Stadt ein reinliches Outfit zu verpassen, dass laissez faire und Dreck besiegt werden können.


An den anderen Tagen gewinnt die Wüste. Diese ist vereinnahmend. Gegenwehr ist weder erfolgversprechend noch existiert eine Strategie. Der Sand kriecht in die Risse der alternden Häuser, knirscht zwischen Schuhsohle und zerkratztem Marmor der ehemals stolzen Lobbies, bepudert das Laub der Alleebäume. Die Staubglocke nimmt die Sonne. Wie Asche nach einem Vulkanausbruch legt sich jeden Tag neu das Pulver auf Wände und Fensterbänke, auf Straßen und Dächer. Auf den Lamellen greiser Fensterläden sammelt es sich so hoch, dass man die ursprüngliche Farbe des Holzes nicht mehr erkennen kann, war es grün, war es aubergin? Die Busse, Tucktucks, die Taxis, die Mopeds und Motorräder, die LKWs und privaten PKWs, die zehntausende von Minibussen wirbeln den Staub auf von den Straßen und färben ihn mit ihren Abgasen eine Nuance dunkler.
So setzt er sich dann wieder ab auf den Simsen der ergrauten Kolonialbauten, den langweilig fluchtenden Fensterbänken der Bausünden der sechziger, zieht ein in die toten Fensterhöhlen der Gebäude links und rechts der Hochstraße. Hier möchte niemand

wohnen. Tut es aber doch. Unglaublich die wie kriegszerschossenen Fassaden, amputierten Stuckfiguren, die verhängten Türen, die gähnenden Fensterhöhlen. Hier wird gewohnt, vor den fensterlosen Öffnungen hängt Wäsche zum Trocknen, hängen Stoffbahnen in der Funktion von Vorhängen. Hier wird gearbeitet, Pausierende rauchen eine Zigarette im Rahmen und starren auf die brodelnde Straße zurück, auf den PKW, der mit offener Motorhaube, das Taxi, das mit einem Platten liegen geblieben ist mitten im Berufsverkehr. Auf die Passagiere, die einen Minibus mitten im Verkehr verlassen und sich in letzterem verlaufen.
Im Zeitraffer finden sich die Händler zusammen und wuseln umeinander. Eine Bakterienkultur in einer Schlagader explodiert um ein Ereignis auf dem Überweg der Schnellstraße. Menschen haben ihre Autos verlassen und geben sich ein Stelldichein an der Leitplanke, die Menge brodelt und wogt – ebenso schnell erliegt diese Kultur wieder einem geheimen Medikament, verläuft sich, das Gestikulieren verebbt, hebt sich auf und das normale Gedränge, Gehupe, Geschiebe der Autos nimmt seinen unentrinnbaren Verlauf. Kaum noch intakte Außenspiegel an irgendeinem der Wagen. So dicht schieben sie aneinander vorbei, dass diese Geräte der Rücksicht alle irgendwann Opfer der drängelnden Distanzlosigkeit geworden sind. Zersplittert hängen die Gläser in ausgefransten Rahmen, selbst eingeklappte Rückspiegel sind nicht ungeschoren geblieben. Viele fehlen ganz, sind abgerissen worden, irgendwo an einem zu nahen Bus hängen geblieben. Da das Sehen nach hinten nicht gewährleistet ist, hat die Kultur hupend auf sich aufmerksam zu machen die Oberhand behalten. Hupen bedeutet hier nicht wie in Deutschland: Du hast etwas falsch gemacht – ich weise Dich zurecht – ich strafe Dich. Das Horn zu bemühen bedeutet in Ägypten vor allem eins für den Vorausfahrenden, den Überholten: tue nichts anders, als Du es gerade tust – fahre in Deiner Richtung weiter, denn hier komme ich. Das kann links, aber durchaus auch rechts des Vorausfahrenden sein. Wer Ohren hat, der höre. Der Hupende äußert seine Absicht, Strecke zu machen. Somit bedeutet das Geräusch für Fußgänger, selbst stehen zu bleiben. So stehen sie. Sie stehen auf Verkehrsinseln inmitten von riesigen Kreisverkehren. Sie stehen an der Geländerzunge von Brückenrampen. Sie stehen zwischen den wild in Zweierreihen parkenden Autos. Aber sie stehen, um die Straßen, diesen Todesstreifen wilden Blechrodeos zu überqueren. Die Fußgänger inmitten des Autoverkehrs, sie schieben sich an Leitplanken entlang, an den Wänden eines unbeleuchteten Autotunnels, überqueren die Fahrbahn im Rudel, einer  im vermeintlichen Schutz des anderen, sie rennen mit den Autos und dann vor ihnen, mit dem nächsten und so im Zickzack weiter bis zum schmalen Streifen in der Mitte zwischen den Fahrtrichtungen. Fahrbahnen selbst gibt es nicht. Jeder bewegt sein Auto in den Raum, in die angedeutete sich gerade aufgestaute Schlange, die sich am erfolgversprechendsten nach vorne bewegt. So steht etwa ein Drittel der Fahrzeuge quer, ist hupend mit dem Spurwechsel beschäftigt. Ein sehr uneffektives System des Vorankommens.


Zu den Reibungsverlusten trägt auch bei, dass sich der Verkehr auf beiden Straßenseiten in beide Richtungen bewegt. Esel und Eselsfuhrwerke halten sich nicht an die Hauptverkehrsrichtung. Sie kommen einem – wenn man Glück hat – auf der Kriechspur entgegen; schlimmstenfalls auf der Überholspur, nahe an den Mittelstreifen gedrängt. Es gilt mit den Ohren zu fahren wegen der genommenen Rücksicht, aber eben auch mit den Augen, weil keine der gewohnten Regeln gilt. Ein Bäcker liefert auf dem Fahrrad aus. Er balanciert ein drei Meter langes Holzgeflecht mit der einen Hand auf dem Kopf. Mit der anderen lenkt er seinen Drahtesel.
Mitten im Verkehr ein Junge. Er verkauft Schei, Tee an die Vorbeifahrenden. An einer imaginären Mittellinie läuft er entlang, das Blechtablett mit den teegefüllten Gläsern elegant wie ein Ober im Ritz auf dem hochgewinkelten Unterarm tanzen lassend. Er preist seinen Tee an, ab und an geht eine Scheibe runter und gegen ein paar Münzen wechselt der Schei seinen Besitzer. Der Junge mit seinem radgroßen Blechtablett treibt wie ein Blatt im Strom. Er wird umfahren, seit Wochen schon, vielleicht seit Generationen? Auch morgen übersteht er diesen Job mitten im Straßenverkehr,

so wie die Rollstuhlfahrerin, die bettelnd eine Hand ausstreckt, während sie mit der anderen ihren Stuhl mühsam über die sandige Straße voranhebelt. Groß ist ihr Radius nicht. Denn nur eine Straße weiter sehe ich sie Stunden später schlafen. Es ist Mitternacht. Jeden Abend sehe ich sie hier schlafen. Es ist die Zufahrt zu einem großen Kreisverkehr. Rotweiße Kantensteine trennen die Einfahrt, in der sie auf sandigem Boden mitten auf der Fahrbahn steht von einer der Hauptverkehrsstraßen der Millionenstadt. Sie hat ihren Stuhl, der ihr ganzes Zuhause ist, irgendwo zum Stehen gebracht, sehen kann sie offensichtlich nicht, sich ein Tuch über den Kopf gezogen und schläft. Wer bringt sie aufs Klo? Wie lange lebt sie schon so? Hat sie Freunde, die ihr ab und an etwas zustecken?

Nur wenige Autominuten später auf dem höchsten Punkt der Brückenparabel: auf den Betonwulst des Straßenrandes hat sich ein Mann abgesetzt. Weit ab von anderen Fußgängern, und doch mitten im rauschenden Nachtbetrieb der Stadt. Auto ziehen keine zwanzig Zentimeter entfernt an ihm vorbei. Auch dieser Mensch schläft hier, hat eine Decke über sich geworfen, lehnt sich gegen das Brückengeländer und verbringt so einige Stunden der Nacht.
Mit Abdelwahab fahre ich durch den Morgen. Er liebt seine Geburtsstadt in den Morgenstunden. Um 07.30 gibt es keinen Berufsverkehr. Abdelwahab lebt in Brüssel. Sein Bruder in Kairo leiht ihm seinen Wagen. Diesem gönnt der Ägypter jetzt Auslauf. In der 15-Millionen-Einwohner-Stadt ist kaum jemand unterwegs. Die Morgensonne küsst die Villen auf Zamalek.

Botschaftsgebäude und Stadtsitze reicher Bürger leuchten auf im Glanz ihres frischen Anstrichs. Müde blickt das Wachpersonal hinter dem Raser her. Der Kairotower streckt sich in den Äther, die Oper blinzelt verschlossen in den jungen Tag, der Park des Gezira Sporting Club versteckt das letzte grau der Nacht in seinem Dickicht. Auch um 08.00 ruht die Stadt noch. Bäcker schieben die Rollläden vor ihren Backstuben hoch, ziehen die Folien von Croissants und Rosinenschnecken. Eine Schafherde erhebt sich im

ersten Berufsverkehr vor ihrem Nachtlager, einem Bankgebäude. Die Vorstadtsiedlungen fliegen in ihrem Einerlei vorbei. Der Muezzin ruft. Selbst ein Bewohner der Skelette aus Beton und Backstein ruft er die anderen Insassen von ihrem Esstrichlager auf den Gebetsteppich in eine Moschee ebenfalls aus Beton und Backstein. Al Qorsaiah, die grüne unter den vielen Nilinseln der Stadt schüttelt das Gefieder ihrer Palmen und Gemüsebeete, so dass Schwärme von weißen Vögeln aus ihm aufsteigt, kreist und sich auf den Weg macht Richtung Pyramiden. Diese silhouettieren über dem Weichbild der Stadt, ihren stummeligen Hochhäusern, den Wohnvollzugsanstalten aus unverputztem Backstein am Rande der Wüste. Noch weiter draußen gammelt der Müll an den Rändern des Nilkanals und schwelt vor sich hin, trägt dazu bei, dass auch diesen Tag die Stadt ein Kopftuch aus Ruß und Wüstensand überziehen wird.

Auf der anderen Seite der Stadt ruft jetzt der Muezzin von den Minaretten der Mohammed Ali Moschee zum Morgengebet. Von hier oben ist die Aussicht auf die ockerfarbenen, die rostroten Wohnwürfel der Stadt das eine oder andere Photo wert.

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