In Memoriam: Wolfgang Schmitt

Beerdigungsansprache für Wolfgang Schmitt

 

 

Seine unverkennbare Sprache offenbarte Wolfgang vom ersten Moment eines Gespräches an als Pfälzer. Seine Heimat konnte und wollte er nicht verleugnen. Eine Heimaterde, in der er genau genommen mit zwei Wurzeln steckte. Die erste gab ihm sein Geburtsort Kusel.

Am 23. April wurde er im zweiten Kriegsjahr geboren. Der Vater war im Felde, kam nur von Fronturlauben nach Hause nach Frankenthal, wo die Eltern ansässig waren. Zur Entbindung aber reiste Anneliese, seine Mutter, in ihre Heimat, nach Kusel. So kam es, dass dieser Ort, an dem er später noch ein viertel Jahrhundert verbringen sollte, schon in den ersten Jahren ein Fähnchen für ihn in die Lebenslandkarte steckte.

Im Anschluss an Wolfgangs Grundschuljahre finden wir die Familie wieder in Frankenthal, wo sein Vater inzwischen wieder Arbeit gefunden hatte. Noch in Kusel waren auf Wolfgang die Schwestern Dorothee und Christiane gefolgt. Gemeinsam lebte die fünfköpfige Familie nun in Frankenthal.

Zeitlebens wurde auf den Familienzusammenhang großen Wert gelegt, Tugenden der Bezogenheit, die auch in sein Leben eingeschrieben waren und die sich in Verantwortung für die Seinen, einem sozialen Blick auf die Nächsten und viel Freude am Planen und Zusammenbringen zu Familientreffen der weitläufigen Großfamilie zeigte. Nach diesen Zusammenkünften hatte er stets Schnurriges über die Verwandtschaft zu erzählen. Und schon hier zeigt sich seine Neigung zur Provokation, indem er ein promoviertes Familienmitglied aus Afrika als „Nescher“ bezeichnete.

 

 

Dort im Herzen der Pfalz machte er auch sein Abitur.

 

 

Beide Eltern waren pflichtbewusste Menschen. Der Vater Herbert nicht schlicht Schulmeister, sondern Diplom-Kaufmann, Diplom-Volkswirt, Diplom-Handelsschulpädagoge und Schulleiter der Handelsschule. eine berufliche Ordensspange, auf die er selbst Wert legte und die auch Wolfgang mit Hochachtung zitierte. Obwohl mir dort die ersten Zweifel kommen, wie viel Tradition einerseits, wie viel von ihm insgeheim beschmunzeltes Familienzitat in dieser Auflistung steckt.

Denn früh schon war Wolfgang allen Titeln und Autoritäten gegenüber kritisch. Das mag einerseits mit der Muttermilch aufgesogen worden sein, denn der Vater war nicht dazu zu bewegen gewesen, in die Partei einzutreten. Den Schwierigkeiten, die man ihm vom Schulamt deshalb machte, trotzte der mit Rückgrat. Ein Vorbild für Wolfgang.

Andererseits mag Wolfgangs selbstbewusste Haltung durch seine Mutter Anneliese befördert worden sein, die den experimentierfreudigen Pennäler oft deckte, weil sie hinter seinen Abenteuern, seinem Lebenshunger, seinem Mut stand. Er hat in dieser Zeit viel ausprobiert. Und angepasstere Kameraden nannten ihn „einen schlimmen Finger“.

Wahrscheinlich hat die ausgeprägte Haltung, seinen individuellen Weg zu gehen, nie sich parteipolitisch vereinnahmen zu lassen, die eigene Ansicht auch gegen wohlfeile Mehrheiten und öffentliche Ordnungen gar zu vertreten, wo er sie für sinnlos hielt, sich Autoritäten nicht unterzuordnen ihre Quelle neben den biografisch genannten in der Anerkennung, die er früh für seine Verhaltensexperimente bekam.

Seine Schulkameraden bewunderten ihn jedenfalls. Er besaß ein Auto, sie nicht. Aus zwei Lloyds hatte er sich einen fahrfähigen zusammen gebaut. Nicht viele Abiturienten seines Jahrgangs konnten auf ein eigenes Auto verweisen.

 

Früh schon hatte sich für ihn bewiesen, dass handwerkliches Geschick und die nötige technische Bewandertheit Vorteile bringt, zwei Eigenschaften, die in vielen Momenten seines Lebens aufleuchten werden.

 

Ausgebaut hat er sie in seinem Studium. Mit der Fakultätswahl selbst hat er sich der Bestimmung innerhalb der Familie untergeordnet. Betriebswirtschaftslehre mit dem Ziel, als Kaufmann seinem Onkel Max in der heimischen Brauerei zur Seite zu stehen. Ihn interessierten neben den finanztechnischen Gesetzmäßigkeiten, der Marktwirtschaft vor allem die Seminare zur Materialkunde. In seinem Studienbuch hießen sie „Verfahrenstechnik“: Aus diesem profunden Wissen seiner Studienzeit rezitierte und schöpfte er zu jeder passenden Gelegenheit: dem Fachgespräch am Stammtisch ebenso, wie beim Bau von Fundamenten – „Matthias, da brauchst du Wasser, Zement und Zuschlagmittel wie Sand oder Kies“, erklärte er, um sodann beim Kalk und Löschen von Kalk zu beginnen, den Weg von Calciumoxyd zu Calciumhydroxid konnte er auch in der chemischen Formel hersagen -, der Errichtung meines Carports nur aus Holz, also mit Zapfen, statt mit Eisenverbindungen – einer Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte -, dem Schmieden von Stahl – „Matthias, Stahl besteht aus Eisen mit einem Gewichtsanteil von 2,06% Kohlenstoff, gibschte Chrom dazu, haste rostfreien Stahl“, bis hin zu seinen elektrotechnischen Kenntnissen, die vielen Fehlern in vielen Haushalten auf die Spur kamen. Dem Sachwissen kam bei ihm ein klarer Verstand zu Hilfe. Oft fand Wolfgang einfache Lösungen für zunächst kompliziert aussehende Aufgaben. Gepaart waren bei ihm Wissen und Verstand noch mit Neugier, einer Mixtur für Erfinderhirne. Ihn erfreute es, aus Komponenten unterschiedlichster Herkunft eine funktionierende technische Eigenleistung zu gewinnen, Belüftungen für seinen Grill beispielsweise aus einem Staubsaugermotor oder den Gutschein zum Schmieden eines Messers einzulösen und dabei seine Vorkenntnisse über Stahlherstellung zu überprüfen und zu verfeinern.

Spielerisch flossen seine Begabungen in Kunst und Krempel. In elektronische Bilder, die leuchten können, in Schaukelpferde für seine Enkel, Bibliotheksleitern für seine Nachbarn, Grillschalen mit allen Raffinessen für seine Bekannten – „Matthias, kann ich die Waschmaschine haben, die du an den Straßenrand gestellt hast?“ sprach´s und machte einen Schwenker aus der Trommel. Die Seitenwände recycelte er später zu etwas anderem.

 

Es ist aber nicht nur das Wissen, das ihn als Nachbarn und Werkstattbesitzer unentbehrlich machte, sondern es ist vor allem seine Bildung, und wie er mit ihrer Hilfe die Menschen in der Welt sah. Die Zusammenhänge zu erkennen, auch die geschichtlichen, das war ein weiterer Faible von ihm. Es war ihm Habitus, in den bereisten Ländern soviel über die Kultur zu wissen, dass die Verhaltensweisen der Menschen sich ihm sogleich aufschlossen. Aus seinem Einblick in die Historie konnte er oft heutige Umstände erklären, aus dieser geradezu humanistischen Bildung entspross auch seine Toleranz. Jemand, der immer eine Lösung findet, ist auch offen für die Lösungen anderer in ihren Ländern. Mit Interesse stand er anderen Menschen, Nationen und Kulturen gegenüber.

In der ersten Lebensjahren seiner eigenen Kinder bereiste er Länder mit der Familie, die damals noch nicht angesagt waren, den Süden Marokkos beispielsweise, er flog auf Irrwegen mit ihnen auf die Seychellen, durchfuhr die USA mit Peter, war mit der Familie in ganz Europa, der Türkei und Nordafrika. So schloss er ihnen einen Zugang zu anderen Kulturen auf, unspektakulär, interessant und nachhaltig. Für ihn war Urlaub: die Welt zu entdecken. Wohin er auch reiste, Wolfgang hatte sich belesen; und vor Ort brachte er sein Wissen mit den Sehenswürdigkeiten ins Gespräch, stellte Zusammenhänge her, übertrug das Vorbild römischer Wasserleitungen auf eigene Experimente, konnte vom Münzportrait eines römischen Kaisers auf die wirtschaftlichen Ereignisse zu dessen Regierungszeit zu sprechen kommen und wiederum Beziehungen zur Gegenwart herstellen.

 

Beim Reisen entdeckte er, er grenzte sich nicht aus, distanzierte sich nicht durch die Glaslinse einer Kamera, sondern fühlte am Puls des jeweiligen Landeslebens.

Auch später stieg er darum gern mitten unter den Menschen ab, in einfachen Unterkünften, mitten in der Altstadt, in Hanoi, Saigon, Marrakesch, in Varna und Vilnius, nicht in den klimatisierten Hotelketten, eben um nahe am Menschen zu sein. In Vietnam z.B. tat er das, bis Jutta ihn bat, doch auch die andere, die komfortablere Seite der dortigen Welt wahrzunehmen.

Ein Museum – und in abgelegenen Orten wart Ihr beiden oft die einzigen Besucher – erzählte ihm etwas und machte ihn umkehrt sodann beredt über die Zusammenhänge, in denen das Ausgestellte noch zu verstehen und zu lesen war.

Das war Wolfgang, angeregt und anregend. Bewandert auf den vielfältigsten Sachgebieten dieser Erde.

 

Nur über seine eigene Befindlichkeit, da durfte man nicht mit ihm reden. Dieses Thema brauchte man nicht anzuschneiden, denn Wolfgang redete nicht über sich. Vielleicht, weil er zu dieser Facette seiner selbst wenig Zugang hatte. In Zeiten seiner Krankheit fragte ich ihn nach seinem Befinden und er antwortete „Ich weiß es nicht“. So bewandert er in der Welt der Technik , dieser Erde und ihrer Landkarten, auf den Meeren auch und vor allem in der Geschichte war, terra incognita, weiße Landkarte war sein Innenleben für Gegenüber und vielleicht zu Teilen auch für ihn selbst.

 

Auf die 25 Jahre in Leitung und Management der Brauerei Emrich folgte nach seinem entschiedenen Abgang von dort eine Zeit als Geschäftsführer der Trierer Niederlassung von Königsbacher. Als Karlsberg die Brauerei übernommen hatte pendelte er von Trier nach Koblenz und er begann darüber die Freude an diesem Beruf zu verlieren.

Den Schlag der Kündigung bearbeitete er in der für ihn typischen Weise: mit der Ratio.

Er begann das, was er schon immer hatte machen wollen. Früher hätte er gern etwas Künstlerisches gemacht, auch ist nicht ausgeschlossen, dass er hätte Arzt werden wollen; jetzt jedenfalls schrieb er sich an der Trierer Universität ein und studierte Ethnologie.

Im Rahmen einer Exkursion dieser Fakultät führten ihn seine Wege auch zum ersten mal nach Vietnam.

 

Hier in Deutschland widmete er sich intensiv dem Garten. Sein immer schon vorhandenes botanisches Interesse ließ ihn morgens vor dem Haus erscheinen, die verwaschene unvermeidliche Kappe auf dem Kopf, die erste Zigarette im Mundwinkel und seine Pflanzen begutachten, die Frühbeete prüfen, den Stand der Fruchteinwicklung studieren, später seine Feigenernte wiegen und diese und andere Früchte seines Gartens zu guten Marmeladen oder Chutneys einkochen.

 

In diesen Bereich der Ressourcen gehört auch das Projekt Wochenendhaus, das Grundstück aus einem kleinen Erbe erworben, das Haus mit Freunden selbst errichtet. Wolfgangs Fahrzeuge hatten immer auch als Lastwagen zu fungieren. Bei der Vorbereitung eines Geburtstagsfestes machte er sich einen Spaß daraus, 24 Kirchenstühle im winzigen Fiat Punto unterzubringen. Vom Wochenendhaus jedenfalls brachte er Ladungen mit Brennholz in seinen Fahrzeugen. Denn Wolfgang liebte es, Holz dort zu schlagen und den heimischen Kamin in Ruwer damit zu befeuern. Das Ressourcengrundstück schenkte ihm nicht nur das Holz, sondern vor allem die Lebensfreude, dort arbeiten und sich versorgen zu können.

 

Diese rationale Art, alles zu nutzen, optimal zu verwerten, auch den letzten Zweck noch aus einer Sache zu pressen, ist weniger Sparsamkeit gewesen, als die Freude am Optimieren. Ja, er war sparsam im kleinen, aber großzügig im Wesentlichen. Sicherlich ist Wolfgang dabei vielen schrullig erschienen. Lief meist ohne Schuhe im Garten herum, trug die abgelegten Pullover seines Sohnes auf, liebte diese schäbige Kappe, vielleicht gerade weil Du, Jutta, sie schäbig fandst.

 

Denn da ist noch ein anderes Gesicht von Wolfgang, ebenso unübersehbar wie die Provenienz seiner Sprache unüberhörbar: Wolfgang der Barfüßler, der Nonkonformist, der „Maggi“manier, der Provokateur. Der mit seiner Universalität sich erhob über jedes spießige Bemühen, die eigene kleine Welt sauber und adrett zu halten, der Vereinsmeierei nicht ertrug, der Albernheiten und sexuelle Anzüglichkeiten verabscheute. Vor allem aber provozierten ihn Fassaden, hinter denen geistige und Lebensarmut sich zu verstecken lieben. Auch Hochstapelei gehört dazu. Mit Witz und spitzen Worten ging er daran, solche Potemkin’schen Dörfer zu demaskieren oder gar einzureißen.

 

Vielleicht ein pädagogischer Impetus von ihm, der er ansonsten schlicht durch sein Vorbild seine Kinder erzogen und seine Freunde gewonnen hatte. Der, weil mit sich im Reinen, mit anderen im Reinen war, nicht neidete und gelten lassen konnte. Dieser Mechanikus und Menschenfreund, technische Tausendsassa war – ohne dass er es je mit lateinischen Zitaten heraushängen ließ – ein Humanist.

 

Wolfgang war durch die Breite seines Wissens, seine Begabungen, seine Ratio, seine Hilfsbereitschaft auch im Bereich der Kirche, Stichwort RADhaus, seine durch keine Angst verstellte Neugier, seine selbstbestimmte Haltung: der wahre, der lebende Humanist.

 

Und als solcher ist und bleibt er Vorbild.

 

Amen

 

Über dem Comer See

 

Impressionen aus dem Rucksack

 

Mai 2018

 

Der Seespiegel ist wie der gläserne Zwischenboden eines Kühlschranks inmitten die Bergwände geklemmt. Dieser See fängt den ersten Blick des Wanderers, sobald dieser ihn vom schmalen Saumpfad heben kann. Wir haben zur Rast auf über 1000m Höhe (Seespiegel 198m) unsere Rucksäcke ins Gras einer Alm geworfen und lassen die Augen schweifen.

Erstarrte olivgrüne Formationen werfen sich auf, häufen sich übereinander. Sie sind so steil, als fielen sie rhythmuslos und wild als Flanken dieses Glasbodens beidseits von oben. Kaskaden ungezähmten Gesteins. In ihrem höchsten Gezack am Horizont das Profil von Dante – rückenliegend, spitzes Kinn, zackige Nase, Lorbeerkranz im Stirnhaar – gibt dem Grat seine Kontur himmelwärts. Aber auch de Gaulle und Julius Caesar haben den Gipfeln ihr Profil geliehen. Darunter dichte Eichen-, Kastanien- und Birkenwälder. Sie bekleiden die massigen Riesen. Auch Linden, Ahorn und Haselnuss sind häufig anzutreffen. Wie Weihnachtsbaumkugeln tupfen die rotschindeligen Weiler Farbklekse ins grün der Bergdreiecke. Das gnädige Baumkleid über dem Fels wird modelliert vom Licht und vom Schatten, je nachdem, wie das gewaltige Gewand hingeworfen scheint. So wandern die Augen auf und nieder, finden keinen Halt als die Fläche dieses Sees.

Vergeblich suchen sie auch über den Seebergen einen Fixpunkt. Über der bewaldeten Landschaft, dicht unter dem Äther nur die erodierten Gipfel aus grauem Granit, sie tragen Diademe aus Schnee und ewigem Eis.

Unten fällt die aufgehäufte Landschaft auch unter dem Wasserspiegel in die Tiefe, doch hat sich in dieser heute der See gestaut. Graugrün eingefärbtes gesandstrahltes Glas, vom steten Wind blind. Nur ein weißes Fährboot zieht in diese makellos geschmirgelte Fläche seine Bugwelle, sie bildet ein langgestrecktes V, also zöge man ein Zirkuszelt an der Spitze immer höher, ein Wellenzwilling wird immer neu geboren und gespalten, der elegant den Bögen des Kurses folgt, sich weitet, sich konkav spreizt. Er glänzt wie ein silberblondes Haar, denn allein diese beiden Strähnen werden im blaugrünen Einerlei vom Sonnenlicht versilbert, eine Intarsie eingearbeiteten Frauenhaars in der Oberfläche eines tiefen unsichtbaren Wasserkeiles, der sich in den Abgrund spitzt und dem Auge nur die obere Schlagseite offenbart. Das Silber mag vom Haar der Loreley stammen, denn die Klüfte von Landschaft und Abgrund erzählen alte Mythen. Geschichten von Römern und Lombarden, von Hirten und unsagbar reich gewordenen Kaufleuten. Die Erzählungen sind so knorrig wie die Baumrümpfe der Kastanien. Die haben Astlöcher, in denen die Eulen hausen, doppelte Stämme unter ein und derselben Rinde, bieten Nisthöhlen groß wie Fuchsbauten und schießen weidengleich aus scheinbar totem Holz mit einem Strahlenkranz von grün.

Lästigen Mücken gleich dagegen sind die Wasserflugzeuge und Hubschrauber, die den See gelegentlich passieren. Obwohl hoch über dem Wasser, den weißen Segeln der Surfer, wirken sie doch insektenklein von hier oben. Die Entfernung unserer Basishütte sind über sechs Kilometer Serpentinen, unbefestigtes Bankett, vignettenpflichtige Wirtschaftsstraße, also menschleerer Abstand. Hoch erhaben und weit abgelegen von den dichteren rotgedeckten Siedlungen am Ufer, die gern die Schwemmlandzonen in den Deltas der erosionsgenährten Gebirgsbäche befallen haben. So wie Dervio uns gegenüber am östlichen Seeufer. Kein menschenverursachtes Geräusch von dort drüben hier oben.

 

Früher zogen Dampfloks die Wagons, und der Dampf aus ihren Schornsteinen gab ihnen den Namen. Solcher Dampf liegt heute, einen Tag später, wie ein riesiger Lindwurm über dem See. Er dehnt sich nicht aus wie der der Lokomotiven, sondern windet seinen langen weißen wolkigen Leib von Süden her auf die Alpen zu. In den Tälern hat er Kinder, die teils noch den waldigen Hängen entsteigen, teils sich in andere Richtungen schlängeln als der Riese über dem See. Der schiebt sich wie ein chinesischer Prozessionsdrache durch den Raum über dem See. Er robbt durch den Luftraum, wellt sich den Alpen entgegen, getragen von abertausenden unsichtbaren schlitzäugigen Stangenträgern.

Unter ihnen ist die Oberfläche des Gewässers beschattet und vom Regenschlag blind.

 

Das ganze ist ein lautloses Schauspiel. Eine Prozession ohne Instrumente. Fast. Vor dem Kontinuum des Baches im Wald, des nahen Wasserfalles, gelegentlich der Kuckuck mit seinem „Fotuu – Fotuu – Fotuu“ – Ruf, in den sich das Messgeläut einer Kirche vom anderen Seeufer webt. Wenn die Rufe verstummen, die Wandlung vollzogen, bleibt nur der Bach mit seinem Lied. Mit dem Cantus firmus des Wasserfalls.

Doch dann kommen die Ziegen und ab und an die Schafe; sie tragen Glocken wie die Kühe in Österreich. Sie durchstreifen den Wald, dessen grün bewachsene Lichtungen, dann verstummt ihr Geläut wieder, denn sie sind weitergezogen durch eine basisalpine Landschaft, in der nächsten Kluft verschwunden, hinter der Biegung im Wald diffundiert.

Wer ihnen folgt, der stößt mitten im Gelände immer wieder auf bruchsteinerne Häuser. Wenige renoviert wie das unsrige. Die Mehrheit Ruinen, verlassene Zeugnisse alter Schäfer- und Käsereien. Die Terrassen um sie herum längst nur noch eine Welle im abschüssigen Waldboden, wo ehemals Vieh weidete jetzt Kastanienwald. Wo die Häuser ihr Dach stolz und windfest aus flachen Granitschindeln trugen heute ein Gerippe letzter bemooster Stämme, die hölzerne Zwischendecke der zweistöckigen Häuser längst eingebrochen und völlig verschwunden. Widerstandfähiger dagegen die Eichentüren, die ohrwedeln vor leeren Türhöhlen oder hängen unbeholfen in schwarzer Erde und Bergen verwehten Kastanienlaubs in ihren geschmiedeten Scharnieren, sperrangelweit offen, denn im Geviert der Mauern gibt es nichts zu verschließen als stachelige Kastanienschalen, Laub, Humus, Liegengelassenes, Entsorgtes, meist nur das eingebrochene Dachgestein. Aussparungen in den Bruchsteinwänden erzählen noch vom Ort des Gebälks der Zwischendecke oder einer Ablage für Werkzeug oder Brot. Eine rechtrechteckige Nische in der Zelle, die die Stube bezeugt, war einstmals mit Rahmen und Holztür versehen und gab den „Schrank“ her, einen Zweiregaltabernakel für den wenigen Besitz, den Leib Brot, der so vor dem Fuchs, kaum aber von den Mäusen gesichert werden konnte. Im Untergeschoss regelmäßig zwei behauene hervorspringende Steine, die als Gesims, als Träger für die Produkte derer dienten, die den Sommer in diesen Behausungen lebten, der Schäfer, Hirten und Käser. Hier lagerten die Käsetorten, hier reiften sie und wurden fermentiert, bevor der Käser die Räder dann talwärts auf einen der Märkte brachte; der arme in der Kiepe, der reichere auf dem Gespann.

Die restaurierten Bauernhütten sind heute Urlaubsdomizil für Touristen, Wochenendhäuser der Italiener im Tal, Ferienheim auch mancher Franzosen, deren Vorfahren den See auf der Suche nach Arbeit verließen und die heute die Spuren ihrer Altvorderen wieder aufgenommen haben. Sie sitzen des Sommers mit ihren Kindern und Enkeln in diesen Bergen, forschen gelegentlich in den Taufarchiven der barocken Kirchen in den Uferstädten, in der übrigen Zeit gehen sie ihren Arbeiten in Marseille und Lyon nach und schreiben am Stammbaum.

Von diesen restaurierten Rustici soll es mehr als 1.200 in den Berglagen rund um den See geben.

 

Zweimal treffen wir auf Schäfer, der eine mit einer Palette Dosenbiers vor seinem dicken Leib beladen schleppt sich hinab zur Hütte. Sein Gesicht erzählt von den Entbehrungen und wie er sich mit Alkohol seine Existenz schöntrinkt. Er riecht aus der Nähe beim Wechseln der freundlichen Worte nicht anders als seine Tiere.

Der andere hat ein Feuer aus Akazien- und Kastanienholz entfacht. Der Rauch zieht durch einen gemauerten Schlot und dann hinaus durch die Steinplatten auf seinem Dach. Würzig riecht der Rauch. Wie dieser Schäfer riecht, können wir nicht sagen, dazu ist die Entfernung zu groß und der Duft des Rauches nach Platanenrinde und Kastanienholz zu papillefüllend.

 

Wir winken unser „Civediamo“ und nehmen den Weg talwärts. Die Sonne erleuchtet die Baumblüten und lässt den See vor dunklen Wäldern lächeln. Phallisch erhebt sich eine Dorfkirche mit mächtigem Läutwerk aus dem Schindelhaufen der Ortschaft. Wie ein zu groß geratenes Uhrwerk einer Armbanduhr, denke ich. Das Dorf mit seiner es überragenden Kirche passt in das Fenster, das zwei alte Eichen zwischen sich offen lassen. Die Wohnhäuser fließen sich duckend über das Land, sind eingebettet in den Saum angrenzender Wälder, in den See hinein dagegen dringt maskulin der Glockenturm, schiebt sich in den Vordergrund, entflammt stolz im Licht der anbrandenden Abendsonne. Wir staunen über den See, seine Gleichmut, seine Geduld. Aus unserer Perspektive wirkt er wie eine ganze Seenlandschaft, taucht hier und da zwischen den Baumgruppen portioniert auf – und bildet den einzig waagrechten Kontrast zum diagonalen Einerlei der Urwälder, der Berghänge, der V-Täler über den wilden Bächen. Dieser See, der wie Schöpfung im Chaos wirkt, wie der Kontrapunkt in einer unzähmbaren Melodie, wie ein trittfester Balkon in der Steilwand. Dieser See eben, einer Glasplatte gleich eingeschoben in eine wilde Wandwelt aus wüster Urzeit, ist unser Ziel, seiner Einladung sind wir gefolgt.

Im Felsgestein des Ufers, auf seinem Kiesstrand auch noch ein paar waagrechte Streifen. Wie die Rückstandsränder in einer weißen Porzellantasse, aus der der Kaffee nicht in einem Zug sondern über eine Stunde verteilt nur gelegentlich genippt wird, so zeugen am Ufer des Sees die Linien am Gestein von unterschiedlichen Wasserständen.

 

Apropos Café. Wir freuen uns auf den italienischen Café in der Bar neben der Kirche im Tal und nehmen die Rücksäcke wieder auf.

entrissen – aber wieder auffindbar

Traueransprache über Joh 20, 11 – 17a

  1. April 2018

Grünhaus

 

Ideal und Wirklichkeit

ist die große ungeschriebene Überschrift über Jörgs Leben.

 

Das beginnt mit seinem Geburtsort. Am 30. Oktober 1976 in Köln geboren, bleibt diese Stadt ein Leben lang für ihn ein Ort der Idealisierung. Vielleicht gerade dadurch, dass er noch im Kindergartenalter von dort nach Hannover umzog. Klänge, Klüngel, Kultur und Kunst aus der Rheinmetropole stimmten ihn stets heimatlich. Er wählte die Domstadt später zeitweise als Studienort und aufmerksame Freunde wussten, dass sie ihm mit Abbildungen aus Köln eine Freude machen konnten.

 

Ideal und Wirklichkeit. Denn die Stadt seiner Geburt hielt er hoch, obwohl diese ihm in den Studienjahren nicht die glücklichste Zeit bescherte. Denn allen Vorurteilen zum Trotz sei sie nicht annähernd so kontaktspendend gewesen wie ihr Ruf es verheißt, bekannte er. Nicht so gesellig für ihn wie Nürnberg, wohin Jörg nach seinem Abitur als erstes zog. Dort entstanden viele Freundschaften, in Köln dagegen blieb sein Kölschglas des abends häufig ohne Gesellschaft, allein auf dem Tresen.

Das betrübte, das beschäftigte Jörg, denn er war ein Mensch, den eine große Sehnsucht nach Annahme bestimmte.

Fast jeder von uns braucht andere Menschen, ihre Aufmerksamkeit, ihre Anerkennung. Jörg war in dieser Hinsicht besonders idealistisch, besonders anspruchsvoll: die Aufmerksamkeit sollte ungeteilt, die Zuwendung gern auch körperlich spürbar sein. Die Pflege der Freundschaft musste zuverlässig und einfühlsam sein.

Darum sind auch keine Bekannten heute eingeladen, sondern ausschließlich die Menschen, die seinem Ethos von Freundschaft gerecht geworden sind.

 

Anspruchsvoll in dieser Hinsicht, ja bedürftig war er von Kindesbeinen an.

Als seine jüngere Schwester T. geboren wurde, war bald klar, dass auch sie besonderer Zuwendung bedürftig war, die Eltern ihr viel Zeit widmen mussten. Fürsorge, Zeit, Aufmerksamkeit, die dem Erstgeborenen fehlte.

Mit elf Jahren, zu Beginn der Pubertät, hatte er seinen ersten depressiven Schub. Eine Krankheit zeigte sich, die nicht ausschließlich biographisch verstanden werden will, die im Stammbaum der Vorfahren tragische Lücken geschlagen hat und die ihm im Genom als Bürde nun mitgegeben war.

 

An die Oberfläche bahnte sie sich ihren Ausdruck im Spannungsfeld zwischen Leistung und Ohnmacht. Die Hoffnung und die Erwartungen an den Erstgeborenen reimten sich auf seine eigene Zielstrebigkeit und auf seinen Anspruch an sich selbst. Und wie deren Schatten lauerte hinter ihnen die Angst.

Jörg war ein intelligenter Mensch, verfügte über zwei Studienabschlüsse, über die Gabe der Strukturiertheit, die über das Chaos siegte. Auch wenn der Schreibtisch noch so überfüllt war, Jörg konnte effektiv und produktiv sein.

Nur wenn ab und an diese Angst ihn füllte, dann verlor er jede Lösungskompetenz.

 

Andererseits vermochte Jörg ganz da zu sein, wo er war. Wieder die Spannung von Ideal und Wirklichkeit. Denn seine Kindheit war von vielen äußeren Ortswechseln bestimmt: auf Köln folgte Hannover, auf Hannover Luxemburg; erst besuchte er dort die Europaschule, später in Trier das AVG. In dieser Zeit lebte er für fünf Jahre in Ruwer, im Anschluss wieder in Luxemburg-Stadt. Über die Studienorte sind Sie informiert. Gleichzeitig und diesen Wechseln gegenüber war Jörg aber ein ortsbezogener Mensch. Sein Ideal war, an einem Ort zu sein, zu bleiben, einwurzeln zu dürfen.

Unübersehbares Bild dafür ist seine Lust am Gärtnern, Jörg mit dem Spaten! Der eben frei von allen Fernbezügen mit der Schaufel die Scholle bearbeitet, den Humus, den er schätzt, so wie er es liebte, die Früchte dieser direkten Arbeit zu ernten und am Terrassentisch zu verzehren.

 

Wie ein Kind konnte er sich über den Garten, das Wachstum der Pflanzen und die Erde freuen.

Die direkte Verbundenheit, die Beständigkeit als von ihm gelebte Tugend und die Freude am Naturkontakt lassen uns in das Herz von Jörg schauen.

Wir sehen eben darin eine weitere Wirklichkeit von ihm – jenseits seiner intellektuellen Begabungen, sich schnell in verschiedene Sachgebiete einarbeiten und in komplexe Zusammenhänge eindenken zu können.

 

Seine Herzensseite wird jedem vor Augen sein, der ihn angesichts von technischen Modellen, angesichts einer Modelleisenbahn beobachten konnte. Jörg, das Spielkind, eine Seite, die er sich bewahrt hatte.

Sein Strahlen, wenn er mit Kindern spielte, mit ihnen an einem Krahnmodell hantieren konnte. Seine innige Konzentration, die beiden, dem Kind und dem Kind in ihm Seligkeit schenkte.

 

Solches Glück schenkte ihm vor allem die Zuwendung der Kinder selbst, ihre zweckfreie Zuneigung, ihr fröhliches Vertrauen.

 

Von seinen Nichten bekam er einen Luftballon geschenkt. Er muss mit einem strahlenden Lächeln im Herzen verbunden geblieben sein, denn er bewahrte ihn – längst schrumpelig geworden – auf wie eine Ikone. Er hielt ihn in Ehren, weil dieser Ballon im Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit für seine hochgeschätzten Werte steht.

Sie sind alle genannt worden: die unbedingte Zuwendung, die Zeit, die jemand ihm ungeteilt schenkt, die kindliche Freude am technischen Spiel, an der Erde vor Ort, die Hochachtung, die er für Freunde empfand, die sich den Eheleuten offen und mutig in schwieriger Situation anvertrauten.

 

Es gibt ein Kinderlied, das auf das verweist, was hinter dem allem steht, ein Lied von einem solchen Ballon, der ein Symbol für nicht weniger als die Liebe ist.

Wir werden dieses Lied Jörg und seinen Idealen zu Ehren im Anschluss an die Predigt singen können.

Die Liebe, die ihn spüren ließ, dass er lebendig ist, die Hoffnung, dass die Eheleute es miteinander schaffen könnten, die Schwierigkeiten, die Herausforderung und eben vielleicht gar den Griff der Schatten, die depressive Angst im Schach zu halten. Der Glaube eben, dass ein Ideal Wirklichkeit werden wird.

 

Sie, liebe A., die Sie jetzt im Stand einer Witwe sind,

Sie, liebe Eltern N.N.,

Sie stellen zeitgleich die Frage: Was hätten wir noch tun können? Was hätten wir anders machen können?

Diese Fragen verbinden Sie, so wie Ihre Zuneigung zu Jörg Sie verbindet.

 

Sie werden je andere Antworten finden. Aber suchen Sie nicht nach ihnen! Lassen Sie Raum für die Tatsache, die zunächst ohne Sinn erscheint.

Ich weiß, es ist schwer, die Warumfrage mutig offen zu lassen.

 

Aber wichtiger ist, dass Sie Raum für das Gefühl lassen. Erkennen Sie die Verarmung Ihres Lebens ohne Jörg an.

Ja – Depression kann eine Krankheit zum Tode sein.

Es fühlt sich für uns andere ebenfalls wie eine Amputation an, als sei etwas aus dem Leibe, aus dem Leben herausgerissen worden.

Heute ist es eine offene Wunde: im Herzen, im Leben der Freunde, in der Ehewohnung, in der Familie.

Und ! eine Narbe wird bleiben. Denn die Tatsache von Jörgs Tod, seinem Verlust ist ab morgen eingeschrieben in ihre jeweilige Biografie.

Offen dagegen ist die Frage, wie gehen Sie mit der Verbindung zu Jörg um.

 

So, wie die einzige Möglichkeit mit erlittenem Unrecht aktiv umzugehen Vergebung ist;

so besteht bei diesem erlittenen Weggang Ihre aktive Chance darin: mit dem Herzen in Kontakt zu bleiben!

 

Die Bibel ist kein Psychologielehrbuch, sie bietet anstelle von dessen Begriffen Geschichten. Eine von denen erzählt von einer trauernde Frau, von Maria Magdalena am Grab ihres zu Tode gefolterten Geliebten. Und davon, wie diese Frau am Ostermorgen erlebt, dass ein solcher Geliebter gar nicht gegangen sein kann – selbst wenn er körperlich getötet wurde. Er bleibt gegenwärtig, lebendig.

So ist Auferstehung eher ein psychisches Widerfahrnis, weniger ein physikalisches Geschehen.

 

Es geht immer noch um diesen Ballon. Die Luft ist raus, die Hülle schlaff – Jörgs Hülle haben wir in aller Stille zu Grabe getragen – es geht darum, in Ihren Herzen der Luft Raum zu geben, die Jörg Zuwendung, Liebe, Anerkennung, Zeit füreinander, Annahme und Vertrauen genannt hat.

 

Liebe Trauergemeinde, liebe trauernde Familie, in Ihrer Liebe zu ihm wird er lebendig sein, auch wenn er körperlich tot ist – und Sie werden ins Leben zurückfinden! Amen.

 

Feuer und Flamme sein

 

 

 

Konfirmationsansprache 2018

über Mk 5, 14 – 16

St. Martin, Mertesdorf 12. Mai 2018

 

 

 

14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die hoch auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Man zündet auch kein Licht an, um es dann unter den Backtrog zu stellen: man stellt es vielmehr auf den Leuchter; so leuchtet es allen im Haus. 16 So soll euer Licht vor den Menschen leuchten: sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

 

 

Mark ist verknallt. Man kann es ihm ansehen. Er geht nicht, er hüpft! Trotz der Erkältung vor zwei Wochen hat er Farbe im Gesicht. Er sieht ganz glücklich aus, als er sich mit seinem Kumpel trifft um auf den Fußballplatz zu gehen.

„Was ist mit dir?“ fragt der, „du bist so gut drauf“.

Einen Moment zögert Mark, dann gesteht er: „Ich habe eine neue Flamme.“

 

Eine „Flamme“, das weiß jeder, ist eine Geliebte, jemand, für den das Herz schlägt.

 

Damit ist deutlich, dass jemand, der Feuer und Flamme für eine Sache oder jemanden ist, in dem Sinne begeistert ist, von dem wir in der Kirche sprechen. Worte wie „hellauf begeistert sein“ oder „für etwas brennen“ nehmen die Metaphorik von Feuer und der Pfingstgeschichte auf, in der über dem Schopf der ersten Christen sichtbare Flammen geleuchtet haben sollen. Sie waren sichtbar, diese Christen, und andere haben sie wahrgenommen.

 

Darum geht es bei Euch, die Ihr heute konfirmiert werdet, dass man Euch als Christen in dieser Welt wahrnehmen kann.

 

Für Mark haben sich die Dinge verschoben. Manches, was ihm vorher wichtig war, ist ihm jetzt zweitrangig. Zum Leidwesen seiner Eltern zur Zeit die Schule. Er denkt mehr an die Zeit, die er danach verbringen kann.

Aber auch er selbst ist anders geworden. Er ist jetzt selbstbewusster. Er bringt sich ein. Wenn er den Eltern seiner Freundin helfen kann, dann tut er es. Rasenmähen, Tischdecken, alles geht ihm leicht von der Hand.

 

Damit Ihr besser versteht, was ich meine, habe ich auf jedes Programm einen Streichholz geheftet. Er macht deutlich, um was es geht.

 

Einerseits ist so ein Hölzchen eine zerbrechliche Angelegenheit. Ein Knacks und es ist entzwei.

 

Bei genauerem Hinsehen erkennen wir aber, dass unser Holz nicht genauso aussieht wie das des Nachbarn. Jedes in seiner Maserung ein Individuum. Jedes ist anders und in seiner Art besonders. So wie Du. So wie jeder von uns.

 

Das hat Mark entdeckt. Dass auch ihn jemand mag in seiner ganzen Einzigartigkeit, mit seinen Stärken und mit seinen Pickeln. Das hat seine Ausstrahlung verändert. Und selbst sein Fußballkumpel hat das gemerkt.

So sollen auch wir leuchten, sagt Euer Konfirmationswort über dieser Predigt.

Ihr sollt so leuchten.

 

Euch also nicht in der untersten Lage einer Schachtel verstecken und hoffen, dass man Euch übersieht. Denn dann müsstet Ihr ran, dann gibt es Reibung, dann fliegen die Funken. Und am Ende hat sich so ein Streichholz ja für seine Aufgabe geopfert. Sich nicht aufgespart, sondern eingebracht. Wie Jesus.

 

Also macht Euch nicht klein – obwohl Ihr wisst: Feuer und Wasser vertragen sich nicht. Es gibt Konflikte. Wir haben oft im Leben die Entscheidung: wollen wir in der Komfortzone bleiben, auf den Zuschauerplätzen, also mit unserer Meinung hinter dem Berg halten, oder wollen wir wahrhaftig sein, klare Ansagen machen, offenbaren, wofür wir stehen? Dann geht es in die Arena, raus aus der Schachtel.

 

Behaltet dieses Streichholz, denn es steht auch für den richtigen Augenblick. Es steht auch für Geduld. Lange wartet es auf den Moment, in dem es von großem Nutzen sein kann. Dann aber entfaltet es sein Potenzial. Tut etwas mit Mut, bringt sich ein.

 

Wer entbrennt, liebe Gemeinde, kann auch andere anstecken. Die Ausstrahlung macht´s. Und die kommt von der Grundhaltung. Ist das Glas schon halbleer – oder denkt Ihr positiv – nein, es ist noch halbvoll! Der Glaube, ein geliebtes Kind Gottes zu sein, verändert uns Menschen.

 

Die Jünger zu Pfingsten werden auf einmal ganz kommunikativ. Denn das will diese ihre Begeisterung: mitgeteilt werden, geteilt werden. Das ist ein Wesensmerkmal des Glaubens, dass er so richtig erst in Gesellschaft aufblüht. Darum ist der Satz, beten kann ich auch zuhause, nur die halbe Wahrheit. Ist zu wenig. Glaube will Gemeinschaft, will in Geselligkeit gelebt werden.

 

Mark will ein Profifußballer werden. Aber es ist nicht wichtig, was er wird. Es ist nicht wichtig, was Ihr werdet, sondern wie Ihr es seid.

 

Das, worüber wir im vergangenen Jahr miteinander gesprochen haben, was wir in Erlebnisspielen erarbeitet haben, das will nicht in eine Sonntagsschachtel zurückgelegt werden, sondern es will im Alltag umgesetzt, gelebt werden.

 

 

Euer Gottvertrauen hilft Euch, es darf auch den anderen im Haus leuchten. Also liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: Gott sagt „ja“ zu Euch. Er nimmt euch an wie die „neue Flamme“ von Mark ihn mit seinen Licht- und Schattenseiten. Ihr selbst sagt heute ja zum Taufbund, den Gott mit Euch geschlossen hat.

Ab morgen gilt dann dieses Streichholz als ein Erinnerungszeichen für die Botschaft Eurer Konfirmandenzeit, es steht für Euren Glauben: also zeigt es, lebt es, leuchtet!

 

Amen

schämte sich Jesus? – Ostern verstehen

Ostern 2018

über die österliche Gnade

und gegen 1. Kor 15, 19 – 23

anhand von Kain und Jesus

 

Texte: Gen 4, 2b – 8 und Joh 11, 25.+26.

 

Lieder: 560;   600, 1.;   353, 1.4.5.;   115, 1-3;   106, 1.3.5.;   454

 

 

Weihnachten ist so viel erfolgreicher als Ostern. Das kann man an den Besucherzahlen sehen. Weihnachten ist so viel erfolgreicher weil anschaulicher. Die Hirten, die Schafe, die Krippe, allein die Weisen, die eine so lange Vorgeschichte ablaufen und dann natürlich Josef, Maria und der Stall. Alles griffig.

Man kann die Tiere und den Stall förmlich riechen!

 

Ostern ist weniger anschaulich. Ätherisch gleichsam. Ist sozusagen das Schwarze Loch des Glaubens. So genau man auch hinschaut, es gibt für die natürlichen Augen nichts Konkretes zu sehen. Ostern ist geruchlos. Alles nur ein prophetisches Vorher und das Nachher bei Emmaus. Worte eben. Unterwegs gewechselt. Zugig wie ein leeres Grab. Im Vorbeigehen. Es gibt die Ankündigungen und dann die Berichte von dritten. Auferstehung ist nicht fassbar, ist scheu, entzieht sich der eigenen Beobachtung und – das sei zunächst einmal hier hingestellt – der Erfahrung.

Und doch ist Ostern wie zum Augenreiben!

 

Denn die österliche Gnade rüttelt am Menschenbild, dass wir alle unverbesserliche Sünder seien. Hier will uns Ostern eine neue Sicht schenken. Das ist das Entscheidende!

 

Ostern macht offenbar, dass das pessimistische Menschenbild Pauli glücklicherweise falsch ist, das wohlfeile Bild vom verderbten Adam, der nur durch sein Gegenbild, den unverdorbenen Christus, „aufgehoben“ – gerettet werden könne. Ostern zeigt uns einen neuen Menschen. Darüber dürfen uns heute die Augen aufgehen!

Ostern feiern wir etwas ganz anderes als einen angeblichen Preis, den Jesus bezahlt habe. Er gibt sich nicht als Versöhnungsopfer. Das ist Priestertheologie, wie sie sich nach der Zerstörung des Tempels in die junge christliche Gemeinde eingeschlichen hat. Es missverstehen alle diese Strophen wie: „die du erkauft mit deinem Blut“ (eg 164), „sein teures Blut, das uns zugut“ (eg 216) oder „weil Christi Blut beständig schreit“ (eg 354). Jesus ist nicht das Gegenbild zu Adam. Gottebenbildlich sind und bleiben sie beide durch ihre Fähigkeit, sich zum Guten entscheiden zu können. Adam, wie Christus.

In der ganzen Schöpfungsgeschichte kommt das Wort Sünde nämlich nicht vor. Adam und Eva sind und bleiben frei, sich für oder gegen das Böse zu entscheiden. Auch die Zeit nach der Erkenntnis von gut und böse bleibt Leben in unbeschnittener Freiheit. Sie legt nun den Focus auf die Dialektik der Aufklärung und die Ambivalenz der menschlichen, meinetwegen gottgegebenen Freiheit. Von Adam und Eva her sind wir gefährdet und von ihnen her sind wir fähig, uns zum Guten zu entscheiden. Adam und Eva jedenfalls wird nicht angelastet, fern von Gott zu sein. Denn das genau hieße Sünde: sich von Gott entfernt zu haben. Gott selbst entfernt sie mehr oder weniger liebevoll – schließlich näht er ihnen noch eigenhändig Kleidung, wie man das für kleine Kinder tut – aus dem Garten Eden.

 

Der Begriff der Sünde taucht erst bei Kain auf. Und zwar aufgrund seines Umgangs mit sich selbst. Nicht aufgrund seiner Herkunft von Adam. Und auch nicht wegen seines Bruders Abel, sondern genau genommen wegen seiner Fehlentscheidung im Umgang mit sich selbst! Wegen seines falschen Abbiegens an der Kreuzung „Freiheit“. Ganz im Sinne Kants ist für die moralische Bewertung nicht der justiziable Tatbestand relevant sondern die Einstellung, die Absicht und ihre Hintergründe.

 

Was genau ist passiert?

 

Kain schämt sich seiner Minderwertigkeit. Er schämt sich vor seinem jüngeren Bruder, er ist wütend, neidisch und eifersüchtig. Die Frage an ihn und die Frage an uns ist, was lassen wir wachsen aus diesem immer wieder neu angelegten Saatbeet der Gefühle. Was davon zupfen und jäten wir früh aus und was lassen wir gar groß werden?

Nach der biblischen Erzählung fragt Gott nach der Ursache von Kains Gefühlskonglomerat: „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist´s nicht also: wenn du demütig bist, so kannst du frei den Blick heben. Bist du es nicht, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie!

Beherrschung ist möglich, auch den Nachfahren Adams. Sie sind nicht grundsätzlich verloren. Es kommt darauf an, wie sie mit den Gefühlen, mit ihren Impulsen und – ganz interessant heute – mit der Scham umgehen.

Lernen sie aus ihr, dann hat die Gemeinsamkeit mit dem Du deine Zukunft. Diese Demut, oder auch manchmal schlicht Frömmigkeit übersetzt, der rechte Umgang mit der eigenen Scham schafft kulturelle Tugenden, gesellschaftliche Gemeinschaft. Freud sagt: Triebverzicht führt zu Kulturleistung.

Ja, Scham grenzt aus, das können wir in jeder Grundschulklasse erleben. Wenn einer oder eine errötet, dann lacht die Klasse. Wer sich schämt, fühlt sich völlig isoliert. Scham möchte die Chance zur Selbsterkenntnis in dieser Isolation wachküssen. Scham bietet die Möglichkeit, etwas über mich zu erfahren und und zu wachsen – erwachsen zu werden. Das ist nicht ohne Schmerzen zu haben.

Wenden die Nachfahren Adams sie aber nicht zu ihrer Weiterentwicklung an – machen sie es sich einfach: wenden sie sie gegen den anderen, wandeln die Scham gar in Hass, dann gibt es Gegeneinander, dann gibt es Mord und eben wie im Falle Kains Totschlag, dann ist der Krieg geboren.

Weil Kain entschieden hat, sich nicht ändern zu wollen.

 

Das genau ist geschehen.

 

Jesus aber betet für seine Peiniger. Herr, vergib ihnen! Das ist die große österliche Überschrift: Vergebung. Sie wird nicht mit Opfergaben erkauft, nicht mit Blut, sondern mit Selbstüberwindung und Haltung.

 

Darum werfen wir hier einen besonderen Blick auf den Zusammenhang von Sünde und Vergebung. Beide stehen nicht in einer mathematischen Gleichung. Auf Sünde kann Strafe folgen, Vergebung aber muss nicht zwingend folgen.

 

Wir haben kein Recht auf Vergebung.

 

Anders als Kain aber hat der Mann aus Nazareth auf Übertragung verzichtet. Hat sich nicht selbst retten wollen. Muss sein Ego nicht aufplustern. Schimpft nicht, schlägt nicht zurück. Drohgebärdet nicht. Das Schwert bleibt stecken, Petrus! Hat nichts zu kompensieren. Anders als Kain hat er sich dem Unvermeidlichen gestellt. Er bearbeitet, ist erwachsen geworden.

Anders als Kain hat er sein körperliches Überleben hintan gestellt. Das alles beschreibt, dass nicht die Sünde ihn, sondern er die Versuchung beherrscht hat.

Das heißt, seine Freiheit recht benutzen!

 

Davon ist an Ostern die Rede. Dass das möglich ist!

Und wie dies die Welt verändert. Das ist Jesu Beitrag zur neuen Sicht auf die Welt, den Menschen; und das ist der Grund zur Osterfreude.

 

Das sind wundervolle Erfahrungen. Nicht beim ersten Erleben in Worte zu fassen.

Heute haben wir dafür Begriffe aus der Entwicklungspsychologie, aus der Friedensforschung, aus der Ethik.

Die Menschen des Neuen Testaments, die schlichten Fischer vom See Genezareth, sie bedienten sich zum Ausdrücken ihres erfreuten Staunens der Bilder ihrer Sprachwelt: dass ein Mensch, zwar Fleisch und Blut, ein Mensch mit ertastbaren Lebensnarben an Händen und Füßen durch Wände und Türen gehen könne, dass er den Raum des Gewöhnlichen verlassen könne. Und eben dass er das bis heute kann. Diese nachösterlichen Geschichten drücken ihr Staunen aus und ihre Begeisterung.

 

Auferstehung ist wie Gnade ein Geschenk.

 

Das Wort von der Gnade stellt klar, dass es sich um das Besondere, die Ausnahme handelt, dass sich Ostereignisse nicht vorhersagen lassen, dass sie nicht einem Gesetz folgen. Denn Gnade ist bekanntlich das Gegenteil von Gesetz. Gnade ist selbst ein Wunder, sie ist niemals einklagbar, ist irrational, voraussetzungslos und patriarchalisch:

Patriarchalisch, weil sie „von oben“ wie eine Medaille verliehen wird. Voraussetzungslos, weil sie wie Freundschaft und Liebe nicht erworben werden kann, sie wird geschenkt.

Irrational, weil sie nicht abgeleitet werden kann, niemandem zusteht. Sie ist in jeder dieser Hinsichten ohne Ursache – aber keinesfalls ohne Folgen.

Wer Gnade vor Recht ergehen lässt, stößt Türen auf. Die Gnade der Auferstehung stößt die zum Himmel auf.

Jedem Gnadenakt ist eigen, dass er wie ein Geschenk den Beschenkten erreicht und verändert.

 

Das will jedem von uns passieren. Schon mitten im Leben.

Darum zeichnet die Kain-und-Abel-Geschichte die Rechtfertigungslehre vor. Darum will sie (zumindest in diesem Jahr einmal) zu Ostern erzählt werden. Lesen Sie im 1. Buch Mose, 4. Kapitel weiter, wie Gott Kain mit einem Zeichen ausstattet und seinem besonderen Schutz unterstellt.

 

So wie Auferstehung überhaupt in der Mitte des Lebens stehen will, sich ereignet, wenn Hoffnung weiterführt und nicht erst am Ende. Auferstehung ist nicht das, was nach dem Ende kommt, sondern das, was aus dem vermeintlichen Ende herausführt.

Darum sind die, die den Kellern und Bomben in Syrien entfliehen und sich aufmachen, darum sind Flüchtlinge Botschafter von Ostern.

Darum sind Aufbrüche in unserer Gesellschaft hin zu mehr Gerechtigkeit und weniger Tierleid Ausdruck von Ostern.

Darum stehen wir alle als andere da, wenn wir der Scham nicht ausweichen. Wenn wir Ja zu unserer Entwicklung sagen und damit Ja zum Leben. Wenn wir sensibel bleiben.

Und wenn das Erhoffte dann so unerwartet plötzlich kommt? Darum ist immer dann Ostern, wenn uns, wie den Emmausjüngern, die Augen aufgehen!

Dass sie uns aufgehen und wir die Welt und uns mit anderen Augen sehen können, das ist die Verheißung der Freiheit dieses Tages.

 

Ostern mag unscheinbar und geruchlos sein. Aber es beginnt in uns, mit unserer Selbstwahrnehmung und will nicht unsichtbar bleiben sondern in den Tag treten. So, dass uns die Augen übergehen. Ist erfahrbar. Ist wirklich.

 

Amen

Kopf ab

Willst Du nicht mein Bruder sein – schlag ich Dir den Schädel ein.

Vom Gottesbild

Predigt über 1. Könige 19, 8 – 13

 

gehalten am: 04. März 2018                     in: Gusterath

  1. März 2018 Hetzerath und Schweich

 

Lieder:           331, 1.3.5.7.                          Lesung: 1. Könige 19, 1-7

137, 1. + 6.

395 (3)                                 Liturgie:

391 (4)

168, 4 – 6

 

Was für ein Bild von Gott haben wir?

 

Ziehen wir den machtvollen Gott vor, der es hinbiegt und alles in der Hand hat. Einen, der uns in unserer Schwäche Mut macht. Oder halten wir es lieber mit dem einfühlsamen, der mit der Stimme verschwebenden Schweigens in die Seele spricht?

 

Um diese Entscheidung geht es im ersten Buch der Könige. Und der Prophet Gottes, Elija, hat sich entschieden. Er kämpft mit allen Mitteln für einen Gott, der sich als Befreier Israels aus der Gefangenschaft Ägyptens als starker Gott erwiesen hat, ein Gott der Heilsgeschichte. Dessen Volk aber ist in das Land, da Milch und Honig fließen eingesickert, heimisch und satt geworden in einer Region, die nicht von Ziegenherden in der Steppe lebt sondern von florierender Landwirtschaft. Und in der wird Baal verehrt, ein Gott der Jahreszeiten, ein Gott von Saat und Ernte, einer der Fruchtbarkeit.

Da versteht der Gottesmann keinen Spaß. Denn er sieht wie satte Bäuche und Macht korrumpieren, wie sich die Mächtigen bereichern, allen voran die heidnische Isebel, die der jüdische König Ahab geheiratet hat. Ein Land, in dem es allen gut geht, sagt sie wie alle Mächtigen. In dem diese die Gesetze und Verordnungen machen.

Zu ihrem eignen Vorteil? Aber wer könnte denn auf so einen dummen Gedanken kommen?!

Und wenn auf einmal die pfurzenden Esel nicht mehr in die großen Städte dürften und blaue Plaketten bekommen müssten, wenn die Politik versagt hätte, weil sie dem falschen Gott, dem Mammon folgte? Aber so etwas geschieht ja nur im Märchen.

Und dass Kritiker der Regierenden zu „Terroristen“ erklärt und in Gefängnisse gesperrt werden? So etwas passiert nur im Ausland.

 

Damals in Israel.

Da geschah so etwas, und nur Elija war übrig geblieben. Alle anderen Kritiker waren von der Bildfläche verschwunden. In den Gefängnislöchern und Umerziehungslagern. Da hat sich Elija radikalisiert. Ist ein Eiferer geworden, ein Fanatiker.

Seinen größten Auftritt hatte er bei einem religiösen Wettstreit. Zwei Altäre: einer für den anderen Gott. Einer für seinen Gott. Das Feuerholz seines Altares ließ er dreimal demonstrativ mit Wasser übergießen. Er verspottete die Gebetsrufe der hüpfenden Baalspriester: „Und ruft ihr noch so laut, da ist kein Gott! Vielleicht ist er in Gedanken versunken oder hat sich gerade in die Büsche geschlagen. Ja vielleicht ist er eingenickt!“ hatte Elija provoziert. Und dann, ja dann kam Gott in Feuer vom Himmel, entzündete seinen Altar, nahm das Opfer an. Und das erschütterte Volk tobte, es hörte auf ihn. „Keiner der Baalspriester darf entkommen!“, hatte Elija gezündelt. 450 wurden abgedrängt, gemeuchelt, gelyncht. Aus dem demonstrativen Gottesurteil wurde eine Hinrichtung, ein Schlachtfest. Manchmal muss man die Bibel wie die Bildzeitung behandeln, erst einmal das Blut rauslaufen lassen, sie auswringen, bevor man sie aufschlägt.

 

Aber sie ist auch literarisch reizvoll. Denn die eben noch vom eifernden Gottesmann verspotteten Götter werden nun von seiner Gegenspielerin zitiert. Sie sollen ihr dies und das tun. Bei ihrem Leben schwört Isebel, Elija zu vernichten.

 

Gewalt gegen Gewalt. Die Wahrheit des Gottesbildes von Elija ist ausschließlich. In ihm regiert Radikalität. Wer anders denkt, muss weg, muss ausgelöscht werden. Ganz so, als würde die Wahrheit von Andersdenkenden nicht mehr wahr sein, wenn ihre Anhänger auf Marktplätzen weggesprengt, massakriert sind, man ihnen mit dem Schwert des Propheten den Kopf vor laufender Kamera abgeschlagen hat.

So ist das ausschließliche Gottesbild einer ungereiften Frömmigkeit. Es gebiert Gewalt. Und erzeugt Gegengewalt.

 

Elija geht in den Untergrund, verwischt seine Spuren und setzt sich ab. Versteckt sich in der Einöde. Dort ist er mit sich allein. Er kommt zum Nachdenken. Er verzweifelt über sich. Sein flammender Erfolg blieb doch ohne Wirkung. Sein Tun ohne Erfolg. Er hockt sich hin in der Wüste. Verkrümmt liegt er da. Seine Zunge klebt am Gaumen. Er ist lebensmüde.

 

In dieser Zeit der einsamen Ruhe scheint sich sein Gottesbild zu ändern. Der mit Gewalt daherkommende Sturm hat ihm nichts mehr zu sagen. Selbst das alle festen Standpunkte erschütternde Beben kann ihn nicht ansprechen.

Gott spricht leise. Eine Stimme verschwebenden Schweigens gleichsam, wie Martin Buber übersetzt.

 

Was für ein Bild von Gott haben wir?

Wir bekennen ihn im apostolischen Glaubensbekenntis ebenso wie im Nizänum als einen Allmächtigen. Und zweifeln im Alltag an seiner Macht. Wo bist du, Gott, wenn die Menschen in Ost-Ghouta in den wackelnden Kellern sitzen und zu dir schreien? Wo bist du, wenn sie die verkohlten Kinderleichen aus den Hausruinen schleppen? Wo warst du, als die Betondecken auf sie stürzten?

 

Allmacht Gottes? Ist er nicht eher der ohnmächtige, einer der geschehen lässt? Der rät, die andere Wange hinzuhalten, die Feinde zu lieben? Ein Gott inneren Wachstums, der in Jesus reif ans Kreuz geht? Klug geworden in der sokratischen Maxime „Besser ist es, Unrecht zu erleiden – als Unrecht zu tun“?

 

Welches Bild von Gott haben wir?

Halten wir Andersdenkende aus? Oder müssen sie weg, weil sie für uns wie schon für Elija unerträglich sind? Weil sie uns in Frage stellen, und wir keine Antwort auf die Fragen wissen, die diese stellen? Weil wir es nicht aushalten, ohne eine solche Antwort zu sein? Liegt uns die Radikalität der Einfachheit? Befriedigen uns die einfachen Antworten, die in Radikalität münden?

Oder sind wir dialogische Menschen? Liegt die Wahrheit in der Mitte zwischen uns und will erst noch gefunden werden?

Schlimmstenfalls auch mit Mühe und über lange Durststrecken. Ist Wahrheit wirklich etwas Absolutes oder für uns nicht eher etwas im wahrsten Sinne vermittelbares?

 

Wir wohnen

 

Wort an Wort

 

Sag mir

 

dein liebstes

 

Freund

 

meines heißt

 

Du

 

Fast schon idyllisch diese Szene. Der zusammengebrochene Elijaliegt im warmen Sand. Im Schatten eines Strauches und schläft.

 

Er ist davon gekommen. Hat sein Leben gerettet. Aber er ist von der Fahne gegangen. Hat seinen Auftrag vernachlässigt. Er ist ein Opfer seines Entweder–oder–Glaubens geworden, seines radikalen frühreifen Ungestüms, unser flüchtiger Freund einfacher Antworten.

 

Nun hat sich der ehemalige Weltverbesserer einfach fallen lassen. Er kann nicht mehr, weiß weder ein noch aus. Er lallt bereits. Er stoßseufzert: Ich gebe auf. Ich will zu meinen Vätern versammelt werden, sterben.

 

Ein Engel erinnert ihn an seinen Auftrag. Aber der erfolglose Extremist bleibt unzugänglich. Ihn kümmert das ermutigende Engelswort nicht. Er schläft wieder ein. Und erinnert mich damit an mich selbst. An uns. Die wir wissen, was angesagt wäre, die wir wüssten, was zu sagen ist, die wir aufstehen müssten, uns erheben, den Mund auftun. Aufstehen, widerstehen, das ist alles zu österlich. In vorösterlicher Zeit schlafen wir wieder ein, weil Aufbegehren zu anstrengend, zu gefährlich ist. Wir wenden uns ab und machen die Augen zu.

 

Der Engel ist nicht von Pappe. Kein Rauschgoldengel sozusagen. Sondern einer für Leib und Seele. Er serviert das Existentielle: Wasser und Brot. Er lässt nicht locker und reicht vom Wort Gottes, Schwarzbrot für Seele. Elija kommt auf die Füße und es geht weiter für ihn.

Am Horeb dann erfährt das Gottesbild von Elija eine entscheidende Wandlung.

Selbst die Szenerie spricht. Sie ist weiblich. In einer Höhle reift Elija. Wie eine Wiedergeburt erlebt er jetzt Gott anders, neu.

Nicht der erschütternde alles vernichtende Gott spricht ihn jetzt an. Sondern der mit leisen Tönen. Es könnten Töne aus der Melodie von Jesu Gottesbild dabei sein, eines vom leidenschaftlich liebenden Vater. Du, um Dich geht es. Du bist mein geliebtes Kind.

Und tatsächlich, Elija ist empfänglich, er geht jetzt aufrecht. Alte Fesseln, Missverständnisse fallen ab. Osterluft. Aufbruch. Denn der Weg ist weit.

 

Das Bild von Gott selbst will unterwegs bleiben, will unterwegs weiter entwickelt werden. Tolerant, zugewandt, dialogisch.

 

Ich will wach – und unterwegs bleiben. Amen

Wann beginnt Passionszeit?

Es gibt leichtfüßige Sonntage, Pfingsten zum Beispiel, an denen wir freudig Ballons in den Himmel steigen lassen möchten und es gibt die ernste Zeit.

Wann beginnt die Passionszeit?

 

Nach dem liturgischen Kalender mit dem heutigen Sonntag „Invocavit“. Er „ruft hinein“, wie das lateinische Wort übersetzt werden darf, in diese Zeit voller Ernst und Leiden.

 

Wann beginnt die Passionszeit?

Ich sage, wenn der Mensch sich gegen das Böse stellt.

 

Es ist also weniger der Kirchenkalender, der diese Zäsur anzeigt, als vielmehr das Verhalten der Menschen und die Inhalte der Bibel, die vom Verhalten des Menschen Jesus erzählen. Darum könnten wir sagen, die Passionszeit beginne etwa schon mit Jesu Versuchung in der Wüste, also gleich zu Beginn seiner Wirksamkeit und nicht erst Jahre später mit dem Gang nach Jerusalem. Sie beginnt in dem Moment, in dem ein Mensch seinen Standort gefunden hat, in Abgrenzung gegen das Böse, in dem Moment, wo er ganz Mensch geworden ist.

 

Wann beginnt die Passionszeit?

Sie beginnt mit der menschlichen Freiheit. Von der ist im heutigen Predigttext die Rede:

Da wir den einen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, darum wollen wir uns voller Zuversicht bekennen. Denn er ist kein Hoherpriester, der nicht nur einfühlsam all unserer Schwäche gegenüber wäre, nein, er ist tatsächlich in derselben Weise versucht worden wie wir werden – und sündlos geblieben. Darum lasst uns völlig offen und ungeschützt vor den Thron der Gnade treten, um Erbarmen zu erfahren und Gnade in dem Moment, in dem wir Hilfe nötig haben.

 

Völlig offen und ungeschützt. Das sind wir selten. Es ist aber das zentrale Wort des Textes. Luther übersetzt „mit Freudigkeit“, andere mit „voll Zuversicht“ oder mit „freiem Mut“. Letzteres kommt dem griechischen Wort Parräsia am nächsten. Denn es ist ein Wort aus dem Tugendkatalog der Demokratie, aus Athen, wo die Bürger mit Parräsia sagen konnten, was sie persönlich zur Führung des Staatswesens sagen wollten. Es meint offen und ehrlich genau so wie öffentlich.

 

Darum habe ich mit völlig offen und ungeschützt übersetzt.

Weil es um diese Form von Mut geht, der etwas kosten kann.

Es ist der Mut der Freiheit. Es ist die Überzeugung, die sich nicht versteckt. Es äußert sich so jemand mutig, auch wenn es nicht opportun ist.

In Athen war die Freiheit von Usurpatoren, von plötzlich die Macht an sich reißenden Tyrannen bedroht. Wer vorher das Maul aufriss, den konnte das bald darauf den ganzen Kopf kosten.

 

Selbst in bewährten Demokratien bedarf es des Mutes seine Meinung öffentlich zu vertreten, sei es an der Speakers Corner im Hyde Park oder im Leserbrief des Volksfreundes. Deniz Yücel ist zum Begriff geworden, was freie Meinungsäußerung kosten kann, wenn sie den Mächtigen unbequem ist.

 

Diesen nötigen Mut hat die diesjährige Fastenaktion zum Thema: sieben Wochen ohne Kneifen.

 

Das, was ich für richtig halte, was angesagt, was nötig ist gesagt zu werden, nicht zurück zu halten. Wahrhaftig zu reden und zu sein.

 

Dieses Wort für Offenheit, für Mut, für Ehrlichkeit, liebe Gemeinde, wird hier als Wegweiser hingestellt. „Parräsia“ ist die Richtung! ruft der Autor des Hebräerbriefes. Denn sie bezeichnet den Weg, wie wir zu Gott kommen können.

 

Warum? Weil Gott sich selbst auf genau diese Werte verpflichtet hat. Die zehn Gebote sind seine zehn Angebote zum Leben. Die zehn Ausführungen haben einen Nenner: Vertrauen. Handle so, weil es dem Vertrauen dient. Tue das und das nicht, weil es das Vertrauen untergräbt. Und damit das, was gelingende Beziehung nötig hat. Die zwischen Gott und Mensch und die zwischen Mensch und Mensch, zwischen den Generationen, zwischen den Menschen im sozialen Gefälle, zwischen allen.

Gott legt sich selbst auf diese Wahrhaftigkeit fest.

 

Darum klagen Juden, anders als wir oft, von Gott dessen Engagement ein, seine Deutlichkeit, seinen Einsatz fürs Miteinander, sein Eintreten für dieses sein Wort.

 

Und Gottes Zugewandtheit findet Entsprechung in unserer Barmherzigkeit.

 

Das Bild Jesu als Hoherpriester darf nicht am Vordergründigen hängen bleiben. Luther legt den Finger in die Wunde und sagt, diese Figur ist mehr als ein hoher Hut und prunkvoller Mantel. Sie steht für ihre Funktion, und die ist Vermittlung. Dieser Brückenschlag darf uns ermutigen, ohne Scheu und in ungeschützter Offenheit zu leben.

Wir dürfen unser Leben bewusster leben.

Der Stimme der Wahrhaftigkeit mehr Gehör schenken.

Eben nicht kneifen, wenn die Wahrheit unsere Stimme benötigt.

 

Das fällt mir nicht leicht.

Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch. Ich weiß, dass im Falle meines Widerspruchs, meiner Empörung, meines engagierten Eintretens die Situation außer Kontrolle geraten kann, dass Streit in der Luft liegen könnte, dass das Miteinander beschwerlicher werden könnte, weil ich aus meinem Herzen keine Mördergrube mache.

 

An diesem Sonntag Invocavit ist traditionell das Thema: Versuchung.

Es ist die Versuchung, abzutauchen, den Kopf den Sand zu stecken, nicht so genau hinzuschauen, nicht nachzufragen und schon gar nicht seine Meinung der Öffentlichkeit auszusetzen.

 

Es ist die Versuchung, die Not wegzuwischen. Also im Sinne der Lesung, aus Steinen Brot zu machen, den Hunger der Welt zu stillen. Das wäre die oberflächliche Politur von Gutmenschen. Das aber genügt nicht, will uns Jesu Antwort bedeuten. Es geht immer auch um die Beziehung der Menschen, um das geistvolle Wort Gottes, das eben diese Beziehung stiften will.

 

In der zweiten Versuchung bebildert die Geschichte die Folgen blinden Vertrauens. Alles wörtlich zu nehmen, ist nicht im Sinne der Bibel: Du musst nach der Bedeutung für Dich fragen und für Deine Beziehung zu Gott.

 

Und zum dritten ist Macht immer mit Versuchung verbunden. „Alle Schätze dieser Welt“ bedeuten Macht. Macht verdirbt den Charakter, sagen wir. Also heißt es, dieser Versuchung zu widerstehen. Umgekehrt sensibel zu bleiben für das Du, überall da, wo uns Macht über ein Du gegeben ist. Als erziehender, als pflegender, als vertrauter Mensch.

Immer darf gelten, dass unsere Beziehung zu den anderen geprägt, vorgebildet sein darf durch das Maß der Beziehung Gottes zu uns. Völlig offen und ungeschützt sind wir das Ebenbild Gottes. Ungeschützt aber wahrhaftig geht Jesus nach Jerusalem in die Höhle des Löwen. Völlig offen und ungeschützt. Amen

 

Warum reisen? Neujahrsempfang

Andacht über das gemeinsame Unterwegssein, nach der Lektüre von George Sand, „Ein Winter auf Mallorca“

 

 

Zu Weihnachten bekam ich das Buch von George Sand, ein Winter auf Mallorca geschenkt. Eine aufwärmende Lektüre über ihre Zeit mit Frederic Chopin auf der bekannten Mittelmeerinsel.

„Warum reisen Sie?“

1855 stellt Aurora Dupin diese Frage ihrem Leser. Was ist es im Grunde, das „uns auf die Suche nach diesem kostspieligen, ermüdenden, manchmal gefährlichen und immer voller unzähligen Enttäuschungen Vergnügen treibt?“

Und sie, die uns als Gefährtin Chopins im Winter 1838/39 und eher unter ihrem Pseudonym George Sand bekannt ist, erweist sich als Reisende par excellence. Als Forscherin in Sachen Reisen. Denn sie verbringt mit dem Komponisten ein paar Monate auf einer Insel, die von Touristen noch nie vorher besucht worden ist: Mallorca. Heute Inbegriff teutonischen Sonnens, damals ein vergessenes spanisches Niemandsland kurz vor Afrika.

Warum reisen Sie, fragt sie und antwortet selbst: „es liegt daran, dass wir uns selbst nie an einem Ort völlig wohlfühlen;“.

Wir sind Suchende. Wir sind körperlich unterwegs, auf Reisen, weil unser Herz auf der Suche ist. Auf der Suche nach einem gesünderen Klima, einer gerechteren Gesellschaft, neuen Ideen – kurz: auf der Suche nach einer idealen Welt.

Aber diese Frau wäre nicht Vorreiterin der emanzipatorischen Idee von Frau und Volk gewesen, würde sie uns nicht auch in die Seele schauen. So ist es die Seelenforscherin, die erklärt:„Alle reisen wir, sowie wir eine kleine Gelegenheit und Geld haben, oder besser gesagt, wir fliehen, denn das Wichtige ist nicht so sehr Reisen, sondern Abreisen, weißt Du?“

Abreisen, hinter sich lassen, Abstand gewinnen vom Alltag, von Lasten, vom Gewöhnlichen, vom Überdruss. Von Orten und Befindlichkeiten eben, an denen wir uns nicht wohlfühlen.

Abreisen heißt auch mutig sein und sich Ungewohntem auszusetzen. Abreisen heißt neugierig sein und sich selbst verändern zu wollen. Ein solcher Aufbruch zehrt vom Vergangenen, von dem, was wir im letzten Jahr erlebt, gelernt haben, was wir besser machen wollen.

Wandlung eben. Die eigene Entwicklung, die ein Bild des Lebens schlechthin ist. So wollen wir – katholische und evangelische – Christen, miteinander unterwegs sein, Seite an Seite in unseren beiden Ortsgemeinden Pluwig und Gusterath durchs Jahr gehen, menschliche Begegnung und unsere Mitwelt gestalten, weil wir wissen, dass wir im Aufbruch sind. Aufeinander zu und miteinander.

Denn tatsächlich, diese Welt ist eine vorläufige, ein Land, in dem wir uns noch nicht völlig wohlfühlen.

Gerade wir ökumenischen Christen sind Suchende, sind auf der Suche nach einer idealen Welt.

Und wir wissen, miteinander sind wir diesem Ideal ein Stück näher – und drücken es auch in versöhnter Verschiedenheit dicht nebeneinander ein Stück weit besser aus!

Darum sind Abreise, Aufbruch ins neue Jahr, Ende und Anfang so bedeutsam. Weil sie für Aufbruch, für Mut und gemeinsame Ziele stehen.

Mögen uns Aufbruch, Unterwegssein und Ankunft gelingen. Mögen uns die Augen aufgehen über dem Neuen – und mögen wir uns selbst in erfrischender Weise neu entdecken.

Denn darum reisen wir doch, oder?

sieh hier und sieh da

Predigt über Offb. 21, 1 – 4, 10. 12. 23. + 25.

anlässlich der Trauerfeier für

Irmgard Gärtig

  1. Dezember 2017, Grünhaus

 

 

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und die Heilige Stadt Jerusalem sah ich, neu, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. 3 Und ich hörte eine Stimme vom Thron erschallen: „Siehe! Die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er, Gott, wird mit ihnen sein, 4 und alle Tränen von ihrem Angesicht abwischen; und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Jammer und keine Mühsal, denn das erste ist vergangen.“ 10 Und er trug mich im Geist zu einem hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem: … 12 sie hatte eine Mauer, groß und hoch, mit zwölf Toren, auf denen zwölf Engel stehen … 23 Die Stadt hat es nicht nötig, dass Sonne und Mond ihr scheinen, denn Gottes Herrlichkeit hat sie licht gemacht: ihr Leuchter ist das Lamm. 25 Ihre Tore werden am Tage niemals geschlossen – und Nacht wird es nicht mehr geben

 

Die Zusammenfassung dieses Textes wird in jedem Gottesdienst gesprochen. Ein kleiner Vers nur. Manchmal schlicht überhört. Weniger weil er zu bescheiden wäre, wohl eher, weil gleichzeitig erhofft und als unerreichbar erkannt: „Dein Reich komme!“

Ein kleiner Vers für eine große Sache. Der Welt nämlich so, wie sie um Gottes Willen sein soll.

 

Es kommt nicht mit Weltuntergangsgetöse und Donnerschlag, sondern ganz unverhofft erkennen wir, dass es hier und da gelingt. Es kommt eher zart und unauffällig daher. Manchmal auch flüchtig, ätherisch, gar nicht gut greifbar. Sein Erleben zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

 

Darum hat Irmgard an der falschen Stelle gesucht, wenn sie meinte, dieses Leben hier sei alles, was uns zugemessen wird. Mehr gebe es nicht.

 

Die Begegnung mit ihrem späteren Mann in einem Berliner Krankenhaus ist wie ein Bild für diese Wahrheit. Oft erzählte sie, dass sie aus armen Verhältnissen stammte, dass das Haus, in dem sie mit ihren Geschwistern in Landsberg an der Warthe aufwuchs nicht mehr als eine Bretterbude war, eine Kate auf einem Hof, in dem es ein Schwein und ein paar Hühner gab. Die Kinder wurden im Trog gewaschen und hinterher gab es noch einen kalten Wasserguss, weil die Mutter darauf schwor, dass das gesund sei.

Mit dieser Armut im Hintergrund kam Irmgard nach Berlin, hatte ihre BDM Zeit absolviert und wurde nun in eine Krankenschwesteruniform gesteckt. Sie besaß nicht mehr als diese Tracht.

Und da trat ein Mann in ihr Leben, der ihr alles bieten konnte, der ihr, wie sie so oft zum besten gab, 14 Paar Schuhe an einem Tag schenkte.

Dieses Erlebnis liest sich im Blick auf ihr Leben und ihren Glauben wie ein Menetekel. Das Unverhoffte kann oft kommen. Es tritt an völlig unerwarteten Stellen ein.

Diese Zuversicht hat Irmgard sich ein Leben lang bewahrt. Ihre Grundzufriedenheit kam aus ihrer Herkunft, dass der Mensch wenig braucht um glücklich zu sein. Auf diesem Fundament stand sie.

 

Und eine solche Haltung lässt das Glück des Augenblicks ein.

Darum war sie ein so positiver, ein lebensfroher und gutmütiger Mensch. Sie hatte immer ein Witzchen auf Lager, etwas, das die Situation entschärfte, zum Guten deutete und wandte.

1944 heiratete sie diesen ehemaligen Patienten, einen zwanzig Jahr älteren Mann. Dessen Herkunft war ein großes Berliner Tanzlokal, der Blumengarten in Oberschönweide.

Das verweist gleichzeitig auf einen zweiten Aspekt von Irmgards Leben, ihren Lebenshunger. Denn sie stammte vom Lande, in Berlin aber tobte das Leben, sie wollte tanzen, aber die Nazizeit verbot und verhinderte viele Freuden. Sie wurde gleichsam um ihr junges Erwachsensein gebracht, aber die Sehnsucht pochte, sie klopfte weiterhin an.

Da wieder war der so viel ältere Mann ohne Verständnis. Er hatte zwar viele Ideen, doch den Antrieb zu deren Umsetzung, den verlangte er von Irmgard, er lehnte sich lieber zurück und sog an seiner Zigarre.

Nun war Irmgard das Arbeiten gewohnt. Sie war es, die nach dem Umzug von Berlin nach Kaiserslautern die Reinigung betrieb, die lernte, wie man Versicherungswesen gestaltet, die sich autodidaktisch Englisch beibrachte und diese Sprache perfektionierte, obwohl sie nur die Chance gehabt hatte, eine Volksschule zu absolvieren.

In allem was gelang, in der Souveränität, mit der sie die Agentur betrieb und im Lächeln über kleine Missgeschicke, in der Freude über gelungene Begegnungen, überall da blitzt das auf, wovon der Bibeltext erzählt.

 

Jesus weist in seinem Leben und Lehren gerade nicht auf ein fernes und unerreichbares Reich, sondern er wird nicht müde, in seinem eigenen Wort und Wirken die Frage des Lukasevangeliums „wann wird es denn sein?“ zu beantworten, die Antwort zu leben und in die Jetztzeit zu holen.

 

Wo zerbrochenes Leben heil wird, da hat der himmlische Arzt gewirkt.

Wo Verzeihen gelingt, da regiert dieses Reich schon jetzt.

Wo Vergebung neues Leben schenkt, da drückt sich der Herr aus, der das Leben will und schuf.

Wo Christen nicht zurückschlagen, Gewalt nicht eskalieren lassen, sondern sich etwas einfallen lassen, das befriedet, da bleiben die Tore dieser Stadt offen.

Wo Traurige wahrhaft Getröstete sind, da leben sie im Licht des himmlischen Jerusalem.

 

Irmgard schöpfte die Kraft aus der Liebe zu den Menschen. Sie liebte es, sich an ihren Wohnorten mit Tieren zu umgeben. Die liebte sie ebenso. In Kaiserslautern gab es nicht nur das Haus, das Geschäft, es gab auch einen Garten und es gab dort Tiere. Alle hatten Namen. Auch in Sembach, der nächsten Station lebten Tiere um sie herum. Sie stehen für mich für den kleinen Bauernhof ihrer Herkunft, einen Ort, so arm er war, der sie dort glücklich hat Kind sein lassen. Dieses Glück blieb ihr gegenwärtig durch jedes Geschöpf um sie herum.

 

Die nächste Station ist Wittlich. Das war 1979. Auch dort eröffnete sie wieder eine Versicherungsagentur. Sie blieb die lebenshungrige Frau mit Pack an, sie wurde über die wachsende Familie zu der Mutter, zu der Oma, die die Fäden in der Hand hielt. Sie war das Integral der ganzen Familie.

Als 1984 ihr Mann starb, hörte sie kurze Zeit später mit der Berufstätigkeit auf und widmete sich ganz ihrer inzwischen groß gewordenen Familie.

Sie kochte jedem Enkel das Lieblingsessen. Ihr war nichts zuviel. Unvergessen ist beispielsweise ihre Mostrichsauce.

So war sie den Menschen nah, so band sie die Familie zusammen, so brachte sie Freude in den Alltag ihrer Lieben.

 

Vielleicht hilft es, sich das Reich Gottes weniger als das zu schreibende Kapitel im Geschichtsbuch vorzustellen, weniger als eine zukünftig historische Größe,

sondern vielmehr als eine qualitative.

 

Am „wie“ des Lebens, an der Art unseres Miteinanders wird die Nähe Gottes ablesbar.

 

Darum suchen wir an der falschen Stellen, wenn wir auf ein eigenes Reich schauen. Es ist mitten unter uns, das was uns Gott von seiner Welt hier zur Verfügung stellt: die Liebe nämlich.

 

Irmgard hat viel geliebt. Und es gehört zur Gerechtigkeit, dass ihre Kinder und Enkel ihr etwas davon zurückgeben durften. Dass sie es geben durften in einer Zeit, in der Irmgard nicht mehr gut konnte.

 

Ich lernte sie 2007 in Farschweiler kennen, als sie bei ihrer Enkelin direkt neben dem Kängurugehege lebte. Ihre Offenheit und ihren Witz schätzte ich. Sie erzählte, wie sie es schätzte, direkt neben den Tieren zu leben.

Dann fand ich sie 2013 wieder im Waldracher Neubaugebiet. Damals war sie körperlich schon angeschlagen. Ihren Geburtstag musste sie wegen Darmblutungen im Ehranger Krankenhaus verbringen.

Ihre letzten beiden Lebensjahre war sie dann eben in der Situation, in der sie die Nehmende und ihre geliebte Familie die Gebende war.

 

Sie war eine große Frau. Familienmittelpunkt und aufrechte Persönlichkeit. Bescheiden und auf die Leistungen der Ihren stolz. Babysitterin der Enkel und Geschichtsbuch für die Spätgeborenen. Zeitzeuge der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus, des Wiederaufbaus. Optimistischer Wegbegleiter der heutigen Generation.

Nun ist sie am 11. Dezember gestorben.

 

Darum dürfen wir der Trauer Recht geben, aber sie behält nicht das letzte Wort. Die Liebe ist stärker. Sie will von uns mit hinüber genommen werden in jeden Tag. Denn heute zeigt sich, ob ich im Vergangenen gefangen bin oder ob ich lebendig gemacht bin und der Liebe ein Wort, eine Geste, eine Zuwendung leihe, die sie heute leuchten lässt.

 

So wird unsere Welt hier offener. Eine Stadt gleichsam, deren Tore nicht verschlossen werden müssen. Sie hat solche Maßnahmen nicht nötig.

 

Sie will von uns mit hinüber genommen werden in die Wirklichkeit, in der wir ganz in der Gegenwart Gottes sind. Weniger ist uns nicht verheißen.

 

Mögen Irmgard nun die Augen übergehen, wenn sie direkt vor Gottes Licht und Liebe steht und sie das himmlische Jerusalem schaut. Möge sie im besten Sinne erstaunt sein und sich angenommen wissen in seiner Nähe.

 

Amen

die Krippe am Fuß der Himmelsleiter

Ansprache Heilig Abend 2017 Grünhaus 18.00

 

Mir ist, als ob die Verbindung vom Menschen zu Gott am heutigen Tag geerdet wird. Gott wird Mensch, sagen wir und erzählen dazu Geschichten. Zwei von ihnen sollen heute im Mittelpunkt stehen, die genau das erstmalig belegen: dass die Verbindung zwischen Himmel und Erde geerdet wird, Gott seinen Fuß auf die Erde bekommt.

 

Lesung: Gen 28, 12

 

Hier steht sie nun, die Himmelsleiter. Mit ihren Füßen kratzt sie im Heu des Stallbodens. Dort, wo am Ende der Verbundenheit ein Kind liegt. Wie eine Nabelschnur verweist diese Leiter auf das Glück an ihrem Ende. Ein Menschlein, ein Gotteskind zugleich. Ein Menschenkind, das ein Gottesgeschenk ist wie jeder neugeborene Mensch.

 

Und unübersehbar ist da diese Leiter. Nicht nur ein Ausrufezeichen, das auf seine Füße schaut, und auf das, was dort im Stroh des Stalles liegt.

Sondern mehr als ein Wegweiser, als Klettergerüst ein Weg selbst. Als dieser Weg ein Symbol für menschliche Sehnsucht. Platt ausgedrückt: die, in den Himmel zu kommen.

Jakob wollte hoch hinaus. Es war ihm lebensstreckenweise egal wie. Hauptsache Karriere machen. In den Genuss der Erbschaft seines Vaters zu kommen, sie einzusacken – und sei es auf Kosten seines erstgeborenen Bruders.

 

Auf der Flucht vor dem Düpierten ist er, als er diesen Traum von der Himmelsleiter hat.

In Zeiten der Verfolgung, der Not, des ungenügenden Provisoriums sind Fantasien besonders nah. Sind Tag- und auch Nachtträume besonders einprägsam und aussagewillig, sie kompensieren, weil sie von Besserung der Umstände sprechen und vom Gelingen und gutem Ausgang. Sie malen dem flüchtigen Jakob Bilder von besseren Zeiten. Er vernimmt dazu sogar Gottes Versprechen.

Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, seine Situation ist selbst verschuldet. Und Jakob weiß das. Er ist ein Schlitzohr.

Am Ende seines Lebens wird er hinken. Diesen Schlag ins eigene Kontor symbolisiert der beim Ringen um Anstand und Behauptung eingesteckte Hieb eines Engels auf seine Hüfte, wie die Bibel ausgiebig jene Szene beim Überschreiten einer Grenze, des Jabbokflusses, ausgestaltet. Seitdem ist dieses Hinken Bild seines Pferdefußes, sein Schatten. Er steht für sein menschliches Ego, das meint auf Kosten anderer leben zu können.

 

Wer das kennt, wer diese innere Stimme schon in seinem Leben vernommen hat, der weiß, dass Jakob diese Leiter nicht nur als Hotline zum Himmel versteht, dass sie Inbegriff der Verbindung von der Erde nach oben ist,

sondern dass sie sein Wesen ausdrückt. Seine Sehnsucht, selbst an ihr hinauf zu klettern, aufzusteigen in der Gesellschaft, empor zu kommen, hoch hinaus zu gelangen.

Jakob, der Emporkömmling, fühlt sich von den Möglichkeiten dieser Stiege angezogen.

 

Ganz anders der Mensch, um den es am Fußes dieses symbolischen Ausrufezeichens heute geht. Der Mann aus Nazareth wollte nicht hoch hinaus. Er spürte diese Verbindungsleiter in seinem Herzen, er sprach und handelte aus der Verbundenheit zum Himmel. Er trug diese gelebte Verbindung in sich, in seinem Herzen.

Hoch hinaus wollen die, die nicht genug Liebe, Erdung, Anerkennung bekommen haben. Einfühlsam wusste Jesus um diese Ursachen bei Emporkömmlingen, um die Sehnsüchte eines jeden Gernegroß. Und gab denen beidhändig aus seiner eigenen Fülle und Einsicht.

 

Weil er genug Liebe in sich hatte, musste er nicht hoch hinaus.

Aber hoch gehängt haben sie ihn dann, weil sein Anspruch als Zumutung, als Aufdeckung empfunden wurde, schwer zu ertragen von denen, die sich das Aufglänzen des Himmels auf Erden ganz anders vorstellen.

 

Doch zu den Anfängen. „Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum ist völlig unverständlich; man sollte lachen, fröhlich sein, den ER erschein doch endlich!“ dichtet Heinz Erhardt, spitzt die Füße dieser Leiter an, die verweist auf jenes Menschlein, das an der Quelle all der Freude, des Genügens und der Fülle liegt, der Anfang einer anderen Art zu leben ist. Der, weil voller Liebe, selbst zum Quellpunkt einer neuen Menschlichkeit werden möchte.

Speisungswunder und das Zeichen der Hochzeit zu Kanaan, aus Wasser Wein zu wandeln, sprechen davon, dass Menschen in seiner Gegenwart ihn auch als solchen Brunnen verstanden haben, aus ihm geschöpft haben, als sie erschöpft waren.

Das ändert das Leben, das verändert Haltung und Ansichten. Man beachte: diese Scheunenleiter ist ein Stück Stall. Dieser Ort im Licht göttlicher Gegenwart. Wie schon am oberen Ende der Jakobsleiter Gott selbst erscheint und dadurch der Standpunkt dieser Engelsstiege zum heiligen Ort wird, von Jakob Bethel genannt, Haus Gottes,

so wollen auch wir nicht überhören, wie beides zusammen kommt: der schlichte Standort dieser zwei Stangen, ein Stall, eine Scheune und das Heil der Welt.

An diesen unprätentiösen Ort will Gott den Menschen als abhängiges empfindliches Wesen gelegt wissen. Zum Zeichen, wie empfindlich wir eigentlich sind, abhängig von Zuwendung und Miteinander, zum Zeichen der Zartheit, Schlichtheit seines Reiches.

Kein Gedröhn von Stiefeln, kein nationaler Größenwahn, kein groß-raus-Kommen, weder Revanchismus noch Rassenglaube.

Dieser kleine Wurm ist noch nicht aus den Windeln, da beginnen für ihn Verfolgung und Flucht. Fluchtgeschichten stehen am Anfang der Heiligen Schrift mit der eines ganzen Volkes aus Ägypten und enden damit, dass Josef und Maria mit eben diesem Neugeborenen auf die Flucht nach Ägypten gehen. Das berichtet von dem Schicksal des Menschen jenseits des Paradieses, vom Ohmen des Irdischen.

Und stellt hier mit dem Winzling im Stroh die Sehnsucht nach gelingendem Leben in Frieden in den Vordergrund. Er liegt am Fuße der Leiter, d.h. doch, hier ist der Himmel auf Erden gekommen. Hier ist Gott in der Welt. Gott mit seinem alternativen Modell zu unserer Art des Umgangs miteinander. All die Nachrichten vom Gräuel der Vertreibung sollen verstummen angesichts der Verheißung dieser Nacht. Hier liegt und lebt der Held, nach dem keine Nationalhelden mehr eine Rolle spielen müssten, Herodesfürsten ausgespielt haben, keine Völkerscharen mehr das Land ihrer Mütter und Väter verlassen und ein „Land der Knechtschaft“ Fremdwort geworden ist.

 

Das ist alles mehr als Mindestlohn, Klassenlosigkeit, Kastenüberwindung, interreligiöse Anerkennung, sauberes Wasser für alle und genug zu essen. Es ist uns ganz nah, weil es bei uns selbst beginnt. Denn dieser Leiterfuß auf dem Stallboden und ein Gotteskind auf dem Erdboden machen für mich und dich spürbar, dass das Reich Gottes hier in Grünhaus, hier in Trier, hier in Rheinland-Pfalz buchstabiert werden will. Immer wo das gelingt ist Weihnachten Wirklichkeit.

Denn schon von Urväterzeiten an setzt der Traum vom Himmel den Maßstab der wahren Menschlichkeit. Sie ist das Maß des Himmels für diese Erde. Weihnachten und in den dreiunddreißig Jahren danach ist es uns in diesen Erdboden konkret eingraviert worden. Mit einfachen Mitteln, auf einfachen Boden, für einfache Menschen. Aber nicht weniger als das Maß des Himmels für die Erde. Amen